Der kleine Tod

Die Idee zu dieser Geschichte kam mir in einem Schreibworkshop, in dem wir als Inspiration ein Bild von einem Kind ohne Gesicht erhielten. Merkwürdig, sowas – warum stellt man so ein Bild in eine Bilddatenbank ein, wenn man nicht will, dass das Kind gesehen wird? Weil die Jacke so schön ist? Egal, bei mir kam eine kleine, absurde Geschichte dabei heraus. Und heute zu Halloween – eine Veranstaltung, von der ich selber überhaupt nichts halte – erscheint sie mir passend.

Der kleine Tod – Lehrjahre

Als der Tod ein Kind war, sah er fast aus wie andere Kinder: Er war klein, pummelig und machte sich gerne schmutzig. Statt der schwarzen Kutte trug er eine bunte Jacke mit Kapuze. Eine Sense hatte er auch noch nicht, was er ungerecht fand. Doch es gab keine Kindersensen und sein Vater, der auch ein Tod war, fürchtete sich davor, seinem Sohn allzu früh ein solches Gerät in die Hand zu geben. Ihm selber, Tod Senior, war damals an seinem allerersten Tag in der Lehre das schwere Werkzeug aus der Hand geglitten und in einer Konditorei in ein Damenkränzchen gefahren. Jahre später sollte dieser Vorfall den Schlagersänger Udo Jürgens zu seinem Hit „Aber bitte mit Sahne“ inspirieren, aber in erster Linie war die Sache doch eher peinlich.

Bild unbearbeitet von Pixabay. Das mit dem fehlenden Gesicht war nicht meine Idee.

Dem kleinen Tod blieb also nichts weiter übrig, als sich im Spiel auf seine spätere Rolle vorzubereiten. Da war gar nicht so einfach. Andere Kinder fanden ihn trotz seines niedlichen Äußeren ein wenig unheimlich, was daran liegen mochte, dass ihm ein Gesicht fehlte. Vielleicht lag es aber auch an seiner Angewohnheit, mit einer Fantasiesense, zumeist bestehend aus Maisstängeln oder Birkenreisig, herumzufuchteln und dabei „Ich mäh dich um“ oder „Warte nur, bis ich groß bin!“ zu rufen. Er fand also auf gewöhnlichen Spielplätzen nur schwer Anschluss und bevorzugte deshalb, wie alle jungen Tode vor ihm, den Wald. Dort traf er auf allerhand andere Gestalten, die ebenfalls noch zu klein waren, um ihrer Bestimmung nachzukommen, und zu merkwürdig, um in einem normalen Kindergarten aufgenommen zu werden.

Eine besondere Freundschaft verband den kleinen Tod mit einer guten und einer bösen Fee sowie einem jungen Vampir, der sehr darunter litt, noch keine spitzen Vampirzähne zu haben. Ein Vampir mit Milchzähnen ist in etwa so furchteinflößend wie Gevatter Tod mit Maisstängel. So waren die beiden Jungen Leidensgenossen, die damit leben mussten von den Hasen und Rehen im Wald ausgelacht zu werden.

Die beiden Feen waren da anders, irgendwie anstrengender. Mädchen halt. Die eine, die eine gute Fee werden wollte, redete gerne auf die Jungen ein. Niemanden ganz aussaugen sollte der Vampir später, immer nur ein bisschen anbeißen und probieren. Und der Tod sollte nur die holen, die ohnehin schon alt und klapprig wären. „Sei kein Böser, sei ein Erlöser“, flötete sie immer wieder und erlaubte ihm, ihre rosa Haarschleife zu lösen und mit ihren goldenen Locken zu spielen.

Ihre böse Schwester hingegen hielt nichts von diesen wohltätigen Gedanken. Sie führte bereits jetzt eine schwarze Liste mit Leuten, die sie würde verfluchen wollen, wenn sie das verfluchte Fluchen denn endlich gelernt hatte. Sie ließ niemanden mit ihren Haaren spielen, was gut war, denn wegen ihrer ständigen Überspanntheit sprühten die drahtigen grünen Borsten immer mal wieder Funken.

So wuchs der kleine Tod heran, spielte mit seinen Kameraden und ließ sich von seinem Vater Schritt für Schritt in das Familiengeschäft einführen. Ihr Slogan lautete: „Keine halben Sachen, einer muss es ja machen!“ Mit zehn bekam der kleine Tod seine erste schwarze Kutte. Als er zwölf war, hörten die Tiere im Wald auf, ihn zu hänseln, und mit fünfzehn bekam er endlich eine eigene Sense. Zunächst widmete er sich damit nur den Wildtieren und wandte sich dann dem Nutzvieh zu. Unter anderem verbreitete er diskret die Maul- und Klauenseuche. Dann wurde er unter der umsichtigen Führung seines Vaters auf die Menschheit losgelassen. Und er musste sich entscheiden: Böser oder Erlöser?

Glücklicherweise hatte das Spiel mit den Locken der guten Fee den kleinen Tod so geprägt, dass ihm als großem Tod die Antwort auf diese Frage leichtfiel: Er wollte ein guter Tod sein. Aufträge in Kriegsgebieten, Morde sowie Verkehrsunfälle lehnte er ab und spezialisierte sich stattdessen auf die Arbeit in Altenheimen und Hospizen. Das machte ihn glücklich und hatte auch einen ganz praktischen Vorteil: Denn für diese Klientel benötigte er die große, schwere Sense gar nicht. Hier reichte ihm ein Buttermesser. Vielleicht wäre sogar ein Maisstängel ausreichend gewesen.

Küstenurlaub

Eine Miniatur aus dem Schreibworkshop: Zuerst sollten wir uns fünf Wörter ausdenken, die für uns mit dem Paradies zu tun haben. Dann zu jedem Wort einen Satz schreiben. Und zu guter Letzt gab es sieben Minuten Zeit, um einen kleinen Text zu Schreiben, in denen zwei dieser Sätze vorkamen. Nun gut …

Küstenurlaub

Der überarbeitete Büromensch erreicht die Küste. Er wollte eigentlich nie an die Nordsee. Er fuhr lieber nach Afrika, Indien, Südostasien. Aber nicht jetzt, zu Corona-Zeiten – ganz bestimmt nicht. Am Ende vielleicht in einem verwanzten Krankenhaus liegen und nach Luft schnappen, nein, das war es ihm nicht wert. Dann halt einmal an die Nordsee, in eine Ferienwohnung im Haus Seestern. Er lässt sich darauf ein, macht das, was man da halt so macht, an der Nordsee. Drei Wochen lang.

Hafeneinfahrt Westeraccumersiel

Nach dem Urlaub wird der Büromensch wieder mit seinen Kollegen sprechen, Er wird vom Urlaub erzählen, davon, dass es schön war und dass er etwas gelernt hat. „Was denn“, werden sie ihn fragen und er wird es ihnen erklären: „Kühle erfrischt mich und lässt mich Wärme genießen. Das wird einem ja sonst gar nicht so bewusst. Und der Wind bläst den Mist aus dem Hirn. Das war wirklich mal nötig.“

Abendstimmung auf Borkum

Im Schwimmbad

Eine Übung aus dem Schreibworkshop: Wir sollten über ein kleines Erlebnis aus den letzten Tagen schreiben, aber nicht aus der Ich-Perspektive. 12 Minuten waren Zeit. Huch – was nehmen? Nun ja – ich war mal wieder schwimmen. Und wäre fast ersoffen …

Im Schwimmbad

Sie hatte eine Karte für das Schwimmbad ergattert. Freitagnachmittag ab 15 Uhr durfte sie in das Bad, nicht selbstverständlich in diesen Pandemie-Zeiten. Also hatte sie zugeschlagen, einen Termin am späteren Nachmittag kurzerhand verschoben und ganz früh Feierabend gemacht. Ihr reichte es, die Woche war lang gewesen und ihr Rücken krachte. Überhaupt fühlte sie sich zur Zeit des Öfteren so, als sei sie 30 Jahre älter als die 50, die sie auf dem Buckel hatte. Sie bewegte sich zu wenig – 5 Monate Homeoffice hinterließen allmählich ihre Spuren.

Schwimmbad meiner Kindheit – hier war ich im Schwimmverein

Im Schwimmbad war es nur mäßig gefüllt, die Tickets waren streng limitiert. Das war ihr gerade recht, sie liebte es, einfach nur gemächlich im tiefen Wasser herumzupaddeln und die Gedanken ziehen zu lassen. „Aushängen“ nannte sie das immer. Es tat ihr gut und in ihrem ganz eigenen, gemächlichen Tempo schwamm sie dabei stets ein ordentliches Stück.

Als der Ball vor ihrer Nase ins Wasser platschte, erschrak sie ein wenig. Sie war gerade ganz weit weg gewesen, allein mit sich und ihren Gedanken, Zwei, drei schnelle Armzüge brachten sie zu dem bunten Kinderball mit den Elefanten drauf. Lässig ergriff sie den Ball, um ihn zurück zu den beiden Kindern zu werfen, die am Rand standen. Noch in der Bewegung schoss ihr ein Schmerz in den Rücken, der ihr den Atem raubte. Der Ball flog, sie sank. Eine kurze Panik, Luft anhalten, ruhig bleiben. Ausatmen, den Schmerz verbeißen. Björns Stimme in ihrem Kopf – wenn mal was ist beim Schwimmen, auf den Rücken legen, atmen, ausruhen. Guter Björn, wo magst du heute wohl sein? Er war ihr Schwimmtrainer gewesen, einige Jahre bevor der unglückliche Sturz ihre Wirbelsäule verletzte und jetzt, mehr als 30 Jahre später, manchmal diesen Schmerz in ihren Körper schießen ließ.

Auf dem Rücken liegend schwamm sie an den Rand, griff nach oben, dehnte sich. Es knirschte. Alles wieder gut.

Sibylle Teil 4

Die letzte Aufgabe, die wir zu dieser Figur lösen sollten, war noch ein Perspektivwechsel: Wir sollten einmal den allwissenden (auktorialen) Erzähler wählen und noch ein wenig mehr von dem aufdecken, was in unserer Figur vorgeht und was sie antreibt. Und wer wüsste besser, was mit Sibylle eigentlich los ist, als der heiß umkämpfte …

Robert

Der Mann mit dem offenen Mantel ist so in seine Gedanken versunken, dass er die Frau, die das kleine Bistro im Laufschritt verlässt, überhaupt nicht wahrnahm. Er sieht auf seine Fußspitzen, läuft mechanisch, den Kopf gesenkt. Seine Gedanken sind bei Christa – und bei Sibylle. Immer das gleiche Dilemma: Sibylle und Christa, Christa und Sibylle. Er ist kein Hallodri, war nie wankelmütig, was Frauen anging. Viele Jahre lang war er seiner Frau treu, auch als es schwierig war. Durch Höhen und Tiefen, in guten wie in schlechten Zeiten. Gemeinsam Kinder bekommen, sie großziehen, Verantwortung tragen, das war für ihn immer selbstverständlich.

Er hat gearbeitet, das Geld nach Hause gebracht und sich nebenbei Gedanken um seine Frau gemacht. Sibylle, deren Stimmung schwankte wie ein Zweiglein im Wind. Erst Jahre der Euphorie, Hochzeit, das erste Kind. Gleich danach die ersten Depressionen. „Es hängt mit dem Kind zusammen“, erklärte man ihm und er war geduldig, half ihr, bis es besser und ihre Welt wieder heller wurde. Dann das zweite Kind. Zwei Jahre hielt die Dunkelheit an, und wenn er ehrlich ist, war es seitdem nie wieder richtig hell um sie beide geworden. Er hatte gekämpft, für seine Frau und um seine Ehe, hatte sie überzeugt, sich behandeln zu lassen. Schwer genug war das gewesen, sie wollte nicht von zuhause fort, machte ihm Szenen und weinte viel. Doch er hatte sich durchgesetzt und es hatte geholfen. Zwei gute Jahre hatten sie danach gehabt, Jahre, in denen sie auch mal abends ausgegangen waren, mit den Kindern in den Zoo oder ins Schwimmbad, so wie eine ganz normale Familie. Sie hatten einander wieder mit Liebe angesehen, waren ab und zu zärtlich zueinander gewesen. Und Sibylle wollte unbedingt ein drittes Kind. Sie war über 40, er fast 50.

Robert erinnert sich mit Schaudern an diese Zeit: Die Monate, in denen sie jeden Monat gebangt und gewartet hatte und ihre Tränen, wenn sie nicht schwanger gewesen war. Und dann die Euphorie, als es geklappt hatte. Sein eigenes unbehagliches Gefühl deswegen und das schlechte Gewissen darüber, sich nicht auf dieses späte Kind freuen zu können. Fast war er erleichtert gewesen, als es schief gegangen war. Noch immer schämt er sich dafür. Und noch immer trauert er um dieses Kind, das nie geboren wurde.

Noch mehr aber trauerte seine Frau. Sie zog sich völlig zurück, ging fast nicht mehr aus dem Haus, wies ihn zurück, wann immer er sich ihr nähern wollte. Richtig bösartig wurde sie ihm gegenüber, und das war neu. Beschimpfungen und Wut hatte es früher nicht gegeben. Tränen ja, aber keinen Hass.

Die Kinder zogen aus, sobald es ihnen möglich war. Sie ertrugen die dunkle Stimmung im Haus nicht mehr. Und Robert lernte Christa kennen. Christa, eine Frau, die lachte, die essen ging, ins Theater oder auch einfach mal ins Kino. Christa, die ihn fast verlassen hatte, als sie von seiner Ehefrau erfuhr, und der er nie von der Tragödie erzählt hatte, die diese Ehe für sein Leben bedeutete.

Christa und Sibylle, Sibylle und Christa: Er liebt die eine, kann aber die andere nicht verlassen. Das hat sie nicht verdient, nicht nach so vielen Jahren. Trotz allem nicht. Er weiß, sie ist krank.

Der Mann im offenen Mantel ist längst an dem kleinen Bistro vorbeigelaufen, in dem eine attraktive Frau mit einem doppelten Scotch sitzt und versucht, das eben Erlebte zu verarbeiten. Sie fragt sich, ob sie zu hart gewesen ist, ob die andere Frau mit ihren Anschuldigungen gegen sie und ihren Mann Recht haben könnte. Und sie fragt sich, ob sie diese große Liebe aufgeben sollte – für eine Frau, die ihr zutiefst unsympathisch ist.

Robert überquert eine Fußgängerbrücke, die über einen breiten Bach führt. Von der Brücke aus kann man in einen Park sehen und er bleibt kurz stehen, um den Mantel zu schließen – ihm ist kalt. Er verweilt einige Minuten, unentschlossen, was er mit sich an diesem Nachmittag anfangen soll. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie eine Frau von einer Bank aufsteht und weiter in den Park hineinläuft. Sie trägt einen Mantel in der Farbe, die er so mag. Er hat Sibylle vor Jahren einen ganz Ähnlichen geschenkt, den jedoch noch nie an ihr gesehen. Sie geht ja kaum aus dem Haus.

Sibylle Teil 3

Die dritte Aufgabe, die uns helfen sollten, unsere Figur kennenzulernen, war ein erneuter Perspektivwechsel. Wir sollten uns überlegen, wie die Szene, die die beiden Personen miteinander erlebt haben, auf andere wirkt und was sie bei jemand anderem ausgelöst haben könnte. Bei mir war es …

Der Kellner

Heute hatte Georg Zeit, die Gedanken ziehen zu lassen. Es war wenig Betrieb an diesem kühlen, etwas ungemütlichen Mittwochnachmittag. Noch dazu war er dran mit der langweiligen Arbeit – wenn so wenig los war, mussten sie ja nicht zu zweit mit Tabletts herumrennen. Er richtete Bestecksets für das Abendgeschäft, polierte die Zapfanlage und die Gläser, die aus der Spülmaschine kamen. Dann begann er, Servietten zu falten. Einfach aus Spaß und weil sonst nicht viel zu tun war, versuchte er sich an Bischofsmützen, Seerosen und Sternen, die er sorgfältig auf drei Tabletts abstellte. Die Kollegen lachten manchmal über diese verspielten Kleinigkeiten, an denen er Freude hatte, aber die Gäste mochten es. Außerdem gab diese Tätigkeit ihm ein beschäftigtes Aussehen, die Zeit verging und er hatte Muße, den Blick im Lokal herumschweifen zu lassen.

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Sehr viel zu gucken gab es nicht. Die Familie mit den zwei Kindern benahm sich unauffällig, die Kinder aßen manierlich und schienen auch sonst nicht auf Randale aus zu sein. Zwei Herren besprachen Geschäftliches, sie saßen nebeneinander und sahen beide auf den gleichen Computerbildschirm. Drei junge Frauen tranken Cappuccino, aßen Frankfurter Kranz und unterhielten sich. Alle drei wirkten ein bisschen wie Mauerblümchen, etwas unmodern gekleidet, biedere Frisuren. Georg schätzte, dass sie in einer kirchlichen Einrichtung arbeiten, diese Frauen sahen seiner Erfahrung nach immer etwas übrig geblieben aus. Und dann waren da noch zwei Damen an dem Tisch in der Fensternische. Sie waren mit Abstand die interessantesten Gäste. Die Ältere war zuerst gekommen. Georg hatte sie zuerst für eine Schnapsdrossel gehalten, denn sie hatte Sekt bestellt und das erste Glas in einem Zug hinuntergeschüttet. Für das Zweite hatte sie immerhin acht Minuten gebraucht. Als dann ihre Begleiterin kam, war auch dieses Glas schon wieder leer gewesen, aber sie hatte nichts nachbestellt. Interessant, fand Georg, und schielte über seinen Servietten zu den Damen herüber.

Die Frau, die als zweites gekommen war, war die deutlich Hübschere von den beiden. Gut gekleidet, ohne aufgedonnert zu sein. Sie war es, die der anderen die Hand entgegenstreckte und sie begrüßte. Die andere schien zu zögern, so wie ihr ganzer Auftritt mit Ausnahme ihrer Trinkgeschwindigkeit etwas Zögerliches hatte.

Georg schüttelte den Kopf wegen des absurden Gedankens, der ihm beim Anblick dieser Frau durch den Kopf zog: Denn sie erinnerte ihn irgendwie an seine Mutter. Dabei war auch sie gut gekleidet, nicht billig, wie seine Mutter früher, und sie war gut frisiert. Seine Mutter hatte schon in den 80er Jahren immer diese Alte-Damen-Dauerwellen gehabt. Eingerollt und zurückonduliert. Hätte sie das Geld gehabt, hätte sie sich das Haar wohl auch noch lila gefärbt, statt sie mausgrau zu lassen. Ihre Sehnsucht nach ein wenig Glanz im Leben ließ sich nie erfüllen, weshalb sie bevorzugt Polyesterpullover mit Pailletten oder Silberstickereien getragen hatte. Glamour aus dem Woolworth, mehr war nicht drin. Ganz anders als diese Frau an Tisch sieben – die hatte offensichtlich Geld. Das konnte es also nicht sein, was dieses komische Gefühl in ihm auslöste.

Georg sah sich die Dame noch einmal an. Die Frauen sprachen nun miteinander. Freundinnen schienen sie nicht zu sein, oder falls doch, waren sie sich gerade nicht einig. Georg kannte den Gesichtsausdruck von Leuten, die schreien wollten, sich aber scheuten, unangenehm aufzufallen. Ohne Zweifel, diese beiden Frauen sagten einander gerade irgendwelche Dinge, die nicht für aller Ohren bestimmt waren. Geschult darin, den Wünschen seiner Gäste immer nachzukommen, drehte Georg die Musik etwas lauter. „Everything I do“ von Bryan Adams lief, und danach „The winner takes it all“ von Abba.

Georg wusste jetzt, was ihn so an seine Mutter erinnert hatte: Er hatte schon bei ihrem Reinkommen diesen unzufriedenen, frustrierten Zug in ihrem Gesicht gesehen. So hatte auch die Mutter immer ausgesehen. All ihre Träume hatte sie aufgegeben. Sie waren nicht geplatzt, sondern hatten im Alltag im Plattenbau, mit vier Kindern, Haushalt, Geldmangel und einem versoffenen, untreuen Mann langsam die Luft verloren, bis nichts mehr von ihnen geblieben war als eine schrumpelige Hülle. So, wie die Dame vorhin geguckt hatte, als die jüngere Frau dazu kam, hatte die Mutter auch oft ihn, ihren Ältesten angesehen. Immer dann, wenn wieder irgendwas gewesen war – ein Streit mit dem Vater, ein Besuch des Gerichtsvollziehers oder Ärger mit einem der jüngeren Geschwister, hatte sie ein Ventil gesucht, irgendjemanden, den sie verantwortlich machen oder zumindest anschreien konnte. Und das war meistens Georg gewesen. Schließlich war er viel zu frühauf die Welt gekommen, als sie gerade 18 gewesen war, sodass sie ihre Lehre zur Fleischfachverkäuferin nicht hatte fertig machen können. Damals musste ein Mädchen noch heiraten, wenn es schwanger wurde, ganz egal, was für eine Niete der dafür verantwortliche Mann war. Seine Mutter wurde also mit seinem Vater verheiratet und sie zogen in eine Wohnung am Auenring, dem ärmlichsten Viertel der Stadt. Dort waren sie nie wieder herausgekommen. Stattdessen kamen noch drei weitere Kinder, der Vater begann zu trinken, bumste beinahe jede Nachbarin, brüllte zuhause jeden an und kotzte auch schon mal mitten in den Flur. Und die Mutter starb innerlich ab. Die Kraft zu gehen hatte sie nie. Früher hatte Georg ihr das vorgeworfen und irgendwann aufgehört, die Mutter zu lieben. Inzwischen aber, mit über 50, sah er die Sache etwas anders. Auch er hatte inzwischen Phasen in seinem Leben gehabt, in denen er einfach keine Kraft mehr gehabt hatte. Und er hatte keine vier Kinder, für die er sorgen musste, er hatte nur eine wirklich liebe Frau, die ihn immer wieder aufgerichtet hatte. Seine Mutter war inmitten der Familie allein gewesen.

Der Streit am Tisch wurde heftiger. Inzwischen hatte auch einer der Geschäftsleute schon einmal zu den Damen herübergeblickt und eines der Kinder glotzte ganz unverhohlen. Die ältere Frau sprang von ihrem Stuhl auf und wäre fast gestürzt. Das fehlte gerade noch, dachte Georg, während er zu ihr eilte, ihren Mantel vom Haken nahm und ihn ihr galant hinhielt. Sie fuhr hinein und in ihren tränenverhangenen Augen sah er einen kurzen Moment der Dankbarkeit, der sich in einem Nicken äußerte, als sie durch die aufgehaltene Tür davonrauschte.

Georg kehrte zu seinen Servietten zurück, nicht ohne zuvor mit einem routinierten Griff das leere Sektglas vom Tisch genommen und in die Spülmaschine gestellt zu haben. In Gedanken war er wieder bei seiner Mutter. 72 war sie jetzt und wohnte ganz allein in einer kleinen zwei-Zimmer-Wohnung. Der Vater hatte sich schon vor Jahren totgesoffen, doch obwohl diese Last nun von ihr genommen war, wirkte sie kein Stück zufriedener und schreckte jeden, der sie besuchte, durch ihre mürrische Art ab. Sie hatte das Glücklichsein verlernt – wenn sie es denn je gekonnt hatte.

Er räumte die Tabletts mit den gefalteten Servietten in den dafür vorgesehenen Schrank. Dann wandte er sich an seine Kollegin: „Es ist nichts los. Kommst du bis zum frühen Abend alleine klar?“ Sarah, eine patente und erfahrene Kellnerin, sah ihn neugierig an. „Ja, klar. Wir stehen uns hier zu zweit nur die Füße platt – es sei denn, es kommt gleich ein Bus. Und das ist eher unwahrscheinlich.“ Sie lächelte und sah auf die Uhr. „Olli kommt auch schon in einer Stunde. Hast du was Dringendes vor?“ Er zuckte die Schultern. „Dringend, was heißt schon dringend. Ich möchte gerne meine Mutter besuchen. Da war ich lange nicht.“ Sarah nickte nur. „Zisch ab!“

Georg hängte seine Schürze und die Weste an seinen Haken und verließ das Lokal. Er würde etwas Kuchen mitbringen – Cremetorte. Mutter liebte Cremetorte. Die war ihnen früher immer zu teuer gewesen.

Sibylle Teil 2

Die zweite Aufgabe, um die Figur Sibylle näher kennenzulernen, lautete: Bette Teile des Dialogs in eine Szene ein – was passiert da eigentlich gerade und warum? Bei mir trafen Christa und Sibylle sich in einem Bistro …

Die Andere

Es war eine dumme Idee gewesen. Sibylle hatte es schon gewusst, als sie das Treffen ausgemacht hatte – das Treffen mit ihrer Rivalin, der Geliebten ihres Mannes. Sie kannte sie nur von verwackelten Fotos, die ein Bekannter von ihr gemacht hatte. Gut sah sie aus, dunkelhaarig, schlank, mit großen Augen und immer lächelndem Mund. Sie sollte nicht lächeln, diese Frau, die ihr den Mann gestohlen hatte.

Die Handynummer hatte sie aus dem Telefon ihres Mannes geklaut. Natürlich hatte sie nicht umhin gekonnt, noch ein paar dieser Nachrichten zu lesen: viel Liebe, Schmalz und Schatzi. So hatte Robert mit ihr nie gesprochen, zumindest nicht in den letzten 10 Jahren.

Und nun saß sie also hier, in diesem Bistro. Sie war zu früh gewesen und hatte schon zwei Glas Sekt getrunken. Nicht, dass sie sich Mut antrinken musste, nein, das nicht. Sie wusste genau, was sie diesem Biest alles sagen wollte. Sie musste nur aufpassen, dass sie nicht weinen musste, dass sie der anderen nicht zeigte, wie sehr sie der Betrug ihres Mannes verletzte und sie sich vor einem Leben ohne Robert fürchtete.

Inzwischen war die Andere da. Christa hieß sie, Dr. Christa Helmig. Eine Frau Doktor also. Es war nicht die dumme Sekretärin, von der Robert zuhause immer leicht amüsiert erzählt hatte. Sie war aus der Nähe auch nicht mehr so jung, wie Sibylle anhand der Fotos gedacht hatte: Feine Fältchen zogen sich von den Augen zu den Schläfen und auch der Mund war nicht mehr so straff wie der einer 25-jährigen. Nicht mehr ganz taufrisch, dachte Sibylle leicht hämisch, doch im gleichen Moment zog ein anderer Gedanke durch ihr überreiztes Gehirn: Wenn sie fast mein Alter hat, was will er dann von ihr? Wie hatte diese Frau es geschafft, ihren Robert rumzukriegen? Sie musste ein Flittchen sein, auch wenn sie hier die Betroffene spielte und sich beinahe schon bei Sibylle entschuldigte.

„Schämst du dich nicht?“, hörte sie sich selber sagen. Sie konnte nicht anders, sie musste angreifen, musste ihren einstudierten Text beinahe schon herausschreien. Diese Frau war so anders, als sie erwartet hatte: Kein kleines Büromäuschen mit aufgespritzten Lippen, das sich mithilfe von knappen Röckchen den Bereichsleiter geangelt hatte, sondern eine selbstbewusste, offensichtlich gebildete Frau, mit der Sibylle einfach nicht konkurrieren konnte. Zumindest schätzte sie selbst die Lage so ein. Das und der Sekt machten sie aggressiv. „Du Flittchen!“, fauchte sie.

Das Gesicht der anderen – Christa – blieb ruhig. Beinahe schien sie ein bisschen nachsichtig. Mit keinem Wort ging sie auf die Beleidigungen ein. Stattdessen sprach sie aus, was Sibylle sich seit Wochen selber sagte, was sie aber nicht wahrhaben wollte: Dass nicht eine fremde Geliebte schuld war am Scheitern ihrer Ehe, sondern wenigstens auch Robert und sie selber. Robert sei immer alleine gewesen, sagte die Fremde, und sie habe sich gut mit ihm verstanden. Zunächst habe sie gar nicht gewusst, dass der Kollege verheiratet sei. Kollege, sagte sie, nicht ihr Chef. Diese Frau hatte also auch Karriere gemacht, während sie selber, Sibylle, sich um Roberts Kinder und seine Schmutzwäsche gekümmert hatte. Sie hatte das gerne getan, sie liebte die Häuslichkeit und ging nicht gerne aus. Vielleicht hatte sie sich auch ein bisschen gehen lassen in den letzten Jahren, ja, das konnte schon sein. Das war aber doch alles kein Grund, dass er mit anderen ausgehen durfte.

„Vielleicht hätten Sie ein bisschen mehr Ehefrau und ein bisschen weniger Hausfrau sein sollen“, sagte die schöne Christa und trank einen Schluck von ihrem Milchkaffee. Sibylle platzte beinahe. Vor Wut und aufgrund der aufgestauten Tränen, die ihr den Hals zuschnürten. Nicht weinen jetzt, nur nicht weinen. Sie warf der Rivalin ihre Ehe vor die Füße, sollte sie ihn doch haben, ihren untreuen Mann, diesen Verräter. Sie würde ausziehen, die Kinder waren doch eh groß und brauchten sie nicht mehr. Irgendwo würde sie schon unterkommen. Eine kleine Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad, und vielleicht einen Teilzeitjob. Unterhalt würde er ja zahlen müssen, ihr gutverdienender Ehemann, schließlich hatte sie für ihn und die Familie alles aufgegeben.

Sie musste raus aus diesem Bistro. Egal, was sie sagte, die andere blieb ruhig, konterte, ohne wirklich unfreundlich zu werden. „Dafür habe ich jetzt ihren Mann“, lautete die kurze Antwort auf den langen Monolog, den Sibylle ihr als letztes entgegengeschleudert hatte. Denn das schien ihr ganz klar zu sein: Robert war jetzt der ihre, und sie sah keinen Grund, ihn aufzugeben. Beinahe mitleidig ruhte ihr Blick auf der Geschlagenen. Sibylle knallte 20 Euro auf den Tisch und lief einfach los. Beinahe wäre sie über den Fuß des Bistrotisches gestolpert und schüttelte ärgerlich die Hand der Kontrahentin ab, die instinktiv zugegriffen und sie gestützt hatte. Sie floh aus dem Bistro, rannte in den nahen Park, setzte sich auf eine Parkbank und weinte wie schon so oft zuvor.

Sibylle Teil 1

Es gibt mal etwas Neues hier im Blog: eine Art Mehrteiler. Entstanden ist das Ganze mal wieder in einem Schreibworkshop, der sich schwerpunktmäßig mit der Figurenentwicklung beschäftigt hat. Um unsere Figur kennenzulernen, bekamen wir verschiedenen Aufgaben, die wir erfüllen sollten, ohne dabei „unsere“ Figur aus dem Blick zu verlieren. Das war unerwartet spannend.

Meine Figur heißt, wie man unschwer erkennen kann, Sibylle. Ich gestehe ehrlich, dass ich diesen Namen gar nicht leiden mag, und genauso ging es mir am Anfang mit meiner Figur. Doch sobald ich verstanden hatte, was eigentlich mit ihr los ist, änderte sich das ein wenig. Sympathisch ist sie mir nicht geworden, aber ich kann jetzt ein bisschen Verständnis für sie aufbringen.

Die erste Aufgabe hieß: Schreibe einen Dialog, in dem deine Figur sich mit der/dem Geliebten des Partners trifft.

Du kannst ihn haben!

Wirklich, Frau Petersen, ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich habe das so nicht gewollt. Ich wollte Sie nicht verletzen!

Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Bevor du dich mit einem verheirateten Mann eingelassen hast.

Aber ich wusste doch gar nicht, dass er verheiratet ist.

Das hättest du dir doch denken können. Ein Mann um die 50, in seiner Position und mit seinem guten Aussehen – der bleibt doch nicht alleine sitzen.

Aber ich wusste es wirklich nicht, zumindest nicht am Anfang. Er hätte doch auch geschieden sein können. Oder einfach Junggeselle.

Papperlapapp. Männer wie er sind keine Junggesellen – niemals! Und das ist auch ganz egal. Du hättest die Sache beenden müssen, als es dir klar wurde. Ein Familienvater – wie skrupellos kann man nur sein!

Wie gesagt, ich habe es mit nicht ausgesucht. Es ist einfach passiert.

Eine lahme Entschuldigung! Du solltest dich schämen! Sowas Niveauloses!

Naja, so wie sie mich jetzt schon wieder beschimpfen, ist das aber auch nicht sehr niveauvoll.

Werd‘ nicht frech. Ich habe mich nicht wie ein Flittchen aufgeführt. Aber es ist auch egal – du kannst ihn gerne haben.

Wie meinen Sie das?

Was, das Flittchen oder dass du ihn haben kannst?

Letzteres.

Ganz einfach: Ich will ihn nicht mehr. Du kannst ihn haben. Mit allem, was dazugehört – mit seinen Macken, dem Geschnarche, den schmutzigen Socken und zu bügelnden Hemden.

Was habe ich denn mit Roberts Socken zu tun?

Ja, denkst du, ich wasche weiterhin für ihn, wenn er mit dir ins Bett geht?

Ich habe nicht vor, für ihn zu waschen – wie kommen Sie denn auf die Idee? Ich habe auch nicht vor, Hausfrau zu werden. Sollten wir jemals zusammenziehen, muss jeder seinen Teil vom Haushalt machen. Sonst funktioniert das nicht.

Ha, da kennst du Robert schlecht! Der rührt keinen Finger im Haushalt. Du glaubst nicht ernsthaft, dass der sich ändern wird, nur weil er eine junge Geliebte um sich herum hat.

Das wird er müssen. Anders wird das nichts.

Ach, bist du naiv.

Kann sein. Aber lieber naiv als resigniert.

Wart’s nur ab. Warte, bis du zuhause sitzt, während dein Süßer mit Geschäftspartnern essen geht. Warte, bis du die ganze Woche allein sitzt, während er auf Reisen geht. Du wirst schon sehen, wie schnell man da resigniert.

Sie hätten ihn ja mal begleiten können. Ich habe gehört, dass Sie von Anfang an nie dabei waren.

Ha, ihn begleiten. Und wer wäre bei den Kindern geblieben?

Die Kinder sind 19 und 22 – oder bin ich da falsch informiert?

Ja. Das waren sie aber nicht immer. Und überhaupt, willst du mir dumm kommen?

Das ist nicht meine Absicht. Ich denke nur, dass es nicht allein meine Schuld ist, wenn Ihre Ehe am Boden ist.

Was soll das heißen?

Naja, das, was ich sage. Es ist nie einer alleine schuld. In diesem Fall haben wir wohl drei Beteiligte, und ihr Teil ist keineswegs kleiner als meiner. Ein bisschen mehr Frau und weniger Hausfrau hätte sicherlich geholfen.

Du hast ja keine Ahnung!

Kann sein. Aber dafür habe ich jetzt Ihren Mann.

Kulturgut

Dieses kleine Geschichtchen habe ich eigentlich mal für einen Wettbewerb geschrieben, der den schönen Titel „Wir kommen in Frieden“ trug. Und dann habe ich völlig vergessen, ihn auch einzureichen. Nun gut, also soll er hier zu Ehren kommen 😊

Kulturgut

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Es war hauptsächlich einem Apfelstrudel zu verdanken, dass die kleine Gruppe der Menschen, die die Tsunami- Katastrophe im Norden Deutschlands überlebt hatte, Asyl auf dem Planeten Artis bekam. Die Artiden waren zunächst wenig begeistert von der Menschengruppe, die, größtenteils gekleidet in langweilige dunkle Kleidung, mit lautem Knall auf Artis angekommen waren.

Der Gemeinderat einer kleinen Küstenstadt hatte soeben die Sonderausstellung „Von der Seefahrt zur Raumfahrt“ im Gemeindesaal besichtigt, als unvermutet eine riesige Wasserlawine über den Ort hereingebrochen war. Man hatte in einer von Schülern gebauten Rakete Schutz gesucht. Per Knopfdruck angetrieben von einem Kerosinmotor, hob die Maschine taumelnd ab. Am verblüfftesten davon war wohl Helma Bramel, eine Putzfrau, die in der Kapsel Staub gewischt hatte. Irgendwann war die Raumkapsel auf Artis in einen Teich gefallen.

Der einzige Grund, warum die Artiden den Flüchtlingstrupp nicht sofort wieder auf den eigenen Planeten zurückschickten, war die ramponierte Raumkapsel. Niemand wusste genau, wie man dieses Ding eigentlich flog, und Kerosin gab es auf Artis auch nicht. So durften die zwölf Gestrandeten vorerst bleiben, obwohl sie das einzige Kriterium für Asyl auf Artis offenbar nicht erfüllten: Neu aufgenommene Individuen mussten der hochentwickelten Bevölkerung einen kulturellen Vorteil oder zumindest technologische Neuerungen mitbringen. Dieses war bei diesen leicht debil anmutenden Kreaturen, die seit Jahren nicht davon abließen, den eigenen Planeten zu zerstören, nicht zu erwarten.

Die Neuankömmlinge zogen sich zunächst ratlos in die ihnen zur Verfügung gestellten Behausung zurück und verharrten in Schockstarre. Alle, bis auf Helma Bramel. Der lag das Nichtstun nicht. Sie hatte die Obstbäume im Garten entdeckt und bat darum, ein paar der reifen Früchte ernten zu dürfen. Das wurde ihr bewilligt, und so erfreute sie ihre Mitreisenden mit Apfelstrudel, Pflaumentarte, Apfel-Mandelkuchen und Walnuss-Hefezopf. Wunderbare Gerüche wehten durch die Fenster und umgarnten neugierig schnuppernde Nasen. Nach und nach fanden sich Artiden, die gerne auf ein paar Worte und ein Stück Kuchen hereinkamen. Gemeinsam zu essen schafft Freundschaft und Vertrauen, gemeinsam zu kochen bringt Spaß.

Irgendwann ließen die ersten Gäste sich die Rezepte der köstlichen Gebäcke geben. Ein Freund und Förderer der Erdenmenschen sprach sich dafür aus, die Backkunst von Helma Bramel als Kulturgut anzuerkennen. Außerdem sei doch die bunte Kittelschürze, die sie bei ihrer Ankunft getragen hatte, ein außerordentlich schönes und praktisches Gewand, das nachahmenswert sei. Beidem wurde zugestimmt. Jedoch mussten die Flüchtlinge sich verpflichten, die Gesetze von Artis zu achten, sich weiterzubilden und keine Erfindungen zu verbreiten, die dem Planeten schaden könnten. So wurde man sich einig und lebte glücklich und zufrieden miteinander.

Krähen-Lisa

Mal wieder eine kleine Geschichte aus dem Schreibworkshop: Als Inspiration gab es ein Foto mit vielen schwarzen Vögeln – die Art konnte ich gar nicht sicher erkennen. Ich beschloss einfach, Krähen zu sehen. Als ich mein Geschichtchen vorgelesen hatte, stellte Reiner, einer meiner Mitschreibenden fest, dass sie ihn an die U-Bahn-Haltestelle Kalbach erinnere. Und da hatte er auch Recht: Genau daran hatte ich gedacht. Da habe ich nämlich zu bestimmten Zeiten auch immer Angst, vollgeschissen zu werden. Wahrscheinlich ist es gerade mal wieder soweit.

Krähen-Lisa

Elisabeth hörte die Krähen, bevor sie sie sah. Dieses typische, unmelodische Geschrei würde sie niemals vergessen. Im Grunde hatte sie gar nichts gegen die Vögel. Sie wusste, dass diese intelligente Tiere mit einer gewissen Würde waren. Und doch lösten die rauen Schreie in ihr nur ungute Erinnerungen aus.

Nebelkrähen auf Usedom – eigentlich ganz aparte Vögel

Viele Jahre hatte sie damals mit ihrer Mutter in einer alten, baufälligen Baracke gewohnt. Im Winter zog es durch alle Ritzen, und derer gab es viele. Im Sommer wurde es warm und der Garten, wenn man das matschige Stück Land rund ums Haus denn so nennen wollte, war monatelang nicht zu nutzen. Denn rings um das alte Haus standen noch ältere Bäume, und auf diesen nisteten hunderte der schwarzen Vögel. In den Brutmonaten war der Lärm kaum auszuhalten, der Boden war bedeckt mit Kot. Mehr als einmal wurde Elisabeth auf dem Weg zur Schule von einem der dunklen, warm-stinkigen Batzen getroffen. Krähen-Lisa nannten die anderen Kinder sie, oder auch die Lisa aus dem Hexenhaus.

Sie dachte ungern an diese Zeit zurück. Das feuchte, schimmelige Klima in der Baracke hatte ihre Mutter krank und sie mit 11 zur Waise werden lassen. „Gestorben an Armut“, hatte der Pfarrer es in seiner Beerdigungsrede genannt und dafür gesorgt, dass Lisa nicht mehr eine Nacht in dem furchtbaren Gemäuer unter den Krähenbäumen verbringen musste.

Zwar hatte sie es danach bei einer Tante recht gut gehabt und ihren Weg gemacht, doch die Vielzahl der Vögel, die sie jetzt über der Wiese kreisen sah, brachte die Erinnerung wieder hoch und ließ sie noch immer, über sechzig Jahre später, schwer schlucken. Sie hatte eine unglückliche Kindheit gehabt, und auch wenn diese Vögel nicht daran schuld waren, spürte sie doch so etwas wie Hass auf die schwarzen Kreaturen. Hätte sie ein Schrotgewehr gehabt, sie hätte wohl damit geschossen – nur, damit Ruhe gewesen und die Vögel davongeflogen wären. Und mit ihnen die Erinnerungen.

Ein einfacher Arbeiter

Er spürte das weiche Fleisch und genoss für einen Moment dessen kühle Glätte. Makellos weiß lag es vor ihm und er konnte es kaum erwarten, sich mit aller Macht hineinzupressen. Ach, wenn er nur nicht immer auf Hilfe angewiesen wäre. Wenn er doch nur selbst die Kraft aufbringen könnte, sich dieser zarten Perfektion zu nähern.

Lange schon hatte er die Rolle akzeptiert, die das Leben für ihn vorgesehen hatte. In seiner Jugend hatte er gehadert. Warum nur, hatte er sich gefragt, warum nur war er so klein und unscheinbar geraten? Die größeren Kollegen hatten ohne Zweifel einen besseren Klang. Sie wurden von Frauenhänden gestreichelt, brachten Sphärenklänge hervor und sonnten sich im Applaus des Publikums. Wie gerne wäre er eine Harfe gewesen. Doch er hatte einsehen müssen, dass dies mit nur acht Saiten schlecht möglich war.

Doch mit diesen acht Saiten hatte er immerhin mehr aufzubieten als die langweiligeren Gitarren, oder gar die fast schon kastriert anmutenden Bässe. Leider fehlte es ihm an einem ihn umgebenden Klangkörper, sodass niemand seine Musikalität hatte akzeptieren wollen. Und so hatte er es, nach langem Kampf und heimlich vergossenen Tränen einsehen müssen, dass aus ihm kein gefeierter Musiker wurde, sondern nur ein einfacher Arbeiter: Inzwischen war er seit fast 50 Jahren als Eierschneider tätig.

Eierschneider

Bild zur Verfügung gestellt von Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / http://www.pixelio.de

Der Druck auf seine äußere Kante verstärkte sich. Er spürte, wie das Ei sich unter seinen Drähten duckte, sich fast ängstlich an seinen Boden presste. Dann gab die zarte Hülle nach und er konnte eindringen in dieses vollkommene Oval – erst weiß, dann gelb, dann wieder weiß. Wie immer schnitt er perfekte Scheiben, neun Stück pro Ei, genau die richtige Menge für ein Eibrot, wie Sascha es mochte. Denn mittlerweile arbeitete er nicht mehr für Wilma, die ihn in den 70er Jahren bei Karstadt gekauft hatte, sondern war weitervererbt worden an ihren Enkel. Und das, so fand er, sprach eindeutig für ihn: Er war ein Qualitätsprodukt.

Ja, tatsächlich, er war zuverlässig. Niemals hatte man seine Drähte neu spannen oder schärfen müssen. Sein einfacher Mechanismus war so gut verständlich, dass selbst die leicht beschränkt wirkende Freundin von Sascha seinen Gebrauch nicht lange hatte üben müssen. Er schnitt und schnitt und schnitt – ohne lange zu fackeln und ohne jegliche Diskussion. Gut, aus ihm war kein Musiker geworden, und eigenen Strom hatte er auch nicht. Aber er war nützlich und kam für sich selber auf.

Außerdem war er pflegeleicht. Fast schon freute er sich darauf, nach dem Frühstück im warmen Seifenwasser zu baden. Wusch Sascha ihn ab, gab es eine feste Massage mit einer Naturborsten-Spülbürste. Die Freundin war vorsichtiger, sie benutzte einen Schwamm und zupfte manchmal ein wenig an seinen Saiten. Vielleicht war sie doch gar nicht so dumm, vielleicht war sie die erste, die sein Potential erkannte. Gut, ein Berufsmusiker würde in seinem Alter nicht mehr aus ihm werden, aber vielleicht reichte es für ein schönes Hobby. Sachte Klänge im Seifenschaum – das hatte doch etwas wirklich Musisches, oder nicht?

 

Nachtrag:  Zuhause hatten wir früher einen Eierschneider, der genutzt wurde, um zu besonderen Anlässen kleine Eibrote zu machen. Alltags wurden die Eier von Hand zerlegt. Auch meine Schwester hat so ein Ding – dieses Modell kann nicht nur Scheiben schneiden, sondern beherrscht zusätzlich Längseischnitte, die das Ei in Spalten spaltet.

Jedes Jahr wieder fragte meine Mutter mich kurz vor dem Geburtstag oder vor Weihnachten: „Hast du eigentlich einen Eierschneider?“ Meine Antwort war immer die Gleiche: „Nein, und ich brauche auch keinen.“ Ich bin also bekennende Eierschneider-Verweigerin – und ich stehe dazu. Wahrscheinlich würde ich eine Harfe mehr benutzen …