Müde sein

Dieser Frühling hat mir etwas Feines mitgebracht: Grippe, entzündete Mandeln, bellenden Husten und Heiserkeit. Fieber und bleischwere Müdigkeit. Zwei Wochen wie ein nasser Lappen mal im Bett, mal auf dem Sofa. Ab und zu auch mal im Bad, aber das ist eigentlich zu anstrengend. Einfach nur hinüber. Der verbliebene Intellekt reicht gerade so für RTL 2: Da renovieren die immer Häuser, und wenn sie fertig sind, weinen alle. Immerhin, das kann ich auch.

Komisch eigentlich – warum dauert das denn so lange? Wieso habe ich keine Lust, den Lesestapel abzuarbeiten oder Strümpfe zu stricken? Ich habe den Verdacht, dass ich mich gehen lasse, und fühle mich unwohl dabei. Noch unwohler als ohnehin schon. Schließlich warten die bei der Arbeit auf mich, die können doch gar nicht ohne mich. Hoffentlich geht die Firma nicht bankrott in dieser Zeit. Was bloggen sollte ich auch mal wieder, und ein paar Geschichten schreiben. Wenn nicht jetzt, wann dann – ich habe doch Zeit. Warum verschwende ich die denn mit schlafen?

Dann irgendwann soll es wieder gehen, beschließe ich. Aber so richtig geht es nicht – es schleppt sich nur. Müde, matt und schlapp – das kann doch nicht sein? So alt bin ich doch noch nicht? Kann mal jemand den Husten wegmachen und meine Stimme ölen? Ich versuche den alten Trick mit dem Apfelwein: hilft nix. Tee aber auch nicht. Und Honig, der mir immer wieder angepriesen wird, kann ich einfach nicht leiden – damit fangen wir gar nicht erst an! Soweit unten bin ich noch nicht!

Treu und brav latsche ich jeden Tag zur Arbeit, krächze mich durch den Tag und versuche, möglichst unauffällig zu husten. Abends bin ich müde und wenn ich einen halben Kilometer gegangen bin, schwitze ich theatralisch vor mich hin. Ich muss den Dingen wohl einfach mal ihren Lauf lassen: Abwarten, ausruhen, liegen lernen. Soll ja ganz heilsam sein.

 

Fazit dieser Litanei: Es ist in meiner bunten Welt derzeit etwas ruhiger. Keine Sorge, ich lebe noch – nur derzeit etwas langsamer.

Fernsehgedanken 2 – Frauenleben

Abschlusszeugnis Haushaltungsschule

Das Puddingdiplom meiner Mutter

Wie schon erwähnt, kamen mir beim Dauerfernsehen in den letzten Tagen einige Gedanken, die ich erst mal sortieren musste. Es geht darum, wie sich das Leben an sich und für Frauen im Besonderen seit meiner Kindheit verändert hat. Solche Serien, wie wir sie um Weihnachten herum geguckt haben, zeigen ja auch immer ein kleines Stück gesellschaftliche Realität, so kitschig und plüschig die Handlung auch sein mag.

Auffällig fand ich, wie sehr sich die gezeigten Frauen noch von den dazuerfundenen Männern in ihr Leben hineinreden lassen mussten – besonders, wenn es ums Arbeiten ging. So wurde die blutjunge Krankenschwester aus der Schwarzwaldklinik, die ihren Liebsten ehelichen wollte, von der Kollegin gefragt: „Arbeitest du weiter?“ Ja, das wollte sie tun, aber allein die Frage würde unsereins heute wohl merkwürdig vorkommen. Warum sollte man aufgrund der Heirat aufhören zu arbeiten? Komische Idee …

Meine Mutter allerdings hat das getan. Sie heiratete mit 22 Jahren und hörte sofort mit der Arbeit auf. Gut, sie hatte nichts gelernt und keinen tollen Job, aber ein paar Taler mehr hätte das junge Paar schon gebrauchen können. Aber es war so üblich – im Bekanntenkreis meiner Eltern arbeitete kaum eine Frau bezahlt und wenn, dann nur geringfügig.

Nicht nur die alte Schwarzwaldklinik transportiert ein heute überkommenes Frauenbild: Auch die Patchworkfamilie in der Serie „Ich heirate eine Familie“ zeigt deutlich, wie es damals zu sein hatte: Die alleinerziehende Mutter Angi bringt sich und die Ihren durch Arbeit in einer Boutique durch, die ihr zur Hälfte gehört. Kaum verheiratet, geht das Genöle des Ehegatten los: Er verdiene doch genug, sie bekomme außerdem Unterhalt für die Kinder – warum sie denn den Anteil an der Boutique nicht verkaufen wolle? Nun, steter Tropfen höhlt den Stein, irgendwann wird Angi Hausfrau. Später steigt sie voll wieder ins Berufsleben ein, als Marketingberaterin, und verdient damit plötzlich mehr als ihr Werner. Natürlich hat sie im Gegenzug weniger Zeit. Die entsprechende Folge trägt den dramatischen Titel „Angi muss sich entscheiden!“. Dass sich auch Werner entscheiden könnte, zurückzustecken und stattdessen mehr Familienarbeit zu leisten, steht nicht zur Debatte. Und wieder gibt die Frau nach.

Ich kann mich gut an diese Gespräche zuhause erinnern: Lerne bügeln, Kind, schließlich musst du später die Hemden deines Mannes bügeln. Nun, natürlich wusste ich damals noch nicht, dass ich später einmal Single sein würde, aber eines war mir immer klar: Wenn ich einen Mann haben würde, der gerne Hemden tragen möchte, würde der schon zusehen müssen, wie er die Dinger geplättet kriegt. Es gab bei uns im Bekannten- und Verwandtenkreis auch durchaus Stimmen, die verlauten ließen, dass das Gymnasium sich für ein Mädchen nicht lohnen würde. Schließlich heiraten Mädchen und bekommen Kinder. Besser wäre für ein Mädchen eine Haushaltungsschule – so eine hat übrigens auch meine Mutter besucht, sie besaß also ein „Puddingdiplom“. Gut, dass ich auf derartige Ratschläge nie gehört habe.

Fächer Haushaltungsschule

Meine Lieblingsfächer: Plätten und Einmachen

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, finde ich, dass sich das Frauenleben und die Wahrnehmung von Frauen in der Gesellschaft sich in den letzten Jahren enorm verändert hat. Natürlich gibt es immer noch gewisse Rollenbilder und gerade in Familien ist es oft so, dass die meiste Arbeit an den Frauen und Müttern hängenbleibt – inzwischen oft zusätzlich zum Beruf. Doch heutzutage haben wir Frauen immerhin die Wahl. Es ist kein Skandal mehr, wenn eine Frau auf dem Bau arbeiten will oder gar mehr verdient als ihr Mann. Es gibt, wenn auch noch nicht ausreichend, Kinderbetreuungsplätze. Und kein Mann darf heutzutage den Arbeitsplatz seiner Frau kündigen. Umgekehrt natürlich auch nicht – das fehlte gerade noch!

Die alten Fernsehserien haben mich in den letzten Wochen oft grinsen lassen. Und doch, irgendwas ist dran an ihnen. Erinnerungen, an alte Traditionen und auch Ängste, denn Hausfrau wollte ICH ganz bestimmt nie werden. Und so empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich mir meinen Lebensweg selber wählen konnte.

Sein Kind abgeben

Postkarte

Gruß aus Laos – jedes Jahr zur „Greeting Season“

Es war wieder soweit: Die Ferien waren rum und an meiner „Lieblingsschule“, an der ich morgen immer mit dem Bus vorbeifahre, tobte der zu Schuljahresbeginn übliche „Knutsch-Heul-ich-vermiss-dich-so-Terror“. Dabei sind es nicht die Kinder, die mich in fasziniertem Grauen immer wieder zum Schultor starren lassen, sondern die gramgebeugten Eltern. Ich habe mich darüber schon ausgiebig ausgelassen, meinen Einstellung zu diesen Knutsch-Orgien vor der Schule sollte bekannt sein. Es gibt jedoch etwas, das mich immer mal wieder daran zurückdenken und Vergleiche ziehen lässt.

Wie ich schonmal erwähnt habe, habe ich zwei SOS-Patenkinder in Laos, einen Jungen im Grundschulalter und ein kleineres Mädchen. Jedes Jahr erhalte ich zwei Mal für jedes der Kinder einen kleinen Bericht sowie ein Foto, oft von den Kindern zusammen mit ihrer Kinderdorffamilie oder in ihrer Klasse. Beide Kinder haben Glück, dass sie im Kinderdorf aufgenommen werden konnten und dort eine solide Ausbildung bekommen werden, was in Laos alles andere als üblich ist – viele lernen dort nicht einmal lesen. Glück im Unglück also, denn der kleine Junge ist Vollwaise, das Mädchen Halbwaise. Es hat noch seine Mutter – und das ist es, was mich schon oft nachdenklich werden ließ.

Als ich Bescheid bekam, dass dieses kleine Mädchen als Patenkind für mich ausgesucht wurde, erhielt ich ein etwas längeres Schreiben über die Umstände, durch die das Kind in das Kinderdorf kam: Der Vater war verstorben und die Mutter, die anscheinend sehr viele Kinder hatte, konnte diese nicht mehr alle ernähren. Sie entschied sich also, einen Teil der Kinder abzugeben, um sie versorgt zu wissen und sich besser um die bei ihr bleibenden Kinder kümmern zu können. Eine rationale Entscheidung also? Getrieben von Liebe, Fürsorge, Überlebensinstinkt? Ich habe selber keine Kinder, aber immer wieder habe ich mich gefragt, wie man das macht: Einen Teil seiner Kinder abgeben. Wie entscheidet man sich denn dafür, welche man abgibt? Nimmt man die Kleinsten, weil sie sich vielleicht noch am besten an eine neue Familie gewöhnen können? Nimmt man die Großen, weil man denen schon erklären kann, warum dieser Schritt notwendig ist? Oder behält man gerade die Großen bei sich, weil die schon aus dem Gröbsten raus sind? Was macht man mit dem Lieblingskind – und niemand möge mir nun erklären, dass es das nicht gibt – behält man es bei sich, um es um sich zu haben, oder gibt man es ab, weil es im Kinderdorf vielleicht die bessere Ausbildung bekommen kann? Wie teilt eine Mutter ihre Kinder auf?

Mein kleines Patenkind war noch nicht mal vier, als es ins Kinderdorf kam. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das war, es die Mutter mit dem Kind und vielleicht noch einigen Geschwistern an der Hand im Kinderdorf ankam und alleine wieder ging. Ich habe vollstes Verständnis für jede Träne, die an diesem Tag geflossen ist. „Sie weint noch viel“, stand über mein Patenkind im Einführungsbrief. Inzwischen wird die Kleine als fröhliches Kind beschrieben und sieht auch so aus. Ich hoffe, dass ihre Mutter das weiß.

Fachpersonal

Diese wunderbaren, einfachen Dinge des Lebens – in Szene gesetzt von Tim Reckmann, http://www.pixelio.de

Überall ist es zu lesen: Der Fachkräftemangel kommt über uns, oder er ist sogar schon da. Zumeist bezieht man sich bei diesen düsteren Prognosen auf technische oder pflegerische Berufe, dabei gibt es doch eine Branche, da ist der Fachkräftemangel offensichtlich schon da: Bei den Bäckereiverkäufern! Also zumindest da, wo ich meine Backwaren kaufe.

Ich kaufe mein Brot und – seltener – meinen Kuchen gerne in Bio-Qualität beim Händler meines Vertrauens. Die Sachen dort sind immer lecker, halten lange (bei einem Single ja nicht unwichtig) und stellen mich rundum zufrieden. Gerade der Kuchen schmeckt zumeist deutlich besser, als er aussieht – das ist bei anderen Bäckereien leider oft andersrum. Aber manchmal frage ich mich doch, ob es da auch mal warenkundliche Schulungen gibt. Oder zumindest irgendwelche Dokumente, in denen die Mitarbeiter mal nachgucken können, was sie da überhaupt verkaufen und wie man das macht.

Natürlich ist nicht jeder Kaufakt dort merkwürdig und gerade meine „Frühmorgens-Frischkäse-Kresse-Bagel-Verkäuferin“ weiß offensichtlich, was sie da tut. Amüsant fand ich aber die Dame, die mir statt einem Rhabarberkuchen einen Apfelkuchen auflud (kann mal passieren) und dann, als ich so ein Dauergebäck mit Erdnüssen orderte, dieses nicht finden konnte. „Meinen Sie dieses?“, wies sie auf etwas mit Walnüssen. „Nein, das mit den Erdnüssen, etwas dahinter.“ Sie suchte herum: „Das da?“ „Nein, das sind ja Mandeln, warten Sie mal …“ Ich machte mich lang und zeigte ganz genau, was ich gerne haben wollte. „Ach das meinen Sie! Das sind Peanuts!“ Sie hielt das Ding hoch und nickte nachsichtig: keine Erdnüsse, Peanuts. Also gut, von mir aus auch Peanuts.

Das nächste Mal beölte ich mich, als ein Mann den jungen Verkäufer fragte, was das denn Rötliches in dem Brot da sei. Das sei ein Roggenbrot, erklärte die Fachkraft hinter der Theke, das Rote sei ein besonderer Roggen. Der Mann wirkte wenig überzeugt und ich half aus: Ich habe dieses Brot nämlich sehr oft daheim, es ist lecker und bleibt lange frisch, was unter anderem an den verarbeiteten Karotten liegt. Der gleiche Verkäufer gab einer Dame, die nach den Inhaltsstoffen eines Brotes fragte, ebenfalls vollumfänglich Auskunft: Das sei aus Getreide, verkündete er – aha.

Das riecht richtig frisch – Bild zur Verfügung gestellt von birgitH., http://www.pixelio.de

Die größte Verwunderung überkam mich jedoch, als ich kürzlich fröhlich mit meinem frischen Brot nach Hause kam und mir damit mein Abendbrot richten wollte. Ich hatte es schneiden lassen – eine Schneidemaschine gibt es nämlich auch. Ich nahm das oberste Brot raus – den Kanten (oder Knust, oder wie auch immer) und dachte „Der ist aber dick“. Naja, dicke Endstücken sind ja keine Seltenheit, aber da ich zwei Brote essen wollte, griff ich noch eines aus der Tüte. Auch so dick – mehrere Zentimeter. Stirnrunzelnd nahm ich das ganze Brot aus der Tüte und zählte fasziniert nach: Sieben Scheiben, oder besser: sieben Klafter. Der begabte junge Mann hatte mein Brot mit der schönen Schneidemaschine gleichmäßig in sieben Teile zersägt. Wahrscheinlich sehe ich so aus, als müsse ich Auflage sparen. Ich versuchte, die Brocken nochmal zu spalten und entschied mich für Querstreifen. So konnte man es zumindest essen, ohne eine Maulsperre zu riskieren. Auf meine morgendliche Klappstulle verzichtete ich jedoch, das war mir zu viel Gefummel. Stattdessen kaufte ich bei eben jenem Laden mal wieder einen Kresse-Frischkäse-Bagel und bat die kompetente Morgenkraft dabei gleich, ihren Kollegen nochmal in die Benutzung der Schneidemaschine einzuweisen. Sieben Scheiben pro Brot ist zwar irgendwie lustig, isst sich aber echt nicht gut.

Fundstück 52: das Wertstoffgemisch

Mülltonne, WertstofftonneDa begegnete uns doch kürzlich auf einem Straßenfest diese wunderbare Tonne: „Wertstoffgemisch“ stand darauf zu lesen. Hinein kam allerhand Abfall, von der ketchupverschmierten Pommespappe über den Kaffeebecher bis hin zum vollgeschnaubten Papiertaschentuch war alles dabei. Es war also wirklich eine wilde Mischung, über deren Werthaltigkeit ich ehrlich gesagt nicht gerne nachdenken möchte.

Früher stand auf diesen Tonnen doch etwas anderes, nämlich „Müll“. Und ganz früher noch der Zusatz „Keine heiße Asche einfüllen“ – so auch auf dem kleinen mülltonnenförmigen Bleistiftanspitzer, den ich als Grundschulkind besaß. Das war nicht zu Kaisers Zeiten, sondern in den 70er Jahren – aber ich schweife ab.

Wann aus dem guten alten Müll das Wertstoffgemisch wurde, kann ich gar nicht genau sagen, aber dieser Ausdruck kam mir in der letzten Zeit des Öfteren unter. So auch in irgendeinem Druckerzeugnis, aus dem ich damals den schönen Satz „Die Wertstoffe werden der thermischen Verwertung zugeführt“ abgeschrieben habe. Das klingt natürlich deutlich schöner, wissenschaftlicher und vor allem umweltfreundlicher als der simple Satz“ „Der Müll wird verbrannt“. Ich habe ja immer die Sorge, dass auch meine schönen, liebevoll sortierten Tüten mit grüner-Punkt-Müll, die ich wöchentlich in die gelbe Tonne trage, nicht receycelt, sondern thermisch verwertet werden. Wahrscheinlich liege ich damit gar nicht so falsch, denn die Wiederverwertungsquote ist dem Vernehmen nach eher gering. Da hilft wohl doch nur die Wertstoffgemischvermeidung – egal, um was es sich dabei handelt. Wenn das nur nicht so schwierig wäre …

Wir haben die Wahl

Es gibt Sachen, die erledigt man nur zähneknirschend, eben weil es sein muss. Staubsaugen zum Beispiel, die scheußlichste Arbeit überhaupt, oder aufräumen. Auch im Job mache ich einige Dinge ohne große Lust – es gibt halt spannende und weniger spannende Aufgaben. Wählen gehen gehört für mich allerdings nicht zu den Dingen, die ich vermeiden möchte. Zum einen nicht, weil man sich das wirklich nett machen kann – in den letzten Jahren war ich danach immer mit ein paar Freundinnen frühstücken. Und zum anderen nicht, weil ich mich freue und stolz darauf bin, dass wir die Wahl haben. Denn das ist nicht überall der Fall, und nicht jede Wahl ist demokratisch und gerecht.

Ich habe heute meine Briefwahlunterlagen angeguckt, angekreuzelt und eingetütet. Ganz feierlich war mir dabei zumute. Noch nie habe ich Briefwahl gemacht, aber am nächsten Wochenende habe ich allerhand vor und möchte das Wählen keinesfalls verpassen. Ich weiß natürlich, dass es viele Leute gibt, die nicht wählen – aus welchen Gründen auch immer. Dazu gehöre ich nicht, und ich kann das auch nicht verstehen.

Wir haben in diesem Land in so vielen Bereichen die Wahl. Wir sind frei zu entscheiden, wo und mit wem wir leben wollen, können uns einen Beruf aussuchen, der unseren Fähigkeiten und Neigungen entgegenkommt. Wir können unsere Politiker wählen oder uns selbst politisch engagieren, können uns in Vereinen zusammentun oder unseren ganzen Garten mit Gartenzwergen vollstellen. Wir können uns auch einfach gar nicht engagieren, weder politisch noch für irgendetwas anderes, und dürfen trotzdem laut schimpfen über das, was in unseren Augen alles schlecht ist. Das ist erlaubt in diesem Land, auch wenn es niemanden weiterbringt. Wir können uns lauthals darüber beschweren, dass „die da oben“ nie das tun, was wir uns wünschen, selbst wenn wir selber seit Jahrzehnten zu bequem waren, an einem Sonntag aus dem Haus zu gehen und ein paar Kreuze zu machen. Das ist zwar irgendwie doof, aber nicht verboten. Ja, sogar blöd sein ist erlaubt in diesem Land.

Wir haben hier so viele Freiheiten, dass es dem einen oder anderen glatt zu wohl wird. Einigen passt es nicht, dass auch andere die Freiheit haben, zu sagen, was sie denken. Diese Leute, die denken, dass man anderen durch Niederschreien oder das Schmeißen von Tomaten die freie Wahl nehmen und die eigene Ansicht aufdrücken kann, haben das mit der Demokratie nicht verstanden. Das hat allerdings nicht viel mit Freiheit zu tun, sondern eher mit fehlendem Anstand. Ein eigentümlich altmodischer Begriff übrigens – ich hätte nicht gedacht, dass ich den hier mal verwenden würde. Allerdings hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal einen Beitrag über Wahlen schreiben würde.

Morgen werfe ich meinen rosa Umschlag in den Postkasten, damit meine Stimme zählt. Ich habe die Wahl, und das empfinde ich als Privileg.

Die Eilmeldung

eilig, eilt sehr

Bild zur Verfügung gestellt von Stephanie Hofschlaeger / http://www.pixelio.de

Wie viele Menschen lese ich meine Nachrichten inzwischen hauptsächlich am Handy. Gerne schaue ich zum Beispiel während der Straßenbahnfahrt nach Hause mal in Spiegel Online oder die FAZ-App rein und informiere mich darüber, was der Tag so gebracht hat. Auch die Gala-App fand ihren Weg auf mein Handy, genau wie CNN und der Focus. Es gibt also genug zu lesen. Was mich jedoch zunehmend befremdet sind die „Eilmeldungen“, die mir auf das Handy geschickt werden.

Eilmeldungen – was sind das eigentlich? In meinem Verständnis sind das Dinge, die unbedingt ganz schnell gelesen werden sollten. Aber welches Thema verdient es, zur Eilmeldung zu werden? Sind das nur politisch hochwichtige Themen, Unglücksmeldungen oder Nachrichten von großer nationaler oder internationaler Tragweite?

Ich gebe zu, dass ich das immer so verstanden hätte. Eilmeldungen, das sind wichtige Nachrichten, die Wellen schlagen und Reaktionen hervorrufen. Wenn früher eine Eilmeldung auf mein Handy kam, wappnete ich mich und war auf das Schlimmste gefasst, wenn ich sie geöffnet und gelesen habe. Was würde ich dort zum Beispiel erwarten? Passend wäre für mich so etwas wie: Angela Merkel tritt zurück. Oder: Die USA treten der Eurozone bei. Oder: Zug bei Wuppertal entgleist. Oder: die Katze erhält den Literatur-Nobelpreis. Es gibt viele Dinge, die ich mir als Eilmeldung vorstellen kann.

Andere Nachrichten empfinde ich hingegen als unpassend, wenn sie als Eilmeldung daherkommt. Zum Beispiel Todesmeldungen: So ärgerlich der Tod auch für den Verblichenen ist, er hat es nicht mehr eilig und ist auch morgen noch tot. Was soll also diese blinde Hast? Auch Klatsch und Tratsch hat meines Erachtens nichts in den Eilmeldungen zu suchen, und da ist es mir ganz egal, welches prominente Pärchen sich gerade getrennt oder die lang ersehnte Schwangerschaft verkündet hat. Unfallmeldungen aus weit entfernten Ländern brauche ich ebenfalls nicht sofort, denn sie haben mit meinem Leben erst mal nichts zu tun. Das soll nicht heißen, dass mir z. B. in Honduras umgekommene Businsassen egal sind, aber ich kann mich nicht um alles kümmern und nicht jede Information im Eiltempo verarbeiten.

Zu viele Eilmeldungen über zu beliebige Themen entwerten meiner Ansicht nach die wirklich wichtigen Nachrichten. Wir werden ohnehin schon mit Informationen und Neuigkeiten überflutet. Da reicht es mir völlig aus, wenn nur die wirklich wichtigen Dinge als eilig gekennzeichnet werden. Natürlich ist es immer ein wenig Ansichtssache, was nun wichtig ist oder nicht, aber einige Themen kann man ganz gewiss aus diesem Kreis der potentiell eiligen Nachrichten herausnehmen. Und um der Flut Herr zu werden, habe ich alle Eilmeldungen inzwischen deaktiviert – man wird ja sonst ganz dusselig dabeei.

Genauso ist es übrigens mit als „Wichtig!“ gekennzeichneten E-Mails: Findet man heraus, dass ein Kollege grundsätzlich seine Mails mit rotem Ausrufezeichen versendet, ist es ganz normal, dass dessen Nachrichten ungelesen nach unten sacken. Sollte tatsächlich einmal etwas Wichtiges dabei sein, wird es durch das zu häufig verwendete Ausrufezeichen entwertet und nicht mehr beachtet – selber schuld.

500

500, Blume, MakroNachdem WordPress mich vor Kurzem darauf aufmerksam gemacht hat, dass es meine bunte Welt schon vier Jahre gibt, ist das hier jetzt mein 500ster Beitrag. 500 Mal habe ich etwas gepostet, das mir aus irgendeinem Grunde wichtig war, und jeder Beitrag hat zumindest ein paar Leser gefunden. Als ich anfing, hatte ich Sorgen, ob ich es durchhalten würde, das Bloggen, aber eigentlich war es ganz leicht. Und es hat mich in vielerlei Hinsicht erstaunt:

  • Ich trat an, um die Welt mit meinen Geschichten zu retten. Inzwischen blogge ich auch Strickmuster und Rezepte.
  • Anfangs kannte ich jeden Leser persönlich. Das ist inzwischen nicht mehr der Fall, und das ist gut so.
  • Nie hätte ich gedacht, dass der Beitrag „Komische Gewohnheiten – draußen pinkeln“ sich zu einem derartigen Dauerläufer entwickeln würde, ebenso wie die Kurzgeschichte „Nackte Tatsachen“.
  • An einem Tag im Januar hatte ich über 4600 Seitenaufrufe. Zuerst dachte ich, der Zähler sei kaputt, aber das war er nicht: Es war der Beitrag „Die Miesmacher“, der ein so hohes Interesse hervorrief. Und natürlich das illustrierende Bild mit den Ringelsocken.
  • Immer mal wieder lasse ich mich über Kohlfahrten aus, und jedes Jahr finden diese kleinen Artikel wieder ihre Leser. Die Saison läuft von November bis März.
  • Ich freue mich über 144 Follower und darüber, mit einigen von ihnen ins Gespräch zu kommen. Kommentare sind was Wunderbares, sogar, wenn mal jemand nicht meiner Meinung ist.
  • Gerne lese ich in meinem WordPress-Reader auch die Blogs meiner Blogger-Kollegen. Es macht Spaß, erweitert meinen Horizont und ist unglaublich anregend.

Lange Rede, kurzer Sinn: Meine kleine bunte Welt bereichert mich und mein Leben. Allen Lesern und Kommentatoren herzlichen Dank, ohne Euch wäre es sinnlos. Und nun auf in die nächsten 500!

Nachtrag:

Kaum habe ich diesen Beitrag veröffentlicht, weist WordPress mich auf etwas hin. Danke, du mein treuer Technik-Freund – ich hab’s gemerkt!

Irgendeiner räumt das schon weg

Schild MüllkippeWie schon ab und zu mal erwähnt, bin ich kein ordentlicher Mensch. In meiner Wohnung liegt oft Kram herum und wenn man einen schlechten Tag erwischt, kann man in meinem Flur durchaus über riesenhafte Wollmäuse stolpern. Das ist für mich kein Drama, denn das ist meine Wohnung, die muss nur mir gefallen. Genauso ist es mir egal, wie es in anderer Leut’s Wohnung aussieht.

Was mich jedoch ärgert – und da weiß ich nicht, ob das am zunehmenden Alter liegt oder doch in einer Art tief verwurzelten Ordnungssinn – sind Leute, die außerhalb ihrer eigenen vier Wände alles hinschmeißen, liegen lassen, von anderen wegmachen lassen. Und dabei ist es in Deutschland sogar schon sauberer geworden als früher, zumindest kommt es mir so vor, wenn ich die heutige Realität mit meinen Kindheitserinnerungen vergleiche. Damals lagen überall Zigarettenschachteln und Eisstängel herum, von massenweise Hundehaufen ganz zu schweigen.

Trotzdem kann ich mich über Vieles nur wundern oder auch ärgern: Zum Beispiel über die Stehtische auf irgendwelchen Festchen, die allesamt immer voll sind mit Müll, obwohl es ausreichend Mülleimer gibt, in denen man die Pommespappen oder Kaffeebecher entsorgen könnte. Ein wildes Beispiel war der Sachsenhäuser Weihnachtsmarkt: Gerade hatte die ewige Antje, die sehr ordnungsliebend ist, unseren Tisch entmüllt, kam eine Frau heran, stellte ihren Dreck vor uns ab und schickte sich an, wieder zu gehen. Nach einer Sekunde der Verblüffung griff ich mir das Zeug und die Frau und gab ihr den Unrat mit einigen kernigen Worten wieder mit – ich glaub‘ es hackt. Im Restaurant stelle ich doch meine Schmutzteller auch nicht auf den Tisch vor die Nasen anderer Leute, die da gerade essen. Warum sie den Tisch mit einem Mülleimer verwechselt hatte, konnte mir die Gute auf Nachfrage gar nicht sagen, aber offensichtlich ging sie davon aus, dass irgendwer das schon wegmachen würde. Ich habe sie wohl einigermaßen beeindruckt, ihrem verschreckten Gesichtsausdruck zufolge überlegt sie sich künftig zweimal, ob sie andere Leute zumüllt.

Erstaunlich finde ich, dass es nicht immer nur die viel geschimpften Jugendlichen sind, die ihren Kram unachtsam in der Bahn liegen lassen oder neben der Mülltonne entsorgen. Immer öfter fallen mir auch Menschen in meinem Alter auf, die keine Hemmungen haben, ihren Kram einfach auf Tischen stehen zu lassen oder im Zug in eine Ecke zu drücken. Mich wundert diese extreme Gegenbewegung zum Trend des „Achtsam seins“, das ja furchtbar in ist, genau wie der Ausdruck „Respekt“.  Wahrscheinlich ist es etwas Anderes, ob man von Trends redet oder sie lebt. Oder ob man Achtsamkeit und Respekt für sich einfordert oder gleiches anderen gewährt. Ich frage mich, woher das kommt. Erzogen wurden wir doch wahrscheinlich fast alle anders.

Lehrer, die begeistern …

Es gibt solche und solche Lehrer: Einige ziehen lustlos ihren Stiefel durch, leiern Jahr um Jahr den gleichen öden Stoff in immer derselben lieblosen Aufbereitung herunter. Und es gibt Lehrer, die sich ernsthaft darum bemühen, dass ihre Schüler aus dem Unterricht etwas mehr mitnehmen als nur sinnlos auswendig gelernte Details, die ohnehin gleich wieder vergessen werden: Das sind die Lehrer, die sich mehr Mühe geben oder vielleicht auch einfach talentierter sind. Und dann gibt es noch diejenigen Wundertiere unter den Lehrenden, die es verstehen, selbst unter den pubertierenden Schülern der Mittelstufe so etwas wie Begeisterung zu wecken. So eine Kollegin begegnete uns in Eckernförde an der Ostsee, und es weckte in mir dankbare Erinnerungen an Lehrer, die sich Mühe gaben und begeistern konnten.

Fleißige Schüler in Eckernförde – mit Filter „Ölgemälde“

In Eckernförde trafen wir auf eine Schulklasse, die durch das Ostseeinformationshaus (oder wie das genau heißt) gescheucht wurden. Soweit, so üblich – da müssen Schüler halt durch. Ich war da auch schon mal drin und fand es semi-spannend – ganz interessant, aber nichts, was mich direkt vom Hocker gerissen hätte. Auf die Schüler wartete im Anschluss aber noch ein besonderes Vergnügen – das sie zunächst gar nicht so empfanden: Es lagen große Kescher, verschließbare Wasserpötte und eine Art Küchensiebe bereit, in so ausreichender Anzahl, dass jeder Schüler mindestens ein Gerät „bedienen“ konnte. Und dann ging es ins Wasser: Dort am Rand bei den Steinen, wo es besonders viel Matsch und Glibber gab. Natürlich gab es spitze Schreie und Protest: „Das ist so kalt!“ oder „Da ist so viel Kacke im Wasser!“ hörten wir besonders oft. Aber die junge Lehrerin verstand es, ihre Schüler zu ermutigen, es einfach mal auszuprobieren. Und so standen nach wenigen Minuten alle Jungen und Mädchen im Wasser und stocherten herum – verhalten zunächst, dann aber mit immer größerem Eifer. Jacken wurden ausgezogen und auf Steinen zwischengeparkt, das eine oder andere Kleidungsstück musste vor dem Ertrinken gerettet werden. „Ich hab‘ was, bring mal einer einen Eimer, schnell!“, war zu hören, und jemand rannte nach einem Bottich. Ein besonders großer Kescher, viel zu schwer für ein dünnes Teenager-Mädchen, wurde von zwei poppig angezogenen Mädels kurzerhand gemeinsam bedient. Mit langen, bunt lackierten Fingernägeln wühlten sie im Dreck herum und sortierten irgendwas aus. Die Lehrerin war überall, guckte, zeigte, beriet und lachte. Es machte wirklich Spaß, der Gruppe zuzugucken, und eigentlich hätte ich ganz gerne mitgewühlt.

Mit Eifer bei der Sache – und durch Filter „Ölgemälde“ unkenntlich gemacht

Irgendwann gingen wir weiter, meine Freundin und ich, sahen uns aber immer mal wieder nach den Jugendlichen da im flachen Wasser um. Die Kälte hatten sie anscheinend ganz vergessen und nach und nach füllten sich die durchsichtigen Bottiche mit irgendwelchen Fundstücken. Ich gehe davon aus, dass größtenteils Dreck eingetuppert wurde, aber auch Dreck ist interessant, wenn man ihn unter einem Binokular betrachtet. Und hier komme ich zu meinen eigenen schönen Erinnerungen.

Auch ich hatte früher Lehrer, die mit uns mehr gemacht haben als das, was im Lehrplan stand. Wir haben Dinge ausprobiert, Versuche gemacht, im Dreck gewühlt und Sachen angefasst. Eines meiner ersten eigenen naturwissenschaftlichen Experimente war in der dritten Klasse das Sezieren eines Herings, der am gleichen Morgen im Fischgeschäft unseres Dorfes gekauft worden war. Die Fischfrau kannte das schon: Kam ein Drittklässler frühmorgens mit einer länglichen Dose und wollte einen Hering, legte sie einen ganzen hinein. Einige wenige Schüler hatten im Nachbarort gekauft und ein Filet bekommen, was sich beim Sezieren als unpraktisch erwies. Mein Hering aber war ganz, schillerte schön und hatte frische rote Kiemen, die wir herausnahmen – genau wie die Innereien. Alles lag auf Papier, stank im Klassenzimmer herum und wurde eingehend betrachtet. Nicht alle Klassen in unserer Schule haben das gemacht – es brauchte schon eine bestimmte Lehrerin, die den Fisch nicht nur auf Bildern zeigte, sondern Gestank und Geschmiere auf sich nahm und uns ein unvergessliches Erlebnis ermöglichte.

Auch andere Dinge prägten sich mir ein: Wie wir mit einem Kassettenrecorder durch den regnerischen Park rannten und Geräusche aufnahmen: Vögel, Wasser, Schritte auf Kies und Matsch. Dazu sammelten wir, was uns des Sammelns wert erschien – Kunstunterricht war das. Wir kochten Seife im Chemieunterricht, was gar nicht so leicht war – meine war leider so ätzend, dass sie die Oberfläche des Tisches beschädigte. Dafür gelang mein Alkohol, und die von mir im Bio-Unterricht gezüchteten Drosophila-Fliegen (aus zwei zusammengesperrten Männchen mit einem Weibchen, weil die Männchen oft nichts taugen, wie der Lehrer erklärte) gelangen vorbildlich und entkamen auch nicht, bevor ich sie gezählt und genau beschrieben hatte. Selbst das sezierte Kuhauge, eine freiwillige Übung, vor der ich mich eigentlich geekelt hatte, geriet zu einem Highlight meines Schullebens, weil das Auge eben gar nicht glibberig war und meine herausgefummelte Linse so besonders schön klar und prächtig war. Und auch wir nahmen einmal Wasserproben mit allem was drin war – nicht aus der Ostsee, sondern dem Zwischenahner Meer. Das war der Nachmittag, an dem fast alle freiwillig länger blieben, weil wir noch gar nicht fertig waren und noch gucken wollten, was da alles so drin war.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es kann tolle Schulerlebnisse geben, die einem lange im Gedächtnis bleiben und einem wirklich etwas mitgeben. Viele Lehrer gehen diesen Weg, der für sich sicher etwas anstrengender, für die Schüler aber so viel wertvoller ist als sinnloses Auswendiglernen. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, hatte auch ich solche und solche Lehrer – die müde Leiernden und auch die engagiert Motivierenden. Letzteren möchte ich gerne einmal danken: für ihren Schwung, ihr Engagement und all das, was sie mir ermöglicht haben.

Eine Akelei – auch aus Eckernförde, und auch als Ölgemälde getarnt.