Ein einfacher Arbeiter

Er spürte das weiche Fleisch und genoss für einen Moment dessen kühle Glätte. Makellos weiß lag es vor ihm und er konnte es kaum erwarten, sich mit aller Macht hineinzupressen. Ach, wenn er nur nicht immer auf Hilfe angewiesen wäre. Wenn er doch nur selbst die Kraft aufbringen könnte, sich dieser zarten Perfektion zu nähern.

Lange schon hatte er die Rolle akzeptiert, die das Leben für ihn vorgesehen hatte. In seiner Jugend hatte er gehadert. Warum nur, hatte er sich gefragt, warum nur war er so klein und unscheinbar geraten? Die größeren Kollegen hatten ohne Zweifel einen besseren Klang. Sie wurden von Frauenhänden gestreichelt, brachten Sphärenklänge hervor und sonnten sich im Applaus des Publikums. Wie gerne wäre er eine Harfe gewesen. Doch er hatte einsehen müssen, dass dies mit nur acht Saiten schlecht möglich war.

Doch mit diesen acht Saiten hatte er immerhin mehr aufzubieten als die langweiligeren Gitarren, oder gar die fast schon kastriert anmutenden Bässe. Leider fehlte es ihm an einem ihn umgebenden Klangkörper, sodass niemand seine Musikalität hatte akzeptieren wollen. Und so hatte er es, nach langem Kampf und heimlich vergossenen Tränen einsehen müssen, dass aus ihm kein gefeierter Musiker wurde, sondern nur ein einfacher Arbeiter: Inzwischen war er seit fast 50 Jahren als Eierschneider tätig.

Eierschneider

Bild zur Verfügung gestellt von Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / http://www.pixelio.de

Der Druck auf seine äußere Kante verstärkte sich. Er spürte, wie das Ei sich unter seinen Drähten duckte, sich fast ängstlich an seinen Boden presste. Dann gab die zarte Hülle nach und er konnte eindringen in dieses vollkommene Oval – erst weiß, dann gelb, dann wieder weiß. Wie immer schnitt er perfekte Scheiben, neun Stück pro Ei, genau die richtige Menge für ein Eibrot, wie Sascha es mochte. Denn mittlerweile arbeitete er nicht mehr für Wilma, die ihn in den 70er Jahren bei Karstadt gekauft hatte, sondern war weitervererbt worden an ihren Enkel. Und das, so fand er, sprach eindeutig für ihn: Er war ein Qualitätsprodukt.

Ja, tatsächlich, er war zuverlässig. Niemals hatte man seine Drähte neu spannen oder schärfen müssen. Sein einfacher Mechanismus war so gut verständlich, dass selbst die leicht beschränkt wirkende Freundin von Sascha seinen Gebrauch nicht lange hatte üben müssen. Er schnitt und schnitt und schnitt – ohne lange zu fackeln und ohne jegliche Diskussion. Gut, aus ihm war kein Musiker geworden, und eigenen Strom hatte er auch nicht. Aber er war nützlich und kam für sich selber auf.

Außerdem war er pflegeleicht. Fast schon freute er sich darauf, nach dem Frühstück im warmen Seifenwasser zu baden. Wusch Sascha ihn ab, gab es eine feste Massage mit einer Naturborsten-Spülbürste. Die Freundin war vorsichtiger, sie benutzte einen Schwamm und zupfte manchmal ein wenig an seinen Saiten. Vielleicht war sie doch gar nicht so dumm, vielleicht war sie die erste, die sein Potential erkannte. Gut, ein Berufsmusiker würde in seinem Alter nicht mehr aus ihm werden, aber vielleicht reichte es für ein schönes Hobby. Sachte Klänge im Seifenschaum – das hatte doch etwas wirklich Musisches, oder nicht?

 

Nachtrag:  Zuhause hatten wir früher einen Eierschneider, der genutzt wurde, um zu besonderen Anlässen kleine Eibrote zu machen. Alltags wurden die Eier von Hand zerlegt. Auch meine Schwester hat so ein Ding – dieses Modell kann nicht nur Scheiben schneiden, sondern beherrscht zusätzlich Längseischnitte, die das Ei in Spalten spaltet.

Jedes Jahr wieder fragte meine Mutter mich kurz vor dem Geburtstag oder vor Weihnachten: „Hast du eigentlich einen Eierschneider?“ Meine Antwort war immer die Gleiche: „Nein, und ich brauche auch keinen.“ Ich bin also bekennende Eierschneider-Verweigerin – und ich stehe dazu. Wahrscheinlich würde ich eine Harfe mehr benutzen …

13 Kommentare zu “Ein einfacher Arbeiter

  1. Wir haben auch so einen! Der wurde heute morgen auch schon genutzt um eines der letzten gefärbten Ostereier zu zerlegen. Du solltest es dir nochmal genau überlegen ob du nicht doch sowas brauchst!

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  2. Ein Leben – frei nach Loriot – ohne Eierschneider ist möglich, aber sinnlos.
    Ich bin zu Hause der, der den Eierschneider bedient, wenn es mal wieder Lecker-Kartoffel-Eier-Auflauf geben soll.
    Der Eierschneider ist übrigens der Bruder vom Zwiebelhacker, mit dem ich auch stets zur vollen Zufriedenheit zusammenarbeite.

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  3. Was für ein herrlich zweideutiger Beginn, made my day! 😀

    Diese „Ode an den Eierschneider“ erinnert mich daran, dass ich mir mal einen neuen kaufen müsste. Nachdem ich den bisherigen, beim Versuch eine Tomate damit zu zerlegen, leider geschrottet habe.

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  4. Beim Aufräumen meines Küchenschrankes habe ich auch so ein Ding gefunden,
    uralt, in Plastic Orange. Aber es schneidet noch schöne Eischeiben. Ich bin immer wieder begeistert, wie gut es noch funktioniert. Vor Hässlichkeit schon wieder schön.

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