Fässer, Flaschen, Gärung und Sekt

Gestrn Abend war ich mit Freundin Frauke mal wieder in Sachen „Bildung und Kultur“ unterwegs. Soll heißen, wir hatten über die Frankfurter Stadtevents eine Führung bei der Sektkellerei Henkell mit Kostproben und Häppchen gebucht. Schon die Eingangshalle nebst Kronleuchter beeindruckten mich sehr.

Wir lernten, dass dieses historische Gebäude zwar früher die Produktion und alle anderen Firmenräume beherbergt hatte, es aber nie der Wohnsitz der Familie war. Vielmehr diente es repräsentativen Zwecken – man wollte also beeindrucken. Heute finden in dieser Eingangshalle noch Konzerte und Feste statt, auch kennt man sie aus diversen Werbespots, von denen wir später einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekamen.

Von der Eingangshalle aus ging es sieben Stockwerke nach unten in den Keller. Hier gab es Einiges zu sehen, vor allem aber: Fässer.

Weinfass, Sektkellerei Henkell

Obiges Fass ist nur eines von Vielen, und es ist ein kleines Fass – also ein Fässchen. Weiter hinten kamen welche, die über 200.000 Liter fassen sollten, und auch diese waren nach Aussage unserer Begleiterin klein im Vergleich zu denen, die aktuell in der Produktion benutzt werden. Die Produktion ist inzwischen in ein moderneres Nebengebäude umgezogen, doch noch immer sind die Fässer im alten Keller einsatzbereit, um hin und wieder einen kleinen Schoppen Wein zwischenzulagern. Alles intakt und lebensmittelhygienisch einwandfrei, versicherte man uns, wobei ich zugeben muss, dass ich über diese Frage bis dahin gar nicht nachgedacht hatte.

Gang mit Fässern

Wie bekamen allerhand über die Produktion von Sekt zu hören: Z. B. dass in einem Sekt teilweise 55 verschiedene Weine enthalten sein können, um einen gleichbleibenden Geschmack hinfummeln zu können. Wir hörten von Jahrgangs- und Rebsortensekt, Anbaugebieten und Herstellmethoden. Besonders auf die Unterschiede der Flaschen- und Fassgärung wurden wir immer wieder hingewiesen, außerdem auf die verschiedenen Zuckergehalte der verschiedenen Erzeugnisse.

Modell zur Erläuterung von Flaschengärung

Auch einen kleinen Blick in die Produktin durften wir werfen, hier sahen wir massenweise Flaschen mit melodischem Klirren über Bänder rattern. Dieser Teil war jedoch kurz und weniger interessant, ausßerdem durfte man nicht fotografieren.

Zum Schluss gab es noch einige Sektsorten zu probieren: Wir bekamen einen spanischen Cava, einen Champagner sowie einen Prosecco. Dabei sollten wir jeweils herausfinden, wie viel Zucker dieses Produkt wohl noch hat (darin war ich schlecht) sowie anhand des „Perlenspiels“ beurteilen, ob es sich um eine Flaschen- oder Fassgärung handelt (darin war ich noch schlechter). Ich fand nur heraus, dass mir der verhältnismäßig günstige Prosecco am besten und der teure Champagner am wenigsten schmeckte – auch eine Erkenntnis. Den als „Mitgebsel“ erhaltenen Piccolo mit deutschem Sekt habe ich bislang noch nicht probiert.

Historische Weinkelche

Alles in allem waren es kurzweilige und lehrreiche zwei Stunden, die mit 15 Euro nicht zu teuer bezahlt waren. Ich trinke zwar noch immer lieber Wein als Sekt, aber das Abschlagen eines Flaschenhalses mit einem Schwert würde ich trotzdem gerne mal ausprobieren.

Der Hammer-Mann

Mit bildender Kunst kann ich zugegebenermaßen zumeist nichts anfangen. Ein schön hingepinseltes Bild gefällt mir je nach Motiv mal mehr, mal weniger gut, über die Aussage, so denn vorhanden, denke ich nach traumatischen Erlebnissen im Gymnasium ungern nach. Auch weitere Analysen stelle ich nicht an – was interessiert mich ein „Fluchtpunkt“ drei Meter außerhalb des Bildes?

Auch Skulpturen befremden mich zumeist eher, als dass sie mich erfreuen. Oft muss ich bei derartigen Machwerken an meinen Schwager denken, der bei Kunst oder Schmuck gerne von „gedengeltem Altmetall“ spricht. Und für Installationen bin ich zu tumb. Bestenfalls amüsieren sie mich (wie die „Tiere im Hotel“), zumeist aber lassen sie mich verständnislos gucken. Das kann ich überhaupt besonders gut.

Etwas anders verhält es sich für mich jedoch mit dem „Hammer-Mann“, einer riesigen Metallfigur, die nahe der Frankfurter Messe im Zeitlupentempo einen Hammer schwingt. Aus irgendeinem Grund finde ich den schön, ästhetisch und gut gelungen. Ich schaue ihn gerne an. Ich gucke, wie der Mann sich gegen den Himmel abhebt und wie der Hammer laaaangsam rauf und runter geht, ohne jemals wirklich auf ein Werkstück zu treffen. Ich mag das Ding. Gestern Abend, als ich mal wieder daran vorbeilief, hatte ich Gelegenheit, ihm eine Weile beim Hämmern zuzugucken.

Der „Hammering Man“ in Frankfurt ist eine von mehreren weltweit verteilten Hammer-Männern des Künstlers Jonathan Borofsky. Die Statue in Frankfurt ist mit 21,5 Metern Höhe eine der größten. Und eine Aussage haben die Hammermänner laut Wikipedia auch:

„Das Kunstwerk gilt als Symbol für die Arbeit, die Tat und auch als Symbol für die Solidarität mit allen Menschen, die arbeiten.“

Ja, gut, damit kann ich etwas anfangen. Zumindest mehr, als mit den meisten anderen künstlerischen Bedeutungen, die mir schon begegneten. Bei einer flüchtigen Netzrecherche durfte ich allerdings feststellen, dass es durchaus auch andere Einstellungen meinem geliebten Hammer-Mann gegenüber gibt:

Die 7-Kräuter-Lesung: Schnittlauch

Grüne Soße

Grüne Soße mit Kartoffeln und Eiern – Frankfurts Nationalgericht. Bild zur Verfügung gestellt von Antje Witgen.

Wie schon berichtet, durfte ich am Samstag an der 7-Kräuter-Lesung der ARS Autorengruppe teilnehmen. Die fand in Frankfurt-Oberrad im Lokal Grüne Soße und Mehr statt, wo Kai und sein Team mal wieder mit viel Schwung und guter Stimmung dafür sorgten, dass es allen – Autoren und Zuhörern – so richtig gutging. Damit hatten sie allerhand zu tun, denn die Hütte war voll – toll!

Jeder von uns hatte ein Kräutlein aus der grünen Soße zugeteilt bekommen und durfte dazu ganz frei eine Geschichte erfinden. Was gab es nicht alles für unterschiedliche Erzählungen: Von der Petersilie auf dem Mars über die skorbutverhindernde Wirkung von Sauerampfer bis hin zu einem Kresseherz war alles dabei. Auch einen traurigen Waschbären gab es, ein ältliches Fräulein mit einem Koffer voller Geld und einen Parforceritt durch die Grimmsche Märchenwelt, bei dem der Kerbel zum allgemeinen Gaudium breitestes Hessisch sprach.

Ich hatte den Schnittlauch und entschied mich für eine Art Liebesgeschichte. Muss auch mal sein. Sie hat den dramatschen Titel:

Der Schnittlauch war ihr Schicksal

Lesung, Meike Möhle

Lesung in der Grünen Soße – aufgenommen von Susanne Reichert

Schneckenfraß im 3. Stock – konnte das wirklich sein? Ungläubig sah Anja auf ihre Balkonpflanzen, die aussahen, als sei ein ganzes Bataillon gieriger, schleimiger Schädlinge darüber hergefallen. Alle waren hinüber – bis auf der Schnittlauch. Der stand aufrecht wie immer, ein großes grünes Büschel mit einigen lila Blüten. Die anderen Kräutertöpfe konnte sie wohl wegschmeißen, und die zwei Hängeschalen mit den Frühjahrsblumen sahen ebenfalls trist aus. Nun ja, genau genommen wirkten die, als hätte sie sie versehentlich mit Essigessenz gegossen. Das schloss sie zwar aus, nahm aber an, dass sie trotzdem für das Siechtum auf ihrem Balkon verantwortlich war. Anja hatte keinen grünen Daumen, hatte noch nie einen gehabt. Alles, was bei ihr wuchs, war Schnittlauch. Sowohl auf dem Balkon, als auch auf ihrem Kopf. Früher fand sie das ungerecht.

„Anja hat Schnittlauchlocken!“, hatte ihre große Schwester Simone immer gelästert und dabei abfällig mit dem Finger auf das dünne, glatte Haar ihrer Schwester gezeigt.

„Ach, das wächst sich aus und wird noch fester“, hatte die Mutter tröstend gemeint und Bruder Bernd hatte irgendwann wenig sensibel vorgeschlagen, Anja könne sich ja eine Zweitfrisur im Kaufhof besorgen, diese einfach überstülpen und fertig sei die Laube.

Anja hatten diese Neckereien immer frustriert, denn sie stammte aus einer Familie, in der alle – wirklich alle von der Oma bis zum Hund – festes Haar und zumindest Wellen, wenn nicht sogar Locken hatten. Nur sie hatte diese weichen, flaumigen Haare, die sie in ihrer Jugend mit Hilfe von allerlei Chemie in Form zu bringen versuchte. „Volumen“ lautete das Zauberwort, Volumen war das, was eine jede Frau sich nicht nur wünschte, sondern auch dringend brauchte. „Spannkraft im Haar“ versprach die Werbung, doch egal, was Anja probierte, ihre Haare zeigten immer nur ganz entspannt nach unten. Fönwellen hielten zwei Stunden, Wasserwellen zwei Tage und die teuren Dauerwellen zwei Wochen. Irgendwann entschloss sie sich für die Atombombe und ließ einen Minipli machen: Das war eine dieser kleinkringeligen Dauerwellen, die wirkten, als hätte man einen gehäkelten Kaffeewärmer auf dem Kopf. Zum Gaudium ihrer Geschwister sah die damals 17-jährige Anja damit eine Woche lang aus wie Bernhard Brink und die nächsten zwei Wochen immerhin noch wie Rudi Völler. Danach sank die Pracht in sich zusammen und erinnerte an braunes Sauerkraut.

Seit einigen Jahren jedoch hatte Anja sich mit ihren Haaren abgefunden. Sie war zufrieden, denn wenn sie vor dem Spiegel stand, sah sie eine durchaus attraktive Frau. Sie war schlank, aber weiblich geformt, hatte auch jenseits der vierzig nur einige wenige Fältchen im Gesicht und das Haar war – wenn auch dünn – noch immer kastanienbraun. Zusammen mit ihren grünen Augen und den hübschen kleinen Sommersprossen gab das ein harmonisches Bild, und Anja hatte aufgehört, den Idealen aus der Werbung hinterherzulaufen. Sie mochte sich und ihr Leben. Ihr Beruf machte Spaß, die Wohnung war schön und sie hatte einen tollen Freundeskreis. Gut, ein bisschen mehr Talent beim Gärtnern wäre noch nett gewesen, aber alles konnte man halt nicht haben.

Was Anja nicht vermisste, war eine Familie. Ein paar Mal hatte sie einen Freund gehabt, einer hatte sie sogar heiraten wollen. Aber Anja war nicht zu überzeugen gewesen, und spätestens dann, wenn das Gespräch auf Kinder kam, hatte sie immer einen Rückzieher gemacht. Sie wollte keine Kinder, konnte sich nicht vorstellen, die Mutterrolle auszufüllen. Und so hatte sie es sich als Single gemütlich eingerichtet.

Ihre Schwester war da ganz anders: Simone hatte zwei inzwischen fast erwachsene Kinder und war nach ihrer Scheidung eifrig darum bemüht, möglichst schnell einen neuen Freund zu finden. Partnerbörsen, Speeddatings – nichts war vor ihrer energiegeladenen Suche sicher. Sie war eine Jägerin, unermüdlich und gnadenlos. Und bei einer dieser Aktivitäten fand sie Peter.

„Hier, Anja, guck mal der – da musst du unbedingt hinschreiben!“ Simone schob Anja ihr Tablet rüber, auf dem das Profil eines Mannes angezeigt wurde.

„Hmmm, ich, wieso ich? Du suchst doch jemanden, schreib du ihn doch an, wenn er so toll ist.“

Simone schüttelte den Kopf und schubste das Tablet noch ein Stück weiter über den Kaffeetisch in ihrer Küche. „Nein, der ist nicht toll, für mich jedenfalls nicht. Aber guck doch mal, wie der sich beschreibt!“

Anja schielte mit einem Auge auf das Profil, das leider kein Foto enthielt. Peter, 45, Angestellter, geschieden, stand da zu lesen. Größe normal, Figur normal, Augen blau, Haare: vertrockneter Schnittlauch. Anja musste lachen. Dieser Peter schien so ziemlich der langweiligste Mensch der Welt zu sein, aber anscheinend hatte er einen gewissen Humor. Wie er mit dieser öden Beschreibung allerdings eine Partnerin finden wollte, war ihr schleierhaft.

„Komm, schreib‘ da mal hin, nur aus Spaß!“ Simone war nicht zu bremsen. Anja sah sie zweifelnd an.

„Wozu soll das gut sein? Ich suche keinen Partner, und schon gar nicht so einen lahmen Vogel. Warum soll ich ihm was Anderes vorgaukeln?“

Simone zuckte die Schultern. „Ach komm, der arme Tropf kriegt bestimmt nie Zuschriften. Er freut sich sicher über jede Nachricht. Und wer weiß, vielleicht ist er ganz nett. Du suchst doch immer Kumpel für Spieleabende und zum Joggen – zumindest laufen wird er ja wohl können.“

Anja seufzte. Wenn ihre Schwester sich was in den Kopf gesetzt hatte, war sie wirklich unerträglich. Gegen ihre Überzeugung zog Anja das Tablet zu sich heran, öffnete eine Nachricht und schrieb, ohne lange nachzudenken:

„Brauner Schnittlauch grüßt vertrockneten Schnittlauch! Wenn du keine Familie gründen willst, sondern Spaß an gemeinsamen Aktivitäten hast, kannst du dich gerne mal melden.“

Sie schloss mit ihrer E-Mailadresse, fest davon überzeugt, dass selbst der einsamste Mann der Welt sich auf so eine trockene Anmache hin nicht melden würde. Simone rollte verzweifelt mit den Augen. Anja grinste zufrieden und vergaß diesen Peter.

Eine Woche später jedoch musste sie feststellen, dass ein dauerhaftes Vergessen dieses potentiellen Langweilers ihr nicht mehr möglich war. Denn er hatte sich gemeldet, sie hatten einander geschrieben, danach telefoniert und sich schließlich in Anjas Lieblingsbar verabredet. Er war anscheinend nicht ganz so langweilig wie gedacht, sondern wirkte intelligent, hatte Humor, schien interessiert an allem Möglichen zu sein. Seine Stimme klang angenehm und Anja sprach gerne mit ihm. Sie dachte auch gerne an ihn. Viel zu gerne – schließlich suchte sie niemanden. Und doch machte sie sich für ihr Treffen äußerst sorgfältig zurecht, zog das neue Kleid mit den unbequemen Schuhen an und föhnte ihre Haare über Kopf: Zum ersten Mal seit Jahren bemühte sie sich um Volumen. Perfekt aufgerüscht erschien sie überpünktlich am Treffpunkt und sah sich suchend um. Augen blau, Haare vertrocknet, alles andere normal – war er schon hier? Sie bereute, dass sie kein „besonderes Kennzeichen“ ausgemacht hatten, eine Nelke im Knopfloch oder so. Sie hatten auch nicht darüber gesprochen, wie sie jeweils aussahen, nichts außer den glatten Haaren war ein Thema zwischen ihnen gewesen. Es saß jedoch an keinem Tisch ein einzelner Mann, also war Peter wohl noch nicht da. Anja kicherte nervös in sich hinein und wählte schließlich einen Platz aus, von dem sie einen guten Blick zur Tür hatte. Gebannt starrte sie auf den Eingang.

Zuerst erschien ein ältlicher Herr mit schütterem Haar und Schnurrbart. Ihm folgten jedoch zwei noch ältere Damen auf dem Fuße, das war der Falsche. Als nächstes kam ein Jungspund von vielleicht 19 Jahren, der fast über seine viel zu langen Hosenbeine fiel.

Dann kam ein ausgesprochen hübscher Mann mit sehr glatten Haaren in Anjas Blickfeld und ihr stockte für einen Moment der Atem. Doch dieser Mann eilte hinter die Theke und band sich eine Schürze um – der war es auch nicht. Sie riss sich zusammen und atmete aus – der Knabe war glutäugig und schwarzhaarig, passte also überhaupt nicht zu der Beschreibung. Außerdem war er wirklich attraktiv und nicht bloß normal – nur nicht zu viel erwarten! Hoffentlich sah dieser Peter nicht aus wie einer von Bauer sucht Frau. Nochmal rief Anja sich zur Ordnung – wie jemand aussah, sollte nicht ausschlaggeben sein. Verstohlen sah sie auf die Uhr: Er war schon zwei Minuten zu spät. Wenn er in drei Minuten nicht kam, würde sie sich davonmachen.

Der nächste, der hereinkam, entsprach jedoch genau Anjas Vorstellung: Mittelgroß und vollschlank mit einem kleinen Bäuchlein, das kurze, dunkelblonde Haar ordentlich geschnitten und sehr glatt. Er trug Jeans, eine Lederjacke und Sportschuhe. Anja war erleichtert: Dieser Mann war kein Beau, aber auch kein Quasimodo, und er lächelte sie auf eine etwas unsichere Weise sympathisch an. Sie strahlte zurück.

„Anja?“, fragte die ihr vom Telefon bekannte Stimme und sie wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Denn diese Stimme kam nicht von vorne, nicht von dem Mann in der Lederjacke, der jetzt an ihr vorbeilief. Anscheinend gab es einen Hintereingang, und Peter, der wahre Peter, stand direkt neben ihr. Sie schielte aufwärts, sagte „Ja?“ und schwieg dann verwirrt. Denn dieser Mann sah alles andere als normal aus. Er war groß, gut gebaut, mit einem schönen Gesicht. Und er hatte lange, glatte, blonde Haare, die zu einem lässigen Dutt gewickelt waren. Er sah aus wie einer dieser Typen aus der Werbung, die Anja immer so schön und doch so albern fand. Selbst ein gepflegter Hipster-Bart fehlte nicht.

Schnittlauchblüte

Schnittlauchblüte. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Peter setzte sich Anja gegenüber und lächelte sie offen an. Sie hatte das Bedürfnis, etwas Kluges zu sagen: „Das ist wahrscheinlich der längste Schnittlauch, den ich je gesehen habe.“

Er nickte bedächtig. „Wikipedia sagt, Schnittlauch kann bis zu 50 Zentimeter lang werden.“

Damit schien alles gesagt zu sein, sie sahen sich nur an. Anja war verwirrt, sie ertappte sich dabei, wie sie ihr Gegenüber anstarrte wie ein verknallter Teenager einen Popstar. Peter schien frustriert zu sein. Dann aber fing sie sich und fragte: „Hast du als Kind viele Wikingerbücher gelesen?“, und er lächelte.

„Der schreckliche Sven war mein Großvater.“ Damit war das Eis gebrochen und sie nutzten die Zeit zum Kennenlernen, bis spät in der Nacht die Kneipe schloss.

„Gehst du morgen mit mir joggen?“, fragte Anja, als sie sich verabschiedeten, und Peter sah sie fragend an.

„Joggen? Wieso denn das?“

„Naja, laufen wirst du wohl können, meinte meine Schwester.“

Er seufzte. „Ich kann laufen, ja, sogar geradeaus. Aber ich beeile mich nicht gerne. Wollen wir nicht lieber spazieren gehen?“

„Na gut.“

Einige Tage später rief Anja ihre Schwester an. „Simone, ich habe ihn getroffen!“

„Getroffen, wen?  Den Schnittlauch?“

„Ja, den Schnittlauch. Peter. Er ist … hach!“

Simone war verblüfft – so kannte sie ihre Schwester gar nicht. „Anja? Ist alles in Ordnung mit dir? Was ist mit dem Typen?“

Anja kicherte zunächst nur albern. Dann versuchte sie sich an einer Erklärung: „Ja, ich weiß gar nicht, wie ich dir das beschreiben soll: Er ist eigentlich unmöglich. Solche Männer sollte es nicht geben.“

Natürlich wollte Simone mehr wissen und Anja beschrieb Peter als klug, humorvoll, gutaussehend.

„Das klingt doch gut“, meinte ihre Schwester. „Was stört dich denn? Ich kenne dich doch, du hast schon jetzt irgendein Haar in der Suppe gefunden.“

Anja seufzte. „Ja, schon, so ein bisschen. Der ist einfach zu perfekt. Das kann gar nicht gutgehen. Der Kerl ist zu schön, um wahr zu sein.“

Simone wunderte sich. „Was kann denn an einem ganz normalen Typen zu schön sein?“

Anja lachte leicht hysterisch. „Normal. Das hat er in sein Profil geschrieben, normal. Aber der ist alles andere als normal. Gegen den ist jeder jemals gekürte „sexiest man alive“ ein kalter Furz.“

Simone schüttelte den Kopf – das waren vielleicht Luxus-Probleme. Aber als die Ältere von beiden wusste sie Rat: „Nimm es hin und genieße. Oder – noch besser – stelle ihn mir vor und verschwinde.“

„Das kannst du vergessen.“, sagte Anja ungewöhnlich entschieden.

Und so nahm Anja den ersten Rat ihrer Schwester an und genoss die Zeit mit Peter. Nachdem sie sich an sein verwirrendes Äußere gewöhnt hatte, lernte sie ihn von allen Seiten kennen und stellte fest, dass er trotz seines verboten guten Aussehens ein ganz normaler Mann war – einer, der seine kleinen Macken hatte und keine 20 mehr war. Jedes zweite Wochenende betreute er seine beiden Söhne. Dann spielte er mit ihnen Fußball, hatte am nächsten Tag allerlei Zipperlein und klagte zum Steinerweichen. Er verteilte seine langen Haare in Anjas Bad und klaute ihre Haargummis. Und er war ein genauso schlechter Gärtner wie sie, auch sein Balkon war eine triste Steppe.

„Es kann echt nicht wahr sein“, murmelte Anja und wandte sich nachdenklich ihren Balkonpflanzen zu. Sie holte einen Müllsack und begann mit der Entsorgung der biologischen Katastrophe. Während sie arbeitet, hörte sie Peter hereinkommen – er drückte immer einmal kurz auf die Klingel, bevor er aufschloss.

„Ich bin draußen“, rief sie und wartete auf ihr Begrüßungsküsschen. Er enttäuschte sie nicht und sie machte ihn mit ihren erdigen Händen ein wenig schmutzig. Dann ging er wieder hinein und holte ein Mitbringsel für sie.

„Ich denke, wir versuchen es nochmal hiermit“, erklärte er und zeigte ihr, was er ausgesucht hatte. „Du willst es doch grün haben.“

In seinen großen Händen hielt er zwei Töpfe Zierlauch. Sie roch den vertrauten, leicht zwiebeligen Geruch. Ja, das würde gewiss wachsen bei ihr. Wachsen und gedeihen.

Schnittlauch in rauen Mengen. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Kugelexperimente in klein

Wie berichtet, habe ich mir eine kleinere Fotokugel angeschafft. Die 10 cm-Kugel bringt wirklich schöne Ergebnisse, wiegt aber mehr als ein Kilo und ist somit für längere Ausflüge schwer zu tragen. Deshalb habe ich mir eine kleinere Kugel mit nur 6 cm Durchmesser gekauft. Die wiegt nur 400 Gramm und passt in die Jackentasche. Bei unserem Ausflug in den Palmengarten habe ich sie zu ersten Mal ausprobiert.

Ich hatte nicht so viel Gelegenheit, die Kugel auszuprobieren, konnte aber feststellen, dass es mit der kleineren Kugel deutlich schwieriger ist, einen Focus zu finden. Mehr Fotos wurden unscharf. Teilweise schienen die Motive sogar wie in einem wilden Wirbel dargestellt zu sein. Da kann natürlich auch an den Motiven gelegen haben – ein Blütenmeer sieht in der Kugel vielleicht wirklich wie ein Strudel aus.

Einige Fotos entstanden am Schiffchenteich, an den Antje viele Kindheitserinnerungen hatte. Wir haben dieses Mal auf das Schiffchenfahren verzichtet. Aber auch mir ist allerhand zum Thema Tretboot eingefallen – auch wenn es lange her ist, war es doch immer ganz schön. Leider habe ich die Böötchen hier nicht ganz scharf hingekriegt.

Frankfurter Liebe

Heute gibt es bei mir mal wieder eine etwas längere Geschichte. Geschrieben wurde sie für eine Lesung zum Thema „Frankfurt“. Sie beschreibt eigentlich ziemlich genau, was mir hier in Frankfurt passiert ist und immer noch passiert. Ich mag diese Stadt einfach ❤

Frankfurter Liebe

Der letzte laue Schluck Apfelwein schmeckte immer ein wenig nach wässrigem Essig. Melanie setzte ihr Glas ab, sah auf den Main und seufzte zufrieden. Sie war angekommen in Frankfurt – so nannte man das wohl. Hier saß sie nun, mit ihrem Mann sowie ihrer Schwester und dem Schwager aus Berlin. Um sie herum tobte das Leben auf dem Flohmarkt am Untermainkai und die Frühlingssonne wärmte ihren Nacken. Sie war zufrieden mit allem, was das Leben ihr aktuell bot.

Apfelwein

Äppler mit Deggelsche

Dabei hatte sie eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben wollen – maximal. Genau genommen hatte sie überhaupt nicht in diese Stadt gewollt, es hatte sie einfach erwischt, so wie so vieles im Leben sie einfach erwischt hatte. Melanie plante nicht, ihr passierten die Dinge einfach. Als es darum ging, eine neue Filiale in Frankfurt zu eröffnen, war sie die Einzige gewesen, die weder Kinder noch pflegebedürftige Angehörige vorweisen konnte. „Das machst du schon, Melanie“, hatte es geheißen. „Dort gibt es ein tolles Team, die brauchen nur ein paar Monate Unterstützung von einem alten Hasen wie dir.“

Na gut, dann also Frankfurt. Melanie, pragmatisch wie immer, kündigte ihre kleine Wohnung in Berlin, lagerte die Möbel ein und den Freund, ein fragwürdiges Subjekt namens Wolfgang, im gleichen Zuge aus. Für was so eine sechsmonatige Abwesenheit doch gut sein konnte. Er war zunächst furchtbar beleidigt, zog jedoch zurück zu seiner Mutter und vergaß Melanie am Sonntag in der gleichen Woche, als er Mamas Gulasch aß – die Welt war wieder in Ordnung. Und für Melanie auch: Sie brauchte es einfach, dass das Leben ihr dann und wann einen kleinen Tritt gab.

An einem regnerischen Freitagabend war sie in Frankfurt angekommen, beladen mit zwei Koffern und einem dicken Rucksack. Ein Taxi hatte sie zu dem möblierten Appartement gebracht, das die Firma für sie gemietet hatte. „Großer Hasenpfad“ hieß die Straße im Stadtteil Sachensenhausen, und schon vom Taxifahrer, einem gesprächigen Mann, der jeden zweiten Satz mit „Ai“, begann, hatte sie erfahren, dass es auch noch einen mittleren und einen letzten Hasenpfad gab. Wie passend für einen alten Hasen wie mich, hatte Melanie gedacht und ein wenig gekichert.

Das Lachen ihr allerdings vergangen, als sie ihr Appartement in Augenschein genommen hatte: „Tristesse“ war ein viel zu farbiger Ausdruck für diese Malaise in grau, beige und braun. Ganz offensichtlich stammte zumindest das Mobiliar aus den 70er Jahren, und auch der abgetretene Fußboden war nicht viel jünger. Vor den Fenstern hingen dicke Stores und Schalgardinen – wann hatte sie sowas zuletzt gesehen? Sie hatte es nicht lassen können und einen der beige-braun gemusterten Vorhänge ein wenig angehoben. Tatsächlich, da war sie: die berühmte Goldkante von Ado. Hier war vor langer Zeit Qualität gekauft worden, und die musste nun 50 Jahre halten.

Natürlich hatte Melanie sich auf Frankfurt vorbereitet – so, wie man das halt so machte. Sie hatte sich einen Reiseführer gekauft und im Nachtprogramm einige unglaublich langweilige Folgen vom Tatort mit dem biederen Kommissar Brinkmann geguckt. Ihre Kollegen schenkten ihr zusätzlich noch einige DVD von „Ein Fall für zwei“ mit dem gemütlichen Anwalt Renz und seinem Partner Matula. Auch das war seeeehr ruhig inszeniert. Wenn es in dieser Stadt dermaßen beschaulich zuging, dachte Melanie, würde sie sich dort mal so richtig erholen können.

Main mit Skyline

Doch schon am nächsten Morgen änderte sich ihr Bild von Frankfurt ein wenig: Sie hatte sich umsehen und frühstücken gehen wollen. Auf den Rat der Hausmeisterin hin, die sie beim Putzen des Treppenhauses vorgefunden hatte, war sie zuerst zum Südbahnhof gelaufen und von dort in die Stadt gefahren. Dann hatte sie sich auf dem quirligen Markt an der Konstabler Wache nach etwas zu essen umgesehen. Was sie irritierte, waren die kleinen karierten Gläser, die fast auf allen Tischen auf dem Markt standen. Wenn sie sich die Informationen aus dem Reiseführer richtig gemerkt hatte, war in dieses Gläsern Apfelwein, aber trank man den schon vormittags? Zur Bratwurst und zur Waffel? Anscheinend passte das Getränk zu allem. Sie wollte es zu versuchen, hatte sich eine Wurst und ein Glas Apfelwein geholt und einen tüchtigen Schluck genommen.

Man kann Melanies allerersten Versuch mit Frankfurter Apfelwein nicht unbedingt als Erfolg bezeichnen, aber immerhin hatte sie es damals geschafft, den unerwartet herben Speierling nicht auszuspucken. Oh Himmel, hatte sie gedacht, was ist das denn für eine Stadt, in der alle Leute dieses Gesöff trinken! Sie würde diese Frankfurter Spezialität erst langsam lieben lernen.

Nicht erst lieben lernen musste sie allerdings den Main, die Skyline und das interessant-skurrile Bild, das die Stadt manchmal bot. Als sie an diesem ersten Wochenende zum ersten Mal über den Eisernen Steg ging, war sie sofort fasziniert von der Aussicht und murmelte unwillkürlich: „Wie schön!“. Auf der einen Seite die Hochhäuser mit ihren blinkenden Fassaden, auf der anderen der Blick auf den Dom, die Dreikönigs-Kirche und das Main-Plaza-Hotel mit seinen goldenen Spitzen. Wenige Tage später fotografierte sie den uralten Eschenheimer Turm, hinter dem sich ein glänzendes Hochhaus abzeichnete. Diese Gegensätze begeisterten sie noch heute.

Blick über die Oberräder Kräuterfelder

Auch die Arbeit in der neu eröffneten Firmenfiliale erwies sich als angenehm: Zwar funktionierte noch nicht viel, als sie ankam, aber alle Kollegen waren mit Feuereifer bei der Sache. Gleich am ersten Freitag zeigte man der Neuen aus Berlin die Gastronomie der Stadt: In einer Apfelweinkneipe mit dem merkwürdigen Namen „Kanonesteppel“ bekam sie das erste Mal grüne Soße zu essen, die ihr im Gegensatz zum faulig riechenden Handkäs hervorragend schmeckte. Später zeigte man ihr Alt-Sachsenhausen, von dessen Fachwerkhäusern sie zunächst begeistert, von der Ballermann-Atmosphäre jedoch abgestoßen war. Der Abend endet in einer Kneipe in der Nähe des Bahnhofs, dem Moseleck, wo sich allerhand bunte Überbleibsel der Nacht trafen und miteinander feierten. Melanie fühlte sich unerwartet wohl.

Am nächsten Morgen erwachte sie neben einem Kollegen, mit dem sie bislang noch kaum zu tun gehabt hatte. Er hieß Mischael, mit dem weischen hessischen sch, das sie so drollig fand. Mischael hatte eine winzige Wohnung in der Mailänder Straße, im elften Stock eines riesigen Wohnsilos. Dass Melanie dieses Appartement später so oft besuchen sollte, lag nicht nur am fantastischen Skylineblick.

Melanie hatte nie eine Beziehung zu einem Kollegen haben wollen, sowas brachte nur Unheil. „Never fuck the company“, lautete ihr Motto. Es war ihre Schwester, die sie schließlich darauf aufmerksam machte, dass ihre Beziehungen außerhalb des Kollegenkreises allesamt auch nicht von Erfolg gekrönt gewesen waren – das Muttersöhnchen Wolfgang war nur einer aus einer ganzen Reihe von Fehlgriffen gewesen. Es hatte noch einen Bernd gegeben, der frei nach der Devise lebte: „Hauptsache gesund und die Frau hat Arbeit.“ Und dann war sie mit Jonas zusammen gewesen, der irgendwann fand, dass er zu jung für sie sei – und dabei war er 12 Jahre älter als sie. Und Thomas, Heiko, Wieslaw … alles Abenteuer, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Agonie endeten. Nun also „Mischael“, der Kollege – na gut.

Blick vom Euro-Tower

Melanie lebte sich ein. Nach wenigen Monaten war sie öfter in der Mailänder Straße als am Hasenpfad, und irgendwann stand der Abschied im Raum. Dabei war ihr Aufenthalt in Frankfurt schon um volle sechs Monate verlängert worden. Sie fühlte sich zerrissen. Sie wollte nicht in Frankfurt bleiben, dass hatte sie doch nie gewollt. Aber eine Fernbeziehung hatte sie auch nie gewollt. Das Einzige, was sie aktuell wirklich gerne loswerden wollte, war diese Läusebude im Hasenpfad. Was also tun?

Wieder war es ihre Schwester, die ihr einen Tritt gab: „Suche dir halt einen neuen Job, wenn du anders nicht bleiben kannst. Es gibt doch genug da!“ Kündigen, etwas Anderes machen? Melanie hatte noch nie woanders gearbeitet. Aber die Schwester hatte recht: Eine neue Stelle würde alle ihre Probleme lösen. Sie ließ sich also überzeugen.

Genau ein Jahr, nachdem Melanie in Frankfurt angekommen war, nahm sie morgens einen anderen Weg zur Arbeit: Sie fuhr nicht mehr in die Bürostadt in Niederrad, sondern ins Bankenviertel, stieg an der Taunusanlage aus und lief den Rest bis zu einem silberglänzenden Bürogebäude, wo sie jetzt bei einer Versicherung arbeitete. Sie lernte unglaublich viel, genoss jeden Tag die Aussicht aus ihrem Büro und merkte, dass ihre Erinnerung an Berlin blasser wurde.

Sie suchte sich eine neue Wohnung. Und ohne, dass sie zuvor lange darüber gesprochen hatten, zog Michael mit ihr dort ein. Wieder war es ein großes Haus, dieses Mal mit Blick auf die Oberräder Kräuterfelder auf der einen und den Stadtwald auf der anderen Seite. Frankfurt war eine grüne Stadt, das hatte sie früher nicht gewusst. Der Stadtwald war so groß, dass man von Offenbach bis zum Flughafen laufen konnte. Und auch andere Stadtteile hatten viel Grün zu bieten: Im Günthersburgpark fand alljährlich ein buntes Kulturfestival statt, das Stoffel, und selbst im Palmengarten gab es ein großes Kulturangebot. Frankfurt und Kultur – auch das hatte sie früher nicht miteinander verbunden.

Schloss Höchst, Frankfurt

Was hatte sie denn überhaupt gewusst, als sie hierherkam, oder was erwartet? Eine Betonwüste, in der man auf jedem Meter über einen am Boden liegenden Junkie oder Bettler stolperte, und dass man beklaut wurde, sobald man das Haus verließ, das war ihre Vorstellung von Frankfurt gewesen. Und ganz von der Hand zu weisen war das natürlich auch nicht: Als sie und Michael gestern am Bahnhof auf den Zug gewartet hatten, der ihre Gäste aus Berlin bringen sollte, waren sie allein am Bahnsteig vier Mal angebettelt worden. Im Untergeschoss des Bahnhofs roch es wie in einem schlecht gepflegten Männerklo und abends vermied Melanie es, am Hauptbahnhof umzusteigen. Längst hatte sie es sich angewöhnt, Handy und Geldbeutel verborgen unter etlichen Schichten Kleidung direkt am Körper zu tragen, und an ihrer Wohnungstür waren zwei Schlösser, die sie beide immer gewissenhaft verriegelten. Nicht alles war schön in Frankfurt, aber wo war es das schon?

Sie hörte, dass jemand energisch ein leeres Apfelweinglas auf den Tisch stellte, und erwachte aus ihren Gedanken. Ihre Schwester war es, die auffordernd in die Runde blickte: „Also ich würde noch einen nehmen. Noch jemand?“ Alle wollten, und so gingen die Schwester und der Schwager gemeinsam los, um nochmal vier große sauer Gespritzte und zwei Brezel zum Teilen zu holen.

Michael grinste Melanie an. „Weißt du, woran ich die ganze Zeit denken muss?“ Sie schüttelte den Kopf. Er zeigte auf den Flohmarktstand direkt hinter der letzten Bierbank. „Der schäbige Sessel da hinten sieht aus wie deiner damals am Hasenpfad. Erinnerst du dich noch an deine schauerliche kleine Wohnung da?“ Sie drehte sich um und fand den Sessel. „Oh ja, stimmt. Drollig – ich habe auch gerade an diese Zeit gedacht. Acht Jahre ist das her, dass ich da eingezogen bin.“ „Ja, und du wolltest nur ein paar Monate bleiben. Vielleicht sollten wir den Sessel kaufen, als Symbol für die Frankfurter Beständigkeit.“ „Untersteh dich, dieses hässliche Teil in unsere Wohnung zu stellen! Der ist selbst für den Keller zu alt. Dann lieber ein paar Ado-Gardinen!“

Jemand setzte ein volles Glas vor Melanie ab, und nach einem kurzen „Prost“ in die Runde nach Melanie den ersten Schluck. Ach ja, kalt war er und so erfrischend säuerlich – was war das doch gut. Inzwischen liebte sie Apfelwein. Nur die hässlichen Bembel dazu, die sie noch immer an den Blauen Bock mit Heinz Schenk erinnerten, die kamen ihr nicht ins Haus.

„Frankfurter Pfännchen“ in der Hesse-Wirtschaft – eine typische Frankfurter Untertreibung

Fundstücke 42 – Das Bild hängt schief

Dieses kleine, liebevoll arrangierte Fundstück begegnete mir im Theater Alte Brücke in Sachsenhausen – einem winzigen Spielort mit nur rund 50 Plätzen, aber abwechlungsreichem Programm. Dachte ich beim ersten Mal noch, das schief hängende Bild sei Zufall, scheint es doch gewollt zu sein. Und wer würde ein schief hängendes Bild mehr verdienen als der Meister des Sketches „Das Bild hängt schief“?

Loriot, Bild hängt schiefIch habe übrigens ganz kurz überlegt, ob ich das Bild ein wenig gerade rücken sollte – nur um zu gucken, was dann passiert. Aber ich habe mich nicht getraut 🙂

Der erste Weihnachtsmarkt

Ich bin kein großer Fan des riesigen Frankfurter Weihnachtsmarktes auf dem Römer. Zu voll, zu gedrängelt, zu unübersichtlich. Ich mag aber diese kleinen versteckten Märkte in den Stadtteilen oder die, die nur an einem Wochenende von irgendwelchen Vereinen betrieben werden. Und ich probiere gerne etwas Neues aus. Gestern war das der Weihnachtsmarkt in Oberursel, der auch einen Mittelaltermarkt dabei hat, aber nur an diesem ersten Adventswochenende stattfindet.

Das Angebot auf diesem insgesamt erstaunlich großen Markt (die Stände waren quer durch die kleine Innenstadt verteilt und auch einige öffentliche Einrichtungen machen mit) gefiel mir gut.

SchlehenweinNoch bevor wir ganz auf dem Markt waren, mussten wir an einem kleinen Stand Käse probieren – und kaufen. Schinken, Wurst, Marmelade oder Honig – es gab allerhand handgemachte Lebensmittel, und das zu größtenteils eher günstigen Preisen. So wanderte auch noch ein Stückchen Schinken in unsere Taschen, und die ewige Antje kaufte irgendwo Kekse und ein Fläschchen Likör für einen guten Zweck. Auch interessante Weine gab es, und der ausgeschänkte Glühwein war an vielen Ständen ein guter Winzerwein, der deutlich weniger süß schmeckt als der handelsübliche fertige Glühwein. Lauwarm-Süßes gab es allerdings auch zu trinken – da aber dieser Glühwein vom Stand des Gymnasiums kam, in dem eifrige Schüler sehr günstig verkauften, sahen wir dem diese Mängel nach.

Auf dem mittelalterlich gestalteten Teil des Marktes herrschte ein deutlich größeres Gedränge als anderswo. Trotzdem war es recht gemütlich und durch die überall aufgehängten Laternen und die Feuerschalen auch sehr heimelig. Allerdings riecht meine Jacke heute so, als hätte ich die Nacht in einem Räucherhaus verbracht. Noch versuche ich es mit Lüften, fürchte aber, dass ich nicht ums Waschen herumkomme.

Alles in allem verbuche ich meinen allerersten Besuch in Oberursel also als vollen Erfolg – es war ein sehr schöner Abend. Es lohnt sich wirklich, kleine Märkte abseits des Mainstreams zu besuchen. Sogar die ersten Weihnachtsgeschenke fielen gestern in meine Tasche – und das ist ein Segen.

Fundstücke 40: Voooorsicht!

Mit der ewigen Antje war ich gestern im „English Theatre“. Gegeben wurde das Stück „Das Bildnis des Dorian Gray“, das ich vor vielen Jahren (in der Schule? Ich weiß es nicht mehr) gelesen habe. Die sehr moderne Inszenierung war ganz in Ordnung, wenngleich sie mich nicht vom Hocker gerissen hat.

Amüsiert hat uns jedoch schon vor Beginn der Vorstellung dieses Warnschild:

Warnschild im English Theatre

Ohne Zweifel, hier passt man auf uns auf.  Wir fassten uns und bereiteten uns innerlich vor. Jedes dieser unglaublichen Vorkommnisse haben wir abgehakt und immer wieder wissend genickt, wenn etwas Schlimmes passierte. Also als es auf die Bühne räucherte, jemand sich eine Rauchware anzündete und jemand, mehr oder weniger versehentlich, erschossen wurde. Gestorben wurde dramatisch, langsam und überzeugend. Wir haben das überlebt. Und wir wurden auch nicht blind von der Frontansicht des nackeligen jungen Mannes. Die fand ich eigentlich sogar ganz inspirierend.

Markt im Hof

Heute haben die ewige Antje und ich etwas Neues ausprobiert: In der Frankfurter Wallstraße gibt es an jedem Samstag den „Markt im Hof“. Hier gibt es einiges an kulinarischen Köstlichkeiten zu probieren. Unter anderem gibt es einen richtig guten, liebevoll eingeschenkten Kaffee – damit kann man mich ja immer glücklich machen.

Kaffe, Cappuccino

Ich hatte die Muster „Tulpe“ und „vielblättriges Gewächs“, denn ich musste mir einen Zweiten holen. Dafür habe ich auf diese riesigen Butterstullen verzichtet, die viele Leute um uns herum verzehrten. Die waren mit Pastrami belegt – was das genau ist, musste ich erst mal googlen. So nach Sicht hätte ich es für eine Art Roastbeef gehalten, es ist aber geräuchertes Rindfleisch. Außerdem gab es verschiedene exotische Gerichte, z. B. vietnamesisch und koreanisch, sehr schönes Gebäck, handverlesene Pflaumen und lecker aussehende Soßen. Und auch der obligatorische „Food-Truck“, früher genannt „Grillstand“, fehlte nicht.

Für zuhause habe ich mir ein schönes, schweres Körnerbrot mitgenommen. Zugegeben, das war mit 5,70 Euro nicht billig, sieht aber unglaublich gut aus. Und zum Abschluss gab es noch ein bisschen Äppler aus dem Apfelweinkontor. Zwar haben wir keinen Apfelwein mitgenommen, viele der besonderen Sorten in dem kleinen Laden klangen aber sehr gut. Probiert haben wir einen sortenreinen Boskopp-Äppler. Lecker war er, aber einen zweistelligen Betrag würde ich für eine Flasche wohl nicht ausgeben.

Es war schön, bei heiter bis wolkigem Sommerwetter in dem kleinen Innenhof zu sitzen und Einiges zu probieren. Für einen entspannten Samstagvormittag genau das Richtige.

 

Nachtrag: Die Rechtschreibprüfung wollte „Pastrami“ gerade in „Kastrati“ ändern. Ich weiß nicht, ob es das besser gemacht hätte …