96 Säckchen

Adventskalender

Adventskalender, Bild zur Verfügung gestellt von Maria Bosin, http://www.pixelio.de

Tanja konnte sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben eine so schlechte Laune gehabt zu haben. Sie saß an einem Tisch, der über und über mit Kleinkram bedeckt war: Süßigkeiten, Spielzeug, Radiergummis, dazu fast 100 kleine Säckchen, Schleifenband und Papier. Das war es aber nicht, was sie so übellaunig werden ließ. Der Grund dafür lag darin, dass sie alleine davorsaß.

Schon oft hatte Tanja sich dafür verflucht, dass sie vor 12 Jahren den Übermüttern auf den Leim gegangen war: Übermütter, das waren die, die sich in Krabbelgruppen und Foren ständig darüber ausließen, was sie alles selber machten, anstatt es zu kaufen, und wie gesund sie ihre Familie ernährten, ohne auf industriell produziertes Gift zurückzugreifen. Und natürlich, wie sehr sie doch auf ihre kleinen Kinder eingingen. Kinderorientiert bis zur Selbstaufgabe, das galt als schick. Ganz hatte Tanja sich diese Philosophie nie zu eigen gemacht, doch es war für sie selbstverständlich, für ihren erstgeborenen Sohn Patrick den jährlichen Adventskalender selber zu füllen. Drei Abende hatte sie damit verbracht, 24 hübsche Säckchen zu nähen. Einen weiteren, um einen Besenstiel so auszurüsten, dass man die Säckchen daran befestigen konnte. Natürlich füllte sie nicht nur Schokolade hinein, das war ungesund und fantasielos. Nein, sie machte sich Gedanken und besorgte 24 hübsche Minigeschenke. Und es machte ihr Freude.

Drei Jahre nach Patrick kam Sophie. Auch sie bekam einen selbstgenähten, selbstgefüllten Adventskalender. Auch Alexander, noch zwei Jahre jünger, bekam solch ein Modell und ebenfalls das Nesthäkchen Isabell. 96 Säckchen galt es nun jedes Jahr zu befüllen, und nicht nur das: 96 kleine Dinge galt es zu besorgen. Sie mussten zum Alter der Kinder passen, vergleichbar sein – nicht, dass einer gefühlt mehr oder, noch schlimmer, weniger bekam. Außerdem mussten die Sachen der aktuellen Mode entsprechen und sich in die kleinen Beutelchen stecken lassen. Zu weit rausgucken sollten sie auch nicht, sonst wusste man ja schon vorher, was es an dem Tag geben würde, und das war doof, fanden die Kinder. Und das fand auch Nils, der Vater der Bande, der sich zwar beim Füllen der Adventskalender vornehm zurückhielt, aber trotzdem eine Meinung dazu hatte.

Anfang November hatte Tanja vorgeschlagen, in diesem Jahr auf die selbstgefüllten Kalender zu verzichten und stattdessen für jedes Kind das Wunschmodell zu kaufen. Diese Idee hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei Nils. Das sei doch Tradition, hatte er gemeint, und auf so eine eingeführte Familientradition könne man doch nicht einfach verzichten. Tanja hatte gemault, sie hatte so viel zu tun im Moment und es dauerte ewig, all die kleinen Geschenke zu besorgen, die hinterher ohnehin nur überall rumliegen würden. Nils aber hatte sie überredet, er würde ihr natürlich helfen. Sie würden sich ein paar nette Stunden machen mit einem schönen Glas Rotwein und guter Musik, es würde ein Abend voller Zweisamkeit werden. Jeder zwei Kalender, das war doch fix gemacht. Tanja hatte sich mal wieder breitschlagen lassen. Und nun saß sie hier alleine.

Schon gestern hatten sie sich gemeinsam an die Arbeit machen wollen. Doch da hatte Nils unbedingt bei seinem Freund Ulrich helfen müssen, der in Kürze umziehen wollte und die Wohnung noch nicht fertig hatte. Es eilte, der Umzug sollte schon Anfang Dezember sein. Tanja hatte das eingesehen, war doch Ulrich jemand, der auch immer da war, wenn man ihn brauchte. Und heute musste Nils ganz plötzlich lange arbeiten, hatte eine Schicht von einem Kollegen übernommen, von dem Tanja noch nie zuvor gehört hatte. Warum er unbedingt hatte einspringen müssen, hatte er Tanja nicht erklärt – er hatte einfach feige eine Nachricht auf ihr Handy geschickt. Und so saß sie also hier und kochte innerlich.

Als die Kinder im Bett waren, konnte sie endlich anfangen. Neun Uhr war es geworden, schließlich waren die Großen in einem Alter, in dem man sie nicht mehr einfach um acht ins Bett schicken konnte. Kurz hatte Tanja überlegt, die ganze Aktion einfach abzublasen, doch die erwartungsvollen Augen der Kleinen, die sich gegenseitig die Haken in ihren Zimmern, an denen die Kalender jedes Jahr aufgehängt wurden, gezeigt hatten, hatten sie davon abgehalten. Sie öffnete die große Flasche Rotwein, die Nils vor einigen Tagen mitgebracht hatte, und schenkte sich ein großes Burgunderglas ganz voll. Diesen Wein würde sie heute austrinken, an diesem Abend voller Einsamkeit.

Tanja begann zu werkeln. Zuerst der Kalender für Isabell. Das war der Einfachste, schließlich war ihre Kleinste erst vier. Sie liebte kleine Tiere zum Spielen, und Tanja hatte ein hübsches Sortiment Tierchen besorgt. Ab und zu packte sie auch eine Süßigkeit, ein Mini-Shampoo oder eine hübsche Zopfspange in ein Säckchen, damit es etwas Abwechslung gab. Die Giraffe und der Elefant passten nicht in einen der kleinen Beutel, sodass sie sie in Weihnachtspapier packte und so weit hineinstopfte, wie es eben ging.

Weihnachtsmarkt Mölln

Weihnachtsmarkt in Mölln am 3. Adventswochenende

Als der erste Kalender fertig war, schlich Tanja sich auf Socken ins Zimmer der schlafenden Isabell und hängte ihn vorsichtig an die vorgesehenen Haken. Beim Hinausgehen trat sie auf einen Legostein. Den Schmerzensschrei konnte sie gerade noch unterdrücken und tröstete sich damit, dass sie in die Küche humpelte und die Rotweinflasche mit ins Wohnzimmer nahm. Ihr großes Glas war fast leer, das war heute ein unhaltbarer Zustand.

Nach und nach arbeitete Tanja sich durch den Haufen an Kleinkram, füllte Säckchen um Säckchen. Sie wickelte glitzernde Stifte ein, quälte sich mit Mini-Spielen ab, die partout in keines der Säckchen passen wollten, und trat versehentlich auf eine heruntergefallene Nougatkugel, die natürlich eine Schweinerei anrichtete. Den Wein erledigte sie so nebenbei. Irgendwann hatte sie das Gefühl, dringend eine Gleitsichtbrille zu benötigen, denn die kleinen Bänder zum Verschließen der Beutel verschwammen vor ihren Augen und sie hatte ein Problem damit, hübsche Schleifen zu schnüren. Bei Patricks Kalender vergaß sie beinahe dessen Nussallergie. Rabenmutter, schalt sie sich, während sie einige Säckchen wieder auffummelte, um die Süßigkeiten auszutauschen. Sie hatte keine Lust mehr.

Als sie den letzten Kalender in Sophies Kinderzimmer aufhängte, schmerzte ihr Nacken und sie war todmüde. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es schon weit nach zwölf war. Von Nils keine Spur. „Ein Abend voller Zweisamkeit“, dachte sie bitter und ging zu Bett. Als ihr Mann zwei Stunden später kam, hörte sie ihn zwar, gönnte ihm aber keinen Gruß zur guten Nacht.

Am nächsten Morgen war Tanjas Stimmung nicht besser geworden. Der Liter Rotwein schien sich in ihrem Kopf gesammelt zu haben und schwappte dort herum. Sie war froh, als die Kinder endlich alle aus dem Haus waren und überließ es Nils, die Kleine in den Kindergarten zu bringen. Sie hatte heute frei. „Zum Glück“, dachte sie und rieb sich den schmerzenden Kopf. Das Gespräch mit ihrem Mann, der sich keiner Schuld bewusst zu sein schien, vermied sie.

Erst, als Nils sie ansprach, brach aller Zorn aus ihr heraus. „Einen schönen Abend? Ob ich einen schönen Abend hatte, fragst du mich? Spinnst du jetzt total? Ein Abend voller Zweisamkeit, ja, super, die Weinflasche und ich. Das war echt toll. Sonst noch Fragen?“ Nils wirkte aufrichtig verwirrt. „Rotwein? Gestern? Was war gestern?“ Sie sah, dass er in seinem Gedächtnis verzweifelt nach dem Anlass für ihren Ärger und ihre plötzliche Trunksucht suchte und schüttelte fassungslos den Kopf. „Na super. Du wolltest zwei Adventskalender packen, Familientradition, du erinnerst dich? Wann wolltest du das denn wohl tun, wenn nicht irgendwann Ende November? Vielleicht kurz vor Rosenmontag?“ Jetzt zeigte sein Gesicht den Ausdruck eines schlechten Gewissens. „Ach du Schande, das habe ich ja ganz vergessen. Das tut mir leid.“ Tanja schnaubte. „Ja, mir auch. Wie schön, dass du immer für alle da bist. Für Ulrich, für diesen unbekannten Kollegen, für deine Mutter und den Nachbarn von gegenüber. Nur für deine Familie, diese zufällige Zusammenrottung von einer Frau und vier Kindern, bist du nie da. Danke, ich hab’s gemerkt.“ Damit tat sie ihm unrecht, das wusste sie, aber in der letzten Zeit hatte sie sich oft allein gefühlt. Immer wieder saß sie mit den Kindern am Abend zuhause, während Nils arbeitet, zum Sport ging oder irgendwo irgendwas erledigte. Hier gab es auch allerhand zu erledigen, aber das schien er vergessen zu haben. Und Zeiten, die sie einfach als Paar verbrachten, gab es gar nicht mehr.

Nils merkte, dass er in Ungnade gefallen war, und versuchte sich dünn zu machen. Er musste erst ab mittags arbeiten und drückte sich bis dahin in der Garage herum, wo er lautstark etwas werkelte. „Er erledigt was“, dachte Tanja missgestimmt und beschloss, selber einfach nichts zu erledigen. Eigentlich kochte sie zu Mittag, wenn sie nicht arbeiten musste, doch heute würde sie für sich und die Kinder Pizza bestellen. Sollte ihr illoyaler Ehemann sich doch eine Stulle zum Mitnehmen schmieren – sie war schließlich nicht seine Köchin.

Auch am nächsten Tag war Tanja nicht versöhnt. Dieses Mal gab es etwas zu Essen, sie hatte sogar extra für Nils gekocht: Rosenkohlauflauf. Ihr Mann hasste Rosenkohl, doch er traute sich nicht, zu meckern. Tanja weidete sich an seinem angewiderten Gesichtsausdruck und genoss ihre Rache. Nils würgte sein Essen hinunter und sah aus wie ein getretener Hund.

Die nächsten Abende verbrachten beide zuhause, aber getrennt. So ein Einfamilienhaus kann sehr groß sein, wenn man einander nicht begegnen will.

Nach einigen Tagen Kälte und Schweigen schluckte Tanja ihren Ärger herunter und bemühte sich, das Verhältnis zu ihrem Mann zu normalisieren. Es war ja lächerlich, ihre Ehe wegen so einer Kleinigkeit aufs Spiel zu setzen. Und doch wusste sie, dass diese Sache keine Kleinigkeit gewesen war. Es hatte ihr gezeigt, wie verlassen sie sich oft fühlte und wie wenig ausreichte, um sie gegen ihren Mann aufzubringen. Es war nicht mehr wie früher, als sie einander alles verziehen und nach einem Streit ausgiebig Versöhnung feierten. Sie konnten ja nicht einmal mehr richtig streiten. Wie sollte das denn gehen, wenn man auf vier kleine Kinderseelen Rücksicht nehmen musste?

silberne WeihnachtskugelSie verbrachten eine Weihnachtszeit in gekünstelter Harmonie. Tanja und die Kinder backten Kekse, die Nils mit den Kleinen bunt verzierte, als er von der Arbeit kam. Sie suchten gemeinsam einen Baum aus und kauften zum ersten Mal nach 15 Jahren neuen Baumschmuck. Beim Putzen des Baumes lachten sie miteinander und es war fast ein wenig wie früher. Sogar „Der kleine Lord“ sahen sie sich an, die ganze Familie, tranken dazu einen selbstgebrauten Punsch und aßen von den selbstgebackenen Weihnachtskeksen. Es war schön und Tanja fasste wieder Hoffnung.

Die Weihnachtsfeiertage vergingen wie im Flug mit Bescherung, viel zu viel gutem Essen und Verwandtenbesuchen. Tanja freute sich an ihrer Familie, denn die Kinder waren allesamt glücklich und zufrieden, spielten mit ihren Geschenken und miteinander, stritten nicht und waren die ganze Zeit so ausgeglichen und wohlerzogen, dass es schon fast kitschig wirkte. Nils beschäftigte sich viel mit ihnen, half beim Aufbau der neuen Lego-Sachen, spielte X-Box mit Patrick und las Bücher vor. Keine Frage, er war ein guter Vater, wenn er sich die Zeit dafür nahm. Tanja liebte ihn dafür und spürte, dass noch nicht alles verloren war.

Dann, direkt nach Weihnachten, ging es wieder los: Nils verschwand des Abends mit nichts als der schwammigen Erklärung „Bin bei Ulrich“ oder „Ich gehe laufen.“ Und dann lief er fünf Stunden lang. Tanja war davon alles andere als begeistert, sagte aber nichts. Sie hatte früher eine Tante gehabt, die das Musterbeispiel einer ständig nörgelnden Ehefrau gewesen war – so wollte sie auf keinen Fall werden. Lieber biss sie die Zähne zusammen und schwieg.

Silvester verbrachten sie bei Freunden, die ebenfalls Kinder hatten. Es wurde nicht besonders spät, doch da sie früh aufgestanden war und vormittags gearbeitet hatte, war Tanja rechtschaffen müde und schlief ein, kaum dass ihr Kopf das Kissen berührte. Sie wurde wach von aufgeregten Kinderstimmen und der tieferen Stimme von Nils, die immer wieder beruhigend zu hören war. „Psst, leise, die Mama schläft noch. Finger weg, Isa, das ist nicht für dich, das ist für Mama. Aber keine Sorge, für euch ist sicher auch was dabei. Finger weg, habe ich gesagt!“

Neugierig geworden stand Tanja auf, zog den Bademantel über und trat auf den Flur. Dort blieb sie verdutzt stehen: Denn an der Wand im Flur hingen 12 Besenstiele, an denen jeweils eine Menge Päckchen hing. Darüber klebten Schilder mit Monatsnamen. Ihr Mann und die Kinder standen davor, und Nils hielt die Hände der kleinen Isabell fest, die sich wie immer die Dinge mit den Fingern ansehen wollte. Fragend sah Tanja ihren Mann an: „Was ist das denn?“ Er sah sie gleichzeitig verschämt, aber auch verschmitzt an und erklärte es ihr: „Das ist dein Adventskalender. Er geht allerdings bis Silvester. Heute darfst du das erste Päckchen aufmachen.“ Der siebenjährige Alexander mischte sich ein: „Da hinten ist der Januar“, krähte er und wies aufgeregt mit dem Finger auf einen der Besenstiele. Tanja trat davor und suchte mit den Augen die Eins. Etwas mühsam fummelte sie das kleine Päckchen ab und öffnete es. Darin war ein Zettel: „Gutschein für ein Mal essen gehen mit deinem lieben Mann am nächsten Samstag. Ulrich passt auf die Kinder auf, ein Tisch bei Pedro ist reserviert.“ Tanja strahlte und fiel ihrem Mann um den Hals. Dann blickte sie sich im Flur um. Ungläubig sah sie ihren Mann an: „Hast du all diese Päckchen gepackt?“ Er nickte. „Ja, habe ich. Bei Ulrich im neuen Hobbyraum. Er hat mich allerdings hier und da beraten.“ Tanja musste lachen, denn wie die Beratung des überzeugten Singles ausgesehen hatte, konnte sie sich gut vorstellen. Dann aber wurde sie ernst. „Danke“, sagte sie und schluckte ein wenig. „Ich danke dir“, antwortete er und guckte dabei komisch verliebt. „Können wir noch eins aufmachen?“, fragte Isabell, die auch bei ihren eigenen Adventskalendern am liebsten immer alle Säckchen am ersten Dezember geöffnet hätte.

Adventskalender, kleine Stiefel

Genau so einen Advebtskalender hatte ich früher auch! Bild zur Verfügung gestellt von Martin Schemm, http://www.pixelio.de

Im Laufe der nächsten Monate wurden alle Päckchen geöffnet. Sie enthielten kleine Süßigkeiten, Geschenke und Gutscheine, die alle pünktlich eingelöst wurden. Jeweils am Freitag, dem 13. fand Tanja eine Niete: Einmal einen grässlich schmeckenden Magenbitter und einmal eine geblümte Unterhose mit halbem Bein. Sie verzichtete darauf, diese zu tragen, drohte Nils aber damit, sich in diesem Gewand im Garten sehen zu lassen. Und auch die Kinder gingen nicht leer aus, denn immer wieder fand Tanja Gutscheine für gemeinsame Familienaktivitäten. Sie gingen zusammen ins Spaßbad und in den Zoo, lernten neue Spiele und hatten eine gute Zeit miteinander.

Schon im Sommer beschlossen Tanja und Nils, dass der Jahres-Adventskalender sich bewährt hatte. Für das nächste Jahr würden sie sich das Päckchen packen teilen: Jeder sechs Monate. Denn das, da waren sie sich sicher, war wirklich schnell gemacht und lohnte sich auf jeden Fall.

Akku leer zum Jahresende

Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, ist es recht ruhig derzeit in meiner bunten Welt. Es ist eigentlich wie jedes Jahr: Rechtzeitig zu Weihnachten ist der Akku komplett leer, die für das Jahr zur Verfügung stehende Energie restlos verbraucht. Das merkt man daran, dass man abends auf dem Sofa einschläft oder dass am Wochenende der Intellekt gerade noch dazu ausreicht, um sechs Folgen „Die Pfefferkörner“ am Stück zu gucken. Natürlich nur mit viel Kaffee dazu …

In diesem Jahr habe ich einmal nicht dagegen angekämpft, sondern die Müdigkeit einfach zugelassen. So viele Säugetiere machen einen Winterschlaf, das ist bestimmt nicht die allerdümmste Idee. Ganz gegen meine Gewohnheit bin ich an den Wochenenden also nicht quer durch die Republik gerast, sondern bin zuhause geblieben, habe ein paar Weihnachtsmärkte in der Umgebung besucht und ansonsten einfach mal „gewohnt“. Dicke Kerzen und Teegebäck, Schwarztee mit Wildkirsche und Strickstrümpfe sorgten für den gewünschten Gemütlichkeitsfaktor. Ich habe diese ruhige Zeit genossen und werde sie nach Weihnachten noch ein Weilchen fortsetzen – Tee ist noch reichlich da.

Euch wünsche ich schon jetzt schöne Weihnachtstage. Erholt euch gut, macht es euch nett und guckt den Fernseher leer – Aschenbrödel wartet schon!

Die Weihnachtszwölfe

15. November, Arbeitsamt

„Was, sagten Sie, haben Sie für eine Qualifikation?“ Arbeitsberater Schlüter sah etwas befremdet über den Rand seiner Lesebrille hinweg auf die Kundin mit der wilden roten Lockenfrisur. Der Tag war lang gewesen, nur Verrückte unterwegs, allmählich glaubte er selbst schon fast an Wahrsagerei und das fliegende Spagettimonster. „Ich habe einen guten Abschluss von der Hochschule für Wunder und Magie. Ich bin zwar Berufsanfängerin, aber hoch motiviert, innovativ und teamfähig.“ Schlüter räusperte sich. „Und, ähem, wo, glaube Sie, können Sie ihre Fähigkeiten am besten einsetzen? Nur, dass ich weiß, was ich bei der Stellensuche einsetzen muss.“ Die große, füllige Frau ihm gegenüber sah ihn selbstbewusst an, eigentlich wirkte sie nicht durchgeknallt, sondern nett und vernünftig. „Nun, ich kann kleine Wunder vollbringen, große auch, aber das dauert etwas länger. Ich kann Menschen glücklich machen, einzeln oder in der Gruppe, und ich kann auf Einhörnern reiten.“ Schlüter seufzte. „Auf Einhörnern, aha, soso. Ja, das sind ja sehr kräftige Tiere. Dann wollen wir mal gucken …“

Bild zur Verfügung gestellt von Gerhard Frassa / http://www.pixelio.de

Nur, um der Dame das Gefühl zu geben, er nähme sie ernst, tippte er etwas in den Computer. Diese arme Frau war eine Kandidatin für die Nervenheilanstalt, das merkte man schnell. Doch er wollte ihr die Würde nicht nehmen und bemühte sich daher nach Kräften, höflich zu sein. Umso erstaunter war er, als er das Ergebnis auf seine eigentlich sinnlose Suchworteingabe sah: Es wurde tatsächlich eine Stelle angeboten. Befristet auf einige Wochen zwar, aber man brauchte einen Nachweis für magische Fähigkeiten, und bei guter Leistung winkte eine Dauerstellung. Ein Kollege hatte das Angebot geprüft und als seriös eingestuft. „Da habe ich was für Sie“, rief Schlüter aufgeregt, riss das Papier aus dem Drucker und knallte einen Stempel darauf. „Dort können Sie sich morgen vorstellen!“

16. November, Arbeitszimmer vom Weihnachtsmann

Die drei Herren sahen irritiert auf die Frau vor ihnen. Sie brauchten dringend Personal, sehr dringend sogar, doch die einzige Bewerberin entsprach so gar nicht dem, was sie erwartet hatten. „Ähhh, ja, und Sie, ääähhhh, Sie wollen sich also bei uns als Weihnachtselfe bewerben. Wie ich sehe, haben Sie ausgezeichnete magische Fähigkeiten und können auf Einhörnern reiten – da sollten Rentiere für Sie auch kein Problem sein. Ich weiß allerdings nicht so recht … wie soll ich das sagen … Sie sehen so gar nicht wie eine Weihnachtselfe aus.“ Die Bewerberin lachte mit lauter, tiefer Stimme. „Ja, das stimmt. Optisch bin ich keine Elfe, da bin ich mindestens eine Zwölfe. Aber es kommt doch auf die inneren Werte an, nicht auf die Optik, nicht wahr, meine Herren?“ Der Weihnachtsmann sah zweifelnd von der Frau zu seinem Kollegen, dem Nikolaus, und wieder zurück. „Ja, ich weiß nicht so recht … es gibt wahrscheinlich ein Problem mit der Arbeitskleidung … Was meinst du, Niko?“ Der Nikolaus zuckte die Schultern. „Naja, die Zeugnisse sind gut. Vielleicht können wir das Kleidchen sechs Nummern größer bestellen? Das sollte doch gehen.“ Krampus an seiner Seite sagte nichts, er starrte gierig auf das voluminöse Dekolletee vor sich. Was für eine Wuchtbrumme! Diese Weihnachtszwölfe gefiel ihm ausnehmend gut, er hatte schon immer von einer Frau mit riesiger Oberweite geträumt. Nikolaus nah ihn etwas beiseite. „Hör auf zu sabbern, Krampus“, flüsterte er ganz leise. „Wenn du diese Dame belästigst, haut sie dich um!“ „Ganz gewiss tut sie das“, antwortete die Zwölfe gelassen. Sie hatte nämlich auch eine Zusatzausbildung im Gedankenlesen.

Man einigte sich darauf, es zu versuchen. Die Zwölfe sollte sofort anfangen, der Job war bis zum 06. Januar befristet. „Aber bis zum zweiten Weihnachtstag sollten Sie nach Möglichkeit schon irgendein Wunder vorweisen, Frau Zwölfe“, erklärte der Weihnachtsmann. „Die Öffentlichkeit hat hohe Erwartungen in unsere Arbeit. Und wegen der Einkleidung …“ „Keine Sorge, Chef, da besorge ich mir irgendwas. Diese kurzen pastellfarbigen Kleidchen stehen mir ohnehin nicht, die tragen furchtbar auf. Ich finde auch, dass diese Dinger furchtbar sexistisch sind – darüber sollten Sie vielleicht einmal nachdenken.“ „Hmmm, ja, meinen Sie? Ja, vielleicht.“ Dem Weihnachtsmann kam der Verdacht, dass diese Weihnachtszwölfe ganz schön Unruhe in seinen Laden bringen würde.

01.  Dezember, Geschenkwerkstatt

„Sie hat tatsächlich einen Betriebsrat gegründet, diese Verrückte?“ Krampus lachte laut und dröhnend. „Ich sag’s euch, die hat wirklich Pfeffer. Sogar, wenn sie einem eine runterhaut, tut das irgendwie gut!“ Er knurrte wohlig. Nikolaus und der Weihnachtsmann sahen sich an, sie wussten nicht so recht, was sie von der Begeisterung des ewigen Rüpels halten sollten. „Sie ist wirklich tüchtig“, räumte Nikolaus ein und berichtete von den Wundern, die die Zwölfe schon alle vollbracht hatte: Sie hatte in einigen Familien Streit geschlichtet, so dass diese Menschen einer schönen Weihnachtszeit entgegensahen. Einer einsamen alten Dame hatte sie einen Dackel zulaufen lassen und sie anschließend mit einem kultivierten Herrn bekannt gemacht, der ebenfalls einen kleinen Hund hatte. Und vier hartherzige Geizhälse hatte sie überredet, Arbeitslosen gut bezahlte Jobs zu geben, so das auch diese Menschen sich ein paar Freuden zu Weihnachten würden leisten können. Wie sie das genau gemacht hatte, wollte der Weihnachtsmann lieber gar nicht wissen, aber Krampus war von den durchschlagenden Methoden der Zwölfe begeistert. Sie wies tatsächlich schon nach zwei Wochen die höchste Wunderdichte des Elfenschwarms auf und war zudem allgemein beliebt. Das lag auch daran, dass sie die Arbeitsabläufe der Wichtel in der Geschenkwerkstatt neu durchstrukturiert und die Ställe der Rentiere durch pure Magie so richtig aufgemotzt hatte. Und für die Elfen hatte sie die freie Kleiderwahl durchgesetzt. Man sah ihr Wirken an jeder Stelle.

Die dicke Dame als Weihnachtszwölfe

„Wir sollten ihren Vertrag schon jetzt verlängern“, fand Nikolaus und Krampus hüpfte begeistert auf und ab. Der Weihnachtsmann stöhnte. „Hast du schon mal auf dem Schlitten gesessen, wenn sie am Zügel ist? Ich sage dir, das ist kein Spaß. Ich musste Tabletten gegen Übelkeit nehmen!“ „Memme!“, schimpfte Krampus und Nikolaus lachte. „Jaja, ich weiß, du leidest. Am meisten aber am Verlust deiner absoluten Autorität, stimmt‘s, alter Freund?“ Der Weihnachtsmann schmunzelte. Wie gut Niko ihn doch kannte. Ja, es stimmte, er war ein paar Mal mit dieser impertinenten Person aneinandergeraten. Er mochte es nicht, wenn man ihn kritisierte oder ihm in seine Arbeit hineinredete, und noch weniger mochte er es, wenn man ihm mit einem Ruck die rote Mütze über das Gesicht zog, um ihn zum Schweigen zu bringen. Andererseits hatten die anderen wirklich recht, diese Zwölfe war enorm fleißig. Ein echtes Arbeitspferd, innerlich und äußerlich.

„Also gut, wir werden den Vertrag verlängern. Ich denke auch, dass wir damit schnell sein sollten – es sind schon einige andere auf sie aufmerksam geworden. St. Martin hat nach ihr gefragt, und sogar der Osterhase hat sie kürzlich zum Rührei eingeladen.“

2. Dezember, Arbeitszimmer Weihnachtsmann

„Gut, Frau Zwölfe, dann sind wir uns also einig. Sie bleiben bei uns beschäftig, das freut mich sehr. Und wie ich von den Elfen gehört habe, sind die ganz begeistert davon, dass Sie die Abteilungsleitung übernehmen wollen. Nur mit Ihrer Bitte, ausgerechnet am Heiligabend frei haben zu wollen, bin ich nicht so recht glücklich …“ Die Zwölfe nickte verständnisvoll. „Ja, ich weiß, und ich kann Sie auch gut verstehen. Der Termin ist alles andere als günstig. Aber ich habe eine dringende private Verrichtung, die leider keinen Aufschub duldet, und das ist mein einziger freier Tag im Dezember.“ Der Weihnachtsmann nickte. „Also gut, dann sei es so. Nehmen Sie sich am besten alle drei Weihnachtstage frei – Sie haben es sich verdient.“

Heiligabend, Stadtcafe

Schlüter rührte nachdenklich in seinem Milchkaffee. Er ging Heiligabend immer frühstücken, das hatte Tradition. Früher war er mit seiner Frau gegangen, doch sie hatte ihn vor drei Jahren verlassen. Weil er langweilig war, ernst und pflichtbewusst, und weil sie sich das Leben anders vorstellte als er. Er war halt wie er war, ein Beamter ohne besondere Ambitionen. Noch während er seinen trüben Gedanken nachhing, hörte er, wie der zweite Stuhl an seinem Tisch hervorgezogen wurde. „Ist hier noch frei?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, plumpste eine dicke rothaarige Frau mit unordentlicher Frisur ihm gegenüber nieder. Er sah sie verblüfft an – das war doch die mit der magischen Macke und den Einhörnern? Sie lachte ihn an, das Lachen machte ihr rundes Gesicht hübsch.

„Erinnern Sie sich noch an mich? Sie haben mir einen Job vermittelt, als Weihnachtselfe. Und das, obwohl Sie dachten, dass ich spinne.“ Schlüter war verlegen. Offenbar hatte die Frau ihm seine Gedanken damals ansehen können. „Nein, ich kann Gedanken lesen“, korrigierte sie seine nicht ausgesprochenen Worte. „Und ihre Gedanken waren das Netteste und Fürsorglichste, das mir seit langer Zeit passiert ist. Wissen Sie, es ist nicht schön, mit einem Diplom in Magie vor einem Sachbearbeiter zu sitzen und ausgelacht zu werden. Da fühlt man sich irgendwie schutzlos, fast nackt. Sie aber haben mich mit Respekt behandelt und haben sich ehrlich über das Stellenangebot gefreut. Das habe ich nicht vergessen.“ „Ich habe Sie auch nicht vergessen“, entfuhr es ihm, bevor er darüber nachdenken konnte. Aber warum hätte er auch schweigen sollen, wenn sie ohnehin seine Gedanken lesen konnte? „Stimmt, verheimlichen können Sie mir nichts. Und deshalb weiß ich auch, dass Sie gar keine Lust haben, für heute Abend die traditionelle Weihnachtsgans in den Ofen zu schieben, weil Sie keine Lust haben, sie alleine zu essen. Was halten Sie denn davon, sie mit mir zu essen?“ Schlüter war verwirrt. Was passierte denn hier gerade? Er, der langweiligste Mensch der Welt, wurde angebaggert, aber wie. Und das von einer richtigen Wuchtbrumme! Er musste lächeln. „Das scheint mir eine gute Alternative zu einem Abend mit Dosenravioli zu sein.“ Die Weihnachtszwölfe lachte rau und herzlich. „Das ist zwar nicht das tollste Kompliment, das ich jemals bekommen habe, aber es ist ein Anfang.“

Gräusliche Weihnachten

Erneut eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: „Weihnachten steht vor der Tür – nicht aufmachen!“ lautete das Motto. Ein herrliches Thema, das mir viel Spaß gemacht hat 🙂

Gräusliche Weihnachten

Tante Käthe wollte kommen. Und die Schwiegermutter natürlich auch, wie jedes Jahr. Ihren Ernst bringt sie mit, und dann noch Klausi, ihren inkontinenten Dackel mit dem Silberblick. Niedlich war er ja, dieses schielende Ungeheuer, aber wenn er dieses Jahr wieder an die Tanne pinkelte, würde Susanne ihn aus dem Fenster schmeißen, versprach sie sich, während sie schlecht gelaunt ein Gästebett bezog. Und die Schwiegermutter hinterher.

Was ging ihr das auf den Geist: Alle Jahre wieder machten sie an Weihnachten einen auf heile Familie. All diese uneingeladenen Gäste teilten Susanne mit, wann sie zu kommen gedachten und wie sie sich das Fest in diesem Jahr so vorstellten. Sie selber stellte sich das Fest der Liebe ganz anders vor, ruhig und intim, gewiss aber ohne Familienterror. Und auf das schräge Gesinge von Ernst und seiner Holden konnte sie auch gut verzichten. Im letzten Jahr war ihre Kleine davon so verstört gewesen, dass sie drei Nächte lang geschrien hatte. Eine Woche später begann sie zu sprechen und ihr erstes Wort war „Nebenkrähe“. Rolf behauptete zwar, sie hätte „Oma“ gesagt, aber der hörte zu dieser Jahreszeit immer nur das, was er hören wollte.

Susanne knallte die Tür zum Gästezimmer zu und ging in die Küche, um sich einen Tee zu machen. Dort stank es nach Zimt, Rolf hatte gebacken. Die Küche sah aus, als hätte er die Wände neu verputzen wollen und vergessen, die Tapete vorher abzureißen. Und das alles wegen Weihnachten. Susanne stöhnte und goss einen kräftigen Schluck Rum in ihren Tee. Sie musste sich stärken und sich eine gewisse Gleichgültigkeit antrinken. Hätte sie gekonnt, wie sie gewollt hätte, wäre ihre Wohnungstür am 23. Dezember verriegel und bis nach Weihnachten nur geöffnet worden, um Rolf zum Weinholen in den Keller zu schicken.

Friedliche Weihnachten, das wäre mal schön gewesen. Oder auch lustige Weihnachten, schon das hätte sie hellauf erfreut. Zu allem Übel hatte Rolf jedoch auch noch einen Kollegen eingeladen, der gerade erst von seiner Frau verlassen worden war. Der würde sicher so richtig Stimmung in die Runde bringen. Vielleicht sollte sie den einfach zu Tante Käthe setzen, der hatte die Geschichte ihrer Hämorrhoidenverödung im Jahr 1974 ja noch nicht gehört. Und wer weiß, vielleicht mochte der ja ältere Frauen. Oder er war ein Psychopath und brachte welche um.

Ihre eigenen Eltern hatte Susanne übrigens auch mal wieder einladen wollen. Doch die hatten abgesagt, mit schlecht gespieltem Bedauern. Nachdem sie ein Mal das Vergnügen gehabt hatten, mit dem sturzbesoffenen, singenden Ernst die Gästecouch teilen zu müssen, fuhren sie über Weihnachten immer nach Bad Kissingen, um dort verdauungsförderndes Schwefelwasser zu trinken. Vielleicht sollte Susanne einfach mitfahren. Schwefelwasser war doch gewiss verträglicher als überalterte Nebelkrähe an Dackelragout.

Haus mit Weihnachtsbeschriftung

Frohe Weihnachten wünscht Hamburg

Alle Jahre wieder …

… geht es schneller als im Jahr davor. Wenn meine Mutter mir früher erzählt hat, dass die Zeit von Jahr zu Jahr schneller vergeht, habe ich ihr das nicht so recht glauben können. Denn das hätte ja bedeutet, dass es viel schneller geht von einem Geburtstag bis zum nächsten, oder dass gefühlt immer Sommerferien sind.

Inzwischen weiß ich, dass meine Mutter Recht hatte: Je älter man wird, desto schneller vergeht das Jahr. Und deshalb ist schon wieder Weihnachtszeit. Mal wieder habe ich noch keine Geschenke und nicht viele Ideen, frage mich, wo das Jahr hin ist und werde im Büro von einem völlig irrationalen Endjahreswahnsinn geschüttelt. Wieder öffnen die Weihnachsmärkte mit Getöse und Gedränge, es dudeln überall Weihnachtslieder und im Fernsehen sorgt die Media-Markt-Werbung dafür, dass mein Aggressionspotential steigt. Und doch hat der Advent etwas Schönes: Ich mag die Kerzen, die Gerüche und die alten Tannenbaumkugeln von Oma Erna.  Und ich nutze gerne die Gelegenheit, mich mit Freunden zu treffen. Das sind wohl meine Weihnachtstraditionen – denn man muss sich diese unbesinnliche Zeit so schön machen, wie es geht.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen ersten Advent.

Adventskranz weiß

Adventskranz Marke Eigenbau mit den Tannenbaumkugeln von Oma Erna.

Weihnachten kam fast zu spät, von Klaus Reiner

Die geneigten Leser mögen sich nun vielleicht fragen, wieso ich im März, einen Monat vor Ostern, mit einer Weihnachtsgeschichte um die Ecke kommen. Nun, das ist ganz einfach, vor Weihnachten konnte ich diese Geschichte meines Schreibwerksttattskollegen Klaus Reiner noch nicht ergattern. Ich musste erst etwas für ihn schreiben und ihm diese schnurrige Geschichte so abtauschen. Er hat dieses menschliche Drama übrigens bei unserer Weihnachtslesung im Café Wacker vorgetragen, und da er genauso liest, wie er schreibt, blieb dabei kein Auge trocken. Hier nun also, zur Frühlingszeit, der Bericht über eine kulinarisch arme Kindheit.

Das Weihnachtsessen, oder: Weihnachten kam fast zu spät.

Meine Mutter war keine besonders gute Köchin. Rückblickend scheint es mir eher so gewesen zu sein, dass sie sich durch ihre zweifelhaften Künste für die Weltmeisterschaft der schlechtesten Köche qualifizieren wollte.

Tagtäglich kam ich – ein zarter Erstklässler – von der Schule nach Hause in eine Küche, in der ein fieser Dunst hing. Es roch nach gekochten Karotten. Oder Spinat. Die Küche dampfte, der süße Geruch des Gemüses war der Geruch eines Hinterhaltes. Und ich sollte das Opfer sein.

Ein schwerer Dampf stieg von meinem Teller auf und ich ließ alle Hoffnung fahren. Nach zwei, drei zaghaften Bissen hatte ich schon aufgegeben.

Ich stocherte in Kohlrabi oder Schwarzwurzeln herum, die in einer Mehlschwitze versunken waren wie Todgeweihte in den Sümpfen des Grauens. Ich drehte die Kartoffeln um, um zu sehen, ob auf ihrer Rückseite vielleicht die Tür zu einem geheimen Ort sein würde. Ich könnte durch ein kleine Tür fliehen, die sich da vielleicht auftat. Ich würde vielleicht in Paris leben, wenn ich erst entkommen war, oder in New York.

Aber nein – Verrat! – die Kartoffeln gaben ihr Geheimnis nicht Preis. Also erstach ich die winzigen Bröckchen ausgelaugten Rindfleisches, nur um sie an der Gabel hin und herzudrehen und sie von allen Seiten zu betrachten.

„Iss dein Mittagessen, es wird doch kalt!“ sagte meine Mutter. Sie nahm einen Löffel voller pelziger Kartoffeln und Kohlrabipampe und stopfte sie mir in den Mund. „So und jetzt kauen und schlucken!“ Sie hatte es ziemlich klein gehackt, man musste es fast nicht mehr kauen. Manchmal mahlte sie es sogar zusammen mit dem Rindfleisch klein, weil sie dachte, vielleicht ist das Kauen das Problem. Ich gab mir wirklich Mühe es zu schlucken, aber meine Fähigkeit zu schlucken war mir verloren gegangen. Also kaute ich nur. „Kauen und schlucken, kauen und schlucken!“ Sie wiederholte dieses Mantra, um es zu meinem zu machen. „Mir ist flecht“, rief ich mit halbvollem Mund und rannte zur Toilette.

Später saß ich wieder über dem Teller und starrte auf den Stellungskrieg, der sich zwischen Kartoffeln und Kohlrabipampe entwickelt hatte. Beide saßen in ihre Schützgräben und feuerten mutlos aufeinander, dazwischen versprengte Truppen von Rindfleischstückchen. Es gab keine Hoffnung, der Winter würde kommen, und er würde allen Gemüsesoldaten den Garaus machen. Aber er würde wenigstens diesen sinnlosen Krieg beenden.

“Du stehst nicht eher auf, als bis dein Teller leer ist“ maule meine Mutter über ihre Schulter, vom Abwasch herüber. Ich gab mir wirklich Mühe. Eine Stunde später war der Teller halb leer. Der Winter war tatsächlich eingekehrt und sämtliche übrig gebliebenen Kartoffel- und Kohlrabisoldaten waren erfroren.

„Mensch, das ist doch eiskalt jetzt!“ Meine Mutter war bissig geworden. Sie riss mir den halb vollen Teller weg und kratzte den Rest in den Mülleimer.

Ein Soldatengrab.

So oder so ähnlich ging es an 363 Tagen im Jahr. Und als das Jahr um war, kam ein neues Jahr. Inzwischen hatte meine Mutter mir einen Wärmeteller gekauft. Da ließ sich heißes Wasser einfüllen, und man konnte das Mittagessen so auf fast zwei Stunden ausdehnen. Die Karotten, Kohlrabis und Kartoffeln erfroren nicht mehr auf dem Schlachtfeld. Sie hielten verzweifelt durch und waren sogar noch ein bisschen warm, wenn sie in ihrem Soldatengrab landeten.

Das perfide ist, du glaubst die Lüge! Du glaubst irgendwann, dass du eine Schuld trägst an dem täglichen Stellungskrieg von Kartoffeln und Blumenkohl. An den tragischen Schicksalen von gebackenen Eiern und Spinat. Du glaubst irgendwann, dass du beteiligt bist, an der Erschaffung der Todeszone, die sich vor deinen Augen tagtäglich auftut.

Aber es ist eine Lüge.

Denn sie können nicht kochen, das ist alles. Sie können einfach nicht kochen, aber dir und dem Rest der Welt erzählen sie, wie schlecht du doch als Kind gegessen hast, und überhaupt, dass du nicht völlig verkümmert bist, das liegt daran, dass sie dir Vitamin- und Kalktabletten und Lebertran gegeben haben.  Mein Gott!

Aber dann kam Weihnachten, und es kam fast zu spät, aber dann halt doch gerade noch rechtzeitig.  Denn an zwei Tagen im Jahr gab es Gänsebraten, am ersten und am zweiten Weihnachtsfeiertag. Und den machte mein Vater.

Ich aß nicht, ich fraß.

„Mensch, der Bub kann was verputzen!“ sagten die Verwandten.

„Mach doch langsam!“ sagte meine Mutter, „man meint ja du kriegst sonst nichts!“

Gefühlt habe ich immer die Gans völlig alleine gegessen, an Weihnachten.

Weihnachten, die Rettungsinsel für einen kulinarisch Schiffbrüchigen.

Dieses ersehnte Weihnachten, das leider viel zu selten war und dann immer so spät gekommen ist.

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(Nachtrag: Allen besorgten Lesern möchte ich nun beruhigend mitteilen, dass Klaus diese Essensmisere gut überstanden hat und auch groß und stark geworden ist.)

Frohe Weihnachten!

Wieder einmal ist aus der „besinnlichen Weihnachtszeit“ eine stressige, mit Arbeit angefüllte Zeit geworden. Manchmal frage ich mich, ob das Leben am Heiligen Abend enden wird. Hey, Leute, ganz ruhig, es passiert nichts Schlimmes – es ist nur Weihnachten. Und dann kommt Silvester und dann ein neues Jahr. Es geht also weiter, vertraut doch darauf. Es muss nicht bis Montag EoB alles erledigt sein. „End of Business“, das heißt nicht, dass alles zu spät und vorbei ist, das heißt nur so viel wie „Feierabend“. Und genau das mache ich jetzt auch: Feierabend. Meike aus der bunten Welt wünscht allen Lesern ein schönes Weihnachtsfest – macht es euch nett.

Und als Beispiel dafür, dass auch vor Weihnachten nicht immer alles perfekt sein muss, habe ich noch ein Bild für euch. „Was ist das für ein Effekt?“, wurde ich von jemandem gefragt, der viel mit dem Handy knipst und sich im Gegensatz zu mir mit den eingebauten Bildeffekten auskennt. Nun, es ist kein Effekt. Es ist der Tannenbaum vor unserem Büro, und der ist einfach nur verwackelt.

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