Aus dem Poesiealbum – Selbstachtung

Es wird mal wieder Zeit für einen Spruch aus dem Poesiealbum – die sind noch lange nicht alle „abgearbeitet“. Heute geht es also um diesen Spruch, der mir beim Durchblättern des Albums meiner Mutter gut gefiel:

Zunächst habe ich wie so oft Google befragt, von wem dieser Spruch eigentlich stammt. Ich fand als den Urheber den mir bis dato unbekannten Schriftsteller, Juristen und Reichstagsabgeordneten Albert Traeger (1830 – 1912). Ich las noch einige der wenigen Gedichte, die ich von ihm im Internet fand. Einige waren mir zu romantisch (mit der Liebe habe ich es ja nicht so), anderes fand ich aber erstaunlich vernünftig und sehr modern für seine Zeit. Der Mann war mir spontan sympathisch.

Nun zu dem obigen Spruch: Für mich beinhaltet der etwas ganz Wichtiges. Selbstachtung, dieses Gefühl ist es, dass einen aufrecht hält, auch wenn es im Leben mal nicht so läuft. Sobald das nicht mehr vorhanden ist, kann es eigentlich nur noch bergab gehen.

Nun bezieht sich der Spruch sicherlich auf beeinflussbare Handlungen, sein Ratschlag ist es, nichts bewusst zu tun, was einen die Selbstachtung verlieren lässt. Ein Verstoß gegen die eigenen Werte und Prinzipien lässt sich sicher aushalten, jeder macht mal Fehler. Wenn das eigene Fehlverhalten jedoch selber als so gravierend wahrgenommen wird, dass nur noch Scham übrigbleibt, man sich nicht mehr würdig fühlt, sich selbst zu achten, ist wahrscheinlich einer der letzen Anker im Leben herausgerissen.

Leider verlieren viele Leute ihre Selbstachtung durch Dinge, die sie selber nicht oder nur noch schwer beeinflussen können: Anhaltende Arbeitslosigkeit lassen am eigenen Wert zweifeln, Suchtprobleme oder immer wieder der falsche Partner untergraben das Selbstwertgefühl. Auch diese Leute fühlen sich nicht mehr würdig, sich zu achten – fatal, weil sie sich oft nicht alleine aus der Situation befreien können.

Ich frage mich, ob der etwa 14-jährige Heinz über diesen Spruch nachgedacht hat, als er ihn meiner Mutter ins Album schrieb, oder ob er ihn genommen hat, weil er so schön kurz und griffig war. Für mich ist er auf jeden Fall einer der besseren Sprüche, die ihren Weg ins Poesiealben fanden.

Aus dem Poesiealbum – Sei immer gut …

„Sie immer gut, doch nie zu gütig – die Wölfe werden sonst leicht übermütig.“, so scheint es im Original zu heißen. Zu diesem Spruch findet man nicht mehr im Netz, als dass es sich um ein deutsches Sprichwort handelt. Mir gefällt er gut, auch wenn mir 1980 noch nicht so ganz klar war, was er für eine Bedeutung hat und was die Stimmung irgendwelcher Wölfe mit meiner Güte zu tun haben sollte.

Irgendwann wurde mir klar, dass es ähnliche Sprichwörter gibt, die das Gleiche ausdrücken sollen und die mir vielleicht verständlicher gewesen wären: „Gibt man jemanden den kleinen Finger, nimmt der gleich die ganze Hand“. Allerdings ist dieses ebenfalls deutsche Sprichwort noch negativer von der Grundstimmung her, denn es fehlt die Aufforderung, grundsätzlich erst mal gut zu sein. Beiden gemein ist die Warnung, auf sich aufzupassen und nicht vor lauter Freundlichkeit über den Tisch gezogen zu werden.

Auch wenn ich es eigentlich schade finde: Die Botschaft des Spruches ist für mich zutiefst klug. Denn so oft bekommt man mit, dass jemand ausgenommen, seine Gutmütigkeit ausgenutzt wird, und so oft steht der, der eigentlich helfen wollte, am Ende als der Dumme da. Das sind Erfahrungen des täglichen Lebens: Wenn man bei der Arbeit aus Nettigkeit mal eine Auskunft gibt und dann, wenn man nicht aufpasst, plötzlich das ganze Projekt auf dem Tisch hat. Wenn man wo aushilft und plötzlich zum Dauerverantwortlichen werden soll. Ich denke auch an die Bekannte, die übergangsweise für ein paar Tage ihr Gästezimmer anbot und diesen „Gast“ monatelang nicht wieder los wurde.

Immer wieder sind wir gezwungen, uns abzugrenzen, lautstark „Nein!“ zu sagen – auch, wenn wir uns damit unbeliebt machen. Es ist gut, wenn man das früh genug gelernt hat, denn ansonsten kann es schwierig werden. Und deshalb bin ich zufrieden mit diesem Zweizeiler in meinem Poesiealbum, auch wenn ich damals mit den übermütigen Wölfen nichts anfangen konnte. Die Wölfe in meinem heutigen Leben halte ich notgedrungen in Schach – es hilft ja nichts!

Aus dem Poesiealbum – Ein kleines Mädchen, lieb und nett …

Dieser Spruch ist wieder so ein Wunderding, das kein Ergebnis auf Google bringt: Dem Anschein nach war er also eher ein lokales Phänomen.

Poesiealbum, Floh im Bett

Ich habe den Spruch sogar gleich zweimal in meinem Album, natürlich beide Male von einem Jungen. Allerdings ist die Gestaltung sehr unterschiedlich, der eine hat lediglich das Sprüchlein und seinen Namen eingeschrieben, der andere hat geschnörkelt und Bildchen aufgeklebt. Deshalb darf seine Seite jetzt auf dem Blog stehen.

Eingeschrieben haben die Jungs den Spruch in der 6. Klasse (1982). Ich habe ihn damals natürlich auf mich bezogen – lieb und nett – und als Kompliment gewertet, daran erinnere ich mich tatsächlich. Heute weiß ich nicht mehr so recht, was ich davon halten soll: Beide Jungens wohnten in den 80er Jahren in ganz normalen gutbürgerlichen Wohnverhältnissen, hatten also wahrscheinlich gar keine Flöhe im Bett und wussten daher gar nicht, wovon sie schreiben. Ganz zu schweigen natürlich davon, dass sie wahrscheinlich auch noch keine lieben und netten Mädchen im Bett hatten – und andere auch nicht. Sie hatten also keinen Vergleich – wie ernst konnte ein solches Kompliment also gemeint sein? Irgendwie ernüchternd, dieser Gedanke. Wie gut, dass ich darüber 1982 noch nicht nachgedacht habe.

Aus dem Poesiealbum – die Erhaltung des Menschen

Mit dem Mädchen, das mir diese Zeilen ins Album schrieb, war ich als Kind einige Jahre befreundet. Wir gingen zusammen zur Schule und spielten nachmittags miteinander. Als sie mir zu Grundschulzeiten – in der 4. Klasse waren wir damals – diesen Spruch ins Album schrieb, hielt ich den für sehr klug. Heute frage ich mich, was Nicole als Zehnjährige genau damit gemeint hat, und vor allem, ob sie eigentlich wusste, was sie damit alles hätte meinen können.

Der Zweck des Menschen

Mit diesem Satz ist mir etwas passiert, was eigentlich nur selten vorkommt: Tante Google kennt ihn nicht. Er steht in keiner Sprüchesammlung, ist anscheinend kein Zitat von irgendeinem weisen Menschen und war allem Anschein nach auch keine Parole in einer Bürgerbewegung. Ich bekomme einfach keinen vernünftigen Treffer. Hat die Freundin ihn sich damals vielleicht ausgedacht, oder stand er in irgendeiner Zeitung? Mysteriös.

In den 80er Jahren ging es vielfach darum, dass die Menschheit sich selbst vernichtet – angeblich gab es genügend Waffen für eine X-fache Pulverisierung von Mutter Erde. Ich habe das nie verifiziert, halte aber für wahrscheinlich, dass es so war, wenn nicht sogar noch ist. Das war in meiner Familie nicht unbedingt ein Thema, die entsprechenden Schlagzeilen wurden zur Kenntnis genommen, aber nicht wirklich mit uns Kindern besprochen. In der Familie der Schulfreundin war das anders, deren Mutter war eine der Ersten, die bei uns im Ort bei den Grünen aktiv war und die ganze Familie nahm an Aktionen zur Befriedung der Welt teil. Einmal durfte ich mit: Das Friedenscamp war für mich eine interessante, wenn auch niemals wiederholte Erfahrung. Ich gehe aber davon aus, dass Nicole mit diesem Poesiealbumseintrag irgendeine Botschaft vermitteln wollte, die zu ihren Erfahrungen und den Themen in ihrem Elternhaus gepasst hat.

Zeige ich den Eintrag heute jemandem, müssen die meisten grinsen, denn sie denken nicht an Umweltverschmutzung oder Cruise Missiles, sondern an Adam und Eva. Oder, weniger verschwurbelt ausgedrückt, nicht an die Erhaltung, sondern die Vermehrung des Menschen. Dieser Gedanke kam auch mir irgendwann, als ich in einem Magazin davon las, dass die Deutschen auszusterben drohen. Nun, im Moment kommt es mir hier noch nicht entvölkert vor, und die gute alte Mutter Erde ächzt inzwischen unter über 7 Milliarden Menschen. Sollte es also ganz dicke kommen hier, können wir vielleicht von irgendwo her auffüllen und uns so erhalten. Das mag auch aus Umweltgesichtspunkten nicht unvernünftig sein, wenngleich ich natürlich niemandem verbieten möchte, sich zu vermehren und auch auf diese Weise kräftig zur Erhaltung des Menschen beizutragen.

Aus dem Poesiealbum – unter Tränen Psalmen singen

Als kleines Kind schon, lange, bevor ich selber ein Poesiealbum hatte, sah ich mir immer wieder das Album meiner Mutter an. Diese Seite war damals meine Lieblingsseite: Nicht wegen dem Spruch, denn den konnte ich damals noch gar nicht lesen. Aber ich mochte das Bild und fand, dass das Mädchen das ganz toll gemalt hatte.

Lied Theodor Zöckler

Später, als ich in der Lage war, den Spruch zu lesen und zu verstehen, habe ich mich vor dieser Seite eher gegraust. „Unter Tränen Psalmen singen“, na, da fiele mir selbst doch etwas anderes ein, und dieses „selber blutend Wunden lindern“, klang für mich reichlich martialisch. Irgendwie erinnerte mich das alles an das Opfertum der heiligen Johanna, und mit der hatte ich noch nie so recht etwas anfangen können. Und ich fragte mich, ob man kein Gotteskind sein könne, ohne zu bluten und zu weinen.

Inzwischen habe ich den Text einmal nachgeschlagen – Tante Google macht’s möglich – und weiß etwas mehr darüber: Es ist die erste Strophe eines Liedes aus dem Jahr 1918, geschrieben von einem evangelischen Pfarrer namens Theodor Zöckler (1867 – 1949), der wohl sowohl missionarisch tätig war als auch in Galizien u. a. ein Waisenhaus, Schulen und einen Ausbildungsbetrieb für Jugendliche gründete (die „Zöckler‘schen Anstalten“). Diese Einrichtungen mussten unter den schwierigen Bedingungen betrieben werden, die die Zeiten mit sich brachten: Der politische Status Galiziens war seit vielen Jahren unsicher und instabil, die ehemals polnisch-ukrainische Gegend war lange Zeit österreichisches „Kronland“ gewesen, seit 1867 jedoch größtenteils wieder unabhängig. Das Gebiet war bevölkert von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur. Die Zeit um und während der Weltkriege brachten einen ständigen politischen Wechsel mit sich: Mal wurde Zöckler gefördert und hofiert, dann wieder inhaftiert. Die wirtschaftliche Lage der Anstalten war ebenfalls teilweise prekär. Dadurch mag sich Zöcklers Hang zu dramatischen Liedtexten erklären.

Die Schulfreundin meiner Mutter schieb diesen Text mit etwa 13 Jahren in das Album. Ich frage mich, ob sie um seinen Hintergrund wusste oder ob sie, evtl. stark religiös erzogen, einen ähnlichen Zusammenhang zu Jeanne d’Arc herstellte wie ich und das Ganze nach Art eines jungen Mädchens arg verklärt sah. Vielleicht aber hatte sie auch einfach den Wunsch, einmal Krankenschwester zu werden. Soweit ich weiß, war das damals einer der beliebtesten Berufe für Mädchen. Und vielleicht hatte sie die opferbereite Florence Nightingale als Vorbild für sich entdeckt. Da hätte sie sicherlich eine schlechtere Wahl treffen können.

Aus dem Poesiealbum – from und wohlgemuht

RechtschreibfehlerDieser Eintrag im Album meiner Mutter ließ mich lächeln. „Sei from und wohlgemuht“, das ist einfach niedlich und lässt mich an die Schule denken:

Zum einen deshalb, weil auch damals wohl nicht alle Kinder und Jugendlichen perfekt waren in Sachen Rechtschreibung. Oftmals hört man in den Medien oder auch von irgendwelchen Eltern oder Kollegen Sprüche wie: „Die können ja heute alle nicht mehr richtig schreiben“ – gerade so, als wären früher alle Menschen begnadete Rechtschreiber gewesen. Sehr oft liegt das dann in der Meinung des Klagenden daran, dass angeblich keiner mehr liest, und schon gar keiner schreibt. Das ist nicht richtig, natürlich lesen die Schüler noch – und wenn es auf dem Smartphone ist. Die so genannte Rechtschreibreform, die zumindest meiner Meinung nach in Teilen eher eine Deformierung als eine Reformierung war, mag zwar für allgemeine Verwirrung gesorgt haben, aber auch das hat sich nach dem Ausbügeln der gröbsten Fehler inzwischen eingependelt. Es ist ja nicht so, dass unsere Rechtschreibung früher völlig logisch gewesen wäre.

Mutters Mitschülerin Erika war auf jeden Fall nicht perfekt in Rechtschreibung, trotzdem ist aus ihr etwas geworden. Ihre Kinder machten kurz vor mir das Abitur, ob die gut in Rechtschreibung waren, ist mir nicht bekannt. Sie hatten aber schon das Privileg, dass ihre Mutter gut hätte gebrauchen können: Sie gehörten wie ich zur „Generation Tintenkiller“.

Die Tintenkiller waren in meiner Schulzeit groß in Mode, vielen galten sie aber als Teufelszeug. Es gab Lehrer, die nicht wollten, dass man so ein widernatürliches Ding benutzt, wir sollten statt dessen „sauber ausstreichen“. Mit dem „sauber Ausstreichen“ hatte ich es nicht so, Schrift und Form war nie meine Sache und ich habe auch damals schon keine Anweisungen befolgt, die ich blöd fand – ich hatte also wie die meisten Mitschüler immer mindestens einen Tintenkiller im Gepäck. Genauso hatten wir schließlich auch ein Radiergummi. Es gab auch Lehrer, die befanden, dass die Spitzen der Tintenkiller unserer Schrift schaden würden – für diese krause Theorie ließen sich allerdings keinerlei Beweise feststellen (auch meine Schrift wurde nicht noch schlechter J ). Das waren aber die gleichen Lehrer, die gegen Kugelschreiber wetterten und nicht wollten, dass man etwas anderes als königsblaue Tinte verwendet – die wurden irgendwann von der Türkiswelle überrollt und mussten kapitulieren.

Meine Mutter hat sich den Spruch der Mitschülerin trotz Rechtschreibfehler zu Herzen genommen: Sie war meistens wohlgemut, was bei ihren häufigen Erkrankungen keine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht dachte sie ab und zu mal mit einem Lächeln an das Wörtchen „wohlgemuht“, und dann war es gut, dass Erika keinen Tintenkiller hatte.

Schön ausgedrückt im Poesiealbum – töricht

Zum ersten Mal habe ich einen Beitrag, den ich nicht eindeutig zuordnen kann: Eigentlich sollte er für die Kategorie „schön ausgedrückt“ geschrieben werden, doch dann drängelte sich „aus dem Poesiealbum“ hinzu und verlangte Beachtung. Nun, Meikes bunte Welt ist zwar in Kategorien unterteilt, aber das ist nicht dogmatisch zu sehen. Folglich ordnen wir diesen schönen Ausdruck einfach beiden Kategorien zu:

Töricht

Einer meiner Lieblingskollegen verwendet gerne das etwas altertümlich klingende Wort „töricht“. Ich muss dann immer ein wenig lächeln, denn dieses Wort kenne ich ansonsten nur aus Kreuzworträtseln und von meinem Opa Fidi – und der war Jahrgang 1904, also eine ganz andere Generation als Daniel.

Die Bedeutung ist natürlich schnell zu klären: Der gelbe Duden erläutert, „töricht“ sei abwertend, werde nicht mehr häufig gebraucht und bedeute so viel wie unklug, unsinnig, dümmlich oder lächerlich. Also wahrlich nichts Gutes. Auch der Begriff „eselhaft“ taucht auf – sowas Ähnliches hatten wir hier schon.

Als Nomen schlägt uns der Duden „Tor“ vor, also den, nicht das. Da fällt mir spontan Goethes Faust mit seiner sonderbaren Grammatik ein: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Soll heißen, er hat studiert und gemacht und getan und doch nicht das gelernt, was er gebrauchen könnte. Das ist wohl auch nichts Gutes.

Es rettet die Situation mal wieder das gute alte Poesiealbum: „Wer in der Jugend nicht töricht war, wird im Alter nicht weise sein.“ Das schrieb mir 1982 mein Onkel Heino ins Poesiealbum. Ich fand den Spruch, der anscheinend aus Island kommt, damals schon tröstlich, kam ich mir doch als Kind so oft so unwissend und töricht vor. Dieser Spruch sagte mir jedoch, dass es auch für jemanden wie mich Hoffnung gäbe, und das fand ich gut.

Denkt man die Idee ein bisschen weiter, bedeutet das, dass nur derjenige, der in seiner Jugend dümmlich und lächerlich war und unsinnige Dinge getan hat, überhaupt die Chance auf Weisheit hat. Das heißt, die Jugendlichen, die etwas anstellen, so blöd es auch sein mag, haben bessere Aussichten als die, die immer vernünftig sind. Dinge auszuprobieren, allein und ungestützt von Erwachsenen, hat etwas mit Mut und Erfindungsreichtum zu tun. Und auch aus Misserfolgen lernt man. Mit dieser Interpretation des Wortes „töricht“ als notwendiger Stufe zur Erreichung von Weisheit bin ich sehr einverstanden.

Und mit einem Lächeln denke ich an die Zugfahrt von Zinnowitz nach Bansin an einem Schultag im März: Es war Schulschluss und jede Menge junge Leute fuhren mit der Bahn nach Hause. Besonders eine Mädchenclique fiel mir auf, denn die vier Mädels wirkten besonders töricht. Zum einen sahen sie zum Schießen aus – fand ich, die ich von der heutigen Schülermode keine Ahnung habe. Die Mädels sehen das jetzt sicher anders, werden aber wahrscheinlich in zehn Jahren laut anfangen zu kreischen, wenn sie Fotos von sich im Jahr 2015 sehen (genauso geht es mir, wenn ich Fotos von mir aus den 80er Jahren sehe). Zum anderen waren die Vier unglaublich laut, lachten, gackerten und unterhielten sich über die merkwürdigsten Themen. Mir gegenüber saß eine alte Dame, die die ganze Zeit schimpfte: „Und sowat will ma Deutschland regier’n.“ Das fand ich zwar etwas weit hergeholt, denn einen Regierungsanspruch verströmte keines der vier Mädchen. Andererseits wirkten die an diesem Nachmittag dermaßen töricht, dass ich denke, dass das Land in einigen bei denen recht gut aufgehoben sein könnte.

Aus dem Poesiealbum – Besuche oft ihr Grab

Die Cousine meiner Mutter, Ursula, schieb ihr 1955 ins Album. Da war meine Mutter 13, Ursula war meines Wissens nach sogar noch etwas jünger.

Besuche oft ihr Grab

Eigentlich ist der wichtigere Satz in diesem Spruch wohl die Aufforderung „Sei deiner Eltern Freude…“. Das steht so ähnlich auch in meinem Album, nur dass es da anders weiter geht:

„Sei deiner Eltern Freude,

beglücke sie durch Fleiß,

dann erntest du im Leben

dafür den höchsten Preis.“

Um ehrlich zu sein, gefällt mir diese Variante deutlich besser. Denn den Eltern Stab und Stütze im Alter zu sein, finde ich gut und wichtig, das häufige Besuchen des Grabes nützt meines Erachtens jedoch niemandem.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich früher oft mit meiner Großmutter auf dem Friedhof war, wo sie für eine entfernt wohnende Bekannte ein Grab pflegte. Ich war immer gerne dort: Die vielen Blumen gefielen mir, ich durfte die Gießkanne holen, ausgerupfte Blumen zum Kompost tragen und mit einer winzigen Harke ein Muster in den sandigen Weg malen. Es machte mir außerdem Freude, die Grabsteine zu lesen, anhand der Geburtsdaten das Alter der Verstorbenen auszurechnen und mir auszumalen, wann und wie die Leute gelebt haben mochten. Da ich selber keine Verwandten auf dem Friedhof hatte, hatte der Ort für mich überhaupt nichts Bedrückendes.

Oft traf meine Oma auf dem Friedhof Bekannte. Dann wurde geschwatzt, und früher oder später zerriss man sich auch das Maul über andere, die vielleicht die Gräber nicht so sorgfältig pflegten, wie es bei uns im Dorf üblich war, oder über jemanden, der nicht oft genug das Grab besuchte. Das fand ich als Kind schon merkwürdig, denn in häufigen Grabbesuchen sah ich als Kind keinen Sinn. Daran hat sich bis heute nichts geändert – ohne dass ich häufige Grabbesuche negativ bewerten möchte.

Natürlich weiß ich, dass es vielen Leuten Halt gibt, wenn sie regelmäßig zum Friedhof gehen, mit den Verstorbenen reden oder Rituale für die Grabpflege entwickeln. Das ist auch völlig in Ordnung, jeder hat seine eigene Art zu trauern. Auch ich besuche ab und zu das Grab meiner Eltern, lege Blumen ab und achte darauf, einen Strauß zu kaufen, der den beiden gefallen hätte. Aber wann und wie oft ich das mache, geht niemanden etwas an.

Öffentliche Trauer finde ich persönlich schwierig. In einem Forum, dass ich öfters besuche, ist es gang und gäbe, in einem bestimmten Forenbereich (dem Kerzenzimmer) zu bestimmten Gelegenheiten Trauerthreads zu eröffnen. Da wird dann Beileid gewünscht, virtuell das Mitleid ausgedrückt oder es werden Bilder mit Kerzen gepostet. Für mich in Ordnung, aber nicht mein Ding – ich habe dort nie einen Thread eröffnet und beeteilige mich auch nicht daran.

Gänzlich befremdet bin ich allerdings vom demonstrativen Trauer-Aufschrei der so genannten Netzgemeinde, wenn ein Promi stirbt oder es ein Unglück gibt – wie zuletzt beim Flugzeugabsturz in Frankreich. Ich verstehe nicht, dass so viele Leute unbedingt betonen müssen, wie schrecklich sie das finden. Ich finde sowas auch zumeist schrecklich, wenngleich ich um einen 80jährigen, mir persönlich unbekannten Sänger jetzt nicht in persönliche Trauer verfallen muss oder möchte. Ich denke auch nicht, dass ich jedes Mal meine Empfindungen zu diesen Todesfällen veröffentlichen muss.

Ich habe den Eindruck, dass es vielen Menschen Erleichterung verschafft, wenn sie sich im Internet mit fremden Menschen über ihre Trauer unterhalten können. Nur so lässt sich auch der Zulauf zum virtuellen Friedhof „Straße der Besten“ erklären. Vielleicht ist es so, dass Menschen unter bestimmten Umständen nicht wissen, wohin mit ihrer Traurigkeit. Wenn ihnen eine solche Plattform hilft, finde ich das gut, auch wenn es für mich nicht so recht was ist.

Ich bleibe also bei meiner Bevorzugung der Fleiß-Variante des Poesiealbum-Spruches, auch wenn ich hoffe, dass mir das mit dem Stab im Alter auch einigermaßen gelungen ist.

Aus dem Poesiealbum – Hinter einem Eisengitter …

Diese Blog-Kategorie weckt ganz offensichtlich bei vielen Menschen Erinnerungen: So auch bei meiner lieben Tante Rita, die als 10-jähriges Mädchen vor der Aufgabe stand, einen Spruch in ihr eigenes Album zu schreiben. Sie tat das für einen Mitschüler, der lernbehindert war und es nicht selber tun konnte. Als Spruch dafür suchte sie sich den allerschönsten Vers aus dem Album ihrer großen Schwester, meiner Mutter, aus. Es war der von Onkel Bernhard:

Auch ich hatte mir diese Seite schon ausgeguckt, allerdings eher, weil ich den Spruch so drollig fand. Außerdem wunderte ich mich darüber, dass ein wenig zusammenhanglos noch der Hinweis auf das 4. Gebot darunter stand. Und ich wunderte mich über die Handschrift meines Großonkels, den ich leider niemals kennen gelernt habe. Das schien mir eher eine Mädchenschrift zu sein, sie sieht auch der meiner Mutter sehr ähnlich. Hatte sie hier vielleicht selber Hand anlegen müssen? Oder hatte vielleicht eher Hella, die Tochter des Großonkels, geschrieben und auch diesen – wie soll man das sagen – etwas unmännlichen Spruch ausgewählt? Das werden wir leider nicht mehr herausfinden.

Der Duisburger Teil der Verwandtschaft ist mir weitgehend unbekannt geblieben. Meine Oma hatte drei Geschwister, die nur selten zu Besuch kamen. Lediglich die jüngste Schwester, die Frau des Eisengitter-Bernhards, habe ich spät kennen gelernt: auf der Beerdigung meiner Großmutter. Ich war damals verblüfft davon, wie ähnlich sie meiner Oma doch war, obwohl die beiden kaum Kontakt hatten. Es war nicht nur das Aussehen, es waren auch die Bewegungen und die Gewohnheiten, in denen die Schwestern sich ähnelten. Schade, dass sie sich nicht so recht verstanden – als Team wären die beiden wahrscheinlich unschlagbar gewesen.

Aus dem Poesiealbum – der rußende Ofen

Es gibt Sprüche, über die Erwachsene sich schier ausschütten können. Kinder hingegen nicht, Kinder finden die toll. Zu diesen Weisheiten gehört ganz gewiss diese hier:

Diesen Spruch schrieb mir ein Mädchen ein, mit dem ich in der 5. und 6. Klasse gut befreundet war. Ich war begeistert, und das nicht nur der Aussage wegen: Denn ich war ständig auf der Suche nach Sprüchen, die maximal zwei Zeilen lang waren. Lange Episteln einschreiben, und das auch noch in Schönschrift, war meine Sache nie.

Daher erinnere ich mich, dass auch ich den rußenden Ofen einmal zu Ehren kommen ließ: Ich krakelte ihn in das Album von Andreas, dem einzigen Jungen, der meines Wissens nach ein Poesiealbum besaß. Das weiß ich noch, weil meine Mutter damals darüber lachte und annahm, dass ich mich im zarten Alter von zehn oder elf das erste Mal verknallt hätte – dabei war das doch schon viel früher der Fall gewesen.

Andreas zog irgendwann um, in der 6. Klasse glaube ich, ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Aber das Stöbern im Poesiealbum weckte die Erinnerung an ihn und diesen blöden Spruch und ich nutzte die Spionagemöglichkeiten des Internets: Auf Facebook gibt es einen Andreas K., und der hat dem Foto nach auch das richtige Alter. Vom Gesicht her, verglichen mit dem alten Klassenfoto – naja, das könnte schon hinkommen. Zwischen 11 und 45 Jahren verändert man sich ein bisschen, das ist auch bei bester Pflege so. Aber er könnte es wirklich sein. Ob ich den Facebook-Andreas mal anschreiben und fragen sollte, ob er sich noch an das dickliche Mädchen aus der Orientierungsstufe erinnert, das 1980 einen rußenden Ofen im Zimmer hatte?