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500, Blume, MakroNachdem WordPress mich vor Kurzem darauf aufmerksam gemacht hat, dass es meine bunte Welt schon vier Jahre gibt, ist das hier jetzt mein 500ster Beitrag. 500 Mal habe ich etwas gepostet, das mir aus irgendeinem Grunde wichtig war, und jeder Beitrag hat zumindest ein paar Leser gefunden. Als ich anfing, hatte ich Sorgen, ob ich es durchhalten würde, das Bloggen, aber eigentlich war es ganz leicht. Und es hat mich in vielerlei Hinsicht erstaunt:

  • Ich trat an, um die Welt mit meinen Geschichten zu retten. Inzwischen blogge ich auch Strickmuster und Rezepte.
  • Anfangs kannte ich jeden Leser persönlich. Das ist inzwischen nicht mehr der Fall, und das ist gut so.
  • Nie hätte ich gedacht, dass der Beitrag „Komische Gewohnheiten – draußen pinkeln“ sich zu einem derartigen Dauerläufer entwickeln würde, ebenso wie die Kurzgeschichte „Nackte Tatsachen“.
  • An einem Tag im Januar hatte ich über 4600 Seitenaufrufe. Zuerst dachte ich, der Zähler sei kaputt, aber das war er nicht: Es war der Beitrag „Die Miesmacher“, der ein so hohes Interesse hervorrief. Und natürlich das illustrierende Bild mit den Ringelsocken.
  • Immer mal wieder lasse ich mich über Kohlfahrten aus, und jedes Jahr finden diese kleinen Artikel wieder ihre Leser. Die Saison läuft von November bis März.
  • Ich freue mich über 144 Follower und darüber, mit einigen von ihnen ins Gespräch zu kommen. Kommentare sind was Wunderbares, sogar, wenn mal jemand nicht meiner Meinung ist.
  • Gerne lese ich in meinem WordPress-Reader auch die Blogs meiner Blogger-Kollegen. Es macht Spaß, erweitert meinen Horizont und ist unglaublich anregend.

Lange Rede, kurzer Sinn: Meine kleine bunte Welt bereichert mich und mein Leben. Allen Lesern und Kommentatoren herzlichen Dank, ohne Euch wäre es sinnlos. Und nun auf in die nächsten 500!

Nachtrag:

Kaum habe ich diesen Beitrag veröffentlicht, weist WordPress mich auf etwas hin. Danke, du mein treuer Technik-Freund – ich hab’s gemerkt!

Irgendeiner räumt das schon weg

Schild MüllkippeWie schon ab und zu mal erwähnt, bin ich kein ordentlicher Mensch. In meiner Wohnung liegt oft Kram herum und wenn man einen schlechten Tag erwischt, kann man in meinem Flur durchaus über riesenhafte Wollmäuse stolpern. Das ist für mich kein Drama, denn das ist meine Wohnung, die muss nur mir gefallen. Genauso ist es mir egal, wie es in anderer Leut’s Wohnung aussieht.

Was mich jedoch ärgert – und da weiß ich nicht, ob das am zunehmenden Alter liegt oder doch in einer Art tief verwurzelten Ordnungssinn – sind Leute, die außerhalb ihrer eigenen vier Wände alles hinschmeißen, liegen lassen, von anderen wegmachen lassen. Und dabei ist es in Deutschland sogar schon sauberer geworden als früher, zumindest kommt es mir so vor, wenn ich die heutige Realität mit meinen Kindheitserinnerungen vergleiche. Damals lagen überall Zigarettenschachteln und Eisstängel herum, von massenweise Hundehaufen ganz zu schweigen.

Trotzdem kann ich mich über Vieles nur wundern oder auch ärgern: Zum Beispiel über die Stehtische auf irgendwelchen Festchen, die allesamt immer voll sind mit Müll, obwohl es ausreichend Mülleimer gibt, in denen man die Pommespappen oder Kaffeebecher entsorgen könnte. Ein wildes Beispiel war der Sachsenhäuser Weihnachtsmarkt: Gerade hatte die ewige Antje, die sehr ordnungsliebend ist, unseren Tisch entmüllt, kam eine Frau heran, stellte ihren Dreck vor uns ab und schickte sich an, wieder zu gehen. Nach einer Sekunde der Verblüffung griff ich mir das Zeug und die Frau und gab ihr den Unrat mit einigen kernigen Worten wieder mit – ich glaub‘ es hackt. Im Restaurant stelle ich doch meine Schmutzteller auch nicht auf den Tisch vor die Nasen anderer Leute, die da gerade essen. Warum sie den Tisch mit einem Mülleimer verwechselt hatte, konnte mir die Gute auf Nachfrage gar nicht sagen, aber offensichtlich ging sie davon aus, dass irgendwer das schon wegmachen würde. Ich habe sie wohl einigermaßen beeindruckt, ihrem verschreckten Gesichtsausdruck zufolge überlegt sie sich künftig zweimal, ob sie andere Leute zumüllt.

Erstaunlich finde ich, dass es nicht immer nur die viel geschimpften Jugendlichen sind, die ihren Kram unachtsam in der Bahn liegen lassen oder neben der Mülltonne entsorgen. Immer öfter fallen mir auch Menschen in meinem Alter auf, die keine Hemmungen haben, ihren Kram einfach auf Tischen stehen zu lassen oder im Zug in eine Ecke zu drücken. Mich wundert diese extreme Gegenbewegung zum Trend des „Achtsam seins“, das ja furchtbar in ist, genau wie der Ausdruck „Respekt“.  Wahrscheinlich ist es etwas Anderes, ob man von Trends redet oder sie lebt. Oder ob man Achtsamkeit und Respekt für sich einfordert oder gleiches anderen gewährt. Ich frage mich, woher das kommt. Erzogen wurden wir doch wahrscheinlich fast alle anders.

Lehrer, die begeistern …

Es gibt solche und solche Lehrer: Einige ziehen lustlos ihren Stiefel durch, leiern Jahr um Jahr den gleichen öden Stoff in immer derselben lieblosen Aufbereitung herunter. Und es gibt Lehrer, die sich ernsthaft darum bemühen, dass ihre Schüler aus dem Unterricht etwas mehr mitnehmen als nur sinnlos auswendig gelernte Details, die ohnehin gleich wieder vergessen werden: Das sind die Lehrer, die sich mehr Mühe geben oder vielleicht auch einfach talentierter sind. Und dann gibt es noch diejenigen Wundertiere unter den Lehrenden, die es verstehen, selbst unter den pubertierenden Schülern der Mittelstufe so etwas wie Begeisterung zu wecken. So eine Kollegin begegnete uns in Eckernförde an der Ostsee, und es weckte in mir dankbare Erinnerungen an Lehrer, die sich Mühe gaben und begeistern konnten.

Fleißige Schüler in Eckernförde – mit Filter „Ölgemälde“

In Eckernförde trafen wir auf eine Schulklasse, die durch das Ostseeinformationshaus (oder wie das genau heißt) gescheucht wurden. Soweit, so üblich – da müssen Schüler halt durch. Ich war da auch schon mal drin und fand es semi-spannend – ganz interessant, aber nichts, was mich direkt vom Hocker gerissen hätte. Auf die Schüler wartete im Anschluss aber noch ein besonderes Vergnügen – das sie zunächst gar nicht so empfanden: Es lagen große Kescher, verschließbare Wasserpötte und eine Art Küchensiebe bereit, in so ausreichender Anzahl, dass jeder Schüler mindestens ein Gerät „bedienen“ konnte. Und dann ging es ins Wasser: Dort am Rand bei den Steinen, wo es besonders viel Matsch und Glibber gab. Natürlich gab es spitze Schreie und Protest: „Das ist so kalt!“ oder „Da ist so viel Kacke im Wasser!“ hörten wir besonders oft. Aber die junge Lehrerin verstand es, ihre Schüler zu ermutigen, es einfach mal auszuprobieren. Und so standen nach wenigen Minuten alle Jungen und Mädchen im Wasser und stocherten herum – verhalten zunächst, dann aber mit immer größerem Eifer. Jacken wurden ausgezogen und auf Steinen zwischengeparkt, das eine oder andere Kleidungsstück musste vor dem Ertrinken gerettet werden. „Ich hab‘ was, bring mal einer einen Eimer, schnell!“, war zu hören, und jemand rannte nach einem Bottich. Ein besonders großer Kescher, viel zu schwer für ein dünnes Teenager-Mädchen, wurde von zwei poppig angezogenen Mädels kurzerhand gemeinsam bedient. Mit langen, bunt lackierten Fingernägeln wühlten sie im Dreck herum und sortierten irgendwas aus. Die Lehrerin war überall, guckte, zeigte, beriet und lachte. Es machte wirklich Spaß, der Gruppe zuzugucken, und eigentlich hätte ich ganz gerne mitgewühlt.

Mit Eifer bei der Sache – und durch Filter „Ölgemälde“ unkenntlich gemacht

Irgendwann gingen wir weiter, meine Freundin und ich, sahen uns aber immer mal wieder nach den Jugendlichen da im flachen Wasser um. Die Kälte hatten sie anscheinend ganz vergessen und nach und nach füllten sich die durchsichtigen Bottiche mit irgendwelchen Fundstücken. Ich gehe davon aus, dass größtenteils Dreck eingetuppert wurde, aber auch Dreck ist interessant, wenn man ihn unter einem Binokular betrachtet. Und hier komme ich zu meinen eigenen schönen Erinnerungen.

Auch ich hatte früher Lehrer, die mit uns mehr gemacht haben als das, was im Lehrplan stand. Wir haben Dinge ausprobiert, Versuche gemacht, im Dreck gewühlt und Sachen angefasst. Eines meiner ersten eigenen naturwissenschaftlichen Experimente war in der dritten Klasse das Sezieren eines Herings, der am gleichen Morgen im Fischgeschäft unseres Dorfes gekauft worden war. Die Fischfrau kannte das schon: Kam ein Drittklässler frühmorgens mit einer länglichen Dose und wollte einen Hering, legte sie einen ganzen hinein. Einige wenige Schüler hatten im Nachbarort gekauft und ein Filet bekommen, was sich beim Sezieren als unpraktisch erwies. Mein Hering aber war ganz, schillerte schön und hatte frische rote Kiemen, die wir herausnahmen – genau wie die Innereien. Alles lag auf Papier, stank im Klassenzimmer herum und wurde eingehend betrachtet. Nicht alle Klassen in unserer Schule haben das gemacht – es brauchte schon eine bestimmte Lehrerin, die den Fisch nicht nur auf Bildern zeigte, sondern Gestank und Geschmiere auf sich nahm und uns ein unvergessliches Erlebnis ermöglichte.

Auch andere Dinge prägten sich mir ein: Wie wir mit einem Kassettenrecorder durch den regnerischen Park rannten und Geräusche aufnahmen: Vögel, Wasser, Schritte auf Kies und Matsch. Dazu sammelten wir, was uns des Sammelns wert erschien – Kunstunterricht war das. Wir kochten Seife im Chemieunterricht, was gar nicht so leicht war – meine war leider so ätzend, dass sie die Oberfläche des Tisches beschädigte. Dafür gelang mein Alkohol, und die von mir im Bio-Unterricht gezüchteten Drosophila-Fliegen (aus zwei zusammengesperrten Männchen mit einem Weibchen, weil die Männchen oft nichts taugen, wie der Lehrer erklärte) gelangen vorbildlich und entkamen auch nicht, bevor ich sie gezählt und genau beschrieben hatte. Selbst das sezierte Kuhauge, eine freiwillige Übung, vor der ich mich eigentlich geekelt hatte, geriet zu einem Highlight meines Schullebens, weil das Auge eben gar nicht glibberig war und meine herausgefummelte Linse so besonders schön klar und prächtig war. Und auch wir nahmen einmal Wasserproben mit allem was drin war – nicht aus der Ostsee, sondern dem Zwischenahner Meer. Das war der Nachmittag, an dem fast alle freiwillig länger blieben, weil wir noch gar nicht fertig waren und noch gucken wollten, was da alles so drin war.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es kann tolle Schulerlebnisse geben, die einem lange im Gedächtnis bleiben und einem wirklich etwas mitgeben. Viele Lehrer gehen diesen Weg, der für sich sicher etwas anstrengender, für die Schüler aber so viel wertvoller ist als sinnloses Auswendiglernen. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, hatte auch ich solche und solche Lehrer – die müde Leiernden und auch die engagiert Motivierenden. Letzteren möchte ich gerne einmal danken: für ihren Schwung, ihr Engagement und all das, was sie mir ermöglicht haben.

Eine Akelei – auch aus Eckernförde, und auch als Ölgemälde getarnt.

Die Miesmacher

Socken, Reste, Wollrechte, Restesocken

Restesocken – wer sie nicht mag, der möge schweigen!

Ich mag ja die sozialen Netzwerke – gerne mache ich hier und da ein bisschen mit. Viel Interessantes gibt es zu sehen, man kann sich austauschen und mit anderen seinen Hobbys nachgehen. Und gerade im Bereich eines meiner Hobbys, beim Stricken, fallen sie mir immer wieder auf: die Miesmacher. Ich denke allerdings, dass das nicht nur in den Handarbeitsgruppen so ist, sondern auch bei den Autoschraubern, den Hundebesitzern oder den Hobbyfilmern: Einige haben halt immer was zu meckern. Oder wissen es besser. Oder beides …

Natürlich geht es mir nicht darum, dass man alles toll finden sollte, was da in diesen Gruppen gezeigt wird. Manches entspricht einfach nicht dem persönlichen Geschmack. Das Schöne an diesen sozialen Netzwerken ist jedoch, dass man nicht verpflichtet ist, etwas zu einem Beitrag zu sagen – man kann sich auch mal in Schweigen hüllen. Man muss nicht mal liken – man kann die Finger einfach stillhalten.

Es geht mir auch nicht darum, dass man nichts sagen soll, wenn man gefragt wird. Wenn also in einer Strickgruppe ein Mitglied – nennen wir es „Martina“ – fragt: „Passt dieses Rot dazu oder sollte ich lieber Blau nehmen?“ kann man natürlich seine Meinung dazu sagen – sie hat ja gefragt. Immer wieder aber sagen Leute dann so etwas Aufbauendes wie „Ist eigentlich egal bei dieser billigen Polyesterwolle, das ist eh die Arbeit nicht wert“ oder „Wenn man so kräftig ist wie du, sollte man nicht auch noch so kräftige Farben tragen.“ Peng – das war bestimmt genau die Information, die Martina dringend gebraucht hat.

Oder wenn jemand ganz stolz etwas zeigt mit den Worten: „Guckt mal, mein erster Pullover“ und auf dem Bild ist eine strahlende Person in einem etwas sackartigen Gebilde zu sehen. Dann kann man natürlich schreiben, dass die Passform nicht schön ist, dass man an den Schultern hätte abnehmen können oder sollen, oder dass ein Rvo* viel schöner gewesen wäre. Man kann das aber auch lassen. Was haben denn die ewigen Miesmacher davon, irgendeiner völlig unbekannten Petra den Spaß an ihrem neuen Hobby zu verderben? Warum kann man nicht großzügig über die Macken hinwegsehen und stattdessen die schöne Farbe loben – oder eben einfach nur die Klappe halten?

Richtig gut kommt es immer, wenn die Miesmacher ihre Miesmacherei in scheinbare Höflichkeit kleiden: „Also, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber …“ Oh doch, genau das wollen sie in diesem Moment, und das wissen sie auch. Sie nehmen so richtig Anlauf, um jemandem einen Tiefschlag zu versetzen. Zack, mit Schwung, damit die andere bloß keine Freude mehr hat an dem, was sie eigentlich nur zeigen wollte. Und ich sitze dann immer da und frage mich: Warum? Wozu ist das gut?

Wie gesagt, ich erwarte nicht, dass man alles lobt und hudelt, was einem in diesen Handarbeitsgruppen gezeigt wird. Ich finde manches sogar abgrundtief scheußlich, auch wenn es vielleicht handwerklich ausgezeichnet gemacht ist. Geschmack ist verschieden, und nie würde es mir einfallen, jemandem zu erzählen, dass ich die gehäkelte grüne Küchengardine nicht leiden mag oder dass die gezeigte Mütze mich an einen Klopapierrollenüberzug erinnert. Ich muss auch nicht verkünden, dass gestrickte Wandteppiche mit Pferdemotiv für mich Staubfänger sind oder dass ich Häkelschweine für eine unnötige Erfindung halte. Über die Passformen von Kreisjacken rede ich auch nicht, auch wenn es da oft etwas dazu zu sagen gäbe. Die Leute sind mit dem, was sie mit viel Mühe hergestellt haben, glücklich, und das sollte man ihnen gönnen.

Und manchmal – ganz selten – like ich sogar etwas, das einfach nur krumm und irgendwie missraten ist. Zum Beispiel so ein windschiefer Teddybär, der rührend schielt, oder ein erstes Paar Socken, dass zwar formlos ist, aber doch der Anfang eines schönen Hobbys sein kann. Es kostet doch nicht, dann mal ein Like zu klicken – man klickt ohnehin so viel Zeug an jeden Tag.

 

*Raglan von oben

Der Sucher im Müll

Ein freier Tag unter der Woche, und dann noch bei prachtvollem Wetter – was für ein Geschenk. Gerade nach der letzten vollgepackten Zeit genieße ich es, mit einer großen Tasse Milchkaffee auf dem Balkon zu sitzen und meinen Vorrat an Blogbeiträgen wieder aufzufüllen – das wird ganz nötig Zeit. Und immer wieder lasse ich mich ein bisschen hängen, halte liebevoll meine Tasse fest und starre vor mich hin. Zeit haben – so muss ein freier Tag sein.

Meine Schreiboase im Sommer – klein, aber fein

Und während ich so starre, bemerke ich vorne auf unserer Einfahrt eine Bewegung. Ich kann das nicht so richtig gut sehen, mein Blick fällt nur durch eine schmale Öffnung zwischen Balkonmauer und Wand, also mache ich mich lang. Ich sehe eine Person – ob Mann oder Frau kann ich gar nicht erkennen – die in den Mülltonnen herumsucht, die bei uns vor dem Haus stehen und auf Abholung warten. Gelber Punkt und Restmüll stehen dort dieses Mal. Sollte da wirklich etwas drin sein, das noch jemand gebrauchen kann? Anscheinend, denn die Person zieht etwas heraus, steckt es in eine Tüte und verschwindet damit.

Mülltonnen

Blick vom Balkon auf unsere Mülltonnen

Und ich bleibe nachdenklich oben sitzen, mit Kaffee und einem komischen Gefühl. Wieder einmal frage ich mich, was los ist in diesem Land, in dem es mir so gut geht und andere anscheinend nur mit dem Durchforsten von anderer Leut’s Abfall über die Runden kommen. Und ich frage mich wie schon so oft, ob es wirklich nötig ist, im Müll zu wühlen. Haben diese Leute wirklich keine andere Möglichkeit? Haben sie alles beantragt, was ihnen zusteht, oder lassen sie es aus Scham oder falschem Stolz bleiben? Und sind diese Leute alle schuldlos an ihrer Situation, oder sind auch welche dabei, die eine normale Arbeit noch niemals für sich in Betracht gezogen haben? Auch sowas soll es ja geben.

Um es ganz klar zu sagen: Ich habe kein schlechtes Gewissen deshalb, dass es mir finanziell recht gut geht. Ich habe all die Jahre gearbeitet, mich fortgebildet und auch mal mehr gemacht, als eigentlich im Vertrag stand. Soweit, so gut. Mir ist aber auch klar, dass nicht jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten hat und dass das Einkommen in diesen wie den meisten anderen Ländern ungleich verteilt ist. Deshalb frage ich mich oft, ob die soziale Sicherung, wie sie hier existiert und die ja wirklich extrem knapp gehalten ist, wirklich gerecht ist. Arbeitslosengeld 2 oder die Grundrente reichen gerade mal eben zum Überleben – ist das gerecht und vor allem sinnvoll? Ich bin mir da zutiefst unschlüssig.

Natürlich möchte ich mit meinen Steuern und Sozialabgaben niemanden finanzieren, der schlicht keine Lust hat zum Arbeiten – aber sind das wirklich so viele? Ich verstehe auch, dass es vom Einkommen her einen Unterschied geben muss zwischen bezahlter Arbeit und sozialen Transferleistungen – aber sind dann nicht vielleicht die einfachen Jobs zu schlecht bezahlt? Der Mindestlohn ist für mich ein Schritt in die richtige Richtung, aber wenn ich damit auskommen müsste, würde auch ich mir vielleicht ab und zu überlegen, ob ich morgens nicht lieber liegen bleibe (das würde ich wohl nicht tun, das habe ich nie gemacht).

Wie schon so oft hat mich der Sucher im Müll nachdenklich gemacht. Ich bin unentschlossen, weiß nicht, was ich darüber denken soll. Aber ab und zu darüber nachzudenken, schadet wahrscheinlich nicht – auch wenn es zu keinem Ergebnis führt.

Hierarchie in Tüten

Kürzlich hatte ich meine Freundin Kerstin aus Hamburg zu Besuch. Wir kennen uns schon über 20 Jahre und in all der Zeit haben sich gewisse Rituale entwickelt – solche angenehmen Dinge wie lange zu frühstücken oder bestimmte Orte besuchen. Wenn wir gemeinsam in Frankfurt sind, gehört zum Beispiel ein Besuch einer großen Parfümerie auf der Zeil immer dazu. Das hat verschiedene Gründe, führte aber dieses Mal zu einer ausgedehnten Sozialstudie, die uns, weil wie die Sache nicht so ernst nahmen, viel Spaß machte. Aber eigentlich ist das total doof.

Um die Sache genauer zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen. Ich war nämlich vor etwa zwei Jahren auch einmal in diesem Tempel der Düfte und machte damals eine Beobachtung, die ich seitdem schon mehrfach verifizieren konnte: Der Laden ist streng hierarchisch organisiert und strukturiert. Damit meine ich nicht nur, dass die meisten Stockwerke den Damen vorbehalten sind – immerhin hat man den Herren das Kellergeschoss gelassen – sondern auch die Anordnung der Produkte speziell im Duftbereich, sowie die Behandlung der Kunden, die sich dort unbedarft tummeln.

Duftwässerchen der unterschiedlichsten Preisklassen

Vor zwei Jahren wollte ich meiner Schwester ein Duftwässerchen zum Geburtstag kaufen. Ich hatte sie nach ihren Wünschen gefragt und eine diffuse Antwort bekommen: „Ach, weiß ich auch nicht. Mal was Neues. Such‘ du was aus!“ Aha, na gut. Eigentlich kein Problem, ich kaufe ja für mein Leben gerne sowas ein und benutze es auch viel. Also frohen Mutes hinein in den Dufttempel, die Rolltreppe hoch und umgucken. Wie üblich liefen Schwärme von Verkäuferinnen herum und ich dachte, warum nicht mal beraten lassen? Ich quatschte also eine der Damen an, beschrieb mein Begehr und fragte nach einem Tipp. Die Antwort war ernüchternd: Nach einer kurzen Musterung meines wie üblich legeren Erscheinungsbildes – und damit meine ich nicht, dass ich aussah wie die letzte Trümmerlotte – nickte sie kurz und wies mit einer lässigen Handbewegung auf die Wand gleich an der Treppe. Da solle ich mal gucken, da würde ich schon irgendwas finden. Hmpf, na bravo, danke für das Gespräch.

Ich tappste also an die ausgewiesene Wand und schnüffelte etwas herum. Es gab dort eher günstige Produkte, stellte ich fest, an dieser Wand und den umstehenden Tischen waren eher so der „Mainstream“ und die Sonderangebote aufgestapelt. Das machte mir erst mal nichts aus, ich kaufe ausgesprochen gerne Sonderangebote. In diesem Falle merkte ich mir das eine oder andere Produkt und schnupperte mich weiter durch den Laden. Ich fand die mittelpreisigen Produkte und war irgendwann wohl in der ganz teuren Ecke. Dort wurde ich ganz plötzlich wieder von der gleichen Verkäuferin angesprochen: „Sie wissen schon, dass Sie hier in einer ganz anderen Preisklasse gelandet sind?“ Das war mir nicht wirklich bewusst gewesen, es machte mir aber auch nichts aus – schließlich habe ich nur eine liebe Schwester, und der kann ich auch mal was Teures aussuchen, wenn mir danach ist. Was mich aber völlig verblüffte, war der Tonfall, den die Dame anschlug. Den fand ich bestenfalls … unangemessen. Ich antwortete also ebenso arrogant: „Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich sparen muss.“ Und da ging eine Veränderung in der Dame vor: Plötzlich wurde ich interessant. Anscheinend witterte sie das große Geschäft, vielleicht bekam sie auch für gewisse Produkte Provision – ich weiß es nicht, und es geht mich auch nichts an. Auffällig war jedoch das plötzlich komplett andere, kundenfreundliche Verhalten. Ich wurde beraten, Flakons wurden extra für mich ausgepackt, duftende Pappstreifchen wedelten vor meiner Nase herum. Und als ich mich entschied, nicht nur ein Fläschchen zu kaufen, sondern gleich zwei (damit ich nicht neidisch auf meine Schwester sein müsste – Neid ist schließlich eine Todsünde!), rannte die Dame los, um mir noch extra Proben und eine besondere Creme zu besorgen, außerdem Rabattgutscheine und Gedöns. Ich war platt.

In den vergangenen zwei Jahren konnte ich nun mehrfach beobachten, dass Käufer aus der teuren Ecke, zu denen ich manchmal, aber nicht immer gehöre, deutlich bevorzugt behandelt werden. Und jetzt nähere ich mich wieder dem letzten Wochenende, an dem ich mit Kerstin einkaufen war. Dieses Mal erlebten wir die Zwei-Klassen-Gesellschaft hautnah.

Wie üblich schlenderten wir erst ein wenig herum, wurden auch von Verkäuferinnen angesprochen und lehnten Beratung zunächst ab, weil wir einfach nur gucken wollten. Kerstin hatte jedoch ein Ziel, sie wusste schon, was sie haben wollte. Und ich guckte mal wieder hier und da, unsere Wege trennten sich. Kerstin fand irgendwann ihr Produkt – es war im Sonderangebot. Darüber freute sie sich und ging schon mal zahlen. Als sie wieder auf mich zukam, sah ich gleich, das etwas nicht stimmte: Denn statt der schönen Tüte, die es sonst immer in diesem Laden gab – die meisten Leser kennen sie wahrscheinlich, es sind diese Taschen aus glänzendem Papier mit der Kordel obendran – hatte sie eine ganz dünne, lumpig aussehende kleine Plastiktüte bekommen. „Guck mal, was die hier jetzt für komische Tüten haben!“, sagte sie und wedelte klagend mit dem Säckchen.

Ich hatte mich inzwischen auch für ein Produkt entschieden, das mir eine Verkäuferin aus einer niedrigen Schublade geben musste – da bekommt der Ausdruck „Bückware“ doch gleich ein ganz anderes Gepräge. Übrigens durfte erst die dritte Verkäuferin, die sich um mich bemühte, tatsächlich die Ware dort rausgeben. Anscheinend muss man sich zum Verkaufen in der teuren Ecke erst hochdienen. Die, die es schließlich durfte, war aber sehr nett und drückte mir gleich noch vier Proben zusätzlich in die Hand (die ich hinterher natürlich mit Kerstin teilte).

An der Kasse das übliche Gewese für die Nicht-Sonderangebotler: „Haben Sie eine Kundenkarte? Darf ich Ihnen hier noch einen Gutschein dazugeben? 10% auf Ihren nächsten Einkauf … Und dann habe ich hier noch ein paar Cremeproben, und hier ist noch ein ganz neuer Duft! Tragetasche?“ Eigentlich brauchte ich keine, ich habe immer einen Rucksack dabei, aber das wollte ich nun doch mal wissen. Und tatsächlich bekam ich eine schöne, glänzende Papiertüte, voll mit Zugaben und Zeug. Kerstins Gesicht, als ich damit strahlend herüberwinkte, war wirklich filmreif.

Natürlich ist es total egal, was für eine Tüte man bekommt, wenn man ein Parfüm kauft. Doch diese Ungleichbehandlung in diesem Laden ist so auffällig, dass es schon eine gewisse Komik hat. Ich weiß auch nicht, was das Unternehmen sich dabei denkt – damit machen die sich doch keine Freunde.

Wie haben uns den Rest des Tages über Kerstins kleine Tüte amüsiert. Wann immer sie mir widersprechen wollte, musste ich nur auf das armselige Beutelchen deuten und sie wusste, wo der Hammer hing. Kleinlaut wurde ich nur, als wir beim Kaffeetrinken saßen und eine Asiatin das Café betrat, die eine bestimmt 50 X 50 cm große glänzende Papiertüte dieses Ladens dabeihatte. Die war ja dreimal so groß wie meine – die Dame musste irgendwas verdammt richtig gemacht haben. Bewundernd sah ich sie an, und hätte sie etwas zu mir gesagt, hätte ich es nicht gewagt, zu widerspechen. Gegen so eine tütorale Machtdemonstration hätte ich nicht anstinken wollen.

Ein Hoch auf gute Nachbarschaft

Kürzlich hat jemand, der sich als Politiker bezeichnet, über Nachbarschaft geredet – oder vielmehr darüber, wen man sich als Nachbarn wünscht oder auch nicht. Das hat mich dazu gebracht, mal über meine – gute – Nachbarschaft nachzudenken.

Ich wohne in so einer Art kleinem Hochhaus, 40 Parteien verteilen sich auf insgesamt acht Flure. Überall hat es also fünf Wohnungen übersichtlich zusammen. Ich muss gestehen, dass ich nicht alle meine Nachbarn namentlich kenne, sondern sie oft nur durch Beschreiben unterscheiden kann: die mit dem Baby aus dem ersten Stock, die Dame mit den Gehstöcken, der Opa von dem Baby (der wohnt im fünften Stock und hat eine kranke Frau) und die mit dem fiesen Hund (der dürfte gerne ausziehen). Andere kennt man, weil man öfters einen Schwatz hält oder weil man auf einem Flur wohnt.

Blick von meinem Balkon durch meine nagelneue Fotokugel – ein Versuch. Weitere werden folgen.

Und da nähern wir uns dem, was dem Herrn, der sich als Politiker bezeichnet und glaubt, für eine Mehrheit zu sprechen, so eingefallen ist: Dass nämlich „die Leute“ jemanden mit kunterbuntem Migrationshintergrund nicht als Nachbarn haben möchten. Das mag es sicherlich geben, wahrscheinlich auf dem Land, wo kaum Ausländer sind, noch mehr als hier bei uns in der Großstadt. Sehe ich mir aber meine Nachbarschaft an, stelle ich fest, dass das, was die Leute angeblich keinesfalls wollen, bei uns schon Realität ist: Wir leben in einem Vielnationenhaus. Bei mir auf dem Flur sieht das so aus: Die alte Dame, die meinen Schlüssel hat und meine Post verwaltet, wenn ich im Urlaub bin, ist Deutsche, wurde aber dort geboren, wo heute wieder Polen ist. Die Leute daneben – übrigens unser Hausmeisterpaar – sind Griechen. Rechts neben mir wohnen ein junger Russe mit seltsamem Namen, den ich mir nie merken kann, mit seiner Freundin, und auf der anderen Seite haben wir Sladja aus Serbien, mit der ich öfters mal Kaffee trinke, und ihren Sohn David. Das passt für mich wunderbar so. In den anderen Stockwerken sieht es genauso bunt und vielfältig aus. Auch die unvermeidliche Studenten-WG und das Schwulenpaar fehlen bei uns im Haus nicht. Konflikte, die über kleine Nicklichkeiten wie „am Donnerstag hat dein Besuch auf meinem Parkplatz gestanden“ hinausgehen, wären mir bislang nicht untergekommen. Ich habe auch den Eindruck, dass die Leute zu den kleinen dunkelhäutigen Kindern genau so nett sind wie zu dem niedlichen Blondkopf.

Bei uns klappt das mit dem Multikulti also soweit sehr gut. Das mag daran liegen, dass bei uns bei den Ausländern keine Nation wirklich „die Überhand“ hat, es gibt keine Frontenbildung, sondern eher ein vorsichtiges Interesse aneinander. Das ist sicherlich anders, wenn größere Gruppen ständig zusammenglucken, auch wenn ich das aus deren Sicht verstehen kann: Die gleiche Sprache, Kultur und ähnliche Erfahrungen schaffen ein schönes warmes Gefühl, dass auch ich wohl nicht würde missen wollen, wenn ich – vielleicht ohne es zu wollen – fernab meiner Heimat leben müsste. Auch hat es sich mit der Zusammensetzung im Haus einfach so ergeben, ohne Einmischung von außen.

In Frankfurt sind inzwischen so viele Ausländer, dass mir das kaum noch auffällt, wenn jemand „fremd“ aussieht. In der norddeutschen Tiefebene, wo ich öfters unterwegs bin, ist das deutlich anders, ich glaube, die einzige Ausländerin, die mein Neffe während der Grundschulzeit kennenlernte, war ein Mädchen aus Holland. Das erinnert mich sehr an meine Kindheit, auch wir hatten nur eine einzige Türkin in der Klasse. Die wohnte zum Glück in meiner Nachbarschaft, sodass ich sie und ihre Familie recht gut kennenlernen konnte. Es gab aber damals noch Kinder, die nicht mit der Türkin spielen durften und auch „das Türkenhaus“ nicht betreten durften (was bedeutete, dass sie auch mit den anderen Kindern in diesem Haus nicht spielen durften). Ich hoffe, dass diese Zeiten auch dort inzwischen vorbei sind, würde meine Hand aber nicht dafür ins Feuer legen. Oftmals fürchtet man ja gerade das, was man nicht kennt. Ich habe als Kind sehr davon profitiert, oft im „Türkenhaus“ gewesen zu sein. Der Bruder meiner Freundin hat mich sogar so beeindruckt, dass ich meine Puppe unbedingt „Achmed“ nennen wollte (davon an dieser Stelle mehr).

Alles in allem war und bin ich also zumeist sehr zufrieden mit meiner Nachbarschaft. Sollten irgendwelche Fußballnationalspieler bei uns einziehen wollen, wäre das für mich auch okay, solange sie nicht herumlärmen und keinen Schmutz hineinbringen. Das ist hier nämlich ein ehrenwertes Haus.

 

Nachtrag: Während ich hier am Werkeln war, hat es bei mir geklopft. Zwei meiner Nachbarinnen standen draußen und machten mich darauf aufmerksam, dass mein Schlüssel draußen hing – den habe ich gestern bei dem Versuch, trotz Platzregen möglichst wenig Nässe mit in die Wohnung zu schleppen, glatt aus den Augen verloren. Nun hängt er wieder sicher am Haken.

Nein, ich habe nichts gekauft!

Es scheint tatsächlich ein Ereignis gewesen zu sein: Der Amazon Prime Day. Bei der Arbeit wurde darüber gesprochen, im Büro, der Kantine. „Und, hast du schon was gekauft?“, hieß es dann, oder auch: „Wirst du dir denn heute was gönnen?“ Auch heute noch, fast eine Woche später, war der Sonderangebotstag Gesprächsstoff beim Essen, denn eine Freundin hatte zugeschlagen, für sich und die Schwester, die bald Geburtstag hat. Für jede wird es einen Ebook-Reader geben. So einen Schönen, mit Hintergrundbeleuchtung.

Sparheim, überfluss, Konsumverzicht

Es war ein Versuch – zumindest an diesem einen Tag hat es funktioniert. Bild zur Verfügung gestellt von Rainer Sturm / http://www.pixelio.de

Gerade diese Ebook-Reader hätten mich fast schwach werden lassen. Und dabei hatte ich doch fest vor, an diesem massiv beworbenen Tag nichts zu kaufen, denn ICH BRAUCHE NICHTS! Das ist natürlich eine kühne Aussage, irgendwas kann man schließlich immer gebrauchen, aber ich will mir abgewöhnen, so viel über meinen Bedarf hinaus einzukaufen. Ich habe reichlich von allem: Kleidung, Handtaschen, Schreibutensilien oder gar Unterhaltungselektronik – ich bin sehr gut ausgestattet. Der Laden mit dem großen A – und damit meine ich nicht Aldi – schafft es doch immer wieder, in mir Bedürfnisse zu wecken, obwohl objektiv gesehen kein Bedarf da ist. So wie bei diesen Ebook-Readern – denen mit der Hintergrundbeleuchtung.

Praktisch sind sie ja schon, diese beleuchteten Reader. Aber ich brauche keinen, denn ich habe einen. Ich besitze einen Kindle einer längst vergangenen Generation – und der ist unglücklicherweise unverwüstlich und noch voll funktionsfähig. Nicht mal das Display ist zerkratzt. Nur die Hintergrundbeleuchtung fehlt. Aber das werde ich wohl überleben, ich habe eine Lampe und es gibt keinen Grund, ein völlig intaktes Gerät, dass ich ohnehin gar nicht soooo oft benutze, zu entsorgen, nur um ein anderes zu kaufen. So ein Quatsch!

Nein, ich brauche keinen Paperwhite. Das wäre ja noch schöner. Erst mal muss ich die ganzen ungelesenen Papierbücher und die vielen Zeitschriften abarbeiten, und die vielen Bücher auf dem alten Kindle. Dann sehen wir mal weiter. Ich könnte natürlich auch ein Tablett kaufen, dachte ich am Amazon-alles-billig-Tag, und stöberte herum. Die meisten Displays waren mir zu klein, man wird ja nicht jünger und schon bei meinem Laptop habe ich auf gute Sicht geachtet. Überhaupt – der Laptop – der ist fast neu. Und das Netbook ist noch in Ordnung. Ich brauche kein Tablett, ich brauche etwas mit vernünftiger Tastatur, nicht so ein fettfingerverschmiertes Wischgerät. Schon im Büro liegt mein Tablett vergessen in der Ecke, warum sollte ich noch eines dazulegen?

Ich nahm also das bereits ausgewählte Tablett wieder aus dem Einkaufswagen beim großen A. Dort schien man meinen Widerstand zu spüren und zeigte mir bildschöne Büffelledertaschen. Sowas wollte ich schon immer mal haben. Aber halt – habe ich sowas eventuell schon? Oder zumindest etwas ganz Ähnliches? Ich löschte auch die dunkelrote Büffelledertasche wieder.

Amazon blies jetzt zum letzten Gefecht – ich bekam meine Angel angezeigt. Diese Angel, die ich vor einer Weile nur mehrfach in den Warenkorb gelegt und wieder rausgenommen hatte, um einem Kollegen zu zeigen, wie Onlinewerbung funktioniert. Die Angel verfolgte mich wunschgemäß quer durch das Internet, überall, wo Werbung ausgespielt wurde, sah ich das martialisch anmutende Gerät. Und der Kollege verstand, was ich ihm zeigen wollte. Ich aber hatte niemals vor, so ein doofes Ding zu kaufen – schon gar nicht am Amazon Prime Day. Das große A. hatte verloren.

 

Nachtrag: Ich will gar nicht verhehlen, dass ich eigentlich ein großer Fan von Amazon bin und auch das Prime-Programm nutze.  Das ewige Amazon-Bashing ist meine Sache nicht, damit sollen sich andere vergnügen.

Nachtrag 2: Ich gebe zu, dass ich ganz bewusst nicht diese wunderbare Büffelledertasche als Lehrbeispiel für die Retargeting-Methode gewählt habe. Denn sonst hätte ich wohl verloren – und das schon Wochen vor dem Amazon Primeday.

Drohnen

Bio-Drohne

Kürzlich las ich in der Zeitung einen Artikel über einen evtl. geplanten Drohnenführerschein. Drohnen sind ja groß in Mode: Jeder, der möchte, kann sich eine kaufen und damit herumspielen. Gerne mit Webcam drunter, um schöne Landschaftsaufnahmen von Flüssen und Wäldern zu machen, wozu ich selber große Lust hätte. Oder um Wohngebiete zu knipsen, Nachbars Kaffeetafel zu inspizieren und Promifotos zu machen. Das ist glücklicherweise nicht erlaubt. Kinder können mit Drohnen spielen, denn eine Altersbegrenzung gibt es nicht. Einerseits gut, andererseits wundere ich mich etwas darüber, denn man kann mit den kleinen Dingern allerhand Unfug anstellen: Eine Kollegin wäre kürzlich fast von einer von Jugendlichen gesteuerten Drohne vom Fahrrad geschossen worden. Einsatzmöglichkeiten gibt es also reichlich, und ich bin mal wieder skeptisch.

Als ich von einem Test las, bei dem bestellte Medikamente per Drohne zur Apotheke auf der Insel  Juist gebracht wurden, fand ich das sehr sinnvoll, denn die Insel ist tideabhängig und per Schiff nicht immer schnell zu erreichen. Und wegen zwei Packungen dringend benötigter Pillen einen Inselflieger loszuschicken, erscheint wenig wirtschaftlich und vor allem auch nicht umweltfreundlich – diesen Drohneneinsatz begrüße ich durchaus. Wenn ich aber lese, dass Versandhäuser darüber nachdenken, die bestellten Waren künftig per Drohne ausliefern zu lassen, frage ich mich, ob das nicht zu einem fürchterlichen Chaos führt. Und ist es wirklich nötig, dass jedes bestellte Paar Schuhe, jedes Buch und jede Dose Gummidrops sofort losgejagt wird? Ich bestelle ja selber gerne im Internet und bislang haben mich ein paar Tage Wartezeit nicht über Gebühr belastet. Bin ich da mal wieder altmodisch?

Ich stelle mir das ja interessant vor: Amazon, Zalando und wie sie alle heißen, legen sich einen umfangreichen Fuhrpark an Drohnen zu – oder heißt das Flugpark? Egal, Drohnen für große und kleine Pakete werden angeschafft, für große und kleine Waren. Also in den Klassen von Schmuck bis Mähdrescher. Und dann geht es los: Überall saust, fliegt und brummt es. Wenn Zalando mit Amazon zusammenstößt, fällt was zu Boden: mal ein Paar Schuhe, dann wieder ein Buch. Man stelle sich vor, Nachbars Dackel Poldi wird von einem Paar tieffliegender Gummistiefel erschlagen. Hunde gelten als Sachen und müssen ersetzt werden. Wer trägt den Schaden, der Lieferant oder der Drohnenlenker, oder gar der Besteller der Gummistiefel? Sowas wird die Gerichte dann beschäftigen. Die Politik wird vielleicht über eine Helmpflicht für Fußgänger streiten – zurecht, denn bei einem niederstürzenden Gesamtwerk von Enid Blyton bedeutet ein Helm auch nur vorgetäuschte Sicherheit.

Es kann natürlich auch praktisch sein, schließlich ist nie alles schlecht: Wenn man nicht da ist, wird das Päckchen direkt auf den Balkon gelegt. Dann kann man abends die neuen Galoschen einfach reinholen und anprobieren. Wenn sie nicht passen, stellt man sie zur Abholung wieder auf den Balkon. Natürlich ist es blöd, wenn der Konzertflügel im achten Stock auf den Balkon gestellt wird – da kommt es dann wieder zum Streit, wenn das Ding nicht durch die Balkontür passt. Ein Fall für das Gericht!

Ich bleibe dabei: Von einem massiven Einsatz von Drohnen halte ich überhaupt nichts. Zum Glück gibt es schon jetzt eine ganze Reihe von Auflagen für den Gebrauch von Drohnen, aber ob das jeder weiß, der sich so ein Ding beim großen A gekauft hat?  Das möchte ich ja bezweifeln …

Kein Empfang

Wenn ich zu meiner Schwester in die tiefsten Tiefen der norddeutschen Tiefebene reise, komme ich in eine andere Welt. Nicht nur, weil dieser Landstrich in der Wesermarsch ganz anders aussieht als mein geliebtes Frankfurt, sondern auch wegen einer Eigenheit der ländlichen Infrastruktur: Denn Moorhausen – so heißt das da – liegt nicht nur genau zwischen Oldenburg und Paradies, sondern auch in einem dieser weißen Löcher Deutschlands, in denen ein schneller Internetempfang oder eine Überallverfügbarkeit von Handysignalen einfach nicht gegeben ist. Ich habe dort zumeist keinen Empfang – mit nichts. Mein Handy moppert herum und schweigt beredt: „Sie sind offline“, sagt es mir dann gerne, oder auch: „Ihre Verbindung zum Internet ist schwach!“ Ich logge mich dann ins häusliche WLan ein, nur um festzustellen, dass es instabil und laaaaangsaaaaam ist.

Nun bin ich nicht handy- oder internetsüchtig und ich bin auch keine 14 mehr, so dass ich nicht ständig per WhatsApp erreichbar sein muss. Aber ungewohnt ist es doch: Nicht mal eben gucken, was so los ist in der Welt. Nicht schnell googlen, wenn im Gespräch eine Frage auftaucht, die man nicht aus dem Kopf beantworten kann. Nicht immer für jeden erreichbar sein. Ich bin zwar objektiv betrachtet nicht so wichtig, dass das nötig wäre, aber schön wäre es doch. Immer mal wieder erzählen mir Freunde, dass sie versucht hätten, mich dort anzurufen – zwei Tage später, wenn ich das weiße Loch verlasse, erscheinen dann tatsächlich Anrufe und Nachrichten auf dem Display. Und eine Freundin, die mich bei meiner Schwester abholen wollte, verzichtete auf eine genaue Anfahrtsbeschreibung, denn sie hat ja ein Navi. ‚Viel Glück‘, dachte ich, und stellte mich trotzdem an die Straße zum Winken. Und das war gut so, denn mitten auf dem Huntedeich ging das Navi einfach aus. Moorhausen, ein Ort den es nicht gibt? Gar so etwas Unheimliches wie Bielefeld?

Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht: Die Nichterreichbarkeit hat Grenzen, in Moorhausen gibt es nämlich einen Postkasten. Doch im Bewusstsein der Netzbetreiber ist dieser kleine Ort ganz offensichtlich nicht vorhanden. Und damit sind sie durchaus im Recht, denn auf der Seite der Bundesnetzagentur finde ich Folgendes:

Das Angebot von breitbandigen Internetanschlüssen, wie z. B. DSL, VDSL, UMTS oder LTE unterliegt nach dem Telekommunikationsgesetz nicht den Vorgaben der Grundversorgung. Damit ist kein Anbieter verpflichtet, Endkunden mit einem breitbandigen Internetanschluss zu versorgen.

Tscha, und deshalb tun sie das auch nicht, die Anbieter – warum sollten sie auch. Das ist für strukturschwache Gebiete natürlich ein großes Problem: So werden sie wirtschaftlich nie den Hintern hochkriegen. Denn wenn Privatleute kaum Netz haben, geht es Geschäftsleuten nicht besser. Neue Firmen in die Gegend holen, oder Freelancer, die von zu Hause aus online arbeiten – so wird das sicher nichts. Die Zeiten von Faxgerät und Trommel sind einfach vorbei. Wundert sich da noch jemand über die Verödung der Dörfer?

Ich habe mich heute wieder in meine Highspeed-Komfortzone begeben: Folglich ist jetzt wieder mehr los in meiner bunten Welt. Schnelles Internet ist wahrscheinlich nicht lebensnotwendig, aber darauf verzichten würde ich auf Dauer nicht mehr.