Komische Gewohnheiten – eine Serviette unterlegen

Serviette unter dem Essen

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Seit einer Weile fällt mir auf (und nicht nur mir, auch meine liebe Freundin Antje beklagte schon dieses Problem), dass in der Gastronomie die korrekte Verwendung einer Serviette nicht mehr bekannt zu sein scheint. Hier aus der von mir geschätzten Wikipedia einmal eine einfache, aber sehr zutreffende Definition der Serviette:

Eine Serviette (veraltet Mundtuch oder Tellertuch) ist ein bis zu 50 cm × 50 cm großes Tuch, das während und nach einer Mahlzeit dazu dient, den Mund abzutupfen.

Es steht da auch ansonsten noch allerhand, das in diesem Zusammenhang nicht wichtig ist, denn alles Wesentliche ist gesagt: Eine Serviette dient dazu, DEN MUND ABZUTUPFEN. Oder auch die Finger, wenn nötig. Sie ist jedoch nicht dazu gedacht, dem Essen eine weiche Unterlage zu sein.

Es greift inzwischen die Unsitte um sich, Servietten unterzulegen. Es begann mit Cocktailgläsern, unter denen die lästigen Dinger ständig klebten. Ich finde einen soliden Bierfilz ja praktischer als diese herumwabernden Mini-Servietten, die am Glas hängen bleiben und sich dann auf den Boden verabschieden. Doch ein netter Kellner erklärte mir mal glaubwürdig, dass Bierdeckel gerade bei Cocktailgläsern keine Alternative seien: Schließlich sei das Cocktailglas aufgrund der Kälte seines Inhalts stets von außen mit Kondenswasser benetzt und ein Bierdeckel würde es nicht trocken genug halten. Nun, das tut eine heruntergefallene Serviette auch nicht, aber ich nahm diese Erklärung als zumindest einigermaßen logisch hin.

Inzwischen bekommt man immer häufiger auch unter seiner Kaffeetasse eine Serviette, mit genau dem gleichen Effekt. Zwar ist die Kaffeetasse nicht fürchterlich kalt von außen (es sei denn, der Kellner hat einen gravierenden Fehler gemacht), trotzdem scheint sie in vielen Cafés wohl dazuzugehören, die Kaffeetassenserviette. Früher gab es zum Auftunken eines eventuellen „Fußbades“ so kleine Blättchen, die im Allgemeinen reichten – anscheinend wird inzwischen mehr geschlappert und die Fußbäder drohen zu Vollbädern zu werden. Anders kann ich mir nicht erklären, warum man inzwischen die sicher viel teureren Servietten benutzt. Aber gut, auch das ist ein Erste-Welt-Problem und stört gewiss nicht jeden.

Was mich aber wirklich und enorm stört, sind die Servietten, die seit kurzer Zeit UNTER dem Essen auftauchen: Unter dem Kirschkuchen, schön durchgeweicht und eng mit Teller und Kuchenboden verbunden, so dass man die pappige Masse aus Kuchen und Serviette erst einmal auseinandersortieren muss, bevor man den Kuchen serviettenfrei genießen kann. Natürlich muss man den Kuchen dazu umkippen, sonst kommt man ja nicht an den lästigen Zellstoff heran. Danach sieht der Teller aus, als hätte man darauf einen Schafbock kastriert, und die Hände kleben von der komplizierten Operation. Man würde sie gerne abwischen, aber man hat ja keine Serviette, denn die lag ja UNTER dem Kirschkuchen und ist der Grund für die ganze Malaise.

Auch andere Speisen werden auf Servietten gebettet: Pommes zum Beispiel. Dann saugen sie den ohnehin schon knapp bemessenen Ketchup auf und lassen sich kaum unfallfrei vom Teller ziehen – hinterher liegen überall Pommes und man wird von den Begleitern mal wieder mitleidig angeguckt. Meike, die olle Grobmotorikerin, wer auch sonst. Ja, ne, ist klar.

Zuletzt war es ein Fischbrötchen, dass mir mit Serviette serviert wurde. Und mit Messer und Gabel, wie auch immer man das essen sollte. Der servierende Kellner hatte bestimmt noch niemals selber versucht, ein Matjesbrötchen AUF EINER SERVIETTE mit einer Gabel anzupieken und dann mit einem Tischmesser zu zerteilen. Ich zuppelte also den leuchtend roten, vor Remoulade tropfenden Lappen hervor und versuchte krampfhaft, die darauf verteilten Zwiebeln vor dem Absturz zu retten. Da ich mich entschied, das Brötchen nicht mit Besteck, sondern ganz ordinär mit der Hand zu essen, musste ich den irritiert wirkenden Kellner um eine neue Serviette bitten. Er brachte mir gleich einen ganzen Stapel – was auch immer er gedacht haben mag, was ich damit vorhabe.

 

Nachtrag: Leider habe ich es versäumt, ein Foto von der Fischbrötchenschlacht zu machen. Glücklicherweise hat sich die Serviettenunsitte bereits bis zu Pixelio herumgesprochen, so dass ich dort mal wieder ein Foto schnorren konnte.

Komische Gewohnheiten – in fremden Küchen herumreißen

Schon als ich noch ein Kind war, hat mich eine Gewohnheit zutiefst befremdet: das ungebetene Herumrackeln in anderer Leut’s Küche. Damit meine ich nicht Freunde wie die ewige Antje, die sich gerne jederzeit ohne zu fragen ein Glas aus meinem Küchenschrank nehmen dürfen. Ich meine diese Art von Gästen, die, kaum dass sie die Wohnung betreten haben, in der Küche stehen, um zu helfen oder zumindest im Weg zu sein. Oder die, die nach einem gemütlichen Essen sofort den Tisch abdecken und wie die Wilden anfangen zu spülen, um bloß das letzte bisschen Gemütlichkeit im Seifenschaum zu ersäufen. Ich benutze jetzt mal einen ganz altmodischen Ausdruck: Ich finde, sowas gehört sich nicht!

alter Herd im Museumsdorf Clopppenburg

Meine Eltern hatten solche Freunde: eigentlich nette Leute. Doch zu jeder Einladung kamen sie rund eine Stunde zu früh. Die Frau stürmte mit großem Hallo die Küche (und zwang meine Mutter damit, mit dem Kochen immer früher und früher anzufangen, damit sie bloß möglichst fertig wäre, wenn die Invasion begann) und der Mann musste von meinem Vater bespaßt werden, bevorzugt durch ausgedehnte Gartenbegehungen.

Natürlich ist das nett gemeint. Man will den Gastgebern helfen, will nicht, dass sie am nächsten Tag mit Bergen von Geschirr dahersitzen. Alles gut und schön, und wenn es gewünscht wird und die Küche es hergibt, kann man ja gerne nach dem Essen mal eine Runde spülen – in aller Ruhe und ohne „den Tisch umzukippen“, wie mein Vater das immer nannte. Dieses den Teller wegziehen, sobald jemand die Gabel weglegt, ist einfach unangenehm. Bis vor einer Weile dachte ich auch, dass dieses Verhalten eher in der Generation meiner Eltern vorkommt – bis ich so energische Spüler in MEINER Küche vorfand. Nun muss man dazusagen, dass

  1. meine Küche winzig und für mehrere Personen kaum geeignet ist und
  2. ich eine Spülmaschine besitze.

Es bestand also keine Gefahr, dass ich den ganzen Sonntag würde schuften müssen, um die paar Teller und Pfannen sauber zu bekommen. Trotzdem wurde herumgerissen, als gäbe es kein Morgen. Und ich benutzte den Morgen, um die ganzen Dinge, die irgendwer irgendwohin wegsortiert hatte, wieder aufzuspüren und an ihren angestammten Platz zu stellen. Nicht, dass ich pingelig bin, aber ich weiß einfach gerne, wo die alngen, scharfen Messer liegen – wer weiß, wann man mal eines braucht.

Komische Gewohnheiten – unzweckmäßige Badebekleidung tragen

Warnung: Dieser Text ist besonders im letzten Teil nicht unbedingt etwas für Feingeister. Wer Problem mit schwer zu stoppendem Kopfkino hat, sollte nach dem Schwimmer mit der Brille nicht mehr weiterlesen!

Komische Gewohnheiten – unzweckmäßige Badebekleidung tragen

Wie schon diverse Male erwähnt, gehe ich gerne schwimmen – in den letzten zwei Wochen war ich vier Mal in einem Bad. Ich finde diese Paddelei nicht nur entspannend, sondern auch interessant – es gibt immer so viel zu gucken! Und die letzten Badbesuche waren besonders spannend, denn es waren so viele unzweckmäßige Badegewänder unterwegs wie sonst selten.

Wenn ich von unpraktischer oder merkwürdiger Badekleidung schreibe, meine ich nicht das Geschmäcklerische, das es natürlich auch gibt. Ich finde zum Beispiel einen pinkfarbenen Einteiler bei einem Klops wie mir nicht hübsch, aber man wird zumindest nicht übersehen darin, und wenn der Anzug gut passt, soll es mir recht sein. Mir geht es wirklich in erster Linie darum, dass viele Leute im Schwimmbad Sachen tragen, die ihren Zweck nicht erfüllen.

Da sind zum Beispiel die ganzen Jungs, die sonderbare Shorts zum Baden tragen, die an den Beinen kleben und sich außerhalb des Wassers ununterbrochen nach unten bewegen. Rennen diese Jungen herum, müssen sie alle fünf Meter stehen bleiben und an der Hose zerren, um der Welt nicht den nackten Bobbes zu zeigen. Das macht doch keinen Spaß so!

Dann gibt es diese vielen Bikinis, die sicherlich dazu geeignet sind, sich damit in der Sonne herumzuräkeln, deren Ober- und Unterteile sich aber sofort in unterschiedliche Richtungen verabschieden, wenn die Trägerin sich im Wasser schneller als in Zeitlupe bewegt. Ein echtes Highlight war heute die Dame, die statt eines im Nacken festgebundenen Oberteils so eine Art Doppel-Kunststoffschüsselchen trug, in das die Brüste eingefüllt wurden. Ich muss gestehen, dass ich ihr auf den Busen geguckt habe, denn ich versuchte zu verstehen, was es mit diesem Bikini auf sich hat: Dieses Ding hatte keinerlei Träger, stand etwa einen Zentimeter von der Brust ab und klappte dauernd nach unten, was die Trägerin zwang, zur Stabilisierung der rosa Näpfchen stets eine Hand davor zu halten. Sie schwamm einarmig, was sie mit erstaunlicher Eleganz erledigte. Anscheinend trug sie dieses Schüsselgewand nicht zum ersten Mal.

Interessant war auch der junge Mann – rein optisch übrigens ein Prachtkerl! – der beim Schwimmen krampfhaft den Kopf nach oben reckte und schwamm wie meine Oma. Nun muss nicht jeder gut schwimmen können, ich vermute jedoch, dass dieser wenig sportliche Schwimmstil zum einen mit der kunstvollen Flechtfrisur, zum anderen aber mit der teuer aussehenden Sonnenbrille zu tun hatte, die der Beau auf der Nase trug. Nun mag er natürlich ein Augenproblem haben (Sänger Heino schwimmt wahrscheinlich auch mit Brille), aber komisch sah das trotzdem aus.

Das absolut Gruseligste, was mir in Sachen Badebekleidung jedoch in letzter Zeit unterkam, sah ich am Montag im Freibad Hausen: Es war eine ganz normale Badehose. Allerdings passte sie dem Träger, einem älteren Herrn, nicht so richtig, so dass dauernd irgendwo sein Gemächt heraushing. Mal rechts, mal links, dann irgendwie hinten (ich weiß, das kann man kaum glauben und ich will es auch nicht näher beschreiben). Schon beim Aussteigen aus dem Wasser sah man Einiges blitzen und ich musste grinsen. Erschwerend hinzu kam, dass der Mann sich außerhalb des Beckens nicht etwa still auf ein Bänkchen setzte, sondern die Bank in der Nähe des Beckenrandes nutzte, um urige Leibesübungen zu verrichten. Beine hoch, Beine runter, vor und zurück, Rumpfbeugen, recken und strecken. Immer, wenn ich in diese Richtung schwamm, fühlte ich mich gezwungen, da hinzugucken – mein Blick richtete sich wie durch Magie gelenkt immer wieder auf die bekleidungsmäßige Schwachstelle des Herrn. Ich halte mich nicht für prüde, aber so ein turnendes Altherrengenital, dass aus einer zu großen Badehose schlackert, ist schon ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Leider bin ich auch ohne Brille noch nicht so schwachsichtig, dass mir so etwas nicht auffiele. Zwischendurch fragte ich mich auch, ob er das wohl absichtlich machte – sowas muss man doch merken?! Es wird ja auch exhibitionistisch veranlagte Opis geben. Vielleicht hatte er auch Interesse an einer der badenden älteren Dame – etwa an der mit der Leopardenbadehaube mit dem roten Rüschenrand. Die guckte allerdings genauso verstört wie ich.

Irgendwann ging ein Bademeister zu dem Mann. Aber anstatt ihn richtig anzuziehen oder wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zusammenzustauchen, hielt der nur einen Schwatz mit dem Herrn. Anscheinend kannte man sich. Und ich verließ irgendwann das Bad in einem Zustand zwischen Traumatisierung und infantilem Kichern.

Komische Gewohnheiten – dem Fußballgott huldigen

Fußballfan

Ein angenehmer Fußballfan! Bild zur Verfügung gestellt von Rike / http://www.pixelio.de

Mal wieder ist es Samstag – Heimspielsamstag. Der Tag also, an denen die Jünger des Fußballgottes Einzug halten, gewandet in rituelle Kleidung und behängt mit Kulttextilien. Ich aber trabe nichtsahnend durch die Stadt, erledige dies und das, will irgendwann nach Hause. Am Bahnhof steige ich um, und in der B-Ebene treffe ich sie: die sogenannten Fußballfans. Nicht, dass die dreckige, verpinkelte B-Ebene des Frankfurter Hauptbahnhofs nicht auch ohne diese Grüppchen, die immer wieder wie eine lästige Krankheit bei uns einfallen, schon grauslich genug wäre.

Ich habe gar nichts gegen Fußball und schon gar nicht gegen Leute, die gerne ins Stadion gehen und ihren Verein dort live und engagiert anfeuern. Aber diese Trüppchen, die auf Bahnhöfen herumgrölen, mystische Wechselgesänge anstimmen und zwecks möglichst schneller Bewusstseinstrübung literweise Bier in sich hineinschütten, finde ich einfach sonderbar. Mir fehlt irgendwie das rechte Verständnis für das, was diese Leute tun: Es scheint sehr wichtig zu sein, mit möglichst tiefer Stimme herumzubölken – nie hört man einen Vorsänger mit hellem Tenor bei diesen Chören. Natürlich sind es zumeist reine Männerchöre, die sich dort musikalisch versuchen, doch mir scheint, dass die Sänger zusätzlich versuchen, ihre Stimmlage künstlich noch um ein paar Oktaven nach unten zu drücken. Brumm, brumm … ja, zweifellos, die einzig wahre Stimmlage beim Fußball ist der Bass.

Befremdlich finde ich auch die Bier-Rituale, die ich immer wieder beobachten muss. Anscheinend werden dem Fußballgott immer wieder flüssig-klebrige Opfer gebracht, bei denen das Flaschenbier nur in Teilen getrunken, es ansonsten aber verspritzt wird, auf dass andere Leute es mit gebeugtem Rücken wegputzen mögen. Mir ist eine Männergruppe in lebhafter Erinnerung geblieben, etwa sechs gestandene Kerle, alle bestimmt um die 50 Jahre alt, die im Kreis standen, einen sonderbaren Spruch rezitierten (natürlich im Bass und im Chor) und sich dann gegenseitig die Flaschen aufeinanderschlugen – sodass die unteren überschäumten und das Bier zu Boden pitscherte. Die genaue Beschwörungsformel weiß ich nicht mehr, aber es war etwas so Geheimnisvolles wie „Flitsch, Flatsch, Platsch“ oder so. Das taten sie in recht kurzer Zeit mehrmals, aber ansonsten sprachen sie nicht miteinander. Es scheint also unter den Fanclubs auch Schweigeorden zu geben.

Und auch die schlagenden Verbindungen gibt es, das sind die, die ihrem Fußballgott an Samstagen Blutopfer bringen und den Rest der Woche oft wie ganz normale Leute erscheinen. Dies ist die geheimnisvollste Gruppe unter den Fußballjüngern, und bei weitem die, auf die am allerbesten verzichtet werden könnte.

Mir ist noch immer nicht klar, was mit diesen Leuten passiert, die an Samstagen so plötzlich zu etwas Geheimnisvollem mit animalischer Anmutung mutieren. Ich verstehe das nicht. Und ich finde es schade, dass die größte Gruppe der Fußballjünger, nämlich die, die dem Fußballgott aus ehrlicher Freude am Sport Woche für Woche huldigen, durch die Schreier, Schmutzer und Schläger immer wieder in Verruf geraten. Ich würde mir wünschen, an einem Heimspielsamstag im Frankfurter Hauptbahnhof nur auf gut gelaunte Fußballjünger mit klarem Blick und normalem Benehmen zu treffen. Ist das denn wirklich zu viel verlangt?

Komische Gewohnheiten – Mutwillig im Weg herumstehen

Mauer

Ein echtes Hindernis, zur Verfügung gestellt von Kunstart.net / http://www.pixelio.de

Jeder steht mal im Weg herum – das ist völlig normal und ich nehme mich da nicht aus. Sei es, dass man mal völlig in Gedanken ist, abgelenkt durch ein Gespräch oder einfach ungeschickt. Auch hat man ja hinten keine Augen und kommt manchmal gar nicht auf den Gedanken, dass von da jemand kommen könnte. Da meistens nichts Schlimmes passiert, ist sowas nicht der Rede wert und führt oft sogar zu einem amüsierten Lächeln.

Es gibt jedoch auch Im-Weg-Steher, die das Im-Weg-Stehen beinahe mutwillig tun. Zum Beispiel diejenigen, die in der Straßenbahn unbedingt in der Tür stehen müssen, auch wenn woanders noch reichlich Platz ist. Wohl, weil man da so schön rausgucken kann und an jeder Haltestelle eine Nase voll frischer Luft nehmen kann. Für die, die rein- oder rauswollen, ist das natürlich nicht so praktisch, gerade dann nicht, wenn die Betreffenden auch noch auf ihrem Smartphone tippen müssen und verärgert grunzen, wenn sie angedotzt werden und sich ob des Gedränges verschreiben.

Besonders gern aber habe ich Reisegruppen, die direkt vereinbaren, im Weg herumstehen zu wollen: „Wir treffen uns in zwanzig Minuten direkt vor dem Wagenstandsanzeiger!“ Diese oder ähnliche Ansagen hört man sehr oft auf Bahnhöfen. Oftmals übrigens von Lehrern, die es offenbar praktisch finden, eine Klasse von rund 25 Schülern gerade da auflaufen zu lassen, wo alle anderen Reisenden auch mal was sehen möchten. Weist man darauf hin, dass das nicht so günstig ist – z. B. durch ein leicht genervtes „Darf ich auch mal an den Plan gucken, bitte?“ – ist man automatisch ein Kinderfeind oder zumindest ein Drängler. Verständnisvoller sind da Kegelklubs oder Landfrauenvereine – die sehen die Notwendigkeit, etwas Platz zu machen, zumeist ein. Das klingt dann so: „Gisela, komm da mal wech, du bist doch nicht durchsichtig!“ oder auch: „Komm ma bei mich bei, Heinz, dat die Leute wat sehen können!“ Wenn Heinz und Gisela sich dann da aufräumen, lächle ich freundlich, nicke zustimmend und bin zufrieden.

Und dann gibt es natürlich noch die Buffetblockierer, auch genannt Salatsortierer und Mittagspausenruinierer. Das sind diejenigen Kollegen, die sich in ihrer ganzen Pracht vor dem Kantinensalat aufbauen, um sich dort einen schönen gemischten Vitaminteller zusammenzustellen. Da sie dabei jede einzelne Gurkenscheibe einer genauen Qualitätskontrolle unterziehen und zudem die ganze Breite des Salatbuffets für ihre Prüfarbeiten benötigen – man braucht ja ausreichend Licht – können sie einer Mittagspauslerin, die gerne in 30 Minuten fertig werden und gemeinsam mit den Kollegen essen möchte, den letzten Nerv rauben. Die rennt dann auf die andere Seite des Salatstandes, um ein Näpfchen Bohnensalat zu ergattern, und drängt sich dort mit fünf anderen Leuten, die der Salatsortierer auf der anderen Seite vielleicht auch schon zum Seitenwechsel gezwungen hat. Und wenn auf der Seite dann der Bohnensalat alle ist, gibt man auf, verzichtet auf die wertvollen Bohnenvitamine und wird unweigerlich krank. Und daran sind sie schuld, die Im-Weg-Steher, Salatsortierer und Pausenruinierer.

Komische Gewohnheiten – fremde Facebook-Freunde sammeln

echte Freundschaft

Wie die meisten meiner Bekannten nutze ich Facebook, moderat zwar, aber manchmal mit viel Spaß. Ich habe da auch Freunde – klar, ohne funktioniert es ja nicht. Natürlich ist mir bewusst, dass der Begriff „Facebook-Freund“ etwas anderes beinhaltet als das, was mich mit wahrer Freundschaft verbindet. Dessen muss man sich bewusst sein, besonders, wenn man einige seiner Facebook-Freunde vielleicht nur virtuell kennt, sie in Foren oder direkt über Facebook kennen gelernt hat.

Auch ich habe neben lieben Freunden, Bekannten und Kollegen etliche Leute in meiner Freundesliste, die ich noch nie zuvor im realen Leben gesehen habe. Das finde ich auch völlig in Ordnung und bereichernd: Zum Beispiel möchte ich das drollige Gequassel mit der doppelt vorhandenen grafisch begabten Fantasieautorin aus Ostdeutschland nicht missen, die ich in einem Schreibforum kennenlernte. Oder die Mutter von Arpüün und den knörrigen Verleger, die ich vor Jahren im technisch schrottigen, aber damals so lustig besetzten KDP-Forum aufgegabelt hatte. Auch aus so manchem Geplänkel in irgendwelchen Gruppen entwickelten sich Freundschaftsanfragen, die ich immer gerne bestätige. Ganz zu schweigen natürlich von den Mitgliedern des ARS – Autoren RheinMain Stammtisch, bei denen ich immer hoffe, dass ich sie bald mal persönlich kennenlerne – wenn das noch nicht passiert ist.

Es gibt also viele Gründe für rein virtuelle Facebook-Freundschaften – Sympathie ist gewiss einer der wichtigsten. Aber in letzter Zeit frage ich mich immer öfter, was jemanden dazu bringt, einen anderen als Freund anzufragen, den er gar nicht kennt. Immer wieder habe ich Anfragen von Leuten, von denen ich noch nie gehört habe. Ich recherchiere dann immer nach: Ist derjenige mit mir in einer Gruppe? Haben wir mal in einer Autorengruppe miteinander geschwatzt, vielleicht irgendwo den gleichen Standpunkt vertreten? Kann das ein Pseudonym sein – ist vielleicht diese Annelise Fusslinger in einer Gruppe unter dem Namen Jolanda P. Drinkwater unterwegs? Hat da mal jemand in einer Handarbeitsgruppe ein mitleiderregend schiefes Häkelschaf gepostet, das ich geliked habe? Zustimmung verbindet, doch das wäre für mich schon ein recht dünnes Bändchen, selbst für eine Facebook-Freundschaft. Und oft finde ich nicht mal sowas bei den Leuten, die bei mir plötzlich auftauchen.

Anfangs hatte ich Hemmungen, jemanden als Freund abzulehnen – eine Ablehnung ist schließlich eine Zurückweisung, dachte der Engel in mir und stapelte die unbeantworteten Freundschaftsanfragen in einer Ecke meines Facebookprofils. Irgendwann erwachte jedoch das Teufelchen, dachte „Ist doch nicht mein Problem“ und lehnte an einem Nachmittag einen ganzen Sack voller fremder Freunde einfach ab. Danach beobachtete ich Facebook scharf: Alles blieb ruhig. Keine Tränen, keine Suizide, keine öffentliche Anklage. Kein Wunder, denn so wie ich heute weiß, kriegt man diese Ablehnungen gar nicht mit. Folglich lehne ich inzwischen Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, von denen ich noch nie zuvor gelesen habe oder die mir nicht sympathisch sind, einfach ab – schwupps. Das belastet mich nicht mehr, es wundert mich nur. Warum nur macht man das? Warum will man 2000 Leute in der Freundesliste haben, von denen man 1800 nicht kennt? Das wird doch total unübersichtlich. Und wie läuft die Auswahl bei einem solchen Anfrageverfahren? Ich gebe zu, ich verstehe das nicht …

Ein besonderer Fall in dieser Sache ist übrigens mein lieber Freund aus Bonn. Der ist eigentlich ganz vernünftig, macht auf Facebook aber komische Sachen: Er gab sich einen merkwürdigen Namen und begann eifrig damit, fremde Freunde zu sammeln. Sein Ehrgeiz war es eine Zeit lang, ausschließlich mit Unbekannten befreundet zu sein. Anfragen von wirklichen Bekannten wurden abgelehnt oder – wie in meinem Fall – man wurde gar wieder ent-freundet. Das bekam irgendwann eine ganz eigene Dynamik, er knüpfte erste Kontakte nach Übersee, „befreundete“ sich mit Freunden von Freunden, wurde ob seiner gar zu emsigen Bemühungen mehrfach von Facebook gesperrt und ist inzwischen gut vernetzt. Seine über 200 Freunde wohnen fast ausschließlich in Kanada, was nicht so praktisch ist, wenn man sich mal besuchen will. Aber einige gratulierten ihm im Mai zum Geburtstag. Ob er sich darüber gefreut hat, weiß ich leider nicht.

Komische Gewohnheiten – die Morgentoilette öffentlich erledigen

Kürzlich musste ich schmunzeln, als ich einen jungen Mann beobachtete, der sich beim Warten auf die Straßenbahn sehr intensiv mit seiner Frisur beschäftigte: Er bürstete sein langes Blondhaar so intensiv, dass selbst die Loreley dagegen ungepflegt erschienen sein muss. 100 Bürstenstriche – oder waren es 1000? – sollten es am Tag sein, so stand es auch früher schon in den Dolly-Büchern zu lesen. Der junge Möchtegern-Adonis wurde auf jeden Fall nicht fertig mit der Frisiererei bis die Bahn kam und musste drinnen noch weiter machen: Denn mit dem Bürsten allein war es nicht getan. Der Schopf musste noch aufgedreht, zu einem Dutt gerollt und fixiert werden, eine mühsame und zeitraubende Geschichte. Ein abschließender Blick in den Spiegel beendete endlich das schwierige Geschäft.

Die ganze Palette

Besonders interessant fand ich den Mann wahrscheinlich, weil es ansonsten meistens Frauen sind, die ihre Morgentoilette in der Straßenbahn oder im Büro erledigen. Vor einer Weile saß ich einer jungen Frau gegenüber, die eine riesige Tasche mit sich herumschleppte, in der unzählige Schönheitsprodukte herumklapperten. Eines nach dem anderen wurde hervorgeholt und benutzt: Creme, Puder, Rouge, Lippenfarbe, Lidschatten und das Zeug für den Lidstrich, Wimperntusche, eine komisch Zange zum Rundbiegen der Wimpern und zum Schluss die unvermeidliche Handcreme. Besonders fasziniert hat mich, dass das Mädel in der Lage war, all diese komplizierten Handlungen in der wackelige Straßenbahn zu verrichten, ohne sich mit Stift oder Bürste ins Auge zu stechen oder beim Malen vorbei zu treffen.

Auch im Büro wird kräftig gecremt und gebürstet. Vor einigen Jahren saß ich mit Blick auf eine Kollegin im Großraumbüro, die ihre Rundum-Büropflege immer mit andächtig eingeträufelten Augentropfen abrundete: An die Decke starren, Unterlid fünf Zentimeter runterziehen, reintropfen … Allein schon von der Beobachtung her fangen meine eigenen Augen bei solchen Darbietungen an zu tränen.

Trotz meines öffentlichen „Bloglebens“ ist mir meine Privatsphäre einigermaßen wichtig – und Körperpflege gehört für mich zu den ganz privaten Verrichtungen. Ich finde es merkwürdig, so etwas öffentlich zu tun, und angesichts der starken Geruchsentwicklung von Nagellack und Co. auch nicht besonders rücksichtsvoll. Ich will meine Ansicht hier nicht für allgemeingültig erklären, schließlich gehört zumindest die Handcremetube für viele Frauen zum täglichen Equipment. Auch leide ich nicht unter trockener Haut. Doch ein exzessives Aufrüschen des Gesichts in der Straßenbahn bringt mich innerlich einfach zum Lachen – egal, ob bei Männlein oder Weiblein.

Komische Gewohnheiten – über den Windelinhalt referieren

Vorbemerkung: Dieses Thema ist vielleicht nicht für jedermann geeignet. Sensible Geister sollten auf die Lektüre verzichten und sich vornehmeren Dingen zuwenden – zum Beispiel dem Studium einer Strickanleitung oder der Buddenbrooks. Robustere Naturen hingegen erkennen vielleicht ihre Nachbar in diesem Beitrag – oder sich selbst.

Komische Gewohnheiten – über den Windelinhalt referieren

Wenn Paare Kinder bekommen, verändern sie sich natürlich nach und nach. Sie werden häuslicher, bauen ein Nest, entdecken ihre fürsorgliche Seite. Gesprächsthemen ändern sich, das ist ganz natürlich. Als Freundin kann man das in der Regel ganz gut aushalten, schließlich ist es klar, dass die Interessenlage junger Eltern sich um andere Dinge dreht als bei Menschen ohne kleine Kinder. Doch früher oder später tun sie alle etwas, von dem sie geschworen haben, dass sie es NIEMALS tun würden: Weil es nämlich trivial ist, eklig und furchtbar für alle, die nicht unmittelbar daran beteiligt sind. Und doch, trotz all ihren früheren Beteuerungen, tun sie es irgendwann alle: Sie berichten über den Inhalt der Windel.

Als unbeteiligter und noch dazu kinderloser Gast fühlt man sich immer ein wenig merkwürdig, wenn man gemütlich mit einer Freundin beim Tee sitzt, über das Kind, Gott und die Welt schwätzt und plötzlich die Tür aufgerissen wird und ein stolzer Jungvater über die neuesten Abenteuer beim Windeln wechseln berichtet. Natürlich steigt die Jungmutter darauf gleich ein: „Hat sie was gemacht, wie viel und wie sah das aus? Ach, soso, anders als gestern, ja, vielleicht liegt das am Brei, vielleicht sollten wir mal was anderes probieren, nicht, dass das einreißt mit dieser komischen Konsistenz und dunkler wäre ja auch schöner. Aber sie wirkt ja gesund dabei, gar nicht wie ein Kind, dass Helles von sich gibt, vielleicht ist das in Ordnung so und morgen rufen wir mal beim Arzt an.“ Aha …

Auch in meinem Job komme ich mit diesem Thema regelmäßig in Berührung. Es scheint unglaublich wichtig zu sein, dass das Kind regelmäßig Stuhlgang in der erwarteten Farbe und Konsistenz hat. Ist das nicht der Fall, sind die Eltern beunruhigt, wenden sich mit genauen Beschreibungen an Telefonhotlines oder verbreiten sich episch in Foren und auf Facebookseiten – auch, wenn das Kind gesund und munter ist. Die Beschreibungen sind äußerst detailliert: Die Farbe wird fast mit einem Pantonefächer bestimmt, die Konsistenz genau beschrieben (krümelig, weich, schaumig, geformt, ungeformt …), der Geruch beurteilt und natürlich das Verhalten des Babys beim Verrichten des Geschäfts beschrieben (bekommt ein rotes Gesicht, drückt tüchtig, windet sich …).

Am schlimmsten scheint es zu sein, wenn die Farbe des Gemachten nicht mit dem des Erdachten zusammenpasst, und das absolut Schlimmste, quasi der Windelinhalt des Grauens, wird immer wieder thematisiert: Der grüne Stuhl.

grüner Stuhl, Windelinhalt

Bild zur Verfügung gestellt von Gabi Eder, http://www.pixelio.de

Grüner Stuhl ist der Gau der Elternschaft, danach kann nichts Schlimmeres mehr kommen. Und auch, wenn Ärzte, Hebammen und die eigene Mutter die Unbedenklichkeit dieses Phänomens bestätigen, lassen die geplagten Eltern es sich nicht nehmen, noch einmal die Community um Rat zu fragen: Kann das wirklich unschädlich sein, wenn das Kind sowas macht? Wo soll das nur enden, wenn es so schon anfängt?

Kollegin Silvia, die immer angenehm durch ihre burschikos-pragmatische Art auffällt, fasste diese Windel-Malaise schon während ihrer ersten Schwangerschaft in einem kurzen Stoßgebet zusammen: „Lieber Gott, bitte mach, dass mein Kind immer kacken kann!“ Besser kann man das eigentlich gar nicht ausdrücken!

Komische Gewohnheiten – herze mich!

Das Herz – Symbol der Liebe, zudem eines der wichtigsten Organe in unserem Körper. Ein gebrochenes Herz ist in mancherlei Hinsicht schlimm und eine herzliche Person hat jeder gern. Zudem ist das stilisierte Herz einfach zu zeichnen und gut zu erkennen – so weit, so gut. Ich akzeptiere die Bedeutung des Herzens durchaus als wichtiges Symbol in unserem täglichen Leben.

Fingerherz

Verbundenheit – Bild zur Verfügung gestellt von miraliki / http://www.pixelio.de

Doch immer wieder sehe ich Schriftzüge, in denen ein Wort durch ein ❤ ersetzt wird. So etwas wie „ ❤ -lich Willkommen“ oder „ -liche Grüße“ sind dabei noch das Harmloseste.

Besonders in der Werbung tut man sich durch ❤ -eritis hervor. Einiges ist noch logisch und verständlich, z. B. die vielgepriesene „Weltstadt mit ❤ “. Das kapiere sogar ich. Auch sowas wie: „Mit ❤ dabei“ kann ich noch recht gut ertragen. Aber einige Slogans sind einfach albern: Da steht dann sowas wie „Wir ❤ Erbsensuppe“, was nicht heißen soll: „Wir herzen Erbsensuppe“, sondern wohl eher „Wir lieben Erbsensuppe“. Unzählige Postkarten, T-Shirts und Taschen sind mit Sätzen wie „I ❤ Frankfurt“ oder „Ich ❤ Opa“, wobei das letztere ja vielleicht wirklich „Ich herze Opa“ heißen könnte – schließlich laden einige Opas geradezu dazu ein, sie zu knuddeln und zu herzen.

Abgesehen von mehr oder weniger seltsamen Druckerzeugnissen ist es derzeit auch in Mode, ein „Fingerherz“ zu bilden: Schwangere machen das mit Vorliebe über ihrem Bauchnabel, andere halten die zusammengelegten Finger gerne vor Handykameras und gucken dabei zumindest bedeutungsschwanger. Dem ❤ ist also kaum zu entgehen – selbst wo keines ist, können zwei Hände eines zeigen.

Und noch während ich diese Sätze schreibe, denke ich an mein allerneuestes Sonderangebots-T-Shirt. Das ist grau und hat einen großen Druck vorne drauf: Mitten auf meinem Bauch prangt dort ein großes, buntes ❤ .

Komische Gewohnheiten – Sehr gerne!

Bei dieser komischen Gewohnheit müsste ich eigentlich den Titel erweitern, denn es geht nicht nur um die Floskel „Sehr gerne!“, sondern um die Frage, ab wann so etwas Angenehmes wie Höflichkeit eigentlich peinlich wird. Die Grenzen sind hier fließend:

Komische Gewohnheiten 17 – Sehr gerne! oder: Wann wird Höflichkeit peinlich?

Vor etwas zwei Jahren fiel es mir auf, zuerst in Werbeagenturen. Fragte man etwas, bekam man stets die gleiche Antwort: „Sehr gerne!“ Nun klingt das nett und höflich, wenn man zum Beispiel darum gebeten hat, eine Dienstleistung zu erbringen oder die Wasserflasche herüberzureichen. Fragt man jedoch nach einem ausstehenden Kostenvoranschlag, hat das „sehr gerne“ bereits ein leichtes Geschmäckle, noch schlimmer bei der Frage: „Könnt ihr mal abrechnen, wir verlieren sonst den Überblick.“ Natürlich erwarte ich von keinem, dass er vorgibt, eine Abrechnung für geleistete Arbeit sei etwas Schmerzvolles, aber allzu große Begeisterung muss es an dieser Stelle nicht sein. Ein einfaches, fades „machen wir“ oder „wird erledigt“ würde mir da durchaus reichen.

Noch schlimmer empfand ich das „Sehr gerne“ bei meinem letzten Urlaub auf der Insel Juist: In zwei ansonsten nicht zu kritisierenden Speiselokalen übertrieben es die Kellner so dermaßen damit, dass es wirklich albern wurde und mich und meine Freundin zu beständigem Kichern reizte. Egal, um was es ging, die Antwort lautete „sehr gerne“, oft noch komplettiert mit „die Dame“ oder „der Herr“.

„Wir würden gerne bestellen!“ – „Sehr gerne, die Dame!“ – „Ein großes Wasser …“ – „Sehr gerne!“ – „und einen kleinen Salat …“ – „Sehr gerne!“ – „und die Scholle!“ „Sehr gerne, die Dame. Darf es noch etwas sein?“ – „Nein, danke.“ – „Sehr gerne!“

Mein liebster Dialog war dieser hier: „Haben Sie noch einen Tisch frei?“ – „Sehr gerne, der Herr, aber nicht heute!“ Da wird im ersten Satzteil aus lauter Höflichkeit eine Hoffnung geweckt, die mit den nächsten Worten brutal wieder zerstört wird – und das wahrscheinlich ungern. Abe ein „Nein, leider heute nicht“ wäre wahrscheinlich zu einfach gewesen. Oder Unhöflich. Auf jeden Fall weniger lustig, denn das Minenspiel des Mannes ohne Tisch war schon sehr drollig.

Die „sehr-gerne-Kellner“ waren auch, wenn man diese Floskel außer Acht lässt, überaus höflich und bemüht. Meine Freundin Antje – das ist die, die hier öfter vorkommt – bezeichnete sie gar als servil. Das erscheint mir treffend. Wahrscheinlich fanden wir das Verhalten deshalb so seltsam: Die Höflichkeit war übertrieben, das hatte nichts mehr mit normaler, freundlicher Hilfsbereitschaft zu tun. Die Kellner waren derartig unterwürfig, dass man sich fast schon ein bisschen veräppelt fühlte.

Im Grunde mag ich natürlich höfliche Menschen und ich lasse mich in Hotels oder Gaststätten auch gerne mal ein bisschen verwöhnen. Wird „der Dienst am Gast“ aber zu dick aufgetragen, fühle ich mich unwohl, so zum Beispiel in dem Fünf-Sterne-Hotel, in dem des Abends immer jemand hereinschlich, um die Gardine zu schließen, das Bett aufzuklappen und meinen alten schäbbeligen Schlafanzug reinspringbereit zurecht zu legen. Oder in dem Hotel, wo eine ältere Dame sich nicht davon abbringen ließ, meinen kleinen Rucksack vor mir her zu tragen. Der enthielt nur Sachen für eine Nacht, war also nicht schwer, aber es war mir unangenehm, ihn von dieser viel älteren Frau tragen zu lassen.

Vielleicht sind wir modernen Menschen derartige Dienstleistungen auch einfach nicht mehr gewohnt. Im „Haus am Eaton Place“ hatte man damit sicherlich weniger Probleme, aber das waren ganz andere Zeiten und die gesellschaftlichen Grenzen zwischen denen, die dienten, und denen, die bedient wurden, waren deutlich. Aber dort regierte auch der gestrenge Butler Angus Hudson, der seiner Herrschaft wahrscheinlich sehr gerne, aber doch stets aufrecht und würdevoll zur Seite stand.

Ach, das waren noch Zeiten!

Emo Court, Irland

Statt Haus am Eaton Place: Emo Court, Irland