Vor 30 Jahren …

Bei uns im Garten, in meinem Abi-T-Shirt.

Heute Morgen hörte ich im Morgenmagazin, das im Zimmer herumdudelte, während ich mich anzog, dass die sog. „Reichskristallnacht“ heute 80 Jahre her sei. Kristallnacht – natürlich ist das ein viel zu schöner Name für derartig abscheuliche Verbrechen. Und obwohl ich eigentlich immer geschichtlich interessiert bin, konnte mich das Thema nicht so recht fesseln.

Denn heute dachte ich an diesen Tag vor dreißig Jahren. Damals war diese fürchterliche Nacht 50 Jahre her und ich hörte viel über sie im Radio. Einen Fernseher hatte ich nicht. Ich lag nämlich im Krankenhaus, war gerade frisch operiert worden und es ging mir, freundlich ausgedrückt, bescheiden. Das kleine Krankenhausradio lenkte ich nur notdürftig von meinem Elend ab.

Am Tag zuvor war meine Mutter mit mir zunächst zum Arzt, dann in die Notaufnahme des Krankenhauses gefahren. Lähmungsescheinungen im rechten Bein, Taubheitsgefühle, schnell zunehmend. Keine Schmerzen. Nur das Gefühl, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Heute hätte man mich wahrscheinlich gleich mal „in die Röhre“ geschoben und geguckt, was da los ist. 1988 guckte man betroffen, sagte mir, ich solle Bescheid geben, wenn ich nicht mehr auf’s Klo könne oder das andere Bein auch noch gefühllos würde und gab mir ein gemütliches Dreibettzimmer in der Neurologie.

Da lag ich also, mit einem Bein, dass sich wie ein kalter, gummiartiger Fremdkörper anfühlte. Immer wieder piekte ich ins andere Bein – lebte es noch?  Und immer wieder humpelte ich zum Klo, um zu gucken, ob das noch ging. An Schlaf war nicht zu denken. Und so fügte es sich gut, dass ich sehr früh am nächsten Morgen zu weiteren Untersuchungen gefahren wurde. Man fand – oder besser, vermutete – einen Bandscheibenvorfall, der zwar klein war, aber so bekloppt lag, dass er die Nerven des rechten Beins abdrückte. Wahrscheinlich als Folge eines Treppensturzes einige Wochen zuvor. Man empfahl eine schnelle Operation, denn so giftig, wie sich die Malaise darstellte, glaubte man nicht, dass man konventionell noch etwas ausrichten könne.

Ich war ein halbes Jahr zuvor volljährig geworden und krakelte voller Zuversicht meine Unterschrift unter alle nötigen Dokumente. Auf die Idee, meiner Familie zumindest Bescheid zu geben, kam ich gar nicht. Auch nicht, mich mit jemandem zu beraten. Für mich war die Lage eindeutig: So konnte das auf keinen Fall bleiben. Das musste gerichtet werden, und zwar flott. Das war sicherlich ein bisschen naiv, aber heute bin ich recht froh über diese jugendliche Unbedarftheit.

Als meine Mutter einige Stunden später im Krankenhaus anrief, um nachzufragen, ob die Tochter eigentlich noch lebe und ob bei den Untersuchungen irgendwas herausgekommen sei, lag ich bereits im Aufwachraum. Ich fror entsetzlich, hatte immer noch kein Gefühl im Bein und hatte erfolgreich einen Assistenzarzt vollgekotzt („Ach nein, Ihnen wird nicht schlecht“, hatte der Klugscheißer mich belehrt, anstatt mir einfach schnell eine Schale unterzuklemmen oder zumindest einen Schritt zurückzutreten). Außerdem gab es eine ziemlich große Narbe im Rücken – lag halt doof, die Sache. Ich fühlte mich bedauernswert. Noch mehr, als die Familie kam und guckte, als läge ich im Sterben.

Das Gefühl, der bemitleidenswerteste Mensch auf Erden zu sein, hielt recht lange an. Tut ja auch weh, sowas. Und es zog sich. Fast ein halbes Jahr dauerte es, bis mein Bein wieder tat, was es sollte, und ich nicht mehr wie ein besoffener Elefant durch die Gegend polterte. Im Nachhinein war es wohl gut, dass die Entscheidung für die Operation damals so schnell gefällt wurde. Denn hätte ich geahnt, was da noch hinterher kommt – Reha in zwei Kliniken, in denen nur uralte Leute über 30 waren – hätte ich mich bestimmt nicht sofort dazu durchringen können und mich wochenlang davor gegräuselt.

Das Abitur konnte ich in dem Jahr nicht wie geplant machen. Ich wiederholte ein Jahr, oder besser, ein halbes, denn die erste Hälfte versäumte ich fast ganz. Und so ganz langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich feststellen muss, dass ich damals wohl doch nicht ganz so viel Pech hatte, wie es sich zunächst anfühlte. Es hat ja jede Sache zwei Seiten.

Letztes Jahr auf einer Lesung

Denn im Grunde ist es alles recht gut gelaufen damals. Gesundheitlich ging es mir irgendwann wieder recht gut, auch wenn es bestimmt zwei Jahre dauerte, bis ich wieder auf Zehenspitzen laufen konnte. Das war zu verschmerzen, denn so oft braucht man das ja nicht. Der neue Jahrgang in der Schule war sehr nett, ich fand schnell Anschluss. Das Abitur wurde ganz gut und ich fand gleich eine gute Lehrstelle – ein Jahr zuvor hatte ich noch gar nicht gewusst, was ich eigentlich machen wollte. Es war, als hätte sich die Tatsache, dass ich ein Mal eine ganz und gar eigene Entscheidung getroffen hatte, irgendwie durchgeschlagen – so nach dem Motto: „Geht doch. Bin jetzt erwachsen.“

Und heute? Nun, ein hüpfendes Reh bin ich nicht, dazu habe ich aber auch gar nicht die Figur. Die Narbe im Kreuz sieht beeindruckend aus und die Stelle ist arg steif, tut aber meistens nicht weh. Das ist weit mehr, als ich mir erhofft habe, und sehr viel besser, als ich es bei vielen Kollegen in meinem Alter sehe. Heute bin ich auf meinen eigenen zwei Beinen ein ganzes Stück gelaufen und wenn ich gewollt hätte, hätte ich auch auf den Zehen herumstolzieren können.

Und sonst? Im Grunde verdanke ich meinen guten Freund Harry diesem blöden Bandscheibenschaden – den hätte ich sonst wohl gar nicht kennengelernt. Und auch die lustige Kohlfahrtsrunde hat ihre Wurzeln in dem damaligen Abiturjahrgang. Da habe ich einen wirklich guten Fang gemacht. Außerdem wusste ich nach einem halben Jahr, in dem ich zu nicht viel zu gebrauchen war, auf welche der alten Freunde ich mich verlassen konnte und auf welche eher nicht. Das ist eine ganz schön hilfreiche Erkenntnis. Und wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich ein Jahr früher meinen Schulabschluss gemacht hätte?

Alles in allem kann ich wohl sagen, dass ich vor dreißig Jahren ziemliches Glück hatte. Alles gut. Haken dran. Es fühlte sich ganz gut an, heute beim Spazieren gehen darüber nachzudenken.

Schön ausgedrückt: Besorgte Bürger

Deutsche Fahne, Flagge, schwarz-rot-gold

Bild zur Verfügung gestellt von Timo Klostermeier, http://www.pixelio.de

In dieser Folge der Reihe „Schön ausgedrückt“ möchte ich mich einmal um eine Begriffsklärung bemühen. Denn derzeit fallen mir starke Unsauberkeiten im Ausdruck auf, und das gefällt mir ganz und gar nicht. Besonders stark ist dies beim Ausdruck „Besorgte Bürger“.

Fangen wir ganz einfach an: Ein Bürger ist laut Duden ein Angehöriger eines Staates oder einer Gemeinde, aber auch ein „Angehöriger des bestimmten Traditionen verhafteten Mittelstandes“. So weit, so gut, das ist erst mal nicht schwer.

Auch der Teil mit der Sorge ist einfach zu verstehen: Besorgt ist jemand, der „von Sorge erfüllt ist“ oder auch „von Fürsorge für jemanden/etwas erfüllt ist“. Das sind also Leute, die sich Gedanken machen, um sich selbst oder um andere, und denen nicht ganz wohl ist bei diesen Gedanken. Sie haben Befürchtungen, dass etwas nicht richtig laufen könnte, dass sie etwas nicht erreichen können, dass die Umstände sich zu ihren Ungunsten verändern. Das ist legitim und sollte thematisiert werden.

Beispiele für besorgte Bürger gibt es viele:

  • Die Mutter, die sich Gedanken macht, ob ihre Kinder die bestmögliche Ausbildung bekommen können, obwohl sie kaum das Geld hat, ihnen die nötigen Schulsachen zu kaufen.
  • Der alte Mann, dessen Miete so gestiegen ist, dass er kaum noch etwas von seiner Rente zum Leben übrig hat.
  • Die Lehrerin, die in ihrer Klasse neben 20 unauffälligen Schülern auch fünf verhaltensauffällige Kinder hat und nicht allen gerecht werden kann.
  • Der Rettungssanitäter, der nie weiß, wann er wieder auf eine irrational entfesselte Meute treffen wird, die ihn bei seiner Arbeit behindert oder gar angreift.
  • Der Schuldirektor, der in Kürze in den Ruhestand gehen wird und weiß, dass es für ihn keinen Nachfolger geben wird.
  • Die Kellnerin, die bald nach einem langen Arbeitsleben in Rente gehen wird und schon jetzt weiß, dass sie von ihrer Rente nicht wird leben können.
  • Der ältere Herr, der sich von den Parteien nicht mehr so recht vertreten fühlt, der aber trotzdem zur Wahl geht, um das kleinste Übel zu wählen und das schlimmste zu verhindern.
  • Und auch: Die alte Dame, auf deren Flur plötzlich nur noch Ausländer wohnen, die sie nicht versteht und deren Kultur ihr fremd ist.

All diese Menschen sind besorgt, zurecht, zumindest von ihrer Warte aus. Es sind anständige Menschen, mit denen man reden kann, die Gesprächen gegenüber offen sind und die, obwohl sie unzufrieden oder ängstlich sind, nicht auf die Idee kämen, andere Menschen zu bedrohen oder zu beleidigen. Anständige Menschen, die es nicht verdient haben, mit anderen, die sich ebenfalls als besorgte Bürger bezeichnen, in einen Topf geworfen zu werden.

Die Abgrenzung der ehrbaren besorgten Bürger zu anderen Gruppen ist nicht so schwierig. Ich will versuchen, das an einigen Beispielen zu verdeutlichen:

  • Der (inzwischen versetzte) LKA-Mitarbeiter (#Hutbürger), der bei einem Aufmarsch von Rechtsradikalen mitlief und dort ein Journalistenteam beschimpfte und bei der Arbeit behinderte, ist kein besorgter Bürger, sondern jemand mit rechtsradikalen Neigungen und Problemen mit dem Grundgesetz (Art. 5 GG regelt ein hohes Gut in unserem Land: die Pressefreiheit).
  • Menschen, die im Internet gegen Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund mit oder ohne deutschen Pass hetzen, sind keine besorgten Bürger, sondern Rassisten.

Aus Wikipedia: Rassismus ist eine Gesinnung oder Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine gemeinsame Abstammung vermuten lassen – als sogenannte „Rasse“ kategorisiert und beurteilt werden. Die zur Abgrenzung herangezogenen Merkmale wie Hautfarbe, Körpergröße oder Sprache – aber auch kulturelle Merkmale wie Kleidung oder Bräuche – werden in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlicher und bestimmender Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften gedeutet und nach Wertigkeit eingeteilt. Dabei betrachten Rassisten alle Menschen, die ihren eigenen Merkmalen möglichst ähnlich sind, grundsätzlich als höherwertig, während alle anderen (oftmals abgestuft) als geringerwertig diskriminiert werden. Mit solchen Rassentheorien, die angeblich wissenschaftlich untermauert sind, wurden und werden diverse Handlungen gerechtfertigt, die den heute angewandten allgemeinen Menschenrechten widersprechen.

  • Gleiches gilt für Leute, die in einer Diskussion um Wohnungen für Flüchtlinge von diesen nur als „Messerstecher“ oder „strammen Afrikanern, auf die sich die deutschen Frauen schon mal freuen können“ sprechen.
  • Die Menschen, die durch Städte ziehen, Sprüche grölen wie „Ausländer raus“ oder „Deutschland den Deutschen“ sind keine besorgten Bürger, sondern Rechtsradikale, Rechtsextremisten oder einfach Nazis.

Aus Wikipedia: Rechtsextremismusdient als Sammelbezeichnung, um neofaschistische, neonazistische oder ultra-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten zu beschreiben. Deren gemeinsamer Kern ist die Orientierung an der ethnischen Zugehörigkeit, die Infragestellung der rechtlichen Gleichheit der Menschen sowie ein antipluralistisches, antidemokratisches und autoritär geprägtes Gesellschaftsverständnis. Politischen Ausdruck findet dies in Bemühungen, den Nationalstaat zu einer autoritär geführten „Volksgemeinschaft“ umzugestalten. Der Begriff „Volk“ wird dabei rassistisch oder ethnopluralistisch gedeutet.

Reichstag, deutsche Fahne, Flagge

Bild zur Befügung gestellt von Denis Geier, http://www.pixelio.de

  • Menschen, die den Hitlergruß zeigen, sind keine besorgten Bürger, sondern Kriminelle, also laut Duden jemand, der straffällig geworden ist, eine Straftat oder ein Verbrechen begangen hat. Umgangssprachlich bezeichnet man so jemanden auch als Verbrecher.
  • Gleiches gilt für die Personen, die andere Menschen durch die Stadt jagen in der Absicht, diese zu verletzen.
  • Gleiches gilt ebenfalls für Menschen, die einen anderen ohne Notwehrsituation mit Waffen bedrohen, angreifen, verletzen, töten. Dabei ist es nicht von Bedeutung, welche Nationalität Täter und Opfer haben. Es gibt keinerlei Gründe, die so etwas rechtfertigen.
  • Ein öffentlich Angestellter, der einen Haftbefehl in den sozialen Medien verbreitet, ist kein besorgter Bürger, sondern begeht eine Straftat und gehört dafür bestraft.
  • Menschen, die angesichts der Krawalle in Chemnitz Beifall klatschen oder Jubeln, sind keine besorgten Bürger, sondern zumindest Unterstützer dieser Verbrecher, wenn nicht sogar Mittäter.
  • Menschen, die sich wie die alte Dame in Chemnitz grinsend vor eine Kamera stellen und behaupten, Frau Merkel sei schuld an den Krawallen, die habe die ganzen Ausländer ja schließlich geholt, sind zumindest Mitläufer und somit Unterstützer der Kriminellen, auf keinen Fall aber besorgte Bürgerin.
Deutsche Fahne, Flagge, schwarz-rot-gold

Bild zur Verfügung gestellt von Timo Klostermeier, http://www.pixelio.de

Und zum Abschluss noch ein paar Personen, die meines Erachtens erwähnt werden müssen:

  • Polizisten, die Täter schützen und sich gegen Opfer stellen, sind keine besorgten Bürger, sondern haben den falschen Beruf. Im Gegensatz dazu sind Polizisten, die sich trotz riesiger Übermacht gegen den Pöbel stellen und versuchen, Opfer zu schützen und das Schlimmste zu verhindern, wahre Helden, denen man gar nicht genug danken kann. Das gilt natürlich für Männer und Frauen. Ich bewundere diesen unglaublichen Mut und dieses Engagement. Es ist eine Schande, wie diese Personengruppe in diesem Land behandelt und verschlissen wird.

Aus dem Duden: Held

  • (Mythologie) durch große und kühne Taten besonders in Kampf und Krieg sich auszeichnender Mann edler Abkunft (um den Mythen und Sagen entstanden sind)
  • jemand, der sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die ihm Bewunderung einträgt
  • jemand, der sich durch außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg auszeichnet und durch sein Verhalten zum Vorbild [gemacht] wird
  • Ein Ministerpräsident, der das offensichtliche Problem mit Rechtsradikalen in seinem Bundesland leugnet und in den sozialen Medien eine Behinderung der Pressefreiheit als korrekte Handlung darstellt, hat seinen Beruf verfehlt und sollte sich einen anderen Wirkungskreis suchen. Es werden dringend Paketausträger gesucht.
  • Eine „Partei“, die nur hetzt, keinerlei konstruktive Beiträge einbringt und deren „Abgeordnete“ debil genug sind, Artikel des Postillon für ihre rechtsradikalen Argumentationen zu verwenden, hat in den Parlamenten nichts zu suchen und sollte vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Wenn der Verfassungsschutz sich denn dazu durchringen kann …
  • Ein Innenminister, der die angespannte Stimmung im Land durch immer neue fremdenfeindliche Äußerungen immer weiter anheizt, zu gewalttätigen Krawallen dann aber schweigt, ist untragbar. Ein Begriff für ihn, den ich hier veröffentlichen möchte, fällt mir nicht ein. Dies ist ein anständiges Blog, Schimpfworte haben hier keinen Platz.

 

Nachtrag: Es bleibt dabei, dass meine bunte Welt eigentlich ein unpolitisches Blog sein soll. Es ist nur so, dass mir derzeit manchmal die Galle hochkommt. Immer, wenn es heißt, dass man mit diesen Leuten doch nur reden müsse, werde ich ranzig. Diese Krawallmacher und Pöbler bekommen seit Monaten mehr Aufmerksamkeit als alle Krippenkinder in diesem Land. Es reicht.

Müde sein

Dieser Frühling hat mir etwas Feines mitgebracht: Grippe, entzündete Mandeln, bellenden Husten und Heiserkeit. Fieber und bleischwere Müdigkeit. Zwei Wochen wie ein nasser Lappen mal im Bett, mal auf dem Sofa. Ab und zu auch mal im Bad, aber das ist eigentlich zu anstrengend. Einfach nur hinüber. Der verbliebene Intellekt reicht gerade so für RTL 2: Da renovieren die immer Häuser, und wenn sie fertig sind, weinen alle. Immerhin, das kann ich auch.

Komisch eigentlich – warum dauert das denn so lange? Wieso habe ich keine Lust, den Lesestapel abzuarbeiten oder Strümpfe zu stricken? Ich habe den Verdacht, dass ich mich gehen lasse, und fühle mich unwohl dabei. Noch unwohler als ohnehin schon. Schließlich warten die bei der Arbeit auf mich, die können doch gar nicht ohne mich. Hoffentlich geht die Firma nicht bankrott in dieser Zeit. Was bloggen sollte ich auch mal wieder, und ein paar Geschichten schreiben. Wenn nicht jetzt, wann dann – ich habe doch Zeit. Warum verschwende ich die denn mit schlafen?

Dann irgendwann soll es wieder gehen, beschließe ich. Aber so richtig geht es nicht – es schleppt sich nur. Müde, matt und schlapp – das kann doch nicht sein? So alt bin ich doch noch nicht? Kann mal jemand den Husten wegmachen und meine Stimme ölen? Ich versuche den alten Trick mit dem Apfelwein: hilft nix. Tee aber auch nicht. Und Honig, der mir immer wieder angepriesen wird, kann ich einfach nicht leiden – damit fangen wir gar nicht erst an! Soweit unten bin ich noch nicht!

Treu und brav latsche ich jeden Tag zur Arbeit, krächze mich durch den Tag und versuche, möglichst unauffällig zu husten. Abends bin ich müde und wenn ich einen halben Kilometer gegangen bin, schwitze ich theatralisch vor mich hin. Ich muss den Dingen wohl einfach mal ihren Lauf lassen: Abwarten, ausruhen, liegen lernen. Soll ja ganz heilsam sein.

 

Fazit dieser Litanei: Es ist in meiner bunten Welt derzeit etwas ruhiger. Keine Sorge, ich lebe noch – nur derzeit etwas langsamer.

Fernsehgedanken 2 – Frauenleben

Abschlusszeugnis Haushaltungsschule

Das Puddingdiplom meiner Mutter

Wie schon erwähnt, kamen mir beim Dauerfernsehen in den letzten Tagen einige Gedanken, die ich erst mal sortieren musste. Es geht darum, wie sich das Leben an sich und für Frauen im Besonderen seit meiner Kindheit verändert hat. Solche Serien, wie wir sie um Weihnachten herum geguckt haben, zeigen ja auch immer ein kleines Stück gesellschaftliche Realität, so kitschig und plüschig die Handlung auch sein mag.

Auffällig fand ich, wie sehr sich die gezeigten Frauen noch von den dazuerfundenen Männern in ihr Leben hineinreden lassen mussten – besonders, wenn es ums Arbeiten ging. So wurde die blutjunge Krankenschwester aus der Schwarzwaldklinik, die ihren Liebsten ehelichen wollte, von der Kollegin gefragt: „Arbeitest du weiter?“ Ja, das wollte sie tun, aber allein die Frage würde unsereins heute wohl merkwürdig vorkommen. Warum sollte man aufgrund der Heirat aufhören zu arbeiten? Komische Idee …

Meine Mutter allerdings hat das getan. Sie heiratete mit 22 Jahren und hörte sofort mit der Arbeit auf. Gut, sie hatte nichts gelernt und keinen tollen Job, aber ein paar Taler mehr hätte das junge Paar schon gebrauchen können. Aber es war so üblich – im Bekanntenkreis meiner Eltern arbeitete kaum eine Frau bezahlt und wenn, dann nur geringfügig.

Nicht nur die alte Schwarzwaldklinik transportiert ein heute überkommenes Frauenbild: Auch die Patchworkfamilie in der Serie „Ich heirate eine Familie“ zeigt deutlich, wie es damals zu sein hatte: Die alleinerziehende Mutter Angi bringt sich und die Ihren durch Arbeit in einer Boutique durch, die ihr zur Hälfte gehört. Kaum verheiratet, geht das Genöle des Ehegatten los: Er verdiene doch genug, sie bekomme außerdem Unterhalt für die Kinder – warum sie denn den Anteil an der Boutique nicht verkaufen wolle? Nun, steter Tropfen höhlt den Stein, irgendwann wird Angi Hausfrau. Später steigt sie voll wieder ins Berufsleben ein, als Marketingberaterin, und verdient damit plötzlich mehr als ihr Werner. Natürlich hat sie im Gegenzug weniger Zeit. Die entsprechende Folge trägt den dramatischen Titel „Angi muss sich entscheiden!“. Dass sich auch Werner entscheiden könnte, zurückzustecken und stattdessen mehr Familienarbeit zu leisten, steht nicht zur Debatte. Und wieder gibt die Frau nach.

Ich kann mich gut an diese Gespräche zuhause erinnern: Lerne bügeln, Kind, schließlich musst du später die Hemden deines Mannes bügeln. Nun, natürlich wusste ich damals noch nicht, dass ich später einmal Single sein würde, aber eines war mir immer klar: Wenn ich einen Mann haben würde, der gerne Hemden tragen möchte, würde der schon zusehen müssen, wie er die Dinger geplättet kriegt. Es gab bei uns im Bekannten- und Verwandtenkreis auch durchaus Stimmen, die verlauten ließen, dass das Gymnasium sich für ein Mädchen nicht lohnen würde. Schließlich heiraten Mädchen und bekommen Kinder. Besser wäre für ein Mädchen eine Haushaltungsschule – so eine hat übrigens auch meine Mutter besucht, sie besaß also ein „Puddingdiplom“. Gut, dass ich auf derartige Ratschläge nie gehört habe.

Fächer Haushaltungsschule

Meine Lieblingsfächer: Plätten und Einmachen

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, finde ich, dass sich das Frauenleben und die Wahrnehmung von Frauen in der Gesellschaft sich in den letzten Jahren enorm verändert hat. Natürlich gibt es immer noch gewisse Rollenbilder und gerade in Familien ist es oft so, dass die meiste Arbeit an den Frauen und Müttern hängenbleibt – inzwischen oft zusätzlich zum Beruf. Doch heutzutage haben wir Frauen immerhin die Wahl. Es ist kein Skandal mehr, wenn eine Frau auf dem Bau arbeiten will oder gar mehr verdient als ihr Mann. Es gibt, wenn auch noch nicht ausreichend, Kinderbetreuungsplätze. Und kein Mann darf heutzutage den Arbeitsplatz seiner Frau kündigen. Umgekehrt natürlich auch nicht – das fehlte gerade noch!

Die alten Fernsehserien haben mich in den letzten Wochen oft grinsen lassen. Und doch, irgendwas ist dran an ihnen. Erinnerungen, an alte Traditionen und auch Ängste, denn Hausfrau wollte ICH ganz bestimmt nie werden. Und so empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich mir meinen Lebensweg selber wählen konnte.

Sein Kind abgeben

Postkarte

Gruß aus Laos – jedes Jahr zur „Greeting Season“

Es war wieder soweit: Die Ferien waren rum und an meiner „Lieblingsschule“, an der ich morgen immer mit dem Bus vorbeifahre, tobte der zu Schuljahresbeginn übliche „Knutsch-Heul-ich-vermiss-dich-so-Terror“. Dabei sind es nicht die Kinder, die mich in fasziniertem Grauen immer wieder zum Schultor starren lassen, sondern die gramgebeugten Eltern. Ich habe mich darüber schon ausgiebig ausgelassen, meinen Einstellung zu diesen Knutsch-Orgien vor der Schule sollte bekannt sein. Es gibt jedoch etwas, das mich immer mal wieder daran zurückdenken und Vergleiche ziehen lässt.

Wie ich schonmal erwähnt habe, habe ich zwei SOS-Patenkinder in Laos, einen Jungen im Grundschulalter und ein kleineres Mädchen. Jedes Jahr erhalte ich zwei Mal für jedes der Kinder einen kleinen Bericht sowie ein Foto, oft von den Kindern zusammen mit ihrer Kinderdorffamilie oder in ihrer Klasse. Beide Kinder haben Glück, dass sie im Kinderdorf aufgenommen werden konnten und dort eine solide Ausbildung bekommen werden, was in Laos alles andere als üblich ist – viele lernen dort nicht einmal lesen. Glück im Unglück also, denn der kleine Junge ist Vollwaise, das Mädchen Halbwaise. Es hat noch seine Mutter – und das ist es, was mich schon oft nachdenklich werden ließ.

Als ich Bescheid bekam, dass dieses kleine Mädchen als Patenkind für mich ausgesucht wurde, erhielt ich ein etwas längeres Schreiben über die Umstände, durch die das Kind in das Kinderdorf kam: Der Vater war verstorben und die Mutter, die anscheinend sehr viele Kinder hatte, konnte diese nicht mehr alle ernähren. Sie entschied sich also, einen Teil der Kinder abzugeben, um sie versorgt zu wissen und sich besser um die bei ihr bleibenden Kinder kümmern zu können. Eine rationale Entscheidung also? Getrieben von Liebe, Fürsorge, Überlebensinstinkt? Ich habe selber keine Kinder, aber immer wieder habe ich mich gefragt, wie man das macht: Einen Teil seiner Kinder abgeben. Wie entscheidet man sich denn dafür, welche man abgibt? Nimmt man die Kleinsten, weil sie sich vielleicht noch am besten an eine neue Familie gewöhnen können? Nimmt man die Großen, weil man denen schon erklären kann, warum dieser Schritt notwendig ist? Oder behält man gerade die Großen bei sich, weil die schon aus dem Gröbsten raus sind? Was macht man mit dem Lieblingskind – und niemand möge mir nun erklären, dass es das nicht gibt – behält man es bei sich, um es um sich zu haben, oder gibt man es ab, weil es im Kinderdorf vielleicht die bessere Ausbildung bekommen kann? Wie teilt eine Mutter ihre Kinder auf?

Mein kleines Patenkind war noch nicht mal vier, als es ins Kinderdorf kam. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das war, es die Mutter mit dem Kind und vielleicht noch einigen Geschwistern an der Hand im Kinderdorf ankam und alleine wieder ging. Ich habe vollstes Verständnis für jede Träne, die an diesem Tag geflossen ist. „Sie weint noch viel“, stand über mein Patenkind im Einführungsbrief. Inzwischen wird die Kleine als fröhliches Kind beschrieben und sieht auch so aus. Ich hoffe, dass ihre Mutter das weiß.

Fachpersonal

Diese wunderbaren, einfachen Dinge des Lebens – in Szene gesetzt von Tim Reckmann, http://www.pixelio.de

Überall ist es zu lesen: Der Fachkräftemangel kommt über uns, oder er ist sogar schon da. Zumeist bezieht man sich bei diesen düsteren Prognosen auf technische oder pflegerische Berufe, dabei gibt es doch eine Branche, da ist der Fachkräftemangel offensichtlich schon da: Bei den Bäckereiverkäufern! Also zumindest da, wo ich meine Backwaren kaufe.

Ich kaufe mein Brot und – seltener – meinen Kuchen gerne in Bio-Qualität beim Händler meines Vertrauens. Die Sachen dort sind immer lecker, halten lange (bei einem Single ja nicht unwichtig) und stellen mich rundum zufrieden. Gerade der Kuchen schmeckt zumeist deutlich besser, als er aussieht – das ist bei anderen Bäckereien leider oft andersrum. Aber manchmal frage ich mich doch, ob es da auch mal warenkundliche Schulungen gibt. Oder zumindest irgendwelche Dokumente, in denen die Mitarbeiter mal nachgucken können, was sie da überhaupt verkaufen und wie man das macht.

Natürlich ist nicht jeder Kaufakt dort merkwürdig und gerade meine „Frühmorgens-Frischkäse-Kresse-Bagel-Verkäuferin“ weiß offensichtlich, was sie da tut. Amüsant fand ich aber die Dame, die mir statt einem Rhabarberkuchen einen Apfelkuchen auflud (kann mal passieren) und dann, als ich so ein Dauergebäck mit Erdnüssen orderte, dieses nicht finden konnte. „Meinen Sie dieses?“, wies sie auf etwas mit Walnüssen. „Nein, das mit den Erdnüssen, etwas dahinter.“ Sie suchte herum: „Das da?“ „Nein, das sind ja Mandeln, warten Sie mal …“ Ich machte mich lang und zeigte ganz genau, was ich gerne haben wollte. „Ach das meinen Sie! Das sind Peanuts!“ Sie hielt das Ding hoch und nickte nachsichtig: keine Erdnüsse, Peanuts. Also gut, von mir aus auch Peanuts.

Das nächste Mal beölte ich mich, als ein Mann den jungen Verkäufer fragte, was das denn Rötliches in dem Brot da sei. Das sei ein Roggenbrot, erklärte die Fachkraft hinter der Theke, das Rote sei ein besonderer Roggen. Der Mann wirkte wenig überzeugt und ich half aus: Ich habe dieses Brot nämlich sehr oft daheim, es ist lecker und bleibt lange frisch, was unter anderem an den verarbeiteten Karotten liegt. Der gleiche Verkäufer gab einer Dame, die nach den Inhaltsstoffen eines Brotes fragte, ebenfalls vollumfänglich Auskunft: Das sei aus Getreide, verkündete er – aha.

Das riecht richtig frisch – Bild zur Verfügung gestellt von birgitH., http://www.pixelio.de

Die größte Verwunderung überkam mich jedoch, als ich kürzlich fröhlich mit meinem frischen Brot nach Hause kam und mir damit mein Abendbrot richten wollte. Ich hatte es schneiden lassen – eine Schneidemaschine gibt es nämlich auch. Ich nahm das oberste Brot raus – den Kanten (oder Knust, oder wie auch immer) und dachte „Der ist aber dick“. Naja, dicke Endstücken sind ja keine Seltenheit, aber da ich zwei Brote essen wollte, griff ich noch eines aus der Tüte. Auch so dick – mehrere Zentimeter. Stirnrunzelnd nahm ich das ganze Brot aus der Tüte und zählte fasziniert nach: Sieben Scheiben, oder besser: sieben Klafter. Der begabte junge Mann hatte mein Brot mit der schönen Schneidemaschine gleichmäßig in sieben Teile zersägt. Wahrscheinlich sehe ich so aus, als müsse ich Auflage sparen. Ich versuchte, die Brocken nochmal zu spalten und entschied mich für Querstreifen. So konnte man es zumindest essen, ohne eine Maulsperre zu riskieren. Auf meine morgendliche Klappstulle verzichtete ich jedoch, das war mir zu viel Gefummel. Stattdessen kaufte ich bei eben jenem Laden mal wieder einen Kresse-Frischkäse-Bagel und bat die kompetente Morgenkraft dabei gleich, ihren Kollegen nochmal in die Benutzung der Schneidemaschine einzuweisen. Sieben Scheiben pro Brot ist zwar irgendwie lustig, isst sich aber echt nicht gut.

Fundstück 52: das Wertstoffgemisch

Mülltonne, WertstofftonneDa begegnete uns doch kürzlich auf einem Straßenfest diese wunderbare Tonne: „Wertstoffgemisch“ stand darauf zu lesen. Hinein kam allerhand Abfall, von der ketchupverschmierten Pommespappe über den Kaffeebecher bis hin zum vollgeschnaubten Papiertaschentuch war alles dabei. Es war also wirklich eine wilde Mischung, über deren Werthaltigkeit ich ehrlich gesagt nicht gerne nachdenken möchte.

Früher stand auf diesen Tonnen doch etwas anderes, nämlich „Müll“. Und ganz früher noch der Zusatz „Keine heiße Asche einfüllen“ – so auch auf dem kleinen mülltonnenförmigen Bleistiftanspitzer, den ich als Grundschulkind besaß. Das war nicht zu Kaisers Zeiten, sondern in den 70er Jahren – aber ich schweife ab.

Wann aus dem guten alten Müll das Wertstoffgemisch wurde, kann ich gar nicht genau sagen, aber dieser Ausdruck kam mir in der letzten Zeit des Öfteren unter. So auch in irgendeinem Druckerzeugnis, aus dem ich damals den schönen Satz „Die Wertstoffe werden der thermischen Verwertung zugeführt“ abgeschrieben habe. Das klingt natürlich deutlich schöner, wissenschaftlicher und vor allem umweltfreundlicher als der simple Satz“ „Der Müll wird verbrannt“. Ich habe ja immer die Sorge, dass auch meine schönen, liebevoll sortierten Tüten mit grüner-Punkt-Müll, die ich wöchentlich in die gelbe Tonne trage, nicht receycelt, sondern thermisch verwertet werden. Wahrscheinlich liege ich damit gar nicht so falsch, denn die Wiederverwertungsquote ist dem Vernehmen nach eher gering. Da hilft wohl doch nur die Wertstoffgemischvermeidung – egal, um was es sich dabei handelt. Wenn das nur nicht so schwierig wäre …

Wir haben die Wahl

Es gibt Sachen, die erledigt man nur zähneknirschend, eben weil es sein muss. Staubsaugen zum Beispiel, die scheußlichste Arbeit überhaupt, oder aufräumen. Auch im Job mache ich einige Dinge ohne große Lust – es gibt halt spannende und weniger spannende Aufgaben. Wählen gehen gehört für mich allerdings nicht zu den Dingen, die ich vermeiden möchte. Zum einen nicht, weil man sich das wirklich nett machen kann – in den letzten Jahren war ich danach immer mit ein paar Freundinnen frühstücken. Und zum anderen nicht, weil ich mich freue und stolz darauf bin, dass wir die Wahl haben. Denn das ist nicht überall der Fall, und nicht jede Wahl ist demokratisch und gerecht.

Ich habe heute meine Briefwahlunterlagen angeguckt, angekreuzelt und eingetütet. Ganz feierlich war mir dabei zumute. Noch nie habe ich Briefwahl gemacht, aber am nächsten Wochenende habe ich allerhand vor und möchte das Wählen keinesfalls verpassen. Ich weiß natürlich, dass es viele Leute gibt, die nicht wählen – aus welchen Gründen auch immer. Dazu gehöre ich nicht, und ich kann das auch nicht verstehen.

Wir haben in diesem Land in so vielen Bereichen die Wahl. Wir sind frei zu entscheiden, wo und mit wem wir leben wollen, können uns einen Beruf aussuchen, der unseren Fähigkeiten und Neigungen entgegenkommt. Wir können unsere Politiker wählen oder uns selbst politisch engagieren, können uns in Vereinen zusammentun oder unseren ganzen Garten mit Gartenzwergen vollstellen. Wir können uns auch einfach gar nicht engagieren, weder politisch noch für irgendetwas anderes, und dürfen trotzdem laut schimpfen über das, was in unseren Augen alles schlecht ist. Das ist erlaubt in diesem Land, auch wenn es niemanden weiterbringt. Wir können uns lauthals darüber beschweren, dass „die da oben“ nie das tun, was wir uns wünschen, selbst wenn wir selber seit Jahrzehnten zu bequem waren, an einem Sonntag aus dem Haus zu gehen und ein paar Kreuze zu machen. Das ist zwar irgendwie doof, aber nicht verboten. Ja, sogar blöd sein ist erlaubt in diesem Land.

Wir haben hier so viele Freiheiten, dass es dem einen oder anderen glatt zu wohl wird. Einigen passt es nicht, dass auch andere die Freiheit haben, zu sagen, was sie denken. Diese Leute, die denken, dass man anderen durch Niederschreien oder das Schmeißen von Tomaten die freie Wahl nehmen und die eigene Ansicht aufdrücken kann, haben das mit der Demokratie nicht verstanden. Das hat allerdings nicht viel mit Freiheit zu tun, sondern eher mit fehlendem Anstand. Ein eigentümlich altmodischer Begriff übrigens – ich hätte nicht gedacht, dass ich den hier mal verwenden würde. Allerdings hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal einen Beitrag über Wahlen schreiben würde.

Morgen werfe ich meinen rosa Umschlag in den Postkasten, damit meine Stimme zählt. Ich habe die Wahl, und das empfinde ich als Privileg.

Die Eilmeldung

eilig, eilt sehr

Bild zur Verfügung gestellt von Stephanie Hofschlaeger / http://www.pixelio.de

Wie viele Menschen lese ich meine Nachrichten inzwischen hauptsächlich am Handy. Gerne schaue ich zum Beispiel während der Straßenbahnfahrt nach Hause mal in Spiegel Online oder die FAZ-App rein und informiere mich darüber, was der Tag so gebracht hat. Auch die Gala-App fand ihren Weg auf mein Handy, genau wie CNN und der Focus. Es gibt also genug zu lesen. Was mich jedoch zunehmend befremdet sind die „Eilmeldungen“, die mir auf das Handy geschickt werden.

Eilmeldungen – was sind das eigentlich? In meinem Verständnis sind das Dinge, die unbedingt ganz schnell gelesen werden sollten. Aber welches Thema verdient es, zur Eilmeldung zu werden? Sind das nur politisch hochwichtige Themen, Unglücksmeldungen oder Nachrichten von großer nationaler oder internationaler Tragweite?

Ich gebe zu, dass ich das immer so verstanden hätte. Eilmeldungen, das sind wichtige Nachrichten, die Wellen schlagen und Reaktionen hervorrufen. Wenn früher eine Eilmeldung auf mein Handy kam, wappnete ich mich und war auf das Schlimmste gefasst, wenn ich sie geöffnet und gelesen habe. Was würde ich dort zum Beispiel erwarten? Passend wäre für mich so etwas wie: Angela Merkel tritt zurück. Oder: Die USA treten der Eurozone bei. Oder: Zug bei Wuppertal entgleist. Oder: die Katze erhält den Literatur-Nobelpreis. Es gibt viele Dinge, die ich mir als Eilmeldung vorstellen kann.

Andere Nachrichten empfinde ich hingegen als unpassend, wenn sie als Eilmeldung daherkommt. Zum Beispiel Todesmeldungen: So ärgerlich der Tod auch für den Verblichenen ist, er hat es nicht mehr eilig und ist auch morgen noch tot. Was soll also diese blinde Hast? Auch Klatsch und Tratsch hat meines Erachtens nichts in den Eilmeldungen zu suchen, und da ist es mir ganz egal, welches prominente Pärchen sich gerade getrennt oder die lang ersehnte Schwangerschaft verkündet hat. Unfallmeldungen aus weit entfernten Ländern brauche ich ebenfalls nicht sofort, denn sie haben mit meinem Leben erst mal nichts zu tun. Das soll nicht heißen, dass mir z. B. in Honduras umgekommene Businsassen egal sind, aber ich kann mich nicht um alles kümmern und nicht jede Information im Eiltempo verarbeiten.

Zu viele Eilmeldungen über zu beliebige Themen entwerten meiner Ansicht nach die wirklich wichtigen Nachrichten. Wir werden ohnehin schon mit Informationen und Neuigkeiten überflutet. Da reicht es mir völlig aus, wenn nur die wirklich wichtigen Dinge als eilig gekennzeichnet werden. Natürlich ist es immer ein wenig Ansichtssache, was nun wichtig ist oder nicht, aber einige Themen kann man ganz gewiss aus diesem Kreis der potentiell eiligen Nachrichten herausnehmen. Und um der Flut Herr zu werden, habe ich alle Eilmeldungen inzwischen deaktiviert – man wird ja sonst ganz dusselig dabeei.

Genauso ist es übrigens mit als „Wichtig!“ gekennzeichneten E-Mails: Findet man heraus, dass ein Kollege grundsätzlich seine Mails mit rotem Ausrufezeichen versendet, ist es ganz normal, dass dessen Nachrichten ungelesen nach unten sacken. Sollte tatsächlich einmal etwas Wichtiges dabei sein, wird es durch das zu häufig verwendete Ausrufezeichen entwertet und nicht mehr beachtet – selber schuld.

500

500, Blume, MakroNachdem WordPress mich vor Kurzem darauf aufmerksam gemacht hat, dass es meine bunte Welt schon vier Jahre gibt, ist das hier jetzt mein 500ster Beitrag. 500 Mal habe ich etwas gepostet, das mir aus irgendeinem Grunde wichtig war, und jeder Beitrag hat zumindest ein paar Leser gefunden. Als ich anfing, hatte ich Sorgen, ob ich es durchhalten würde, das Bloggen, aber eigentlich war es ganz leicht. Und es hat mich in vielerlei Hinsicht erstaunt:

  • Ich trat an, um die Welt mit meinen Geschichten zu retten. Inzwischen blogge ich auch Strickmuster und Rezepte.
  • Anfangs kannte ich jeden Leser persönlich. Das ist inzwischen nicht mehr der Fall, und das ist gut so.
  • Nie hätte ich gedacht, dass der Beitrag „Komische Gewohnheiten – draußen pinkeln“ sich zu einem derartigen Dauerläufer entwickeln würde, ebenso wie die Kurzgeschichte „Nackte Tatsachen“.
  • An einem Tag im Januar hatte ich über 4600 Seitenaufrufe. Zuerst dachte ich, der Zähler sei kaputt, aber das war er nicht: Es war der Beitrag „Die Miesmacher“, der ein so hohes Interesse hervorrief. Und natürlich das illustrierende Bild mit den Ringelsocken.
  • Immer mal wieder lasse ich mich über Kohlfahrten aus, und jedes Jahr finden diese kleinen Artikel wieder ihre Leser. Die Saison läuft von November bis März.
  • Ich freue mich über 144 Follower und darüber, mit einigen von ihnen ins Gespräch zu kommen. Kommentare sind was Wunderbares, sogar, wenn mal jemand nicht meiner Meinung ist.
  • Gerne lese ich in meinem WordPress-Reader auch die Blogs meiner Blogger-Kollegen. Es macht Spaß, erweitert meinen Horizont und ist unglaublich anregend.

Lange Rede, kurzer Sinn: Meine kleine bunte Welt bereichert mich und mein Leben. Allen Lesern und Kommentatoren herzlichen Dank, ohne Euch wäre es sinnlos. Und nun auf in die nächsten 500!

Nachtrag:

Kaum habe ich diesen Beitrag veröffentlicht, weist WordPress mich auf etwas hin. Danke, du mein treuer Technik-Freund – ich hab’s gemerkt!