Frankfurter Liebe

Heute gibt es bei mir mal wieder eine etwas längere Geschichte. Geschrieben wurde sie für eine Lesung zum Thema „Frankfurt“. Sie beschreibt eigentlich ziemlich genau, was mir hier in Frankfurt passiert ist und immer noch passiert. Ich mag diese Stadt einfach ❤

Frankfurter Liebe

Der letzte laue Schluck Apfelwein schmeckte immer ein wenig nach wässrigem Essig. Melanie setzte ihr Glas ab, sah auf den Main und seufzte zufrieden. Sie war angekommen in Frankfurt – so nannte man das wohl. Hier saß sie nun, mit ihrem Mann sowie ihrer Schwester und dem Schwager aus Berlin. Um sie herum tobte das Leben auf dem Flohmarkt am Untermainkai und die Frühlingssonne wärmte ihren Nacken. Sie war zufrieden mit allem, was das Leben ihr aktuell bot.

Apfelwein

Äppler mit Deggelsche

Dabei hatte sie eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben wollen – maximal. Genau genommen hatte sie überhaupt nicht in diese Stadt gewollt, es hatte sie einfach erwischt, so wie so vieles im Leben sie einfach erwischt hatte. Melanie plante nicht, ihr passierten die Dinge einfach. Als es darum ging, eine neue Filiale in Frankfurt zu eröffnen, war sie die Einzige gewesen, die weder Kinder noch pflegebedürftige Angehörige vorweisen konnte. „Das machst du schon, Melanie“, hatte es geheißen. „Dort gibt es ein tolles Team, die brauchen nur ein paar Monate Unterstützung von einem alten Hasen wie dir.“

Na gut, dann also Frankfurt. Melanie, pragmatisch wie immer, kündigte ihre kleine Wohnung in Berlin, lagerte die Möbel ein und den Freund, ein fragwürdiges Subjekt namens Wolfgang, im gleichen Zuge aus. Für was so eine sechsmonatige Abwesenheit doch gut sein konnte. Er war zunächst furchtbar beleidigt, zog jedoch zurück zu seiner Mutter und vergaß Melanie am Sonntag in der gleichen Woche, als er Mamas Gulasch aß – die Welt war wieder in Ordnung. Und für Melanie auch: Sie brauchte es einfach, dass das Leben ihr dann und wann einen kleinen Tritt gab.

An einem regnerischen Freitagabend war sie in Frankfurt angekommen, beladen mit zwei Koffern und einem dicken Rucksack. Ein Taxi hatte sie zu dem möblierten Appartement gebracht, das die Firma für sie gemietet hatte. „Großer Hasenpfad“ hieß die Straße im Stadtteil Sachensenhausen, und schon vom Taxifahrer, einem gesprächigen Mann, der jeden zweiten Satz mit „Ai“, begann, hatte sie erfahren, dass es auch noch einen mittleren und einen letzten Hasenpfad gab. Wie passend für einen alten Hasen wie mich, hatte Melanie gedacht und ein wenig gekichert.

Das Lachen ihr allerdings vergangen, als sie ihr Appartement in Augenschein genommen hatte: „Tristesse“ war ein viel zu farbiger Ausdruck für diese Malaise in grau, beige und braun. Ganz offensichtlich stammte zumindest das Mobiliar aus den 70er Jahren, und auch der abgetretene Fußboden war nicht viel jünger. Vor den Fenstern hingen dicke Stores und Schalgardinen – wann hatte sie sowas zuletzt gesehen? Sie hatte es nicht lassen können und einen der beige-braun gemusterten Vorhänge ein wenig angehoben. Tatsächlich, da war sie: die berühmte Goldkante von Ado. Hier war vor langer Zeit Qualität gekauft worden, und die musste nun 50 Jahre halten.

Natürlich hatte Melanie sich auf Frankfurt vorbereitet – so, wie man das halt so machte. Sie hatte sich einen Reiseführer gekauft und im Nachtprogramm einige unglaublich langweilige Folgen vom Tatort mit dem biederen Kommissar Brinkmann geguckt. Ihre Kollegen schenkten ihr zusätzlich noch einige DVD von „Ein Fall für zwei“ mit dem gemütlichen Anwalt Renz und seinem Partner Matula. Auch das war seeeehr ruhig inszeniert. Wenn es in dieser Stadt dermaßen beschaulich zuging, dachte Melanie, würde sie sich dort mal so richtig erholen können.

Main mit Skyline

Doch schon am nächsten Morgen änderte sich ihr Bild von Frankfurt ein wenig: Sie hatte sich umsehen und frühstücken gehen wollen. Auf den Rat der Hausmeisterin hin, die sie beim Putzen des Treppenhauses vorgefunden hatte, war sie zuerst zum Südbahnhof gelaufen und von dort in die Stadt gefahren. Dann hatte sie sich auf dem quirligen Markt an der Konstabler Wache nach etwas zu essen umgesehen. Was sie irritierte, waren die kleinen karierten Gläser, die fast auf allen Tischen auf dem Markt standen. Wenn sie sich die Informationen aus dem Reiseführer richtig gemerkt hatte, war in dieses Gläsern Apfelwein, aber trank man den schon vormittags? Zur Bratwurst und zur Waffel? Anscheinend passte das Getränk zu allem. Sie wollte es zu versuchen, hatte sich eine Wurst und ein Glas Apfelwein geholt und einen tüchtigen Schluck genommen.

Man kann Melanies allerersten Versuch mit Frankfurter Apfelwein nicht unbedingt als Erfolg bezeichnen, aber immerhin hatte sie es damals geschafft, den unerwartet herben Speierling nicht auszuspucken. Oh Himmel, hatte sie gedacht, was ist das denn für eine Stadt, in der alle Leute dieses Gesöff trinken! Sie würde diese Frankfurter Spezialität erst langsam lieben lernen.

Nicht erst lieben lernen musste sie allerdings den Main, die Skyline und das interessant-skurrile Bild, das die Stadt manchmal bot. Als sie an diesem ersten Wochenende zum ersten Mal über den Eisernen Steg ging, war sie sofort fasziniert von der Aussicht und murmelte unwillkürlich: „Wie schön!“. Auf der einen Seite die Hochhäuser mit ihren blinkenden Fassaden, auf der anderen der Blick auf den Dom, die Dreikönigs-Kirche und das Main-Plaza-Hotel mit seinen goldenen Spitzen. Wenige Tage später fotografierte sie den uralten Eschenheimer Turm, hinter dem sich ein glänzendes Hochhaus abzeichnete. Diese Gegensätze begeisterten sie noch heute.

Blick über die Oberräder Kräuterfelder

Auch die Arbeit in der neu eröffneten Firmenfiliale erwies sich als angenehm: Zwar funktionierte noch nicht viel, als sie ankam, aber alle Kollegen waren mit Feuereifer bei der Sache. Gleich am ersten Freitag zeigte man der Neuen aus Berlin die Gastronomie der Stadt: In einer Apfelweinkneipe mit dem merkwürdigen Namen „Kanonesteppel“ bekam sie das erste Mal grüne Soße zu essen, die ihr im Gegensatz zum faulig riechenden Handkäs hervorragend schmeckte. Später zeigte man ihr Alt-Sachsenhausen, von dessen Fachwerkhäusern sie zunächst begeistert, von der Ballermann-Atmosphäre jedoch abgestoßen war. Der Abend endet in einer Kneipe in der Nähe des Bahnhofs, dem Moseleck, wo sich allerhand bunte Überbleibsel der Nacht trafen und miteinander feierten. Melanie fühlte sich unerwartet wohl.

Am nächsten Morgen erwachte sie neben einem Kollegen, mit dem sie bislang noch kaum zu tun gehabt hatte. Er hieß Mischael, mit dem weischen hessischen sch, das sie so drollig fand. Mischael hatte eine winzige Wohnung in der Mailänder Straße, im elften Stock eines riesigen Wohnsilos. Dass Melanie dieses Appartement später so oft besuchen sollte, lag nicht nur am fantastischen Skylineblick.

Melanie hatte nie eine Beziehung zu einem Kollegen haben wollen, sowas brachte nur Unheil. „Never fuck the company“, lautete ihr Motto. Es war ihre Schwester, die sie schließlich darauf aufmerksam machte, dass ihre Beziehungen außerhalb des Kollegenkreises allesamt auch nicht von Erfolg gekrönt gewesen waren – das Muttersöhnchen Wolfgang war nur einer aus einer ganzen Reihe von Fehlgriffen gewesen. Es hatte noch einen Bernd gegeben, der frei nach der Devise lebte: „Hauptsache gesund und die Frau hat Arbeit.“ Und dann war sie mit Jonas zusammen gewesen, der irgendwann fand, dass er zu jung für sie sei – und dabei war er 12 Jahre älter als sie. Und Thomas, Heiko, Wieslaw … alles Abenteuer, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Agonie endeten. Nun also „Mischael“, der Kollege – na gut.

Blick vom Euro-Tower

Melanie lebte sich ein. Nach wenigen Monaten war sie öfter in der Mailänder Straße als am Hasenpfad, und irgendwann stand der Abschied im Raum. Dabei war ihr Aufenthalt in Frankfurt schon um volle sechs Monate verlängert worden. Sie fühlte sich zerrissen. Sie wollte nicht in Frankfurt bleiben, dass hatte sie doch nie gewollt. Aber eine Fernbeziehung hatte sie auch nie gewollt. Das Einzige, was sie aktuell wirklich gerne loswerden wollte, war diese Läusebude im Hasenpfad. Was also tun?

Wieder war es ihre Schwester, die ihr einen Tritt gab: „Suche dir halt einen neuen Job, wenn du anders nicht bleiben kannst. Es gibt doch genug da!“ Kündigen, etwas Anderes machen? Melanie hatte noch nie woanders gearbeitet. Aber die Schwester hatte recht: Eine neue Stelle würde alle ihre Probleme lösen. Sie ließ sich also überzeugen.

Genau ein Jahr, nachdem Melanie in Frankfurt angekommen war, nahm sie morgens einen anderen Weg zur Arbeit: Sie fuhr nicht mehr in die Bürostadt in Niederrad, sondern ins Bankenviertel, stieg an der Taunusanlage aus und lief den Rest bis zu einem silberglänzenden Bürogebäude, wo sie jetzt bei einer Versicherung arbeitete. Sie lernte unglaublich viel, genoss jeden Tag die Aussicht aus ihrem Büro und merkte, dass ihre Erinnerung an Berlin blasser wurde.

Sie suchte sich eine neue Wohnung. Und ohne, dass sie zuvor lange darüber gesprochen hatten, zog Michael mit ihr dort ein. Wieder war es ein großes Haus, dieses Mal mit Blick auf die Oberräder Kräuterfelder auf der einen und den Stadtwald auf der anderen Seite. Frankfurt war eine grüne Stadt, das hatte sie früher nicht gewusst. Der Stadtwald war so groß, dass man von Offenbach bis zum Flughafen laufen konnte. Und auch andere Stadtteile hatten viel Grün zu bieten: Im Günthersburgpark fand alljährlich ein buntes Kulturfestival statt, das Stoffel, und selbst im Palmengarten gab es ein großes Kulturangebot. Frankfurt und Kultur – auch das hatte sie früher nicht miteinander verbunden.

Schloss Höchst, Frankfurt

Was hatte sie denn überhaupt gewusst, als sie hierherkam, oder was erwartet? Eine Betonwüste, in der man auf jedem Meter über einen am Boden liegenden Junkie oder Bettler stolperte, und dass man beklaut wurde, sobald man das Haus verließ, das war ihre Vorstellung von Frankfurt gewesen. Und ganz von der Hand zu weisen war das natürlich auch nicht: Als sie und Michael gestern am Bahnhof auf den Zug gewartet hatten, der ihre Gäste aus Berlin bringen sollte, waren sie allein am Bahnsteig vier Mal angebettelt worden. Im Untergeschoss des Bahnhofs roch es wie in einem schlecht gepflegten Männerklo und abends vermied Melanie es, am Hauptbahnhof umzusteigen. Längst hatte sie es sich angewöhnt, Handy und Geldbeutel verborgen unter etlichen Schichten Kleidung direkt am Körper zu tragen, und an ihrer Wohnungstür waren zwei Schlösser, die sie beide immer gewissenhaft verriegelten. Nicht alles war schön in Frankfurt, aber wo war es das schon?

Sie hörte, dass jemand energisch ein leeres Apfelweinglas auf den Tisch stellte, und erwachte aus ihren Gedanken. Ihre Schwester war es, die auffordernd in die Runde blickte: „Also ich würde noch einen nehmen. Noch jemand?“ Alle wollten, und so gingen die Schwester und der Schwager gemeinsam los, um nochmal vier große sauer Gespritzte und zwei Brezel zum Teilen zu holen.

Michael grinste Melanie an. „Weißt du, woran ich die ganze Zeit denken muss?“ Sie schüttelte den Kopf. Er zeigte auf den Flohmarktstand direkt hinter der letzten Bierbank. „Der schäbige Sessel da hinten sieht aus wie deiner damals am Hasenpfad. Erinnerst du dich noch an deine schauerliche kleine Wohnung da?“ Sie drehte sich um und fand den Sessel. „Oh ja, stimmt. Drollig – ich habe auch gerade an diese Zeit gedacht. Acht Jahre ist das her, dass ich da eingezogen bin.“ „Ja, und du wolltest nur ein paar Monate bleiben. Vielleicht sollten wir den Sessel kaufen, als Symbol für die Frankfurter Beständigkeit.“ „Untersteh dich, dieses hässliche Teil in unsere Wohnung zu stellen! Der ist selbst für den Keller zu alt. Dann lieber ein paar Ado-Gardinen!“

Jemand setzte ein volles Glas vor Melanie ab, und nach einem kurzen „Prost“ in die Runde nach Melanie den ersten Schluck. Ach ja, kalt war er und so erfrischend säuerlich – was war das doch gut. Inzwischen liebte sie Apfelwein. Nur die hässlichen Bembel dazu, die sie noch immer an den Blauen Bock mit Heinz Schenk erinnerten, die kamen ihr nicht ins Haus.

„Frankfurter Pfännchen“ in der Hesse-Wirtschaft – eine typische Frankfurter Untertreibung

Ablesetag

Diese Geschichte entstand im „Schauerkurs“, also einem Kurs über Schauerliteratur, den ich Ende Februar gemacht habe. Sie ist in Teilen autobiografisch, genau genommen bis zur ersten Hornisse. Und da in der letzten Woche wieder der Ableser zu mir kam, scheint mir der Zeitpunkt passend.

Ablesetag

Jahrelang wohnte ich am Goldbergweg. Es war eine schöne kleine Wohnung, von den Vermietern liebevoll gewartet und in Schuss gehalten. Die Nachbarschaft war in Ordnung, die zumeist älteren Leute lebten größtenteils für sich. Dennoch reichte es immer zu einem kleinen Schwatz im Treppenhaus, die Atmosphäre war distanziert, aber freundlich.

Es passierte nicht viel Aufregendes in diesem Haus. Es galt schon als Skandal, wenn jemand die Mülltonnen falsch befüllte – Papier in den Restmüll oder Bio zum grünen Punkt. Dann wurde der Hausmeister tätig und hängte Zettel auf, mit denen das korrekte Vorgehen nochmal erklärt wurde. Ähnliche Zettel kündigten auch die gemeinsamen Sperrmülltermine an, die Sanierung des Aufzuges oder den alljährlichen Besuch des Heizungsablesers.

Der nette Herr von unserem Ablesedienst kam immer kurz vor Weihnachten, gerne zu solch unkommoden Zeiten wie „Montag zwischen 11 und 13 Uhr“, also so, dass es einem Berufstätigen unheimlich schlecht passte. So war es auch in jenem Jahr, dem letzten, in dem ich in dieser Wohnung wohnte.

Ich hatte mir den Nachmittag freigenommen, um den Ableser empfangen zu können. Er war pünktlich, wirkte aber angeschlagen und irgendwie nicht gesund. Ich bot ihm einen Stuhl und eine Tasse Kaffee an, was er beides dankend annahm. Und er hatte offensichtlich Gesprächsbedarf: „Ach, Frau M., wenn doch nur alle Kunden so wie Sie wären! Dann wäre ich so dankbar!“

Ich guckte wohl etwas dumm , denn für eine Tasse Kaffee und einen Sitzplatz erwarte ich in der Regel keine besonderen Dankesbezeugungen. Und sonst hatte ich in den vergangenen acht Jahren diesem Mann gegenüber nichts Besonderes geleistet. Ich fragte deshalb nach: „Mussten Sie sich heute ärgern?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ärgern nicht direkt. Aber dieser Zustand. Bei Ihnen ist immer alles so schön sauber und ganz normal, bei anderen dagegen – ach, ach!“

Er nahm einen Schluck Kaffee, während ich mich zweifelnd in meiner nur semi-aufgeräumten und schon lange nicht mehr entstaubten Wohnung umsah. „Finden Sie es so ordentlich hier?“ Er zuckte die Schultern. „Naja, so ganz normal halt, eine normal genutzte, gemütliche Wohnung. Guter Durchschnitt, würde ich sagen. Bei Ihrem Nachbarn dagegen – ach du je! Aber das darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen.“

Nun war ich natürlich neugierig geworden. Es wohnten nur drei Parteien auf unserem Flur, ein älterer Flur links, ich in der Mitte, ein altes Ehepaar rechts. Bei den beiden war alles wie geleckt, es konnte sich also nur um den Herrn zur Linken handeln. „Bei Herrn F?“, fragte ich. „Was ist denn da?“ Der Heizungsmann hatte scheinbar nur auf diese Frage gewartet, denn er legte sofort los: „Da wird es von Jahr zu Jahr schlimmer! Zuerst war es nur unaufgeräumt, jetzt habe ich schon Angst, irgendwo anzustoßen – nicht, dass da Tiere rauslaufen!“ Er trank den Rest vom Kaffee, während er unbewusst mit den Beinen strampelte, so als müsse er Ratten abschütteln.

Ich war verblüfft. Ja, der alte Mann neben mir war kein Muster an Pflege und wirkte stets etwas ungewaschen, aber für verlaust hielt ich ihn nicht gerade. Trotzdem setzte sich der Gedanke in mir fest und ich träumte von allerlei Ungeziefer. Am nächsten Tag kam ich von der Arbeit heim und hatte ein riesiges Fluginsekt in meinem Badezimmer. Ich schlug mit dem Schlappen drauf und erforschte die zoologische Zugehörigkeit des Tieres: Wikipedia stellte mir den geflügelten Genossen als Hornisse vor. Der Größe nach zu urteilen war es eine Königin, wenn nicht sogar eine Kaiserin. Seltsam, sollte die nun nicht im Winterschlaf liegen? Egal, nun war sie hin.

Hornisse, Bild aus den Wikipedia Commons, zur Verfügung gestellt von Christian Olsen

Am nächsten Abend hatte ich noch zwei Hornissen, wieder im Bad. Außerdem ein paar seltsame Kriechkäfer, die sich nur in der Gruppe fortbewegten. Ich ermordete die Hornissen und saugte die Käfer weg. Während ich das tat, fiel mein Blick immer wieder auf die Lüftungsschlitze, die auf einen gemauerten Schacht hinausführten und dafür sorgen sollten, dass mein kleines, fensterloses Innenbad nicht schimmelte. Wie war das wohl mit der Nachbarwohnung, führten da wohl genau solche Schlitze auf eben jenen Schacht? Nach einigen Überlegungen klebte ich mit braunem Paketklebeband ein Handtuch über meine Lüftung.

In dieser Nacht wurde ich wach und wollte auf die Toilette. Schon im Flur hörte ich ein seltsames Knacken und Rascheln. Ich riss die Tür auf und machte gleichzeitig das Licht an. In dieser Sekunde sah ich unzählige winzige Wesen in den Ecken und unter den Schränken verschwinden. Mein rosa Handtuch hing sackartig ausgebeult vor dem Luftschacht, oben war das Klebeband abgerissen und einige haarige Beine drängten energisch nach draußen. Ich knallte die Tür zu, verstopfte die Ritzen mit meiner Bettdecke, rannte zu meinen Nachbarn zur Rechten und alarmierte von dort die Feuerwehr. Zuerst nahm man mich dort nicht ernst, aber ein hysterischer Anfall bewirkte, dass sie doch anrückten und gleich einen Notarzt mitbrachten.

Das war die letzte Nacht, in der ich in dieser Wohnung schlief. Angeblich räumte die Feuerwehr mit Hilfe mehrerer Kammerjäger den Ungezieferherd im Schacht schon am nächsten Tag komplett aus und räumte auch die Wohnung meines Nachbarn, doch nachdem ich die Traumabehandlung in der psychiatrischen Klinik überstanden hatte, zog ich in eine andere Wohnung: Eine ohne Schacht und ohne älteren Herrn in der Nachbarschaft.

Die Weihnachtszwölfe

15. November, Arbeitsamt

„Was, sagten Sie, haben Sie für eine Qualifikation?“ Arbeitsberater Schlüter sah etwas befremdet über den Rand seiner Lesebrille hinweg auf die Kundin mit der wilden roten Lockenfrisur. Der Tag war lang gewesen, nur Verrückte unterwegs, allmählich glaubte er selbst schon fast an Wahrsagerei und das fliegende Spagettimonster. „Ich habe einen guten Abschluss von der Hochschule für Wunder und Magie. Ich bin zwar Berufsanfängerin, aber hoch motiviert, innovativ und teamfähig.“ Schlüter räusperte sich. „Und, ähem, wo, glaube Sie, können Sie ihre Fähigkeiten am besten einsetzen? Nur, dass ich weiß, was ich bei der Stellensuche einsetzen muss.“ Die große, füllige Frau ihm gegenüber sah ihn selbstbewusst an, eigentlich wirkte sie nicht durchgeknallt, sondern nett und vernünftig. „Nun, ich kann kleine Wunder vollbringen, große auch, aber das dauert etwas länger. Ich kann Menschen glücklich machen, einzeln oder in der Gruppe, und ich kann auf Einhörnern reiten.“ Schlüter seufzte. „Auf Einhörnern, aha, soso. Ja, das sind ja sehr kräftige Tiere. Dann wollen wir mal gucken …“

Bild zur Verfügung gestellt von Gerhard Frassa / http://www.pixelio.de

Nur, um der Dame das Gefühl zu geben, er nähme sie ernst, tippte er etwas in den Computer. Diese arme Frau war eine Kandidatin für die Nervenheilanstalt, das merkte man schnell. Doch er wollte ihr die Würde nicht nehmen und bemühte sich daher nach Kräften, höflich zu sein. Umso erstaunter war er, als er das Ergebnis auf seine eigentlich sinnlose Suchworteingabe sah: Es wurde tatsächlich eine Stelle angeboten. Befristet auf einige Wochen zwar, aber man brauchte einen Nachweis für magische Fähigkeiten, und bei guter Leistung winkte eine Dauerstellung. Ein Kollege hatte das Angebot geprüft und als seriös eingestuft. „Da habe ich was für Sie“, rief Schlüter aufgeregt, riss das Papier aus dem Drucker und knallte einen Stempel darauf. „Dort können Sie sich morgen vorstellen!“

16. November, Arbeitszimmer vom Weihnachtsmann

Die drei Herren sahen irritiert auf die Frau vor ihnen. Sie brauchten dringend Personal, sehr dringend sogar, doch die einzige Bewerberin entsprach so gar nicht dem, was sie erwartet hatten. „Ähhh, ja, und Sie, ääähhhh, Sie wollen sich also bei uns als Weihnachtselfe bewerben. Wie ich sehe, haben Sie ausgezeichnete magische Fähigkeiten und können auf Einhörnern reiten – da sollten Rentiere für Sie auch kein Problem sein. Ich weiß allerdings nicht so recht … wie soll ich das sagen … Sie sehen so gar nicht wie eine Weihnachtselfe aus.“ Die Bewerberin lachte mit lauter, tiefer Stimme. „Ja, das stimmt. Optisch bin ich keine Elfe, da bin ich mindestens eine Zwölfe. Aber es kommt doch auf die inneren Werte an, nicht auf die Optik, nicht wahr, meine Herren?“ Der Weihnachtsmann sah zweifelnd von der Frau zu seinem Kollegen, dem Nikolaus, und wieder zurück. „Ja, ich weiß nicht so recht … es gibt wahrscheinlich ein Problem mit der Arbeitskleidung … Was meinst du, Niko?“ Der Nikolaus zuckte die Schultern. „Naja, die Zeugnisse sind gut. Vielleicht können wir das Kleidchen sechs Nummern größer bestellen? Das sollte doch gehen.“ Krampus an seiner Seite sagte nichts, er starrte gierig auf das voluminöse Dekolletee vor sich. Was für eine Wuchtbrumme! Diese Weihnachtszwölfe gefiel ihm ausnehmend gut, er hatte schon immer von einer Frau mit riesiger Oberweite geträumt. Nikolaus nah ihn etwas beiseite. „Hör auf zu sabbern, Krampus“, flüsterte er ganz leise. „Wenn du diese Dame belästigst, haut sie dich um!“ „Ganz gewiss tut sie das“, antwortete die Zwölfe gelassen. Sie hatte nämlich auch eine Zusatzausbildung im Gedankenlesen.

Man einigte sich darauf, es zu versuchen. Die Zwölfe sollte sofort anfangen, der Job war bis zum 06. Januar befristet. „Aber bis zum zweiten Weihnachtstag sollten Sie nach Möglichkeit schon irgendein Wunder vorweisen, Frau Zwölfe“, erklärte der Weihnachtsmann. „Die Öffentlichkeit hat hohe Erwartungen in unsere Arbeit. Und wegen der Einkleidung …“ „Keine Sorge, Chef, da besorge ich mir irgendwas. Diese kurzen pastellfarbigen Kleidchen stehen mir ohnehin nicht, die tragen furchtbar auf. Ich finde auch, dass diese Dinger furchtbar sexistisch sind – darüber sollten Sie vielleicht einmal nachdenken.“ „Hmmm, ja, meinen Sie? Ja, vielleicht.“ Dem Weihnachtsmann kam der Verdacht, dass diese Weihnachtszwölfe ganz schön Unruhe in seinen Laden bringen würde.

01.  Dezember, Geschenkwerkstatt

„Sie hat tatsächlich einen Betriebsrat gegründet, diese Verrückte?“ Krampus lachte laut und dröhnend. „Ich sag’s euch, die hat wirklich Pfeffer. Sogar, wenn sie einem eine runterhaut, tut das irgendwie gut!“ Er knurrte wohlig. Nikolaus und der Weihnachtsmann sahen sich an, sie wussten nicht so recht, was sie von der Begeisterung des ewigen Rüpels halten sollten. „Sie ist wirklich tüchtig“, räumte Nikolaus ein und berichtete von den Wundern, die die Zwölfe schon alle vollbracht hatte: Sie hatte in einigen Familien Streit geschlichtet, so dass diese Menschen einer schönen Weihnachtszeit entgegensahen. Einer einsamen alten Dame hatte sie einen Dackel zulaufen lassen und sie anschließend mit einem kultivierten Herrn bekannt gemacht, der ebenfalls einen kleinen Hund hatte. Und vier hartherzige Geizhälse hatte sie überredet, Arbeitslosen gut bezahlte Jobs zu geben, so das auch diese Menschen sich ein paar Freuden zu Weihnachten würden leisten können. Wie sie das genau gemacht hatte, wollte der Weihnachtsmann lieber gar nicht wissen, aber Krampus war von den durchschlagenden Methoden der Zwölfe begeistert. Sie wies tatsächlich schon nach zwei Wochen die höchste Wunderdichte des Elfenschwarms auf und war zudem allgemein beliebt. Das lag auch daran, dass sie die Arbeitsabläufe der Wichtel in der Geschenkwerkstatt neu durchstrukturiert und die Ställe der Rentiere durch pure Magie so richtig aufgemotzt hatte. Und für die Elfen hatte sie die freie Kleiderwahl durchgesetzt. Man sah ihr Wirken an jeder Stelle.

Die dicke Dame als Weihnachtszwölfe

„Wir sollten ihren Vertrag schon jetzt verlängern“, fand Nikolaus und Krampus hüpfte begeistert auf und ab. Der Weihnachtsmann stöhnte. „Hast du schon mal auf dem Schlitten gesessen, wenn sie am Zügel ist? Ich sage dir, das ist kein Spaß. Ich musste Tabletten gegen Übelkeit nehmen!“ „Memme!“, schimpfte Krampus und Nikolaus lachte. „Jaja, ich weiß, du leidest. Am meisten aber am Verlust deiner absoluten Autorität, stimmt‘s, alter Freund?“ Der Weihnachtsmann schmunzelte. Wie gut Niko ihn doch kannte. Ja, es stimmte, er war ein paar Mal mit dieser impertinenten Person aneinandergeraten. Er mochte es nicht, wenn man ihn kritisierte oder ihm in seine Arbeit hineinredete, und noch weniger mochte er es, wenn man ihm mit einem Ruck die rote Mütze über das Gesicht zog, um ihn zum Schweigen zu bringen. Andererseits hatten die anderen wirklich recht, diese Zwölfe war enorm fleißig. Ein echtes Arbeitspferd, innerlich und äußerlich.

„Also gut, wir werden den Vertrag verlängern. Ich denke auch, dass wir damit schnell sein sollten – es sind schon einige andere auf sie aufmerksam geworden. St. Martin hat nach ihr gefragt, und sogar der Osterhase hat sie kürzlich zum Rührei eingeladen.“

2. Dezember, Arbeitszimmer Weihnachtsmann

„Gut, Frau Zwölfe, dann sind wir uns also einig. Sie bleiben bei uns beschäftig, das freut mich sehr. Und wie ich von den Elfen gehört habe, sind die ganz begeistert davon, dass Sie die Abteilungsleitung übernehmen wollen. Nur mit Ihrer Bitte, ausgerechnet am Heiligabend frei haben zu wollen, bin ich nicht so recht glücklich …“ Die Zwölfe nickte verständnisvoll. „Ja, ich weiß, und ich kann Sie auch gut verstehen. Der Termin ist alles andere als günstig. Aber ich habe eine dringende private Verrichtung, die leider keinen Aufschub duldet, und das ist mein einziger freier Tag im Dezember.“ Der Weihnachtsmann nickte. „Also gut, dann sei es so. Nehmen Sie sich am besten alle drei Weihnachtstage frei – Sie haben es sich verdient.“

Heiligabend, Stadtcafe

Schlüter rührte nachdenklich in seinem Milchkaffee. Er ging Heiligabend immer frühstücken, das hatte Tradition. Früher war er mit seiner Frau gegangen, doch sie hatte ihn vor drei Jahren verlassen. Weil er langweilig war, ernst und pflichtbewusst, und weil sie sich das Leben anders vorstellte als er. Er war halt wie er war, ein Beamter ohne besondere Ambitionen. Noch während er seinen trüben Gedanken nachhing, hörte er, wie der zweite Stuhl an seinem Tisch hervorgezogen wurde. „Ist hier noch frei?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, plumpste eine dicke rothaarige Frau mit unordentlicher Frisur ihm gegenüber nieder. Er sah sie verblüfft an – das war doch die mit der magischen Macke und den Einhörnern? Sie lachte ihn an, das Lachen machte ihr rundes Gesicht hübsch.

„Erinnern Sie sich noch an mich? Sie haben mir einen Job vermittelt, als Weihnachtselfe. Und das, obwohl Sie dachten, dass ich spinne.“ Schlüter war verlegen. Offenbar hatte die Frau ihm seine Gedanken damals ansehen können. „Nein, ich kann Gedanken lesen“, korrigierte sie seine nicht ausgesprochenen Worte. „Und ihre Gedanken waren das Netteste und Fürsorglichste, das mir seit langer Zeit passiert ist. Wissen Sie, es ist nicht schön, mit einem Diplom in Magie vor einem Sachbearbeiter zu sitzen und ausgelacht zu werden. Da fühlt man sich irgendwie schutzlos, fast nackt. Sie aber haben mich mit Respekt behandelt und haben sich ehrlich über das Stellenangebot gefreut. Das habe ich nicht vergessen.“ „Ich habe Sie auch nicht vergessen“, entfuhr es ihm, bevor er darüber nachdenken konnte. Aber warum hätte er auch schweigen sollen, wenn sie ohnehin seine Gedanken lesen konnte? „Stimmt, verheimlichen können Sie mir nichts. Und deshalb weiß ich auch, dass Sie gar keine Lust haben, für heute Abend die traditionelle Weihnachtsgans in den Ofen zu schieben, weil Sie keine Lust haben, sie alleine zu essen. Was halten Sie denn davon, sie mit mir zu essen?“ Schlüter war verwirrt. Was passierte denn hier gerade? Er, der langweiligste Mensch der Welt, wurde angebaggert, aber wie. Und das von einer richtigen Wuchtbrumme! Er musste lächeln. „Das scheint mir eine gute Alternative zu einem Abend mit Dosenravioli zu sein.“ Die Weihnachtszwölfe lachte rau und herzlich. „Das ist zwar nicht das tollste Kompliment, das ich jemals bekommen habe, aber es ist ein Anfang.“

Im Labyrinth

Die folgende Geschichte schlummert schon eine ganze Weile auf meiner Festplatte. Sie schien mir etwas zu lang für den Blog zu sein, andererseits gibt es da auch schon auch längere. Und da ich sie schon ein paar Mal auf Lesungen mithatte und sie gerade als Gute-Nacht-Geschichte immer gut ankam, erscheint sie heute doch hier – viel Spaß damit.

Im Labyrinth

Das laute Schnarchen neben sich hatte Katja ungewöhnlich früh aufwachen lassen. Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte sie ohnehin kaum geschlafen. Die erste Nacht mit ihrem neuen Freund Ludwig, und sie war unruhig gewesen wie vor einer geplanten Gehirnoperation. Dabei war der Abend durchaus romantisch gewesen: Ludwig, ein Abkomme von echtem altem Adel, hatte ihr das Familienschloss gezeigt und anschließend im Kaminzimmer ein leckeres Essen serviert. Leicht angetrunken und in bester Laune war sie ihm ins Schlafzimmer gefolgt, wo ihr Galan zu ihrem Verdruss erst ewig im Bad herumgemacht hatte, dann im Dunklen hereingeschlichen und sofort eingeschlafen war. Katja hatte ihren Ärger geschluckt und versucht, ebenfalls zu schlafen.

Zugegebenermaßen kein Schloss, sondern das alte (Museums-) Gefängnis in Cork.

Sie war jedoch nicht recht zur Ruhe gekommen. Ludwig war ein unruhiger Schläfer, der schnarchte und sich viel bewegte. Er roch auch seltsam – der leichte Duft seines Rasierwassers, den sie so mochte, war verflogen. Und immer wieder hatte Katja an die mahnenden Worte ihrer Freundin Annika gedacht, die gemeint hatte, dass mit Ludwig irgendetwas nicht stimmen würde. Was genau, das wusste sie auch nicht, aber sie hatte behauptet, dass Ludwig zu oft neue Freundinnen abschleppen würde, um ein wirklich netter Kerl zu sein. „Erinnerst du dich nicht? Die Brasilianerin, die mit uns im Marketingseminar gesessen hat, und die kleine rothaarige Irin, die letztes Semester abgebrochen hat, wie hieß die noch? Jane?“ „Kate“, hatte Katja berichtigt und abgewiegelt. „Es ist doch kein Wunder, dass er mit denen nicht mehr zusammen ist. Die sind doch zum Semesterende gegangen.“ Katja fand nichts Verwerfliches daran, während des Studiums wechselnde Freundschaften zu haben. Sie wollte sich doch auch austoben, warum sollte ein Mann nicht das gleiche Bedürfnis haben? Und Ludwig war immer nett und höflich gewesen, und lustig war er noch dazu.

Ja, lustig war er auch gestern Abend gewesen. Nur als Katja überlegt hatte, nach dem Essen doch noch nach Hause zu fahren, hatte er etwas ungehalten gewirkt. „Natürlich bleibst du hier“, hatte er nur gesagt und ihr noch Wein nachgeschenkt. Katja hatte sich etwas darüber geärgert, aber nur ganz kurz. Dann hatte sie mit ihrem Ludwig angestoßen und sich auf die Nacht gefreut. Diese Nacht, in der sie neben dem schlafenden, grunzenden Ludwig kaum Ruhe bekommen hatte.

Katja schielte auf ihr Handy – gleich fünf Uhr. Sie musste zur Toilette und krabbelte aus dem Bett. Das Bad fand sie leicht, es war direkt am Schlafzimmer. Es war riesig und Katja musste lächeln: Was für ein Unterschied dieses altehrwürdige, aber komplett sanierte Schloss doch zu ihrem Zimmerchen im Studentenwohnheim darstellte. Und wie angenehm, so ein großes Bad zur Verfügung zu haben. Katja betrachtete sich in dem großen Spiegel. Müde und zerzaust sah sie aus. Ihre Kleider lagen jedoch ordentlich auf einem schönen Hocker, sie nahm sich ihre Unterwäsche und begann, sich anzuziehen. Ludwig schnarchte ihr zu sehr, als dass sie Lust gehabt hätte, sich noch einmal hinzulegen. Sie hörte sich das Konzert kopfschüttelnd an. Das war ja nicht auszuhalten, so wurde das nichts mit einem gemeinsamen Schlafzimmer. Vielleicht brauchte er deshalb ständig neue Freundinnen?

Katja überlegte, was sie machen sollte. Einfach zu gehen fand sie blöd, den schlafenden Ludwig zu wecken aber auch nicht besser. Schließlich entschied sie sich, ihm einen Zettel auf den Nachtkasten zu legen, riss ein Blatt aus ihrem Kalender und schrieb einen kurzen Gruß. Sie schlich sich wieder ins Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Das laute Schnarchen hörte kurz auf, als sie auf eine knarrende Parkettbohle trat, setzte aber sofort wieder ein. Sie legte den Zettel ab und wandte sich zum Gehen. Ein letzter Blick auf den schlafenden Ludwig ließ sie verblüfft innehalten: Wie dunkel die langen Haare waren, die dort auf dem Kissen lagen, und wie wellig. Drahtig fast. Hatte Ludwig nicht noch gestern helles, glattes Haar gehabt? Und war das wirklich sein Arm, der dort auf der Decke lag? Lang und kräftig ja, aber so muskulös, und vor allem so behaart? Katja schüttelte sich. Behaarte Männer hatte sie noch nie gemocht, wieso war ihr das gestern nicht aufgefallen? Das konnte doch nicht Ludwig sein – wer war das in diesem Bett?

Katja beschloss, nicht herausfinden zu wollen, wer der Schnarcher war, neben dem sie geschlafen hatte. Sie nahm ihre Tasche und schlich hinaus, lief den langen Flur hinunter, von dem etliche Türen abgingen. Sie wusste den Weg noch und ging zielstrebig auf die letzte Tür zu, öffnete sie und betrat den hübschen kleinen Salon, in dem sie gegessen hatten. Hier standen noch ihre Weingläser und im Kamin glomm ein kleiner Rest Glut. Katja durchquerte den Raum, der dicke Teppich schluckte das Geräusch ihrer Schritte. Sie verharrte kurz am Fenster und sah unten ihren kleinen Wagen im fahlen Licht des Morgens stehen: Einen alten Fiat Panda in giftgrün, der neben Ludwigs Porsche und einem großen Fahrzeug, dessen Marke sie nicht erkennen konnte, wie ein Fremdkörper wirkte. „Gleich sind wir zuhause, kleiner Frosch“, flüsterte sie dem Wagen durch das Fenster zu und betrat den kühlen Flur, der sie nach draußen bringen sollte.

Zu Katjas Überraschung war die Tür, durch die sie gekommen waren, abgeschlossen. Sie runzelte die Stirn – vielleicht hatte sie die falsche Tür gewählt? Sie entschloss sich für die daneben und kam in ein kleines Zimmer, in dem sie definitiv noch nicht gewesen war. Es war ein schlichtes kleines Arbeitszimmer mit einem Computer auf einem altertümlichen Eichenschreibtisch. Sie durchquerte den Raum und öffnete eine schmale Tapetentür – aha, da ging es weiter. ‚Was für ein Labyrinth‘, dachte Katja grinsend und ging weiter. Die Tür schloss sich mit einem merkwürdig klackenden Geräusch hinter ihr und sie sah über die Schulter zurück. Von dieser Seite war die Tür himmelblau – und sie hatte keine Klinke. Katja runzelte die Stirn. Was war denn das? Sie trat zurück und betrachtete die Tür genauer: Sie war genau in die Wand eingepasst und fast nicht zu sehen. Wäre sie hier nicht gerade hindurchgegangen, wäre sie ihr nicht aufgefallen. Ob es einen geheimen Mechanismus gab, der die Tür von dieser Seite her öffnete? Sie tastete ein wenig herum, ließ es dann aber bleiben. Sie wollte nach Hause. Es reichte ihr schon, dass sie die Nacht neben diesem wildfremden Orang Utan verbracht hatte. Wer das wohl war, Ludwigs Bruder vielleicht? Oder gar sein Vater? Egal, sie fand das Verhalten der Männer unmöglich.

Katja sah sich im blau tapezierten Zimmer um und bemerkte, dass es einen Ausgang an der gegenüberliegenden Wand gab: Eine schöne, alte Tür mit Oberlicht. Sie durchquerte sie und stand in einem etwas größeren Salon, der zwar gemütlich eingerichtet, aber kalt und ungeheizt war. Es roch auch etwas muffig, so wie früher in Omas guter Stube, die nur benutzt wurde, wenn Besuch kam. Sie lief hindurch und öffnete die zweite Tür – kam hier nun endlich eine Treppe? Erleichtert sah sie, dass sie auf einen Flur kam, an dessen Ende eine breite Treppe folgte. Sie eilte hinunter, zählte dabei wie immer routinemäßig die Stufen – ihre Freundin Annika nannte diese Gewohnheit „zwanghaft“ – und wunderte sich über ihre Anzahl: Drei Absätze mit jeweils 16 Stufen, das gab 48. Waren das gestern auch so viele gewesen? Katja dachte nicht lange darüber nach, sie wollte nach Hause und ging zu einer großen Metalltür, die zwar schwer aussah, sich aber überraschend leicht öffnen ließ. „Brandschutztür bitte geschlossen halten“ stand darauf. Katja trat hindurch und ging die beiden Stufen hinunter, die sie in einen halbdunklen Wirtschaftsraum mit Waschmaschine und Trockner führten. Die Brandschutztür fiel mit einem Knall hinter ihr zu. „Die ist dicht“, murmelte Katja und ging weiter. Schon wieder kam ein Flur – fast ein Tunnel. Dunkel war es hier, sie fand jedoch unschwer einen rot leuchtenden Lichtschalter. Die einsame Glühbirne erhellte den langen Gang nur unzureichend und Katja verspürte wenig Lust, ihn zu erkunden. Offenbar hatte ihr Gefühl sie nicht getrogen, es waren zu viele Stufen gewesen: Sie war in einem Keller gelandet. Es half nichts, sie musste zurück. Frustriert wandte sie sich wieder der schweren Metalltür zu und fand statt einer Klinke nur einen runden Knauf. Man brauchte einen Schlüssel, um die Tür von dieser Seite zu öffnen. „Was soll das?“, flüsterte sie sie zu und dann, plötzlich verärgert, rief sie es noch einmal in den Raum hinein: „Was soll dieser Mist hier?“

Beeindruckend: die hohen Bäume im Gefängnisgarten

Wütend stapfte sie in den schwach erleuchteten Gang. Hätte sie geahnt, dass sie solch einen Marsch durch dieses doofe Schloss würde machen müssen, hätte sie andere Schuhe angezogen: Der raue Zementestrich ließ ihre hohen Pfennigabsätze wie vorwurfsvoll klappern. Sie durchschritt den langen Gang mit langen, energischen Schritten, sie wollte nur noch weg. Irgendwo musste es hier doch rausgehen.

Und tatsächlich merkte sie, dass es langsam bergauf ging. Der Gang hatte eine leichte Steigung, wie eine flache Rampe. „Immerhin geht es hier nicht ins Verließ“, machte sie sich selber Mut, während sie eine neue Brandschutztür öffnete. Bevor sie sie zufallen ließ, versicherte sie sich, dass die eine Klinke hatte und dass die auch funktionierte. Dann sah sie sich um: Sie stand in einer Art Lagerraum. Hier gab es alles Mögliche: Leere Mineralwasserkisten, alte Autoreifen, Werkzeug, Blumenzwiebeln. Wahrscheinlich gehörte dieser Raum dem Hausmeister, oder wie das in einem Schloss hieß. Sie atmete tief durch. Längst hatte sie die Orientierung verloren. Wahrscheinlich würde sie um das ganze Schloss herumlatschen müssen, um zu ihrem Auto zu kommen, wenn sie erst einmal aus dem Gebäude heraus war. Sie hatte Kaffeedurst. Sechs Uhr war es inzwischen – sie rannte schon eine halbe Stunde hier herum. Und zu ihrem Verdruss war die Tür, die aus dem Lagerraum herausführen sollte, abgeschlossen.

Katja setzte sich auf eine Werkbank und dachte nach. Was sollte sie tun? Zurück in den Gang nützte ihr nicht, denn die Tür an dessen Ende hatte keine Klinke. Hier zu warten hatte aber auch keinen Sinn. Es war Samstag, gewiss hatte der Hausmeister oder Gärtner oder wer auch immer der Besitzer dieses Raumes war, frei. Sie überlegte, Ludwig anzurufen und sich von ihm hier herausführen zu lassen. Auch wenn er ein elender Schuft war, der ihr einen behaarten Fremden ind Bett gelegt hatte, war das besser, als hier auf der Werkbank zu verschmachten. Sie nahm ihr Handy heraus – es hatte keinen Empfang.

Allmählich wurde Katja wütend. Sie betrachtete die Tür, die sie von der Freiheit trennte. Die wirkte nicht besonders stabil und war aus Holz. Also gut, dann eben Vandalismus. „Selbst ist die Frau!“, motivierte sie sich und wählte aus den verschiedenen Werkzeugen etwas, das ihr unter dem Namen ‚Kuhfuß‘ bekannt war. Sie bearbeitete die Tür, brach sich zwei Fingernägel ab, fluchte wie ein Bauarbeiter und sprengte schließlich das alte Schloss der Tür. „Chakka!“ Katja rannte fast den kurzen Flur hinab, achtete aber darauf, mit ihren hohen Absätzen nicht auf dem unregelmäßigen Boden umzuknicken. Kopfsteinpflaster im Haus, das war anscheinend der unsanierte Teil des Schlosses, der Dienstbotentrakt. Am Ende des Flures eine kurze hölzerne Treppe nach oben, dahinter ein kleiner runder Raum mit einer Metalltür. Und die war zu. Richtig feste zu. Katja schimpfte wie ein Rohrspatz, rannte zurück – auf Strümpfen dieses Mal – und holte den Kuhfuß. Es war jedoch nichts zu machen, die Tür blieb zu. Fast hätte Katja geweint. Doch sie war nicht die Frau, die sich hinsetzte und heulte. Sie untersuchte den Raum: Er war fast leer bis auf eine alte Truhe und einen wackeligen Stuhl. Die Truhe war leer. Katja hockte sich darauf und grübelte. Ihr Blick fiel auf das kleine, schmale Fenster fast unter der Decke, durch die die ersten Sonnenstrahlen des Tages schienen. Ob sie da durchpasste? Sie war ja sehr schlank, und sportlich war sie auch. Aber ob sie es erreichen konnte?

Katja schob die Truhe unter das Fenster und kletterte hinauf.  Es reichte nicht, mindestens dreißig Zentimeter fehlten. Sie musterte den Stuhl. Der wirkte so wenig vertrauenserweckend, dass Katja davon absah, ihn auf die Truhe zu stellen und hinaufzuklettern. Sie wollte hier heraus, ja, aber so dramatisch, dass sie sich dabei die Knochen brechen wollte, war die Lage wohl eher nicht.

Katja erinnerte sich an das Hausmeisterzimmer – gab es dort etwas, was sie verwenden konnte? Sie lief nochmals zurück, auf inzwischen total kaputten Strümpfen, und holte zwei von den Mineralwasserkisten. Die stellte sie auf die Truhe und stieg vorsichtig hinauf. Es ging! Katja konnte das Fenster erreichen und den Griff umdrehen. Es ließ sich hochklappen. Sie klemmte den Kuhfuß zwischen Fenster und Fensterbrett, so dass sie die Hände frei hatte zum Klettern. Dann zog sie sich hinauf. Als sie den frischen Morgenwind an ihrer Nase spürte, musste sie lächeln. Sie lächelte noch, als ihr klar wurde, dass sie ihre Schuhe unten vergessen hatte. „Macht nichts, so hohe Absätze sind sowieso ungesund!“ Sie arbeitete kräftig mit den Beinen, drehte sich halb in der schmalen Öffnung und schaffte es endlich, mit den Füßen voran nach außen zu baumeln. Wie weit mochte es nach unten sein? Es hatte nicht hoch ausgesehen. Katja nahm allen Mut zusammen und ließ das Fenstersims los. Sie fiel etwa einen Meter in die Tiefe und landete weich auf einem Rasen.

Irgendwo in Brügge

Katja lachte und rieb sich ihre schmerzenden Hände an der Hose. Dann sah sie sich in dem Garten um, in dem sie gelandet war: Es war ein Innenhof mit einem Rasen, Rosenbeeten und einer kleinen gemauerten Bank. Ringsum sah sie die Steinmauern des alten Schlosses, und nirgendwo sah sie einen Durchgang.  Keine Tür, kein Tor, nichts. Nicht mal ein Fenster, das sie hätte erreichen können. Ihr wurde eiskalt, entsetzt sah sie herum. Kein Ausgang, nirgends. Panisch sah sie hoch zu dem kleinen Fenster, aus dem sie geklettert war. Es war viel zu hoch als dass sie es hätte erreichen können. Und es wurde soeben geschlossen, von einem hellblonden Mann, der danach einfach aus ihrem Blickfeld verschwand. Ludwig?

Katja wollte schreien, nach Ludwig rufen. Doch sie sah ihn nicht mehr. Hektisch sah sie herum, starrte in jedes Fenster im ersten Stock, und suchte nach ihm. Sie fand ihn nicht. Stattdessen sah sie, dass an der gegenüberliegenden Seite ein Mann an einem Fenster stand: Sicher zwei Meter groß, bärtig und mit dunkelbraunem Drahthaar stand er da wie eine Salzsäule und starrte sie an. Sie lief in Richtung des Fensters und wäre fast über etwas gestolpert, dass sich im hohen Gras verborgen hatte: Es war eine bunte Patchworktasche. Katja kannte diese Tasche: Sie gehörte Kate, der Irin, die im letzten Semester plötzlich die Uni verlassen hatte.

Der kleine große Lottokönig

Wir hatten mal wieder eine Lesung: „Märchen“ lautete das Thema. Und mir wollte so  gar nichts einfallen. Ich bat also den Workshopkollegen Robert Maier um ein Wort als Anregung und er schickte mir den Begriff „Lottogewinn“. Nun, hier ist also

Der kleine große Lottokönig

Sektgläser

Auf das Glück!

Es war einmal ein ganz normaler, unbedeutender Mann, der hieß Herr Schmidt. Er war nicht schön, er war nicht hässlich, er war nicht dumm und er war nicht klug. Er war recht kurz gewachsen und ein bisschen pummelig, und er sah gutmütig aus. Er war einfach so, wie die meisten unbedeutenden Männer sind. Und wie sie gehörte er zu den kleinen Leuten, zu denen, die nicht ganz arm sind, aber auch überhaupt nicht reich.

Herr Schmidt wohnte in einer nicht zu kleinen Wohnung in einem großen Haus. Es gab viele Wohnungen in diesem großen Haus, und in allen wohnten kleine Leute wie Herr Schmidt. Es war eine Wohngegend für kleine Leute, und viele dort hatten große Probleme.

Herr Schmidt hatte keine Probleme. Er lebte ohne Sorgen in seiner Wohnung, ging morgens ins Büro, war beliebt bei seinen Kollegen und dachte nicht allzu viel über seine Arbeit nach. Es war nämlich nicht besonders schwer, was der Herr Schmidt in dem Büro zu tun hatte: Er verwaltete Papier und Bleistifte, Druckerpatronen und Briefumschläge. Wenn jemand einen Bleistift brauchte, suchte Herr Schmidt ihm einen passenden aus und gab ihn durch ein kleines Fenster hinaus. Dann machte er einen Strich auf einer Karteikarte, und wenn er Zeit hatte, hielt er noch einen Schwatz.

Herr Schmidt hatte fast immer Zeit, und er schwatzte gern. Wenn Herr Schmidt einmal nicht da war, brach der Betrieb nicht zusammen, aber man vermisste ihn, denn sein Vertreter Herr Meier war ein alter Sauertopf. Der plauderte nicht, während er einen Bleistift aussuchte. Herr Meier war nämlich wichtiger als Herr Schmidt, zumindest fand er das, und deshalb hatte er keine Zeit. Herr Schmidt und Herr Meier vertrugen sich, ohne sich zu mögen, denn sie saßen schon seit vielen Jahren gemeinsam in einem Büro. Immer schon war Herr Meier wichtiger gewesen als Herr Schmidt, und dem war das egal.

Die Abende verbrachte Herr Schmidt zumeist zu Hause. Er ging wenig aus, denn er hatte keine Frau, trieb keinen Sport und betrank sich nicht gerne. Ab und an ging er mit Kollegen kegeln oder ins Kino, dann hatte er Spaß. Meistens aber ging er nach der Arbeit nach Hause, werkelte noch ein bisschen herum, aß dann ein paar Butterbrote und eine Tomate und sah dabei fern. Manchmal schlief er vor dem Fernseher ein und war ein wenig durcheinander, wenn er wieder aufwachte. Aber auch das bekümmerte ihn wenig.

Eines Abends, als er wieder einmal vor dem Fernseher eingeschlafen war, erwachte er davon, dass ihm jemand mit einem Stöckchen in die Seite piekste. „Hmmm?“, machte Herr Schmidt und sah sich verwirrt um. Vor ihm stand eine blonde Frau in einem seltsamen glitzernden Röckchen. Sie sah nicht bedrohlich aus, eher wie ein Funkenmariechen, doch Herr Schmidt erschrak trotzdem ein wenig.

„Wer sind Sie denn? Und wie kommen Sie hier herein?“

„Guten Abend, Herr Schmidt! Heute ist Ihr Glückstag! Ich bin Karin, Ihre gute Fee, und Sie haben einen Wunsch frei!“

„Ich, einen Wunsch? Wieso das denn?“

Karin erklärte es ihm: „Wir vergeben monatlich einen Wunsch an kleine Leute. Dieses Mal ist die Wahl auf Sie gefallen, weil Sie den Inhalt der Kegelkasse, die Sie gewonnen haben, an das Kinderdorf gespendet haben. Das täten nicht viele Leute in Ihrer Situation.“

Herr Schmidt wunderte sich, protestierte aber nicht. Einen Wunsch freizuhaben, das klang doch ganz angenehm. Aber was sollte er sich wünschen?

„Was soll ich mir denn wünschen?“, fragte er die gute Fee und die zuckte die Achseln.

„Keine Ahnung. Was können Sie denn gebrauchen, oder was wollten Sie schon immer mal haben?“

Herr Schmidt überlegte. So eine Frage wollte gut durchdacht werden, und er war kein besonders schneller Denker. Karin, die gute Fee, versuchte ihn zu beraten: ein Auto vielleicht? Aber nein, Herr Schmidt brauchte kein Auto, er hatte ja die Straßenbahn, und Parkplätze gab es hier ohnehin nicht. Dann eine größere Wohnung oder eine Einbauküche? Dafür hatte Herr Schmidt jedoch auch keine Verwendung, er kochte selten und hielt seine Wohnung für ausreichend. Die Fee hatte noch eine Idee: Wie wäre es denn mit einer schlankeren Figur? Herr Schmidt sah an sich herunter, klopfte sich das Bäuchlein und verneinte. Mit einer anderen Figur bräuchte er eine neue Garderobe, und er ging so ungern anprobieren.

Irgendwann, nach über zwei Stunden intensiver Diskussion, reifte in Herrn Schmidt ein kleiner, zaghafter Gedanke. Er fasste sich ein Herz und sprach es endlich aus: „Ich hätte gerne, wenn es nicht zu viel Mühe macht, eine nette Frau. Sie muss nichts Besonderes sein, kein Model oder so, auch zu groß sollte sie nicht sein. Nur lieb sollte sie sein, und sie sollte mich mögen.“

„Na, das ist doch mal ein vernünftiger Wunsch“, sagte Karin und notierte sich das. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Es kann aber ein wenig dauern, für richtig nette Frauen muss man manchmal Umwege gehen.“ Her Schmidt nickte und verstand.

Am nächsten Morgen dachte er kaum noch an die gute Fee, denn er nahm an, er hätte vor dem Fernseher schlafend einen Blödsinn geträumt. Fast hätte er die Episode ganz vergessen. Doch dann, an einem frühlingshaften Samstagvormittag, klingelte es bei ihm und ein netter älterer Herr kam zu Besuch. Er brachte Herrn Schmidt die Mitteilung, dass er 50 Millionen Euro im Lotto gewonnen hätte, sowie einen versiegelten Brief. Den schwachen Protest von Herrn Schmidt, der beteuerte, dass er gar keinen Lottoschein ausgefüllt habe, wischte er beiseite, ermahnte den widerstrebenden Gewinner, nicht alles auf einmal auszugeben und verschwand. Herr Schmidt saß da mit einem Verrechnungsscheck über 50 Millionen Euro und diesem seltsamen Brief. Er öffnete das Siegel und eine Wolke von Sternenstaub flog ihm entgegen. Nachdem er aufgehört hatte zu niesen, begann er zu lesen:

„Mein lieber Herr Schmidt,

vielen Dank für die anregenden Gespräche mit Ihnen sowie für Ihren sehr vernünftigen Wunsch nach einer passenden Gefährtin. Leider sind nette Frauen derzeit nicht ohne Weiteres lieferbar, sodass ich Sie bitten muss, sich Entsprechendes selber zu besorgen. Der anbei gelieferte Lottogewinn soll Ihnen dabei behilflich sein.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Suche nach einer netten Frau,

Ihre gute Fee Karin“

Herr Schmidt saß da wie vom Donner gerührt. Die Fee war also doch kein Traum gewesen. Aber was sollte er denn mit so viel Geld anfangen? Sollte er sich eine Frau kaufen, wie im Lied „Das schöne Mädchen von Seite eins“? Sollte er sich ausstaffieren wie ein Gockel, das Fett absaugen und die Lider straffen lassen, um einer Frau zu gefallen? Das gefiel Herrn Schmidt nicht. Er zahlte deshalb das Geld erst mal auf sein Girokonto ein, ignorierte die aufgeregten Anrufe seines Bankbearbeiters und lebte weiterhin sein kleines, bescheidenes Leben.

Es geschah aber gerade zu dieser Zeit, dass der Kindergarten in dem Viertel, in dem Herr Schmidt wohnte, so alt und marode wurde, dass Wasser durch das Dach lief und die Wände schimmelten. Das war schlimm, aber die Gemeinde hatte kein Geld für einen neuen Kindergarten und es wollte keinem eine Lösung einfallen. Herr Schmidt wusste, wie wichtig eine gute Bildung für Kinder ist, dachte dann an das viele Geld auf seinem Konto und kaufte ein leer stehendes Haus gleich in seiner Nähe, dass er der Gemeinde schenkte. Die Menschen in seinem Viertel freuten sich und nannten den Kindergarten „Lottokönigs Kinderparadies“. Und das freute Herrn Schmidt.

Dem Kindergarten folgten Lottokönigs Sportplatz, Lottokönigs Spielwiese und die Lottokönig-Grundschule, der Lottokönig-Park und das Lottokönig-Tierheim. Das Viertel wurde viel ansehnlicher, und die kleinen Leute in den Wohnhäusern hatten plötzlich weniger Probleme. Und das Schönste war, dass niemand wusste, wer dieser geheimnisvolle Lottokönig war, der all diese guten Taten vollbrachte, der für die Notleidenden und Obdachlosen spendete und wie ein guter Geist über das Viertel wachte. Herr Schmidt fühlte sich tatsächlich wie ein kleiner unbekannter König, der täglich sein Bad in der Menge nahm und dabei doch seine Privatsphäre genießen konnte.

Der Einzige, der eine Veränderung an Herrn Schmidt bemerkte, war der sauertöpfische Herr Meier. Der fand nämlich, dass der kleine Herr Schmidt irgendwie ein bisschen größer aussah, fast so, als würde er sich wichtiger nehmen als sonst. Und damit hatte er auch recht: Immer, wenn Herr Schmidt jetzt durch sein Stadtviertel lief, sah er mit Stolz, wie schön alles geworden war. Dieses Gefühl nahm er mit in die Arbeit, und wenn Herr Meier wieder einmal schlecht gelaunt war oder jemandem den längeren Bleistift neidete, sah er ihn tadelnd an. Das hatte er früher nie getan. Herr Meier hatte nicht mal gewusst, dass der harmlose Herr Schmidt tadelnd gucken konnte. Dass er es konnte, gefiel Herrn Meier nicht. Deshalb kaufte er sich einen unauffälligen grauen Mantel und ganz weiche Schleichschuhe und begann, den Kollegen Schmidt zu bespitzeln. Immer schlich er hinter ihm her und guckte, was er machte.

Eines Tages kam Herr Schmidt wieder einmal mit der Straßenbahn von der Arbeit und stieß beim Aussteigen mit einer Frau zusammen. Er erkannte sie nicht, aber sie erkannte ihn:

„Sie sind doch der Herr Schmidt? Ich habe sie gesehen, als Sie gestern nach Hause kamen. Ich bin Sarah, Ihre neue Nachbarin.“

Tauben Trier

Turteltäubchen

Herr Schmidt sah Sarah an und musste lächeln. Sie war nicht hässlich, aber auch nicht schön, doch sie lächelte so warm und ihre Augen leuchteten in dem schönsten Braun, das er je gesehen hatte: ein dunkles Bernsteinbraun mit goldenen Punkten. Ohne Zweifel, sie war eine richtig nette Frau. Er stellte sich vor und blickte verlegen zu Boden, als sie ihn für den Abend zum Tee einlud. Zum ersten Mal in seinem fast fünfzigjährigen Leben war Herr Schmidt nervös wegen einer Frau. Und auch Herr Meier war nervös, als er am Abend im Flur lauerte und sah, dass Herr Schmidt mit einer Flasche Wein in der Hand und im guten Hemd zu seiner Nachbarin herüber ging. Denn dass der unbedeutende Kollege ein Rendezvous hatte und er selber nicht, konnte Herr Meier kaum ertragen.

Herr Schmidt verbrachte einen schönen Abend bei Sarah, und er hatte richtig Spaß – sogar noch mehr als beim Kegeln. Das lag nicht nur an der netten Frau, sondern auch an ihren zwei wohlerzogenen Kindern, einem Jungen von acht und einem Mädchen von fünf Jahren. Sarah erzählte ihm, dass sie nie in diesem Viertel hatte wohnen wollen und dass sie die neue Wohnung nur genommen hatte, weil es hier einen schönen Kindergarten und eine gute Grundschule gab. „Eine gute Bildung ist wichtig für die Kinder, weißt du, Herr Schmidt?“ Herr Schmidt wusste das.

Von nun an traf er sich immer öfter mit Sarah, ging mit ihr aus, mal mit und mal ohne Kinder, und beauftragte irgendwann einen Handwerker, um einen Durchgang zwischen ihrer beider Wohnungen zu bauen. So lebten sie wie eine Familie zusammen und waren glücklich. Und eines Tages, als Herr Schmidt gerade am Spielplatz auf die Kinder wartete, spürte er wieder dieses Pieksen eines Feenstabs in seiner Seite. Er sah sich um und erblickte Karin, die gute Fee. Herrn Meier, der in einem unauffälligen Trainingsanzug aus dunkelgrauer Ballonseide und mit einer Schirmmütze hinter ihm stand, bemerkte er nicht.

„Und“, fragte Karin, „sind Sie zufrieden?“

Er nickte und sagte „Oh ja, besser hätte ich es nicht treffen können. Es war ja ein bisschen umständlich mit diesem Lottogewinn, aber besser so, als gar nicht.“

Karin stimmte ihm zu. „Und ist es in Ordnung für Sie, dass Sie nicht nur eine Frau, sondern auch gleich zwei Kinder geliefert bekamen?“

Wieder nickte Herr Schmidt. „Aber ja. Erst, als ich mich für den Kindergarten eingesetzt habe, wurde mir klar, wie wichtig mir Kinder sind. Das habe ich ja alles gar nicht gewusst.“

Karin wirkte beruhigt, die Sache mit den Kindern hatte sie doch ein wenig nervös gemacht. Eine letzte Frage hatte sie aber noch: „Und sind sie mit dem Geld ausgekommen?“

Eifrig nickte Herr Schmidt. „Oh ja, es sind sogar noch ein paar Millionen übrig. Wenn Sie mir sagen, wohin ich das überweisen soll, zahle ich das gerne zurück.“

Karin schüttelte den Kopf. „Oh nein, das wird nicht nötig sein. Wie ich hörte, wollen Sie bald heiraten – gönnen Sie sich doch einmal was.“ Herr Schmidt versprach, darüber nachzudenken.

Herr Meier aber bekam vor Neid einen roten Kopf und eine Gallenkolik: Herr Schmidt hatte im Lotto gewonnen und hatte den Kollegen nichts von dem Geld abgegeben! Nicht einmal davon erzählt hatte er! Statt dessen hatte er das Vermögen irgendwelchen Arme-Leute-Kindern gegeben und poussierte mit einer jüngeren Frau herum – wenn das kein Skandal war! Wie konnte jemand nur so viel Glück haben! Herr Meier beschloss, das Verhalten des Herrn Schmidt öffentlich und den Kollegen so unmöglich zu machen.

Gleich am nächsten Tag erzählte Herr Meier also jedem, der es hören wollte oder auch nicht, dass Herr Schmidt heimlich ein Lottokönig sei und dass er sein ganzes Geld für unnützes Zeug ausgegeben habe, anstatt es mit dem Kegelklub oder den Kinofreunden zu vertrinken. In irgendeinen Kindergarten habe Herr Schmidt investiert, schimpfte Herr Meier, und die Kollegen hörten aufmerksam zu.

Die Nachricht machte wie ein Lauffeuer die Runde in der Firma: Zwei Jahre lang hatte sich die ganze Stadt gefragt, wer der unbekannte Lottokönig war, der sich so für das Gemeinwohl eingesetzt hatte. Jetzt wussten plötzlich alle, dass es ihr Herr Schmidt war: Ja, sie hatten es immer gewusst, der kleine Herr Schmidt war ein ganz Großer. Und wie schön, dass er endlich eine nette Frau gefunden hatte.

Die Kollegen von Herrn Schmidt überlegten, wie sie ihm und seiner Sarah eine Freude machen konnten. Und weil ihnen nichts Besseres einfiel, richteten sie für die beiden eine Verlobungsfeier aus: Herr Schmidt tanzte mit allen Damen und Sarah mit allen Herren, nur nicht mit Herrn Meier. Den plagte schon wieder die Galle und er war zu Hause geblieben, um sich ordentlich zu grämen.

 

Nachtrag: Manchmal werde ich gefragt, warum die Leute in meinen Geschichten so heißen, wie sie heißen. Meistens hat das keinen Grund, sie bekommen halt den Namen, der mir gerade einfällt. Dieses Mal ist das etwas anders: Herr Schmidt heißt Schmidt, weil das der häufigste Name in Deutschland ist (fasst man alle gleich klingenden Namen zusammen). Und die Meiers, zusammen mit den Mayers, Maiers oder Mayers, landen auf Platz 2. Es gibt also verdammt viele Schmidts und Meiers da draußen, und ich bin trotz allem optimistisch, dass die Schmidts ein paar mehr sind.

Der Lumpensammler und die Tänzerin

Mit meinem Schreibgrüppchen „Die Frankfurter Schreibweisen“ hatte ich mal wieder eine Lesung. Dieses mal war die hübsche kleine Buchhandlung „Weltenleser“ unser Gastgeber. Hier gibt es ein schönes, ungewöhnliches Buchsortiment und eben ab und zu auch Lesungen. Da wir das erste Mal dort zu Gast waren, wählten wir uns als Thema ebenfalls den Begriff „Weltenleser“ und es entstanden sehr unterschiedliche Geschichten und sogar ein Gedicht. Ich las die Geschichte …

Der Lumpensammler und die Tänzerin

Berlitz hatte sie schon oft gesehen: Eilig, mit blicklosen Augen, war sie an ihm vorbeigehastet, das Gesicht bleich, die Lippen zusammengepresst. „Keine Zeit“, sagte dieses Gesicht, „sprich mich nicht an, ich habe keine Zeit.“ Viele liefen so herum. Wieso gerade sie ihm aufgefallen war, konnte Berlitz nicht so genau sagen. Sie hatte nichts Besonderes an sich, war vielleicht sogar etwas farblos. Auch entsprach sie nicht im entferntesten dem Typ Frau, den Berlitz in Zeiten, in denen er sich noch nach Frauen umgedreht hatte, bevorzugt hatte. Er mochte üppige Frauen mit kräftigen Rundungen, die laut und herzlich waren und lachten wie ein wieherndes Pferd. Seine Anna war so eine Frau gewesen, eine mit Mutterbrust und einer Stimme wie ein Nebelhorn. Aber Anna war nicht mehr, die Zeit mit ihr war ein anderes Leben gewesen. Nach ihrem Tod hatte auch Berlitz körperlich abgebaut, kein Wunder, schließlich war er deutlich über siebzig. Eigentlich sogar über achtzig, aber das sagte er nie, denn das klang so alt. Seit er nicht mehr richtig laufen konnte, verbrachte er seine Zeit in der Stadt, oft im Eingang zum Kaufhof. Im warmen Luftstrom stand er trocken und sicher, immer gut bewacht von einem Sicherheitsmann, der es zunächst gar nicht hatte glauben können, dass der Mann mit Rollstuhl und Kaschmirmantel nicht dort stand, um zu betteln, sondern um zu gucken: Er wollte sehen, wie das Leben vorbei lief, wollte mit dem einen oder anderen ein Schwätzchen halten und nicht alleine in seiner Wohnung sein. Bei gutem Wetter saß er am Stadtbrunnen und sah den Kindern beim Planschen zu, an kühleren Tagen aber wurde es der Kaufhof.

Wunderschöne Pfingstrosen stellten die Blumendekoration im Weltenleser dar.

Berlitz hatte noch immer einen guten Blick und ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Er hatte gemerkt, dass die unscheinbare Frau schon seit einigen Tagen nicht mehr vorbeigehastet war. Ob sie Urlaub hatte, oder gar krank war? Er dachte jeden Abend ganz kurz an sie, gerade lange genug, um sie nicht ganz zu vergessen. Und dann, eines Abends, sah er sie. Zunächst glaubte er an eine Verwechslung, denn das, was dort die Fußgängerzone herunter gesprungen kam, konnte unmöglich die gehetzte Frau sein. Sie tanzte und hüpfte, das Gesicht vom Lachen ganz hell. Und das, obwohl es regnete wie aus Kübeln. Bei einem solchen Wetter hatte Berlitz schon ganz andere Leute mit schlechter Laune gesehen. Er lächelte, nickte ihr zu und rief sie an.

„Hallo meine Liebe! Das ist ja eine Freude, Sie so zu sehen! Geht es Ihnen gut?“

Sie trat zu ihm unter das Vordach des Kaufhofs, nahm die nasse Kapuze ab und schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Aber ich versuche alles und ich lerne.“

„Sie lernen? Das ist immer gut. Was lernen Sie denn?“

„Ich lerne das Glücklichsein. Mein Therapeut sagt, man kann das üben. Lächle die Welt an und sie lächelt zurück. Durch die Stadt tanzen soll ich und dabei lachen. Und mit den Leuten reden – so wie jetzt mit Ihnen.“

Berlitz schmunzelte. „So, dann bin ich also ein Teil Ihrer Hausaufgabe. Ich fühle mich geehrt. Leider muss ich Ihnen sagen, dass ich eine einfache Aufgabe war – das gibt höchstens einen Punkt. Denn ich rede viel, gerne und fast mit jedem.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Nun, ein Punkt ist besser als keiner. Gestern bin ich leer ausgegangen. Aber jemand, der bei diesem Mistwetter durch die Stadt tanzt, fällt natürlich auf, da fragen sich die Leute, ob man vielleicht einen Sprung in der Schüssel hat.“

Berlitz nickte verständnisvoll. „Und, haben Sie?“ Sein Blick war trotz seiner leicht trüben Augen unverhohlen neugierig.

„Mein Therapeut sagt, nein. Er meint, ich sei erschöpft und hätte eine leichte Depressionsneigung, aber ohne krankhafte Ausprägung. Außerdem sei ich zu ernst und zu schüchtern und finde deshalb keinen Anschluss in dieser beschissenen Stadt.“

„Warum gehen Sie nicht zurück nach Hause?“

„Weil ich da auch keinen Anschluss hatte“, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. „Meine Eltern sind gestorben, als ich Anfang zwanzig war. Meine Schwester kriegt ein Kind nach dem anderen und mein Bruder lebt in Kanada. Und mein Freund hat sich eine Jüngere gesucht – weil eine Freundin von 30 Jahren ja auch wirklich uralt ist.“

Berlitz lachte. „Ja, da haben Sie Glück gehabt. Also damit, dass Sie den Kerl so früh losgeworden sind. Stellen Sie sich vor, das wäre 15 Jahre später passiert.“

Sie runzelte die Stirn. „So habe ich das noch nie gesehen. Das muss ich mir aufschreiben. Mein Therapeut sagt immer, man kann die Dinge von mehreren Seiten sehen und aus allem was Gutes ziehen.“

„Da hat er wohl Recht“, meinte Berlitz und dachte an Anna. Sie war gegangen, aber erst, nachdem sie über 50 Jahre bei ihm geblieben war.

„Was ist denn mit Ihnen?“, fragte sie und sah den alten Mann im Rollstuhl fragend an. Der sah wohlhabend aus, nicht so, als hätte er eine feuchte Bude. „Warum stehen Sie hier immer?“

Er lächelte und zuckte die Achseln. „Ich stehe hier, um Gesellschaft zu haben. Ich rede gerne mit den Leuten, erzähle Ihnen aus meinem Leben, etwas über die Welt. Zuhause bin ich allein. Dafür bin ich nicht gemacht.“

„Warum gehen Sie nicht in ein Heim?“ Kaum hatte sie die Frage gestellt, biss sie sich auf die Lippe. „Entschuldigung, ich wollte nicht indiskret sein.“

„Aber nicht doch, meine Liebe. Wer etwas über die Welt erfahren möchte, muss sich ihr nähern. Und es ist ganz einfach: In einem Heim gibt es nicht genug Platz für all das, was mir wichtig ist. Da bleibe ich lieber in meiner Wohnung, bezahlen einen Pflegedient und eine Haushaltshilfe und verbringe meine Tage hier mit Ahmed und Dieter vor dem Kaufhof.“

„Ahmed und Dieter?“

Er deutete auf den uniformierten Wachmann, der ganz in ihrer Nähe stand. „Die vom Wachdienst. Heute ist Dieter dran. Er hat Spätschicht. Nach Feierabend fährt er heim zu seiner Frau und den zwei Kindern. Morgen früh kommt Achmed. Er wohnt noch zuhause, obwohl er schon über dreißig ist – Tradition, wissen Sie?“

Sie nickte, obwohl sie nicht so aussah, als ob sie viel von Traditionen hielte. Dann sah sie mit einem leichten Bedauern nach draußen.

„Es hat aufgehört zu regnen. Ich denke, ich sollte nach Hause rennen – vielleicht schaffe ich es trockenen Fußes. Und Sie, bleiben Sie hier?“

„Ach, ich habe es nicht weit. Ich wohne keine fünf Minuten von hier. Aber ich gehe mit Ihnen bis zur Kreuzung.“

Berlitz startete seinen elektrischen Rollstuhl und rollte neben der jungen Frau her. Sie hatten die Kreuzung noch nicht erreicht, als ein Blitz vom Himmel zu krachen schien und gleich sie es darauf donnern hörten.

„Donnerwetter, Mädchen, die Welt geht unter. Kommen Sie, wir rennen zu mir!“ Er beschleunigte und tatsächlich rannte die Frau neben ihm her. Nach wenigen Augenblicken hatten sie einen modernisierten Altbau erreicht. Berlitz betätigte einen Türöffner, die Tür schnappte auf und sie hielt sie ihm auf.

„Falle ich Ihnen auch nicht zur Last?“, wollte sie wissen und er schüttelte den Kopf.

„Ne. Ich habe gerne mal Besuch, und solange Sie nicht bei mir einziehen wollen, sind Sie mir willkommen.“

Sie musste lachen – schon zum zweiten Mal an diesem Tag. „Nein, keine Sorge, einziehen will ich nicht bei Ihnen. Ich habe eine gemütliche Einzimmerwohnung mit Blick auf die Autobahn. Was will man mehr?“

„Ja, ein Autobahnblick ist nicht zu verachten“, bestätigte Berlitz ernst. „Da sieht man zumindest, dass die Dinge voran gehen.“

Sie hatten seine Wohnung erreicht und er öffnete die Tür. „Herzlich willkommen im Paradies des Lumpensammlers.“ Er ließ sie vorbei, machte Licht und hörte, wie sie aufgeregt die Luft einsog.

„Aber … was ist das denn?“, fragte sie und sah sich fasziniert im geräumigen Flur um. Vom Boden bis zur Decke sah sie Bücherregale, die bis in die letzte Ecke gefüllt waren. Sie sah Bücher verschiedensten Alters, Antiquarisches neben Modernem, und dazwischen die sonderbarsten Dinge: Kunstgegenstände, Schnitzereien, einige afrikanische Masken.

„Tscha“, sagte er und lächelte ein bisschen, „das ist einer der Gründe, warum ich nicht ins Heim gehe. Die anderen Gründe verstecken sich in den anderen sechs Zimmern.“

Ihre Neugier war geweckt. Begleitet von ihrem sonderbaren Gastgeber bewegte sie sich vorsichtig, fast andächtig, von Zimmer zu Zimmer. Überall gab es Bücher, Skulpturen, Interessantes und Sonderbares. Einiges nahm sie in die Hand, vorsichtig zunächst, dann immer mutiger. Und er erzählte ihr die Geschichten dazu: Wie er mit seiner Frau gereist war, wie sie gesammelt hatten, und wie viel Freude beide an den ganzen Dingen gehabt hatten. Die Stunden vergingen und natürlich hatte sie erst einen Bruchteil all dieser Schätze gesehen, die sie so sehr interessierten – fast so sehr, wie der alte Mann an ihrer Seite sie interessierte.

Das Paradies der Lumpensammlers: Bild zur Verfügung gestellt von Susanne Schmich / http://www.pixelio.de

„Ich muss gehen“, sagte sie irgendwann und klang traurig dabei. Berlitz sah auf die Uhr.

„Oh ja, es ist nach zwölf. Ich rufe Ihnen ein Taxi, Sie sollen jetzt nicht laufen.“ Sie konnte sich kein Taxi leisten, sagte aber nichts – zu klar war, dass er es bezahlen würde und keinen Widerspruch dulden würde.

„Darf ich einmal wiederkommen?“, traute sie sich zu fragen und er nickte.

„Aber natürlich, meine Liebe. Wir wissen doch noch fast gar nichts voneinander. Aber ich habe auch eine kleine Bitte.“

„Was denn?“, fragte sie ein wenig eingeschüchtert.

„Tanzen Sie noch einmal für mich. Sie haben so hübsch ausgesehen heute Nachmittag, wie Sie so die Stadt hinunter getanzt sind. Und wir haben früher so gerne getanzt, meine Anna und ich. Nun ist Anna in der nächsten Welt und auch ich tanze nicht mehr. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht daran erfreuen kann, wenn andere es tun.“

Sie war bei seinen ersten Worten bereits rot geworden. In der Tat tanzte sie eigentlich gerne, aber nur heimlich, wenn es keiner sah. Doch diesen schönen Abend würde sie mit ein paar kleinen Takten beschließen, wenn es den alten Mann glücklich machte. Fasziniert sah sie, wie er zu einem Schrank rollte und eine Geige herausholte.

„Zwar bin ich kein Teufelsgeiger, aber für den Hausgebrauch reicht es“, meinte er und stimmte eine lustige kleine Weise an. Und sie tanzte, verhalten zunächst, dann aber zunehmend entspannt. Und sie lachte – schon wieder.

„Ich danke Ihnen“, sagte er und gab ihr zum Abschied die Hand. „Verraten Sie dem alten Herrn Berlitz noch Ihren Namen?“

„Ich heiße Kristina“, sagte sie nur und wunderte sich, dass sie nicht schon vorher darauf gekommen waren, sich einander vorzustellen.

„Kristina, was für ein schöner Name. Besuchen Sie mich bald wieder, meine Liebe, und tanzen Sie für mich. Wir haben uns noch so viel zu erzählen.“

Sie verließ das Haus, als der Taxifahrer klingelte. Dieses Mal nahm sie nicht den Lift, sondern tanzte die vier Treppen nach unten. Sie freute sich auf den nächsten Besuch bei dem alten Mann. Noch nie hatte sie so einen fesselnden Erzähler erlebt, noch nie so viele interessante Dinge an einem Ort gesehen. Und noch nie zuvor war ihre Fantasie derartig angeregt worden: Was es alles gab, was man alles tun konnte, und was man alles aus Büchern herauslesen konnte! Die Wohnung des alten Mannes, das Paradies des Lumpensammlers, wie er es nannte, war für sie eine faszinierende Welt, die es zu erkunden galt. Und er selber, der Lumpensammler mit dem Stammplatz vor dem Kaufhof, war die interessanteste Person, die sie jemals kennengelernt hatte.

Berlitz sah ihr aus dem Fenster nach. Sie hatten keine Kinder haben können, Anna und er, und diese junge Frau hätte auch schon eher eine Enkelin als eine Tochter für ihn sein können. Kein Anschluss gefunden und das Glücklich sein lernen wollen, das klang alles ein bisschen verrückt für ihn. Vielleicht war sie verrückt. Aber wer war das nicht? Für Anschluss würde er schon sorgen, und wenn er sie mit Achmed vom Sicherheitsdienst verkuppeln würde. Der kam nämlich auch manchmal zu ihm, um in seinen Büchern zu lesen. Wer weiß, vielleicht passten die beiden ja zusammen? Und wenn nicht, würde sich schon etwas anderes ergeben. Da war sich der Lumpensammler ganz sicher – denn irgendetwas ergab sich immer.

Dantes Traum

Im Rahmen meines Schreibworkshops mit der Autorengruppe „Springender Punkt“ hatten wir in diesem Jahr Lesungen zum Thema Dante. Der große Meister würde nämlich in diesem Jahr 750 Jahre alt und wird entsprechend gefeiert.

Unsere Inspiration sollte die berühmte „Göttliche Komödie“ sein. Leider brachte ich es nicht fertig, das vielseitige, in Versen verfasste Werk zu lesen und scherte deshalb ein wenig aus: Viel interessanter als das Buch erschien mir Dantes Beziehung zu seiner geliebten Beatrice, mit der er nicht zusammenkam, da er schon im Kindesalter mit einem anderen Mädchen verlobt wurde. Ob Dante und Beatrice häufig zusammenkamen, wird bezweifelt, doch genau kann man es nicht wissen. Denn es könnte auch so gewesen sein:

Dantes Traum

Dante hatte wieder einmal schlecht geschlafen. Ihn plagten seit früher Kindheit schlechte Träume, die ihn wachhielten. Daher ging er nach dem Frühstück hinaus in den Garten, um ein wenig frische Luft zu schnappen, bevor sein Lehrer eintreffen würde. Dante lernte gerne, aber nach einer fast durchwachten Nacht stand ihm der Sinn noch nicht so recht nach der Literatur von Vergil oder lateinischer Grammatik.

Die Morgensonne schien mild in den Rosengarten. Es war für Mai ungewöhnlich warm in Florenz und viele der Blumen standen bereits in voller Blüte. Dante verlor sich fast ein wenig in ihrem Duft und hätte das Mädchen, das sich im Schatten eines Rosenbogens auf eine Bank gesetzt hatte, fast übersehen.

„Willst du mir nicht guten Morgen sagen, Durante Alighieri?“ Die helle Stimme Beatrices riss ihn aus seinen Gedanken und er beeilte sich, sie zu begrüßen.

„Oh, guten Morgen, Beatrice. Wie geht es dir?“

Das junge Mädchen lächelte und fächelte sich gespielt geziert mit einem Fächer ein wenig Luft zu. „Danke, sehr gut. Aber was ist mit dir? Hast du keinen Unterricht heute? Und warum siehst du so übernächtigt aus?“

Sie rückte ein wenig zur Seite und er setzte sich neben sie auf das kleine Bänkchen. „Ich habe wenig geschlafen“, räumte er ein, „ich träume manchmal schlecht. Und Unterricht habe ich erst in einer Stunde.“

„Du träumst schlecht?“, fragte sie erstaunt. „Was denn?“

Er sah etwas verlegen aus. „Ach, eigentlich nichts Besonderes. Dummes, kindisches Zeug von Dämonen und Engeln, von Menschen, die das Gesicht hinten tragen, gegeißelt werden und in der Hölle brennen.“

Beatrice sah ihn skeptisch an: „Du träumst von der Hölle? Aber wieso denn das, du bist doch gar kein Sünder, und in die Kirche gehst du auch immer!“

Dante lächelte schmerzlich: “Findest du? Ich bin mir da ja nicht so sicher. Meine Mutter sagte mir früher schon, wenn ich nicht lerne, zu gehorchen, komme ich in die Hölle. Und ich gehorche nicht immer. Diese Träume kommen wieder und wieder, schon seit Jahren.“

„Das ist ja grausig.“ Beatrice nahm für einen Moment Dantes Hand und drückte sie. „Ist es immer gleich, was du träumst?“

Er schüttelte den Kopf. “Nein, leider nicht. Dann könnte man sich ja daran gewöhnen. Aber es ist immer wieder anders, was mit den Menschen geschieht und wie die Dämonen aussehen. Es ist ein bisschen so, als wäre man in einem Labyrinth oder in verschiedenen Höhlen. Je weiter man geht, desto schlimmer wird es. Teilweise sind die Menschen im Boden festgewachsen und werden von höllischen Kreaturen gequält. Und andernorts schwimmen Menschen in Pech oder Kot.“

Beatrice drückte noch mal seine Hand und kicherte ein bisschen. „Das mit dem Pech klingt furchtbar“, sagte sie, „aber das mit dem Kot würde ich dem einen oder der anderen schon mal wünschen.“ Sie dachte dabei ganz speziell an Gemma, die Dante einmal heiraten würde. Sie kannte sie zwar nicht persönlich, fand jedoch ein Kleid aus stinkendem Mist für dieses Mädchen gerade angemessen. Dante lächelte und erwiderte den Händedruck. Er wusste genau, an wen Beatrice dachte. Auch er war nicht glücklich bei dem Gedanken, sein Leben an der Seite einer anderen Frau als Beatrice verbringen zu müssen, aber Vertrag war Vertrag. Und seine Verlobung mit Gemma war schon vereinbart worden, als er gerade einmal fünf Jahre alt gewesen war.

„Du, Dante? Hast du mal darüber nachgedacht, deine scheußlichen Träume aufzuschreiben? Vielleicht verliert es etwas von seinem Schrecken, wenn du die Dämonen beschreibst und sie so besser kennenlernst. Gewiss ist das wie mit dem dicken Metzgershund, vor dem ich mich immer so gefürchtet habe: Seitdem ich ihn kenne, ist er ganz lieb und frisst sogar die Würstchen, die ich ihm hinhalte.“

Dante schüttelte den Kopf. Mädchen kamen schon auf komische Ideen. „Oh nein, lieber nicht. Ich will mich damit eigentlich nicht beschäftigen. Und sobald die Sonne wieder scheint, werden die Dämonen vertrieben.“

Beatrice sah den Fünfzehnjährigen nachdenklich an. Er tat so stark, ihr geliebter Dante, doch als er sich vorhin unbeobachtet glaubte, hatte sie Angst und Sorge in seinen Augen gesehen.

„Aber du könntest doch Tagebuch schreiben, oder Gedichte. Männer, die Gedichte schreiben, finde ich wunderbar!“

Dante schmunzelte. Er schrieb in der Tat Gedichte und auch Tagebuch, aber alles musste er diesem neugierigen Mädchen nicht erzählen. Am Ende wollte sie noch etwas von seinen Werken lesen – das fehlte ihm noch. Er fühlte sich noch immer sehr unvollkommen und wollte keineswegs, dass jemand etwas über seine tiefsten Gedanken erfuhr. Es war für Beatrice schon eine große Auszeichnung, dass er ihr überhaupt von seinen Träumen erzählt hatte.

„Gewiss findet dein Vater für dich einen Mann, der Gedichte schreibt“, wechselte er das Thema. Doch Beatrice gab noch nicht auf:

„Vielleicht kannst du diese Höllenträume ja auch weiter schreiben: Sodass die armen Sünder irgendwann ausreichend gebüßt haben und dann, wenn sie nachweisen können, dass sie geläutert sind, doch aufsteigen in den Himmel. Vielleicht mit einem kurzen Aufenthalt im Fegefeuer, damit man ganz sicher gehen kann, dass sie es verstanden haben.“

Nun musste Dante doch lachen. Sein erster Lehrer, ein Klosterbruder, hatte ihm immer wieder vom Fegefeuer erzählt, in dem die Menschen von den Todsünden gereinigt werden. „Du meinst, wir brennen noch die sieben Todsünden aus ihnen heraus? Geiz, Hochmut, Völlerei, Neid und Zorn?“

„Das waren nur fünf!“, berichtigte ihn das Mädchen. „Da fehlen zwei. Faulheit hast du nicht gesagt. Und was fehlt noch?“

Dante überlegte. Dann fiel es ihm ein, doch war es schicklich, so etwas gegenüber einem jungen Mädchen zu erwähnen? Er sah, dass Beatrice intensiv nachdachte und selbst die Antwort fand: „Jetzt habe ich es, die Wolllust fehlt!“ Zufrieden, aber auch ein wenig kleinlaut sah sie jetzt aus.

„Was ist denn, liebe Beatrice?“

„Ich weiß nicht so recht. Ist nicht jeder von uns schuldig, in irgendeiner Weise? Bis du niemals faul oder neidisch?“ Wieder dachte sie an Gemma, und dann an Dante, und sie fragte sich, ob ihre unkeuschen Gedanken vielleicht sogar den Tatbestand der Wollust erfüllten. So ganz genau wusste sie nicht, was damit gemeint war, hatte aber so eine Ahnung.

Dante zögerte mit seiner Antwort. Faul war er eigentlich nicht, im Gegenteil, seine Lehrer lobten seinen Fleiß. Aber neidisch war er manchmal schon, und wenn er Beatrice ansah, zogen ebenfalls sündige Gedanken durch sein Gehirn. Zornig war er manchmal auch, besonders, wenn er daran dachte, dass sein Glück für eine hohe Mitgift verkauft worden war. Aber sollte er Beatrice das sagen? Es war doch nicht zu ändern.

„Ich bekenne mich der Völlerei schuldig!“, behauptete er deshalb und klopfte sich den Bauch. „Wenn es kandierte Früchte oder Käse gibt, ist mir hinterher immer schlecht, weil ich so viel davon nehme.“

Beatrice legte ganz kurz eine kleine Hand auf seinen flachen Bauch. „Dann pass nur auf, dass du kein Fettwanst wirst. Sonst wird Gemma dich nicht mehr haben wollen!“ Dann wurde sie wieder nachdenklich. „Gut, wir sind alle Sünder. Selbst die Mönche geben sich der Sünde hin, sie sind fast alle dick und rund. Wenn es das Fegefeuer also wirklich gibt, wäre es gut, wenn es nicht allzu lange dauert.“

Dante seufzte theatralisch. „Gewiss dauert es ein paar Hundert Jahre! Aber danach geht es weiter ins Paradies!“

„Und wie ist das?“, wollte Beatrice wissen.

Dante zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht. Davon habe ich noch nicht geträumt.“

Sie runzelte die Stirn: „Dann solltest du das aber mal tun. Und ich sage dir, was ich mir vom Paradies erwarte: Eine tiefe Weisheit, so dass ich nie mehr unwissend sein muss. Außerdem möchte ich dem Herrn nahe sein, seine Liebe spüren und keine Angst mehr haben müssen.“

Bewundernd sah Dante sie an. Wie klug sie war, und wie einfach und klar sie in wenigen Worten ihre Vorstellung vom Paradies ausdrücken konnte. Ihm hatten eben noch gebratene Tauben vorgeschwebt, kandierte Früchte im Überfluss und Betten so weich wie die Wolken am Himmel. Und nun kam dieses Mädchen daher und zeigte ihm, wie oberflächlich er doch war.

„Du hast Recht, Beatrice. Genau so wird es sein im Paradies. Und gewiss wird man dort von seinen Lieben erwartet, von denen, die vorher diesen schweren Weg gehen mussten.“

Sie schwiegen eine Weile. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Dante genoss diese Zeit, auch wenn sie ihn wieder mit Wehmut erfüllte: Denn nach seiner Erfahrung gab es nur eine einzige Frau, die so lange schweigen konnte, nur ein Mädchen, das nicht dumm und albern war. Und das war Beatrice. Sie würde gewiss nicht in die Hölle kommen, denn neben ihr musste jeder Teufel, jeder Dämon seine Schlechtigkeit verlieren.

„Eigentlich ist es eine Komödie“, hörte er sie sagen und sah fragend in ihr zugewandtes Gesicht.

„Was meinst du?“

„Das, was wir uns hier ausgedacht haben, ist eine Komödie: wilde Dämonen, die Menschen einpflanzen und in Kot baden, nur damit sie irgendwann gereinigt ins Paradies kommen. Stell dir das doch Mal vor: Der dicke Koch verfolgt von Höllenhunden, oder die unfreundliche Hausdame mit der komischen Frisur, kopfüber eingepflanzt. Wenn man darüber nachdenkt, ist das ziemlich komisch.“

„Meine Träume sind nicht komisch!“ Dante klang etwas beleidigt.

„Ja, weil du sie nicht weiter denkst. Du lässt dich erschrecken. Schreibe sie auf, denke darüber nach. Du wirst sehen, das wird eine Komödie. Vielleicht keine ganz Lustige, aber doch so, dass du dich nicht mehr fürchten musst.“

Dante schüttelte den Kopf. Sie hatte vielleicht Ideen, seine Beatrice. Ein Stich durchzog seine Brust, denn Beatrice war nicht die Seine und würde es nie werden. Dann horchte er auf – die Turmuhr schlug.

„Ich muss mich beeilen, ich habe Unterricht!“

Sie gaben sich zum Abschied die Hand. „Bis bald, Durante Alighieri!“

„Hab einen guten Tag, schöne Beatrice!“

Er ging über den Gartenweg zurück zum Haus. Er war ein wenig traurig, wie immer, wenn er Beatrice verlassen musste, und doch lächelte er. Eine Komödie sollte er aus seinen Albträumen machen, so etwas Verrücktes. Auf so eine Idee konnte auch nur eine Frau kommen.

 

Wolkenhimmel

Es wird mal wieder Zeit für eine längere Geschichte: Diese Kurzgeschichte entstand für eine Lesung, die unter dem Titel „Woanders regnet’s“ stattfand. „Woanders regnet’s“ ist ein Ausspruch aus Griechenland, der gerne verwendet wird, wenn Menschen aneinander vorbeireden. Ich habe mich mit diesem Thema recht schwer getan, es dauerte lange, bis mehr als nur eine Miniatur dabei herauskam. Dafür habe ich jedoch ein paar Bilder aus Frankfurt zur Illustration – auch was wert 🙂

Wolkenhimmel

Was für ein trister Tag! Elisa warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, während sie Tims Kopfkissen aufschüttelte. Grau war es draußen, der Himmel bedeckt, die Luft feucht. Es war Novemberwetter, in jeder Hinsicht, und das schon die ganze Woche. Irgendwie drückte dieses grau in grau auf ihr Gemüt.

Frankfurt Dreikönigskirche

Wolkenhimmel über der Dreikönigskirche

Seufzend strich Elisa die Bettdecke zurecht und wechselte auf die andere Seite des Schlafzimmers. So machte sie es immer: Zuerst Tims Bett, dann ihres. Normalerweise mochte sie diese Zeit am Vormittag, wenn Tim schon aus dem Haus und die Kinder im Kindergarten waren. Sie brachte sie früh um acht dorthin, damit sie etwas Zeit für den Haushalt hatte. Zweieinhalb Stunden blieben ihr zwischen Kindergarten und dem Aufbruch zur Arbeit. Sie arbeitete Teilzeit in einem Laden, von elf bis sechzehn Uhr. Dann holte sie die Kinder, ging mit ihnen raus, erledigte gleich die Einkäufe. Und dann begann schon das Abendprogramm: Essen machen, Kinder waschen und ins Bett bringen. Wenn er früh genug kam, kümmerte Tim sich gerne um die Kinder und half im Haushalt. Und wenn er später dran war, hielt sie ihm das Essen warm und versuchte, ihm den kurzen Abend möglichst angenehm zu gestalten. Ihrer beider Tage waren voll: Voll mit Verpflichtungen und Arbeit, aber auch voller Freude, die die Kinder ihnen bereiteten. Immer wieder machte Elisa sich bewusst, wie froh sie sein konnte, zwei so gesunde, lebhafte Kinder zu haben.

Das Telefon klingelte. Elisa ging ran, meldete sich. Es war ihre Freundin Katja, die nur ein wenig reden wollte. Wirklich, ganz kurz nur. Elisa setzte sich ins Wohnzimmer, hörte der Freundin zu. Sie wusste, Katja hatte es schwer zur Zeit. Das Trennungsjahr lief, noch vier Monate bis zur Scheidung, und noch immer war alles völlig ungeregelt. Die Kinder, das Haus, wer kümmerte sich um was und wie viel Geld würde jeder zur Verfügung haben? Elisa hörte zu und gab Rat, was nicht so leicht war. Schließlich mochte sie auch Jan, Katjas Mann, und wollte sich nicht komplett auf Katjas Seite stellen. Es war ja niemandem etwas vorzuwerfen, fand sie, keiner hatte den anderen betrogen oder schlecht behandelt. Sie hatten sich einfach auseinander gelebt, Katja und Jan, nach acht Jahren Ehe war die Liebe am Ende gewesen. Eigentlich ein erschreckender Gedanke – wohin verschwand Liebe, wenn sie ging?

Nach guten zehn Minuten beendete Elisa das Telefonat. Sie wusste, wenn sie sie ließ, redete Katja den ganzen Vormittag. Elisa aber mochte es nicht so gerne, wenn der ganze Morgen für Gerede draufging. Sie hatte es gerne ordentlich und wollte noch ein wenig schaffen. „Katja, nichts für ungut, aber ich muss weiter. Lass uns demnächst mal was trinken gehen – vielleicht am Donnerstag?“ Der Donnerstag war Elisas freier Abend. Donnerstags kam Tim immer pünktlich heim und übernahm die Kinder. Dafür hatte er am Dienstag frei und ging mit einem Freund zum Tennis. Es war ihnen wichtig, dass jeder ein wenig freie Zeit für sich hatte und einem Hobby nachgehen konnte.

Der Donnerstag wurde vereinbart und Elisa nahm ihre Hausarbeit wieder auf. Die Wäsche war trocken und wollte gefaltet werden. Während ihre Hände arbeiteten, gingen die Gedanken eigene Wege. Wie schön, dass jeder von ihnen etwas freie Zeit hatte. Sie nahmen Rücksicht aufeinander. Es war wichtig, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Manchmal aber sagten sie einander vor lauter Rücksichtnahme nicht die Wahrheit, zum Beispiel dann, wenn Tim seine Patentante einlud – am einzigen ganz freien Wochenende in diesem Monat. Elisa war davon alles andere als begeistert gewesen, hatte Tim das aber nicht gesagt. Schließlich mochte der seine Tante Isolde. Und Elisa mochte sie auch, natürlich, Isolde war eine nette alte Dame. Sie war auf der Durchreise, wollte in irgendein Wellness-Hotel in Bad Doberan, deshalb passte es ihr zu diesem Datum so gut. Aber gerade an diesem Wochenende hätte Elisa gerne einmal Zeit mit ihrem Mann verbracht. Gesagt hatte sie nichts, schließlich wollte sie nicht als ewig unzufriedene Meckerliese dastehen, die ihrem Mann seinen Verwandtenbesuch nicht gönnte.

Sie meckerte sowieso viel zu viel zur Zeit. Zum Beispiel über Tims Socken, die er gerne abends auszog und in die Sofaecke knüllte. Das machte er schon immer so, aber früher hatte diese Macke sie nicht gestört. Jetzt murrte sie, wenn sie die Socken in die Wäschetonne brachte – konnte er das nicht selber tun? Die Kinder sollten auch lernen, aufzuräumen, und die waren noch klein. Ein fast vierzigjähriger Mann sollte doch wohl seine Socken wegtragen können? Und das war nur eine der Kleinigkeiten, die sie inzwischen an ihrem Mann aufregte.

Frankfurt Main

Wolkenhimmel über dem Main

Früher, als der Himmel noch voller Geigen gehangen hatte, hatte sie seine kleinen Eigenarten süß gefunden. Sie hatte gerührt geguckt, wenn er am Frühstückstisch eine Schweinerei mit seinem geliebten Honig anstellte. Jetzt nörgelte sie – warum nahm er denn auch immer so viel davon, und was für ein Beispiel war das für die Kinder? Sie fand es nicht mehr charmant, wenn er für sie kochte, sondern sah das Schlachtfeld, das er in der Küche anrichtete, mit den kritischen Augen derer, die es wegputzen durfte. Und seine langen Arbeitstage, früher ein Zeichen seiner Zielstrebigkeit und seines Fleißes, gingen ihr zunehmend auf die Nerven, einfach weil er ihr fehlte.

Und auch Tim veränderte sich: Früher hatte er sie oft liebevoll seine Rubensfrau genannt und ihre Rundungen zärtlich gestreichelt. Doch in der letzten Woche hatte er eine Waage ins Bad gestellt. Eine, die den Körperfettanteil messen konnte und die Muskelmasse, und die einem eine Statistik erstellte und die auf das Smartphone sendete. Er selber war schlank wie immer, er brauchte keine Waage. Elisa hatte den Wink verstanden – sie war ihm zu dick, was denn sonst. Dabei hatte sie nicht zugenommen in den letzten Jahren, ihre Kleider passten alle noch, trotz der zwei Kinder. Sie hasste diese Waage und hatte überlegt, sie in den Müll zu werfen. Aber das Ding hatte Geld gekostet, sicher nicht wenig, und das warf man nicht in den Müll.

Elisa brachte einen Stapel frisch gefalteter Handtücher ins Bad und verpasste der Waage dabei einen Tritt. „Keine Messung möglich!“, sagte eine blecherne Stimme und Elisa lächelte wehmütig. Immerhin sprach die Waage mit ihr, wenn sonst schon keiner hier war. Wobei das natürlich dummes Zeug war – Selbstmitleid. Sie rief sich zur Ordnung. Nur, weil sie heute schlechte Laune hatte und es draußen nieselte, musste sie nicht anfangen, ihr ganzes Leben in Frage zu stellen!

Damals, zu Zeiten des rosaroten Geigenhimmels, hatte sie sich nichts Schöneres vorstellen können als Hausfrau und Mutter zu sein. Dann, nach drei Jahren in Elternzeit, hatte sie wieder Lust bekommen zu arbeiten und war froh gewesen über den Arbeitsplatz gleich in der Nähe des Kindergartens. Sie arbeitete gerne dort, es machte ihr Spaß, Mode zu verkaufen. Und einen anständigen Personalrabatt gab es dort auch noch, so dass das eine oder andere hübsche Teilchen in ihren eigenen Schrank wanderte. Tim lachte immer über ihre Freude beim Kleider kaufen. Er selber zog immer einfach irgendwas an und fand es völlig in Ordnung, wenn sie ihm seine neue Kleidung mitbrachte. Komisch eigentlich, dass ihm sein Äußeres so egal war.

Das Telefon klingelte schon wieder. Tante Isolde war dran: Sie wollte gerne schon am Donnerstag kommen, erklärte sie, damit die Kinder sich an sie gewöhnen könnten. Elisa musste lächeln: Sie war schon eine Gute, die Tante Isolde, und so eine Schreckschraube, dass die Kinder langsam auf einen Besuch vorbereitet werden mussten, war sie wahrlich nicht. Sie versprach, Isolde am Donnerstag Nachmittag vom Zug abzuholen, und legte ein Lächeln in ihre Stimme. Und wirklich, allmählich freute sie sich auf diesen Besuch. Sie fand es schön, dass ihr Mann noch immer so an seiner alten Tante hing. Das zeigte ihr wieder einmal, was für ein treuer, warmherziger Mensch er doch war. Einer, der nicht einfach losließ, wenn er einmal jemanden lieb gewonnen hatte.

Wohin ging die Liebe, wenn sie erkaltete? Schon zum zweiten Mal ging diese Frage Elisa durch den Kopf, während sie die Strümpfe der Kinder sortierte und rollte. Sie wusste es nicht. Bei Katja und Jan war sie offensichtlich verschwunden, die starke Zuneigung, die sie einst füreinander verspürt hatten. Sie wollten ohne einander weiterleben. Elisa konnte das nicht verstehen: Auch wenn die Phase der wilden Verliebtheit verschwunden war, konnte und wollte sie sich ein Leben ohne Tim nicht vorstellen. Ihre Liebe war ruhiger geworden, glühte nicht mehr so heiß. Aber sie wärmte noch, gab ihr Sicherheit und Kraft. Und das, obwohl sie weniger redeten, sich seltener sahen und kaum noch Sex hatten. Sie wussten einfach, was sie aneinander hatten.

Maintower Frankfurt Horizont

Wolkenhimmel vom Maintower aus gesehen

Wohin zog sich die Liebe zurück, wenn die Routine ihr keinen Platz mehr ließ? Darüber dachte Elisa nach, während sie routiniert die Regale im Wohnzimmer abstaubte. Gut möglich, dass die Unzufriedenheit, die sie manchmal verspürte, durch ihren durchgetakteten Alltag kam. Tim ging es doch genauso: Von morgens bis abends war sein Tag verplant. Kein Wunder, dass er kaum noch Zeit fand für ein nettes Wort. Fast alles, was sie sprachen, bezog sich auf den Alltag: Die Arbeit, der Haushalt, die Kinder. Früher waren sie immer wieder ausgebrochen, hatten spontane Kurztrips nach London und Paris gemacht oder waren auch unter der Woche abends mal ausgegangen. Das hatte die Geigen am Himmel zum Singen gebracht. Doch so etwas war inzwischen alles nicht mehr so einfach, Kinder von drei und fünf Jahren konnte man ja nicht einfach in den Schrank hängen. Ein gemeinsamer DVD-Abend musste da oft reichen, und wenn sie Pech hatten, war einer von ihnen dann schon so müde, dass er beim ersten Film auf dem Sofa einschlief. So war es halt, wenn man arbeitete und Kinder hatte. Sie waren erwachsen und benahmen sich so.

Elisa war fertig mit allem. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie noch Zeit für eine schnelle Tasse Kaffee hatte. Während sie sie trank, sah sie nachdenklich aus dem Fenster: Es war heller geworden, der leichte Regen hatte ausgehört. Gewiss würde sie heute Nachmittag mit den Kindern in den Park gehen können. Es war Gummistiefelwetter – eigentlich gar nicht so schlecht. Schon der Gedanke an das Pfützenspringen mit den Kleinen ließ Elisa lächeln und ihre schlechte Laune verschwand. Als das Handy klingelte und sie Tims Namen im Display sah, lächelte sie und ihre Stimme klang warm und froh, als sie sich meldete.

„Hallo mein Tim!“

„Hallo meine liebe Elisa! Bist du noch zuhause? Was machst du?“ Tim klang ausgesprochen fröhlich.

„Hmm, ja, Kaffeetrinken.“

„Du hast es gut. Du, sag, kannst du meine graue Jacke heute noch in die Reinigung bringen? Ich habe sie gestern am Auto ganz dreckig gemacht und würde sie am Freitag gerne mitnehmen.“

„Ähh, ja, kann ich machen, klar. Aber was ist denn am Freitag?“ Elisa war verwirrt.

„Am Freitag fahren wir doch nach Bad Doberan, du Schussel!“

„Nach Bad Doberan? Du fährst mit Isolde da hin?“

Am anderen Ende entstand eine Pause. „Hä? Mit Isolde? Nein, mit Dir. Tante Isolde passt auf die Kinder auf!“

„Ach sooo …“ Elisa schluckte. Offenbar hatte sie nicht richtig zugehört, als Tim ihr die Sache mit Isolde erklärt hatte. Sie telefonierte noch ein paar Minuten mit ihrem Mann – so lange, dass sie sich beeilen musste, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. „Ich liebe dich“, sagte er zum Abschied, und sie sagte: „Ich dich auch!“.

Als sie die Wohnungstür abschloss, hörte sie aus der Nachbarwohnung einen Streit. Das ließ sie an Katja und Jan denken. Und sie lächelte, als sie den Weg zum Tor hinunterlief – ohne Schirm, denn die Wolkendecke war aufgerissen und ließ erste blaue Stellen am Himmel sehen. Elisa spürte wieder, wie gut es ihr ging. Zwar war die rosarote Geigenhimmelzeit vorbei, auch zeigten sich manchmal Wolken an ihrem Horizont. Doch die zogen immer wieder vorbei, und woanders regnete es schon lange.

Skyline Abendrot Frankfurt

Wolkenhimmel über der Skyline von Oberrad aus gesehen

Herbert

Immer wieder fallen mir Menschen auf, die in Mülleimern, Hecken oder an Bushaltestellen nach leeren Flaschen suchen. Junge und alte, ärmlich gekleidete oder ganz normal aussehende Leute. Natürlich frage ich mich, ob es wirklich alle nötig haben, das Pfandgeld zu kassieren, oder ob es für einige vielleicht nur ein Sport ist. Eine Art Hobby vielleicht.

Ich selber habe kürzlich einen ganzen Einkaufstrolley an langsam gesammelten Werken – ich habe selten Einwegflaschen – fortgebracht. Ganze 6,90 brachte mir diese Fuhre. Es muss ein mühsames Geschäft sein, auf diese Weise seinen Lebensunterhalt aufzubessern. Zumindest, wenn es kein Hobby ist.

Herbert

Er wusste, wo er heute hinmusste: Der REWE an der Goethestraße war dran. Dementsprechend hatte er seine Route geplant, als er morgens aufbrach: Er hatte die alten, bequemen Schuhe angezogen, die Tasche mit den beiden Flaschen vom Vorabend vom Haken genommen, noch zwei große stabile Tüten eingepackt und war losgegangen. Zuerst zum Sportplatz. Wenn dort abends ein Spiel gewesen war, waren die Chancen gut, dass es auch Flaschen gab. In der Tat fand er acht, eine gute Ausbeute, auch wenn zwei dieser billigen Bierflaschen dabei waren, 8 Cent das Stück, es lohnte kaum, sie zu tragen. Aber Herbert wusste, dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem ihm genau diese 16 Cent fehlen würden, wenn er diese Flaschen nun liegen ließ – also wanderten sie in die Tasche. Und Herbert wanderte weiter: Vorbei an der Haltestelle des Schulbusses. Viele Kinder warfen ihre Flaschen dort achtlos fort oder steckten sie in die Hecke. Das wäre ihm früher nicht passiert. Er hätte sie abgegeben und das Geld in Süßigkeiten angelegt. Oder gespart. Für ein neues Fahrrad. Oder neue Fußballschuhe. Aber bares Geld einfach wegwerfen – nein, das gab es nicht. Die Ohren hätte die Mutter ihm langgezogen!

Wieder drei gefunden! Das lief ja gut heute. Noch keine halbe Stunde unterwegs und schon 2,91 in der Tasche, mit den beiden von gestern. Herbert ging an der Schule vorbei, bog ab zur Kirche. Hier saßen sie oft am Abend, die Hinterteile auf der Rückenlehne der Bank, und tranken Bier oder Cola. Warum sie wohl so saßen? Seit Jahrzehnten taten sie das, die Jugendlichen, die sich an der Kirche trafen. Bequem konnte das nicht sein. Aber vielleicht cool. Herbert hatte es nie versucht, daher kannte er das Gefühl nicht, dass sich einstellte, wenn man so saß. Irgendwann würde er das einmal probieren. Aber nicht heute. Heute hatte er zu tun.

Die drei Flaschen aus der Mülltonne waren schmutzig von Zigarrettenasche. Bier mit Brause hatten sie getrunken, und einer auch Bier mit Cola. Pfui Teufel! Schmutzige Hände für 24 Cent: Aber wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Das hatte seine Mutter ihm früher schon eingetrichtert und er hatte das seinen Kindern so weiter gegeben. Mit Erfolg, sie waren zwei strebsame, sparsame junge Leute geworden. Herbert musste lächeln, als er das dachte: junge Leute. Immerhin war Bodo inzwischen 45 und Claudia 42, sie waren also nicht mehr so ganz jung. Selbst seine Enkel wurden schon groß, der Älteste war 14. Manchmal war es ihm, als würden sie allesamt die Rollen tauschen: Seine Kinder sorgten sich um ihn. „Geh doch zum Amt, Papa!“, hatte Claudia schon vor zwei Jahren zu ihm gesagt, als ihr klar geworden war, von wie wenig Geld ihr Vater lebte. Und Bodo hatte sie auch gleich angestachelt: „Es gibt einen Anspruch auf Grundsicherung, Vater. Das ist keine Bettelei, wenn du das beantragst. Das steht dir zu!“

Jaja, gewiss stand es ihm zu. Schließlich hatte er sein Leben lang gearbeitet. Als Kellner, zuerst im Café Fritze, danach im Restaurant im Hallenbad. Dort hatte er keine langen Abendschichten machen müssen und stets ein gutes Trinkgeld gehabt. Das hatte zusammen mit seinem schmalen Gehalt für ein bescheidenes Leben gereicht, die Kinder hatten es gut gehabt und Martha, die stets etwas kränklich gewesen war, hatte nicht zu arbeiten brauchen. Große Rücklagen hatten sie allerdings nicht bilden können und das wenige, das auf dem Sparbuch war, hatten sie kurz vor Marthas Tod ausgegeben: Für einen kleinen Urlaub, sieben Tage Flusskreuzfahrt auf der Donau. Ein letztes Highlight in Marthas Leben. Das Geld war gut angelegt gewesen.

Rose pink nass Blüte

Inzwischen war Herbert am Schwimmbad, der alten Mühle und dem Schnellrestaurant vorbeigelaufen – sieben Gute, zwei Bier. Ein bisschen was musste noch kommen, es war Monatsende. Also weiter zum Jugendzentrum. Wenn da noch keiner vor ihm war, konnte er dort auf reiche Beute hoffen. Und tatsächlich: sechs Plastik, zwei Bier, immerhin. Wenn es dabei blieb, wäre es okay. Mehr war natürlich besser. Aber die Tasche und eine der Tüten waren schon voll. Er konnte nicht mehr so viel tragen wie früher. Aber da hinten … seine Nase sagte ihm, dass am Tennisplatz noch was zu holen war. Vier Gute in die zweite Tüte. Und nun zum Rewe, kassieren!

Auf dem Weg zur Goethestraße fielen Herbert noch zwei Plastikflaschen in die Hände. Pfandflaschen, leider. Für die gab es weniger als für die Einwegdinger, auch wenn sie größer waren. Wer sich das bloß ausgedacht hatte? Aber egal, 30 Cent waren 30 Cent.

Im Supermarkt schon Herbert das Leergut in die vorgesehenen Automaten. Auch dafür brauchte man fast eine Ausbildung: Einweg links, Mehrweg rechts. Mehrmals wurden Flaschen wieder ausgespuckt, also etwas drehen, wieder rein. Endlich war Herbert im Besitz von zwei Pfandbons über insgesamt acht Euro und zwei Cent. Nicht viel für zwei Stunden Rennerei, aber auch nicht so schlecht. Ein schönes Zubrot, steuerfrei* und legal. Eine ehrenwerte Arbeit. Und doch schämte er sich ein wenig dafür. Deshalb ging er jeden Tag in einen anderen Markt zum Kassieren. Wie ein Alkoholiker, der seinen Schnaps immer wieder woanders einkauft und sich dabei einredet, dass niemand etwas von seinem Problem, seiner Sucht bemerkt. Und wie ein Alkoholiker versuchte auch Herbert jedes Mal, die Kassiererin abzulenken, wenn er mehr Geld heraus bekam, als er bezahlte. So auch dieses Mal: Das Päckchen Graubrot, der Käse aus dem Sonderangebot und die Dose Erbsensuppe machten nur rund fünf Euro, so dass er noch über drei Euro herausbekam. Drei Euro für das Sparschwein, für unvorhergesehene Ausgaben und Weihnachtsgeschenke. Nicht viel, aber immerhin.

„Dieses Mal bezahlen Sie mich!“, rief Herbert scheinbar erstaunt, als die Kassiererin ihm das Geld und den Kassenzettel überreichte. Diese lachte und nickte, so wie jedes Mal, wenn einer dieser Pfandsammler diesen Spruch aufsagte. Sie war eine warmherzige und verständnisvolle Frau, sie ließ sich nicht anmerken, dass sie genau wusste, dass dieser Kunde arm war, dass seine Rente nicht reichte und dass er deshalb Flaschen sammelte. Wer war sie schließlich, dass sie es sich hätte erlauben können, auf den armen Alten herab zu sehen? Sie konnte ja froh sein, wenn es ihr in einigen Jahren nicht genau so ginge.

Mit leicht schmerzenden Füßen, die kargen Einkäufe in der Tasche, ging Herbert nach Hause. Dabei dachte er an Bodo, der ihn unbedingt finanziell unterstützen wollte. „Nimm das doch an, Vater, wir geben dir das Geld wirklich gerne. 150 Euro im Monat würden dir doch weiter helfen!“ Der gute Junge. Aber wo kam man denn hin, wenn die Kinder für die Alten bezahlten? Herbert hatte diese regelmäßigen Zuwendungen abgelehnt. Und nun schmuggelten sie ihm immer wieder heimlich Geld zu: schoben ihm etwas in die Brieftasche, in die Manteltasche oder legten es in den Küchenschrank. Als ob er das nicht merke würde – er war doch nicht senil! Herbert nahm das Geld, gab es aber nicht aus. Statt dessen legte er es auf ein Sparbuch. Für sein Beerdigung, irgendwann würde es ja soweit sein. Er wusste noch gut, was das bei Martha gekostet hatte. Für die Angehörigen war sowas eine Zumutung, gerade wenn es nichts zu erben gab. Wenn er Bodos Geld ansparte, konnte er ihm diese Last also schon einmal abnehmen.

Herbert erreichte seine Wohnung pünktlich zur Mittagszeit. Im Hauseingang standen vier Flaschen, von den Guten zu je 25 Cent. Er wunderte sich kaum darüber, gewiss hatten die Nachbarn wieder einmal keine Lust gehabt, sie wegzutragen. Schon wieder 1 Euro in der Tasche, ganz ohne Mühen. Und gleich Erbsensuppe und ein Rest Vanillepudding von gestern. Ein guter Tag!

 

*Nachbemerkung: Ich erinnere mich dunkel und mit Grauen an eine längst vergangene Vorlesung im Fach Steuerrecht. Dort wurde in epischer Breite dargelegt, dass regelmäßiges Pfandsammeln, welches einen relevanten Teil des Einkommens darstellt, irgendeiner Steuer unterliegt. Das hat mich allerdings damals genau so wenig interessiert wie heute. Ich möchte es nur nicht unerwähnt lassen, damit ich mit dieser kleinen Schreiberei nicht irgendeinen braven Steuerrechtsstudenten ins Unglück stürze.

Der fallende Stern

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, alle Namen  und Örtlichkeiten wurden verändert. Auch den Schluss habe ich mir ausgedacht, hoffe aber, dass es einen Freund gibt, der die gleiche Entscheidung trifft wie der brave Roland Hackler – genannt Hacki. Denn es gibt Dinge, die kann man auch als zahlender Zuschauer einfach nicht mit ansehen.

Der fallende Stern

HerbstlaubHacki, im wahren Leben Roland Hackler, war besorgt. Draußen hörte er das Publikum. Langsam kamen sie in den Saal, Männer und Frauen, die meisten von ihnen um die fünfzig, mit wachen, intelligenten Augen hinter Gleitsichtbrillen. Hacki hörte das erwartungsvolle Summen der vielen Stimmen, der Saal war schon recht gut gefüllt. Nicht ausverkauft, aber das konnte mal an einem Mittwoch kurz vor Weihnachten auch kaum erwarten.

„Und, Hacki, wie sieht’s aus, sind wir voll?“, hörte er Dietmars Stimme. Wie immer optimistisch, wie immer vor einem Auftritt leicht angespannt.

Hacki rang sich ein Lächeln ab. „Voller als gestern, nicht ganz so voll wie am Freitag.“

Dietmar nickte. Er war zufrieden: mit der Menge der Zuschauer und damit, überhaupt auf Tour zu sein. Mit Hacki, seinem Freund und Kollegen, der hier den zweiten Mann gab und das Kabarettprogramm mit kleinen musikalischen Einlagen auflockerte.

„Fünf Minuten noch“, murmelte Hacki und trat ein Stück von der Lücke im Vorhang zurück. Hoffentlich würde es heute gut gehen. Hoffentlich konnte Dietmar dieses Mal seinen Text, verlor nicht den Faden und blieb orientiert. Und hoffentlich fand er heute seine Brille, wenn er sie brauchte, um einen Blick auf seine zahlreichen Spickzettel zu werfen. Und hoffentlich, hoffentlich, so betete Hacki, hatte sich das Desaster von gestern in Bremen noch nicht bis hier herumgesprochen. Er schloss die Augen und verkrampfte sich bei der Erinnerung an den Vorabend.

Eigentlich war alles in Ordnung gewesen, genau so wie heute. Ein freundliches, aufgeschlossenes Publikum, das sich freute, den großen Star der Kabarettbühnen und Gastgeber unzähliger Satiresendungen wieder einmal live zu sehen. „Genesen von langer Krankheit“, so hatte es vor der Premiere geheißen, und genau so schien Dietmar sich zu fühlen: Genesen. Hacki war da verhaltener: Konnte man von so einem gewaltigen Schlaganfall wirklich ganz genesen? Viele Leute glaubten an das Wunder, und auch nach der Premiere am Freitag waren die Kritiken noch liebevoll und gar nicht mal so schlecht gewesen. „Noch nicht ganz der Alte“, schrieb der Kurier, und ein anderes Blatt titelte: „Dietmar Schneider auf gutem Weg“. Nun, dieser Weg kam ihm von Vorstellung zu Vorstellung mehr abhanden. Der spielfreie Tag am Montag hatte nicht geholfen und gestern … Oh mein Gott, gestern! Hacki schüttelte sich.

Er war wie immer als Erster auf die Bühne gekommen und hatte ein Intro gespielt. Dietmar brauchte die Musik, sonst schaffte er sein 90-Minuten-Programm nicht. Es strengte ihn alles so an: das laute, deutliche Sprechen, das Sitzen auf dem unbequemen Hocker und die Wärme der Scheinwerfer. Hacki hatte also ein Intro gespielt und dann gleich noch eins, weil Dietmars Erscheinen auf der Bühne sich verzögert hatte. Das Publikum hatte nichts gemerkt, zu gut war Hackis Klavierspiel, als das sich jemand darüber beschweren würde. Und als Dietmar die Bühne betrat, lächelnd, den gelähmten linken Arm in einem weiten Ärmel verborgen und fast wie immer aussehend, da hatte man ihn mit einem kräftigen Applaus empfangen. „Warm welcome“, so nannte man das wohl.

Dietmar hatte mit seinem „Impro-Teil“ begonnen, in dem er sich auf die Örtlichkeiten bezog und die lokalen Eigenarten ein wenig auf die Schippe nahm. Sowas kam immer gut an, sowas mochten die Leute, und dass Dietmar statt von Bremen immer wieder von Bottrop sprach, nahmen sie ihm nicht übel. Das gehörte bestimmt zum Programm, schienen sie zu denken, das würde gewiss der Running Gag des Abends werden. Bottrop statt Bremen, das war ja auch wirklich lustig. Sie waren höflich, lachten und applaudierten bei jeder Pointe, die nur einigermaßen zog, und blieben erwartungsvoll.

Freundlich blieben die Zuschauer auch noch, als das erste Video eingespielt wurde, das Dietmar zuhause zeigte – ein Video, wie man sie zu Hunderttausenden auf YouTube findet. Skurrile Alltagsszenen sollten das sein, etwas, das jeder kennt. 90 Minuten waren zu füllen, das ist eine Ewigkeit für jemanden, der nur noch ein halbes Gehirn hat. Hacki hatte gleich im Anschluss an das Video einen Tusch geklimpert, so etwas wie einen Narrhallamarsch – „seht ihr, das war lustig!“ sollte das bedeuten. Und das Publikum, verwirrt, aber dem Künstler gewogen, lachte verlegen und klatschte erleichtert.

Dietmar war weiter durch sein Programm gestolpert. Nun sollte eine kleine Lesung folgen, aus dem brandneuen Buch, das er geschrieben hatte und das es zu vermarkten galt. Eine todsichere Sache eigentlich, wenn Dietmar nur die richtige Seite gefunden hätte. Statt dessen las er kurz entschlossen eine andere Stelle, die zwar überhaupt nicht ins Programm passte, sich aber gut lesen ließ. Und Hacki, der diesen Teil eigentlich mit dem melancholischen Stück „Es gibt kein Bier auf Hawai“ hätte ausleiten sollen, improvisierte und spielte eine Jazzversion von „Hoch auf dem gelben Wagen“. Das passte zwar auch nicht so recht, hatte aber Schwung. Die anschließende Videoeinspielung nutzte er, um Dietmar das heruntergefallene Mikrofon wieder am Hemd zu befestigen. Das brachte diesen derartig aus dem Konzept, dass er einen uralten Witz erzählte, sich dabei verzettelte und die Pointe versaute. Als Hacki einen vorsichtigen Blick ins Publikum riskiert hatte, hatte er in vielen Gesichtern Unglauben und Zweifel gesehen, und außerdem das, was für einen Künstler wohl das Allerschlimmste ist: Mitleid.

Rosenschale

Hacki erinnerte sich an seine eigenen Gefühle, als er von dieser geplanten Tour erfahren hatte: Drei Jahre nach seinem schweren Schlaganfall hatte Dietmar alle schwebenden Verträge gekündigt und das endgültige Aus seiner Sendung verkündet. Aus gesundheitlichen Gründen, hatte es geheißen, natürlich, dafür hatte doch jeder Verständnis. Dann hatte er sich in sein Haus an der Ostsee zurückgezogen und ein Buch geschrieben. Dieses Buch, das nun beworben werden musste – „promotet“, wie das heute hieß. Und irgendwann war er auf die Idee mit diesem Solo-Programm gekommen.

„Wird dir das nicht zu anstrengend?“, hatten viele Leute gefragt, darunter auch Hacki. Dietmar hatte gelacht. „Ich bin wieder da!“, hatte er gesagt.

Und tatsächlich war Dietmar wieder da, zumindest auf dem Papier: Das Buch war gut, da waren sich die Kritiker einig, und auch die schriftlich abgegebenen Interviews waren überzeugend. Und so hatte Dietmar sich durchgesetzt, seine Agentin hatte die Tour vereinbart. 24 Abende in 24 Städten: Hamburg, Berlin, Bremen – eigentlich überall außer in Bottrop. Und Hacki hatte zugesagt, den alten Freund zu begleiten, wider besseren Wissens. Begleitung am Piano und im Leben, um der alten Zeiten willen. „Sie sind doch ein erfahrener Mann, Herr Hackler, Sie helfen ihm da durch!“, hatte die Agentin gemeint.

24 Abende, das war doch gar nicht so viel. Vier Abende hatten sie bereits überstanden, mehr schlecht als recht, 20 mussten sie noch. 20 Abende, an denen Hacki die Feuerwehr spielen und versuchen würde, den Freund vor dem Untergang zu bewahren. Drei Mal war ihm das bereits gelungen, gestern aber, am schwarzen Dienstag, war Dietmar mit seinem Kabarettprogramm untergegangen wie eine bleierne Ente. Die Zuschauer, gebildet und kultiviert, waren höflich geblieben, hatten gelächelt und schüchtern geklatscht, doch mehr als ein Drittel von ihnen hatte in der Pause das Theater verlassen. Die leeren Plätze hatten Hacki wehgetan, der mitleidige Unterton im verschämten Beifall nach jeder Nummer ebenfalls. Drei Mal noch hatte Dietmar sein Mikrofon verloren, ohne es zu bemerken. Zwei Mal hatte er seine Brille nicht finden können und zu guter Letzt sein Wasserglas umgestoßen. Nur die Tatsache, dass das Theaterpersonal es versäumt hatte, das Glas in der Pause aufzufüllen, hatte sie vor einer größeren Schweinerei bewahrt.

Dietmar war durch die zweite Programmhälfte geirrt, immer auf der Suche nach Orientierung und dem Text. Hacki hatte geklimpert, was das Zeug hielt, an ihm lag es nicht, dass sich allmählich Trauer in den Gesichtern der Zuschauer breitmachte: Trauer um den, der doch einmal ein ganz Großer gewesen war und der sich an diesem Abend auf der Bühne selbst demontierte. Ein Gigant der Satire, dessen Wortwitz dereinst so treffsicher wie ein Präzisionsgewehr gewesen war und der nun sich selbst und seine Fans mit alten Witzen und Homevideos quälte.

„Warum tut er sich das an“, stand in den Gesichtern, die blass die Bühne hinaufblickten, und „Warum tut er uns das an?“, fragte Hacki sich an diesem Abend immer wieder. Dieser verfluchte Dienstagabend – würde es je wieder einen Dienstag geben, an dem er nicht an dieses Waterloo würde denken müssen?

Wenn sie wenigstens gepfiffen hätten, diese Leute vom Dienstags-Publikum. Aber sie blieben respektvoll, klatschten erleichtert und ganz leise, als Dietmar verkündete, dass er nun fertig sei und dass es als Zugabe, nach der niemand verlangt hatte, nun noch einen Film geben würde. Sie wirkten wehmütig und sahen sich den brav den Film an, während Dietmar von der Bühne humpelte und sich im Foyer an den Tisch setzte, um Autogramme zu geben. Auch beim Hinausgehen blieben die Menschen höflich, sparten sich jeden abfälligen Kommentar. Der eine oder andere sagte sogar ein freundliches Wort oder ließ sich ein Buch signieren. Dort im Foyer hatte Dietmar die besten Momente des Abends gehabt.

So war es gewesen, am Dienstag in Bremen. Heute war Mittwoch und sie waren in Hamburg. Neues Spiel, neues Glück – the Show must go on. Aber nur noch heute, das wusste Hacki mit einem Male sicher. Morgen würde er dem ein Ende setzen, dieses Drama beenden, auch wenn ihn das seine Gage und somit die Miete für die nächsten Monate kosten würde. „Aus gesundheitlichen Gründen“ würde diese Agentin den Rest der Tour absagen, und wenn er es ihr einprügeln musste.

„Und, Hacki, was ist, gehen wir raus?“

„Wir gehen raus, Dietmar. Hals- und Beinbruch! Und denk daran, alter Junge, wir sind in Hamburg, nicht in Hannover!“

Sie lachten und Hacki klopfte dem alten Freund aufmunternd auf die Schulter. Dann ging er hinaus, setzte sich ans Piano und begann mit dem Intro.