Schön ausgedrückt – Einen im Tee haben

Eigentlich wollte ich diesen kleinen Beitrag unter der Kategorie „Fundstücke“ posten, denn es ging mit ursprünglich nur um dieses Foto, das sich mir im Borkum-Urlaub aufdrängte. Ich trank dort nämlich nicht immer nur Baileys-Kaffee, es gab auch manchmal Tee.

Und mehr als einmal hatte ich einen im Tee – manchmal auch aufgrund von zuviel Kaffee. Denn die alkoholischen Kaffeespezialitäten, besonders der vormittäglich genossene doppelte Pharisäer, ließen mich ein bisschen angeschickert über die Insel spazieren. Genau dafür steht der Ausdruck „einen im Tee haben“. Und deshalb steht dieser Beitrag nun unter „schön ausgedrückt“.

Natürlich habe ich wie immer nachgegooglet: Woher stammt dieser merkwürdeige Ausdruck? Und ist das tatsächlich bekannt, oder wird das nur in meiner norddeutschen Heimat verwendet? Zu meiner Verblüffung gibt es reichlich Fundstellen im Netz:

Übersetzt wird der Ausdruck im „Universallexikon“ mit „Leicht betrunken sein“, seine Herleitung wird von der norddeutschen (!) Gewohnheit, Tee mit Rum anzureichern (!) erklärt. Umgangssprachlich sei er, fügt der Redensarten-Index hinzu. Nun, darauf wäre ich von selber gar nicht gekommen, aber manchmal ist es gut, etwas schriftlich zu haben. Und Wiktionary hilft noch mit einigen Synonymen aus: „Einen in der Krone haben“ kannte ich, ebenso „einen über den Durst getrunken haben“, wobei das schon eher auf Volltrunkenheit schließen lässt. Sehr gut gefiel mir allerdings die mir bislang unbekannte Redensart „einen zuviel auf die Lampe gegossen haben“ – da kam in meiner Vorstellung sofort ein großer Dschinn aus einer alten Petroleumlampe, und genau dass ist es ja, was einem manchmal passiert, wenn man einen im Tee hat.

Schön ausgedrückt – stattlich

Dieses Thema passt fast ein wenig zu meiner Miniserie über die geschlechtlichen Inkonsistenzen, denn auch bei diesem Begriff wird das gleiche Wort bei Männern und Frauen leicht unterschiedlich gebraucht.

Schön ausgedrückt – stattlich

Viele Wörter bedeuten im täglichen Sprachgebrauch etwas Anderes als eigentlich gedacht. So ergeht es auch dem Begriff „stattlich“: denn laut dem gelbem Duden bedeutet er

  1. von beeindruckender großer und kräftiger Statur

Beispiel: ein stattlicher Mann

  1. (in Hinsicht auf äußere Vorzüge) ansehnlich, bemerkenswert

Beispiel: ein stattliches Gebäude

Das ist eigentlich als Erklärung völlig ausreichend, doch wird „stattlich“ gerade bei Männern anders benutzt. So erzählte uns vor einer Weile ein langjähriger Freund von einer Familienfeier, bei der sich auch Personen trafen, die sich schon jahrelang nicht gesehen hatten. Der Freund, nennen wir ihn den M., wurde von einer älteren Verwandten angesprochen: „M., du bist aber stattlich geworden! Besonders von der Seite!“ M., ein gutsituierter, wohlgenährter Mittvierziger, nahm es mit Humor. Auch wenn er seit mindestens 25 Jahren nicht mehr in der Länge gewachsen ist, hat sich doch seine Silhouette an einigen Stellen inzwischen deutlich gerundet.

Und genau das ist es, was die verschobene Bedeutung dieses kleinen Wortes ausmacht: Männer werden mit den Jahren stattlich, Frauen werden dick. Vielleicht noch pummelig, was niedlich klingt, oder auch „vollschlank“. Selten habe ich gehört, dass von einer stattlichen Frau gesprochen wurde, und wenn doch, dann musste diese nicht nur besonders groß, sondern auch würdevoll im Auftreten sein. Einfach nur eine Wampe zu haben, reicht bei Frauen nicht aus – das Leben ist ungerecht.

Die dicke Dame bekennt: Auch sie ist stattlich von der Seite. Und von vorne auch!

Schön ausgedrückt – geschlechtliche Inkonsistenzen 3: Kinder und umzu

Familie

Dieses kleinen Familienbild hängt im Museumsdorf Cloppenburg

Im letzten Teil meiner Betrachtungen über die sprachlichen Besonderheiten der Geschlechter will ich mich den Kindern widmen – und derer, die sie hervorbringen. Das ist zunächst mal einfach: Ein Kind hat einen Vater und eine Mutter – und evtl. diverse Patchworkeltern, die ich hier mal außen vor lasse. Diese Leute – Vater und Mutter – sind etwas Besonderes, ihre Rolle wird immer wieder hervorgehoben, zum Beispiel in den Nachrichten: „Es ereignete sich ein Unfall. Im Wagen befand sich eine 35-jährige Mutter …“ Aha, eine Mutter also, eine Frau mit Kind. Das ist offenbar wichtig, denn eigentlich befand sich in dem Wagen schlicht eine Frau. Noch wichtiger wäre aber ein Mann in diesem Wagen gewesen: „Verletzt wurde ein 35-jähriger Familienvater …“ So wird es immer genannt, nicht einfach Vater, sondern Familienvater. Dieser Mann kümmert sich nicht nur um ein oder mehrere Kinder, sondern steht einer ganzen Familie vor – inklusive Mutter. Das klingt veraltet, ist aber üblicher Sprachgebrauch. Eine Familienmutter gibt es hingegen nicht, obwohl in vielen Familien inzwischen eindeutig die Frau die Hosen anhat. Und auch nicht, wenn der Vater abhanden kam.

Auch ist von der Sprache her definiert, von welchem Elternteil das Kind welches Kulturgut erhält: Vom Vater gibt es das Land, in dem gelebt wird. Es bezeichnet nicht nur den heimischen Acker, der früher in männlicher Linie weitervererbt wurde, sondern das große Ganze: die Heimat, das Zugehörigkeitsgefühl, Sitten und Gebräuche. Von der Mutter gibt es die Sprache, die die Verständigung untereinander erst möglich macht.

Aber kommen wir zu den Kindern an sich: Dass der Junge ein sprachliches Geschlecht hat, das Mädchen aber nicht, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Gleiches gilt für die eher süddeutschen Knaben, Buben und Burschen, auch hier sind die Mädel neutral. Die arme, veraltete Maid hatte ein Geschlecht, befindet sich aber nicht mehr im täglichen Sprachgebrauch.

Spannender wird es, wenn man dem Volk ein wenig auf’s Maul schaut und sich anhört, wie Eltern oder andere mit der Erziehung von Kindern betraute Personen über die Kinder sprechen: Jungen sind oft „der kleine Mann“, man sieht in ihnen den ganzen Kerl, der aus ihnen einmal werden soll. Auch der „Sohnemann“ ist oft zu hören. Noch nie habe ich gehört, dass jemand die Tochter „die kleine Frau“ nannte, und „Tochterfrau“ klingt richtig seltsam. Eher heißt es da „die junge Dame“ oder „das kleine Fräulein“, und das ist oft nicht besonders nett gemeint. Man beschreibt damit gerne kleine Zicken, die unerwünschtes Verhalten zeigten.

Liebevoller klingt es, wenn Väter von ihrer kleinen Prinzessin sprechen. Man wundert sich dann allerdings nicht mehr darüber, dass kleine Mädchen fast alle irgendwann die monströse Rosa-Glitzerprinzessinnen-Phase haben. Kleine Prinzen gibt es auch, aber in diesem Fall scheint das eher unerwünscht zu sein, klingt es doch sonst arg nach einem verzogenen Kind.

Auch assoziiert man mit jungenhaftem oder mädchenhaftem Verhalten stets etwas ganz Bestimmtes: Jungenhaft bedeutet auf charmante Weise lausbübisch, auf Abenteuer aus und ein wenig waghalsig – so wie Huck Finn auf seinem Floß. Mädchenhaft ist deutlich sanfter, vorsichtiger und fürsorglicher. Ein Mädchen mit jungenhaftem Verhalten ist eine kleine Wildkatze, ein Junge mit mädchenhaftem Verhalten ist leider oft noch immer ein wenig verdächtig.

Und damit will ich es gut sein lassen mit meinem Gerede über die Geschlechter in unserer Sprache. Wem noch etwas einfällt, der schreibe es gerne in die Kommentare, denn bestimmt habe ich reichlich vergessen, und genauso sicher habe ich nicht überall Recht.

Schön ausgedrückt: Geschlechtliche Inkonsistenzen 2 – Adjektive

Meine tiefschürfenden Gedanken über die geschlechtlichen Inkonsistenzen der deutschen Sprache gehen heute weiter in Richtung der Adjektive. Ich liebe Adjektive oder Wie-Worte, wie sie bei uns in der Grundschule hießen. Bei meinen ersten Notizen zu diesem Thema dachte ich spontan, dass die Frauen dieses Mal bevorzugt werden, drängte sich doch wieder das Weib in meine Gedanken, für das es in männlicher Linie keine Entsprechung gibt. Bei näherer Betrachtung denke ich, dass die Bilanz bestenfalls ausgeglichen ist – und auch das nur, wenn man bei den Frauen eines weglässt.

Köpfe, zwei alte Menschen, Man und Frau, Badekappen

„Die sind doch niedlich, oder?“ – Bild zur Verfügung gestellt von Rudis-Fotoseite.de / http://www.pixelio.de

Fangen wir neutral an – männlich und weiblich. Dies bezeichnet erst mal nur das Geschlecht, man weiß, wenn man das liest, was man in etwa zu erwarten hat. Herr Meier, Frau Schmidt, das hatten wir ja schon.

Hinzu kommt jedoch eine weitere Bedeutung für das Wort männlich, denn es bezeichnet das für einen Mann typische Erscheinungsbild. Beschreibt man jemanden als ausgesprochen männlich vom Aussehen her, ist davon auszugehen, dass der Betreffende kein rundes Babygesicht auf sackartig-weichem Körper hat, sondern ein kantiges Kinn mit angemessenem Bartwuchs und eine sportliche Figur. Wird ein Mann hingegen als „weibisch“ bezeichnet, wirkt er feminin und die Beschreibung ist unfreundlich oder abwertend gemeint.

Bei Frauen spricht man auch von einem weiblichen Aussehen, beschreibender und positiver ist jedoch der Ausdruck „fraulich“. Er nimmt Bezug auf die weichere Körperform, beschreibt ein erwachsenes Gesicht mit weichen Formen. Und ohne Bart, versteht sich.

Männer können auch „mannhaft“ sein. Dann sind sie echte Kerle, trotzen jeder Gefahr, sind mutig und entschlossen. So muss das sein, denkt Frau sich, vergisst jeglichen Gedanken an den sonst immer gewünschten soften Familientypen und verknallt sich in den größten Ritter auf dem dicksten Pferd (den mit der breiten Brust, dem wehenden Haar und dem Schwert in der kräftigen Faust).

Frauhaft hingegen gibt es nicht, aber damenhaft. Ein damenhaftes Benehmen wurde früher deutlich häufiger gewünscht als heute, da benahm frau sich vornehm und kultiviert. Dazu gehörte auch, sich von den Mannhaften möglichst fernzuhalten und nicht zu widersprechen. Harte Zeiten. Heute ist ein damenhaftes Verhalten etwas seltener geworden, kommt aber noch vor und gilt als positiv.

Und dann gibt es noch das schöne Wort „herrschaftlich“. Dies beschreibt etwas Prächtiges, Fürstliches, Würdevolles. In der herrschaftlichen Villa herrscht (Verb, oder auch Tu-Wort!) der Herr, seltener die Dame des Hauses. Herrschen der Herr und die Dame gemeinsam, befielt die (!) Herrschaft über das hochherrschaftliche Anwesen. Dieser Ausdruck ist zum Glück ein wenig veraltet – so richtig logisch ist das alles nicht.

Zu guter Letzt fallen mir noch zwei weitere Adjektive ein, die sich aus den Geschlechtsbezeichnungen herzuleiten scheinen: Herrlich steht für in hohem Maße schön, und dämlich für in ebensolchem Maße blöd. Was soll man dazu noch groß sagen? Nun, höchstens, dass dämlich mit der Dame gar nichts zu tun hat, sondern hierher kommt:

aus dem gelben Duden: aus dem Mitteldeutschen, Niederdeutschen, zu niederdeutsch dämelen = nicht recht bei Sinnen sein.

Und einen Dämel gab es dort auch, im Nieder-/Mittelhochdeutschen. Der war männlich, sagt mein gelber Freund. Der klingt irgendwie nett, der Dämel. Vielleicht sollte ich diesem Wort zu neuer Blüte verhelfen und es öfter mal irgendwo einfließen lassen.

Schön ausgedrückt – geschlechtliche Inkonsistenzen 1: Anreden

Bei diesem Thema muss ich – wie schon so oft – etwas weiter ausholen und wohl zunächst einmal erläutern, was ich mit diesem klangvollen Titel überhaupt meine. Der Duden erklärt die „Inkonsistenz“ als Unbeständigkeit oder Widersprüchlichkeit in der Logik, und genau das ist es, was mir bei den männlichen und weiblichen Anreden in der deutschen Sprache immer wieder auffällt. Damit meine ich nicht, dass man überall ein -innen anhängen sollte (wobei man das natürlich könnte, wenn man wollte – mit den militanten -innen-Verfechterinnen lege ich mich aus Gründen der Effizienz lieber nicht an). Mir geht es eher darum, dass es dem Anschein nach keine erklärliche Logik für die Verwendung der jeweiligen Anrede gibt – jemand, der unsere schöne Sprache lernt, muss sich das einfach merken, kann es aber nicht herleiten. Natürlich bin ich keine gelernte Germanistin, so dass ich nicht ausschließen kann, dass es eine Logik gibt, die mir aber bislang im Verborgenen blieb. Aber fangen wir einfach mal an:

Schuhe, Pumps, Stiefel

Wirkungsvoller Kontrast: Bild zur Verfügung gestellt von Espressolia / http://www.pixelio.de

In unserem Sprachgebrauch haben wir zunächst einmal zwei Geschlechter, bei Erwachsenen sind das Mann und Frau. Man sagt also: „Kennst du den großen Mann da hinten?“ oder auch: „Wer ist denn diese nette Frau?“ Eine einfache Frage mit kurzer Beschreibung der fraglichen Person, Mann und Frau. Wenn nun jemand antwortet, sagt er vielleicht: „Der große Mann da hinten ist Herr Meier.“ Oder er sagt: „Die nette Frau ist Frau Schmidt.“ Aha, so ist das. Herr Meier und Frau Schmidt. Warum nicht Mann Meier und Frau Schmidt? Oder wie könnte das sonst gehen?

Neben dem Mann und der Frau gibt es noch weitere Anreden in unserem Sprachgebrauch: Höflich heißt es der Herr und die Dame: „Kann ich dem Herrn noch etwas bringen?“ oder: „Da drüben, wo die ältere Dame sitzt.“ Also könnte/sollte/müsste es in einer höflichen Anrede doch eigentlich heißen: Herr Meier, Dame Schmidt. Ach so, nicht? Hmmm …

Wo ist der Unterschied zwischen dem Mann und dem Herrn, der Frau und der Dame? Laut der hier relevanten Wortbeschreibung im Duden sind Mann und Frau erst mal erwachsene Personen des männlichen oder weiblichen Geschlechts – aha. Des weiblichen Geschlechts – nicht des fraulichen – was soll das denn? Aber lassen wir das Weib hier erst mal raus, das ist ein Neutrum und führt jetzt nur zu Durcheinander. Wir suchen noch den Herrn und die Dame.

Ein Herr ist laut dem gelben Duden ein „1a. Mann (auch als übliche höfliche Bezeichnung für eine männliche Person im gesellschaftlichen Verkehr)“ oder „1b. gebildeter, kultivierter, gepflegter Mann“. Aha. In der Anrede ist a = b, es wird also ohne Ansicht der Person antizipiert, dass der Herr Meier ein ganz Feiner ist. Und die Dame ist gemäß meinem gelben Freund „1a. Frau (auch als übliche Bezeichnung für eine Frau im gesellschaftlichen Verkehr)“ und „1b. gebildete, kultivierte, gepflegte Frau“. Da ist also nicht viel Unterschied zum Herrn, und doch wird die Dame Schmidt erst mal nur als erwachsene Person weiblichen Geschlechts wahrgenommen, also als Frau Schmidt: a ≠ b. Es ist also wie immer: Frauen müssen deutlich mehr tun, um die gleiche Wertschätzung zu erfahren.

Ganz wild war es dazu noch in früheren Zeiten, in denen eine unverheiratete Frau als „Fräulein“ bezeichnet wurde. Das habe ich selber noch erlebt: Als ich 1990 eine Ausbildung zur Großhandelsfrau begann, war ich das (!) Fräulein Möhle. Erklärt wurde dies immer damit, dass interessierte Männer so schon durch die Anrede wüssten, ob eine Frau noch unverheiratet und somit jagbares Wild ist. Dumm nur, dass den Frauen ein gleicher Wissensstand verweigert wurde – so hätte sich gewiss so manches Ehedesaster vermeiden lassen.

Und dann haben wir da ja noch das Weib. Eva war eines, das erste. Damals hieß es „der Mann, das Weib“. Die Bezeichnung Weib gilt inzwischen als veraltet, oder auch ein wenig abwertend. Ich selber kenne es hauptsächlich als scherzhaft gemeinten Ausdruck langjährig verbandelter Paare: „Da vorne kommt mein Weib!“ Es ist übrigens sächlich, das Weib, nicht weiblich. Das, nicht die, warum auch immer. Das mit den Artikeln versteht ja sowieso kein Mensch.

Und so schließe ich mit den Worten des weisen Mark Twain, der in seinem Essay über die schreckliche deutsche Sprache klagte:

Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübe eines hat. Man denke nur, auf welche übertriebene Verehrung der Rübe das deutet und auf welche dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber.

(Mehr lesen über die schreckliche deutsche Sprache)

Schön ausgedrückt: aufstuken und jappen

Vor kurzem habe ich mir überlegt, dass ich in diese Kategorie der schönen Ausdrücke auch gerne einige dialektale Begriffe aus meiner Kindheit aufnehmen möchte. Meine Eltern sprachen ja Plattdeutsch und unsere Alltagssprache war mit derartigen Ausdrücken durchzogenes Hochdeutsch. Inzwischen muss ich immer lächeln, wenn sich so etwas bei mir einschleicht und meine Gesprächspartner mich verständnislos angucken, aber man kann halt nicht aus seiner Haut. Und ein paar Mal im Jahr treffe ich alte Freundinnen, die genauso sprechen wie ich – das ist schön.

Ich musste allerdings gleich bei diesem ersten Begriffspaar feststellen, dass es mit der Erklärung dieser Wörter deutlich schwieriger ist, als ich es gewohnt bin. Denn der gelbe Duden, sonst mein Freund in Sachen Begriffsklärung, ist ziemlich ratlos, was Plattdeutsch angeht. Ich habe also auch die Wörterbücher befragt, die Mundartliches anbieten, und wurde fündig, wenn auch nicht so leicht und eindeutig, wie ich mir das erhofft hatte.

Diese beiden Begriffe fielen mir in der netten Runde der alten Freundinnen zu. Es ging – wie bei Frauen häufig – um Mode und um eine wenig vorteilhafte Figur zum Kleider kaufen, denn: „Vorne jappt dat und hinten stukt dat auf!“

jappendes HemdDas Jappen ist noch einfach, direkt übersetzt heißt das so viel wie japsen, mit offenem Mund nach Luft schnappen oder auch gähnen. Das Wort wird verwendet, wenn Hemden, Blusen oder Jacken so stramm sitzen, dass sie spannen und an der Knopfleiste auseinanderklaffen – also nach Luft schnappen. Mein Schwager führt das zur Illustration einmal mit seinem Lieblingshemd vor:

Aufstuken findet zumeist – aber nicht immer – auf der anderen Seite des Körpers statt. Dann sind die Kleidungsstücke zu eng, um über das ausladende Hinterteil zu rutschen, stoßen dort auf und stauchen sich zusammen. Es kann aber auch ein Kragen auf der zu großen Brust aufstuken oder zu enge Hosenbeine auf den Stiefeln. Stuken heißt stauchen, zusammendrücken, in anderen Zusammenhängen aber auch stoßen. Und der Begriff Aufstuken ist eine eigenartige Zusammensetzung aus Hoch- und Plattdeutsch, denn eigentlich müsste es Upstuken heißen. Leider habe ich kein Bild, um das Aufstuken zu illustrieren, denke aber, dass die Vorstellungskraft meiner Leser dafür ausreicht.

Schön ausgedrückt – die Flatulenz

Das heutige Thema ist vielen Menschen im wahren Leben ein wenig peinlich, obwohl es völlig normal ist. Folglich ist es schwer in Worte zu fassen. „Blähungen“ ist wahrscheinlich üblich, der Ausdruck „Flatulenz“ klingt aber wissenschaftlicher und somit wichtiger.

Kochtopf über offenem Feuer

Flatulenzbringer: Chili à la Michi aus Thun

Der Duden beschreibt das Wort Flatulenz schlicht als Gasbildung im Magen oder Darm, Blähsucht oder auch als Abgang von Blähungen – so einfach kann es sein. Es gibt sogar ein Verb dazu: flatulieren. Allerdings habe ich noch nie jemanden sagen hören, dass er oder sie gerade flatuliert. Natürlich redet man im täglichen Gespräch auch weniger darüber –im Gegenteil, man versucht eher davon abzulenken, wenn einen dieses Problem gerade drückt. Deshalb bewunderte ich kürzlich eine Bekannte für ihre Ausdrucksfähigkeit, die mit einem leicht verschämten Grinsen verkündete: „Ich verliere Luft.“ Das klingt zwar ein bisschen nach einem undichten Fahrradreifen, beschreibt das Phänomen aber sehr genau und sorgte auch für viel Heiterkeit.

Ich habe mich allerdings beruflich schon viel mit dem Luftverlust, oder besser, dem fehlenden Luftverlust, beschäftigen müssen – gerade bei Babys sind Blähungen ein wichtiges Thema, das vielen Eltern den Nachtschlaf raubt. In diesem Zusammenhang habe ich allerdings das doch eher ungewöhnliche Wort „Flatulenz“ vermieden, denn ich wollte, dass jeder die Texte, die ich dazu schrieb, auch versteht. Und so erinnere ich mich an einen denkwürdigen Termin mit unserem damaligen Hausjuristen, der das Wort „Pupse“ als zu ordinär empfand und es gerne durch „Furze“ ersetzt haben wollte. Davon war ich nun wieder nicht begeistert, denn das fand ich zu derb. Man sieht, das leidige Bauchsuseln ist gar nicht so leicht zu behandeln und kann sogar juristische Debatten auslösen.

Auch ins deutsche Bildungsfernsehen fand die Flatulenz übrigens Eingang – wer einmal richtig schmunzeln möchte, begleitet den Hasen und den Elefanten hier beim Abenteuer Erbsensuppe (aus der Sendung mit dem Elefanten).

Schön ausgedrückt – allerhand Unfug

Der Unfug an sich ist etwas Schönes: Das erkennt man schon daran, dass er in unserer Sprache viel öfter vorkommt als sein vernünftigeres Pendant, der Fug. Der kommt selten vor und hat kaum Platz im gelben Duden, sodass man mit Fug und Recht behaupten kann, dass er langweilig ist. Der freche kleine Unfug hingegen kommt häufiger vor und hat jede Menge Synonyme – und die klingen so schön!

Mensch und Affe

Unfug im Frankfurter Zoo: Ich bin die in der Mitte.

Da wäre zum einen der Humbug – eines meiner Lieblingswörter, seitdem ich zum ersten Mal die Muppets-Weihnachtsgeschichte sah, in der der garstige, von Michael Caine gespielte Ebenezer Scrooge es immer wieder ausspie, um seine Verwirrung zu verstecken. Humbug kommt aus dem Englischen und wurde angeblich schon um 1740 herum benutzt.

Als Nächstes fällt mir das schöne, melodische Wort „Kokolores“ ein. Seine Herkunft ist nicht so recht geklärt, in einschlägigen Wörterbuchern wird sowohl das Krakeelen des Hahns als auch der Begriff „Gokeler“ für Gaukler mit dem Kokolores in Verbindung gebracht.

Der putzige Mumpitz stand im 17. Jahrhundert ursprünglich für eine vermummte Schreckgestalt oder Vogelscheuche, dem Mummelputz. An der Berliner Börse wurde der Mumpitz in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts für erschreckende Gerüchte oder unsinniges Gerede benutzt.

Der kurze, trockene Begriff „Stuss“ kommt aus dem Jiddischen bzw. dem Hebräischen. Es klingt für mich durch seine Einsilbigkeit, für die es freilich nichts kann, etwas unfreundlicher und abwertender als die anderen Synonyme für den Unfug. „Was für ein Stuss!“, das klingt wie ein Hammer auf dem großen Zeh.

Mein Lieblingsunfug ist allerdings der klangvolle Firlefanz. Er ist der einzige Unfug, den es auch in weiblich gibt, dann ist es die Firlefanzerei – ein Ausdruck, den ich selber bislang weder genutzt noch gehört habe. „Firlefanz“ – das klingt für mich nach fröhlichem Herumtollen unter lautem Gekicher. Und tatsächlich stammt das Wort vom mittelhochdeutschen „firlifanz“, einem Tanz. Irgendwie hört man die Musik aus ihm, dem Firlefanz- Tanz.

Man könnte es mit dem Unfug noch eine ganze Weile so weiter treiben: Es gibt noch den Nonsens, den Schmarrn, allerhand Käse, Tinnef oder Schwachsinn. Gemeinsam haben alle diese Begriffe, dass sie maskulinen Geschlechts sind – ein Schelm, der Böses dabei denkt. Außerdem kommen alle diese schönen Wörter laut Duden öfter vor als der arme, einsame Fug. Ob das gut ist, weiß ich nicht so recht. Vielleicht ist das ja die Auswirkung von „Der Klügere gibt nach“?

Anmerkung: Das Nachschlagen von Begriffen macht mir ja immer viel Spaß. Benutzt habe ich dieses Mal den guten alten Duden, das Wiktionary, das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache und Wikipedia.

Und noch eine Anmerkung: Sollte mich wieder jemand der mangelnden Gendergerechtigkeit bezichtigen wollen, weil ich auf die Männlichkeit des Unfugs hingewiesen habe, muss ich diesen Einwand dieses Mal leider mit einem kurzen „Papperlapapp“ abtun. Denn ich kann doch nix dafür …

Schön ausgedrückt – Funktionskleidung

Um dieses Thema drücke ich mich schon eine Weile herum. Ich befürchte nämlich, dass ich mich mit meinen Gedanken über „Funktionskleidung“ als hoffnungslos altmodisch, wenn nicht als gar begriffstutzig oute. Meine Freundin Antje dagegen ist viel moderner, sie fragt mich oft, ob eine neue Jacke eine Funktion hat. Ich sage dann immer „ja“, denn in der Regel halten neue Jacken mich schön warm und sehen hübsch aus.

Mein Heim-Strand Dangast im Herbst – am Ende des Weges, wo man nur noch die Wahl zwischen Matsch oder Matsch hat

Allerdings musste ich vor einigen Jahren feststellen, dass der normale Mensch um die 40 wohl etwas anderes unter „Funktionskleidung“ versteht als ich: Wir trafen uns mit wirklich vielen Personen auf einem Gartenfest, es wurde eine Hochzeit gefeiert. Da es leider kühl war, trugen fast alle Leute Jacken. Vertreten waren eigentlich nur vier Marken: Jack Wolfskin, The Northface, dann das mit der Schweizer Fahne und noch irgendwas, das ich vergessen habe. Nur ganz wenige Leute trugen etwas anderes: Die Mutter der Braut war in Strick gehüllt, ein guter Freund trug Fleece und ich hatte ein solides Stück Rindsleder über dem Buckel. Wir fielen auf wie bunte Hunde, obwohl wir nicht froren – die Jacken erfüllten also ihre Funktion.

Im gleichen Jahr belehrte mich eine Dame auf Juist, dass meine Jacke – irgendeine ganz normale Jacke, über die ich bei Regen oder starkem Wind eine genau so normale uralte Regenjacke ziehe – für die Küste ganz gewiss nicht geeignet sei, ich solle mir bloß schnell eine „richtige, vernünftige“ Jacke kaufen. Als eingeborene Küstenbewohnerin fühlte ich mich da schon ein wenig veräppelt, schließlich habe ich meine norddeutsche Draußen-Kindheit ohne irgendwelche teuren Überlebensutensilien locker überlebt. Ich klärte die Dame über meine Herkunft sowie die geografisch-meteorologischen Gegebenheiten an der deutschen Nordseeküste auf, konnte sie aber eher nicht überzeugen.

Heute aber stieß ich in einem Katalog auf eine Funktion, die mich den Begriff „Funktionskleidung“ in einem ganz neuen Licht sehen ließ – vielleicht hatte ich den immer viel zu eng gefasst? Neben einem ganz normalen Langarmshirt stand zu lesen:

„Durch die praktische Krempelfunktion lassen sich die Ärmel bequem hochrollen.“

Ach so – Krempeln ist auch eine Funktion? Das hätte ich nicht gedacht. Es wird also Zeit, sich mit dem Thema „Funktionskleidung“ etwas intensiver zu beschäftigen – nicht, dass mir da was entgeht. Ich fragte Tante Google und kam zu Wikipedia. Da stand zu lesen:

„Als Funktionstextilien bezeichnet man Bekleidung und Heimtextilien aus Fasern, Garnen, Geweben und Gewirken bzw. Stoffen mit funktionellem Mehrwert.“

Aha – auf die Materialien kommt es anscheinend an. Es geht dabei um Wasser- und Winddichtigkeit, schwere Entflammbarkeit, UV-Schutz, Strapazierfähigkeit und vieles mehr. Die Materialien Goretex und Sympatex werden genannt, die die Atmungsaktivität von Kleidung fördern sollen. Es soll auch „intelligente“ Textilien geben, die leuchten, heizen oder andere kluge Dinge tun können. Vom Krempeln als besonderer Funktion steht da erst mal nichts.

Dann aber finde ich den Absatz über die sog. „Everywear“, die anscheinend auch dazugehört: Klamotten, die man bei unterschiedlichen Gegebenheiten anziehen kann. Als Beispiel werden Hosen mit kürzbaren Beinen oder Jacken mit herausnehmbaren Innenteilen genannt. Nun, da gehören Shirts mit krempelbaren Ärmeln doch gewiss auch dazu – mein Katalog hatte also recht mit seiner Werbeaussage. Nach kurzem Überlegen ordne ich meine handgestrickten Schurwollpullover auch in die Funktionskleidung ein, denn sie sind wärmeregulierend, nehmen viel Flüssigkeit auf, sind schmutz- und geruchsabweisend. Ziemlich gut, was diese Schafe da abliefern.

Google allerdings akzeptiert Wollpullis und Baumwollshirts nicht so recht als Funktionskleidung, hier werden mir fast ausschließlich die bekannten Marken, die „Outdoormode“ verkaufen, ausgegeben. Der Begriff „Funktionskleidung“ wird also kommerziell ähnlich eng gefasst, wie ich es ursprünglich getan hatte. Ich habe etwas den Verdacht, dass dieses Wort bunte Freizeitklamotten aufwerten soll. Natürlich sind diese Sachen nicht schlecht, bestimmt für draußen geeignet und modern. Aber dass man die zum Überleben in unseren Breiten unbedingt braucht, kann ich nicht so recht glauben – auch nicht, wenn mir noch mal eine Dame auf einer Insel einen Vortrag über zweckmäßige Küstenbekleidung hält.

Meike in total unprofessioneller Funktionskleidung

Schön ausgedrückt – das Maurerdekolleté

Es gibt Dinge, die will man nicht sehen – auch wenn sie noch so hübsch klingen: Gemeint ist dieses Mal das sogenannte „Maurer-“ oder auch „Bauarbeiterdekolleté“. Dieses beschreibt die Aussicht auf einen (zumeist) männlichen Hintern, bei dem die Hose runtergerutscht oder gleich zu knapp ist und den Blick auf die hintere Mittellinie (auch Poritze oder Kimme genannt) ungehindert frei gibt. Dabei gibt es verschiedene Kategorien:

Einmal gibt es den verunglückten Modegag, bei dem die viel zu weite Hose auf Halbmast hängt und die Unterbuxe, oft eine modisch karierte Boxershorts, eigentlich den blanken Hintern vor Blicken schützen soll. Das klappt nicht immer, manchmal begeht auch das Untergewand Fahnenflucht und legt einen zumeist jugendlich frischen Bobbes frei. Sieht lustig aus und lädt mittelalterliche Frauen wie mich zum Frotzeln ein.

Dann gibt es die „echten“ Maurerdekolletés, die beim Arbeiten entstehen: Bücken, rackern, aufstehen, rumlaufen, feste anpacken – da kann schon mal was ins Rutschen kommen. Um sowas zu verhindern, tragen noch immer viele Leute einteilige Arbeitsanzüge oder Latzhosen, die das Hinterteil zuverlässig verdecken und auch ansonsten recht praktisch aussehen. Bei großer Wärme wahrscheinlich nicht, aber dafür bei Kälte umso mehr.

Und dann gibt es noch die Maurerdekolletés, die einen einfach so im Alltag angrinsen – ohne körperliche Arbeit und modische Überlegungen. Diese entstehen einfach dadurch, dass die Hose nicht passt und das Oberteil zu kurz ist. Man sieht sie komischerweise nicht nur bei fülligen Menschen, auch kleine Hintern werden manchmal auf diese Weise ausgestellt. Warum? Man weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil die Betroffenen sich von hinten nicht sehen können. Oder weil die so Hose bequem ist, dass man über das hintere Elend hinwegsehen kann – schließlich muss man es selber nicht angucken.

Wenn man es aber angucken muss, so wie ich gestern Abend in der Kneipe, dann ist das nicht schön. Und es regt die Fantasie an: Was würde passieren, wenn man da ein Bonbonpapier hineinschnipsen würde? Oder einen Eiswürfel? Oder wenn man nett wäre und den Unglücklichen einfach darauf hinweisen würde? Würde der das überhaupt nett finden, oder fände der – wahrscheinlich auch zu Recht – dass sein Hintern niemanden etwas angeht? Auch das weiß man nicht, und ich möchte es nicht ausprobieren. Dann lieber den Eiswürfel.

Sollte es mir aber einmal passieren, dass ich hintenrum bloß liege, möge man es mir bitte sagen – ich sorge dann umgehend für Abhilfe und bin auch ganz bestimmt nicht böse. Höchstens peinlich berührt …