Lilla und Sturmkönig

Lilla und Sturmkönig, Kinderbuch, Meike MöhleLilla ist neun, als sie von ihrem Onkel das Schaukelpferd Sturmkönig bekommt. Anfangs hätte sie lieber ein richtiges Pony gehabt, aber Sturmkönig hat ungeahnte Fähigkeiten und bringt jede Menge Aufregung in Lillas Leben: Denn er kann nicht nur sprechen und fliegen, sondern kennt auch jede Menge lustige Gestalten. So lernt Lilla den Kohlrabikönig und die Wetterfrau kennen, schließt Freundschaft mit Buntsocke und Entenschwanz und verhilft dem unheimlichen schwarzen Prinzen zu vielen neuen Freunden. Und auch das Loch im Himmelszelt des Kohlrabilandes lässt sich mit viel gemeinsamem Einsatz schließlich flicken.

„Lilla und Sturmkönig“ ist eine lustige Geschichte für kleine Leute bis neun Jahre. Durch die übersichtlichen und in sich abgeschlossenen Kapitel eignet es sich gut zum Vorlesen und ist für Erstleser ein schöner Einstieg ins selbstständige Lesen.

Das Buch ist als E-Book und Taschenbuch erhältlich, z. B. bei Amazon, Hugendubel und Thalia.

Leseprobe:

„Lilla und Sturmkönig“ hat 16 bunte, abwechslungsreiche Kapitel. Hier gibt es eines als Leseprobe – viel Spaß damit!

6. Im wilden Wald

Es wird immer wärmer draußen, und Sturmkönig hat schon das Innenfutter aus dem Flugmantel genommen. Sonst wäre es beim Fliegen glatt zu warm für Lilla. Die beiden fliegen nun regelmäßig zusammen los. Sie treffen sich mit den anderen Pferden, besuchen noch einmal die Wetterfrau und schauen immer mal wieder beim Kohlrabikönig vorbei. Der ist es auch, der Lilla das nächste Mal von dem wilden schwarzen Pferd erzählt. Das heißt, eigentlich erzählt er Sturmkönig davon.

Der Kohlrabikönig sitzt mit Lilla und Sturmkönig beim Kakao und knabbert an einer Erdbeerpraline. Sein sonst immer so fröhliches Gesicht ist jedoch besorgt und er bittet Sturmkönig um Hilfe. Er mache sich Gedanken um den schwarzen Prinzen, erklärt er, und Sturmkönig fragt: „Was ist denn schon wieder mit ihm?“ „Naja“, fährt der Kohlrabikönig fort, „wie du vielleicht weißt, hat Prinz bei uns Landeverbot…“ „Wieso das denn?“, fragt Lilla ganz entrüstet.

„Nun“, antwortet der König, „als er das letzte Mal da war, feierten wir hier gerade den einhundertelften Geburtstag der rosa Spieluhrprinzessinnen. Die haben alle gleichzeitig Geburtstag, halt an dem Tag, an dem die Uhr zum ersten Mal spielte. Die Prinzessinnen sind sehr beliebt, weil sie immer nett zu allen sind und so hübsch tanzen können. Und gerade als ich, der einzigartige und würdevolle König, einige feierliche Worte sprechen will, platzt der schwarze Prinz hinein, verfehlt den Landeteppich glatt um fünfzig Meter und landet mit Schwung im kalten Büffet. Das war natürlich nicht mehr zu gebrauchen, und die Torte ist zu allem Überfluss auf meiner Papierkrone gelandet. Die war also auch hinüber. Die bezaubernden kleinen Prinzessinnen standen bis zur Hüfte im Bohnensalat und das Orchester hatte Wackelpudding in den Trompeten. Und das alles war dem schwarzen Prinzen scheinbar nicht mal peinlich. Ups, hat er nur gesagt, und ist wieder verschwunden. Es war nicht das erste Mal, dass er aus purem Übermut hier etwas kaputtgemacht oder jemanden umgeschubst hat. Ich möchte ihn hier nicht mehr haben, denn das wird mir zu gefährlich. Schließlich habe ich hier die Verantwortung.“

Lilla nickt. Ja, das sieht sie ein. So ein großes Karussellpferd möchte auch sie nicht an den Kopf bekommen, findet sie. „Und warum machst Du dir Sorgen?“ fragt sie den König, und der erzählt, dass ein paar befreundete Seevögel den schwarzen Prinzen kürzlich gesehen hätten. „Er ist scheinbar verletzt, an seiner einen Seite sieht man das blanke Holz.“ „Oh, das klingt böse!“ ruft Sturmkönig, „Dann muss er dringend in die Werkstatt, so kann er ja nicht herumfliegen!“ „Ja, das weiß ich“, seufzt der König. „Ich habe auch schon allen Vögeln gesagt, dass sie ihn herschicken sollen, wenn sie ihn treffen, aber er will nicht kommen. Er sagt, er will sich nicht aufdrängen und meint, dass es schon so geht. Aber das er Hausverbot hat, bedeutet doch nicht, dass er nicht zu unserem Schaukelpferdedoktor darf.“

„Der arme Kerl“, meint Sturmkönig. „Er hat es nicht leicht und hat gar keinen Vertrauten: kein Kind, keine Freunde, niemanden!“ „Wir müssen ihn gleich suchen!“ ruft Lilla aufgeregt. Sturmkönig kann kaum noch seinen Kakao austrinken, so energisch zieht sie ihn zum Landeteppich. Der König stolpert fast in seinen Pantoffeln, so sehr muss er sich beeilen, um hinter ihnen herzukommen. „Er ist oft im wilden Wald!“ ruft er hinter den beiden her, und Sturmkönig wiehert laut zum Zeichen, dass er verstanden hat.

Vor dem wilden Wald fürchtet Lilla sich ein bisschen. Sturmkönig kann sie aber beruhigen: Der wilde Wald heißt nur so, erklärt er ihr, weil die Riesenbäume dort so gerne Räuberlieder singen würden. Ansonsten wäre dort alles wie in einem ganz normalen Wald, bis auf den wilden Gesang eben. „Bäume sind nicht besonders musikalisch, weißt du“, sagt Sturmkönig, und Lilla nickt. Sie hat ja bis heute nicht mal gewusst, das Bäume überhaupt singen können. Gespannt späht sie nach vorne, bis sie am Horizont eine Reihe riesiger Bäume aufragen sieht. „Ist das schon der Wald?“, fragt sie, und Sturmkönig lacht. „Hör doch mal“, sagt er, und Lilla spitzt die Ohren. Tatsächlich, je näher sie kommen, desto deutlicher hört sie ein lautes Brummeln. Dann endlich, als sie den Wald fast erreicht haben, versteht sie auch den Text:

„Wir fangen jeden Wandersmann, Wandersmann, Wandersmann
und setzen uns’re Dolche an, Dolche an die Kehle ran
bis er nicht mehr zappeln kann, zappeln kann, zappeln kann.
Der leck’re fette Wandersmann, Wandersmann, Wandersmann,
hängt bald an unserm Grillspieß dran, Grillspieß dran, oh Mannomann!“

Lilla muss ein wenig lachen, so scheußlich klingt der Gesang der Bäume. „Warum lacht die freche kleine Prinzessin auf dem edlen Schaukelpferd?“, raunt da eine Stimme irgendwo von oben. „Ich wüsste nicht, was im wilden Wald lächerlich ist! Ich muss dich doch sehr bitten, dich zu fürchten, denn sonst müssen wir dich leider braten.“ Lilla muss noch mehr lachen. Von ihrer Mama weiß sie, dass Bäume Pflanzen sind und dass Pflanzen Wasser trinken. Aber davon, dass sie Kinder braten, hat sie noch niemals was gehört.

„Sie lacht schon wieder“, mault eine beleidigte Stimme hoch über ihr. „Sie ist nicht mit dem nötigen Ernst bei der Sache!“ Lilla entschuldigt sich. „Ich wollte euch nicht auslachen. Ich fand nur, dass das Lied einen ulkigen Text hat.“ „Der Text ist nicht ulkig. Der Text ist furchterregend“, lässt sich eine ganz tiefe Stimme hören. „Hörst Du den?“, fragte Sturmkönig. „Das ist der Chef hier. Der ist am größten und hat seine Wurzeln fast überall. Den können wir mal fragen, ob er weiß, wo der schwarze Prinz ist.“

Sturmkönig trabt mit Lilla zu einer Lichtung. Mitten auf der Lichtung steht der größte Baum, den Lilla je gesehen hat, und macht Stimmübungen. „Miii, maaaa, muuuuu“, brummt der Baum, „lalalaaaa!“ Lilla verkneift sich dieses Mal das Lachen. „Entschuldigen Sie, Herr Baum“, beginnt sie. „Warum störst Du mich? Hörst du nicht, dass ich singe?“, nörgelt der Baum sie an. „Doch, natürlich höre ich dass Es klingt schrecklich!“ antwortet Lilla.

Der Baum freut sich und klingt schon viel freundlicher, als er fragt: „Was wollt ihr denn hier?“ Sturmkönig fragt zurück: „Hast Du den schwarzen Prinz gesehen? Wir haben gehört, dass er dringend in eine Werkstatt muss.“ „Soso“, sagt der Baum, „wehgetan hat er sich. Nun, das wundert mich nicht. Er ist vorgestern an meinen oberen Ästen hängen geblieben, da kann er schon etwas abgekriegt haben. Allerdings habe ich ihn seitdem nicht mehr gesehen!“ „Wenn du ihn siehst, kannst Du ihm dann was ausrichten? Er soll doch ins Kohlrabiland kommen und sich vom Schaukelpferdedoktor reparieren lassen.“

Die riesige Baumkrone über ihnen schwankt, als der Baum langsam den Kopf schüttelt. „Ich weiß nicht“, sagt der Baum nachdenklich. „Ich denke nicht, dass er das tun wird. Der König hat ihn rausgeworfen, das hat ihn sehr verletzt. Er ist sowieso immer so traurig, weil diese ganze Bande nichts mit ihm zu tun haben will. Ich glaube nicht, dass er kommen wird.“

Lilla ist ganz aufgeregt. Der arme Prinz kann doch nicht verletzt herumfliegen, das muss doch wehtun. Plötzlich aber hat sie eine Idee. Wenn der schwarze Prinz nicht in die Werkstatt im Kohlrabiland möchte, muss er eben woanders verarztet werden. „Er kann zu Onkel Uwe kommen“, ruft sie. „Mein Onkel Uwe kann alles reparieren, sogar ganz alte Möbel, die total kaputt sind!“ „Ja“, nickt Sturmkönig, „das könnte eine Lösung sein.“ „Kannst Du ihm das nicht sagen?“, fragt Lilla den Baum. „Der ist auch furchtbar nett, mein Onkel Uwe, gar nicht so komisch, wie viele der anderen Erwachsenen.“ Der Baum nickt langsam. „Gut, ich richte es aus. Aber ob der schwarze Prinz wirklich kommt, weiß ich nicht. Er ist so furchtbar ängstlich.“

Sturmkönig guckt ungläubig. Der schwarze Prinz und ängstlich, dass kann er sich nun gar nicht vorstellen. Er schüttelt die Mähne und wiehert. Lilla steigt wieder auf. „Danke, Herr Baum“, sagt sie höflich, „und entschuldigen Sie bitte die Störung!“ Der Baum senkt ruhig die Krone, dann hört man ihn tief Luft holen. „Au weia, nun singt er gleich wieder“, flüstert Sturmkönig und Lilla kichert leise. Schon hören sie den Baum losbrummen, und ringsum fallen alle Bäume in den Chor ein:

„Ein kleines Mädchen war uns heute
uns’re allerschönste Beute
und wir werden nicht vergessen
sie noch heute aufzuessen.
Das kleine Mädchen, süß und fein
Wird uns’re Lieblingsspeise sein!“

Lilla muss schon wieder lachen, fragt Sturmkönig aber dann: „Warum singen die Bäume bei uns im Garten denn nicht?“ „Sie singen auch. Aber weil sie nicht so riesig sind wie die Bäume hier im wilden Wald, sind sie viel leiser. Deshalb können wir den Text nicht verstehen und hören immer nur so ein leises Rauschen“, erklärt Sturmkönig, und Lilla nimmt sich vor, demnächst einmal ganz feste die Ohren zu spitzen und zu lauschen. Vielleicht kann sie dann ja doch etwas von dem verstehen, was die Birken im Garten singen.

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