Komische Gewohnheiten – reflexartig auf Politiker einschlagen

Nicht erst seit Krisenzeiten fällt mir auf, wie unglaublich viele begnadete, fleißige und absolut unfehlbare Politiker wir in Deutschland haben. Leider tummeln diese sich nicht in den Parlamenten, auch nicht in den Rathäusern oder sonstigen Gremien, sondern ausschließlich auf Social Media Kanälen, bevorzugt auf Facebook. Auf Twitter auch, aber da müssen sie sich ja zum Glück kürzer fassen.

Man möge mich jetzt nicht falsch verstehen – oder nur, wenn man das unbedingt will – ich bin auch nicht immer mit allem einverstanden, was in diesem Land passiert, und ich würde dieses oder jenes wahrscheinlich anders entscheiden. So manchem Politiker möchte ich auch manchmal die Ohren langziehen – ja, isso. Und doch möchte ich mit keinem der ewig Gescholteten tauschen, denn ich möchte den Job nicht machen. Und die, die ewig nörgeln, möchten das auch nicht. Dann hätten sie nämlich keine Zeit mehr, im Internet herumzulungern und sich durch eifriges Posten von Statements wie „Das habe ich doch gleich gewusst!!!“ oder „Warum fällt denen das erst jetzt ein?!“ hervorzutun. Gerne wird derartigen Plattitüden dann noch ein Link zu irgendeinem Zeitungsbericht beigefügt, in dem geschrieben steht, dass das Erwähnte gerade jetzt erledigt wurde – viel zu spät natürlich, nach Ansicht von Hotte, Lotte und Elli. Oder zu dilettantisch, weil der beteiligte Politiker nämlich gar nicht die geforderte Qualifikation besitzt und in seinem Leben noch nie was gearbeitet hat – das konnte ja nichts werden. Ja, ne, is klar.

Gerade derzeit in der Krise schießen sie wie Pilze aus dem Boden, die selbst ernannten Manager, die sofort an alles gedacht, alles im Blick und erst recht im Griff gehabt hätten und natürlich niemalsnienicht irgendetwas übersehen hätten. Sie sitzen bequem auf ihren Sofas, ohne jegliche Verantwortung, erst recht nicht für Millionen von Menschen, und wissen es besser. Während der Pudding gelöffelt und der Milchkaffee geschlürft wird, schwadroniert es sich so unglaublich herrlich über die Unzulänglichkeiten anderer Menschen. Und immer finden sich Gleichgesinnte, die es fast noch genauso gut könnten, man diskutiert, wie viele bessere Lösungen es gegeben hätte und suhlt sich in der Gewissheit, den Durchblick zu haben, wo doch andere, hochbezahlte Leute wieder nichts auf die Reihe gekriegt haben.

Wirklich Konstruktives kommt von solchen Leuten übrigens selten. Und fragt man sie, warum sie sich denn nicht einbringen und ihr geballtes Fachwissen in wirklich jedem Gebiet der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, kommt auch nichts. Nun ja, verstehe ich schon – sie wissen ja auch, was sie erwarten würde. Und sie könnten selber nicht mehr mitmachen beim Bashing, beim Klagen, beim Posten der immer gleichen Gifs und beim virtuellen Abklatschen mit den Gleichgesinnten in ihrer Blase. Und das wäre ja langweilig.

Ich muss übrigens noch anmerken, dass ich im Moment eigentlich recht zufrieden bin, was das Spitzenpersonal in unserem Land angeht. Entscheidungen, die derzeit getroffen werden, erscheinen mir fundiert, auch wenn es vielleicht andere Wege gäbe. Ich würde im Moment auch keine Experimente machen wollen und ich bin froh, dass ich so ein unbedeutendes kleines Würstchen bin, dass nur entscheiden muss, ob es morgens für’s Homeoffice einen BH anzieht oder nicht. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir außerdem eine unglaublich bodenständige Regierung, bei deren Auftritten ich mich weder schämen noch an ihrem Verstand zweifeln muss. Das allein wäre zwar nicht genug, entspannt aber ungemein.

Kampf dem Lotterleben!

Ranunkel vom Wochenmarkt – man muss es sich schön machen!

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag wirklich schreiben sollte – denn ich weiß, dass viele vom Thema „Corona“ inzwischen übersättigt sind und einfach mal was anderes lesen möchten. Aber es gibt etwas, das mich im Moment schwer beschäftigt, und daran möchte ich euch teilhaben lassen: Die Isolation in der Wohnung als Single. Ich arbeite seit dieser Woche im Homeoffice und habe alle Freizeitaktivitäten außer Haus, alle Workshops etc. eingestellt.

Eigentlich trifft diese Abschottung durchaus meine Neigungen. Ich bin eine, die es braucht, immer mal wieder ein paar Tage alleine zu sein. Ich genieße es, an Wochenenden ohne Termine am Freitag meine Tür zu schließen in dem Wissen, dass ich nicht mehr raus muss bis Montag – wenn ich das so möchte. Und kürzlich war ich krank, insgesamt drei Wochen – da gehörte es für mich dazu, im Schlafanzug oder oller Jogginghose mit Labbershirt herumzustapfen und mit meinem Gesamtauftritt den Paketboten zu erschrecken. Auch wenn ich mal einen einzelnen Tag Homeoffice mache, laufe ich so rum – sieht ja keiner.

Genau dieses „sieht ja keiner“ ist aber im Moment die Herausforderung. Ich fürchte ein wenig, dass ich in der Zeit des Zuhausebleibens völlig verkomme – zu einer wunderlichen, körperlich runtergewirtschafteten Trulla mit eckigen Augen vom Fernsehen und ungepflegtem Äußeren. Das geht so nicht!

Was also tun? Nun, zunächst mal braucht es etwas Struktur. Und Kontakte. Wasser und Seife natürlich, aber auch einigermaßen ordentliche Klamotten. Gesunde Ernährung und Bewegung. Und andere Freizeitbeschäftigungen als nur die Glotze. Folgendes habe ich mir vorgenommen:

  • Ich besitze ein Trimmrad, dass in Zeiten, wenn mir mein Knie wehtut, eifrig benutzt wird, zu anderen Zeiten aber zum Kleiderständer degradiert wird. Ich habe mir heroisch beschlossen, mir meine Mahlzeiten künftig zu verdienen und vorher immer ein bisschen zu strampeln. Muss ja nicht lange sein – jeder „Kilometer“ hilft. Schließlich fehlt mir derzeit die Grundbewegung, die ich sonst schon allein dadurch bekomme, dass ich kein Auto besitze und oft zu Fuß unterwegs bin.
  • Keine Schlafanzugstage. Bequem ja, aber so, dass man ohne Bedenken die Tür öffnen kann, sollte es klingeln.
  • Regelmäßige Arbeitszeiten. Die letzte Woche habe ich zwischen halb acht und acht angefangen zu arbeiten, das passt gut. Allerdings muss man auch auf regelmäßige Pausen achten und sich zwischendurch mal vom Stuhl erheben. Im Büro läuft man ja auch mal rum, zum Klo, der Kaffeemaschine oder dem nächsten Meetingraum. Unser Gebäude ist über 100 Meter lang, da kommen schon ein paar Schritte zusammen. Oder man geht zu einem Kollegen rüber, um bei dem auf den Bildschirm zu gucken, steht dann da ein bisschen und beredet was.
  • In der letzten Woche haben einige Kolleginnen und ich angefangen, per Skype gemeinsam Mittagspause zu machen. Jede saß für sich vor der Kamera, wir haben uns angeguckt, gegessen und geschwatzt – gerade so, wie wir es sonst in der Kantine auch tun würden. Das ist gut, lockert es doch den Arbeitstag auf. Mich bringt es außerdem dazu, nicht ganz so sehr wie eine Trümmerlotte aussehen zu wollen und ein bisschen mehr aufzuräumen – schließlich gucken die mir in die Wohnung!
  • Und ja, die Wohnung, das ist auch so ein Thema. Ich bin ja ein furchtbar unordentlicher Mensch – oft starte ich Aufräum-Panikaktionen, wenn Besuch angekündigt ist. Nur … im Moment kommt kein Besuch, und ich bin den ganzen Tag zuhause und mülle vor mich hin. Das muss ich mir für die nächsten Wochen abgewöhnen, denn sonst wird beides ungemütlich: der Arbeitstag und die Freizeit. (Der Kollege, der als Letzter bei uns im Büro war und alle Telefone umgestellt hat, erzählte mir, dass er bei mir etwas aufgeräumt habe. Ich mache das sonst immer vor dem Urlaub und hatte das dieses Mal völlig vergessen – ist ja kein Urlaub. Das war mir schon ein bisschen peinlich. Danke, Sebastian, du Guter!)
  • Noch ein Thema: Arbeitszeit und Freizeit. Ich arbeite derzeit im Wohnzimmer am Esstisch. Das geht gut, ich sitze bequem, habe ausreichend Platz und Licht. Aber zumindest zum Wochenende muss ich den ganzen Arbeitskram wegräumen – sonst guckt mich das das Wochenende über immer an. Gestern habe ich also alles weggepackt und ins Regal verräumt.
  • Und in der Freizeit? Was mache ich da? Mir ist in den letzten Tagen aufgefallen, dass ich keine Lust habe, mich da auch noch an den Esstisch zu setzen und am PC zu werkeln – auch nicht privat. Immer nur fernsehen kommt auch nicht in Frage – das ist toll, wenn man krank ist, aber wenn man gesund ist, wird man davon auf die Dauer rammdösig. Also werde ich wohl mehr lesen, stricken oder Hörbücher hören. Und mal wieder was Größeres schreiben – wie immer bei Entwürfen erst mal im Notizbuch.
  • Und ich will etwas Neues probieren. Ich wollt schon immer mal häkeln lernen, oder ein altes Hobby auffrischen und eine Figur bauen. Ich habe so viel Bastelkram zuhause, damit sollte sich doch die Zeit füllen lassen. Was ich mit dem gebastelten Kram dann später tue, werden wir sehen …
  • Und natürlich will ich mit meinen Lieben in Kontakt bleiben. Wir haben inzwischen so viele Möglichkeiten neben dem Telefon – seien es die kleinen, hingeworfenen Kommentare per Social Media oder WhatsApp oder längere Skype-Sessions mit Kamera. Noch vor wenigen Jahren hätte das alles ganz anders ausgesehen.

Mir ist übrigens klar, dass ich zu denen gehöre, die sehr weich fallen in dieser Krise: Ich habe keinen Beruf, in dem ich mich unmittelbar der Ansteckungsgefahr aussetze, muss mich nicht von Klopapiersüchtigen beschimpfen lassen. Ich muss als Mitarbeiterin in der Lebensmittelindustrie erst mal keine Angst haben um meinen Arbeitsplatz, kann von zuhause arbeiten. Ich habe zwar keinen Garten, aber eine geräumige Wohnung mit komfortabler Ausstattung. Ich muss während der Arbeit keine kleinen Kinder bespaßen und muss mich nicht um alte Eltern ängstigen, die vielleicht zu versorgen wären. Diese paar Wochen Hausarrest, so surreal die Situation auch erst mal ist, sollte gut zu überstehen sein.

Und ihr, die ihr das jetzt gelesen habt: Passt auf euch auf und bleibt zuhause, soweit es geht.

Impfung auf Twitterisch

Die Schreibkursübung lautete: zwei Personen im Streit, schreibe einen Dialog. Ich entschied mich einen geschriebenen Dialog zu schreiben. Denn ich lese derzeit ab und zu mal auf Twitter herum – das Medium für die völlig schmerzbefreiten Social Media-Addicts.

Kurz zum Setting: es treffen sich virtuell die „Mutti von dreien“ sowie die „Aufgeklärte Else“, der Einfachheit hier nur Mutti und Else genannt. Und es geht um dieses heiße Thema – das eigentlich gar keines ist:

Bild zur Verfügung gestellt von Tim Reckmann, http://www.pixelio.de

Impfung auf Twitterisch

Mutti: War heute mit K3 beim Ki-Arzt, dreifach-Impfung. Jetzt ist sie soooo müde – mein Herz blutet!

Else: Das sollte dir zeigen, was Impfungen im Körper der Kleinen anrichtet. Warum unterstützt du die Pharmaindustrie?

Mutti: Ich unterstütze niemanden, ich schütze meine Kinder.

Else: Auf dass sie alle Autisten werden. Lass sie die Krankheiten doch durchstehen, das macht stark!

Mutti: Oder tot. Gerade die Masern sind gefährlich.

Else: Das reden sie euch ein. Ich verstehe nicht, dass immer noch so viele Leute so unaufgeklärt sind. Informiert ihr euch denn gar nicht?

Mutti: Das ist doch Blödsinn.

Else: Jaja, lauf nur wie ein Schaf mit der Herde. Dann hat die Regierung wieder gewonnen. Und die Merkel reibt sich die Hände.

Mutti: Was hat denn die Merkel mit der Impfung meiner Tochter zu tun?

Else: Ist dir das immer noch nicht klar? Wieso seid ihr Mainstream-Mütter immer so so naiv?

Mutti: Was sind denn Mainstream-Mütter?

Else: Solche wie du: Fleischfressende, plastiksüchtige Weibe, die ihre Kinder aus Packungen ernähren und denen es egal ist, was den Kleinen unter die Haut gespritzt wird.

Mutti: Spinnst du jetzt? Soll das eine Diskussion sein? Was soll denn das?

Else: Geh‘ einfach sterben!

Mutti: Du mich auch.

Else:

„Der Tweed wurde entfernt, weil er Inhalte enthält, die du nicht sehen willst.“

Noch ne Mutti: Sofort Kontaktabbruch. Solche Leute wollen dich nur zerbrechen. Ich drück dich ganz fest und schicke dir viel Kraft!

Mutti: *Blockgeräusch*

 

Nachbemerkung: Dieser Dialog kann sich mit leichten Änderungen zu fast jedem Thema abspielen. Allerdings sind oft mehrere Teilnehmer dabei, die sich auf die eine oder andere Seite schlagen. Das ist manchmal tatsächlich amüsant, aber ein Feingeist darf man dabei nicht sein.

Vom Verschwinden der Grauzone

Grau ist langweilig. Grau ist unauffällig. Grau ist jener langweilig Mischton zwischen schwarz und weiß. Irgendwie undefiniert, mal hell, mal dunkel. Halt immer irgendwie dazwischen.

Bild von hazelw90-auf-pixabay

Grau war viele Jahre lang Normalität. Das wahre Leben war zumeist irgendwie dazwischen, mal ein bisschen gut und etwas mehr schlecht und ganz viel so mäßig, mal andersrum. Seltener war das Leben an den Polen – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Extreme waren Ausnahmen – vielleicht die eigene Hochzeit oder ein lang ersehnter Urlaub oder, in die andere Richtung, der Tod eines nahen Verwandten. Jemand, der tief ins Schwarz eingetaucht ist, galt als bedauernswert, dem musste geholfen werden. Und mit einem der jauchzte, freute man sich.

Heute ist das irgendwie anders. Oft habe ich den Eindruck, dass besonders bei Jüngeren die Grauzone verschwunden ist. Für viele Menschen gibt es kein Dazwischen mehr, alles soll immer knallbunt und Hallelujah sein. Ist das nicht der Fall, ist es nicht so lala, sondern voll depri und das Ende der Welt. Und so wird es gerne über das Internet verkündet.

Leider geht es im Internet ja nicht immer nur darum, das Essen oder niedliche Katzenbilder zu posten. Viele Menschen teilen ihr ganzes Leben – oder das, was die Follower dafür halten sollen. Die posten Selfies nach zwei Stunden Schminkzeit und verzweifeltem Hin- und Herstyling mit dem Kommentar: „Ich, gerade eben, ganz spontan!“ Und die Aschenputtel-Fraktion am anderen Ende verzweifelt ob der Tatsache, dass sie nicht morgens schon mit perfektem Aussehen aus dem Bett steigt, und gibt sich gesammelt dem Elend hin, welches ein normales Äußeres mit sich zu bringen scheint.

Auch in Diskussionen gibt es keine Mitte mehr. Kein Grau, auch kein helles oder dunkles. Wenn sich mal jemand traut, sich argumentativ einer Mitte zu nähern, wird der nicht gehört. Argumente für und wider interessieren kaum noch. Stattdessen wird online herumgezetert, als würde man für die drastischste Formulierung einen Preis bekommen. Der Alltag wird skandalisiert, jede kleinste Unannehmlichkeit einsortiert in die Kategorien Mobbing, Diskriminierung oder Verschwörung. Und Nazi natürlich, Nazi geht immer. Und wenn nichts mehr geht, ruft einer „Das triggert mich!“ und alle heulen gemeinsam, weil das ist ja wirklich so schlimm alles!

So etwas schafft zwar ein Zusammengehörigkeitsgefühl, aber keine Diskussionskultur. Es gibt auch nicht die Wirklichkeit wider, auch wenn die lauten Rufer uns das gerne glauben lassen wollen. Die Realität ist nach wie vor mal hell-, mal dunkelgrau, aufgelockert durch einige bunte Sprenkel. Davon bin ich überzeugt.

Bevor Fragen kommen: Nein, ich werde für meine gemäßigten mittelgrauen Ansichten nicht von der Regierung gesteuert und diesen kleinen mittelmäßigen Beitrag hat auch nicht Steffen Seibert verfasst.

„Kein Grau mehr? Wie doof!“
Bild von Irina_kukuts-auf-pixabay

 

Übrigens, meine bunte Welt heißt so, weil ich mein Leben im Allgemeinen als abwechslungsreich und schön empfinde. Aber manchmal ist auch was blöd. Putzen oder Bronchitis oder so. Ist halt so.

4800!

Kürzlich wurde ich auf eine Aktion des Frankfurter Kinderbüros aufmerksam: Seit vielen Jahren werden über diese Organisation Kinder mit Weihnachtsgeschenken bedacht, die ansonsten nichts bekommen würden. Letztes Jahr kamen rund 4.800 Pakete zusammen, die von Spendern besorgt oder zumindest bezahlt wurden. 4.800 Päckchen – das ist eine beeindruckende Zahl.

4.800 Päckchen, das bedeutet nicht nur viele hilfsbereite Spender, sondern eben auch 4.800 Kinder, die in verschiedenen Einrichtungen leben oder betreut werden und in einer Situation sind, in der sie keine Weihnachtsgeschenke zu erwarten haben. Natürlich feiern viele dieser Kinder keine christlichen Feste, aber jedes Kind freut sich über eine Aufmerksamkeit zum Jahresende – und sei es nur, um in der Schule mitreden zu können, wenn es um das schönste Weihnachtsgeschenk geht. Oft sind es kleine Herzenswünsche, die es zu erfüllen gilt. 20 bis 25 Euro sollen die Geschenke kosten. Bescheiden, wenn man bedenkt, in wie vielen Familien hunderte von Euro in die weihnachtliche Geschenkeschlacht inverstiert werden.

Letztes Wochenende habe ich mir drei Kärtchen mitgenommen. Zwei kleine Jungen und ein Mädchen bekommen dieses Jahr ein Geschenk von mir, ohne das je zu erfahren. Ich werde nicht sehen, ob sie sich freuen, aber ich nehme es an und stelle mir das einfach vor. Schließlich habe ich mir viel Mühe damit gegeben, die kleinen Wünsche zu erfüllen und für jeden noch eine unerwartete Kleinigkeit dazuzulegen. Es hat richtig Spaß gemacht, mal wieder Spielzeug auszusuchen.

In diesem Jahr wurden über 5.000 Kärtchen mit Weihnachtswünschen an die Frankfurter Wunschbäume gehängt oder in kleinen Körbchen ausgestellt. Gewiss gibt es noch einige Karten, die auf jemanden warten, der sich ihrer annimmt. Es sind auch noch ein paar Tage Zeit. Auch in anderen Städten gibt es derartige Aktionen, und das finde ich richtig gut. Vielleicht hat ja noch jemand Lust, mitzumachen.

Vor 30 Jahren …

Bei uns im Garten, in meinem Abi-T-Shirt.

Heute Morgen hörte ich im Morgenmagazin, das im Zimmer herumdudelte, während ich mich anzog, dass die sog. „Reichskristallnacht“ heute 80 Jahre her sei. Kristallnacht – natürlich ist das ein viel zu schöner Name für derartig abscheuliche Verbrechen. Und obwohl ich eigentlich immer geschichtlich interessiert bin, konnte mich das Thema nicht so recht fesseln.

Denn heute dachte ich an diesen Tag vor dreißig Jahren. Damals war diese fürchterliche Nacht 50 Jahre her und ich hörte viel über sie im Radio. Einen Fernseher hatte ich nicht. Ich lag nämlich im Krankenhaus, war gerade frisch operiert worden und es ging mir, freundlich ausgedrückt, bescheiden. Das kleine Krankenhausradio lenkte ich nur notdürftig von meinem Elend ab.

Am Tag zuvor war meine Mutter mit mir zunächst zum Arzt, dann in die Notaufnahme des Krankenhauses gefahren. Lähmungsescheinungen im rechten Bein, Taubheitsgefühle, schnell zunehmend. Keine Schmerzen. Nur das Gefühl, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Heute hätte man mich wahrscheinlich gleich mal „in die Röhre“ geschoben und geguckt, was da los ist. 1988 guckte man betroffen, sagte mir, ich solle Bescheid geben, wenn ich nicht mehr auf’s Klo könne oder das andere Bein auch noch gefühllos würde und gab mir ein gemütliches Dreibettzimmer in der Neurologie.

Da lag ich also, mit einem Bein, dass sich wie ein kalter, gummiartiger Fremdkörper anfühlte. Immer wieder piekte ich ins andere Bein – lebte es noch?  Und immer wieder humpelte ich zum Klo, um zu gucken, ob das noch ging. An Schlaf war nicht zu denken. Und so fügte es sich gut, dass ich sehr früh am nächsten Morgen zu weiteren Untersuchungen gefahren wurde. Man fand – oder besser, vermutete – einen Bandscheibenvorfall, der zwar klein war, aber so bekloppt lag, dass er die Nerven des rechten Beins abdrückte. Wahrscheinlich als Folge eines Treppensturzes einige Wochen zuvor. Man empfahl eine schnelle Operation, denn so giftig, wie sich die Malaise darstellte, glaubte man nicht, dass man konventionell noch etwas ausrichten könne.

Ich war ein halbes Jahr zuvor volljährig geworden und krakelte voller Zuversicht meine Unterschrift unter alle nötigen Dokumente. Auf die Idee, meiner Familie zumindest Bescheid zu geben, kam ich gar nicht. Auch nicht, mich mit jemandem zu beraten. Für mich war die Lage eindeutig: So konnte das auf keinen Fall bleiben. Das musste gerichtet werden, und zwar flott. Das war sicherlich ein bisschen naiv, aber heute bin ich recht froh über diese jugendliche Unbedarftheit.

Als meine Mutter einige Stunden später im Krankenhaus anrief, um nachzufragen, ob die Tochter eigentlich noch lebe und ob bei den Untersuchungen irgendwas herausgekommen sei, lag ich bereits im Aufwachraum. Ich fror entsetzlich, hatte immer noch kein Gefühl im Bein und hatte erfolgreich einen Assistenzarzt vollgekotzt („Ach nein, Ihnen wird nicht schlecht“, hatte der Klugscheißer mich belehrt, anstatt mir einfach schnell eine Schale unterzuklemmen oder zumindest einen Schritt zurückzutreten). Außerdem gab es eine ziemlich große Narbe im Rücken – lag halt doof, die Sache. Ich fühlte mich bedauernswert. Noch mehr, als die Familie kam und guckte, als läge ich im Sterben.

Das Gefühl, der bemitleidenswerteste Mensch auf Erden zu sein, hielt recht lange an. Tut ja auch weh, sowas. Und es zog sich. Fast ein halbes Jahr dauerte es, bis mein Bein wieder tat, was es sollte, und ich nicht mehr wie ein besoffener Elefant durch die Gegend polterte. Im Nachhinein war es wohl gut, dass die Entscheidung für die Operation damals so schnell gefällt wurde. Denn hätte ich geahnt, was da noch hinterher kommt – Reha in zwei Kliniken, in denen nur uralte Leute über 30 waren – hätte ich mich bestimmt nicht sofort dazu durchringen können und mich wochenlang davor gegräuselt.

Das Abitur konnte ich in dem Jahr nicht wie geplant machen. Ich wiederholte ein Jahr, oder besser, ein halbes, denn die erste Hälfte versäumte ich fast ganz. Und so ganz langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich feststellen muss, dass ich damals wohl doch nicht ganz so viel Pech hatte, wie es sich zunächst anfühlte. Es hat ja jede Sache zwei Seiten.

Letztes Jahr auf einer Lesung

Denn im Grunde ist es alles recht gut gelaufen damals. Gesundheitlich ging es mir irgendwann wieder recht gut, auch wenn es bestimmt zwei Jahre dauerte, bis ich wieder auf Zehenspitzen laufen konnte. Das war zu verschmerzen, denn so oft braucht man das ja nicht. Der neue Jahrgang in der Schule war sehr nett, ich fand schnell Anschluss. Das Abitur wurde ganz gut und ich fand gleich eine gute Lehrstelle – ein Jahr zuvor hatte ich noch gar nicht gewusst, was ich eigentlich machen wollte. Es war, als hätte sich die Tatsache, dass ich ein Mal eine ganz und gar eigene Entscheidung getroffen hatte, irgendwie durchgeschlagen – so nach dem Motto: „Geht doch. Bin jetzt erwachsen.“

Und heute? Nun, ein hüpfendes Reh bin ich nicht, dazu habe ich aber auch gar nicht die Figur. Die Narbe im Kreuz sieht beeindruckend aus und die Stelle ist arg steif, tut aber meistens nicht weh. Das ist weit mehr, als ich mir erhofft habe, und sehr viel besser, als ich es bei vielen Kollegen in meinem Alter sehe. Heute bin ich auf meinen eigenen zwei Beinen ein ganzes Stück gelaufen und wenn ich gewollt hätte, hätte ich auch auf den Zehen herumstolzieren können.

Und sonst? Im Grunde verdanke ich meinen guten Freund Harry diesem blöden Bandscheibenschaden – den hätte ich sonst wohl gar nicht kennengelernt. Und auch die lustige Kohlfahrtsrunde hat ihre Wurzeln in dem damaligen Abiturjahrgang. Da habe ich einen wirklich guten Fang gemacht. Außerdem wusste ich nach einem halben Jahr, in dem ich zu nicht viel zu gebrauchen war, auf welche der alten Freunde ich mich verlassen konnte und auf welche eher nicht. Das ist eine ganz schön hilfreiche Erkenntnis. Und wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich ein Jahr früher meinen Schulabschluss gemacht hätte?

Alles in allem kann ich wohl sagen, dass ich vor dreißig Jahren ziemliches Glück hatte. Alles gut. Haken dran. Es fühlte sich ganz gut an, heute beim Spazieren gehen darüber nachzudenken.

Schön ausgedrückt: Besorgte Bürger

Deutsche Fahne, Flagge, schwarz-rot-gold

Bild zur Verfügung gestellt von Timo Klostermeier, http://www.pixelio.de

In dieser Folge der Reihe „Schön ausgedrückt“ möchte ich mich einmal um eine Begriffsklärung bemühen. Denn derzeit fallen mir starke Unsauberkeiten im Ausdruck auf, und das gefällt mir ganz und gar nicht. Besonders stark ist dies beim Ausdruck „Besorgte Bürger“.

Fangen wir ganz einfach an: Ein Bürger ist laut Duden ein Angehöriger eines Staates oder einer Gemeinde, aber auch ein „Angehöriger des bestimmten Traditionen verhafteten Mittelstandes“. So weit, so gut, das ist erst mal nicht schwer.

Auch der Teil mit der Sorge ist einfach zu verstehen: Besorgt ist jemand, der „von Sorge erfüllt ist“ oder auch „von Fürsorge für jemanden/etwas erfüllt ist“. Das sind also Leute, die sich Gedanken machen, um sich selbst oder um andere, und denen nicht ganz wohl ist bei diesen Gedanken. Sie haben Befürchtungen, dass etwas nicht richtig laufen könnte, dass sie etwas nicht erreichen können, dass die Umstände sich zu ihren Ungunsten verändern. Das ist legitim und sollte thematisiert werden.

Beispiele für besorgte Bürger gibt es viele:

  • Die Mutter, die sich Gedanken macht, ob ihre Kinder die bestmögliche Ausbildung bekommen können, obwohl sie kaum das Geld hat, ihnen die nötigen Schulsachen zu kaufen.
  • Der alte Mann, dessen Miete so gestiegen ist, dass er kaum noch etwas von seiner Rente zum Leben übrig hat.
  • Die Lehrerin, die in ihrer Klasse neben 20 unauffälligen Schülern auch fünf verhaltensauffällige Kinder hat und nicht allen gerecht werden kann.
  • Der Rettungssanitäter, der nie weiß, wann er wieder auf eine irrational entfesselte Meute treffen wird, die ihn bei seiner Arbeit behindert oder gar angreift.
  • Der Schuldirektor, der in Kürze in den Ruhestand gehen wird und weiß, dass es für ihn keinen Nachfolger geben wird.
  • Die Kellnerin, die bald nach einem langen Arbeitsleben in Rente gehen wird und schon jetzt weiß, dass sie von ihrer Rente nicht wird leben können.
  • Der ältere Herr, der sich von den Parteien nicht mehr so recht vertreten fühlt, der aber trotzdem zur Wahl geht, um das kleinste Übel zu wählen und das schlimmste zu verhindern.
  • Und auch: Die alte Dame, auf deren Flur plötzlich nur noch Ausländer wohnen, die sie nicht versteht und deren Kultur ihr fremd ist.

All diese Menschen sind besorgt, zurecht, zumindest von ihrer Warte aus. Es sind anständige Menschen, mit denen man reden kann, die Gesprächen gegenüber offen sind und die, obwohl sie unzufrieden oder ängstlich sind, nicht auf die Idee kämen, andere Menschen zu bedrohen oder zu beleidigen. Anständige Menschen, die es nicht verdient haben, mit anderen, die sich ebenfalls als besorgte Bürger bezeichnen, in einen Topf geworfen zu werden.

Die Abgrenzung der ehrbaren besorgten Bürger zu anderen Gruppen ist nicht so schwierig. Ich will versuchen, das an einigen Beispielen zu verdeutlichen:

  • Der (inzwischen versetzte) LKA-Mitarbeiter (#Hutbürger), der bei einem Aufmarsch von Rechtsradikalen mitlief und dort ein Journalistenteam beschimpfte und bei der Arbeit behinderte, ist kein besorgter Bürger, sondern jemand mit rechtsradikalen Neigungen und Problemen mit dem Grundgesetz (Art. 5 GG regelt ein hohes Gut in unserem Land: die Pressefreiheit).
  • Menschen, die im Internet gegen Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund mit oder ohne deutschen Pass hetzen, sind keine besorgten Bürger, sondern Rassisten.

Aus Wikipedia: Rassismus ist eine Gesinnung oder Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine gemeinsame Abstammung vermuten lassen – als sogenannte „Rasse“ kategorisiert und beurteilt werden. Die zur Abgrenzung herangezogenen Merkmale wie Hautfarbe, Körpergröße oder Sprache – aber auch kulturelle Merkmale wie Kleidung oder Bräuche – werden in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlicher und bestimmender Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften gedeutet und nach Wertigkeit eingeteilt. Dabei betrachten Rassisten alle Menschen, die ihren eigenen Merkmalen möglichst ähnlich sind, grundsätzlich als höherwertig, während alle anderen (oftmals abgestuft) als geringerwertig diskriminiert werden. Mit solchen Rassentheorien, die angeblich wissenschaftlich untermauert sind, wurden und werden diverse Handlungen gerechtfertigt, die den heute angewandten allgemeinen Menschenrechten widersprechen.

  • Gleiches gilt für Leute, die in einer Diskussion um Wohnungen für Flüchtlinge von diesen nur als „Messerstecher“ oder „strammen Afrikanern, auf die sich die deutschen Frauen schon mal freuen können“ sprechen.
  • Die Menschen, die durch Städte ziehen, Sprüche grölen wie „Ausländer raus“ oder „Deutschland den Deutschen“ sind keine besorgten Bürger, sondern Rechtsradikale, Rechtsextremisten oder einfach Nazis.

Aus Wikipedia: Rechtsextremismusdient als Sammelbezeichnung, um neofaschistische, neonazistische oder ultra-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten zu beschreiben. Deren gemeinsamer Kern ist die Orientierung an der ethnischen Zugehörigkeit, die Infragestellung der rechtlichen Gleichheit der Menschen sowie ein antipluralistisches, antidemokratisches und autoritär geprägtes Gesellschaftsverständnis. Politischen Ausdruck findet dies in Bemühungen, den Nationalstaat zu einer autoritär geführten „Volksgemeinschaft“ umzugestalten. Der Begriff „Volk“ wird dabei rassistisch oder ethnopluralistisch gedeutet.

Reichstag, deutsche Fahne, Flagge

Bild zur Befügung gestellt von Denis Geier, http://www.pixelio.de

  • Menschen, die den Hitlergruß zeigen, sind keine besorgten Bürger, sondern Kriminelle, also laut Duden jemand, der straffällig geworden ist, eine Straftat oder ein Verbrechen begangen hat. Umgangssprachlich bezeichnet man so jemanden auch als Verbrecher.
  • Gleiches gilt für die Personen, die andere Menschen durch die Stadt jagen in der Absicht, diese zu verletzen.
  • Gleiches gilt ebenfalls für Menschen, die einen anderen ohne Notwehrsituation mit Waffen bedrohen, angreifen, verletzen, töten. Dabei ist es nicht von Bedeutung, welche Nationalität Täter und Opfer haben. Es gibt keinerlei Gründe, die so etwas rechtfertigen.
  • Ein öffentlich Angestellter, der einen Haftbefehl in den sozialen Medien verbreitet, ist kein besorgter Bürger, sondern begeht eine Straftat und gehört dafür bestraft.
  • Menschen, die angesichts der Krawalle in Chemnitz Beifall klatschen oder Jubeln, sind keine besorgten Bürger, sondern zumindest Unterstützer dieser Verbrecher, wenn nicht sogar Mittäter.
  • Menschen, die sich wie die alte Dame in Chemnitz grinsend vor eine Kamera stellen und behaupten, Frau Merkel sei schuld an den Krawallen, die habe die ganzen Ausländer ja schließlich geholt, sind zumindest Mitläufer und somit Unterstützer der Kriminellen, auf keinen Fall aber besorgte Bürgerin.
Deutsche Fahne, Flagge, schwarz-rot-gold

Bild zur Verfügung gestellt von Timo Klostermeier, http://www.pixelio.de

Und zum Abschluss noch ein paar Personen, die meines Erachtens erwähnt werden müssen:

  • Polizisten, die Täter schützen und sich gegen Opfer stellen, sind keine besorgten Bürger, sondern haben den falschen Beruf. Im Gegensatz dazu sind Polizisten, die sich trotz riesiger Übermacht gegen den Pöbel stellen und versuchen, Opfer zu schützen und das Schlimmste zu verhindern, wahre Helden, denen man gar nicht genug danken kann. Das gilt natürlich für Männer und Frauen. Ich bewundere diesen unglaublichen Mut und dieses Engagement. Es ist eine Schande, wie diese Personengruppe in diesem Land behandelt und verschlissen wird.

Aus dem Duden: Held

  • (Mythologie) durch große und kühne Taten besonders in Kampf und Krieg sich auszeichnender Mann edler Abkunft (um den Mythen und Sagen entstanden sind)
  • jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt
  • jemand, der sich durch außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg auszeichnet und durch sein Verhalten zum Vorbild [gemacht] wird
  • Ein Ministerpräsident, der das offensichtliche Problem mit Rechtsradikalen in seinem Bundesland leugnet und in den sozialen Medien eine Behinderung der Pressefreiheit als korrekte Handlung darstellt, hat seinen Beruf verfehlt und sollte sich einen anderen Wirkungskreis suchen. Es werden dringend Paketausträger gesucht.
  • Eine „Partei“, die nur hetzt, keinerlei konstruktive Beiträge einbringt und deren „Abgeordnete“ debil genug sind, Artikel des Postillon für ihre rechtsradikalen Argumentationen zu verwenden, hat in den Parlamenten nichts zu suchen und sollte vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Wenn der Verfassungsschutz sich denn dazu durchringen kann …
  • Ein Innenminister, der die angespannte Stimmung im Land durch immer neue fremdenfeindliche Äußerungen immer weiter anheizt, zu gewalttätigen Krawallen dann aber schweigt, ist untragbar. Ein Begriff für ihn, den ich hier veröffentlichen möchte, fällt mir nicht ein. Dies ist ein anständiges Blog, Schimpfworte haben hier keinen Platz.

 

Nachtrag: Es bleibt dabei, dass meine bunte Welt eigentlich ein unpolitisches Blog sein soll. Es ist nur so, dass mir derzeit manchmal die Galle hochkommt. Immer, wenn es heißt, dass man mit diesen Leuten doch nur reden müsse, werde ich ranzig. Diese Krawallmacher und Pöbler bekommen seit Monaten mehr Aufmerksamkeit als alle Krippenkinder in diesem Land. Es reicht.

Müde sein

Dieser Frühling hat mir etwas Feines mitgebracht: Grippe, entzündete Mandeln, bellenden Husten und Heiserkeit. Fieber und bleischwere Müdigkeit. Zwei Wochen wie ein nasser Lappen mal im Bett, mal auf dem Sofa. Ab und zu auch mal im Bad, aber das ist eigentlich zu anstrengend. Einfach nur hinüber. Der verbliebene Intellekt reicht gerade so für RTL 2: Da renovieren die immer Häuser, und wenn sie fertig sind, weinen alle. Immerhin, das kann ich auch.

Komisch eigentlich – warum dauert das denn so lange? Wieso habe ich keine Lust, den Lesestapel abzuarbeiten oder Strümpfe zu stricken? Ich habe den Verdacht, dass ich mich gehen lasse, und fühle mich unwohl dabei. Noch unwohler als ohnehin schon. Schließlich warten die bei der Arbeit auf mich, die können doch gar nicht ohne mich. Hoffentlich geht die Firma nicht bankrott in dieser Zeit. Was bloggen sollte ich auch mal wieder, und ein paar Geschichten schreiben. Wenn nicht jetzt, wann dann – ich habe doch Zeit. Warum verschwende ich die denn mit schlafen?

Dann irgendwann soll es wieder gehen, beschließe ich. Aber so richtig geht es nicht – es schleppt sich nur. Müde, matt und schlapp – das kann doch nicht sein? So alt bin ich doch noch nicht? Kann mal jemand den Husten wegmachen und meine Stimme ölen? Ich versuche den alten Trick mit dem Apfelwein: hilft nix. Tee aber auch nicht. Und Honig, der mir immer wieder angepriesen wird, kann ich einfach nicht leiden – damit fangen wir gar nicht erst an! Soweit unten bin ich noch nicht!

Treu und brav latsche ich jeden Tag zur Arbeit, krächze mich durch den Tag und versuche, möglichst unauffällig zu husten. Abends bin ich müde und wenn ich einen halben Kilometer gegangen bin, schwitze ich theatralisch vor mich hin. Ich muss den Dingen wohl einfach mal ihren Lauf lassen: Abwarten, ausruhen, liegen lernen. Soll ja ganz heilsam sein.

 

Fazit dieser Litanei: Es ist in meiner bunten Welt derzeit etwas ruhiger. Keine Sorge, ich lebe noch – nur derzeit etwas langsamer.

Fernsehgedanken 2 – Frauenleben

Abschlusszeugnis Haushaltungsschule

Das Puddingdiplom meiner Mutter

Wie schon erwähnt, kamen mir beim Dauerfernsehen in den letzten Tagen einige Gedanken, die ich erst mal sortieren musste. Es geht darum, wie sich das Leben an sich und für Frauen im Besonderen seit meiner Kindheit verändert hat. Solche Serien, wie wir sie um Weihnachten herum geguckt haben, zeigen ja auch immer ein kleines Stück gesellschaftliche Realität, so kitschig und plüschig die Handlung auch sein mag.

Auffällig fand ich, wie sehr sich die gezeigten Frauen noch von den dazuerfundenen Männern in ihr Leben hineinreden lassen mussten – besonders, wenn es ums Arbeiten ging. So wurde die blutjunge Krankenschwester aus der Schwarzwaldklinik, die ihren Liebsten ehelichen wollte, von der Kollegin gefragt: „Arbeitest du weiter?“ Ja, das wollte sie tun, aber allein die Frage würde unsereins heute wohl merkwürdig vorkommen. Warum sollte man aufgrund der Heirat aufhören zu arbeiten? Komische Idee …

Meine Mutter allerdings hat das getan. Sie heiratete mit 22 Jahren und hörte sofort mit der Arbeit auf. Gut, sie hatte nichts gelernt und keinen tollen Job, aber ein paar Taler mehr hätte das junge Paar schon gebrauchen können. Aber es war so üblich – im Bekanntenkreis meiner Eltern arbeitete kaum eine Frau bezahlt und wenn, dann nur geringfügig.

Nicht nur die alte Schwarzwaldklinik transportiert ein heute überkommenes Frauenbild: Auch die Patchworkfamilie in der Serie „Ich heirate eine Familie“ zeigt deutlich, wie es damals zu sein hatte: Die alleinerziehende Mutter Angi bringt sich und die Ihren durch Arbeit in einer Boutique durch, die ihr zur Hälfte gehört. Kaum verheiratet, geht das Genöle des Ehegatten los: Er verdiene doch genug, sie bekomme außerdem Unterhalt für die Kinder – warum sie denn den Anteil an der Boutique nicht verkaufen wolle? Nun, steter Tropfen höhlt den Stein, irgendwann wird Angi Hausfrau. Später steigt sie voll wieder ins Berufsleben ein, als Marketingberaterin, und verdient damit plötzlich mehr als ihr Werner. Natürlich hat sie im Gegenzug weniger Zeit. Die entsprechende Folge trägt den dramatischen Titel „Angi muss sich entscheiden!“. Dass sich auch Werner entscheiden könnte, zurückzustecken und stattdessen mehr Familienarbeit zu leisten, steht nicht zur Debatte. Und wieder gibt die Frau nach.

Ich kann mich gut an diese Gespräche zuhause erinnern: Lerne bügeln, Kind, schließlich musst du später die Hemden deines Mannes bügeln. Nun, natürlich wusste ich damals noch nicht, dass ich später einmal Single sein würde, aber eines war mir immer klar: Wenn ich einen Mann haben würde, der gerne Hemden tragen möchte, würde der schon zusehen müssen, wie er die Dinger geplättet kriegt. Es gab bei uns im Bekannten- und Verwandtenkreis auch durchaus Stimmen, die verlauten ließen, dass das Gymnasium sich für ein Mädchen nicht lohnen würde. Schließlich heiraten Mädchen und bekommen Kinder. Besser wäre für ein Mädchen eine Haushaltungsschule – so eine hat übrigens auch meine Mutter besucht, sie besaß also ein „Puddingdiplom“. Gut, dass ich auf derartige Ratschläge nie gehört habe.

Fächer Haushaltungsschule

Meine Lieblingsfächer: Plätten und Einmachen

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, finde ich, dass sich das Frauenleben und die Wahrnehmung von Frauen in der Gesellschaft sich in den letzten Jahren enorm verändert hat. Natürlich gibt es immer noch gewisse Rollenbilder und gerade in Familien ist es oft so, dass die meiste Arbeit an den Frauen und Müttern hängenbleibt – inzwischen oft zusätzlich zum Beruf. Doch heutzutage haben wir Frauen immerhin die Wahl. Es ist kein Skandal mehr, wenn eine Frau auf dem Bau arbeiten will oder gar mehr verdient als ihr Mann. Es gibt, wenn auch noch nicht ausreichend, Kinderbetreuungsplätze. Und kein Mann darf heutzutage den Arbeitsplatz seiner Frau kündigen. Umgekehrt natürlich auch nicht – das fehlte gerade noch!

Die alten Fernsehserien haben mich in den letzten Wochen oft grinsen lassen. Und doch, irgendwas ist dran an ihnen. Erinnerungen, an alte Traditionen und auch Ängste, denn Hausfrau wollte ICH ganz bestimmt nie werden. Und so empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich mir meinen Lebensweg selber wählen konnte.

Sein Kind abgeben

Postkarte

Gruß aus Laos – jedes Jahr zur „Greeting Season“

Es war wieder soweit: Die Ferien waren rum und an meiner „Lieblingsschule“, an der ich morgen immer mit dem Bus vorbeifahre, tobte der zu Schuljahresbeginn übliche „Knutsch-Heul-ich-vermiss-dich-so-Terror“. Dabei sind es nicht die Kinder, die mich in fasziniertem Grauen immer wieder zum Schultor starren lassen, sondern die gramgebeugten Eltern. Ich habe mich darüber schon ausgiebig ausgelassen, meinen Einstellung zu diesen Knutsch-Orgien vor der Schule sollte bekannt sein. Es gibt jedoch etwas, das mich immer mal wieder daran zurückdenken und Vergleiche ziehen lässt.

Wie ich schonmal erwähnt habe, habe ich zwei SOS-Patenkinder in Laos, einen Jungen im Grundschulalter und ein kleineres Mädchen. Jedes Jahr erhalte ich zwei Mal für jedes der Kinder einen kleinen Bericht sowie ein Foto, oft von den Kindern zusammen mit ihrer Kinderdorffamilie oder in ihrer Klasse. Beide Kinder haben Glück, dass sie im Kinderdorf aufgenommen werden konnten und dort eine solide Ausbildung bekommen werden, was in Laos alles andere als üblich ist – viele lernen dort nicht einmal lesen. Glück im Unglück also, denn der kleine Junge ist Vollwaise, das Mädchen Halbwaise. Es hat noch seine Mutter – und das ist es, was mich schon oft nachdenklich werden ließ.

Als ich Bescheid bekam, dass dieses kleine Mädchen als Patenkind für mich ausgesucht wurde, erhielt ich ein etwas längeres Schreiben über die Umstände, durch die das Kind in das Kinderdorf kam: Der Vater war verstorben und die Mutter, die anscheinend sehr viele Kinder hatte, konnte diese nicht mehr alle ernähren. Sie entschied sich also, einen Teil der Kinder abzugeben, um sie versorgt zu wissen und sich besser um die bei ihr bleibenden Kinder kümmern zu können. Eine rationale Entscheidung also? Getrieben von Liebe, Fürsorge, Überlebensinstinkt? Ich habe selber keine Kinder, aber immer wieder habe ich mich gefragt, wie man das macht: Einen Teil seiner Kinder abgeben. Wie entscheidet man sich denn dafür, welche man abgibt? Nimmt man die Kleinsten, weil sie sich vielleicht noch am besten an eine neue Familie gewöhnen können? Nimmt man die Großen, weil man denen schon erklären kann, warum dieser Schritt notwendig ist? Oder behält man gerade die Großen bei sich, weil die schon aus dem Gröbsten raus sind? Was macht man mit dem Lieblingskind – und niemand möge mir nun erklären, dass es das nicht gibt – behält man es bei sich, um es um sich zu haben, oder gibt man es ab, weil es im Kinderdorf vielleicht die bessere Ausbildung bekommen kann? Wie teilt eine Mutter ihre Kinder auf?

Mein kleines Patenkind war noch nicht mal vier, als es ins Kinderdorf kam. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das war, es die Mutter mit dem Kind und vielleicht noch einigen Geschwistern an der Hand im Kinderdorf ankam und alleine wieder ging. Ich habe vollstes Verständnis für jede Träne, die an diesem Tag geflossen ist. „Sie weint noch viel“, stand über mein Patenkind im Einführungsbrief. Inzwischen wird die Kleine als fröhliches Kind beschrieben und sieht auch so aus. Ich hoffe, dass ihre Mutter das weiß.