Die Miesmacher

Socken, Reste, Wollrechte, Restesocken

Restesocken – wer sie nicht mag, der möge schweigen!

Ich mag ja die sozialen Netzwerke – gerne mache ich hier und da ein bisschen mit. Viel Interessantes gibt es zu sehen, man kann sich austauschen und mit anderen seinen Hobbys nachgehen. Und gerade im Bereich eines meiner Hobbys, beim Stricken, fallen sie mir immer wieder auf: die Miesmacher. Ich denke allerdings, dass das nicht nur in den Handarbeitsgruppen so ist, sondern auch bei den Autoschraubern, den Hundebesitzern oder den Hobbyfilmern: Einige haben halt immer was zu meckern. Oder wissen es besser. Oder beides …

Natürlich geht es mir nicht darum, dass man alles toll finden sollte, was da in diesen Gruppen gezeigt wird. Manches entspricht einfach nicht dem persönlichen Geschmack. Das Schöne an diesen sozialen Netzwerken ist jedoch, dass man nicht verpflichtet ist, etwas zu einem Beitrag zu sagen – man kann sich auch mal in Schweigen hüllen. Man muss nicht mal liken – man kann die Finger einfach stillhalten.

Es geht mir auch nicht darum, dass man nichts sagen soll, wenn man gefragt wird. Wenn also in einer Strickgruppe ein Mitglied – nennen wir es „Martina“ – fragt: „Passt dieses Rot dazu oder sollte ich lieber Blau nehmen?“ kann man natürlich seine Meinung dazu sagen – sie hat ja gefragt. Immer wieder aber sagen Leute dann so etwas Aufbauendes wie „Ist eigentlich egal bei dieser billigen Polyesterwolle, das ist eh die Arbeit nicht wert“ oder „Wenn man so kräftig ist wie du, sollte man nicht auch noch so kräftige Farben tragen.“ Peng – das war bestimmt genau die Information, die Martina dringend gebraucht hat.

Oder wenn jemand ganz stolz etwas zeigt mit den Worten: „Guckt mal, mein erster Pullover“ und auf dem Bild ist eine strahlende Person in einem etwas sackartigen Gebilde zu sehen. Dann kann man natürlich schreiben, dass die Passform nicht schön ist, dass man an den Schultern hätte abnehmen können oder sollen, oder dass ein Rvo* viel schöner gewesen wäre. Man kann das aber auch lassen. Was haben denn die ewigen Miesmacher davon, irgendeiner völlig unbekannten Petra den Spaß an ihrem neuen Hobby zu verderben? Warum kann man nicht großzügig über die Macken hinwegsehen und stattdessen die schöne Farbe loben – oder eben einfach nur die Klappe halten?

Richtig gut kommt es immer, wenn die Miesmacher ihre Miesmacherei in scheinbare Höflichkeit kleiden: „Also, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber …“ Oh doch, genau das wollen sie in diesem Moment, und das wissen sie auch. Sie nehmen so richtig Anlauf, um jemandem einen Tiefschlag zu versetzen. Zack, mit Schwung, damit die andere bloß keine Freude mehr hat an dem, was sie eigentlich nur zeigen wollte. Und ich sitze dann immer da und frage mich: Warum? Wozu ist das gut?

Wie gesagt, ich erwarte nicht, dass man alles lobt und hudelt, was einem in diesen Handarbeitsgruppen gezeigt wird. Ich finde manches sogar abgrundtief scheußlich, auch wenn es vielleicht handwerklich ausgezeichnet gemacht ist. Geschmack ist verschieden, und nie würde es mir einfallen, jemandem zu erzählen, dass ich die gehäkelte grüne Küchengardine nicht leiden mag oder dass die gezeigte Mütze mich an einen Klopapierrollenüberzug erinnert. Ich muss auch nicht verkünden, dass gestrickte Wandteppiche mit Pferdemotiv für mich Staubfänger sind oder dass ich Häkelschweine für eine unnötige Erfindung halte. Über die Passformen von Kreisjacken rede ich auch nicht, auch wenn es da oft etwas dazu zu sagen gäbe. Die Leute sind mit dem, was sie mit viel Mühe hergestellt haben, glücklich, und das sollte man ihnen gönnen.

Und manchmal – ganz selten – like ich sogar etwas, das einfach nur krumm und irgendwie missraten ist. Zum Beispiel so ein windschiefer Teddybär, der rührend schielt, oder ein erstes Paar Socken, dass zwar formlos ist, aber doch der Anfang eines schönen Hobbys sein kann. Es kostet doch nicht, dann mal ein Like zu klicken – man klickt ohnehin so viel Zeug an jeden Tag.

 

*Raglan von oben

Der Sucher im Müll

Ein freier Tag unter der Woche, und dann noch bei prachtvollem Wetter – was für ein Geschenk. Gerade nach der letzten vollgepackten Zeit genieße ich es, mit einer großen Tasse Milchkaffee auf dem Balkon zu sitzen und meinen Vorrat an Blogbeiträgen wieder aufzufüllen – das wird ganz nötig Zeit. Und immer wieder lasse ich mich ein bisschen hängen, halte liebevoll meine Tasse fest und starre vor mich hin. Zeit haben – so muss ein freier Tag sein.

Meine Schreiboase im Sommer – klein, aber fein

Und während ich so starre, bemerke ich vorne auf unserer Einfahrt eine Bewegung. Ich kann das nicht so richtig gut sehen, mein Blick fällt nur durch eine schmale Öffnung zwischen Balkonmauer und Wand, also mache ich mich lang. Ich sehe eine Person – ob Mann oder Frau kann ich gar nicht erkennen – die in den Mülltonnen herumsucht, die bei uns vor dem Haus stehen und auf Abholung warten. Gelber Punkt und Restmüll stehen dort dieses Mal. Sollte da wirklich etwas drin sein, das noch jemand gebrauchen kann? Anscheinend, denn die Person zieht etwas heraus, steckt es in eine Tüte und verschwindet damit.

Mülltonnen

Blick vom Balkon auf unsere Mülltonnen

Und ich bleibe nachdenklich oben sitzen, mit Kaffee und einem komischen Gefühl. Wieder einmal frage ich mich, was los ist in diesem Land, in dem es mir so gut geht und andere anscheinend nur mit dem Durchforsten von anderer Leut’s Abfall über die Runden kommen. Und ich frage mich wie schon so oft, ob es wirklich nötig ist, im Müll zu wühlen. Haben diese Leute wirklich keine andere Möglichkeit? Haben sie alles beantragt, was ihnen zusteht, oder lassen sie es aus Scham oder falschem Stolz bleiben? Und sind diese Leute alle schuldlos an ihrer Situation, oder sind auch welche dabei, die eine normale Arbeit noch niemals für sich in Betracht gezogen haben? Auch sowas soll es ja geben.

Um es ganz klar zu sagen: Ich habe kein schlechtes Gewissen deshalb, dass es mir finanziell recht gut geht. Ich habe all die Jahre gearbeitet, mich fortgebildet und auch mal mehr gemacht, als eigentlich im Vertrag stand. Soweit, so gut. Mir ist aber auch klar, dass nicht jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten hat und dass das Einkommen in diesen wie den meisten anderen Ländern ungleich verteilt ist. Deshalb frage ich mich oft, ob die soziale Sicherung, wie sie hier existiert und die ja wirklich extrem knapp gehalten ist, wirklich gerecht ist. Arbeitslosengeld 2 oder die Grundrente reichen gerade mal eben zum Überleben – ist das gerecht und vor allem sinnvoll? Ich bin mir da zutiefst unschlüssig.

Natürlich möchte ich mit meinen Steuern und Sozialabgaben niemanden finanzieren, der schlicht keine Lust hat zum Arbeiten – aber sind das wirklich so viele? Ich verstehe auch, dass es vom Einkommen her einen Unterschied geben muss zwischen bezahlter Arbeit und sozialen Transferleistungen – aber sind dann nicht vielleicht die einfachen Jobs zu schlecht bezahlt? Der Mindestlohn ist für mich ein Schritt in die richtige Richtung, aber wenn ich damit auskommen müsste, würde auch ich mir vielleicht ab und zu überlegen, ob ich morgens nicht lieber liegen bleibe (das würde ich wohl nicht tun, das habe ich nie gemacht).

Wie schon so oft hat mich der Sucher im Müll nachdenklich gemacht. Ich bin unentschlossen, weiß nicht, was ich darüber denken soll. Aber ab und zu darüber nachzudenken, schadet wahrscheinlich nicht – auch wenn es zu keinem Ergebnis führt.

Hierarchie in Tüten

Kürzlich hatte ich meine Freundin Kerstin aus Hamburg zu Besuch. Wir kennen uns schon über 20 Jahre und in all der Zeit haben sich gewisse Rituale entwickelt – solche angenehmen Dinge wie lange zu frühstücken oder bestimmte Orte besuchen. Wenn wir gemeinsam in Frankfurt sind, gehört zum Beispiel ein Besuch einer großen Parfümerie auf der Zeil immer dazu. Das hat verschiedene Gründe, führte aber dieses Mal zu einer ausgedehnten Sozialstudie, die uns, weil wie die Sache nicht so ernst nahmen, viel Spaß machte. Aber eigentlich ist das total doof.

Um die Sache genauer zu beschreiben, muss ich etwas weiter ausholen. Ich war nämlich vor etwa zwei Jahren auch einmal in diesem Tempel der Düfte und machte damals eine Beobachtung, die ich seitdem schon mehrfach verifizieren konnte: Der Laden ist streng hierarchisch organisiert und strukturiert. Damit meine ich nicht nur, dass die meisten Stockwerke den Damen vorbehalten sind – immerhin hat man den Herren das Kellergeschoss gelassen – sondern auch die Anordnung der Produkte speziell im Duftbereich, sowie die Behandlung der Kunden, die sich dort unbedarft tummeln.

Duftwässerchen der unterschiedlichsten Preisklassen

Vor zwei Jahren wollte ich meiner Schwester ein Duftwässerchen zum Geburtstag kaufen. Ich hatte sie nach ihren Wünschen gefragt und eine diffuse Antwort bekommen: „Ach, weiß ich auch nicht. Mal was Neues. Such‘ du was aus!“ Aha, na gut. Eigentlich kein Problem, ich kaufe ja für mein Leben gerne sowas ein und benutze es auch viel. Also frohen Mutes hinein in den Dufttempel, die Rolltreppe hoch und umgucken. Wie üblich liefen Schwärme von Verkäuferinnen herum und ich dachte, warum nicht mal beraten lassen? Ich quatschte also eine der Damen an, beschrieb mein Begehr und fragte nach einem Tipp. Die Antwort war ernüchternd: Nach einer kurzen Musterung meines wie üblich legeren Erscheinungsbildes – und damit meine ich nicht, dass ich aussah wie die letzte Trümmerlotte – nickte sie kurz und wies mit einer lässigen Handbewegung auf die Wand gleich an der Treppe. Da solle ich mal gucken, da würde ich schon irgendwas finden. Hmpf, na bravo, danke für das Gespräch.

Ich tappste also an die ausgewiesene Wand und schnüffelte etwas herum. Es gab dort eher günstige Produkte, stellte ich fest, an dieser Wand und den umstehenden Tischen waren eher so der „Mainstream“ und die Sonderangebote aufgestapelt. Das machte mir erst mal nichts aus, ich kaufe ausgesprochen gerne Sonderangebote. In diesem Falle merkte ich mir das eine oder andere Produkt und schnupperte mich weiter durch den Laden. Ich fand die mittelpreisigen Produkte und war irgendwann wohl in der ganz teuren Ecke. Dort wurde ich ganz plötzlich wieder von der gleichen Verkäuferin angesprochen: „Sie wissen schon, dass Sie hier in einer ganz anderen Preisklasse gelandet sind?“ Das war mir nicht wirklich bewusst gewesen, es machte mir aber auch nichts aus – schließlich habe ich nur eine liebe Schwester, und der kann ich auch mal was Teures aussuchen, wenn mir danach ist. Was mich aber völlig verblüffte, war der Tonfall, den die Dame anschlug. Den fand ich bestenfalls … unangemessen. Ich antwortete also ebenso arrogant: „Ich habe ja auch nicht gesagt, dass ich sparen muss.“ Und da ging eine Veränderung in der Dame vor: Plötzlich wurde ich interessant. Anscheinend witterte sie das große Geschäft, vielleicht bekam sie auch für gewisse Produkte Provision – ich weiß es nicht, und es geht mich auch nichts an. Auffällig war jedoch das plötzlich komplett andere, kundenfreundliche Verhalten. Ich wurde beraten, Flakons wurden extra für mich ausgepackt, duftende Pappstreifchen wedelten vor meiner Nase herum. Und als ich mich entschied, nicht nur ein Fläschchen zu kaufen, sondern gleich zwei (damit ich nicht neidisch auf meine Schwester sein müsste – Neid ist schließlich eine Todsünde!), rannte die Dame los, um mir noch extra Proben und eine besondere Creme zu besorgen, außerdem Rabattgutscheine und Gedöns. Ich war platt.

In den vergangenen zwei Jahren konnte ich nun mehrfach beobachten, dass Käufer aus der teuren Ecke, zu denen ich manchmal, aber nicht immer gehöre, deutlich bevorzugt behandelt werden. Und jetzt nähere ich mich wieder dem letzten Wochenende, an dem ich mit Kerstin einkaufen war. Dieses Mal erlebten wir die Zwei-Klassen-Gesellschaft hautnah.

Wie üblich schlenderten wir erst ein wenig herum, wurden auch von Verkäuferinnen angesprochen und lehnten Beratung zunächst ab, weil wir einfach nur gucken wollten. Kerstin hatte jedoch ein Ziel, sie wusste schon, was sie haben wollte. Und ich guckte mal wieder hier und da, unsere Wege trennten sich. Kerstin fand irgendwann ihr Produkt – es war im Sonderangebot. Darüber freute sie sich und ging schon mal zahlen. Als sie wieder auf mich zukam, sah ich gleich, das etwas nicht stimmte: Denn statt der schönen Tüte, die es sonst immer in diesem Laden gab – die meisten Leser kennen sie wahrscheinlich, es sind diese Taschen aus glänzendem Papier mit der Kordel obendran – hatte sie eine ganz dünne, lumpig aussehende kleine Plastiktüte bekommen. „Guck mal, was die hier jetzt für komische Tüten haben!“, sagte sie und wedelte klagend mit dem Säckchen.

Ich hatte mich inzwischen auch für ein Produkt entschieden, das mir eine Verkäuferin aus einer niedrigen Schublade geben musste – da bekommt der Ausdruck „Bückware“ doch gleich ein ganz anderes Gepräge. Übrigens durfte erst die dritte Verkäuferin, die sich um mich bemühte, tatsächlich die Ware dort rausgeben. Anscheinend muss man sich zum Verkaufen in der teuren Ecke erst hochdienen. Die, die es schließlich durfte, war aber sehr nett und drückte mir gleich noch vier Proben zusätzlich in die Hand (die ich hinterher natürlich mit Kerstin teilte).

An der Kasse das übliche Gewese für die Nicht-Sonderangebotler: „Haben Sie eine Kundenkarte? Darf ich Ihnen hier noch einen Gutschein dazugeben? 10% auf Ihren nächsten Einkauf … Und dann habe ich hier noch ein paar Cremeproben, und hier ist noch ein ganz neuer Duft! Tragetasche?“ Eigentlich brauchte ich keine, ich habe immer einen Rucksack dabei, aber das wollte ich nun doch mal wissen. Und tatsächlich bekam ich eine schöne, glänzende Papiertüte, voll mit Zugaben und Zeug. Kerstins Gesicht, als ich damit strahlend herüberwinkte, war wirklich filmreif.

Natürlich ist es total egal, was für eine Tüte man bekommt, wenn man ein Parfüm kauft. Doch diese Ungleichbehandlung in diesem Laden ist so auffällig, dass es schon eine gewisse Komik hat. Ich weiß auch nicht, was das Unternehmen sich dabei denkt – damit machen die sich doch keine Freunde.

Wie haben uns den Rest des Tages über Kerstins kleine Tüte amüsiert. Wann immer sie mir widersprechen wollte, musste ich nur auf das armselige Beutelchen deuten und sie wusste, wo der Hammer hing. Kleinlaut wurde ich nur, als wir beim Kaffeetrinken saßen und eine Asiatin das Café betrat, die eine bestimmt 50 X 50 cm große glänzende Papiertüte dieses Ladens dabeihatte. Die war ja dreimal so groß wie meine – die Dame musste irgendwas verdammt richtig gemacht haben. Bewundernd sah ich sie an, und hätte sie etwas zu mir gesagt, hätte ich es nicht gewagt, zu widerspechen. Gegen so eine tütorale Machtdemonstration hätte ich nicht anstinken wollen.

Ein Hoch auf gute Nachbarschaft

Kürzlich hat jemand, der sich als Politiker bezeichnet, über Nachbarschaft geredet – oder vielmehr darüber, wen man sich als Nachbarn wünscht oder auch nicht. Das hat mich dazu gebracht, mal über meine – gute – Nachbarschaft nachzudenken.

Ich wohne in so einer Art kleinem Hochhaus, 40 Parteien verteilen sich auf insgesamt acht Flure. Überall hat es also fünf Wohnungen übersichtlich zusammen. Ich muss gestehen, dass ich nicht alle meine Nachbarn namentlich kenne, sondern sie oft nur durch Beschreiben unterscheiden kann: die mit dem Baby aus dem ersten Stock, die Dame mit den Gehstöcken, der Opa von dem Baby (der wohnt im fünften Stock und hat eine kranke Frau) und die mit dem fiesen Hund (der dürfte gerne ausziehen). Andere kennt man, weil man öfters einen Schwatz hält oder weil man auf einem Flur wohnt.

Blick von meinem Balkon durch meine nagelneue Fotokugel – ein Versuch. Weitere werden folgen.

Und da nähern wir uns dem, was dem Herrn, der sich als Politiker bezeichnet und glaubt, für eine Mehrheit zu sprechen, so eingefallen ist: Dass nämlich „die Leute“ jemanden mit kunterbuntem Migrationshintergrund nicht als Nachbarn haben möchten. Das mag es sicherlich geben, wahrscheinlich auf dem Land, wo kaum Ausländer sind, noch mehr als hier bei uns in der Großstadt. Sehe ich mir aber meine Nachbarschaft an, stelle ich fest, dass das, was die Leute angeblich keinesfalls wollen, bei uns schon Realität ist: Wir leben in einem Vielnationenhaus. Bei mir auf dem Flur sieht das so aus: Die alte Dame, die meinen Schlüssel hat und meine Post verwaltet, wenn ich im Urlaub bin, ist Deutsche, wurde aber dort geboren, wo heute wieder Polen ist. Die Leute daneben – übrigens unser Hausmeisterpaar – sind Griechen. Rechts neben mir wohnen ein junger Russe mit seltsamem Namen, den ich mir nie merken kann, mit seiner Freundin, und auf der anderen Seite haben wir Sladja aus Serbien, mit der ich öfters mal Kaffee trinke, und ihren Sohn David. Das passt für mich wunderbar so. In den anderen Stockwerken sieht es genauso bunt und vielfältig aus. Auch die unvermeidliche Studenten-WG und das Schwulenpaar fehlen bei uns im Haus nicht. Konflikte, die über kleine Nicklichkeiten wie „am Donnerstag hat dein Besuch auf meinem Parkplatz gestanden“ hinausgehen, wären mir bislang nicht untergekommen. Ich habe auch den Eindruck, dass die Leute zu den kleinen dunkelhäutigen Kindern genau so nett sind wie zu dem niedlichen Blondkopf.

Bei uns klappt das mit dem Multikulti also soweit sehr gut. Das mag daran liegen, dass bei uns bei den Ausländern keine Nation wirklich „die Überhand“ hat, es gibt keine Frontenbildung, sondern eher ein vorsichtiges Interesse aneinander. Das ist sicherlich anders, wenn größere Gruppen ständig zusammenglucken, auch wenn ich das aus deren Sicht verstehen kann: Die gleiche Sprache, Kultur und ähnliche Erfahrungen schaffen ein schönes warmes Gefühl, dass auch ich wohl nicht würde missen wollen, wenn ich – vielleicht ohne es zu wollen – fernab meiner Heimat leben müsste. Auch hat es sich mit der Zusammensetzung im Haus einfach so ergeben, ohne Einmischung von außen.

In Frankfurt sind inzwischen so viele Ausländer, dass mir das kaum noch auffällt, wenn jemand „fremd“ aussieht. In der norddeutschen Tiefebene, wo ich öfters unterwegs bin, ist das deutlich anders, ich glaube, die einzige Ausländerin, die mein Neffe während der Grundschulzeit kennenlernte, war ein Mädchen aus Holland. Das erinnert mich sehr an meine Kindheit, auch wir hatten nur eine einzige Türkin in der Klasse. Die wohnte zum Glück in meiner Nachbarschaft, sodass ich sie und ihre Familie recht gut kennenlernen konnte. Es gab aber damals noch Kinder, die nicht mit der Türkin spielen durften und auch „das Türkenhaus“ nicht betreten durften (was bedeutete, dass sie auch mit den anderen Kindern in diesem Haus nicht spielen durften). Ich hoffe, dass diese Zeiten auch dort inzwischen vorbei sind, würde meine Hand aber nicht dafür ins Feuer legen. Oftmals fürchtet man ja gerade das, was man nicht kennt. Ich habe als Kind sehr davon profitiert, oft im „Türkenhaus“ gewesen zu sein. Der Bruder meiner Freundin hat mich sogar so beeindruckt, dass ich meine Puppe unbedingt „Achmed“ nennen wollte (davon an dieser Stelle mehr).

Alles in allem war und bin ich also zumeist sehr zufrieden mit meiner Nachbarschaft. Sollten irgendwelche Fußballnationalspieler bei uns einziehen wollen, wäre das für mich auch okay, solange sie nicht herumlärmen und keinen Schmutz hineinbringen. Das ist hier nämlich ein ehrenwertes Haus.

 

Nachtrag: Während ich hier am Werkeln war, hat es bei mir geklopft. Zwei meiner Nachbarinnen standen draußen und machten mich darauf aufmerksam, dass mein Schlüssel draußen hing – den habe ich gestern bei dem Versuch, trotz Platzregen möglichst wenig Nässe mit in die Wohnung zu schleppen, glatt aus den Augen verloren. Nun hängt er wieder sicher am Haken.

Nein, ich habe nichts gekauft!

Es scheint tatsächlich ein Ereignis gewesen zu sein: Der Amazon Prime Day. Bei der Arbeit wurde darüber gesprochen, im Büro, der Kantine. „Und, hast du schon was gekauft?“, hieß es dann, oder auch: „Wirst du dir denn heute was gönnen?“ Auch heute noch, fast eine Woche später, war der Sonderangebotstag Gesprächsstoff beim Essen, denn eine Freundin hatte zugeschlagen, für sich und die Schwester, die bald Geburtstag hat. Für jede wird es einen Ebook-Reader geben. So einen Schönen, mit Hintergrundbeleuchtung.

Sparheim, überfluss, Konsumverzicht

Es war ein Versuch – zumindest an diesem einen Tag hat es funktioniert. Bild zur Verfügung gestellt von Rainer Sturm / http://www.pixelio.de

Gerade diese Ebook-Reader hätten mich fast schwach werden lassen. Und dabei hatte ich doch fest vor, an diesem massiv beworbenen Tag nichts zu kaufen, denn ICH BRAUCHE NICHTS! Das ist natürlich eine kühne Aussage, irgendwas kann man schließlich immer gebrauchen, aber ich will mir abgewöhnen, so viel über meinen Bedarf hinaus einzukaufen. Ich habe reichlich von allem: Kleidung, Handtaschen, Schreibutensilien oder gar Unterhaltungselektronik – ich bin sehr gut ausgestattet. Der Laden mit dem großen A – und damit meine ich nicht Aldi – schafft es doch immer wieder, in mir Bedürfnisse zu wecken, obwohl objektiv gesehen kein Bedarf da ist. So wie bei diesen Ebook-Readern – denen mit der Hintergrundbeleuchtung.

Praktisch sind sie ja schon, diese beleuchteten Reader. Aber ich brauche keinen, denn ich habe einen. Ich besitze einen Kindle einer längst vergangenen Generation – und der ist unglücklicherweise unverwüstlich und noch voll funktionsfähig. Nicht mal das Display ist zerkratzt. Nur die Hintergrundbeleuchtung fehlt. Aber das werde ich wohl überleben, ich habe eine Lampe und es gibt keinen Grund, ein völlig intaktes Gerät, dass ich ohnehin gar nicht soooo oft benutze, zu entsorgen, nur um ein anderes zu kaufen. So ein Quatsch!

Nein, ich brauche keinen Paperwhite. Das wäre ja noch schöner. Erst mal muss ich die ganzen ungelesenen Papierbücher und die vielen Zeitschriften abarbeiten, und die vielen Bücher auf dem alten Kindle. Dann sehen wir mal weiter. Ich könnte natürlich auch ein Tablett kaufen, dachte ich am Amazon-alles-billig-Tag, und stöberte herum. Die meisten Displays waren mir zu klein, man wird ja nicht jünger und schon bei meinem Laptop habe ich auf gute Sicht geachtet. Überhaupt – der Laptop – der ist fast neu. Und das Netbook ist noch in Ordnung. Ich brauche kein Tablett, ich brauche etwas mit vernünftiger Tastatur, nicht so ein fettfingerverschmiertes Wischgerät. Schon im Büro liegt mein Tablett vergessen in der Ecke, warum sollte ich noch eines dazulegen?

Ich nahm also das bereits ausgewählte Tablett wieder aus dem Einkaufswagen beim großen A. Dort schien man meinen Widerstand zu spüren und zeigte mir bildschöne Büffelledertaschen. Sowas wollte ich schon immer mal haben. Aber halt – habe ich sowas eventuell schon? Oder zumindest etwas ganz Ähnliches? Ich löschte auch die dunkelrote Büffelledertasche wieder.

Amazon blies jetzt zum letzten Gefecht – ich bekam meine Angel angezeigt. Diese Angel, die ich vor einer Weile nur mehrfach in den Warenkorb gelegt und wieder rausgenommen hatte, um einem Kollegen zu zeigen, wie Onlinewerbung funktioniert. Die Angel verfolgte mich wunschgemäß quer durch das Internet, überall, wo Werbung ausgespielt wurde, sah ich das martialisch anmutende Gerät. Und der Kollege verstand, was ich ihm zeigen wollte. Ich aber hatte niemals vor, so ein doofes Ding zu kaufen – schon gar nicht am Amazon Prime Day. Das große A. hatte verloren.

 

Nachtrag: Ich will gar nicht verhehlen, dass ich eigentlich ein großer Fan von Amazon bin und auch das Prime-Programm nutze.  Das ewige Amazon-Bashing ist meine Sache nicht, damit sollen sich andere vergnügen.

Nachtrag 2: Ich gebe zu, dass ich ganz bewusst nicht diese wunderbare Büffelledertasche als Lehrbeispiel für die Retargeting-Methode gewählt habe. Denn sonst hätte ich wohl verloren – und das schon Wochen vor dem Amazon Primeday.

Drohnen

Bio-Drohne

Kürzlich las ich in der Zeitung einen Artikel über einen evtl. geplanten Drohnenführerschein. Drohnen sind ja groß in Mode: Jeder, der möchte, kann sich eine kaufen und damit herumspielen. Gerne mit Webcam drunter, um schöne Landschaftsaufnahmen von Flüssen und Wäldern zu machen, wozu ich selber große Lust hätte. Oder um Wohngebiete zu knipsen, Nachbars Kaffeetafel zu inspizieren und Promifotos zu machen. Das ist glücklicherweise nicht erlaubt. Kinder können mit Drohnen spielen, denn eine Altersbegrenzung gibt es nicht. Einerseits gut, andererseits wundere ich mich etwas darüber, denn man kann mit den kleinen Dingern allerhand Unfug anstellen: Eine Kollegin wäre kürzlich fast von einer von Jugendlichen gesteuerten Drohne vom Fahrrad geschossen worden. Einsatzmöglichkeiten gibt es also reichlich, und ich bin mal wieder skeptisch.

Als ich von einem Test las, bei dem bestellte Medikamente per Drohne zur Apotheke auf der Insel  Juist gebracht wurden, fand ich das sehr sinnvoll, denn die Insel ist tideabhängig und per Schiff nicht immer schnell zu erreichen. Und wegen zwei Packungen dringend benötigter Pillen einen Inselflieger loszuschicken, erscheint wenig wirtschaftlich und vor allem auch nicht umweltfreundlich – diesen Drohneneinsatz begrüße ich durchaus. Wenn ich aber lese, dass Versandhäuser darüber nachdenken, die bestellten Waren künftig per Drohne ausliefern zu lassen, frage ich mich, ob das nicht zu einem fürchterlichen Chaos führt. Und ist es wirklich nötig, dass jedes bestellte Paar Schuhe, jedes Buch und jede Dose Gummidrops sofort losgejagt wird? Ich bestelle ja selber gerne im Internet und bislang haben mich ein paar Tage Wartezeit nicht über Gebühr belastet. Bin ich da mal wieder altmodisch?

Ich stelle mir das ja interessant vor: Amazon, Zalando und wie sie alle heißen, legen sich einen umfangreichen Fuhrpark an Drohnen zu – oder heißt das Flugpark? Egal, Drohnen für große und kleine Pakete werden angeschafft, für große und kleine Waren. Also in den Klassen von Schmuck bis Mähdrescher. Und dann geht es los: Überall saust, fliegt und brummt es. Wenn Zalando mit Amazon zusammenstößt, fällt was zu Boden: mal ein Paar Schuhe, dann wieder ein Buch. Man stelle sich vor, Nachbars Dackel Poldi wird von einem Paar tieffliegender Gummistiefel erschlagen. Hunde gelten als Sachen und müssen ersetzt werden. Wer trägt den Schaden, der Lieferant oder der Drohnenlenker, oder gar der Besteller der Gummistiefel? Sowas wird die Gerichte dann beschäftigen. Die Politik wird vielleicht über eine Helmpflicht für Fußgänger streiten – zurecht, denn bei einem niederstürzenden Gesamtwerk von Enid Blyton bedeutet ein Helm auch nur vorgetäuschte Sicherheit.

Es kann natürlich auch praktisch sein, schließlich ist nie alles schlecht: Wenn man nicht da ist, wird das Päckchen direkt auf den Balkon gelegt. Dann kann man abends die neuen Galoschen einfach reinholen und anprobieren. Wenn sie nicht passen, stellt man sie zur Abholung wieder auf den Balkon. Natürlich ist es blöd, wenn der Konzertflügel im achten Stock auf den Balkon gestellt wird – da kommt es dann wieder zum Streit, wenn das Ding nicht durch die Balkontür passt. Ein Fall für das Gericht!

Ich bleibe dabei: Von einem massiven Einsatz von Drohnen halte ich überhaupt nichts. Zum Glück gibt es schon jetzt eine ganze Reihe von Auflagen für den Gebrauch von Drohnen, aber ob das jeder weiß, der sich so ein Ding beim großen A gekauft hat?  Das möchte ich ja bezweifeln …

Kein Empfang

Wenn ich zu meiner Schwester in die tiefsten Tiefen der norddeutschen Tiefebene reise, komme ich in eine andere Welt. Nicht nur, weil dieser Landstrich in der Wesermarsch ganz anders aussieht als mein geliebtes Frankfurt, sondern auch wegen einer Eigenheit der ländlichen Infrastruktur: Denn Moorhausen – so heißt das da – liegt nicht nur genau zwischen Oldenburg und Paradies, sondern auch in einem dieser weißen Löcher Deutschlands, in denen ein schneller Internetempfang oder eine Überallverfügbarkeit von Handysignalen einfach nicht gegeben ist. Ich habe dort zumeist keinen Empfang – mit nichts. Mein Handy moppert herum und schweigt beredt: „Sie sind offline“, sagt es mir dann gerne, oder auch: „Ihre Verbindung zum Internet ist schwach!“ Ich logge mich dann ins häusliche WLan ein, nur um festzustellen, dass es instabil und laaaaangsaaaaam ist.

Nun bin ich nicht handy- oder internetsüchtig und ich bin auch keine 14 mehr, so dass ich nicht ständig per WhatsApp erreichbar sein muss. Aber ungewohnt ist es doch: Nicht mal eben gucken, was so los ist in der Welt. Nicht schnell googlen, wenn im Gespräch eine Frage auftaucht, die man nicht aus dem Kopf beantworten kann. Nicht immer für jeden erreichbar sein. Ich bin zwar objektiv betrachtet nicht so wichtig, dass das nötig wäre, aber schön wäre es doch. Immer mal wieder erzählen mir Freunde, dass sie versucht hätten, mich dort anzurufen – zwei Tage später, wenn ich das weiße Loch verlasse, erscheinen dann tatsächlich Anrufe und Nachrichten auf dem Display. Und eine Freundin, die mich bei meiner Schwester abholen wollte, verzichtete auf eine genaue Anfahrtsbeschreibung, denn sie hat ja ein Navi. ‚Viel Glück‘, dachte ich, und stellte mich trotzdem an die Straße zum Winken. Und das war gut so, denn mitten auf dem Huntedeich ging das Navi einfach aus. Moorhausen, ein Ort den es nicht gibt? Gar so etwas Unheimliches wie Bielefeld?

Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht: Die Nichterreichbarkeit hat Grenzen, in Moorhausen gibt es nämlich einen Postkasten. Doch im Bewusstsein der Netzbetreiber ist dieser kleine Ort ganz offensichtlich nicht vorhanden. Und damit sind sie durchaus im Recht, denn auf der Seite der Bundesnetzagentur finde ich Folgendes:

Das Angebot von breitbandigen Internetanschlüssen, wie z. B. DSL, VDSL, UMTS oder LTE unterliegt nach dem Telekommunikationsgesetz nicht den Vorgaben der Grundversorgung. Damit ist kein Anbieter verpflichtet, Endkunden mit einem breitbandigen Internetanschluss zu versorgen.

Tscha, und deshalb tun sie das auch nicht, die Anbieter – warum sollten sie auch. Das ist für strukturschwache Gebiete natürlich ein großes Problem: So werden sie wirtschaftlich nie den Hintern hochkriegen. Denn wenn Privatleute kaum Netz haben, geht es Geschäftsleuten nicht besser. Neue Firmen in die Gegend holen, oder Freelancer, die von zu Hause aus online arbeiten – so wird das sicher nichts. Die Zeiten von Faxgerät und Trommel sind einfach vorbei. Wundert sich da noch jemand über die Verödung der Dörfer?

Ich habe mich heute wieder in meine Highspeed-Komfortzone begeben: Folglich ist jetzt wieder mehr los in meiner bunten Welt. Schnelles Internet ist wahrscheinlich nicht lebensnotwendig, aber darauf verzichten würde ich auf Dauer nicht mehr.

Der Trauerautomat

Heute muss ich ganz kurz nochmals etwas zu einem Thema sagen, zu dem ich mich schon mal ein wenig ausgelassen habe – der öffentlich bekundeten Trauer. Mir fällt auf, dass die auffälligen Trauerbekundungen vordergründig nicht betroffener Personen immer mehr zunehmen und scheinbar auch immer skurriler werden. Nicht nur gibt es inzwischen schon vorgefertigte Facebook-Mechanismen, mit denen man völlig ohne Mühe sein Profilbild ändern und somit zu den solidarischen Personen gehören kann. Es scheint auch wichtig zu sein, dass jeder, wirklich jeder irgendetwas zu einem Vorfall sagt. Ich frage mich ja immer, was es zu einem schweren Unglück oder gar einem Attentat groß zu sagen gibt: „Schlimm!“ „Ja, wirklich schlimm.“ „Finde ich auch. Sowas von schlimm.“ Hmmm … dabei sein ist offenbar alles.

Ich hoffe, dass meine Freunde und Bekannten – auch die Flüchtigeren – einfach davon ausgehen, dass ich Unfälle oder Terroranschläge schlimm finde und Gewalt ablehne, auch ohne dass ich das großartig mitteile. Wem das noch nicht bekannt war, dem sei es hiermit gesagt. Und so etwas wie einen Fahrkartenautomaten mit französischer Flagge und Trauerflor finde ich schlichtweg geschmacklos. Der war es übrigens, der mich zu diesem kurzen Beitrag verleitet hat.

Trauerautomat

Trauerautomat, heute morgen um sieben.

Natürlich sind Meinungen – auch abweichender Art – wie immer willkommen.

Die totale digitale Vernetzung

Personenwaage, analoge Waage

Selbstoptimierung analog, Bild zur Verfügung gestellt von marika / http://www.pixelio.de

Eines vorab: Ich bin ein digitalbegeisterter Mensch. Ich besitze deutlich mehr Geräte, als eine Einzelperson benötigt, und arbeite im Digitalmarketing. Ohne ein Internetgerät bei mir gehe ich selten aus – es kommt aber vor. Und doch lassen mich einige Dinge kopfschüttelnd davor stehen – vor dem digitalen Wahn.

Immer wieder werden inzwischen Dinge angepriesen, deren Nutzen sich mir überhaupt nicht erschließt: Die elektrische Zahnbürste, die via App mit meinem Smartphone kommunizieren will – was haben die beiden sich denn so Wichtiges zu erzählen? Ob ich ordentlich geputzt habe oder ob sich Karius und Baktus noch am linken hinteren Backenzahn tummeln? Oder ob ich gar das Putzen geschwänzt habe, was nach einer großen Ladung Wein mit Korn wohl mal vorkommen kann? Klingelt dann mein Handy so lange, bis ich mich noch mal hochrapple und die lästige Pflicht nachhole? Oder werden meine Putzdaten sofort an meine Krankenkasse weitergegeben, die mir die Beiträge erhöht, wenn ich die falsche Zahnpasta benutze? Mysteriös …

Auch Waagen unterhalten sich inzwischen gerne mit dem Smartphone. Auf mein Gefrotzel, dass das Gerät die Gewichtsveränderungen dann wohl direktemang an Facebook weiterleite würde, antwortete meine Kollegin mir ganz ernst: „Nein, das habe ich abgestellt.“ Na, was für ein Glück. Wer weiß, wie das sonst auf Facebook auftauchen würde – vielleicht in so einem blauen Rahmen, wo auch immer diese Wesenstests drin auftauchen: „Welcher Rocksong bist du?“ (à Born to be wild!), oder „Welche Figur der griechischen Mythologie ist dir am ähnlichsten?“ (Ariadne mit dem Bindfaden). Am Ende würden dann da stehen: „Meikesbuntewelt, du bist eine Kreuzung aus Elefant und Buckelwal!“, oder so ähnlich.

Diese totale Vernetzung führt zu verstärkter Selbstbeobachtung und „Selbstoptimierung“, das kann man inzwischen überall lesen. Kürzlich sah ich im Fernsehen sogar einen kleinen Bericht, indem es darum ging, dass Krankenkassen überlegen, das Tragen dieser Selbstbeobachtungsarmbänder oder -uhren zu fördern. Eben wegen der Selbstbeobachtung, die ein dauerhaft schlechtes Gewissen produziert und so die Leute dazu brächte, sich mehr zu bewegen. Wenn dem tatsächlich so ist, ist das vielleicht ganz gut. Bei mir war es allerdings so, dass die ersten Menschen, die ich kennenlernte, Unternehmensberater waren, die 16 Stunden am Tag gearbeitet haben. Von Bewegung war da nicht die Rede, aber vielleicht können diese Dinger ja auch Herzinfarkte registrieren, an eine App senden und auf Facebook posten – das könnte in der Tat nützlich sein. Gut wäre dann natürlich noch ein „Gefällt-mir-nicht-Button“. Auf Facebook, nicht an dem Armband.

Gestalten wie ich, die ohnehin zur Hypochondrie neigen, könnten auf die ständige Analyse des Befindens auch mit Hysterie reagieren. Ich würde mich bei jeder Pulserhöhung wohl vorsichtshalber in die Nähe der Uniklinik begeben. Ich denke außerdem an einen Kollegen, der solch ein Armband besaß, das auch seinen Schlaf beobachtete. Kaum trug er es, stellte er mit Entsetzen fest, dass er kaum schlief – zumindest behauptete das das Armband. Er saß folglich übermüdet, gähnend und dem Erschöpfungstode nahe am Schreibtisch und litt gar fürchterlich. Fragte man ihn, wie er denn rein vom Gefühl her seinen Schlaf beurteile, meinte er immer, er hätte gut durchgeschlafen – aber offensichtlich nicht erholsam. Das bewies ja das Armband. Zum Glück gab das Ding irgendwann den Geist auf, was den Schlaf auf der Stelle wieder verbesserte und den Kollegen gesunden ließ.

Hinzu kommt noch, dass die moderne Technik kein Verständnis für unsere Wünsche und Bedürfnisse hat: „Ich dachte, mein I-Phone lobt mich mal“, äußerte eine Kollegin ihre enttäuschte Hoffnung. Sie hatte so gerackert und dieses schnöde Ding hatte ihre Bemühungen lediglich registriert, nicht aber gelobt. Wofür dann das Ganze?

Ein anderer Bekannter wurde digital gelobt, das aber war auch nicht recht: Es stand auf Facebook zu lesen, dass er 1,4 Kilometer gejoggt sei, in 25 Minuten – herzlichen Glückwunsch! Natürlich erntete er sofort hämische Kommentare, etwa die Frage, ob er einen Stein im Schuh gehabt habe oder ob er verletzt sei. Seine etwas verlegene Begründung, dass er den aufdringlichen Leistungsberichterstatter versehentlich eingeschaltet habe, als er morgens zum Brötchenholen geschlendert sei, sorgte nur für eine geringe Schadensbegrenzung.

Mir ist diese ständige Selbst- und Fremdbeobachtung durch irgendwelche Digitalgeräte etwas unheimlich. Daher schalte ich die GPS-Funktion meines Handys generell aus und poste auch nicht mein Essen auf Facebook. Es stört mich zwar nicht, wenn andere Leute all dieses tun, aber ich brauche das nicht. Und ich glaube, dass wir in einigen Bereichen auf einem unguten Weg sind – die totale Aufgabe der Privatsphäre bis hin zur Veröffentlichung der Vitalwerte kann nicht der Sinn all dieser eigentlich schönen digitalen Möglichkeiten sein.

Jammern auf hohem Niveau

Fahne Flagge DeutschlandIn der letzten Zeit habe ich mich des Öfteren geärgert: und zwar über die Leute, die auf Facebook, in Foren oder auf irgendwelchen Kommentar-Platformen den Zustand unseres Landes bejammern. Denn ich finde, es geht uns ziemlich gut hier.

Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass es auch in Deutschland nicht jedem so gut geht wie mir: Denn ich habe eine feste, recht gut bezahlte Arbeit, eine schöne Wohnung, eine kleine, aber sehr nette Familie und gute Freunde. Das hat nicht jeder – schon klar. Und auch nicht jeder hat das Glück, seelisch, körperlich und geistig gesund zu sein. Die Bedingungen, unter denen Menschen leben, sind unterschiedlich und die Gründe dafür vielfältig. Aber ist das ein Grund, immer wieder über das Land, die Regierung oder den Zustand der Demokratie zu klagen?

Eine Facebook-Bekannte teilt immer wieder irgendwelche Beiträge, die sie als Beleg für den Verfall dieses Landes wertet. Davon abgesehen, dass ihre Interpretation dieser Beiträge sich oft nicht mit der meinen deckt, ärgern mich Kommentare wie: „Und das nennt man nun Demokratie“. Es finden sich immer Leute, die ihr zustimmen und sich offenbar als unterdrückte, ausgebeutete Mehrheit sehen – nicht als Minderheit, denn es geht ihnen ja immer um „das Volk“. Das ist schon ein eigenartiges Selbstverständnis: Jede Entscheidung, die mir nicht gefällt, ist undemokratisch – ja, nee, ist klar. Dass unsere Verfassung es erlaubt, jede auch noch so abseitige Ansicht frei zu äußern und zu verbreiten, fällt diesen Leuten dabei gar nicht auf. Auch nicht, dass sie alle ihr Auskommen haben und ohne Verfolgung und größere Notlagen hier leben können, ist anscheinend selbstverständlich und nicht genug. Es soll das bedingungslose Grundeinkommen her, mehr von allem für jeden auch ohne Gegenleistung und alles bitte sofort. Wenn das nicht klappt, liegt das daran, dass die Politiker alle korrupt sind, nichts können und sich die Taschen vollstopfen – mit dem Geld der „Lobbyisten“, bevorzugt der „Bankster“ oder der verschwörerischen Pharmaindustrie. Außerdem sollen endlich „die Reichen“ mehr zahlen – wer auch immer die sind, diese Reichen. Eine klare Definition von „reich“ würde mich mal interessieren, und auch, wie viel man den Reichen denn gerne wegnehmen möchte. Wahrscheinlich alles – muss ja gerecht sein.

Natürlich finde auch ich, dass nicht alles, was von der Politik beschlossen wird, vernünftig ist. So war ich nie ein Freund des Betreuungsgeldes und würde das Geld lieber in Kita-Plätze stecken, fand die Schulzeitverkürzung für Abiturienten wenig hilfreich und würde im Bundesetat gerne einiges umschichten. Auch würde ich gerne die Sozialleistungen aufstocken, weiß aber, dass das schwer zu finanzieren ist – sogar dann, wenn Meike aus der bunten Welt Kanzlerin wäre. Wunsch und Wirklichkeit gehen häufig auseinander, das muss man einfach akzeptieren.

In meinen Augen ist es einfach eine Frechheit, in Deutschland davon zu tönen, dass man unterdrückt sei, dass es keine Meinungsfreiheit gäbe und dass man in einem Überwachungsstaat lebe. Und zwar eine Frechheit gegenüber den Millionen von Menschen, die tatsächlich in solchen Verhältnissen leben müssen. Unser Land ermöglicht so Vieles: Auch wenn nicht jeder genau die gleichen Chancen hat und manche sich mehr abrackern müssen als andere, hat doch jeder Zugang zu Bildungseinrichtungen. In vielen Ländern ist das anders – wird man dort als Mädchen geboren, ist die berufliche Zukunft im Grunde gelaufen. Es gibt bei uns eine gute ärztliche Versorgung, auch wenn man manchmal lange auf einen Termin warten muss. Niemand schmiert einem hier Kuhmist auf eine Wunde und betet dazu, weil es keine andere Behandlungsmöglichkeit gibt. Man kann heiraten, wen man will und wann man will, auch wenn Homosexuelle noch nicht völlig den heterosexuellen Paaren gleichgestellt sind. Hier darf niemand mit elf Jahren zwangsverheiratet und niemand verbrannt werden, weil er den falschen Menschen liebt. Es gibt hier ein wirklich großes Maß an Freiheit und Sicherheit.

Natürlich gibt es auch hier immer noch was zu tun, ganz fertig ist so ein Land sicher nie. Es gibt noch immer Fremdenfeindlichkeit und Radikalismus in alle Richtungen – aber wie soll man die Dummheit ganz ausrotten? Und ganz gerecht wird es auch nie zugehen im Leben – einfach weil die Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten geboren werden, unterschiedlich leistungsfähig und –willig sind und auch immer das Glück eine Rolle spielt. Das ist einfach die Realität und wird wahrscheinlich immer so bleiben.

Wir können versuchen, uns dem Ideal einer besseren Welt weitestmöglich anzunähern. Jeder, der positiv denkt, leistet dazu seinen Beitrag: Sei es durch fleißige Arbeit, eine gute Rolle in der Familie, eine freundliche Art gegenüber den Nachbarn oder auch konstruktive Kritik an den Verhältnissen – die Möglichkeiten sind unglaublich vielfältig. Man muss kein Politiker sein, kein Genie und keine Arbeitsmaschine, um nützlich zu sein. Aber dieses Gejammer und Gemecker, dieses Verdammen derjenigen, die sich zwar bemühen, aber kein Paradies aus dem Ärmel schütteln können – diese unkonstruktive Miesepetrigkeit vieler Leute hilft wirklich überhaupt nicht weiter. Mit ihnen kann man nicht diskutieren, weil sie nicht diskutieren wollen. Sie wollen jammern, klagen, sich schlecht fühlen, und ziehen damit andere in den Kreislauf aus schlechter Stimmung, lautem Klagen und noch schlechterer Stimmung hinein. Und das ärgert mich, ja, es ärgert mich wirklich. Denn das ist doch einfach dumm!