50 – und nu?

Das hätte sein sollen – und es wird kommen. Einfach länger darauf freuen …

Nun ist es also passiert: Vorgestern bin ich 50 geworden. Corona sei dank ist dieser Tag natürlich ganz anders abgelaufen, als er geplant war. Eigentlich hatte ich mit meiner lieben Schwester auf Borkum sein wollen, mit Sektfrühstück, Erdbeerkuchen im Sonnenschein und abends einem Fischgericht und Meerblick. Nun ja, zumindest den Erdbeerkuchen hatte ich, leidlich Sonnenschein auch und vom Balkon aus habe ich immerhin Blick auf den Frankfurter Stadtwald. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben – soweit also erst mal alles gut.

Was mich aber nach wie vor in tiefe Verwirrung stürzt, ist diese beeindruckende Zahl 50. In Buchstaben: Fümpfzich. Unglaublich. 50, das waren doch die Leute, mit denen meine Eltern Karten spielten und kegeln gingen. Das waren die, die abends zu Besuch kamen, die Herren mit gutem Hemd und Schlips, die Damen mit Glanzbluse und Perlenkette über dem wogenden Dekolltee. Später, als sie alle noch älter waren, wurden sie lässiger, da trugen sie auch zu Feierlichkeiten schon mal ein Polohemd, aber mit 50 waren sie noch höchst seriös. Bin ich auch so?

Natürlich hat sich im Laufe der Jahrzehnte viel verändert, ich lebe ganz anders, als meine Eltern es taten. Wenn sie Besuch bekamen, kam das gute Geschirr auf den mit einer weißen Tischdecke bedeckten Tisch, meine Mutter hat stundenlang gekocht und geriet in Stress, wenn die Gäste zu früh kamen und sie nicht fertig war. Ich selber besitze gar keine Tischdecke, weil ich die nicht leiden mag, und „gutes Geschirr“ habe ich auch nicht. Wenn mehr als vier Gäste kommen, wird gestückelt, weil ich nur fünf Essteller habe, aber da es bei meinen Gästen größtenteils nicht anders aussieht, stört sich da keiner dran. Oft kochen wir gemeinsam und fischen das Gekochte der Einfachheit halber einfach aus dem Topf statt aus Schüsseln. Ob das überall so ist? Oder wird das nur in meiner ganz speziellen Blase so gehandhabt? Ich weiß es nicht, aber eigentlich ist es auch egal, denn für mich ist es richtig so.

Dekoration zum 50. Geburtstag

Mit 50 kamen die Leute mir früher unglaublich alt vor. Ich erinnere mich daran, wie die Mutter einer Spielkameradin 40 wurde: Schon sie war eine umständliche alte Frau. „Aus den besten Jahren ist sie raus“, beschrieb ich als Grundschülerin die neue Lehrerin. So lange, wie sie noch unterrichtet hat, kann die damals erst Anfang 40 gewesen sein, dieses uralte Hutzelweiblein. Das lag sicher an der besonderen Wahrnehmung eines Kindes. Ich glaube aber auch, dass in den 70er Jahren noch viele Dinge so anders waren, dass die Leute einfach früher alterten. Die äußere Erscheinung wurde viel mehr als heute von Tradition und Rollenbild bestimmt. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass meine Mutter immer darauf beharrte, keine Jeans tragen zu können. Sie meinte, sie sei zu dick dazu, außerdem sei sie für Jeans zu alt. Als sie das verkündete, war sie noch keine 40 und kleidete sich bevorzugt in Faltenröcke, so richtig brutale Dinger aus dickem, dunklem Stoff. Je älter sie wurde, desto jugendlicher kleidete sie sich. Ähnlich war es bei meinem Vater, der mit 50 älter aussah als mit 70, was sicher auch daran lag, dass er jahrelang sehr viel gearbeitet hat und man das seinen müden Augen irgendwann ansah.

Bei der Arbeit merke ich natürlich auch, dass ich älter werde: Immer öfter gehöre ich bei irgendwelchen Meetings zu den Älteren und in meiner Abteilung bin ich sogar die Älteste. Unsere Praktikantinnen könnten inzwischen locker meine Töchter sein und ich ertappe mich immer öfter bei Gedanken, für die ich vor zwanzig Jahren die älteren Kollegen mit verächtlichen Blicken gestraft habe, wenn sie es denn gewagt haben, derartiges auszusprechen. Etwa sowas wie: „Das haben wir doch schon drei Mal gehabt, das hieß nur anders“ oder „Das hat vor zehn Jahren schon nicht geklappt, das wird heute nicht anders sein“. Ich versuche ja immer, so etwas für mich zu behalten, denn zum einen will ich nicht immer als Piesepampel dastehen, zum anderen weiß ich ja, dass die Zeiten sich ändern und dass etwas, was vor 10 Jahren nicht und nur holprig funktioniert hat, inzwischen durchaus besser laufen kann. Wie schnell sich Dinge entwickeln, sehen wir ja derzeit: Wer hätte denn vor drei Jahren damit gerechnet, dass Großteile der Bevölkerung plötzlich im Homeoffice arbeiten, und dass das zumindest technisch auch weitgehen gut funktioniert? Ich nicht, das gebe ich zu.

Es gibt also durchaus noch Dinge zu lernen mit 50, und ich habe auch noch allerhand vor. Ich muss noch die ganzen Romane schreiben, die ich im Kopf habe, will häkeln lernen und irgendwann ein Haustier haben. Ich habe noch nicht alles gesehen, was mir interessant erscheint und denke, dass ich bestimmt noch das eine oder andere Talent in mir habe, das noch entdeckt werden muss.

Und ich musste gestern schon feststellen, dass ich mich zumindest auf einem Gebiet mit 50 nicht anders verhalte als mit 49 oder 29: Noch immer prokrastiniere ich alles, was mit Haushaltsarbeit zu tun hat. Mir ist nämlich beim Kochen meines Geburtstagsessens eine fast volle Glasflasche mit Pflanzenöl auf den Küchenfliesen zerscheppert. Natürlich habe ich die größte Schweinerei sofort weggemacht, es sollte ja nicht alles unter die Einbauküche laufen. Aber richtig sauber war die Küche danach nicht. Das Putzen wurde also auf den nächsten Tag verschoben, stürzte mich am Morgen in meine ganz persönliche Ölkrise und wurde aufgeschoben bis zum späten Nachmittag. Inzwischen ist es erledigt, es half ja nichts. Aber die richtig gute Hausfrau, die meine Eltern gerne aus mir gemacht hätten, die wird nicht mehr aus mir. Und das ist gut so.

26 Kommentare zu “50 – und nu?

  1. Ach, 50 – fast ein Viertel Jahrhundert vorbei. An den Geburtstag habe ich keine nachhaltigen Erinnerungen. Meine „Meilensteine“ waren:
    1. als ich einen Chef bekam, der jünger war als ich (da war ich 47. Das Ereignis wurde aber bald verdrängt, als ich innerhalb von 2,5 Jahren elf verschiedene Chef hatte, einen drei Tage lang – während sich mein Job nur marginal geändert hat)
    2. als ich 60 wurde und mir bewusst wurde, dass mein Arbeitsleben innerhalb der nächsten Jahre enden würde. Eine große Veränderung bevorstand.
    Nun, mit 73 mache ich mir keine großen Gedanken mehr, lebe nach dem Motto „Carpe diem“ und hoffe nur, dass ich noch viele Tage gesund erlebe.

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  2. Ganz herzliche Glückwünsche, liebe Meike.
    Ich verrate Dir ein Geheimnis: Aus eigener Erfahrung weiß ich, es gibt Dinge, die sind schlimmer als 50 Jahre jung zu werden. Aber fünfzig, fand ich auch blöd. Da hat man noch sooo viele Jahre bis zur Rente. 60 ist da günstiger, allerdings knackt es da richtig laut im Gebälk. Was ist schöner? Genieß die Jugend!!!
    „Gute Hausfrau“ ist langweilig oder anstrengend, je nach Blickwinkel. Zusammengestückeltes Geschirr ist viel interessanter als weiße Tischdecke. Die hat garantiert 3 Sekunden später den ersten Kaffeefleck. Auf der Tischplatte kanste den einfach mit dem Ärmel wegwischen.
    Lass es Dir gutgehen, bleib gesund!
    Liebe Grüße
    Rainer

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    • Vielen Dank, Ines. Ich bin froh, dass noch mehr Menschen so rudimentär ausgestattet snd wie ich – und dabei habve ich schon immer das Gefühl, ich habe viel zu viel von allem. Aber wenn ich das mit den Geschirrschrank-Inhalten meiner Eltern vergleiche, reise ich echt mit leichtem Gepäck.

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  3. Herzlichen Glückwunsch nachträglich, liebe Meike.
    Häkeln ist nicht so schwer, wie es scheint. Und macht Spaß. Probier es ruhig.
    Ich freu mich schon auf deine zukünftigen Romane.
    LG von TAC

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  4. Happy Birthday und willkommen im Club! Hat gar nicht weh getan, oder?
    Mir geht es wie Dir. Ich kann gar nicht fassen, dass ich so alt bin, mich aber im Grunde gar nicht mit dieser Zahl identifizieren kann….klar merke ich an meiner Haut, dass die knackigen Jahre endgültig vorbei sind, aber wenn ich bei „Bares für Rares“ mal Leute in meinem Alter sehe, dann denke ich nur: um Himmels Willen sehen die alt aus….und was meine Mutter betrifft, geht es mir wie Dir….
    Fakt ist: wir sind anders.
    Das einzige, was ich vorsichtshalber tue ist, das Eigenbild in meinem Kopf mit dem im Spiegel zu vergleichen, um nicht aus Versehen bauchfrei aus dem Haus zu gehen 😉
    Genieß es.
    LG Nicole

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  5. Herzlichen Glückwunsch nachträglich. Bei mir isses nun mehr als ein Jahr her und ich kann mich immer noch nicht an die große Zahl gewöhnen. Total abstrakt. Man hat ja auch so ein natürliches Alter, finde ich. Eins das am besten zu einem passt. Eigentlich sollte man dabei bleiben. Alles Gute aber trotzdem. Und auf die nächsten 17 Jahre!

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