Novemberschatten

„Ich gehe mit meiner Latereeerne … rabimmel-rabammel-rabumm …“ Anja hörte die Stimmen der Kinder wie aus weiter Ferne, obwohl die warme, etwas klebrige Hand ihres laut mitsingenden Patenkindes sich fest an ihre klammerte. Sie selbst sang nicht, zu sehr waren ihre Gedanken mit einem Laternenumzug beschäftigt, der nun schon fast 30 Jahre zurück lag. Acht Jahre war sie damals alt gewesen und hatte schon zu „den Großen“ gehört, die damals mit einer selbst gemachten Laterne hinter Sankt Martin auf seinem großen weißen Pferd hergelaufen waren. Eigentlich war dieser Umzug für Kindergartenkinder gedacht, doch die Mutter hatte sie nicht allein zuhause lassen mögen und so musste sie mit. Natürlich war das eigentlich unter ihrer Würde gewesen, doch sie wusste, dass am Ende alle Kinder eine kleine Tüte mit Süßigkeiten ausgehändigt bekamen. Sie war nicht das einzige große Geschwisterkind gewesen, dass den Umzug mitmachte, auch ihre Schulkameradin Nicole war mit von der Partie.

Bild zur Verfügung gestellt von Rike, http://www.pixelio.de

Ein Windstoß ließ die Laternen der Kinder hin und her schwingen und blies Anja die Haare ins Gesicht. Zusätzlich setzte ein leichter Sprühregen ein. So ein Sauwetter aber auch. Was hatte man sich nur dabei gedacht, diese Laternenumzüge ausgerechnet in die unwirtlichste Zeit des Jahres zu verlegen? Sie beneidete Antonia fast ein wenig um die rote Matschhose, in die das Kind eingepackt war.

„Darf ich mit Frau Löhr gehen?“, hörte sie da die helle Stimme Antonias und folgte dem ausgestreckten Zeigefinger des Kindes mit ihrem Blick. Was sie sah, ließ sie schmunzeln: Frau Löhr, die Direktorin des Kindergartens, hatte einen riesigen Schirm ausgepackt, unter dem sich einige der Kindergartenzwerge zusammendrängten. Wie sie den bei diesem Wind festhalten wollte, war Anja unklar, aber das sollte nicht ihr Problem sein. „Klar, geh nur.“ Sie ging alleine weiter.

„Hat mein illoyales Kind dich allein gelassen?“, hörte Anja kurze Zeit später die Stimme ihrer Freundin Lena, Antonias Mutter. Sie musste lachen. „Ja, der große Schirm wirkte verlockender, als neben der alten Patentante nass zu werden.“ Sie grinste, aber es wirkte etwas wehmütig. Lena deutete die Grimasse richtig. „Das ist dein erster Laternenumzug seit damals, oder?“ Ja, das war es. Anja war nie wieder in einer Novembernacht mit einem kleinen Licht herumgelaufen, und sie war nie wieder auf einem Friedhof gewesen. Seit 28 Jahren nicht. Sie mied diese Orte wie der Teufel das Weihwasser.

Damals, vor 28 Jahren, hatten sich „die Großen“ nach und nach zusammengefunden und ein eigenes Grüppchen gebildet. Zu fünft waren sie gewesen, sie und Nicole, deren 10-jähriger Bruder und zwei Jungen, die Anja aus dem Sportverein kannte. Natürlich hatten sie keine Kinderlieder gesungen, sondern waren lachend und schwatzend hinter den anderen her gebummelt. Ab und zu hatte sich einer der Erwachsenen nach ihnen umgedreht und kurz durchgezählt, ob noch alle da waren. Und sie, „die Großen“, hatten versucht, einander mit Schauergeschichten zu erschrecken. Wer auf die Idee gekommen war, auf dem alten Friedhof herumzulaufen, konnten sie hinterher nicht mehr sagen.

Das große Haupttor des Friedhofs war bereits abgeschlossen gewesen, als der Laternenumzug daran vorbeiging. Deshalb hatten die Kinder sich gegenseitig über die Mauer geholfen. Anja erinnerte sich noch immer daran, wie Nicoles Bruder sie am Hintern angeschoben hatte, damit sie, die Kleinste, es auch über die alte Steinmauer schaffte. Auf diese Weise waren sie alle auf dem Friedhof angekommen, dreckig von der alten, bemoosen Mauer und einer der Jungen mit einem Loch in der Hose. Sie hatten aufgeregt gekichert und mit ihren Laternen, die damals noch von Teelichten beleuchtet wurden, neugierig die Ecken ausgeleuchtet. Zwischendurch hatten sie versucht, einander zu erschrecken, waren hinter Grabsteinen hervorgesprungen und hatten „Buuuhuhuuu!“ gerufen, gekreischt und gekichert. Einige der Erwachsenen gaben später an, den Lärm der Kinder vom Friedhof gehört zu haben. Man hatte den Kindern aber nicht den Spaß verderben wollen.

„Denkst du noch viel an damals?“, wollte Lena wissen und Anja nickte. „Ja. Jeden Tag. Eigentlich wollte ich auch nicht mitgehen heute.“ Lena nickte verstehend. Sie wusste, dass der Herbst für die Freundin eine schwere Zeit war. Sie hatten oft darüber geredet, über den Laternenumzug, die Vorfälle auf dem Friedhof und vor allem über die Zeit danach. Aber all das Reden, Überlegen und Spekulieren hatte nichts geholfen. Sie wussten einfach nicht, was damals geschehen war. Niemand wusste das.

„Weißt du“, redete Anja weiter, „das Schlimmste war wohl, dass uns damals keiner geglaubt hat. Sie haben uns befragt, wieder und wieder, und keiner hat uns geglaubt, was wir dort gesehen haben.“

Sie hatten Spaß gehabt auf dem Friedhof, und natürlich auch ein bisschen Angst. Es war genau das Maß an Grusel, das ausreicht, um sich so richtig wohl zu fühlen – wie in einer klapprigen alten Geisterbahn. Ab und zu waren sie auseinandergelaufen, hatten sich versteckt, hatten wieder zuammengefunden und einander die schönsten Grabsteine gezeigt. Und dann, als Anja und einer der Jungen gerade versuchten, einen uralten Grabstein zu entziffern, hatten sie die weiße Gestalt gesehen. Zuerst war sie mehr ein Schatten gewesen, dann war sie immer deutlicher geworden, war über den Friedhof geflogen und hatte die Kinder dazu gebracht, laut schreiend in Richtung Ausgang zu laufen. Zu dem Teil der Mauer, der niedrig genug war, um zu flüchten. Anjas Laterne war erloschen, sie rannte nur hinter dem zuckenden Licht her, das die Kerze des Jungen warf. Als sie an der Mauer ankamen, waren sie nur zu dritt. Von irgendwoher hörten sie eine Stimme rufen – einer der Jungen fand den Ausgang nicht. „Hierher“, riefen die Kinder, „hier sind wir!“ Sie waren wieder losgelaufen, auf den Rufer zu, hatten einander dabei fest an den Händen gehalten. Und wieder hatten sie die weiße Frau gesehen. Sie war auf sie zugeschwebt, in raschem Tempo, und sie hatten einander losgelassen und waren hinter die Grabsteine gesprungen, schreiend zuerst, dann ganz still. Erst, als sie ein paar männliche Stimmen hörten, die nach ihnen riefen, hatten sie sich heraus getraut. Anja erinnerte sich, wie sie auf das Licht einer großen Taschenlampe zugelaufen war, die ein junger Mann von der freiwilligen Feuerwehr geschwenkt hatte. Weinend war sie ihm in die Arme gefallen. „Nana“, hatte er gesagt und gelacht, genau wie all die anderen Erwachsenen gelacht hatten. Aber da wussten sie ja auch noch nicht, was geschehen waren. Sie wussten nicht, dass Nicole nicht zurückkam.

Bild zur Verfügung gestellt von Meltis, http://www.pixelio.de

Die achtjährige Nicole verschwand an diesem Novemberabend auf dem Westfriedhof, und sie tauchte nicht wieder auf. Man suchte sie, und man befragte die Kinder – hatten sie etwas gesehen? Alle vier Kinder sprachen von der unheimlichen weißen Frau, doch niemand glaubte ihnen. Eine weiße Frau, was sollte das sein? Wahrscheinlich war das irgendein Schatten gewesen, oder eine herumflatternde Plastiktüte. Es gab gewiss einen natürlichen Grund, der die Panik bei den überreizten Kindern ausgelöst hatte.

Nicole blieb verschwunden, ihr Platz in der Klasse leer. Irgendwann begannen die Kinder, Blumen auf diesen Platz zu legen. Als das neue Schuljahr anfing, wurden die Plätze neu vergeben und es gab keinen Tisch mit Blumen mehr. Die meisten Kinder vergaßen Nicole.

Anja hingegen hatte sie nie vergessen. Immer wieder hatte sie versucht, jemanden von dem Vorhandensein der weißen Frau zu überzeugen, jedoch erfolglos. Als sie 12 war, schickten ihre Eltern sie zu einer Psychotherapeutin. Diese half ihr, das Erlebnis zumindest soweit zu verarbeiten, dass sie damit weiterleben konnte. Und doch, es war immer noch in ihr. Es nagte an ihr. Noch immer wachte sie nachts deswegen auf, denn noch immer erschien ihr im Traum die weiße Frau.

An diesem Abend beschloss Anja, dass es genug wäre. Sie würde sich ihren Ängsten stellen und auf diesen Friedhof gehen. Nicht irgendwann, sondern jetzt sofort. Oder besser gesagt, gleich im Anschluss an den Laternenumzug.

„Leihst du mir mal deine Laterne?“, fragte sie Antonia und diese, bereits eifrig beschäftigt mit der Süßigkeitentüte von St. Martin, nickte großzügig. Anja nahm die Laterne und verließ die Gruppe, ohne sich lange zu verabschieden. Die Kapuze tief im Gesicht stapfte sie gegen den Wind und den feinen Regen an. Sie wusste nicht, was sie auf dem Friedhof finden würde – wahrscheinlich gar nichts. Oder zumindest nichts Interessantes. Aber sie war es leid, sich von diesem Ereignis in der Kindheit ihr Leben vermiesen zu lassen. Heute Abend hatte sie schon einen Laternenumzug überstanden, sie würde auch einen Friedhofsbesuch überstehen.

Wieder war das Friedhofstor verschlossen. Anja suchte nach der niedrigen Stelle in der Mauer – da war sie. Obwohl sie inzwischen ausgewachsen war merkte sie, dass sie sich beim Überklettern der Mauer wieder richtig dreckig machte. Sie fluchte halblaut, knipste dann aber ihre Laterne an und leuchtete damit herum. Alles ruhig. Anja kicherte nervös – was hatte sie denn erwartet? Sie machte ein paar Schritte von der Mauer weg, ging auf den Hauptweg. Sie erkannte nichts wieder. In ihrer Erinnerung hatte es immer nur die weiße Frau gegeben. Jetzt hingegen war es hier völlig unspektakulär. Langweilig fast.

Und dann sah sie sie: die weiße Frau. Sie erschien direkt vor ihr und schwebte auf sie zu, langsam dieses Mal. Anja wollte schreien und weglaufen, so wie damals. Doch sie zwang sich, zu bleiben. Als die unheimliche Gestalt näherkam, sah Anja sie zum ersten Mal richtig: Es war eine Frau in altmodischer Kleidung, mit einer komplizierten Flechtfrisur und zarten Gesichtszügen.

„Was willst du von mir?“, fragte Anja zittrig und hob abwehrend die Hände. „Du muss mich nicht fürchten, Kind“, säuselte die weiße Frau leise, und ihre Stimme verschwand fast im Wind. „Ich bin froh, dass du zurückgekommen bist. Denn es ist nicht recht, so wie es ist!“ Anja schüttelte den Kopf. „Was hast du mit Nicole gemacht?“, wollte sie wissen und die Frau sah sie traurig an. „Nicht ich habe dem Kind Schlechtes getan. Ich wollte helfen, doch ich bin ein Geist. Mich sieht nur, wer an mich glaubt. Kinder, oder solche, die von mir wissen. Alle anderen können mich nicht sehen oder fühlen. Und so konnte ich die Kleine nicht retten.“ Anja stockte fast der Atem, doch sie fragte weiter: „Was ist passiert?“ „Er war es“, erklärte die weiße Frau. „Der Mann mit dem Schlüssel zum Tor. Er hat ihr aufgelauert und als sie mit ihrer Laterne an ihm vorbeitanzte, hat er sie geschnappt und mit in sein großes Auto gezogen. Ich konnte es nicht verhindern.“

Bild zur Verfügung gestellt von Rike, http://www.pixelio.de

Anja konnte es immer noch nicht begreifen. „Du meinst, da war ein Mann mit Schlüssel? Er hat sie mitgenommen? Und dann, was hat er mit ihr gemacht?“ Die weiße Frau begann zu weinen. „Er hat sie zurückgebracht. Kalt und tot war sie da, und das ist nicht recht. Er hat sie in ein frisches Grab gelegt und zusammen mit einem alten Mann bestattet. Dort …“ Sie wies auf ein Grab, das tatsächlich seit 28 Jahren bestand. Albert Wagner lautete die Inschrift auf dem Grabstein. Obwohl November war, blühten auf diesem Grab unzählige bunte Blumen. „Ich pflege das Grab“, erklärte die weiße Frau. „Das ist alles, was ich für die Kleine tun kann. Aber es ist nicht recht, so wie es ist. Sie muss ein eigenes Grab haben, damit ihre Familie trauern kann.“ „Ich kümmere mich darum“, versprach Anja. „Aber sag mir: Wer bist du?“ Die weiße Frau lächelte ein wenig. „Mein Name ist Adele von Zitzewitz. Ich kam nicht zur Ruhe, weil ich nach meinem Kindlein sehen wollte. Ich habe die Geburt nicht überlebt und wollte doch sehen, wie es Klara geht.“ Ihre Miene wurde traurig. „Leider starb sie mit drei Jahren an den Masern.“ „Oh…“, war alles, was Anja betroffen sagen konnte. Die weiße Frau sah aus, als wolle sie sich von Anja verabschieden. „Du musst jetzt gehen, Kind. Es ist nicht gut, in diesem Novemberwetter draußen zu sein. Pass auf, dass es dir nicht auf die Lunge schlägt. Am besten, du nimmst einen heißen Stein mit ins Bett.“ Mit diesem guten Ratschlag verschwand die weiße Frau so leise, wie sie gekommen war. Anja blieb zurück, mit einer durchweichten Laterne in der Hand und vielen Zweifeln. War sie nun völlig verrückt geworden?

Sie fand keinen Schlaf in dieser Nacht. Sie wollte sich darum kümmern, dass Nicole gefunden und ordentlich beerdigt wurde, und sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihr Leichnam sich in dem Grab befand, das die weiße Frau so hingebungsvoll pflegte. Doch wie sollte sie das der Polizei begreiflich machen, ohne in die Psychiatrie eingewiesen zu werden?

Sie beschloss, die Flucht nach vorn anzutreten. Bei der Arbeit meldete sie sich krank – elend genug ging es ihr dafür. Und dann ging sie zur Polizei. Tatsächlich gab es einen älteren Beamten, der sich noch gut an die Sache erinnern konnte. „Ja, das kleine Mädchen“, sagte er nachdenklich. „Möchte gerne wissen, wo das hingekommen ist.“ „Ich weiß es“, sagte Anja und straffte die Schultern. „Ich weiß es und ich sage es Ihnen – aber nur, wenn Sie mir versprechen, dann auch da nachzugucken und mich nicht einfach nur für verrückt zu erklären.“ Nach einigem Zögern versprach der Polizist es ihr. „Wir haben ja nichts zu verlieren bei diesem Fall“, meinte er. Und Anja erzählte.

Es dauerte noch einige Tage, bis das Grab Albert Wagners geöffnet wurde. Seine Angehörigen waren damit einverstanden, wurde es doch ohnehin allmählich Zeit, das Grab des Großvaters aufzulösen. Tatsächlich fand man in der Grabstätte zwei Skelette – ein großes und ein kleines. Und da Anja mit ihren Informationen Recht gehabt hatte, glaubte man ihr jetzt auch, dass es ein Mann mit einem Schlüssel zum Friedhof gewesen war, der das Mädchen entführt hatte. Es gab deren nur drei, und nur einer hatte damals ein großes Auto gehabt. Er leugnete es nicht.

Anja nahm an der offiziellen Beerdigung Nicoles teil. Die Eltern und der Bruder, die allesamt die Ereignisse noch immer nicht richtig verarbeitet hatten, bedankten sich bei ihr. Und auf dem Grab erschienen, kaum dass es geschlossen war, unzählige bunte Blumen, obwohl es November war und schon leicht schneite.

Bild zur Verfügung gestellt von Lilo Kapp, http://www.pixelio.de. Eine ganz ähnliche Laterne hatte ich übrigens früher.

Paul nimmt sich Zeit

Kürzlich habe ich mal meine Geschichtensammlung auf dem Laptop angeguckt und durchsortiert. Es gibt tatsächlich noch einige Schätzchen dort, die ich mal für irgendeinen Zweck geschrieben habe, die aber trotzdem nie hier auf dem Blog erschienen sind. Hier ist eine davon …

Paul nimmt sich Zeit

Es ist immer das Gleiche mit den Erwachsenen: Wenn man etwas von ihnen will, haben sie keine Zeit. Und wenn Paul etwas will, schon gar nicht. Deshalb sitzt er mürrisch in seinem Zimmer, spielt mit der X-Box und pflegt seine schlechte Laune.

Eigentlich sollte Mama ihn mit dem Auto zu Finn fahren, wo sie mit den anderen Jungs aus der Klasse Fußball spielen wollten. Aber Mama hat mal wieder keine Zeit, Papa ist sowieso arbeiten und überhaupt ist alles doof, seit vor einem Jahr die Drillinge geboren wurden. Dass sie letzten Monat auch noch in dieses Dorf am Ende der Welt gezogen sind, macht die ganze Sache noch schlimmer. Sie wohnen jetzt bei Opa, in seinem großen Haus. Das ist für Paul eigentlich okay, Opa ist ja nett und das Haus auch ganz schön, aber dieses Dorf! Hinterwald ist eine Metropole dagegen!

Gattertor, Wiese, Weide, Feld, Herbst

Bild zur Verfügung gestellt von Bernd Kasper / http://www.pixelio.de

Jeden Trag wird Paul nun mit dem Auto in die Schule gebracht und auch wieder abgeholt. Das ist natürlich toll, wenn es regnet, aber total doof, wenn er nachmittags noch etwas vorhat.

„Ich kann nicht immer den Fahrdienst spielen!“, sagt Mama oftmals, und dann guckt Paul in die Röhre. Als ob er etwas dafür könnte, dass er drei kleine Geschwister hat, die dauernd krank sind, zum Turnen müssen oder in die Krabbelgruppe. An solchen Tagen wünscht Paul sich, älter zu sein als elf. Einen eigenen Führerschein zu haben, wäre toll. Und natürlich ein Auto dazu. Aber es ist, wie es ist, und so hat er Finn absagen müssen. Der denkt jetzt bestimmt sonstwas von ihm – schließlich kennen sie sich noch nicht so lange.

Opa kommt rein und stört Paul in seinen finsteren Gedanken. „Kommst du mit zum Landhandel?“ fragt er und Paul guckt erstaunt. Im Landhandel war er erst einmal, vor drei Wochen, das ist der langweiligste Laden der Welt. Nur Gartengeräte, Düngemittel und Hundeleinen. Und irgendwo eine kleine Eistruhe und ein Kaffeeautomat. „Was soll ich denn da?“ fragt er und Opa zuckt die Schultern. „Mir Gesellschaft leisten.“ Paul seufzt. „Eigentlich habe ich keine Zeit“, erklärt er. „Ich will zu Finn zum Fußball.“ Aber weil das mit Finn sowieso nicht klappt und Opa bestimmt auch einsam ist, seitdem Oma gestorben ist, beschließt Paul, großzügig zu sein und sich die Zeit für Opa zu nehmen. Er rappelt sich hoch. „Dauert ja nicht lange“, redet er sich selbst gut zu.

Paul zieht sich seine Sneakers an und folgt Opa nach draußen. Zu seiner Überraschung hat der alte Mann nicht das Auto aus der Garage geholt, sondern die Fahrräder. An seines montiert er gerade einen Anhänger, er hat eine richtige kleine Anhängerkupplung dafür. „Du willst mit dem Rad fahren?“ japst Paul entsetzt. „Das dauert ja ewig!“ Opa lacht. „Macht doch nichts. Wir haben doch Zeit. Außerdem braucht deine Mutter das Auto, sie fährt mit den Kleinen zum Arzt.“ Als ob Paul das nicht wüsste! Stöhnend schwingt er sich auf sein Rad und trampelt hinter Opa her. Der ist ganz schön flott unterwegs, trotz des fast leeren Anhängers und der steifen Brise, die ihnen entgegen bläst. Gegenwind, auch das noch!

Paul gerät langsam ins Schwitzen. „Opa, wie alt bist du nun eigentlich?“ fragt er, nur, um etwas zu sagen. „Zweisiebzig“, antwortet Opa. ‚Also doppelt so alt wie Papa‘, rechnet Paul, ‚und dreimal so fit.‘ „Du bist ganz schön schnell für dein Alter“, räumt er ein und bemüht sich, mit dem alten Mann mitzuhalten. Der nickt und fährt etwas langsamer. „Ja, ich bin mit einer guten Gesundheit gesegnet und sehr dankbar dafür. Aber ich tue auch einiges, damit das so bleibt: Viel Radfahren und Gartenarbeit – das hält fit.“ Paul gibt ihm recht. Ja, Bewegung ist gut, das versteht er sofort. Deshalb spielt er ja so gerne Fußball.

„Aber dass du auch bei diesem Wind mit dem Rad zum Landhandel fährst, Opa … Hättest du da nicht einfach morgen hinfahren können? Oder brauchst du so dringend irgendwas?“ Opa lacht. „Nein, so dringend ist das nicht, ich will nur einen Sack Torf holen. Aber ich hatte Lust, es heute zu tun. Außerdem ist es viel gesünder, zu radeln. Für die Umwelt ist es auch besser. Und das Wetter ist prima.“ Paul ächzt hörbar. Tolles Wetter: Sturm in die falsche Richtung und vielleicht fünfzehn Grad. Und dann die Umwelt! Immer diese blöde Umwelt! Er weiß gar nicht, was die Leute immer haben mit ihrer Umwelt: Das Wasser, das hier aus dem Hahn kommt, ist klar, das Gras ist grün, die Bäume auch, und durch die Luft kann man ordnungsgemäß hindurchsehen. Alles schick und so, wie es sein soll. Er weist Opa darauf hin und der nickt verständnisvoll. „Ja, das stimmt schon, Paul. Aber weißt du auch, warum das so ist?“ Paul guckt nur fragend und Opa erklärt es ihm: „Es ist so, weil es Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir nicht im Schmutz versinken. Inzwischen gibt es Gesetze, die verbieten, dass Fabriken ihren Dreck ungefiltert in die Luft pusten oder ihr Abwasser einfach ins Meer leiten. Rohstoffe werden seit Jahren wiederverwendet und wer dabei erwischt wird, wie er seinen Müll in den Wald schmeißt, wird bestraft. Früher galt sowas als Kavaliersdelikt, viele haben ihren Abfall einfach aus dem Autofenster geschmissen. Es ist schon viel sauberer hier als noch vor dreißig Jahren, aber es geht noch besser. Und jeder kann mithelfen!“ Paul tut so, als hätte er Opa verstanden, rollt aber innerlich mit den Augen. Dass alte Leute immer aus allem eine Oper machen müssen! Wahrscheinlich haben sie einfach zu viel Zeit!

An einer Wegkreuzung hält Opa an. Paul wundert sich darüber, denn hier ist nichts Spannendes. Nur grüne Wiesen und ein paar Stoppelfelder. Der alte Mann steigt vom Rad und nimmt das schmale Päckchen aus dem Anhänger, das er kurz vor der Abfahrt dort hinein gelegt hat. „Komm“, sagt er ruhig und stapft vor Paul her zu einem Gattertor. Er schwingt sich darüber hinweg und springt in die Weide, auf der immerhin keine Kühe mehr stehen. „Was willst du denn hier?“, fragt Paul verblüfft und klettert ebenfalls über das Gatter. „Drachen steigen lassen“, erklärt Opa. „Darauf freue ich mich, seitdem ihr bei mir eingezogen seid.“ Er öffnet das Päckchen und zu Pauls Freude kommt ein ganz moderner Lenkdrachen zum Vorschein, bunt und mit einem langen Schweif. So einen hat Paul sich schon immer gewünscht. In der Stadt hatte er nur keinen Platz, ihn steigen zu lassen. Gemeinsam mit Opa ist der Drachen schnell zusammengebaut.

Drachen, Lenkdrachen

Bild zur Verfügung gestellt von Ralph Karow / http://www.pixelio.de

Zu Pauls Überraschung ist es gar nicht so einfach, den Drachen steigen zu lassen. Er fliegt gut, aber der frische Wind zerrt an ihm und Paul kann ihn kaum festhalten, geschweige denn lenken. Fast fürchtet er, abzuheben. Aber wäre das so schlecht gewesen? Oft hat er sich in den letzten Monaten gewünscht, einfach wegfliegen zu können, fort von seinem unruhigen Zuhause, in dem es nur noch um die Babys geht. Paul sieht zu dem Drachen hoch und verliert sich einen Moment in seinen Gedanken. Ein Windstoß lässt ihn voran stolpern. In dem Moment fühlt er Opa hinter sich. „Hoppla, Kleiner – du bleibst hier!“ Opas Hände legen sich über Pauls und helfen mit, den Drachen zu halten. Schöne Hände hat Opa: groß, fest und warm. Paul bleibt am Boden. Gemeinsam gelingt es ihnen, den Drachen zum Kreisen zu bringen und ein paar schöne Manöver zu fliegen. Zweimal stürzt er auch ab, bleibt aber heil. Gemeinsam bringen sie ihn wieder zum Fliegen und Paul merkt kaum, wie die Zeit vergeht. Dann mahnt Opa zum Aufbruch. „Wir wollen doch noch einkaufen.“ Paul ist es recht, denn seine Arme sind inzwischen vom Drachenhalten müde und fühlen sich an wie aus Gummi.

Kurze Zeit später kommen sie beim Landhandel an. Opa geht hinein, kommt mit dem Verkäufer heraus und lädt mit ihm gemeinsam einen großen Sack Torf auf den Anhänger. Der Platz reicht so gerade, Opa wird sich auf dem Rückweg sicher arg anstrengen müssen mit dem Gewicht am Rad. Er geht noch einmal in den Laden, um zu bezahlen, und kommt mit einer Eistüte für Paul und einem Kaffee für sich selber wieder heraus. „Komm, da hinten ist eine Bank im Schatten!“ Gemeinsam setzen sie sich nieder. „Weißt du, wovon ich das Eis und den Kaffee bezahlt habe?“ fragt Opa. Paul findet die Frage komisch und antwortet: „Na, von deiner Rente.“ Opa grinst. „Punkt für dich. Du hast natürlich Recht. Aber die 2 Euro hätte es wohl in etwa gekostet, wenn wir mit dem Auto gefahren wären.“ Paul ist nur ein ganz bisschen genervt davon, dass Opa schon wieder von den Segnungen des Radfahrens anfängt. Er denkt trotzdem nach. Jede kleine Fahrt kostet so viel Geld? Das hätte er nicht gedacht. Er weiß, dass Geld bei ihnen knapp ist, seitdem die Drillinge da sind. Anscheinend ist Radfahren doch vorteilhafter als gedacht. Während er an seinem Eis lutscht, lässt er den Gedanken kreisen. Und allmählich reift eine Idee in ihm. Eine Idee, die zu tun hat mit dem Radfahren, der Umwelt, gespartem Geld und … Freiheit!

„Du, Opa, meinst du, dass es zu Finn weiter ist als zum Landhandel?“ Opa überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf. „Nein, bestimmt nicht. Das ist eher etwas kürzer.“ Paul wird eifrig. „Dann könnte ich doch künftig mit dem Rad da hinfahren. Und auch mal zur Schule!“ „Klar“, sagt Opa nur und nickt. Paul ist ganz aufgeregt. Dann aber wird er still. „Was ist?“ fragt Opa. „Das erlaubt Mama nie!“ Opa lächelt. „Das lass mal meine Sorge sein“, meint er dann. „Die ersten Male können wir ja zusammen fahren. Und wenn es dunkel ist, kann ich dich abholen. Das kriegen wir schon hin.“ Paul sieht Opa mit großen Augen an. „Das würdest du machen? „Klar.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit ist Paul richtig glücklich. Er versteht, dass Opa sich seiner Sache ganz sicher ist und dass sein ruhiges „Klar“ so etwas wie ein richtiges, unbrechbares Versprechen ist. Zufrieden lehnt Paul sich an den alten Mann und knabbert die Reste seiner Eiswaffel.

Wenig später strampeln Opa und Enkel den langen Weg nach Hause. Paul wundert sich darüber, dass sie schon wieder Gegenwind haben. „Der müsste doch jetzt eigentlich von hinten kommen“, stellt er fest und Opa lacht. „Ja, das müsste er wohl. Aber er dreht hier gerne alle paar Stunden. Ich habe mich darüber als Kind auch oft geärgert. Inzwischen nehme ich es einfach hin, denn ich kann es nicht ändern. Unser Wind ist zuverlässig unzuverlässig – gewöhne dich daran.“ Paul nickt ergeben und lächelt ein wenig. Denn ohne den Wind, so lästig er auch sein mag, hätte er heute nicht so viel Spaß gehabt. Es war ein schönes Tag. Wie gut, dass er sich heute für Opa Zeit genommen hat!

Der Tod trägt einen bunten Kittel

Wir waren mal wieder lesen, mein Schreibgrüppchen und ich. Der Titel lautete „Kischalarm“ und wir waren mit viel Spaß bei der Sache. Ich beschäftigte mich mit unbekanntem Terrain – und glaube nun endlch verstanden zu haben wie das läuft mit Leben und Sterben. Denn:

 

Der Tod trägt einen bunten Kittel

Tod, Sensenmann

Bild zur Verfügung gestellt von Manwalk (Manfred Walker), http://www.pixelio.de

Klaus räkelte sich wohlig in seinem Fernsehsessel. Er hatte Lust, sich eine Zigarette anzuzünden, doch da er vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte, waren keine da. Er griff stattdessen zur fast leeren Weinflasche und ließ den kleinen Rest in sein Glas tröpfeln. Immerhin zwei Schlucke würden es noch sein, dachte er und hielt das Glas so, dass die wunderbare dunkelrote Farbe des edlen Tropfens im Licht der Stehlampe leuchtete. Aaaahhhh, was für ein Genuss.

Es klopfte an der Tür. Klaus sah verwundert auf die Uhr – halb elf. Wahrscheinlich wieder ein Nachbar, dessen Parkplatz in der Tiefgarage zugeparkt war – das passierte ständig. Und fast genauso häufig rannte der um seinen Parkplatz Betrogene dann durchs Haus und klingelte bei allen Nachbarn, um den Übeltäter zu finden und das fehlgeparkte Auto entfernen zu lassen. Klaus sollte sich ein Schild an die Tür hängen: „Isch ‘abe gar kein Auto!“ Das wäre zwar gelogen, aber immerhin wäre dann Ruhe.

Es klopfte nochmal. Zusätzlich drückte jemand langanhaltend die Klingel. Völlig entnervt rappelte Klaus sich hoch und tappte in seinen braunen Cordpantoffeln zur Tür. „Jajaja, ich komme ja schon. Was ist denn los?“ Er riss die Tür auf und starrte verblüfft auf die merkwürdige Gestalt, die davorstand. Das war keine Nachbarin, das war auch nicht der Hausmeister, das war eine gesichtslose Gestalt in einem geblümten Kaputzenumhang. Noch nie hatte Klaus ein solches Gewand gesehen, und doch kam es ihm seltsam vertraut vor. Dieses Muster – so etwas hatte seine Oma getragen. Immer, wenn sie zuhause war, trug sie diese eigenartigen Hauskittel mit dem Blumenmuster, im Sommer sogar fast ohne etwas darunter. Der Anblick ließ Klaus vergessen, dass der Mensch ihm gegenüber kein Gesicht hatte. Er öffnete die Tür weit und ließ den Mann eintreten. Es musste ein Mann sein, denn die Gestalt war sehr groß und trug außerdem eine schwere Sense mit sich herum. Sensen sind bei Frauen ein eher unübliches Accessoire, dachte Klaus, bei Männern in der Großstadt aber auch. Er kombinierte die Sense mit dem fehlenden Gesicht und folgerte erschrocken, dass er soeben den Tod in seine Wohnung gelassen hatte. Den Sensenmann, der sich als Oma Lotte getarnt hatte.

„Ähem …“ stammelte er, „ähem, das war ein Irrtum, junger Mann. Ich kenne Sie gar nicht, könnten Sie bitte meine Wohnung wieder verlassen?“ Der Tod drehte sich zu ihm um, das leere Gesicht schien ihn anzusehen. Langsam schüttelte der Hüne den Kopf. „Ach so, Sie wollten tatsächlich zu mir? Mein Name ist Klaus Fischer, sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?“ Der Tod nickte, auch dies geschah quälend langsam. Klaus erwartete, dass jeden Moment die Sense auf ihn herniedersausen und ihn von den Füßen säbeln würde. Doch nichts geschah. Der Tod stand ruhig im Flur, sah sich um, schob mit dem Fuß ein paar herumliegende Turnschuhe ordentlich unter das Schuhregal. Klaus schluckte.

„Ja, Sie sehen, es ist gerade gar nicht aufgeräumt, ich bin gar nicht auf sie eingestellt. Eigentlich müsste ich erst putzen, was sollen denn sonst die Nachbarn sagen, wenn sie mich hier finden und es sieht hier so aus …“ Die große Gestalt schien zu lächeln, sicherlich hörte sie diese Art von Argumentation häufiger. „Darf ich eintreten?“ fragte der Tod höflich und wies auf die offenstehende Wohnzimmertür. „Es redet sich doch besser im Sitzen.“ Was heißt hier reden, dachte Klaus hektisch, der will bestimmt nicht reden, der will mich niedermachen. Mir einen Herzinfarkt schicken, Schlaganfall, mich mit einem Schlag seiner Sense ins Jenseits schicken. Er überlegte, dem Tod nochmal die Tür nach draußen zu weisen, doch der war schon unterwegs in sein Wohnzimmer, legte eine Jazz-CD ein und setzte sich gemütlich in den alten Schaukelstuhl. Das sah komisch aus.

„Der Stuhl da“, erklärte Klaus, „der hat meiner Oma gehört. Meiner Oma Lotte. Sie hat immer in dem Stuhl gesessen früher.“ „Ich weiß“, erwiderte der Tod. „Ich habe sie dort abgeholt.“ Klaus spürte ein dumpfes Gefühl im Magen. Seine Oma war erst vor zehn Jahren verstorben, im gesegneten Alter von 87 Jahren. Er fühlte einen Anflug von Trauer, aber auch Angst. Er war doch erst 46, was wollte der Tod denn bei ihm?

Rose, Blüte, Knospe, TauDer Sensenmann schaukelte ein wenig. Er sah recht harmlos aus in seinem bunten Kittel, denn die Sense hatte er lässig ans Bücherregal gelehnt. In der Hand hielt er die leere Weinflasche, studierte ihr Etikett und schnüffelte an ihr herum. „Riecht gut“, befand er dann. „Aber das Zeug bringt dich um. Das und dein ganzer Lebenswandel. Gutes Essen, viel Alkohol, literweise Kaffee und dann diese Raucherei. Natürlich kaum Bewegung – jeder Meter muss mit dem Auto gefahren werden. Fettleber, Herzschwäche … brauchst du noch mehr?“ Klaus schüttelte den Kopf. „Aber ich bin doch ganz gesund. Zumindest merke ich nicht, dass ich krank bin. Und zu dick bin ich auch nicht. Naja, zumindest nicht viel.“ Er versuchte, sein kleines Wohlstandsbäuchlein einzuziehen und kniff die Hinterbacken zusammen, um eine bessere Haltung anzudeuten. Der Tod nickte. „Jaja, so kann es manchmal kommen. Das Leben ist eine Lotterie, da kann doch der Tod nicht stur nach Reihenfolge vorgehen.“ Klaus sah das anders. „Doch, das kann und sollte der Tod. Es muss doch seine Ordnung haben, das Leben, der Tod, einfach alles!“ Die Gestalt im Schaukelstuhl sah sich in Klaus‘ unaufgeräumtem Wohnzimmer um. „Ja, es muss seine Ordnung haben – das sehe ich.“ Er schien tatsächlich zu schmunzeln. Dann aber straffte er sich und wurde geschäftlich: „Hast du besondere Wünsche? Bett, Sessel oder lieber hochdramatisch unter der laufenden Dusche?“ Klaus schüttelte den Kopf. Was sollte er denn hier Entscheidungen treffen? Und überhaupt, für ihn war noch lange nicht alles geklärt.

„Wieso haben Sie Omas Kittel an? Oder zumindest etwas, das so tut, als sei es Omas Kittel?“ Der Seufzer, der aus dem Schaukelstuhl zu hören war, klang wirklich herzzerreißend. Klaus ging auf Konfrontation. „Ja, nun sagen Sie doch mal. Was soll das mit diesen rosa Karos und dem Blumenmuster? Wollten Sie sich damit tarnen? Als sensentragende Großmutti?“ Der Tod zuckte die Schultern. „Warum nicht? Hat doch funktioniert, oder? Das ist mein Berufsgeheimnis: Wenn ich einen Kunden hole, der vielleicht Probleme machen könnte, bemühe ich mich um ein vertrauenerweckendes Auftreten. Man sieht dann in die Akte des Kunden und sucht nach etwas, von dem man weiß, dass es dem Kunden immer viel bedeutet und Vertrauen eingeflößt hat. Bei dir war das Einfachste Omas alter Kittel, bei anderen sind es die langen roten Haare der Mutter oder die Busfahreruniform des Vaters. Folglich bemühe ich mich um diese Erscheinung – das geht einfach bei mir, ist quasi virtuell – und werde so viel leichter eingelassen. Nur in den seltensten Fällen klappt das nicht, dann wird es manchmal etwas unästhetisch. Wenn der Kunde versucht abzuhauen und ich mit der Sense mehrmals ranmuss, oder wenn er gar aggressiv mir gegenüber wird. Dann wird es natürlich nichts mit dem friedlichen Sterben im Bett.“ Klaus hörte die nur schwach versteckte Drohung in diesen Worten. Er hatte auch nicht vor, abzuhauen. Der Sensenmann war selbst im Sitzen noch größer als er selber. Und flüchten, in seinen alten Cordpantoffeln, konnte er ebenfalls vergessen. Das sah er alles ein. Doch sterben wollte er auch nicht.

Klaus setzte sich nun ebenfalls. Er musste nachdenken. Er war Gebrauchtwagenhändler, geübt im Schachern und Verhandeln. Es musste sich doch irgendetwas finden lassen, was er dem Tod anbieten konnte, etwas, das sinnvoller war, als ihm, Klaus Fischer, das Leben zu nehmen.

„Bist du es nicht leid, immer nur destruktiv zu wirken?“, fragte er schließlich und sah den Tod ehrlich interessiert an. Der zuckte die Schultern. „Muss ja gemacht werden, der Job. Die Kollegen sind nett, ich habe Gleitzeit und bin weitgehend frei in meinen Entscheidungen. Das ist schon in Ordnung so. Oder denkst du, Gebrauchtwagenhändler braucht diese Welt dringender?“ Dazu hatte Klaus keine Meinung, deshalb antwortete er nicht darauf. „Aber ist es denn nicht schöner, ein gutes Werk zu tun? Es gibt doch Leute, die wollen gerne sterben und können nicht.“

schwarzer EngelEr dachte an die Mutter eines Freundes, deren schwere, schmerzhafte Krankheit sich jetzt schon seit Jahren hinzog – hier würde Gevatter Tod sicherlich mehr als willkommen sein. Wieder schien der Tod zu schmunzeln. „Du willst mir also ein Geschäft anbieten? Ein altes krankes Weiblein gegen einen Kerl in den besten Jahren. Na, da muss schon ein bisschen mehr kommen. Was hast du noch für mich?“ Klaus überlegte eine Weile. Das Einzige, was ihm einfiel, war der alte Hund Schnüffel aus dem Erdgeschoss. Der war uralt und lahmte stark, der war auf jeden Fall richtig auf der Liste. „Jetzt willst du mich aber verarschen, oder?“, lautete die Antwort seines unheimlichen Besuchers auf Klaus Vorschlag hin. „Nein, nein, nein, ganz bestimmt nicht. Ich dachte einzig an das Wohl des Tieres.“ Klaus schwitzte. Er dachte an seinen Job – zu verkaufende Autos immer in den rosigsten Farben darstellen, bei anzukaufenden Modellen die Fehler finden. Und er fand einen Fehler. „Weißt du, eigentlich kannst du gar nicht so viel fordern. Du hast nämlich einen Fehler gemacht!“ „Ich, einen Fehler?“ Der Sensenmann lachte. Er hatte eine tiefe Stimme, eigentlich klang es ganz angenehm, wenn er lachte. Doch Klaus spürte, dass der Hüne nicht amüsiert war. „Ich mache nie Fehler – zumindest hat sich noch nie jemand von meinen Kunden darüber beschwert. Was für einen Fehler soll ich denn gemacht haben?“ Klaus fürchtete sich, wagte sich aber doch weiter in die Offensive. „Deine Akten stimmen nicht. Du hast gesagt, das viele Rauchen macht mich krank. Ich habe aber schon vor zwei Jahren aufgehört!“ Der Tod lehnte sich verblüfft in Oma Lottes Schaukelstuhl zurück. Es fehlte nicht viel und Klaus hätte sich ihn mit einem Strickzeug in der Hand vorstellen können. „Soooo, du rauchst also nicht mehr. Und das schon seit zwei Jahren. Hmmm … stimmt, das war bei mir nicht vermerkt. Was machen wir denn da?“ Klaus wagte kaum zu atmen, während der Sensenmann grübelte. Es war nicht unbedingt beruhigend, dass er dazu sein Werkzeug in die Hand nahm, es vor sich auf den Boden stellte und sich zum Schaukeln damit abstieß.

Dann endlich traf die Gestalt im bunten Kittel eine Entscheidung. „Gut, ich schlage dir ein Geschäft vor: Ich nehme die Oma und auch den alten Köter, die sollen beide nicht mehr länger warten. Und du…“, er wies mit einem großen, klobigen Finger auf Klaus, „du hörst auf der Stelle auf zu saufen und wirst Vegetarier!“ Klaus stöhnte innerlich, nickte aber. Bevor dem Tod noch die Idee kommen konnte, seinem Gesundheitsprogramm irgendwelchen Sport hinzuzufügen, ergriff er dessen Hand und schüttelte sie kräftig. „So machen wir das!“ Klaus eilte in den Flur, um seinen ungebetenen Gast hinauszubegleiten, doch der Riese lehnte ab. „So geht das nicht. Du musst mir deine Tauschsubjekte schon zeigen. Oder denkst du, ich habe Google Maps mit dabei?“ Klaus grauste es, denn er wollt Gevatter Tod nicht bei dessen schauerlichen Geschäft beobachten. Trotzdem griff er nach seinen Schlüsseln und einer Jacke. „Schuhe! Oder willst du in diesen Latschen auf der Treppe zu liegen kommen und dir das Genick brechen?“ Der Tod lachte heiser wie über einen gelungenen Witz und Klaus beeilte sich, die Pantoffeln gegen ein Paar solide Turnschuhe zu tauschen. Dann folgte er seinem Begleiter hinaus in den Hausflur.

Den Hund fanden sie schnell. Fasziniert sah Klaus zu, wie der Tod geschickt die Tür zu der kleinen Erdgeschosswohnung öffnete, sich in den Türrahmen hockte und ein leises Geräusch machte. Sein Äußeres hatte sich verändert, er war nun gekleidet wie Metzgermeister Köster, wo das alte Hundefrauchen immer einkaufte. Gewiss gab es dort für den betagten Rüden immer ein Scheibchen Wurst. Tatsächlich kam der Hund an die Tür. Er schien zu lächeln, drängte sich an die Beine der großen Gestalt, legte sich dann lang in den Flur und schlief einfach ein. Eine Art Feder schwebte empor, die der Tod auffing und mit seinen großen Händen behutsam in einem kleinen Beutel verstaute. „Hundeseelen sind leicht“, erklärte er und Klaus nickte, als hätte er verstanden.

Dann führte er den Sensenmann einmal durch die halbe Stadt. Er kam sich komisch vor mit seinem Begleiter in der U-Bahn zu stehen, doch außer ihm schien niemand den Tod zu bemerken. Nur einmal kam es jedoch zu einer brenzlichen Situation, als einige junge Männer an einer Hauptstraße ein Autorennen veranstalteten. Sie hingen dabei lebensgefährlich weit aus ihren alten Autos und plötzlich raste einer der Wagen auf eine Litfasssäule zu. Es krachte fürchterlich und der Tod schien wie elektrisiert zu sein. „Komm, wir wollen doch zu dem Pflegeheim!“, flüsterte Klaus, doch die jetzt dunkle Gestalt schien ihn nicht zu hören. Dann nickte der Tod kurz und beruhigte sich. „Der Kollege ist schon vor Ort“, meinte er und Klaus schauderte es.

Gemeinsam erreichten sie das St. Anna-Stift und gelangten unbehelligt an die Rezeption. Die war verlassen, man hörte jedoch aus dem Nebenzimmer zwei Frauenstimmen. „Gut so“, flüsterte der Tod, schlich sich hinter den Tresen und sah am Computer nach, in welchem Zimmer Frau Meta Burmeister lag. Er nickte Klaus zu und gemeinsam fuhren sie in den dritten Stock.

Die Mutter von Klaus Freund schlief nicht, als die beiden das Zimmer betraten. Sie konnte schon lange nicht mehr richtig schlafen, der Krebs hatte sie ausgezehrt und auch starke Schmerzmittel halfen immer nur für eine kurze Zeit. Sie sah zur Tür und blickte fragend. „Klaus! Das ist ja schön, dass du mich mal besuchen kommst. Aber eine komische Zeit hast du dir ausgesucht.“ Sie bemerkte seinen Begleiter und ihre Züge entspannten sich. Sie lächelte. „Oh, ich sehe, du hast mir jemanden mitgebracht. Schnitter, du bist es – das ist ja schön! Spät kommst du, aber besser spät, als nie.“ Der Tod sah jetzt genau so aus, wie Klaus ihn sich immer vorgestellt hatte, keine Verkleidung entstellte ihn. Klaus hörte, wie er leise mit der alten Frau sprach, aber was sie sagten, konnte er nicht verstehen. Dann aber sah er eine Feder emporsteigen, größer dieses Mal, und auch sie wurde aufgefangen und sorgfältig eingepackt. Meta Burmeister war tot und Klaus lebte. Das Geschäft war erledigt.

Auf der Straße trennten sich Klaus und der Tod ohne ein weiteres Wort. Klaus verbrachte den Rest der Nacht auf einer Bank in der Nähe des Friedhofs. Gerne hätte er sich so richtig betrunken, aber das durfte er ja nicht. Und so weinte er ein bisschen, um Frau Burmeister, den Hund Schnüffel, den jungen Idioten aus dem Unfallwagen und all die Jägerschnitzel, die er nun nie mehr essen würde.

Paulas Traum

Derzeit nehme ich an einer Schreibwerkstatt teil – drei Abende jeweils drei Stunden. Mal eine ganz neue Runde, eine neue Dozentin und jede Menge neue Ideen für mich. Diese Woche lernte ich mein „Schatten-Ich“ kennen, also eine Figur, die etliche Eigenschaften besitzt, die genau gegensätzlich sind von meinen. Angeblich soll etwas von ihr auch in mir sein. Ich kann mir das ja nicht vorstellen, aber da ich schon immer mal „Paula“ heißen wollte, habe ich ihr diesen Namen gegeben.

Paulas Traum

NonnePaulas Morgenritual war seit Jahren das Gleiche: Aufstehen, waschen, anziehen, zwei Knäckebrote mit Frischkäse verzehren, ein Becher Kaffee dazu. Das gebrauchte Geschirr in die Maschine stellen, noch einmal durch die Wohnung gehen und Liegengebliebenes aufräumen. Sie ging dabei methodisch vor und ließ sich nicht ablenken. Dann fuhr sie zur Arbeit. Kurz grüßen, den Rechner hochfahren und arbeiten. An den Gesprächen der Kolleginnen, die gerade morgens munter drauflos schnatterten, beteiligte sie sich selten.

Heute war das etwas anders. Gisela, die Kollegin Paula direkt gegenüber, hatte abends zur Tupperparty geladen. In einem Anfall von Schwäche hatte Paula zugesagt, diese Abmachung musste sie loswerden. Sie entschuldigte sich damit, dass überraschender Besuch sich angekündigt habe. Gisela zeigte sich verständnisvoll, wenngleich enttäuscht. „Da kann man nichts machen“, meinte sie, „Verwandtschaft geht vor.“ Paula lächelte und nickte. Erst, als Gisela das Büro verlassen hatte, raunte sie der anderen Kollegin ein leises „Ich habe keine Lust auf diesen Mist“ zu. Das war dann auch das Letzte, was sie an diesem Tag willentlich zur Unterhaltung der Kolleginnen beitrug.

Allerdings sorgte sie durchaus für Erheiterung, als sie ein paar Stunden später mit einem besonders begriffsstutzigen Kunden telefonierte. Sie wurde ungehalten, laut, wies den Mann mehrfach zurecht. In der Sache hatte sie zwar recht, doch es gelang ihr nicht, dem Mann das klar zu machen. Erst, als sie richtig energisch wurde, ließ er sich zwar nicht überzeugen, aber zumindest abwimmeln. Paula schimpfte noch, als sie den Hörer längst aufgelegt hatte.

Pünktlich um 16:30 machte Paula Feierabend. Sie räumte den Schreibtisch auf, stellte alles an seinen angestammten Platz, grüßte knapp und ging. Während des Feierabends kam Paula zur Ruhe. Abendessen gab es bei ihr spätestens um 19 Uhr, im Laufe des Abends vielleicht noch einen Apfel. Beim Fernsehen häkelte sie streng nach Muster: Kleine Karos, die sie später gemäß der Anleitung aus einer Zeitschrift zu einer Decke zusammensetzen wollte. Jeden Abend schaffte sie ein Kästchen, 512 brauchte sie insgesamt.

Um 22:15 ging Paula schlafen, direkt nach dem heute journal. Sie hielt nichts davon, später ins Bett zu gehen. Sie ging auch nur selten aus, die stillen Abende zuhause waren ihr wichtig.

Auch an diesem Abend folgte sie streng ihrem üblichen Vorgehen: Erst ins Bad, dann ausziehen, die Kleider sorgfältig über einen Stuhl hängen oder direkt in die Wäsche geben. Alles war wie immer und doch war irgendetwas heute anders: Denn Paula konnte nicht einschlafen. Das passierte ihr selten.

Unruhig wälzte Paula sich von einer Seite auf die andere. Das Gewicht ihres eigenen Körpers störte sie, obwohl sie keine 60 Kilo wog. Ständig rekapitulierte sie im Geist das Gespräch mit diesem sonderbaren, störrischen Kunden vom Nachmittag, der sie so aufgeregt hatte. Oder hatte er sie gar angeregt?

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, wer dieser Kunde gewesen war. Vor wenigen Stunden noch hatte ihr der Name, mit dem er sich gemeldet hatte, gar nichts gesagt, doch jetzt plötzlich wusste sie es ganz genau: Es war Henning Christiani gewesen. Henning Christiani aus ihrem Abiturjahrgang, der jetzt vor ihr stand und sie frech angrinste. Er griente genau wie früher, und doch sah er ganz anders aus.

„Hast mich also doch erkannt, was?“ Sie hatte das Gefühl, ihn blöde anzugucken. Dabei war er doch immer der Blöde gewesen, der Schlechteste aus dem Physik-Leistungskurs. „Ja, klar“, meinte sie, „natürlich habe ich dich erkannt.“ Er sah aus wie George Clooney oder vielleicht auch wie Brad Pitt oder irgendein anderer von diesen Hollywood-Schönlingen. Aber halt – war Brad Pitt nicht so unerfreulich gealtert? Also dann eher nicht der, vielleicht doch eher … sie wusste es nicht. Und sie schämte sich ihrer Gedanken, denn seit wann verglich sie reale Personen mit amerikanischen Schauspielern? Das konnte ja wohl nicht ihr Niveau sein.

Noch während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, fragte der unverschämt gut aussehende Henning Christiani: „Wollen wir knutschen?“ Ja, das wollte sie. Das hatte sie doch immer gerne gewollt, seit der 7. Klasse schon. Sie ließ sich matt in seine Arme fallen und war sich dabei schmerzlich ihres verwaschenen rosa Schafanzuges bewusst. Doch es half nichts – diese Chance musste sie ergreifen, jetzt oder nie.

Hennings Kuss war nass, sein Schnauzbart kratzte ein wenig. Wo kam der denn eigentlich her? George Clooney hatte keinen Schnauzbart. Paula schob Henning ein bisschen von sich weg, um ihn genauer zu betrachten. Er sah aus wie David Hasselhoff mit Bart. Seit wann hatte Henning denn Locken, war das eine Dauerwelle? Es war ihr egal, sie wollte jetzt knutschen, wollte Henning Christiani. Früher hatte der ausgesehen wie Quasimodo, erinnerte sie sich, als sie sich erneut in seine starken Arme kuschelte. Seine Brust war behaart, war ja klar, schließlich trug er jetzt mitten im Winter nur eine rote Badehose, und irgendwie musste der Mann ja warm bleiben.

Paula jedenfalls war es warm in seinen Armen. Sie räkelte sich wohlig – so gut war es ihr noch nie gegangen. Sie versuchte, ihn anzusehen, doch sein Gesicht war verschwommen. Warum hatte er sie nochmal angerufen heute Nachmittag? Sie fragte nach. „Ich habe dich nicht angerufen“, sagte er, „das muss ein Irrtum sein.“ Wieder sah sie ihn an und jetzt erst erkannte sie ihn richtig. Die Haare, der Bart: Er sah aus wie Horst Schlämmer. Und sie liebte ihn dafür, wollte ihn küssen, ihre Wange an seinen Trenchcoat schmiegen. Doch er wehrte ab. „Ich habe dich nicht angerufen. Aber hör doch, gerade jetzt ruft jemand an.“

Es war der Wecker, der penetrant klingelte. Paula blieb ganz gegen ihre Gewohnheit einfach liegen, verschwitzt und verstört. Henning Christiani – was wollte das Unterbewusstsein ihr denn damit sagen? Sie meldete sich krank, zum ersten Mal seit über fünf Jahren.

Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Mit dem Schreibgrüppchen hatten wir mal wieder eine Lesung, und zwar in der schönen Buchhandlung „Weltenleser“. Das Thema lautete „Reisen“ und wie immer waren unsere sieben Geschichten ganz unterschiedlich, was den etwa dreißig Zuhörern sichtlich gefiel. Ich stelle euch daher heute Frau Uschi vor:

Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Sie konnte es nicht fassen: Kaum hatte sie Erich, den größten Fehler ihres Lebens und Bremsklotz gigantischen Ausmaßes, endlich aus ihrem Leben entfernt, war es ihr erwachsener Sohn Robert, der Rechenschaft von ihr forderte und sie aufhalten wollte. Wütend schnaufte sie ins Telefon.

„Ich weiß gar nicht, was du eigentlich willst! Traust du mir das nicht zu? Ich bin doch nicht debil!“

Uschi Gerke war ganz Empörung, sie glaubte, sich in ihrem ganzen 68-jährigen Leben noch nicht so aufgeregt zu haben. Robert versuchte sie zu beschwichtigen:

„Ich sage doch nur, dass du es mit dem Reisen nicht übertreiben sollst, Muddi. Du warst noch nie weiter weg als fünfzig Kilometer um deinen Heimatort herum. Du bist es nicht gewohnt, dich an fremden Orten zurecht zu finden. Warte ein paar Wochen, dann nehme ich ein paar Tage frei und wir fahren in ein schönes Hotel in den Harz. Oder an die Ostsee – du wolltest doch immer gerne ans Meer. Oder wenn du mit mir nicht unterwegs willst, mach‘ diese Tour mit den Landfrauen – fünf Tage mit dem Bus ins Sauerland, mit einer netten Reiseleiterin. Die haben bestimmt noch freie Plätze.“

Uschi schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht unter Aufsicht fahren – sie war doch kein kleines Kind mehr. Und es war ja auch nicht so, dass sie eine Rucksacktour durch Nicaragua plante. Nein, sie hatte vor, einfach mit dem Zug in ein paar deutsche Städte zu fahren und sich dort etwas anzusehen. Alleine, nur mit ihrem Rollköfferchen und ohne jemanden neben sich, der immer nur dem Untergang des christlichen Abendlandes entgegensah oder glaubte, jenseits von Bremen-Lilienthal sei die Welt zu Ende.

Geld hatte sie mehr als genug: Sie hatte immer fleißig in der Firma mitgearbeitet, sich nie Urlaub gegönnt und nebenher noch die Kinder großgezogen. Als ihr Mann Ulrich plötzlich und viel zu früh einen Schlaganfall erlitt, hatte sie das Ruder übernommen, bis sie die Firma günstig verkaufen konnte, und sich dann jahrelang um die Pflege ihres Mannes gekümmert. Und dann hatte sie geglaubt, in Erich, einem langjährigen Freund der Familie, einen neuen Partner zu finden. Er war bei ihr eingezogen und hatte sie fünf Jahre lang mit seinen zahlreichen eingebildeten Krankheiten auf Trab gehalten. Mal hatte er ganz bestimmt einen Herzinfarkt, dann ganz plötzlich Darmkrebs, und dann wieder stand er kurz vor einer Beinamputation aufgrund von Knochenkrebs. Der freilich erwies sich als eingewachsener Fußnagel und brachte das Fass zum Überlaufen. Uschi hatte den drei Jahre jüngeren Mann in die Obhut seiner Familie gegeben und beschlossen, jetzt endlich zu reisen. Ihr Koffer war gepackt, morgen wollte sie los.

„Nein, ich will nicht warten. Ich fahre morgen los. Ich brauche auch niemanden, der auf mich aufpasst. Ich kann mir überall ein Zimmer nehmen, und wenn ich mein Hotel zu Fuß nicht wiederfinde, nehme ich mir halt ein Taxi!“

Robert seufzte. Seit seine Mutter auf diesem Freiheits-Trip war, war mit ihr nicht mehr zu reden. Er musste seine Schwester Sandra informieren – vielleicht hörte seine Mutter besser auf sie.

„Pass auf, Muddi, ich rede mit Sandra und ihr beiden Frauen könnt zusammen einen Plan ausarbeiten, was deinen Urlaub angeht. Und dann vielleicht ein bisschen was vorbuchen. Ich habe einfach Sorge, dass du irgendwo strandest.“

„Wenn ich strande, saufe ich mir einfach einen an und warte auf den nächsten Tag!“, entgegnete Uschi und knallte den Hörer ihres altmodischen Tastentelefons auf die Gabel. Sie war sauer. Gewiss würde Robert ihr jetzt Sandra auf den Hals hetzen, die solange mit ölig besorgtem Gesichtsausdruck an ihrem Küchentisch sitzen würde, bis Uschi irgendwelche faulen Kompromisse einging, nur um sie loszuwerden. Dem musste sie entgehen!

Kurz entschlossen rief Uschi sich ein Taxi, griff nach ihrem Koffer und schloss die Haustür hinter sich ab. Für die Tochter hängte sie einen Zettel mit einer dramatischen Botschaft an den Postkasten: „Ich bin weg, bitte sucht mich nicht. Die Orchideen brauchen einmal die Woche Wasser, die Begonien zweimal. Gruß, Mutter.“ Als das Taxi die Straße herunterfuhr, sah Uschi in der Ferne Sandras grünen Polo heranrollen. Na, der war sie ja gerade noch entkommen!

Am Bahnhof beschloss Uschi, einfach in den Zug einzusteigen, der als nächstes fuhr. Richtung Hamburg sollte es gehen. Na gut, dann also Hamburg. Sie stieg ein, ohne eine Fahrkarte zu kaufen, das konnte sie immer noch im Zug tun. Sie setzte sich in ein Abteil zu zwei Männern: Einer stank nach Bier und schlief, der andere sah mit seiner Irokesenfrisur und den vielen Tätowierungen zum Fürchten aus, war aber wach. Uschi war nicht danach, sich zu fürchten. Sie suchte das Gespräch: „Ist das hier ein erster-Klasse-Wagen?“ Der dünne Mann ihr gegenüber lachte, so dass sich das viele Metall in seinem Gesicht auf und nieder bewegte. „Erster Klasse? Gnädigste, sehen wir beiden aus, als würden wir erster Klasse fahren?“ Er tippte den schnarchenden Mitreisenden kurz an und dieser grunzte. Uschi nickte – also war dies ein zweiter-Klasse-Wagen. Schick, fand sie. Sie war vor über dreißig Jahren zum letzten Mal Zug gefahren, da hatten die Wagen noch ganz anders ausgesehen: mit schmuddeligen, gelb gepolsterten Sitzen und einer braun lackierten Heizung.

Uschi wies auf den Schnarcher: „Gehört der Herr zu Ihnen?“ Der Mann schüttelte energisch den Kopf. „Ne, der Penner saß hier schon, als ich kam. Wer weiß, wie lange der hier schon mitfährt. Den ham’se hier vergessen und nun steigt er da aus, wo er wach wird.“ Uschi nickte. „Das habe ich auch vor.“ Ihr Gegenüber runzelte die Stirn. „Sie? Wo woll’n se denn hin?“ „Keine Ahnung“, sagte Uschi, „erst mal nach Hamburg. Und dann mal weitersehen.“ Der dürre Mann zog fragend eine durchlöcherte, grün gefärbte Augenbraue hoch. „Sind’se wo abgehauen?“ Uschi zuckte die Schultern, und ohne lange darüber nachzudenken, erzählte sie diesem Fremden den ganzen Ärger der letzten Tage, Jahre, Jahrzehnte. „Jo“, sagte der Mann, als sie fertig war, „da müssen se dringend mal anne Luft, dat seh ich ein. Aber ihr Sohn hat schon recht, ganz alleine sollten se heute Nacht nicht auffe Reeperbahn rumstrumpeln, das is nix für ne Dame wie sie. Aber wenn’se neugierich sind, kommt Onkel Ralph einfach mit.“ „Onkel Ralph? Wer soll das denn sein?“, fragte Uschi irritiert. „Na, ich! Ich wohn‘ schon seit zehn Jahren auf Pauli, hab nur meine Omma hier in Brem besucht. Wenn’se wolln, geh’n wa heute Nacht zusamme auffe Piste, und pennen könn’se auch bei mir. Dat is mir lieber, als wenn’se mir verloren gehen!“ Also schien selbst dieser wüst aussehende Mittdreißiger der Ansicht zu sein, dass sie alleine nicht zurechtkam – na, danke für das Kompliment, dachte Uschi. Aber das Angebot, mit Ralph Hamburg zu erkunden, fand sie verlockend und stimmt zu ihrer eigenen Überraschung zu.

Hamburg, alte Liebe, Elbphilharmonie

Hamburg mit alter Liebe und Elphi

In Hamburg angekommen, fuhren sie mit dem Bus zu Ralphs Wohnung. Die war weit aufgeräumter, als Uschi gedacht hatte. Nur der schwere, seltsame Geruch irritierte sie ein wenig, sie hatte aber das Gefühl, dass dieser sie auf dem alten, etwas durchgesessenen Sofa gut würde schlafen lassen. Sie tranken eine Kanne Tee zusammen und aßen Tiefkühlpizza, dann zogen sie los. Ralph zeigt ihr sein Viertel, dann gingen sie in seine Stammkneipe.

„Hey Ralph, hast du deine Omma gleich mitgebracht?“, fragte der große Wirt hinter der Theke. „Ich geb‘ dir gleich die Omma, du Schandmaul! Dat is Frau Uschi, meine neue Bekannte, die’n büschen wat vonne Welt sehn will. Mach uns bloß keine Schande und benimm dich, sonst fährt’se gleich wieder wech!“ Der Wirt nickte und stellte unaufgefordert ein Astra vor Ralph auf die Theke. „Die Dame?“, fragte er und sah Uschi auffordernd an. „Das Gleiche“, bestellte Uschi, und trank zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bier aus der Flasche. Mit Ralphs Hilfe setzte sie sich bequem auf dem hohen Thekenhocker zurecht und ehe sie sich versah, war sie Mittelpunkt einer lustigen Runde, die Bier trank, Nüsse knabberte und über Gott und die Welt schwatzte. „Die Omi ist ja süß!“, hörte Uschi eine junge Frau sagen, die aussah, als sei sie Ralphs kleine Schwester.

Tief in der Nacht brachen sie auf. Uschi konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so einen lustigen Abend erlebt hatte – das musste vor Ulrichs Erkrankung gewesen sein. Kurz vor der Wohnung sah Ralph noch einen Lichtschein in einer Kneipe und zog Uschi über die Straße. „Lass uns hier noch eben Moin sagen!“ Uschi war es recht. Sie war beschwingt und betrunken, sie hätte auch zwei Zuhältern mit Kampfhunden „Moin“ gesagt, wenn die ihr gerade begegnet wären. Und die Leute, die in der winzigen Kneipe im Souterrain saßen, machten einen zwar müden, aber doch freundlichen Eindruck. „Mensch Kuddel!“, rief Ralph erfreut und schlug einem älteren Herrn auf die Schulter. „Seit wann bist du denn wieder an Bord hier?“ Der pummelige Mann mit dem gutmütigen Gesicht einer verschlafenen Bulldogge grinste ihn an. „Bin nur auf der Durchreise. Morgen geht‘s weiter – nach Dänemark. Will’ste mal wieder mit?“ Ralph schüttelte den Kopf. „Geht nicht, hab‘ viel zu tun auf Arbeit zurzeit.“ Uschi bemerkte, dass sie überrascht war: Sie war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass jemand wie Ralph einer geregelten Arbeit nachgehen könnte. Dann aber wurde sie hellhörig.

„Ich hab‘ hier die Frau Uschi, die will wat vonne Welt sehen. Nimm‘ste die mit? Dir würd‘ ich se anvertraun.“ Kuddel sah skeptisch zu Uschi rüber. „Ich weiß nicht. Haben Sie schon mal Urlaub in ‘nem Wohnmobil gemacht?“ Uschi schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe noch nie Urlaub gemacht.“ Das breite Gesicht drückte pures Erstaunen aus. „Noch nie? Immer nur Arbeit und Pflicht? Na, dann wird’s ja Zeit. Gut, Frau Uschi, Sie kriegen eine Koje bei mir. Aber eins muss ganz klar sein: Wer meckert, fliegt raus!“ Uschi nickte. Ja, das schien ihr fair zu sein.

Kuddel holte Uschi um elf Uhr am nächsten Morgen ab. Ralph, ihr Gastgeber in dieser denkwürdigen Nacht in Hamburg, hatte sie fürsorglich mit einem riesigen Stullenpaket und zwei Flaschen Cola versorgt. Sie umarmten sich zum Abschied so herzlich, als würden sie sich schon viel länger als 18 Stunden kennen. Ralph versprach, irgendwann man auf Kuddels Handy anzurufen und nachzufragen, wie es so ginge. Vielleicht würde er auch vorbeikommen, irgendwann, wenn es sich gerade so traf. Schließlich traf man sich immer zweimal im Leben.

Und dann fuhren sie los. Uschi saß vorne neben Kuddel und sah die Landschaft an sich vorbeiziehen. Sie fühlte sich wie aus einem Gefängnis entlassen. Auf der Fähre stand sie draußen und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Kuddel stand hinter ihr und sah sie neugierig an. Dass in seinem Alter nochmal so’ne schmucke Deern bei ihm einsteigen würde, hätte er nicht gedacht. Sie schien ganz patent zu sein. Wenn die nicht irgendwann anfing zu drinsen*, konnte das vielleicht was werden mit ihm und Frau Uschi.

Und so gab er sich viel Mühe an diesem ersten Abend in Dänemark: Er suchte einen Strandplatz mit schöner Aussicht, kramte ein Windlicht mit erst halb abgebrannter Kerze aus seinem Wohnmobil und köpfte für sie seine letzte Flasche Rotwein. Als sie schlafen gingen, sorgte er für ihre Bequemlichkeit und dafür, dass sie es warm hatte. Früher hatte er das anders gemacht mit den Mädels, doch dieses Mal schien es ihm angemessen zu sein, mit einer Wolldecke für Wärme zu sorgen. Er plante, weiter hochzufahren Richtung Norwegen, vielleicht auch nach Island. Wenn sie es so lange miteinander aushielten, konnten sie sich immer noch aneinander kuscheln, um sich zu wärmen – Eile mit Weile.

Und Uschi – Frau Uschi, wie sie jetzt hieß – hatte ein seltsames Gefühl, als sie einschlief. Sie war voller neuer Eindrücke, so dass ihr der Kopf schwirrte. Von Norwegen und Island hatte dieser seltsame Mann gesprochen, der schon seit vielen Jahren mit seinem alten Wohnmobil unterwegs war. Darin roch es etwas komisch, nach Zigaretten, Dosenessen und schmutzigen Socken, und doch fühlte sie sich seltsam wohl. Irgendwann würde sie ihrer Familie eine Postkarte schreiben, morgen vielleicht oder übermorgen. Sie sollten sich nicht sorgen. Und so schrieb sie einige Tage später von einem Rastplatz auf Bornholm je eine Postkarte an Robert und Sandra:

Ihr Lieben,

sorgt euch nicht um mich. Ich bin mit Herrn Kuddel unterwegs, einem echten Vagabunden und Kapitän der Landstraße. Kennengelernt habe ich ihn auf St. Pauli in einer Kneipe, die mir Ralph gezeigt hat. Bei dem habe ich auch übernachtet, und zum ersten Mal in meinem Leben geraucht – eine ganz dicke Zigarette. So schön habe ich noch nie geträumt, sage ich euch. Ihr seht, alles ist gut.

Viele Grüße

Mutter

 

*drinsen: Norddeutsch für quengeln

Die 7-Kräuter-Lesung: Schnittlauch

Grüne Soße

Grüne Soße mit Kartoffeln und Eiern – Frankfurts Nationalgericht. Bild zur Verfügung gestellt von Antje Witgen.

Wie schon berichtet, durfte ich am Samstag an der 7-Kräuter-Lesung der ARS Autorengruppe teilnehmen. Die fand in Frankfurt-Oberrad im Lokal Grüne Soße und Mehr statt, wo Kai und sein Team mal wieder mit viel Schwung und guter Stimmung dafür sorgten, dass es allen – Autoren und Zuhörern – so richtig gutging. Damit hatten sie allerhand zu tun, denn die Hütte war voll – toll!

Jeder von uns hatte ein Kräutlein aus der grünen Soße zugeteilt bekommen und durfte dazu ganz frei eine Geschichte erfinden. Was gab es nicht alles für unterschiedliche Erzählungen: Von der Petersilie auf dem Mars über die skorbutverhindernde Wirkung von Sauerampfer bis hin zu einem Kresseherz war alles dabei. Auch einen traurigen Waschbären gab es, ein ältliches Fräulein mit einem Koffer voller Geld und einen Parforceritt durch die Grimmsche Märchenwelt, bei dem der Kerbel zum allgemeinen Gaudium breitestes Hessisch sprach.

Ich hatte den Schnittlauch und entschied mich für eine Art Liebesgeschichte. Muss auch mal sein. Sie hat den dramatschen Titel:

Der Schnittlauch war ihr Schicksal

Lesung, Meike Möhle

Lesung in der Grünen Soße – aufgenommen von Susanne Reichert

Schneckenfraß im 3. Stock – konnte das wirklich sein? Ungläubig sah Anja auf ihre Balkonpflanzen, die aussahen, als sei ein ganzes Bataillon gieriger, schleimiger Schädlinge darüber hergefallen. Alle waren hinüber – bis auf der Schnittlauch. Der stand aufrecht wie immer, ein großes grünes Büschel mit einigen lila Blüten. Die anderen Kräutertöpfe konnte sie wohl wegschmeißen, und die zwei Hängeschalen mit den Frühjahrsblumen sahen ebenfalls trist aus. Nun ja, genau genommen wirkten die, als hätte sie sie versehentlich mit Essigessenz gegossen. Das schloss sie zwar aus, nahm aber an, dass sie trotzdem für das Siechtum auf ihrem Balkon verantwortlich war. Anja hatte keinen grünen Daumen, hatte noch nie einen gehabt. Alles, was bei ihr wuchs, war Schnittlauch. Sowohl auf dem Balkon, als auch auf ihrem Kopf. Früher fand sie das ungerecht.

„Anja hat Schnittlauchlocken!“, hatte ihre große Schwester Simone immer gelästert und dabei abfällig mit dem Finger auf das dünne, glatte Haar ihrer Schwester gezeigt.

„Ach, das wächst sich aus und wird noch fester“, hatte die Mutter tröstend gemeint und Bruder Bernd hatte irgendwann wenig sensibel vorgeschlagen, Anja könne sich ja eine Zweitfrisur im Kaufhof besorgen, diese einfach überstülpen und fertig sei die Laube.

Anja hatten diese Neckereien immer frustriert, denn sie stammte aus einer Familie, in der alle – wirklich alle von der Oma bis zum Hund – festes Haar und zumindest Wellen, wenn nicht sogar Locken hatten. Nur sie hatte diese weichen, flaumigen Haare, die sie in ihrer Jugend mit Hilfe von allerlei Chemie in Form zu bringen versuchte. „Volumen“ lautete das Zauberwort, Volumen war das, was eine jede Frau sich nicht nur wünschte, sondern auch dringend brauchte. „Spannkraft im Haar“ versprach die Werbung, doch egal, was Anja probierte, ihre Haare zeigten immer nur ganz entspannt nach unten. Fönwellen hielten zwei Stunden, Wasserwellen zwei Tage und die teuren Dauerwellen zwei Wochen. Irgendwann entschloss sie sich für die Atombombe und ließ einen Minipli machen: Das war eine dieser kleinkringeligen Dauerwellen, die wirkten, als hätte man einen gehäkelten Kaffeewärmer auf dem Kopf. Zum Gaudium ihrer Geschwister sah die damals 17-jährige Anja damit eine Woche lang aus wie Bernhard Brink und die nächsten zwei Wochen immerhin noch wie Rudi Völler. Danach sank die Pracht in sich zusammen und erinnerte an braunes Sauerkraut.

Seit einigen Jahren jedoch hatte Anja sich mit ihren Haaren abgefunden. Sie war zufrieden, denn wenn sie vor dem Spiegel stand, sah sie eine durchaus attraktive Frau. Sie war schlank, aber weiblich geformt, hatte auch jenseits der vierzig nur einige wenige Fältchen im Gesicht und das Haar war – wenn auch dünn – noch immer kastanienbraun. Zusammen mit ihren grünen Augen und den hübschen kleinen Sommersprossen gab das ein harmonisches Bild, und Anja hatte aufgehört, den Idealen aus der Werbung hinterherzulaufen. Sie mochte sich und ihr Leben. Ihr Beruf machte Spaß, die Wohnung war schön und sie hatte einen tollen Freundeskreis. Gut, ein bisschen mehr Talent beim Gärtnern wäre noch nett gewesen, aber alles konnte man halt nicht haben.

Was Anja nicht vermisste, war eine Familie. Ein paar Mal hatte sie einen Freund gehabt, einer hatte sie sogar heiraten wollen. Aber Anja war nicht zu überzeugen gewesen, und spätestens dann, wenn das Gespräch auf Kinder kam, hatte sie immer einen Rückzieher gemacht. Sie wollte keine Kinder, konnte sich nicht vorstellen, die Mutterrolle auszufüllen. Und so hatte sie es sich als Single gemütlich eingerichtet.

Ihre Schwester war da ganz anders: Simone hatte zwei inzwischen fast erwachsene Kinder und war nach ihrer Scheidung eifrig darum bemüht, möglichst schnell einen neuen Freund zu finden. Partnerbörsen, Speeddatings – nichts war vor ihrer energiegeladenen Suche sicher. Sie war eine Jägerin, unermüdlich und gnadenlos. Und bei einer dieser Aktivitäten fand sie Peter.

„Hier, Anja, guck mal der – da musst du unbedingt hinschreiben!“ Simone schob Anja ihr Tablet rüber, auf dem das Profil eines Mannes angezeigt wurde.

„Hmmm, ich, wieso ich? Du suchst doch jemanden, schreib du ihn doch an, wenn er so toll ist.“

Simone schüttelte den Kopf und schubste das Tablet noch ein Stück weiter über den Kaffeetisch in ihrer Küche. „Nein, der ist nicht toll, für mich jedenfalls nicht. Aber guck doch mal, wie der sich beschreibt!“

Anja schielte mit einem Auge auf das Profil, das leider kein Foto enthielt. Peter, 45, Angestellter, geschieden, stand da zu lesen. Größe normal, Figur normal, Augen blau, Haare: vertrockneter Schnittlauch. Anja musste lachen. Dieser Peter schien so ziemlich der langweiligste Mensch der Welt zu sein, aber anscheinend hatte er einen gewissen Humor. Wie er mit dieser öden Beschreibung allerdings eine Partnerin finden wollte, war ihr schleierhaft.

„Komm, schreib‘ da mal hin, nur aus Spaß!“ Simone war nicht zu bremsen. Anja sah sie zweifelnd an.

„Wozu soll das gut sein? Ich suche keinen Partner, und schon gar nicht so einen lahmen Vogel. Warum soll ich ihm was Anderes vorgaukeln?“

Simone zuckte die Schultern. „Ach komm, der arme Tropf kriegt bestimmt nie Zuschriften. Er freut sich sicher über jede Nachricht. Und wer weiß, vielleicht ist er ganz nett. Du suchst doch immer Kumpel für Spieleabende und zum Joggen – zumindest laufen wird er ja wohl können.“

Anja seufzte. Wenn ihre Schwester sich was in den Kopf gesetzt hatte, war sie wirklich unerträglich. Gegen ihre Überzeugung zog Anja das Tablet zu sich heran, öffnete eine Nachricht und schrieb, ohne lange nachzudenken:

„Brauner Schnittlauch grüßt vertrockneten Schnittlauch! Wenn du keine Familie gründen willst, sondern Spaß an gemeinsamen Aktivitäten hast, kannst du dich gerne mal melden.“

Sie schloss mit ihrer E-Mailadresse, fest davon überzeugt, dass selbst der einsamste Mann der Welt sich auf so eine trockene Anmache hin nicht melden würde. Simone rollte verzweifelt mit den Augen. Anja grinste zufrieden und vergaß diesen Peter.

Eine Woche später jedoch musste sie feststellen, dass ein dauerhaftes Vergessen dieses potentiellen Langweilers ihr nicht mehr möglich war. Denn er hatte sich gemeldet, sie hatten einander geschrieben, danach telefoniert und sich schließlich in Anjas Lieblingsbar verabredet. Er war anscheinend nicht ganz so langweilig wie gedacht, sondern wirkte intelligent, hatte Humor, schien interessiert an allem Möglichen zu sein. Seine Stimme klang angenehm und Anja sprach gerne mit ihm. Sie dachte auch gerne an ihn. Viel zu gerne – schließlich suchte sie niemanden. Und doch machte sie sich für ihr Treffen äußerst sorgfältig zurecht, zog das neue Kleid mit den unbequemen Schuhen an und föhnte ihre Haare über Kopf: Zum ersten Mal seit Jahren bemühte sie sich um Volumen. Perfekt aufgerüscht erschien sie überpünktlich am Treffpunkt und sah sich suchend um. Augen blau, Haare vertrocknet, alles andere normal – war er schon hier? Sie bereute, dass sie kein „besonderes Kennzeichen“ ausgemacht hatten, eine Nelke im Knopfloch oder so. Sie hatten auch nicht darüber gesprochen, wie sie jeweils aussahen, nichts außer den glatten Haaren war ein Thema zwischen ihnen gewesen. Es saß jedoch an keinem Tisch ein einzelner Mann, also war Peter wohl noch nicht da. Anja kicherte nervös in sich hinein und wählte schließlich einen Platz aus, von dem sie einen guten Blick zur Tür hatte. Gebannt starrte sie auf den Eingang.

Zuerst erschien ein ältlicher Herr mit schütterem Haar und Schnurrbart. Ihm folgten jedoch zwei noch ältere Damen auf dem Fuße, das war der Falsche. Als nächstes kam ein Jungspund von vielleicht 19 Jahren, der fast über seine viel zu langen Hosenbeine fiel.

Dann kam ein ausgesprochen hübscher Mann mit sehr glatten Haaren in Anjas Blickfeld und ihr stockte für einen Moment der Atem. Doch dieser Mann eilte hinter die Theke und band sich eine Schürze um – der war es auch nicht. Sie riss sich zusammen und atmete aus – der Knabe war glutäugig und schwarzhaarig, passte also überhaupt nicht zu der Beschreibung. Außerdem war er wirklich attraktiv und nicht bloß normal – nur nicht zu viel erwarten! Hoffentlich sah dieser Peter nicht aus wie einer von Bauer sucht Frau. Nochmal rief Anja sich zur Ordnung – wie jemand aussah, sollte nicht ausschlaggeben sein. Verstohlen sah sie auf die Uhr: Er war schon zwei Minuten zu spät. Wenn er in drei Minuten nicht kam, würde sie sich davonmachen.

Der nächste, der hereinkam, entsprach jedoch genau Anjas Vorstellung: Mittelgroß und vollschlank mit einem kleinen Bäuchlein, das kurze, dunkelblonde Haar ordentlich geschnitten und sehr glatt. Er trug Jeans, eine Lederjacke und Sportschuhe. Anja war erleichtert: Dieser Mann war kein Beau, aber auch kein Quasimodo, und er lächelte sie auf eine etwas unsichere Weise sympathisch an. Sie strahlte zurück.

„Anja?“, fragte die ihr vom Telefon bekannte Stimme und sie wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Denn diese Stimme kam nicht von vorne, nicht von dem Mann in der Lederjacke, der jetzt an ihr vorbeilief. Anscheinend gab es einen Hintereingang, und Peter, der wahre Peter, stand direkt neben ihr. Sie schielte aufwärts, sagte „Ja?“ und schwieg dann verwirrt. Denn dieser Mann sah alles andere als normal aus. Er war groß, gut gebaut, mit einem schönen Gesicht. Und er hatte lange, glatte, blonde Haare, die zu einem lässigen Dutt gewickelt waren. Er sah aus wie einer dieser Typen aus der Werbung, die Anja immer so schön und doch so albern fand. Selbst ein gepflegter Hipster-Bart fehlte nicht.

Schnittlauchblüte

Schnittlauchblüte. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Peter setzte sich Anja gegenüber und lächelte sie offen an. Sie hatte das Bedürfnis, etwas Kluges zu sagen: „Das ist wahrscheinlich der längste Schnittlauch, den ich je gesehen habe.“

Er nickte bedächtig. „Wikipedia sagt, Schnittlauch kann bis zu 50 Zentimeter lang werden.“

Damit schien alles gesagt zu sein, sie sahen sich nur an. Anja war verwirrt, sie ertappte sich dabei, wie sie ihr Gegenüber anstarrte wie ein verknallter Teenager einen Popstar. Peter schien frustriert zu sein. Dann aber fing sie sich und fragte: „Hast du als Kind viele Wikingerbücher gelesen?“, und er lächelte.

„Der schreckliche Sven war mein Großvater.“ Damit war das Eis gebrochen und sie nutzten die Zeit zum Kennenlernen, bis spät in der Nacht die Kneipe schloss.

„Gehst du morgen mit mir joggen?“, fragte Anja, als sie sich verabschiedeten, und Peter sah sie fragend an.

„Joggen? Wieso denn das?“

„Naja, laufen wirst du wohl können, meinte meine Schwester.“

Er seufzte. „Ich kann laufen, ja, sogar geradeaus. Aber ich beeile mich nicht gerne. Wollen wir nicht lieber spazieren gehen?“

„Na gut.“

Einige Tage später rief Anja ihre Schwester an. „Simone, ich habe ihn getroffen!“

„Getroffen, wen?  Den Schnittlauch?“

„Ja, den Schnittlauch. Peter. Er ist … hach!“

Simone war verblüfft – so kannte sie ihre Schwester gar nicht. „Anja? Ist alles in Ordnung mit dir? Was ist mit dem Typen?“

Anja kicherte zunächst nur albern. Dann versuchte sie sich an einer Erklärung: „Ja, ich weiß gar nicht, wie ich dir das beschreiben soll: Er ist eigentlich unmöglich. Solche Männer sollte es nicht geben.“

Natürlich wollte Simone mehr wissen und Anja beschrieb Peter als klug, humorvoll, gutaussehend.

„Das klingt doch gut“, meinte ihre Schwester. „Was stört dich denn? Ich kenne dich doch, du hast schon jetzt irgendein Haar in der Suppe gefunden.“

Anja seufzte. „Ja, schon, so ein bisschen. Der ist einfach zu perfekt. Das kann gar nicht gutgehen. Der Kerl ist zu schön, um wahr zu sein.“

Simone wunderte sich. „Was kann denn an einem ganz normalen Typen zu schön sein?“

Anja lachte leicht hysterisch. „Normal. Das hat er in sein Profil geschrieben, normal. Aber der ist alles andere als normal. Gegen den ist jeder jemals gekürte „sexiest man alive“ ein kalter Furz.“

Simone schüttelte den Kopf – das waren vielleicht Luxus-Probleme. Aber als die Ältere von beiden wusste sie Rat: „Nimm es hin und genieße. Oder – noch besser – stelle ihn mir vor und verschwinde.“

„Das kannst du vergessen.“, sagte Anja ungewöhnlich entschieden.

Und so nahm Anja den ersten Rat ihrer Schwester an und genoss die Zeit mit Peter. Nachdem sie sich an sein verwirrendes Äußere gewöhnt hatte, lernte sie ihn von allen Seiten kennen und stellte fest, dass er trotz seines verboten guten Aussehens ein ganz normaler Mann war – einer, der seine kleinen Macken hatte und keine 20 mehr war. Jedes zweite Wochenende betreute er seine beiden Söhne. Dann spielte er mit ihnen Fußball, hatte am nächsten Tag allerlei Zipperlein und klagte zum Steinerweichen. Er verteilte seine langen Haare in Anjas Bad und klaute ihre Haargummis. Und er war ein genauso schlechter Gärtner wie sie, auch sein Balkon war eine triste Steppe.

„Es kann echt nicht wahr sein“, murmelte Anja und wandte sich nachdenklich ihren Balkonpflanzen zu. Sie holte einen Müllsack und begann mit der Entsorgung der biologischen Katastrophe. Während sie arbeitet, hörte sie Peter hereinkommen – er drückte immer einmal kurz auf die Klingel, bevor er aufschloss.

„Ich bin draußen“, rief sie und wartete auf ihr Begrüßungsküsschen. Er enttäuschte sie nicht und sie machte ihn mit ihren erdigen Händen ein wenig schmutzig. Dann ging er wieder hinein und holte ein Mitbringsel für sie.

„Ich denke, wir versuchen es nochmal hiermit“, erklärte er und zeigte ihr, was er ausgesucht hatte. „Du willst es doch grün haben.“

In seinen großen Händen hielt er zwei Töpfe Zierlauch. Sie roch den vertrauten, leicht zwiebeligen Geruch. Ja, das würde gewiss wachsen bei ihr. Wachsen und gedeihen.

Schnittlauch in rauen Mengen. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Frankfurter Liebe

Heute gibt es bei mir mal wieder eine etwas längere Geschichte. Geschrieben wurde sie für eine Lesung zum Thema „Frankfurt“. Sie beschreibt eigentlich ziemlich genau, was mir hier in Frankfurt passiert ist und immer noch passiert. Ich mag diese Stadt einfach ❤

Frankfurter Liebe

Der letzte laue Schluck Apfelwein schmeckte immer ein wenig nach wässrigem Essig. Melanie setzte ihr Glas ab, sah auf den Main und seufzte zufrieden. Sie war angekommen in Frankfurt – so nannte man das wohl. Hier saß sie nun, mit ihrem Mann sowie ihrer Schwester und dem Schwager aus Berlin. Um sie herum tobte das Leben auf dem Flohmarkt am Untermainkai und die Frühlingssonne wärmte ihren Nacken. Sie war zufrieden mit allem, was das Leben ihr aktuell bot.

Apfelwein

Äppler mit Deggelsche

Dabei hatte sie eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben wollen – maximal. Genau genommen hatte sie überhaupt nicht in diese Stadt gewollt, es hatte sie einfach erwischt, so wie so vieles im Leben sie einfach erwischt hatte. Melanie plante nicht, ihr passierten die Dinge einfach. Als es darum ging, eine neue Filiale in Frankfurt zu eröffnen, war sie die Einzige gewesen, die weder Kinder noch pflegebedürftige Angehörige vorweisen konnte. „Das machst du schon, Melanie“, hatte es geheißen. „Dort gibt es ein tolles Team, die brauchen nur ein paar Monate Unterstützung von einem alten Hasen wie dir.“

Na gut, dann also Frankfurt. Melanie, pragmatisch wie immer, kündigte ihre kleine Wohnung in Berlin, lagerte die Möbel ein und den Freund, ein fragwürdiges Subjekt namens Wolfgang, im gleichen Zuge aus. Für was so eine sechsmonatige Abwesenheit doch gut sein konnte. Er war zunächst furchtbar beleidigt, zog jedoch zurück zu seiner Mutter und vergaß Melanie am Sonntag in der gleichen Woche, als er Mamas Gulasch aß – die Welt war wieder in Ordnung. Und für Melanie auch: Sie brauchte es einfach, dass das Leben ihr dann und wann einen kleinen Tritt gab.

An einem regnerischen Freitagabend war sie in Frankfurt angekommen, beladen mit zwei Koffern und einem dicken Rucksack. Ein Taxi hatte sie zu dem möblierten Appartement gebracht, das die Firma für sie gemietet hatte. „Großer Hasenpfad“ hieß die Straße im Stadtteil Sachensenhausen, und schon vom Taxifahrer, einem gesprächigen Mann, der jeden zweiten Satz mit „Ai“, begann, hatte sie erfahren, dass es auch noch einen mittleren und einen letzten Hasenpfad gab. Wie passend für einen alten Hasen wie mich, hatte Melanie gedacht und ein wenig gekichert.

Das Lachen ihr allerdings vergangen, als sie ihr Appartement in Augenschein genommen hatte: „Tristesse“ war ein viel zu farbiger Ausdruck für diese Malaise in grau, beige und braun. Ganz offensichtlich stammte zumindest das Mobiliar aus den 70er Jahren, und auch der abgetretene Fußboden war nicht viel jünger. Vor den Fenstern hingen dicke Stores und Schalgardinen – wann hatte sie sowas zuletzt gesehen? Sie hatte es nicht lassen können und einen der beige-braun gemusterten Vorhänge ein wenig angehoben. Tatsächlich, da war sie: die berühmte Goldkante von Ado. Hier war vor langer Zeit Qualität gekauft worden, und die musste nun 50 Jahre halten.

Natürlich hatte Melanie sich auf Frankfurt vorbereitet – so, wie man das halt so machte. Sie hatte sich einen Reiseführer gekauft und im Nachtprogramm einige unglaublich langweilige Folgen vom Tatort mit dem biederen Kommissar Brinkmann geguckt. Ihre Kollegen schenkten ihr zusätzlich noch einige DVD von „Ein Fall für zwei“ mit dem gemütlichen Anwalt Renz und seinem Partner Matula. Auch das war seeeehr ruhig inszeniert. Wenn es in dieser Stadt dermaßen beschaulich zuging, dachte Melanie, würde sie sich dort mal so richtig erholen können.

Main mit Skyline

Doch schon am nächsten Morgen änderte sich ihr Bild von Frankfurt ein wenig: Sie hatte sich umsehen und frühstücken gehen wollen. Auf den Rat der Hausmeisterin hin, die sie beim Putzen des Treppenhauses vorgefunden hatte, war sie zuerst zum Südbahnhof gelaufen und von dort in die Stadt gefahren. Dann hatte sie sich auf dem quirligen Markt an der Konstabler Wache nach etwas zu essen umgesehen. Was sie irritierte, waren die kleinen karierten Gläser, die fast auf allen Tischen auf dem Markt standen. Wenn sie sich die Informationen aus dem Reiseführer richtig gemerkt hatte, war in dieses Gläsern Apfelwein, aber trank man den schon vormittags? Zur Bratwurst und zur Waffel? Anscheinend passte das Getränk zu allem. Sie wollte es zu versuchen, hatte sich eine Wurst und ein Glas Apfelwein geholt und einen tüchtigen Schluck genommen.

Man kann Melanies allerersten Versuch mit Frankfurter Apfelwein nicht unbedingt als Erfolg bezeichnen, aber immerhin hatte sie es damals geschafft, den unerwartet herben Speierling nicht auszuspucken. Oh Himmel, hatte sie gedacht, was ist das denn für eine Stadt, in der alle Leute dieses Gesöff trinken! Sie würde diese Frankfurter Spezialität erst langsam lieben lernen.

Nicht erst lieben lernen musste sie allerdings den Main, die Skyline und das interessant-skurrile Bild, das die Stadt manchmal bot. Als sie an diesem ersten Wochenende zum ersten Mal über den Eisernen Steg ging, war sie sofort fasziniert von der Aussicht und murmelte unwillkürlich: „Wie schön!“. Auf der einen Seite die Hochhäuser mit ihren blinkenden Fassaden, auf der anderen der Blick auf den Dom, die Dreikönigs-Kirche und das Main-Plaza-Hotel mit seinen goldenen Spitzen. Wenige Tage später fotografierte sie den uralten Eschenheimer Turm, hinter dem sich ein glänzendes Hochhaus abzeichnete. Diese Gegensätze begeisterten sie noch heute.

Blick über die Oberräder Kräuterfelder

Auch die Arbeit in der neu eröffneten Firmenfiliale erwies sich als angenehm: Zwar funktionierte noch nicht viel, als sie ankam, aber alle Kollegen waren mit Feuereifer bei der Sache. Gleich am ersten Freitag zeigte man der Neuen aus Berlin die Gastronomie der Stadt: In einer Apfelweinkneipe mit dem merkwürdigen Namen „Kanonesteppel“ bekam sie das erste Mal grüne Soße zu essen, die ihr im Gegensatz zum faulig riechenden Handkäs hervorragend schmeckte. Später zeigte man ihr Alt-Sachsenhausen, von dessen Fachwerkhäusern sie zunächst begeistert, von der Ballermann-Atmosphäre jedoch abgestoßen war. Der Abend endet in einer Kneipe in der Nähe des Bahnhofs, dem Moseleck, wo sich allerhand bunte Überbleibsel der Nacht trafen und miteinander feierten. Melanie fühlte sich unerwartet wohl.

Am nächsten Morgen erwachte sie neben einem Kollegen, mit dem sie bislang noch kaum zu tun gehabt hatte. Er hieß Mischael, mit dem weischen hessischen sch, das sie so drollig fand. Mischael hatte eine winzige Wohnung in der Mailänder Straße, im elften Stock eines riesigen Wohnsilos. Dass Melanie dieses Appartement später so oft besuchen sollte, lag nicht nur am fantastischen Skylineblick.

Melanie hatte nie eine Beziehung zu einem Kollegen haben wollen, sowas brachte nur Unheil. „Never fuck the company“, lautete ihr Motto. Es war ihre Schwester, die sie schließlich darauf aufmerksam machte, dass ihre Beziehungen außerhalb des Kollegenkreises allesamt auch nicht von Erfolg gekrönt gewesen waren – das Muttersöhnchen Wolfgang war nur einer aus einer ganzen Reihe von Fehlgriffen gewesen. Es hatte noch einen Bernd gegeben, der frei nach der Devise lebte: „Hauptsache gesund und die Frau hat Arbeit.“ Und dann war sie mit Jonas zusammen gewesen, der irgendwann fand, dass er zu jung für sie sei – und dabei war er 12 Jahre älter als sie. Und Thomas, Heiko, Wieslaw … alles Abenteuer, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Agonie endeten. Nun also „Mischael“, der Kollege – na gut.

Blick vom Euro-Tower

Melanie lebte sich ein. Nach wenigen Monaten war sie öfter in der Mailänder Straße als am Hasenpfad, und irgendwann stand der Abschied im Raum. Dabei war ihr Aufenthalt in Frankfurt schon um volle sechs Monate verlängert worden. Sie fühlte sich zerrissen. Sie wollte nicht in Frankfurt bleiben, dass hatte sie doch nie gewollt. Aber eine Fernbeziehung hatte sie auch nie gewollt. Das Einzige, was sie aktuell wirklich gerne loswerden wollte, war diese Läusebude im Hasenpfad. Was also tun?

Wieder war es ihre Schwester, die ihr einen Tritt gab: „Suche dir halt einen neuen Job, wenn du anders nicht bleiben kannst. Es gibt doch genug da!“ Kündigen, etwas Anderes machen? Melanie hatte noch nie woanders gearbeitet. Aber die Schwester hatte recht: Eine neue Stelle würde alle ihre Probleme lösen. Sie ließ sich also überzeugen.

Genau ein Jahr, nachdem Melanie in Frankfurt angekommen war, nahm sie morgens einen anderen Weg zur Arbeit: Sie fuhr nicht mehr in die Bürostadt in Niederrad, sondern ins Bankenviertel, stieg an der Taunusanlage aus und lief den Rest bis zu einem silberglänzenden Bürogebäude, wo sie jetzt bei einer Versicherung arbeitete. Sie lernte unglaublich viel, genoss jeden Tag die Aussicht aus ihrem Büro und merkte, dass ihre Erinnerung an Berlin blasser wurde.

Sie suchte sich eine neue Wohnung. Und ohne, dass sie zuvor lange darüber gesprochen hatten, zog Michael mit ihr dort ein. Wieder war es ein großes Haus, dieses Mal mit Blick auf die Oberräder Kräuterfelder auf der einen und den Stadtwald auf der anderen Seite. Frankfurt war eine grüne Stadt, das hatte sie früher nicht gewusst. Der Stadtwald war so groß, dass man von Offenbach bis zum Flughafen laufen konnte. Und auch andere Stadtteile hatten viel Grün zu bieten: Im Günthersburgpark fand alljährlich ein buntes Kulturfestival statt, das Stoffel, und selbst im Palmengarten gab es ein großes Kulturangebot. Frankfurt und Kultur – auch das hatte sie früher nicht miteinander verbunden.

Schloss Höchst, Frankfurt

Was hatte sie denn überhaupt gewusst, als sie hierherkam, oder was erwartet? Eine Betonwüste, in der man auf jedem Meter über einen am Boden liegenden Junkie oder Bettler stolperte, und dass man beklaut wurde, sobald man das Haus verließ, das war ihre Vorstellung von Frankfurt gewesen. Und ganz von der Hand zu weisen war das natürlich auch nicht: Als sie und Michael gestern am Bahnhof auf den Zug gewartet hatten, der ihre Gäste aus Berlin bringen sollte, waren sie allein am Bahnsteig vier Mal angebettelt worden. Im Untergeschoss des Bahnhofs roch es wie in einem schlecht gepflegten Männerklo und abends vermied Melanie es, am Hauptbahnhof umzusteigen. Längst hatte sie es sich angewöhnt, Handy und Geldbeutel verborgen unter etlichen Schichten Kleidung direkt am Körper zu tragen, und an ihrer Wohnungstür waren zwei Schlösser, die sie beide immer gewissenhaft verriegelten. Nicht alles war schön in Frankfurt, aber wo war es das schon?

Sie hörte, dass jemand energisch ein leeres Apfelweinglas auf den Tisch stellte, und erwachte aus ihren Gedanken. Ihre Schwester war es, die auffordernd in die Runde blickte: „Also ich würde noch einen nehmen. Noch jemand?“ Alle wollten, und so gingen die Schwester und der Schwager gemeinsam los, um nochmal vier große sauer Gespritzte und zwei Brezel zum Teilen zu holen.

Michael grinste Melanie an. „Weißt du, woran ich die ganze Zeit denken muss?“ Sie schüttelte den Kopf. Er zeigte auf den Flohmarktstand direkt hinter der letzten Bierbank. „Der schäbige Sessel da hinten sieht aus wie deiner damals am Hasenpfad. Erinnerst du dich noch an deine schauerliche kleine Wohnung da?“ Sie drehte sich um und fand den Sessel. „Oh ja, stimmt. Drollig – ich habe auch gerade an diese Zeit gedacht. Acht Jahre ist das her, dass ich da eingezogen bin.“ „Ja, und du wolltest nur ein paar Monate bleiben. Vielleicht sollten wir den Sessel kaufen, als Symbol für die Frankfurter Beständigkeit.“ „Untersteh dich, dieses hässliche Teil in unsere Wohnung zu stellen! Der ist selbst für den Keller zu alt. Dann lieber ein paar Ado-Gardinen!“

Jemand setzte ein volles Glas vor Melanie ab, und nach einem kurzen „Prost“ in die Runde nach Melanie den ersten Schluck. Ach ja, kalt war er und so erfrischend säuerlich – was war das doch gut. Inzwischen liebte sie Apfelwein. Nur die hässlichen Bembel dazu, die sie noch immer an den Blauen Bock mit Heinz Schenk erinnerten, die kamen ihr nicht ins Haus.

„Frankfurter Pfännchen“ in der Hesse-Wirtschaft – eine typische Frankfurter Untertreibung

Ablesetag

Diese Geschichte entstand im „Schauerkurs“, also einem Kurs über Schauerliteratur, den ich Ende Februar gemacht habe. Sie ist in Teilen autobiografisch, genau genommen bis zur ersten Hornisse. Und da in der letzten Woche wieder der Ableser zu mir kam, scheint mir der Zeitpunkt passend.

Ablesetag

Jahrelang wohnte ich am Goldbergweg. Es war eine schöne kleine Wohnung, von den Vermietern liebevoll gewartet und in Schuss gehalten. Die Nachbarschaft war in Ordnung, die zumeist älteren Leute lebten größtenteils für sich. Dennoch reichte es immer zu einem kleinen Schwatz im Treppenhaus, die Atmosphäre war distanziert, aber freundlich.

Es passierte nicht viel Aufregendes in diesem Haus. Es galt schon als Skandal, wenn jemand die Mülltonnen falsch befüllte – Papier in den Restmüll oder Bio zum grünen Punkt. Dann wurde der Hausmeister tätig und hängte Zettel auf, mit denen das korrekte Vorgehen nochmal erklärt wurde. Ähnliche Zettel kündigten auch die gemeinsamen Sperrmülltermine an, die Sanierung des Aufzuges oder den alljährlichen Besuch des Heizungsablesers.

Der nette Herr von unserem Ablesedienst kam immer kurz vor Weihnachten, gerne zu solch unkommoden Zeiten wie „Montag zwischen 11 und 13 Uhr“, also so, dass es einem Berufstätigen unheimlich schlecht passte. So war es auch in jenem Jahr, dem letzten, in dem ich in dieser Wohnung wohnte.

Ich hatte mir den Nachmittag freigenommen, um den Ableser empfangen zu können. Er war pünktlich, wirkte aber angeschlagen und irgendwie nicht gesund. Ich bot ihm einen Stuhl und eine Tasse Kaffee an, was er beides dankend annahm. Und er hatte offensichtlich Gesprächsbedarf: „Ach, Frau M., wenn doch nur alle Kunden so wie Sie wären! Dann wäre ich so dankbar!“

Ich guckte wohl etwas dumm , denn für eine Tasse Kaffee und einen Sitzplatz erwarte ich in der Regel keine besonderen Dankesbezeugungen. Und sonst hatte ich in den vergangenen acht Jahren diesem Mann gegenüber nichts Besonderes geleistet. Ich fragte deshalb nach: „Mussten Sie sich heute ärgern?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ärgern nicht direkt. Aber dieser Zustand. Bei Ihnen ist immer alles so schön sauber und ganz normal, bei anderen dagegen – ach, ach!“

Er nahm einen Schluck Kaffee, während ich mich zweifelnd in meiner nur semi-aufgeräumten und schon lange nicht mehr entstaubten Wohnung umsah. „Finden Sie es so ordentlich hier?“ Er zuckte die Schultern. „Naja, so ganz normal halt, eine normal genutzte, gemütliche Wohnung. Guter Durchschnitt, würde ich sagen. Bei Ihrem Nachbarn dagegen – ach du je! Aber das darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen.“

Nun war ich natürlich neugierig geworden. Es wohnten nur drei Parteien auf unserem Flur, ein älterer Flur links, ich in der Mitte, ein altes Ehepaar rechts. Bei den beiden war alles wie geleckt, es konnte sich also nur um den Herrn zur Linken handeln. „Bei Herrn F?“, fragte ich. „Was ist denn da?“ Der Heizungsmann hatte scheinbar nur auf diese Frage gewartet, denn er legte sofort los: „Da wird es von Jahr zu Jahr schlimmer! Zuerst war es nur unaufgeräumt, jetzt habe ich schon Angst, irgendwo anzustoßen – nicht, dass da Tiere rauslaufen!“ Er trank den Rest vom Kaffee, während er unbewusst mit den Beinen strampelte, so als müsse er Ratten abschütteln.

Ich war verblüfft. Ja, der alte Mann neben mir war kein Muster an Pflege und wirkte stets etwas ungewaschen, aber für verlaust hielt ich ihn nicht gerade. Trotzdem setzte sich der Gedanke in mir fest und ich träumte von allerlei Ungeziefer. Am nächsten Tag kam ich von der Arbeit heim und hatte ein riesiges Fluginsekt in meinem Badezimmer. Ich schlug mit dem Schlappen drauf und erforschte die zoologische Zugehörigkeit des Tieres: Wikipedia stellte mir den geflügelten Genossen als Hornisse vor. Der Größe nach zu urteilen war es eine Königin, wenn nicht sogar eine Kaiserin. Seltsam, sollte die nun nicht im Winterschlaf liegen? Egal, nun war sie hin.

Hornisse, Bild aus den Wikipedia Commons, zur Verfügung gestellt von Christian Olsen

Am nächsten Abend hatte ich noch zwei Hornissen, wieder im Bad. Außerdem ein paar seltsame Kriechkäfer, die sich nur in der Gruppe fortbewegten. Ich ermordete die Hornissen und saugte die Käfer weg. Während ich das tat, fiel mein Blick immer wieder auf die Lüftungsschlitze, die auf einen gemauerten Schacht hinausführten und dafür sorgen sollten, dass mein kleines, fensterloses Innenbad nicht schimmelte. Wie war das wohl mit der Nachbarwohnung, führten da wohl genau solche Schlitze auf eben jenen Schacht? Nach einigen Überlegungen klebte ich mit braunem Paketklebeband ein Handtuch über meine Lüftung.

In dieser Nacht wurde ich wach und wollte auf die Toilette. Schon im Flur hörte ich ein seltsames Knacken und Rascheln. Ich riss die Tür auf und machte gleichzeitig das Licht an. In dieser Sekunde sah ich unzählige winzige Wesen in den Ecken und unter den Schränken verschwinden. Mein rosa Handtuch hing sackartig ausgebeult vor dem Luftschacht, oben war das Klebeband abgerissen und einige haarige Beine drängten energisch nach draußen. Ich knallte die Tür zu, verstopfte die Ritzen mit meiner Bettdecke, rannte zu meinen Nachbarn zur Rechten und alarmierte von dort die Feuerwehr. Zuerst nahm man mich dort nicht ernst, aber ein hysterischer Anfall bewirkte, dass sie doch anrückten und gleich einen Notarzt mitbrachten.

Das war die letzte Nacht, in der ich in dieser Wohnung schlief. Angeblich räumte die Feuerwehr mit Hilfe mehrerer Kammerjäger den Ungezieferherd im Schacht schon am nächsten Tag komplett aus und räumte auch die Wohnung meines Nachbarn, doch nachdem ich die Traumabehandlung in der psychiatrischen Klinik überstanden hatte, zog ich in eine andere Wohnung: Eine ohne Schacht und ohne älteren Herrn in der Nachbarschaft.

Die Weihnachtszwölfe

15. November, Arbeitsamt

„Was, sagten Sie, haben Sie für eine Qualifikation?“ Arbeitsberater Schlüter sah etwas befremdet über den Rand seiner Lesebrille hinweg auf die Kundin mit der wilden roten Lockenfrisur. Der Tag war lang gewesen, nur Verrückte unterwegs, allmählich glaubte er selbst schon fast an Wahrsagerei und das fliegende Spagettimonster. „Ich habe einen guten Abschluss von der Hochschule für Wunder und Magie. Ich bin zwar Berufsanfängerin, aber hoch motiviert, innovativ und teamfähig.“ Schlüter räusperte sich. „Und, ähem, wo, glaube Sie, können Sie ihre Fähigkeiten am besten einsetzen? Nur, dass ich weiß, was ich bei der Stellensuche einsetzen muss.“ Die große, füllige Frau ihm gegenüber sah ihn selbstbewusst an, eigentlich wirkte sie nicht durchgeknallt, sondern nett und vernünftig. „Nun, ich kann kleine Wunder vollbringen, große auch, aber das dauert etwas länger. Ich kann Menschen glücklich machen, einzeln oder in der Gruppe, und ich kann auf Einhörnern reiten.“ Schlüter seufzte. „Auf Einhörnern, aha, soso. Ja, das sind ja sehr kräftige Tiere. Dann wollen wir mal gucken …“

Bild zur Verfügung gestellt von Gerhard Frassa / http://www.pixelio.de

Nur, um der Dame das Gefühl zu geben, er nähme sie ernst, tippte er etwas in den Computer. Diese arme Frau war eine Kandidatin für die Nervenheilanstalt, das merkte man schnell. Doch er wollte ihr die Würde nicht nehmen und bemühte sich daher nach Kräften, höflich zu sein. Umso erstaunter war er, als er das Ergebnis auf seine eigentlich sinnlose Suchworteingabe sah: Es wurde tatsächlich eine Stelle angeboten. Befristet auf einige Wochen zwar, aber man brauchte einen Nachweis für magische Fähigkeiten, und bei guter Leistung winkte eine Dauerstellung. Ein Kollege hatte das Angebot geprüft und als seriös eingestuft. „Da habe ich was für Sie“, rief Schlüter aufgeregt, riss das Papier aus dem Drucker und knallte einen Stempel darauf. „Dort können Sie sich morgen vorstellen!“

16. November, Arbeitszimmer vom Weihnachtsmann

Die drei Herren sahen irritiert auf die Frau vor ihnen. Sie brauchten dringend Personal, sehr dringend sogar, doch die einzige Bewerberin entsprach so gar nicht dem, was sie erwartet hatten. „Ähhh, ja, und Sie, ääähhhh, Sie wollen sich also bei uns als Weihnachtselfe bewerben. Wie ich sehe, haben Sie ausgezeichnete magische Fähigkeiten und können auf Einhörnern reiten – da sollten Rentiere für Sie auch kein Problem sein. Ich weiß allerdings nicht so recht … wie soll ich das sagen … Sie sehen so gar nicht wie eine Weihnachtselfe aus.“ Die Bewerberin lachte mit lauter, tiefer Stimme. „Ja, das stimmt. Optisch bin ich keine Elfe, da bin ich mindestens eine Zwölfe. Aber es kommt doch auf die inneren Werte an, nicht auf die Optik, nicht wahr, meine Herren?“ Der Weihnachtsmann sah zweifelnd von der Frau zu seinem Kollegen, dem Nikolaus, und wieder zurück. „Ja, ich weiß nicht so recht … es gibt wahrscheinlich ein Problem mit der Arbeitskleidung … Was meinst du, Niko?“ Der Nikolaus zuckte die Schultern. „Naja, die Zeugnisse sind gut. Vielleicht können wir das Kleidchen sechs Nummern größer bestellen? Das sollte doch gehen.“ Krampus an seiner Seite sagte nichts, er starrte gierig auf das voluminöse Dekolletee vor sich. Was für eine Wuchtbrumme! Diese Weihnachtszwölfe gefiel ihm ausnehmend gut, er hatte schon immer von einer Frau mit riesiger Oberweite geträumt. Nikolaus nah ihn etwas beiseite. „Hör auf zu sabbern, Krampus“, flüsterte er ganz leise. „Wenn du diese Dame belästigst, haut sie dich um!“ „Ganz gewiss tut sie das“, antwortete die Zwölfe gelassen. Sie hatte nämlich auch eine Zusatzausbildung im Gedankenlesen.

Man einigte sich darauf, es zu versuchen. Die Zwölfe sollte sofort anfangen, der Job war bis zum 06. Januar befristet. „Aber bis zum zweiten Weihnachtstag sollten Sie nach Möglichkeit schon irgendein Wunder vorweisen, Frau Zwölfe“, erklärte der Weihnachtsmann. „Die Öffentlichkeit hat hohe Erwartungen in unsere Arbeit. Und wegen der Einkleidung …“ „Keine Sorge, Chef, da besorge ich mir irgendwas. Diese kurzen pastellfarbigen Kleidchen stehen mir ohnehin nicht, die tragen furchtbar auf. Ich finde auch, dass diese Dinger furchtbar sexistisch sind – darüber sollten Sie vielleicht einmal nachdenken.“ „Hmmm, ja, meinen Sie? Ja, vielleicht.“ Dem Weihnachtsmann kam der Verdacht, dass diese Weihnachtszwölfe ganz schön Unruhe in seinen Laden bringen würde.

01.  Dezember, Geschenkwerkstatt

„Sie hat tatsächlich einen Betriebsrat gegründet, diese Verrückte?“ Krampus lachte laut und dröhnend. „Ich sag’s euch, die hat wirklich Pfeffer. Sogar, wenn sie einem eine runterhaut, tut das irgendwie gut!“ Er knurrte wohlig. Nikolaus und der Weihnachtsmann sahen sich an, sie wussten nicht so recht, was sie von der Begeisterung des ewigen Rüpels halten sollten. „Sie ist wirklich tüchtig“, räumte Nikolaus ein und berichtete von den Wundern, die die Zwölfe schon alle vollbracht hatte: Sie hatte in einigen Familien Streit geschlichtet, so dass diese Menschen einer schönen Weihnachtszeit entgegensahen. Einer einsamen alten Dame hatte sie einen Dackel zulaufen lassen und sie anschließend mit einem kultivierten Herrn bekannt gemacht, der ebenfalls einen kleinen Hund hatte. Und vier hartherzige Geizhälse hatte sie überredet, Arbeitslosen gut bezahlte Jobs zu geben, so das auch diese Menschen sich ein paar Freuden zu Weihnachten würden leisten können. Wie sie das genau gemacht hatte, wollte der Weihnachtsmann lieber gar nicht wissen, aber Krampus war von den durchschlagenden Methoden der Zwölfe begeistert. Sie wies tatsächlich schon nach zwei Wochen die höchste Wunderdichte des Elfenschwarms auf und war zudem allgemein beliebt. Das lag auch daran, dass sie die Arbeitsabläufe der Wichtel in der Geschenkwerkstatt neu durchstrukturiert und die Ställe der Rentiere durch pure Magie so richtig aufgemotzt hatte. Und für die Elfen hatte sie die freie Kleiderwahl durchgesetzt. Man sah ihr Wirken an jeder Stelle.

Die dicke Dame als Weihnachtszwölfe

„Wir sollten ihren Vertrag schon jetzt verlängern“, fand Nikolaus und Krampus hüpfte begeistert auf und ab. Der Weihnachtsmann stöhnte. „Hast du schon mal auf dem Schlitten gesessen, wenn sie am Zügel ist? Ich sage dir, das ist kein Spaß. Ich musste Tabletten gegen Übelkeit nehmen!“ „Memme!“, schimpfte Krampus und Nikolaus lachte. „Jaja, ich weiß, du leidest. Am meisten aber am Verlust deiner absoluten Autorität, stimmt‘s, alter Freund?“ Der Weihnachtsmann schmunzelte. Wie gut Niko ihn doch kannte. Ja, es stimmte, er war ein paar Mal mit dieser impertinenten Person aneinandergeraten. Er mochte es nicht, wenn man ihn kritisierte oder ihm in seine Arbeit hineinredete, und noch weniger mochte er es, wenn man ihm mit einem Ruck die rote Mütze über das Gesicht zog, um ihn zum Schweigen zu bringen. Andererseits hatten die anderen wirklich recht, diese Zwölfe war enorm fleißig. Ein echtes Arbeitspferd, innerlich und äußerlich.

„Also gut, wir werden den Vertrag verlängern. Ich denke auch, dass wir damit schnell sein sollten – es sind schon einige andere auf sie aufmerksam geworden. St. Martin hat nach ihr gefragt, und sogar der Osterhase hat sie kürzlich zum Rührei eingeladen.“

2. Dezember, Arbeitszimmer Weihnachtsmann

„Gut, Frau Zwölfe, dann sind wir uns also einig. Sie bleiben bei uns beschäftig, das freut mich sehr. Und wie ich von den Elfen gehört habe, sind die ganz begeistert davon, dass Sie die Abteilungsleitung übernehmen wollen. Nur mit Ihrer Bitte, ausgerechnet am Heiligabend frei haben zu wollen, bin ich nicht so recht glücklich …“ Die Zwölfe nickte verständnisvoll. „Ja, ich weiß, und ich kann Sie auch gut verstehen. Der Termin ist alles andere als günstig. Aber ich habe eine dringende private Verrichtung, die leider keinen Aufschub duldet, und das ist mein einziger freier Tag im Dezember.“ Der Weihnachtsmann nickte. „Also gut, dann sei es so. Nehmen Sie sich am besten alle drei Weihnachtstage frei – Sie haben es sich verdient.“

Heiligabend, Stadtcafe

Schlüter rührte nachdenklich in seinem Milchkaffee. Er ging Heiligabend immer frühstücken, das hatte Tradition. Früher war er mit seiner Frau gegangen, doch sie hatte ihn vor drei Jahren verlassen. Weil er langweilig war, ernst und pflichtbewusst, und weil sie sich das Leben anders vorstellte als er. Er war halt wie er war, ein Beamter ohne besondere Ambitionen. Noch während er seinen trüben Gedanken nachhing, hörte er, wie der zweite Stuhl an seinem Tisch hervorgezogen wurde. „Ist hier noch frei?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, plumpste eine dicke rothaarige Frau mit unordentlicher Frisur ihm gegenüber nieder. Er sah sie verblüfft an – das war doch die mit der magischen Macke und den Einhörnern? Sie lachte ihn an, das Lachen machte ihr rundes Gesicht hübsch.

„Erinnern Sie sich noch an mich? Sie haben mir einen Job vermittelt, als Weihnachtselfe. Und das, obwohl Sie dachten, dass ich spinne.“ Schlüter war verlegen. Offenbar hatte die Frau ihm seine Gedanken damals ansehen können. „Nein, ich kann Gedanken lesen“, korrigierte sie seine nicht ausgesprochenen Worte. „Und ihre Gedanken waren das Netteste und Fürsorglichste, das mir seit langer Zeit passiert ist. Wissen Sie, es ist nicht schön, mit einem Diplom in Magie vor einem Sachbearbeiter zu sitzen und ausgelacht zu werden. Da fühlt man sich irgendwie schutzlos, fast nackt. Sie aber haben mich mit Respekt behandelt und haben sich ehrlich über das Stellenangebot gefreut. Das habe ich nicht vergessen.“ „Ich habe Sie auch nicht vergessen“, entfuhr es ihm, bevor er darüber nachdenken konnte. Aber warum hätte er auch schweigen sollen, wenn sie ohnehin seine Gedanken lesen konnte? „Stimmt, verheimlichen können Sie mir nichts. Und deshalb weiß ich auch, dass Sie gar keine Lust haben, für heute Abend die traditionelle Weihnachtsgans in den Ofen zu schieben, weil Sie keine Lust haben, sie alleine zu essen. Was halten Sie denn davon, sie mit mir zu essen?“ Schlüter war verwirrt. Was passierte denn hier gerade? Er, der langweiligste Mensch der Welt, wurde angebaggert, aber wie. Und das von einer richtigen Wuchtbrumme! Er musste lächeln. „Das scheint mir eine gute Alternative zu einem Abend mit Dosenravioli zu sein.“ Die Weihnachtszwölfe lachte rau und herzlich. „Das ist zwar nicht das tollste Kompliment, das ich jemals bekommen habe, aber es ist ein Anfang.“

Im Labyrinth

Die folgende Geschichte schlummert schon eine ganze Weile auf meiner Festplatte. Sie schien mir etwas zu lang für den Blog zu sein, andererseits gibt es da auch schon auch längere. Und da ich sie schon ein paar Mal auf Lesungen mithatte und sie gerade als Gute-Nacht-Geschichte immer gut ankam, erscheint sie heute doch hier – viel Spaß damit.

Im Labyrinth

Das laute Schnarchen neben sich hatte Katja ungewöhnlich früh aufwachen lassen. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte sie ohnehin kaum geschlafen. Die erste Nacht mit ihrem neuen Freund Ludwig, und sie war unruhig gewesen wie vor einer geplanten Gehirnoperation. Dabei war der Abend durchaus romantisch gewesen: Ludwig, ein Abkomme von echtem altem Adel, hatte ihr das Familienschloss gezeigt und anschließend im Kaminzimmer ein leckeres Essen serviert. Leicht angetrunken und in bester Laune war sie ihm ins Schlafzimmer gefolgt, wo ihr Galan zu ihrem Verdruss erst ewig im Bad herumgemacht hatte, dann im Dunklen hereingeschlichen und sofort eingeschlafen war. Katja hatte ihren Ärger geschluckt und versucht, ebenfalls zu schlafen.

Zugegebenermaßen kein Schloss, sondern das alte (Museums-) Gefängnis in Cork.

Sie war jedoch nicht recht zur Ruhe gekommen. Ludwig war ein unruhiger Schläfer, der schnarchte und sich viel bewegte. Er roch auch seltsam – der leichte Duft seines Rasierwassers, den sie so mochte, war verflogen. Und immer wieder hatte Katja an die mahnenden Worte ihrer Freundin Annika gedacht, die gemeint hatte, dass mit Ludwig irgendetwas nicht stimmen würde. Was genau, das wusste sie auch nicht, aber sie hatte behauptet, dass Ludwig zu oft neue Freundinnen abschleppen würde, um ein wirklich netter Kerl zu sein. „Erinnerst du dich nicht? Die Brasilianerin, die mit uns im Marketingseminar gesessen hat, und die kleine rothaarige Irin, die letztes Semester abgebrochen hat, wie hieß die noch? Jane?“ „Kate“, hatte Katja berichtigt und abgewiegelt. „Es ist doch kein Wunder, dass er mit denen nicht mehr zusammen ist. Die sind doch zum Semesterende gegangen.“ Katja fand nichts Verwerfliches daran, während des Studiums wechselnde Freundschaften zu haben. Sie wollte sich doch auch austoben, warum sollte ein Mann nicht das gleiche Bedürfnis haben? Und Ludwig war immer nett und höflich gewesen, und lustig war er noch dazu.

Ja, lustig war er auch gestern Abend gewesen. Nur als Katja überlegt hatte, nach dem Essen doch noch nach Hause zu fahren, hatte er etwas ungehalten gewirkt. „Natürlich bleibst du hier“, hatte er nur gesagt und ihr noch Wein nachgeschenkt. Katja hatte sich etwas darüber geärgert, aber nur ganz kurz. Dann hatte sie mit ihrem Ludwig angestoßen und sich auf die Nacht gefreut. Diese Nacht, in der sie neben dem schlafenden, grunzenden Ludwig kaum Ruhe bekommen hatte.

Katja schielte auf ihr Handy – gleich fünf Uhr. Sie musste zur Toilette und krabbelte aus dem Bett. Das Bad fand sie leicht, es war direkt am Schlafzimmer. Es war riesig und Katja musste lächeln: Was für ein Unterschied dieses altehrwürdige, aber komplett sanierte Schloss doch zu ihrem Zimmerchen im Studentenwohnheim darstellte. Und wie angenehm, so ein großes Bad zur Verfügung zu haben. Katja betrachtete sich in dem großen Spiegel. Müde und zerzaust sah sie aus. Ihre Kleider lagen jedoch ordentlich auf einem schönen Hocker, sie nahm sich ihre Unterwäsche und begann, sich anzuziehen. Ludwig schnarchte ihr zu sehr, als dass sie Lust gehabt hätte, sich noch einmal hinzulegen. Sie hörte sich das Konzert kopfschüttelnd an. Das war ja nicht auszuhalten, so wurde das nichts mit einem gemeinsamen Schlafzimmer. Vielleicht brauchte er deshalb ständig neue Freundinnen?

Katja überlegte, was sie machen sollte. Einfach zu gehen fand sie blöd, den schlafenden Ludwig zu wecken aber auch nicht besser. Schließlich entschied sie sich, ihm einen Zettel auf den Nachtkasten zu legen, riss ein Blatt aus ihrem Kalender und schrieb einen kurzen Gruß. Sie schlich sich wieder ins Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Das laute Schnarchen hörte kurz auf, als sie auf eine knarrende Parkettbohle trat, setzte aber sofort wieder ein. Sie legte den Zettel ab und wandte sich zum Gehen. Ein letzter Blick auf den schlafenden Ludwig ließ sie verblüfft innehalten: Wie dunkel die langen Haare waren, die dort auf dem Kissen lagen, und wie wellig. Drahtig fast. Hatte Ludwig nicht noch gestern helles, glattes Haar gehabt? Und war das wirklich sein Arm, der dort auf der Decke lag? Lang und kräftig ja, aber so muskulös, und vor allem so behaart? Katja schüttelte sich. Behaarte Männer hatte sie noch nie gemocht, wieso war ihr das gestern nicht aufgefallen? Das konnte doch nicht Ludwig sein – wer war das in diesem Bett?

Katja beschloss, nicht herausfinden zu wollen, wer der Schnarcher war, neben dem sie geschlafen hatte. Sie nahm ihre Tasche und schlich hinaus, lief den langen Flur hinunter, von dem etliche Türen abgingen. Sie wusste den Weg noch und ging zielstrebig auf die letzte Tür zu, öffnete sie und betrat den hübschen kleinen Salon, in dem sie gegessen hatten. Hier standen noch ihre Weingläser und im Kamin glomm ein kleiner Rest Glut. Katja durchquerte den Raum, der dicke Teppich schluckte das Geräusch ihrer Schritte. Sie verharrte kurz am Fenster und sah unten ihren kleinen Wagen im fahlen Licht des Morgens stehen: Einen alten Fiat Panda in giftgrün, der neben Ludwigs Porsche und einem großen Fahrzeug, dessen Marke sie nicht erkennen konnte, wie ein Fremdkörper wirkte. „Gleich sind wir zuhause, kleiner Frosch“, flüsterte sie dem Wagen durch das Fenster zu und betrat den kühlen Flur, der sie nach draußen bringen sollte.

Zu Katjas Überraschung war die Tür, durch die sie gekommen waren, abgeschlossen. Sie runzelte die Stirn – vielleicht hatte sie die falsche Tür gewählt? Sie entschloss sich für die daneben und kam in ein kleines Zimmer, in dem sie definitiv noch nicht gewesen war. Es war ein schlichtes kleines Arbeitszimmer mit einem Computer auf einem altertümlichen Eichenschreibtisch. Sie durchquerte den Raum und öffnete eine schmale Tapetentür – aha, da ging es weiter. ‚Was für ein Labyrinth‘, dachte Katja grinsend und ging weiter. Die Tür schloss sich mit einem merkwürdig klackenden Geräusch hinter ihr und sie sah über die Schulter zurück. Von dieser Seite war die Tür himmelblau – und sie hatte keine Klinke. Katja runzelte die Stirn. Was war denn das? Sie trat zurück und betrachtete die Tür genauer: Sie war genau in die Wand eingepasst und fast nicht zu sehen. Wäre sie hier nicht gerade hindurchgegangen, wäre sie ihr nicht aufgefallen. Ob es einen geheimen Mechanismus gab, der die Tür von dieser Seite her öffnete? Sie tastete ein wenig herum, ließ es dann aber bleiben. Sie wollte nach Hause. Es reichte ihr schon, dass sie die Nacht neben diesem wildfremden Orang Utan verbracht hatte. Wer das wohl war, Ludwigs Bruder vielleicht? Oder gar sein Vater? Egal, sie fand das Verhalten der Männer unmöglich.

Katja sah sich im blau tapezierten Zimmer um und bemerkte, dass es einen Ausgang an der gegenüberliegenden Wand gab: Eine schöne, alte Tür mit Oberlicht. Sie durchquerte sie und stand in einem etwas größeren Salon, der zwar gemütlich eingerichtet, aber kalt und ungeheizt war. Es roch auch etwas muffig, so wie früher in Omas guter Stube, die nur benutzt wurde, wenn Besuch kam. Sie lief hindurch und öffnete die zweite Tür – kam hier nun endlich eine Treppe? Erleichtert sah sie, dass sie auf einen Flur kam, an dessen Ende eine breite Treppe folgte. Sie eilte hinunter, zählte dabei wie immer routinemäßig die Stufen – ihre Freundin Annika nannte diese Gewohnheit „zwanghaft“ – und wunderte sich über ihre Anzahl: Drei Absätze mit jeweils 16 Stufen, das gab 48. Waren das gestern auch so viele gewesen? Katja dachte nicht lange darüber nach, sie wollte nach Hause und ging zu einer großen Metalltür, die zwar schwer aussah, sich aber überraschend leicht öffnen ließ. „Brandschutztür bitte geschlossen halten“ stand darauf. Katja trat hindurch und ging die beiden Stufen hinunter, die sie in einen halbdunklen Wirtschaftsraum mit Waschmaschine und Trockner führten. Die Brandschutztür fiel mit einem Knall hinter ihr zu. „Die ist dicht“, murmelte Katja und ging weiter. Schon wieder kam ein Flur – fast ein Tunnel. Dunkel war es hier, sie fand jedoch unschwer einen rot leuchtenden Lichtschalter. Die einsame Glühbirne erhellte den langen Gang nur unzureichend und Katja verspürte wenig Lust, ihn zu erkunden. Offenbar hatte ihr Gefühl sie nicht getrogen, es waren zu viele Stufen gewesen: Sie war in einem Keller gelandet. Es half nichts, sie musste zurück. Frustriert wandte sie sich wieder der schweren Metalltür zu und fand statt einer Klinke nur einen runden Knauf. Man brauchte einen Schlüssel, um die Tür von dieser Seite zu öffnen. „Was soll das?“, flüsterte sie sie zu und dann, plötzlich verärgert, rief sie es noch einmal in den Raum hinein: „Was soll dieser Mist hier?“

Beeindruckend: die hohen Bäume im Gefängnisgarten

Wütend stapfte sie in den schwach erleuchteten Gang. Hätte sie geahnt, dass sie solch einen Marsch durch dieses doofe Schloss würde machen müssen, hätte sie andere Schuhe angezogen: Der raue Zementestrich ließ ihre hohen Pfennigabsätze wie vorwurfsvoll klappern. Sie durchschritt den langen Gang mit langen, energischen Schritten, sie wollte nur noch weg. Irgendwo musste es hier doch rausgehen.

Und tatsächlich merkte sie, dass es langsam bergauf ging. Der Gang hatte eine leichte Steigung, wie eine flache Rampe. „Immerhin geht es hier nicht ins Verließ“, machte sie sich selber Mut, während sie eine neue Brandschutztür öffnete. Bevor sie sie zufallen ließ, versicherte sie sich, dass die eine Klinke hatte und dass die auch funktionierte. Dann sah sie sich um: Sie stand in einer Art Lagerraum. Hier gab es alles Mögliche: Leere Mineralwasserkisten, alte Autoreifen, Werkzeug, Blumenzwiebeln. Wahrscheinlich gehörte dieser Raum dem Hausmeister, oder wie das in einem Schloss hieß. Sie atmete tief durch. Längst hatte sie die Orientierung verloren. Wahrscheinlich würde sie um das ganze Schloss herumlatschen müssen, um zu ihrem Auto zu kommen, wenn sie erst einmal aus dem Gebäude heraus war. Sie hatte Kaffeedurst. Sechs Uhr war es inzwischen – sie rannte schon eine halbe Stunde hier herum. Und zu ihrem Verdruss war die Tür, die aus dem Lagerraum herausführen sollte, abgeschlossen.

Katja setzte sich auf eine Werkbank und dachte nach. Was sollte sie tun? Zurück in den Gang nützte ihr nicht, denn die Tür an dessen Ende hatte keine Klinke. Hier zu warten hatte aber auch keinen Sinn. Es war Samstag, gewiss hatte der Hausmeister oder Gärtner oder wer auch immer der Besitzer dieses Raumes war, frei. Sie überlegte, Ludwig anzurufen und sich von ihm hier herausführen zu lassen. Auch wenn er ein elender Schuft war, der ihr einen behaarten Fremden ind Bett gelegt hatte, war das besser, als hier auf der Werkbank zu verschmachten. Sie nahm ihr Handy heraus – es hatte keinen Empfang.

Allmählich wurde Katja wütend. Sie betrachtete die Tür, die sie von der Freiheit trennte. Die wirkte nicht besonders stabil und war aus Holz. Also gut, dann eben Vandalismus. „Selbst ist die Frau!“, motivierte sie sich und wählte aus den verschiedenen Werkzeugen etwas, das ihr unter dem Namen ‚Kuhfuß‘ bekannt war. Sie bearbeitete die Tür, brach sich zwei Fingernägel ab, fluchte wie ein Bauarbeiter und sprengte schließlich das alte Schloss der Tür. „Chakka!“ Katja rannte fast den kurzen Flur hinab, achtete aber darauf, mit ihren hohen Absätzen nicht auf dem unregelmäßigen Boden umzuknicken. Kopfsteinpflaster im Haus, das war anscheinend der unsanierte Teil des Schlosses, der Dienstbotentrakt. Am Ende des Flures eine kurze hölzerne Treppe nach oben, dahinter ein kleiner runder Raum mit einer Metalltür. Und die war zu. Richtig feste zu. Katja schimpfte wie ein Rohrspatz, rannte zurück – auf Strümpfen dieses Mal – und holte den Kuhfuß. Es war jedoch nichts zu machen, die Tür blieb zu. Fast hätte Katja geweint. Doch sie war nicht die Frau, die sich hinsetzte und heulte. Sie untersuchte den Raum: Er war fast leer bis auf eine alte Truhe und einen wackeligen Stuhl. Die Truhe war leer. Katja hockte sich darauf und grübelte. Ihr Blick fiel auf das kleine, schmale Fenster fast unter der Decke, durch die die ersten Sonnenstrahlen des Tages schienen. Ob sie da durchpasste? Sie war ja sehr schlank, und sportlich war sie auch. Aber ob sie es erreichen konnte?

Katja schob die Truhe unter das Fenster und kletterte hinauf.  Es reichte nicht, mindestens dreißig Zentimeter fehlten. Sie musterte den Stuhl. Der wirkte so wenig vertrauenserweckend, dass Katja davon absah, ihn auf die Truhe zu stellen und hinaufzuklettern. Sie wollte hier heraus, ja, aber so dramatisch, dass sie sich dabei die Knochen brechen wollte, war die Lage wohl eher nicht.

Katja erinnerte sich an das Hausmeisterzimmer – gab es dort etwas, was sie verwenden konnte? Sie lief nochmals zurück, auf inzwischen total kaputten Strümpfen, und holte zwei von den Mineralwasserkisten. Die stellte sie auf die Truhe und stieg vorsichtig hinauf. Es ging! Katja konnte das Fenster erreichen und den Griff umdrehen. Es ließ sich hochklappen. Sie klemmte den Kuhfuß zwischen Fenster und Fensterbrett, so dass sie die Hände frei hatte zum Klettern. Dann zog sie sich hinauf. Als sie den frischen Morgenwind an ihrer Nase spürte, musste sie lächeln. Sie lächelte noch, als ihr klar wurde, dass sie ihre Schuhe unten vergessen hatte. „Macht nichts, so hohe Absätze sind sowieso ungesund!“ Sie arbeitete kräftig mit den Beinen, drehte sich halb in der schmalen Öffnung und schaffte es endlich, mit den Füßen voran nach außen zu baumeln. Wie weit mochte es nach unten sein? Es hatte nicht hoch ausgesehen. Katja nahm allen Mut zusammen und ließ das Fenstersims los. Sie fiel etwa einen Meter in die Tiefe und landete weich auf einem Rasen.

Irgendwo in Brügge

Katja lachte und rieb sich ihre schmerzenden Hände an der Hose. Dann sah sie sich in dem Garten um, in dem sie gelandet war: Es war ein Innenhof mit einem Rasen, Rosenbeeten und einer kleinen gemauerten Bank. Ringsum sah sie die Steinmauern des alten Schlosses, und nirgendwo sah sie einen Durchgang.  Keine Tür, kein Tor, nichts. Nicht mal ein Fenster, das sie hätte erreichen können. Ihr wurde eiskalt, entsetzt sah sie herum. Kein Ausgang, nirgends. Panisch sah sie hoch zu dem kleinen Fenster, aus dem sie geklettert war. Es war viel zu hoch als dass sie es hätte erreichen können. Und es wurde soeben geschlossen, von einem hellblonden Mann, der danach einfach aus ihrem Blickfeld verschwand. Ludwig?

Katja wollte schreien, nach Ludwig rufen. Doch sie sah ihn nicht mehr. Hektisch sah sie herum, starrte in jedes Fenster im ersten Stock, und suchte nach ihm. Sie fand ihn nicht. Stattdessen sah sie, dass an der gegenüberliegenden Seite ein Mann an einem Fenster stand: Sicher zwei Meter groß, bärtig und mit dunkelbraunem Drahthaar stand er da wie eine Salzsäule und starrte sie an. Sie lief in Richtung des Fensters und wäre fast über etwas gestolpert, dass sich im hohen Gras verborgen hatte: Es war eine bunte Patchworktasche. Katja kannte diese Tasche: Sie gehörte Kate, der Irin, die im letzten Semester plötzlich die Uni verlassen hatte.