Komische Gewohnheiten – jede unpassende Gelegenheit nutzen

Toilettentür DamenEines vorab, damit meine Leser die Situation richtig einschätzen können: Im wahren Leben bin ich Arbeitnehmerin, zwar in Vollzeit, aber ohne besondere gehobene Stellung. Ich bin ein ganz normaler, durchschnittlicher Mensch mit einem Bürojob. Ob ich arbeite oder nicht, hat keine Auswirkungen darauf, ob Menschen leben oder sterben. Jeder Brotverkäufer tut mehr für das Wohl der Menschen, mit denen er zu tun hat, denn die müssen, wenn sie bei ihm waren, zumindest nicht hungrig zu Bett gehen. Soweit der Status.

Trotz meiner somit offiziell festgestellten Unwichtigkeit erlebe ich es immer wieder, dass Menschen die Lage falsch einschätzen. So wie die Kollegin, die mich nach meinem Urlaub in der Kantine traf – morgens, bevor ich überhaupt richtig angekommen war. Ich war gerade dabei, ein Käsebrötchen in eine Papiertüte zu verfrachten, trug noch meine Jacke und den Rucksack auf dem Buckel. „Noch nicht auskunftsfähig“ schrie meine gesamte Erscheinung, doch die Kollegin überhörte diesen Ruf. Sie schnatterte auf mich ein, hektisch, denn sie hatte es eilig, und ich konnte zu ihrem Problem nichts, aber wirklich gar nichts Intelligentes antworten. Ich bat um Aufschub, darum, zuerst an meinen Arbeitsplatz gehen zu dürfen, um mir die Sache zumindest einmal anzugucken, bevor ich meine Meinung dazu kundtat. Ich kann es nicht leiden, wenn andere ihre Ansichten zu irgendwelchen Dingen total unreflektiert rausrufen, ohne das Thema zu kennen – folglich darf und möchte ich das auch nicht tun.

Sie gab mir fünf Minuten. Der Laptop war noch nicht mal hochgefahren, da war sie wieder da. Ich ließ mir erklären, um was es überhaupt geht, ordnete den Vorgang als „wichtig, aber nicht dramatisch ein“ und bemühte mich um Glättung der Wogen. Öl reingießen nennt man das, glaube ich. Eigentlich hätte ich danach nach Hause gehen können, denn mein gutes Werk für diesen Tag hatte ich getan.

Toilettentür HerrenWeniger duldsam war ich mit der Kollegin, die mir bis auf die Toilette hinterherlief und irgendwelche Informationen über die Trennwand bölkte. Ja, ich weiß, wenn ich im Büro bin, sollte ich ununterbrochen arbeiten, aber ab und zu muss ich mal. Und wenn ich diese Arten von Geschäften erledige, kann und will ich mich nicht auf technische Informationen in Relation zur aktuellen Rechtslage konzentrieren, geschweige denn irgendwelche Entscheidungen treffen. So wichtig bin ich einfach nicht, dass das nicht mal fünf Minuten – und länger brauche ich normalerweise nicht – warten könnte. Ich reagierte also ungehalten und scheuchte die Kollegin aus dem Waschraum. Himmel nochmal, kann man denn nicht mal in Ruhe pieseln? Ich muss mich konzentrieren!

Insgesamt beobachte ich eine Verschiebung der Wahrnehmung, was die Wichtigkeit von Dingen angeht. „Das muss aber heute unbedingt raus!“, höre ich oft, auch wenn das, was raus soll, noch gar nicht fertig ist und, wenn wir mal ehrlich sind, auch niemand begierig darauf wartet. Gerne stelle ich dann eine ganz einfache Frage: „Warum? Was passiert denn, wenn das heute nicht rausgeht?“ Zumeist ist der Rest dann Schweigen. Es muss raus, weil irgendjemand das vor drei Monaten in Unkenntnis der Sachlage in irgendeinen Projektplan geschrieben hat, und nun muss der arme Junior-Projektmanager das auf Teufel komm raus umsetzen, auch wenn das Projekt insgesamt eh schon um drei Wochen verzögert ist. Ob das wirklich vernünftig ist, wird dann, wenn die Panik schon Wellen schlägt, oft zum ersten Mal durchdacht.

Insofern bin ich vielleicht doch nicht ganz so unwichtig: Wenn mich mal wieder jemand im unpassendsten Moment ganz hektisch mit Projektdetails bombardiert, frage ich gerne nach dem „Warum“ oder sage so etwas Pomadiges wie „Das ist doch gerade überhaupt nicht wichtig“. Wahrscheinlich braucht es sowas manchmal. Aber bitte, liebe Kolleginnen, bitte nicht auf der Toilette.

Komische Gewohnheiten – Kaffee mit sich herumtragen

Für viele Menschen ist das, was ich jetzt beschreiben möchte, völlig normal, ich hingegen finde es schwer nachvollziehbar: unterwegs einen Becher Kaffee mit sich herumtragen.

Viel schöner als ein Pappbecher: meine geliebten Eulentassen

Natürlich habe ich das auch schon gemacht: Ich habe mir auf Bahnhöfen schon Kaffee gekauft, auch an der Strandpromenade oder an anderen Orten, wo es mich nach einem Heißgetränk gelüstete. Aber in der Regel trage ich den Becher dann nicht mit mir herum, sondern suche mir ein stilles Plätzchen und trinke ihn aus. Für eine gute Freundin scheint es hingegen nichts Schöneres zu geben, als mit einem Becher in der Hand durch die Stadt zu laufen. Oft steht sie dann vor den Geschäften, die sie eigentlich besuchen möchte, denn da darf sie mit Kaffee nicht hinein. Das scheint ihr aber nichts auszumachen. Auch ihre Autos müssen immer Becherhalter haben – das ist fast genauso wichtig wie ein funktionierendes Getriebe.

Schon aus Umweltgesichtspunkten sind diese ToGo-Kaffees eine ziemliche Sauerei. Die Innenstädte ersticken fast in weggeworfenen Bechern, und nicht jeder, der einen Becher wegschmeißt, trifft einen Mülleimer. Manche treffen leider auch nur die Blumenrabatte fünf Meter neben dem Mülleimer. Dem kann man natürlich beikommen, indem man einen eigenen Kaffeepott mitbringt. Entweder ein herkömmliches Modell aus Keramik, auf dem vielleicht so etwas wie „Schietwetterpott“ oder „Gute-Laune-Becher“ steht. Oder auch Widder oder einfach Stefan. Oder man nimmt eines dieser neuen, schicken Bechermodelle mit Deckel und Nuckelöffnung in der Hoffnung, sich damit beim Laufen und Trinken nicht vollzuplempern.

Meine Sonntagstassen in altmodischem blau-weißen Design

Denn das ist ein weiterer Nachteil der Kaffeeschlepperei – es trinkt sich nicht unbedingt sauber beim Laufen. Kürzlich saß ich mit einer Dame im Bus, die aussah wie ein vollgeläppertes Kleinkind, obwohl sie einen hübschen, buntgeringelten Patentbecher zum Nuckeln dabeihatte. Sie selber hatte das Desaster noch gar nicht bemerkt, als ich sie darauf aufmerksam machte: „Ihr Becher tropft!“ Sie sah entsetzt an sich herunter und wollte das Drama diskutieren, oder zumindest kommentieren: „Oh nein, das kann doch nicht sein, der Becher hat doch einen Dichtungsring!“ Ich nahm das zur Kenntnis und dachte bei mir, dass diese Dichtung ungefähr so funktioniert wie die an meiner dröppelnden Dusche, nur schlechter. Die Dame versuchte, die Malaise in den Griff zu kriegen, indem sie den Deckel vom Becher zog. Das war interessant zu beobachten, besonders, als der Bus bremste und der Milchkaffee begeistert Wellen schlug. Die Bluse der Dame war inzwischen unrettbar verloren, so wäre ich nicht ins Büro gegangen. Wichtiger als ihre gesprenkelte Front war der Dame jedoch ihr Dichtungsring. Sie drückte mir ihren Kaffee in die Hand: „Können Sie mal halten, bitte?“ Ich tat ihr den Gefallen, hielt das schwappende Ding jedoch von mir fern wie eine vollgekackte Windel. Die Frau baute einen Gummiring aus dem Plastikdeckel – der tropfte ihr auch noch die Hose voll. Und dann baute sie ihn wieder ein. Schraubte den Deckel wieder auf den Kaffee und trank einen Schluck. Der Becher tropfte – ein echtes Qualitätserzeugnis. Wenig später stiegen wir gemeinsam an der Bürostadt aus, ich sauber und adrett, die Dame wie jemand, der einen Kaffee zu weit getragen hat.

Geliebte Andenkentassen: Der blau-weiße ist von der Inseltöpferei auf Juist, der andere von einem Schweiz-Trip mit den Karnevalsweibern

Natürlich will ich nicht behaupten, dass alle tollen Kaffeebecher tropfen, aber mich würde schon stören, dass ich mindestens eine Hand für diesen Kaffee brauche – und zwar dauerhaft. Auch beim Einsteigen in den Zug, beim Wühlen in der Handtasche oder wenn ich über einen Bordstein stolpere und lang hinschlage. Der Kaffee behindert mich, was immer ich auch tue. Und deshalb trage ich nur äußerst selten so einen Becher mit mir herum. Es lohnt sich einfach nicht.

Komische Gewohnheiten: Würdelos herumrennen

„Ich werde nicht rennen, um diese Straßenbahn zu kriegen – lass uns die nächste nehmen. Hinterherrennen ist würdelos.“, sagte meine Freundin Roswitha vor vielen Jahren, und ich war mir mit ihr darüber einig. In der norddeutschen Tiefebene, wo maximal einmal pro Stunde ein öffentliches Verkehrsmittel fährt, hätte ich das anders gesehen, aber in Frankfurt, wo alle naselang eine Straßenbahn kommt, renne ich auch nicht hinter einer abfahrbereiten Bahn her.

Einfach nur Entspannen

Ich wundere mich manchmal sehr darüber, wenn ich beobachte, wie Leute herumrennen, nur um ganz wenig Zeit einzusparen. Besonders fällt mir das bei Gleiswechseln auf: Man steht auf Gleis drei, in fünf Minuten kommt eine Bahn. Durchsage für Gleis zwei: in drei Minuten kommt da auch eine Bahn. Es wird losgerannt, zwei Minuten sparen, Zeit ist Geld, was stören mich meine unzweckmäßigen Galoschen, ich renne jetzt, ich seh‘ mich ja selber nicht von hinten, wackel, wackel – würdelos!

Dabei fällt mir ein, dass der Begriff „Würde“ ja ein ganz schön schwammiger ist. Schon vor Jahren habe ich darüber nachgedacht – was ist das eigentlich? „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ lautet Artikel 1 unseres Grundgesetzes, von dem ich sehr viel halte. Trotzdem habe ich nur eine ganz ungenaue Vorstellung davon, was diese Würde eigentlich ist, und ein Gespräch mit einem Juristen brachte mich nicht viel weiter. Die Würde sei ein „unbestimmter Rechtsbegriff“, sagte er – danke für die Information. Auch in der allwissenden Wikipedia bleibt der Begriff der Würde (Link!) ungenau definiert, was aber wohl in seiner Natur liegt. Man kann sich dort aber allerhand heraussuchen, was einem individuell gerade taugt.

Schuh, High Heel, GlitzerIm Falle des würdelosen Herumrennens würde ich natürlich nicht so weit gehen, von einer Verletzung der Menschenwürde zu sprechen, es geht mir auch nicht um ein allgemein zu verurteilendes „unwürdiges Verhalten“. Es geht mir vielmehr darum, dass man sich durch die Herumrennerei manchmal ohne Not zum Affen macht. Mir entschließt sich einfach der Vorteil nicht, wenn jemand, um wenige Minuten Zeit zu sparen, wie angestochen durch die Stadt hetzt, gerne noch ein Kleinkind hinter sich herzerrend oder beinahe die Flip-Flops verlierend. Das liegt natürlich auch daran, dass ich im Allgemeinen die Ruhe weghabe, zumeist sehr pünktlich unterwegs bin und selber viel zu faul zum Rennen bin. Außerdem habe ich immer Angst, dass in der Umgebung irgendwas einstürzt, wenn ich es doch einmal tue. Ich akzeptiere natürlich, dass viele Leute anders geartet sind.

Auch außerhalb des öffentlichen Verkehrswesens gibt es jedoch Situationen, in denen ich das Rennen unwürdig finde: zum Beispiel in Hotels, wenn das Buffet eröffnet wird. Früher war ich mit meiner Freundin Kerstin öfters in einem Haus auf Norderney. Da gab es ab 18 Uhr Abendessen, ab 17:45 standen Leute vor der geschlossenen Tür und scharrten mit den Füßen. „Es treibt sie an den Trog“, sagte Kerstin immer dazu, und genauso war es. Reinrennen, Sachen auf den Tisch schmeißen, Teller grabschen und ran an die Buletten, gerade so als hätte man seit Tagen nichts mehr gehabt und als wäre in den nächsten Wochen keine warme Mahlzeit mehr zu erwarten. Drängeln, schubsen, herumrennen – und dabei wurde dort wirklich jeder satt. Sogar die, die als letztes kamen!

Oder letzten Sommer im Schwimmbad: Es begann zu regnen. Kein dickes Gewitter mit Blitzschlag, sondern ein warmer Sommerregen mit mitteldicken Tropfen. Ich ging gerade in Richtung Becken, zwei Herren kamen unabhängig voneinander heraus. Beide rannten sie, als hätten sie Angst, nass zu werden – und ich konnte mal wieder nur verständnislos gucken. Nasse Männer in Badehosen, die mit eingezogenen Köpfen über die Wiese galoppiert kommen, als wollten sie Usain Bolt Konkurrenz machen – nenene, das ist nichts für mich.

Komische Gewohnheiten: Sich etepetete, aber schlecht benehmen

Manchmal sieht man sich ja wirklich verstohlen um und sucht die versteckte Kamera. So erging es meiner Freundin Kerstin und mir kürzlich, als wir gemütlich kaffeesieren waren: Wir saßen auf der Fressgass, in einer der teuersten Lokalitäten am Platze, denn dort gibt es grandiosen Kuchen und man gönnt sich ja sonst nichts. Es war friedlich dort, ruhig und beschaulich – bis die beiden Damen kamen. „Damen“, so nenne ich sie mal, aus Höflichkeit und weil es mich nichts kostet, aber wäre ich nicht so wohlerzogen, würde ich sie wohl Tussen nennen, Schrullen oder vielleicht noch Schnepfen.

Beide wirkten sie irgendwie aufgeplustert, obwohl sie so taten, als seien sie hochvornehm. Das Getöse, mit dem sie direkt neben uns Platz nahmen, hätte gut in ein Bierzelt gepasst, direkt neben die Blaskapelle, und ihre Gespräche schienen geradewegs der Gala entsprungen, natürlich mit ihnen in der Hauptrolle. Der Kellner wurde behandelt wie die lästigste Nebensache der Welt, aber man musste ja mit ihm reden, schließlich sollte er Torte und Sekt bringen. Was er auch tat.

Sektgläser

Die Sektgläser waren gut gefüllt, sicherlich kamen die Damen nicht zu kurz. Und doch meinte die Lautere der beiden, ihr Glas in die Höhe halten und mit einem Auge hineinspähen zu müssen – zu tief ins Glas zu schauen bekam so eine ganz neue Bedeutung. Der Kellner war besorgt und fragte nach: „Ist alles in Ordnung?“ Die Dame verneinte. Nein, nicht alles in Ordnung, ganz und gar nicht. Denn sie frage sich, ob das „genügend“ sei in ihrem Glas. Bei zu wenig gefüllten Gläsern sei sie empfindlich, verkündete sie. Der Kellner wirkte verblüfft, war doch eher zu viel als zu wenig im Glas. „Ja, vielleicht“, stimmte Madame zu, „aber sie da“, sie wies lässig mit einem Finger auf die Freundin, „hat mehr. Gießen Sie hier doch auch noch einmal nach!“ Der Kellner war Profi und bewahrte die Contenance. Gut hätte ich ja gefunden, wenn er aus dem volleren Glas einfach einen Schluck abgetrunken hätte, aber er kam tatsächlich mit der Flasche, richtete beide Gläser nebeneinander aus, nahm Maß und goss in eines noch eine Fingerhutmenge nach. „Ist es recht so?“ Es war recht – na so ein Glück!

Die Damen aßen und tranken – natürlich mit abgespreiztem kleinen Fingerchen – und unterhielten ihr Umfeld mit hochintellektuellen Gesprächen. Richtig hoch her ging es, als die zu wenig Gefüllte eine Nachricht auf ihr Smartphone bekam – offensichtlich von einem Sponsor. Sie kreischte aufgeregt und ruderte mit den Armen. Der ebenfalls aufgeregten Freundin erklärte sie, er (der Sponsor) habe seine Abrechnung bekommen, und jetzt dürfe sie sich eine Handtasche mehr kaufen. Großes Hallo und viel Gelächter. Und ich dachte, wie gut, dass ich mich selber für oder gegen den Handtaschenkauf entscheiden darf, auch wenn ich sie selber bezahlen muss. Aber jedem Tierchen sein Plaisierchen.

Die Damen brachen auf, schließlich hatten sie nun neue Pläne, sie brauchten dringend eine Handtasche. Sie rumpelten also von der Terrasse, nicht ohne vorher pflichtschuldigst ihre Zeche zu zahlen und sich beim Kellner lautstark über die unmöglichen, wirklich viel zu hohen Preise zu beklagen. Ist ja klar, der legt die ja auch fest. Und das, so fand ich, war dann wirklich der Gipfel des schlechten Benehmens.

Komische Gewohnheiten: Nach dem Googlen zum Sterben hinlegen

Diese Gewohnheit beobachte ich immer mal wieder bei mir. Ich weiß aber, dass ich mit der Marotte nicht allein bin, und nehme sie deshalb hier mit auf.

Komische Gewohnheiten: Schon mal zum Sterben hinlegen

Wie schon hin und wieder einmal erwähnt, leide ich des Öfteren unter lebensbedrohlicher Hypochondrie. Nicht nur, dass ich weiß, dass meine Lebenserwartung aufgrund meines Lebenswandels gemindert ist. Nein, ich suche auch aktiv nach weiteren Risikofaktoren in meinem Leben, um deren Folgen dann intensiv auszuleben. So lese ich zum Beispiel die Packungsbeilagen aller Medikamente sehr aufmerksam, damit ich sämtliche Nebenwirkungen richtig zuordnen kann, sobald sie beginnen. Selbstverständlich bekomme ich die auch immer fast alle. Sogar das Zucken der Oberlippe, das irgendwo einmal als äußerst selten angegeben wurde, beschäftigte mich tagelang. Da ich eine grundsätzlich robuste Konstitution besitze, überlebe ich zumeist, fühle mich aber in meinem Wohlbefinden manchmal eingeschränkt.

Aufgrund der Überzeugung, dass Ärzte etwas Schlimmes finden, sobald man um die Ecke kommt, meide ich den Besuch bei einem Mediziner, so gut es geht. Unglücklicherweise brauche ich hin und wieder ein Rezept, sodass ich mich doch in eine Praxis hineinschleichen muss, aber wann immer es geht, schnappe ich nur das wichtige Zettelchen und eile wieder hinaus. Im Falle von tatsächlich auftretenden Beschwerden bevorzuge ich Doktor Google.

Und so passierte es mir kürzlich, dass ich mich nicht wohl fühlte. Eigentlich ging es mir schon länger nicht ganz richtig gut, aber die Symptome waren diffus. Irgendwann raffte ich mich auf und tippte meine Malaisen bei Google ein, um festzustellen, was ich alles Schlimmes habe. Das erste, was auftauchte, war „Herzinsuffizienz“. Heiliges Kanonenrohr!

Ich fühlte nach meinem Puls und betastete meinen Brustkorb: Alles noch da. Und doch war da die Gewissheit, dass ich wohl in Kürze verbleichen würde. In einer Mischung aus Resignation und würdevollem Trotz legte ich mich auf mein Sofa und wartete auf den Tod. Er würde kommen, in Kürze schon, und ich wollte dem alten Schnitter seinen Job nicht unnötig erschweren. Der macht schließlich auch nur seine Arbeit. Und da ich nie im Bett sterben wollte, wurde halt das Sofa der Ort meiner Wahl.

TodesengelDa lag ich also, und wartete ab.

Die Sache zog sich hin.

Irgendwann machte ich den Fernseher an. Es steht ja nirgends, dass man sich beim Sterben langweilen muss. Ich guckte ein wenig. Dann machte ich ein Nickerchen.

Schließlich bremste eine ganz gewöhnliche körperliche Regung meinen Willen zur Mitarbeit beim problemlosen Hinscheiden: Ich musste mal auf’s Klo. Leicht genervt rappelte ich mich wieder hoch. Also ehrlich, eine gewisse Pünktlichkeit kann man doch auch von Gevatter Tod erwarten, oder etwa nicht?

Ich erledigte zügig meine Geschäfte, denn auf keinen Fall wollte ich mit runtergelassenen Hosen im Bad niedergestreckt werden. Und dann kam ich zurück zum Sofa. Der Laptop war noch an. Ich aktivierte ihn wieder, um mein Todesurteil nochmal zu betrachten, und las ein wenig weiter. Vielleicht stand ich ja gar nicht kurz vor dem Herztod, sondern würde wegen etwas anderem mein kleines Leben aushauchen. Und tatsächlich, es gab noch ein paar Dinge zur Auswahl. Und wieder dachte ich sowas wie ‚Ach du grüne Neune!‘, als ich etwas las, das mir bekannt vorkam. Ich schluckte und beschloss, dass sich ein Arztbesuch vielleicht doch noch lohnen könnte. Denn es gibt Sachen, die will man nicht haben, an denen stirbt man aber nicht. Nicht mal ich …

Und so war ich tatsächlich innerhalb von einer Woche bei zwei Medizinern, die mir eine im Grunde recht gute Gesundheit bestätigten. Pillen gab es trotzdem, und zwar welche ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Der Sensenmann wird sich noch eine Weile gedulden müssen, es sei denn, ich renne vor einen Bus oder so. Das hat er nun davon, dass er die Gelegenheit, als ich bereit zum Abflug auf meinem Sofa lag, nicht beim Schopf ergriffen hat.

 

Nachbemerkung: Ich muss übrigens gestehen, dass es mich erleichterte, über dieses Thema mit einer Freundin sprechen zu können, die bei sich an manchen Tagen ein ähnliches Verhalten beobachtet. So stand sie einmal des Nachts auf, überzeugt davon, in den nächsten Stunden dahinzuscheiden, und zog sich ein „ordentliches“ Nachthemd an. Denn in einem alten verwaschenen Ding wollte sie nicht tot aufgefunden werden. Verständlich, oder?

Komische Gewohnheiten: Klodeckel-Präferenzen

KinderkloIch weiß, dass es kaum etwas Profaneres gibt als die Klappe, die dafür gedacht ist, eine Toilette abzudecken. Ein absolut unspektakulärer Gegenstand – nicht der Rede wert. Und doch gibt es dazu Allerhand zu sagen.

Man stelle sich dieses Szenario einmal vor: Eine Frau, nennen wir sie „M.“, geht mit einer Freundin ins Kino. Soweit, so gewöhnlich. Die Frauen gehen zuerst etwas essen, dann soll in aller Ruhe ein Film geguckt werden. Und bevor die Vorstellung losgeht, möchte M. auf die Toilette gehen. Der Weg zum Klo ist einfach: Gleich hinten im Kinosaal ist die Tür „für Mädchen“. Doch es ist dringend, und der Einlass verzögert sich. Dann, endlich – rein! M. drückt der Freundin die Handtasche in den Arm, „Hier, halt mal fest, ich muss schnell ums Eck!“, und stürzt durch das Kino. Da, die rettende Tür, rein ins erste Kabinchen. Da ist es irgendwie eklig, hier lieber nicht, da war doch noch eines frei. Wieder raus, nächste Tür rein, mit Schwung die Jacke vom Leib reißen und an den Haken damit. Hose runter – hoffentlich klemmt der Reißverschluss nicht! Nein, er geht auf, alles gut, Hintern in Position schieben, niedersinken, losslassen – aaahhh … äääähhh? Oh?! AAAAHHH!!!

Der Deckel ist zu.

In wilder Panik wieder aufspringen, nach hinten greifen, den Deckel aufreißen, sich derweil ganz gepflegt ans eigene Hosenbein pieseln – der Ablauf ist in diesem Moment vorprogrammiert und nicht mehr aufzuhalten. So ein Siff! Aber wer zur Hölle macht im Kino den Lokusdeckel zu?

Es ist nämlich so: In öffentlichen Toiletten erwarte ich immer, dass der Deckel offen ist. Ob diese Erwartung allgemeingültig ist, kann ich nicht sagen, ich habe dazu keine Studien durchgeführt. Aber die Beobachtung und langjährige Erfahrung zeigen, dass öffentliche Kloschüsseln eigentlich immer mit offenem Deckel herumstehen, also scheint dieses Vorgehen gesellschaftlich anerkannt zu sein.

Bei mir zuhause ist es allerdings anders: Da ist die Toilette immer zu, es sei denn, ich sitze drauf, putze es gerade oder habe Besuch, der das anders handhabt. „Dann kann man dem Haus bis in die Gedärme gucken“, pflegte mein Vater immer zu sagen, wenn wir als Kinder vergessen hatten, die Klappe herunterzulassen. Das war bei uns zuhause streng verpönt. Der Deckel musste zu, da gab es keine Diskussion. Und das ist ja auch viel praktischer: In meinem kleinen Badezimmer nutze ich den Toilettendeckel immer mal wieder, um Kram darauf abzulegen, Handtücher zum Beispiel, oder Unterwäsche. Oder ich stelle meinen Fuß darauf ab, wenn ich mich eincreme – das wäre mit offenem Deckel auch eher doof.

Ich fasse also zusammen: Öffentliche Bedürfnisanstalt – Deckel bitte auf. Privates Klöchen – Deckel bitte zu. Kann sein, dass das pingelig ist, aber so habe ich es am liebsten. 🙂

Komische Gewohnheiten: Und noch ein bisschen Rucola…

Ich weiß nicht, wann es passiert ist, dass irgendein Mensch beschlossen hat, dass Rucola zum wichtigsten Gemüse in Deutschland werden soll. Es muss irgendwann zum Ende meines Studiums gewesen sein, also Ende der 90er Jahre. Zuerst zögerlich und oft noch unter dem Namen „Rauke“, begegnete einem die Salatpflanze plötzlich überall und in den aberwitzigsten Kombinationen.

Rucola, Rauke

Bild zur Verfügung gestellt von Bettina Kopps, http://www.pixelio.de

Ich mag Rucola durchaus, wenn er nur leicht bitter und mit anderen Salatsorten vermischt ist – dann kann er dem Essen richtig Pfiff verleihen. Aber diese überalterten, gallebitteren Riesenblätter, die einem oft ohne jedes Dressing auf ein warmes Essen geschmissen werden, brauche ich für nix. Ich glaube, sowas wollten nicht mal die Meerschweinchen meines Neffen noch essen.

Unsere Kantine ist grandios darin, einem zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit das Bitterkraut unterzuschieben. Manchmal sogar frittiert, als fettiges, bröseliges Häufchen, dass noch schlimmer stört als das bloße Geblätter. Pizza, Burger, asiatische Reispfanne oder Fisch mit Kartoffelsalat – auf jedem Teller ist noch Platz für etwas trockenes Grünzeug. Lediglich auf Milchreis und Germknödel wurde bislang noch kein Rucola gesichtet, wobei ich das hier nicht so laut sagen mag – sonst quetscht demnächst noch ein findiger Koch Rucolapesto in den Hefeklops hinein.

Eine ähnliche Karriere scheint derzeit übrigens zu lange gegartes Schweinefleisch – auch bekannt unter dem Namen „pulled porc“ – hinzulegen. Diese Seniorennahrung hat ihren Weg in unsere Kantine ebenfalls schon gefunden, so dass ich vor einer Weile statt einem soliden Hackklops eine faserige Masse in meinem Burger vorfand. Natürlich mit einigen Blättern Rucola obendrauf, ist klar, oder?

Komische Gewohnheiten: Ich esse meins, iss du einfach deins!

Es gibt Dinge, die mag man einfach nicht so gerne, ohne dass man genau wüsste, warum. Manchmal traut man sich kaum, das zu sagen, weil man dann angeguckt wird, als wäre man komisch. Oder man erzählt es nur Leuten, die man wirklich gut kennt, weil die einen dann zwar angucken, als wäre man komisch, einen aber trotzdem noch mögen.

Mein Thunfisch – meiner ganz alleine! Finger weg!

Trotz dieser Vorbehalte habe ich kürzlich einer Gruppe von Kollegen und Geschäftspartnern etwas erklärt, weil ein Vorschlag schon zum zweiten Mal kam und ich das nicht wollte. Ich habe mich geoutet und – bekam Zustimmung. Zwar nur von einer aus der Runde, aber diese Zustimmung war vollständig. Ich fühlte mich angenommen und bestätigt. Denn: Ich teile nicht gerne mein Essen mit fremden Leuten.

Diese Aussage soll nun bitte nicht missverstanden werden – ich habe nichts dagegen, mit jemandem den Inhalt meines Kühlschranks zu teilen, wenn sich jeder eine eigene Stulle macht und diese dann aufisst. Was ich aber ganz schrecklich finde, ist diese Teilerei im Restaurant: „Wollen wir uns nicht noch ein Dessert mit vier Löffeln bestellen?“ Nein! Schreck und Graus! Ich esse nicht mit drei anderen aus einem Schüsselchen, ich mag das nicht. Ich will mein eigenes Schüsselchen. Ich esse ein Dessert auf und wenn ich denke, dass ich das nicht schaffe, bestelle ich mir keins.

Gerne genommen wird ja auch gegenseitiges Probieren. Nun habe ich gar nichts dagegen, wenn die ewige Antje gerne mal mein Essen kosten möchte, ordentlich fragt und dann ein Stück aufpiekt. Oder wenn sie mir Gurken rüberschiebt, die sie nicht mag, die ich aber gerne esse. Wir beiden kennen uns, sind vertraut miteinander. Aber ein gegenseitiges auf dem Teller stochern mit Leuten, die man nicht schon ewig kennt, finde ich echt fies.

Wenn ich mir mein Essen aussuche, mache ich das auch immer sehr bewusst, und ich freue mich auf das, was da kommt. Wenn dann der Vorschlag kommt: „Wir können die Pizza ja teilen und jeder kriegt von jeder ein Stück“, dann werde ich bockig. Nein, das da ist meine Pizza, ich will genau diese Sorte heute essen. Ich will nicht ein Stück meiner Lieblingssorte und dann noch ein paar Stücke von irgendeinem Essen, das ich mir nicht ausgesucht hätte. Teile, wer will, ich esse meins. Da spiele ich durchaus mal den Partypupser, der einfach nicht mitmacht. Wahrscheinlich bin ich da wirklich komisch, aber das macht mir nichts aus. Lieber ehrlich merkwürdig als mit zu vielen Leuten im Napf gerührt – diese Erste-Welt-Marotte nehme ich für mich in Anspruch.

Komische Gewohnheiten – eine Serviette unterlegen

Serviette unter dem Essen

Bild zur Verfügung gestellt von manwalk / Manfred Walker / http://www.pixelio.de

Seit einer Weile fällt mir auf (und nicht nur mir, auch meine liebe Freundin Antje beklagte schon dieses Problem), dass in der Gastronomie die korrekte Verwendung einer Serviette nicht mehr bekannt zu sein scheint. Hier aus der von mir geschätzten Wikipedia einmal eine einfache, aber sehr zutreffende Definition der Serviette:

Eine Serviette (veraltet Mundtuch oder Tellertuch) ist ein bis zu 50 cm × 50 cm großes Tuch, das während und nach einer Mahlzeit dazu dient, den Mund abzutupfen.

Es steht da auch ansonsten noch allerhand, das in diesem Zusammenhang nicht wichtig ist, denn alles Wesentliche ist gesagt: Eine Serviette dient dazu, DEN MUND ABZUTUPFEN. Oder auch die Finger, wenn nötig. Sie ist jedoch nicht dazu gedacht, dem Essen eine weiche Unterlage zu sein.

Es greift inzwischen die Unsitte um sich, Servietten unterzulegen. Es begann mit Cocktailgläsern, unter denen die lästigen Dinger ständig klebten. Ich finde einen soliden Bierfilz ja praktischer als diese herumwabernden Mini-Servietten, die am Glas hängen bleiben und sich dann auf den Boden verabschieden. Doch ein netter Kellner erklärte mir mal glaubwürdig, dass Bierdeckel gerade bei Cocktailgläsern keine Alternative seien: Schließlich sei das Cocktailglas aufgrund der Kälte seines Inhalts stets von außen mit Kondenswasser benetzt und ein Bierdeckel würde es nicht trocken genug halten. Nun, das tut eine heruntergefallene Serviette auch nicht, aber ich nahm diese Erklärung als zumindest einigermaßen logisch hin.

Inzwischen bekommt man immer häufiger auch unter seiner Kaffeetasse eine Serviette, mit genau dem gleichen Effekt. Zwar ist die Kaffeetasse nicht fürchterlich kalt von außen (es sei denn, der Kellner hat einen gravierenden Fehler gemacht), trotzdem scheint sie in vielen Cafés wohl dazuzugehören, die Kaffeetassenserviette. Früher gab es zum Auftunken eines eventuellen „Fußbades“ so kleine Blättchen, die im Allgemeinen reichten – anscheinend wird inzwischen mehr geschlappert und die Fußbäder drohen zu Vollbädern zu werden. Anders kann ich mir nicht erklären, warum man inzwischen die sicher viel teureren Servietten benutzt. Aber gut, auch das ist ein Erste-Welt-Problem und stört gewiss nicht jeden.

Was mich aber wirklich und enorm stört, sind die Servietten, die seit kurzer Zeit UNTER dem Essen auftauchen: Unter dem Kirschkuchen, schön durchgeweicht und eng mit Teller und Kuchenboden verbunden, so dass man die pappige Masse aus Kuchen und Serviette erst einmal auseinandersortieren muss, bevor man den Kuchen serviettenfrei genießen kann. Natürlich muss man den Kuchen dazu umkippen, sonst kommt man ja nicht an den lästigen Zellstoff heran. Danach sieht der Teller aus, als hätte man darauf einen Schafbock kastriert, und die Hände kleben von der komplizierten Operation. Man würde sie gerne abwischen, aber man hat ja keine Serviette, denn die lag ja UNTER dem Kirschkuchen und ist der Grund für die ganze Malaise.

Auch andere Speisen werden auf Servietten gebettet: Pommes zum Beispiel. Dann saugen sie den ohnehin schon knapp bemessenen Ketchup auf und lassen sich kaum unfallfrei vom Teller ziehen – hinterher liegen überall Pommes und man wird von den Begleitern mal wieder mitleidig angeguckt. Meike, die olle Grobmotorikerin, wer auch sonst. Ja, ne, ist klar.

Zuletzt war es ein Fischbrötchen, dass mir mit Serviette serviert wurde. Und mit Messer und Gabel, wie auch immer man das essen sollte. Der servierende Kellner hatte bestimmt noch niemals selber versucht, ein Matjesbrötchen AUF EINER SERVIETTE mit einer Gabel anzupieken und dann mit einem Tischmesser zu zerteilen. Ich zuppelte also den leuchtend roten, vor Remoulade tropfenden Lappen hervor und versuchte krampfhaft, die darauf verteilten Zwiebeln vor dem Absturz zu retten. Da ich mich entschied, das Brötchen nicht mit Besteck, sondern ganz ordinär mit der Hand zu essen, musste ich den irritiert wirkenden Kellner um eine neue Serviette bitten. Er brachte mir gleich einen ganzen Stapel – was auch immer er gedacht haben mag, was ich damit vorhabe.

 

Nachtrag: Leider habe ich es versäumt, ein Foto von der Fischbrötchenschlacht zu machen. Glücklicherweise hat sich die Serviettenunsitte bereits bis zu Pixelio herumgesprochen, so dass ich dort mal wieder ein Foto schnorren konnte.

Komische Gewohnheiten – in fremden Küchen herumreißen

Schon als ich noch ein Kind war, hat mich eine Gewohnheit zutiefst befremdet: das ungebetene Herumrackeln in anderer Leut’s Küche. Damit meine ich nicht Freunde wie die ewige Antje, die sich gerne jederzeit ohne zu fragen ein Glas aus meinem Küchenschrank nehmen dürfen. Ich meine diese Art von Gästen, die, kaum dass sie die Wohnung betreten haben, in der Küche stehen, um zu helfen oder zumindest im Weg zu sein. Oder die, die nach einem gemütlichen Essen sofort den Tisch abdecken und wie die Wilden anfangen zu spülen, um bloß das letzte bisschen Gemütlichkeit im Seifenschaum zu ersäufen. Ich benutze jetzt mal einen ganz altmodischen Ausdruck: Ich finde, sowas gehört sich nicht!

alter Herd im Museumsdorf Clopppenburg

Meine Eltern hatten solche Freunde: eigentlich nette Leute. Doch zu jeder Einladung kamen sie rund eine Stunde zu früh. Die Frau stürmte mit großem Hallo die Küche (und zwang meine Mutter damit, mit dem Kochen immer früher und früher anzufangen, damit sie bloß möglichst fertig wäre, wenn die Invasion begann) und der Mann musste von meinem Vater bespaßt werden, bevorzugt durch ausgedehnte Gartenbegehungen.

Natürlich ist das nett gemeint. Man will den Gastgebern helfen, will nicht, dass sie am nächsten Tag mit Bergen von Geschirr dahersitzen. Alles gut und schön, und wenn es gewünscht wird und die Küche es hergibt, kann man ja gerne nach dem Essen mal eine Runde spülen – in aller Ruhe und ohne „den Tisch umzukippen“, wie mein Vater das immer nannte. Dieses den Teller wegziehen, sobald jemand die Gabel weglegt, ist einfach unangenehm. Bis vor einer Weile dachte ich auch, dass dieses Verhalten eher in der Generation meiner Eltern vorkommt – bis ich so energische Spüler in MEINER Küche vorfand. Nun muss man dazusagen, dass

  1. meine Küche winzig und für mehrere Personen kaum geeignet ist und
  2. ich eine Spülmaschine besitze.

Es bestand also keine Gefahr, dass ich den ganzen Sonntag würde schuften müssen, um die paar Teller und Pfannen sauber zu bekommen. Trotzdem wurde herumgerissen, als gäbe es kein Morgen. Und ich benutzte den Morgen, um die ganzen Dinge, die irgendwer irgendwohin wegsortiert hatte, wieder aufzuspüren und an ihren angestammten Platz zu stellen. Nicht, dass ich pingelig bin, aber ich weiß einfach gerne, wo die alngen, scharfen Messer liegen – wer weiß, wann man mal eines braucht.