Eine Schweinebauch-Romanze

Ich muss irgendwie meine Pandemie-Lethargie loswerden und habe mich deshalb recht spontan zu einem Schreibkurs angemeldet – eigentlich wollte ich bis Oktober Sommerpause machen. Aber das Thema „Liebe“ ist schon gut für drei vergnügliche Abende.

Dieses Mal bekamen wir 20 Minuten Zeit für eine Mini-Geschichte. Der Eingangssatz war vorgegeben, außerdem gab es alle zwei Minuten ein weiteres Wort, das eingebaut werden sollte. Die schienen sich mir dieses Mal recht gut einzufügen – ich habe sie rot markiert.

Eine Schweinebauch-Romanze

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Alle Bilder ier im Beitrag sind von Pixabay

Erwin K. hatte sich nie für einen Romantiker gehalten. Und auch als er sie traf, diese Frau, die sein Leben künftig durcheinanderwirbeln würde, gab es in seinem Herzen gerade keinerlei poetisches Gedankengut. Ganz im Gegenteil, der erste Satz, den er an sie richtete, hätte prosaischer nicht sein können: „Ich hätte gerne ein Pfund geräucherten Schweinebauch!“, sagte er zu der Frau hinter der Metzgerstheke und diese nickte nur. Was hätte sie sonst auch tun sollen? Er beobachtete, wie ihre geschickten Hände ein Stück fettes Fleisch, in Form und Größe nicht unähnlich einer kleinen Zigarrenschachtel, von einem langen Strang abschnitten. „Ist’s so recht?“, hatte sie gefragt und beim Klang ihrer Stimme war ihm ein leichter Schauer über den Rücken gefahren. Sie hatte eine Stimme wie seine Oma Margarethe, und das war immer seine liebste Verwandte gewesen, natürlich abgesehen von seiner Mutter. Oma Maggie war seine Vertraute gewesen, die Frau, die ihn, das empfindliche Kind, wegen seiner zahlreichen Allergien zum Arzt begleitet, ihm bei den Hausaufgaben geholfen und ausschließlich seine Lieblingsgerichte gekocht hatte. Unter anderem auch Birnen, Bohnen und Speck, das Gericht, dass er sich auch heute kochen wollte und für das er ebendiesen Schweinebauch benötigte. Wenn das kein Omen war!

„Mögen Sie Eintöpfe?“, fragte er deshalb die nicht mehr ganz junge Frau und sie errötete ein wenig, was gut zu ihrem himmelblauen Verkäuferinnenkittel passte. „Oh ja“, antwortete sie, „wer mag die denn nicht?“ „Auch Birnen, Bohnen und Speck?“ Als sie bejahte, hatte er ihr einfach nur eine Karte mit seiner Adresse gereicht und sie für 19 Uhr zum Essen eingeladen. „Ich bin hier von Person bekannt“, hatte er noch gesagt und einmal auf die anderen Verkäuferinnen gedeutet, die kichernd ihr Gespräch verfolgt hatten. „Nicht, dass Sie sich vor mir fürchten. Ich bin kein Lüstling!“ Sie nickte wieder und es war abgemacht. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Digitalanzeige seiner Uhr und eilte los – wenn er noch von den winzigen Birnen kaufen wollte, die es nur am Stand auf dem Rathausplatz gab, musste er sich beeilen.

Einem Instinkt folgend kaufte er auch noch einen 6er-Träger Bier – das schien ihm besser zu dem rustikalen Gericht zu passen als der leichte Weißwein, den er zuhause hatte. Er lief so beschwingt nach Hause, dass er sogar vergaß, die Maske abzunehmen, die seit etwa anderthalb Jahren im Getränkehandel vorgeschrieben war. Er dachte an die Frau, deren Namen er nicht kannte, die weder besonders schlank noch jugendlich aussah und ihm trotz ihres schlecht gefärbten Haaransatzes doch vorkam wie die Frau, auf die er immer gewartet hatte. Das müssen die Pheromone sein, dachte er und ertappte sich bei der Überlegung, ob man diese Lockstoffe in einer Metzgerei überhaupt riechen könne. Vielleicht war er auch schlicht auf die Mischung aus Räuchergeruch und Krautsalat hereingefallen, überlegte er. Doch dann schlugen seine Gedanken wieder die Brücke zu seiner Großmutter und er ahnte, dass es die Stimme gewesen war. Sie hatte nach Geborgenheit geklungen, nach Ruhe und Zuverlässigkeit. Das war es, was er, der Dauersingle, wohl unterschwellig vermisst hatte.

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Der Strom seiner Gedanken floss unablässig hin und her – von ihr zu ihm zu Oma zu dem Essen, das er kochen wollte. Er hatte noch nie für jemanden gekocht. Hatte er überhaupt zwei zusammenpassende Teller, die nicht angeschlagen waren? Er wusste es nicht genau. Er machte sich nichts aus Küchenkram, seine Küche enthielt nur das Notwendigste. Anders sah es im Wohnzimmer aus: Das quoll über vor Büchern, Schallplatten, CDs und Erinnerungsstücken an vergangene Kulturereignisse. Die an einer Pinnwand befestigten Konzertkarten waren Zeugen, die seine große Musikleidenschaft in die Welt hinausriefen – eine Welt, in der die Nachbarn kein Verständnis dafür hatten, wenn er seine Musikanlage einmal voll aufdrehte. Es gab noch eine weitere energische Demonstrantin gegen seine Neigung für zu viel Lautstärke: Seine Katze Mörtel, die ihm immer, wenn er es übertrieb, beleidigt die kalte Schulter zeigte. Mörtel war bislang seine einzige Liebe gewesen. Wie würde sie auf eine Konkurrentin reagieren?

Nachtrag:

Das oben erwähnte Gericht „Birnen, Bohnen und Speck“ habe ich in meinem Leben nur einmal gegessen, bei meiner Tante Hilde. Sagen wir mal so: Es wurde kein Favorit. Meine Tante kochte das Gericht nicht so wie in dem Wikipedia-Artikel, sondern eher als Eintopf. Ich glaube, die kleinen Birnen hatte sie im Garten. Diese Variante ist durchaus üblich, hier gibt es ein Rezept dafür:

Eine Rose braucht Wasser

Eine Schreibkursübung: Drei Musikstücke – ein orientalisch anmutendes Gedudel mit viel Tröte, ein kühler, entspannter Barjazz und ein klassisches Stück mit Cello. Wir sollten entweder eines als Grundlage für unseren Text auswählen oder etwas aus allen dreien machen. Ich entschied mich für die „Vollvariante“ und hangelte mich an den Stücken entlang.

Eine Rose braucht Wasser

Rose fühlte sich unwohl auf dem bunten Basar in der orientalischen Stadt. Alles war ihr zu laut und zu hektisch. Außerdem vertrug sie die Hitze nicht gut. Ihr Vater hatte sie immer sein Röslein genannt, weil sie ihn von Geburt an eine englische Rose erinnert hatte – zart und verheißungsvoll. Rosen wachsen leider nicht in der Wüste, dachte sie jetzt deprimiert, und sah sich nach den Mitgliedern ihrer Reisegruppe um. Dort war Mr. Cameron, der Reiseleiter.

„Gefällt es Ihnen, Miss Rose?“, fragte der große, kräftige Mann und lächelte sie dabei so freundlich an, dass sie sich fast ein wenig ihres Unbehagens schämte. Doch sie war ehrlich: „Mir ist nicht recht wohl. Vielleicht könnte einer der Fahrer mich zum Hotel begleiten?“ Eilfertig nickte der Reiseleiter. „Oh ja, gewiss. Sie haben Glück, da vorne ist ein Bekannter von mir. Er ist mit dem Wagen da und wird sie sicher gerne mitnehmen.“ Bevor Rose sich versah, wurde sie von einem äußerst attraktiven Geschäftsmann in einer Limousine zum Hotel gefahren. Wenig später fand sie sich in der Hotelbar wieder.

„Eigentlich wollte ich mich etwas hinlegen“, hatte sie schwach protestiert, als der nette Mittdreißiger, der sich ihr als Paul McMurphy vorgestellt hatte, sie eingeladen hatte. Er hatte gelächelt und ihr den Arm geboten. „Ja, Sie sollten sich hinlegen, später. Zuerst sollten Sie sich abkühlen. Die Bar ist der kühlste Ort hier im Hotel, vielleicht sogar in der ganzen Stadt. Und Sie sollten etwas trinken: Viel Wasser und einen kleinen Mokka, das wird Sie wieder auf die Füße bringen.“ Das alles klang recht vernünftig und so hatte sie nachgegeben.

Kurze Zeit später musste Rose zugeben, dass Pauls Methode gegen Unwohlsein und Schwäche genau das Richtige gewesen war. Bald schon unterhielten sie sich angeregt und als der Kellner fragte: „Champagner für die Dame?“ und Paul ihr auffordernd zunickte, sagte sie nicht nein. Genauso wenig lehnte er es ab, als sie ihn zwei Stunden später, ermutigt durch noch mehr Champagner, fast unverschämt fragte: „Wollen Sie tanzen?“ Er wollte, und sie wollte, und so verbrachten sie die Nacht unter den wachsamen Augen der Kellner in der verlockenden Kühle der Hotelbar.

Acht Monate später genossen sie eher eine klassische Kühle in einer Kirche im englischen Coventry. Aus Rose Miller wurde Rose McMurphy, und Paul an ihrer Seite sah besser aus denn je. Roses Vater führte sie in die Kirche und übergab sie seinem zukünftigen Schwiegersohn, nicht ohne diesen leicht drohend anzusehen. Die Mutter weinte, eine Cousine spielte Cello und es regnete. Alles was genauso, wie es sein musste, wenn eine englische Rose wachsen und gedeihen sollte.

Bärlauchzeit

Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran mit dieser Geschichte. Ist ja auch nur eine Übung – gegeben waren der grün markierte Anfang sowie 12 Minuten Zeit. Es begann ein Höllenritt durch die große Küche eines langjährig verehelichten Paares:

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Liebevoll angerichtete Bärlauch-Leckerei

Bärlauchzeit

Das letzte Mal hatte er sie am letzten Freitag verlassen wollen. Aber als er in die Küche kam, hatte er es nicht über das Herz gebracht: Es war nicht etwa ihr knackig-appetitlicher Busen gewesen, der sich wie zwei sauber aufgespritzte Windbeutel wohlgeformt unter ihrem Kleid abzeichnete, der ihn gehalten hatte. Auch ihr wunderschöner, feminin-breiter Po, geformt wie eine Birne der Sorte Abate Fetel war es nicht gewesen, der ihn ihre offensichtlichen Mängel hatte vergessen lassen. Ihr Kirschmund, an guten Tagen zum Anbeißen wie eine schnapsgetränkte Piemontkirsche, hatte ihn früher angezogen. Inzwischen, da er zumeist nur Beschimpfungen in seine Richtung ausstieß, war er weniger ein Grund, sie zu lieben. Und ihre Haare, früher entzückende goldgelbe Spiralnüdelchen, waren im Laufe der Jahre länger und etwas stumpf geworden. Sie erinnerten ihn jetzt eher an ein würziges Hausmacher-Sauerkraut.

All diese Eigenschaften seiner Frau, die ihn früher so entzückt hatten, waren es nicht, die ihn bei seiner Frau hielten. Ihr Charakter, der ihn in seiner früheren Verliebtheit an die Reinheit eines Osterlämmchens hatten denken lassen, erwies sich im Laufe der Zeit als so anrüchig wie ein kalter Hammelbraten. Ohne Zweifel, er wäre diesen ihm ehelich verbundenen Knollenblätterpilz gerne früher als später losgeworden. Wäre da nur nicht diese Küche gewesen!

Es war ihre Küche. Groß, schön gefliest, mit altmodischen Einbauten im Stile einer Gutsküche, war um sie herum ein entsprechen herrschaftliches Haus gebaut worden. Ihre Küche, ihr Haus, ihr Geld, ihr Mann. Ihr Wunsch war Befehl. Seit 25 Jahren schon. Es kam nicht in Frage, sich von ihr zu trennen – er hätte sich selbst um die Belohnung für langjährige Schwerstarbeit gebracht. Denn Schwerstarbeit war es wirklich, die Ehe mit dieser menschlichen Stinkmorchel aufrecht zu erhalten. Doch im Falle einer Trennung bekäme er nichts für all diese Mühen.

Es half nichts, er musste weiter durchhalten. Oder sich anderweitig helfen. Heute würde er erst einmal spazieren gehen – es war Bärlauchzeit. Vielleicht hatte er ja Glück und fand genug für ein schönes Pesto. Und ganz vielleicht waren auch ein paar Herbstzeitlose dabei. Es würde wie ein bedauerliches Versehen wirken.

Ich als Geschenk – was soll das denn?

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop, für mich war es eine echte Herausforderung. Es ging um ein Gedankenspiel: Du schenkst dich jemandem. Wie kann das aussehen? Oooohhhhgottogott, was soll man da bloß schreiben? Erst mal einen Brief …

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Mein lieber Neffe,

anliegend erhältst du meinen Leichnam zur Aufbewahrung und weiteren Verwendung. Ich habe meine sterblichen Überreste nach der Kremierung in die Schweiz schicken und dort zu einem Diamanten pressen lassen. Selbstverständlich wurde die Asche vor der Verarbeitung sorgfältig gesiebt, sodass das fertige Stück lupenrein sein und keinerlei Einschlüsse enthalten sollte. Eine klare Sache also.

Entsprechend meiner Körpermaße dürfte der Diamant ein ziemlicher Brocken geworden sein. Ich habe um einen geradlinigen Schliff mit scharfen Kanten gebeten, das erschien mir passend. Jetzt funkle ich also endlich in dem Maße, wie ich es mir immer gewünscht habe. Bunt im Licht, hell und leuchtend. Gerne wüsste ich, so rein aus Neugier, wie viel Karat aus mir geworden sind, aber das werde ich wohl nicht mehr erfahren. Du kannst den Stein ja mal in die Sonne halten und mir ein paar Lichtsignale nach oben schicken. Nicht, dass ich daran glaube würde, dort auf einer Wolke zu sitzen und mit den Beinen zu baumeln, aber man weiß ja nie.

Einen Hinweis habe ich aber noch für dich: im spießigen Deutschland ist es bislang verboten, die sterblichen Überreste seiner lieben Verwandten als Schmuckstück mit sich herumzutragen. Behalte es also bitte für dich, dass es deine Tante ist, die du als Halsschmuck oder Schlüsselanhänger trägst. Rede also einfach von Modeschmuck, Strass oder Glas. Solltest du mich zu einem Ring verarbeiten lassen, um ihn deiner Freundin oder deinem Freund zu schenken, solltest du ebenfalls besser den Mund halten, denn wer will schon die Schwiegertante mit im Schlafzimmer haben?

Und nun mach es mal gut, mein lieber Neffe. Ich wünsche dir nur das Beste, und vergiss bitte nie: Ich bin immer bei dir, was auch geschieht.

Die Wohngemeinschaft

„Aaaach, ist das heute wieder laaaangweilig hier!“ Aristocat räkelte sich auf dem Sofa und betrachtete ihre langen roten Krallen. „Bringt mir jemand was zu trinken?“ „Du wirst dich schon selber zum Napf bemühen müssen“, zwitscherte Elsa und flatterte mit kleinen, wirbelnden Bewegungen auf die Gardinenstange. „Es sei denn, du bringst Stürmer dazu, dir was zu holen.“ Alle aus der kleinen Gesellschaft blickten den schlanken Windhund an, der neben dem flauschigen Kaninchen Flocke lag und keinerlei Anstalten machte, sich zu erheben. „Ne, lass mal. Ich liege gerade so gut hier. Frag doch mal Blubb.“ Alle lachten, bis auf Blubb, der wie immer Wasser in den Ohren hatte und Witze im Allgemeinen nicht mitbekam. Er neigte auch sonst nicht zur Geschwätzigkeit, sondern zog ruhig und gleichmäßig seine Bahnen im Aquarium. Um ihn aus der Ruhe zu bringen, musste schon etwas richtig Spektakuläres passieren, eine gelangweilte Rassekatze war ihm herzlich egal. Aristocat seufzte.

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„Als ich noch bei seiner Lordschaft wohnte …“, begann sie und alle außer Blubb stöhnten genervt auf. „Hör auf damit!“, maulte Flocke. „Du bist genauso ein räudiges Tierheimvieh wie wir alle hier!“ „Räude? Habe ich da gerade Räude gehört?“ Stürmer, der seine besten Jahre hinter sich hatte und schlecht hörte, hatte nur ein Wort richtig verstanden und ihm juckte auf der Stelle das Fell. „Jaja, beruhige dich wieder, hier ist niemand räudig!“, kreischte Elsa dem Hund so laut ins Ohr, dass sogar Blubb hellhörig wurde und neugierig durch die Scheibe glotzte. Stürmer ließ sich wieder nieder, wirkte aber nicht ganz beruhigt. Flocke kletterte auf seinen Rücken und kratzte ihm mit ihren kleinen weißen Pfoten beruhigend das struppige Fell. „Ach, ja, das tut gut“, knurrte der Alte und schlief zufrieden ein. Auch die anderen gaben sich der Belanglosigkeit dieses tristen Dienstag Nachmittags hin und hielten ein Schläfchen. Nur Blubb, der fleißige Schwimmer, drehte Runde um Runde in seinem Becken und wachte über seine schlafenden Freunde.

Ungeküsst

„Küss mich, Prinzessin, denn ich bin ein Prinz!“ Wie oft habe ich dieses Märchen schon gehört, wenn es den Kindern vorgelesen wurde. Genauso oft habe ich das den Mädchen der verschiedenen Generationen hier im Haus schon zugerufen. Doch nie wurde ich erhört. Anscheinend küsst man in diesem Land keine Schildkröten mit Migrationshintergrund. Vielleicht bin ich ihnen aber auch einfach zu alt.

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Im Moment bin ich nämlich der Älteste in der Familie. Ich lebe schon seit vielen Jahren fern der Heimat. Ich bin nicht böse darum, ganz und gar nicht. Denn Hans, der Mann, der mich dereinst in diese Gegend brachte, rettete mir das Leben. Er fand mich nach einem Steinschlag, ich war eingeklemmt und verletzt. Er nahm mich mit, pflegte mich gesund und gab mir meinen Namen: Aristotoles. Das war in dem Jahr, als der große Weltenbrand so richtig Fahrt aufnahm. Aber davon wussten wir damals noch nichts.

Hans, ein Geschäftsmann, der viel auf Reisen war, brachte mich heim zu seiner Familie. Dort war es schön, es gab riesige Gärten und eine ganze Menge anderer Tiere. Unzivilisiert zwar, aber hübsch anzusehen. Außerdem lebten dort Hans alte Mutter, seine Frau, ein braver Sohn und drei hübsche Töchter. Sie alle freuten sich darüber, mich kennenzulernen, und nahmen sich meiner freundschaftlich an.

Diese kameradschaftliche Zuneigung blieb auch so, als die Zeiten schlechter wurden. Meine tierischen Kameraden verschwanden nach und nach. Die Pferde wurden abgeholt, Kühe und Schweine verkauft oder gar geschlachtet und gegessen. Nur der Hund und ich blieben, wir waren ja Familienmitglieder. Der Hund allerdings starb kurz vor dem allgemeinen Aufbruch, Hunde machen‘s leider im Allgemeinen nicht besonders lange. Und es war wohl auch gut so, denn er fraß nur Fleisch, und das war eine ganze Weile nur sehr schwer zu bekommen. Für mich hingegen fand sich immer noch irgendwo etwas Grün, sodass die Familie mich die ganze Zeit über vorbildlich versorgte.

In der Zeit des großen Aufbruchs musste meine Familie das schöne Anwesen verlassen. Das Wenige, was ihnen blieb, hatten sie auf einen kleinen Wagen geladen. Auch ich fuhr dort mit, mehr oder weniger bequem verwahrt in einem gepolsterten Eierkorb. Es war eine unruhige Zeit, doch ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben. Ich spürte die Trauer und Wut meiner Familie, und auch die Hoffnungslosigkeit der Älteren. Darum bemühte ich mich, Zuversicht zu verbreiten und wandte mich besonders den Kindern zu. So konnte auch ich meinen Beitrag zum Wohl der Familie leisten.

Wir kamen damals zunächst in Dresden unter, bei Verwandten, die nur halb ausgebombt worden waren. Das Kellergeschoss war nahezu intakt und wurde unsere Heimat, bis wir zwei Winter später umzogen in einen kleinen Ort an der See. Hier roch es manchmal fast ein wenig wie in meiner alten Heimat, nach Salz und Meer. Meiner Familie ging es gut hier, die Kinder bekamen wieder Farbe und Hans hatte eine gute Arbeit.

Wir blieben in diesem Haus an der Ostsee. Das Leben wurde ruhiger, stabil und sicher. Die Mädchen gründeten einen eigenen Hausstand und zogen aus, aus dem Jungen wurde ein Familienvater, der das Haus übernahm, so wie es in dieser Familie Brauch ist. Eine neue Generation wuchs heran, wurde erwachsen, zog aus, gründete Familien. Ich war immer dabei, mal im Garten, mal im Haus. Nicht nur die Kinder kümmerten sich um mich, auch die Erwachsenen sprachen viel mit mir, vertrauten mir an, was sie bewegte. Es gibt wenig, was ich nicht mitbekommen habe.

Ich bin also nunmehr seit über 80 Wintern Teil dieser Familie. Manchmal denke ich, wenn sie wüssten, was ich alles über sie weiß, würden sie mich fürchten. Ich erinnere mich daran, wo damals vor dem großen Aufbruch die Familienschätze vergraben wurde, weiß, dass die beiden ältesten Mädchen damals in Dresden mit verbotenen Sachen gehandelt haben und dass der große Junge, der immer so freundlich war, Geheimnisse seiner Nachbarn an die Polizei weitergegeben hat. Als der Mann einer der Familientöchter, der Frauen gewohnheitsmäßig schlug, in unserem Garten auf sie losgehen wollte, war ich es, der ihm in den Weg sprang, sodass er stolperte und es nur noch einen leichten Tritt von ihrem Vater brauchte, um ihm das Genick zu brechen. Ein bedauerlicher Unfall. Niemals würde ich verraten, was wirklich geschah.

Ich beobachtete die ersten Rauch-Versuche fast aller Kinder, begleitete sie durch Liebeskummer und Zukunftsängste und hörte ihnen immer zu, wenn es nottat. Und es war oft nötig – nicht alles in meiner Familie lief glatt. Es gab Zeiten, in denen viel geweint wurde. Etwa in der Phase des Umbruchs, als plötzlich alle ohne Arbeit dastanden und die Ehen der Paare unter der Last der Unsicherheit zu zerbrechen drohten. Oder in der Zeit der Gründung, als meine Leute sich mit einer Gaststätte selbständig gemacht hatten und unter der unerwartet vielen Arbeit fast zu Boden gingen. Immer war ich da und machte ihnen Mut. Es gibt wirklich Tage, an denen ich mich frage, wie die vielen Familien ohne Schildkröte leben.

Ich wurde also immer zutiefst geschätzt in meiner Familie. Etwa 100 Winter bin ich nun alt und ich habe keinen Zweifel, dass ich bei dieser guten Pflege noch weitere 20 durchhalten werde. Irgendwann werde ich mein letztes Salatblatt gefressen haben, doch bis dahin ist noch viel Zeit. Nur, dass ich wohl ungeküsst sterben werde, bedrückt mich ein wenig. Der Prinz in mir möchte auf dem weißen Pferd reiten und die Prinzessin vor dem Drachen retten. Nun ja. Vielleicht im nächsten Leben. Bis dahin unterstütze ich meine Familie weiterhin nach meinen Möglichkeiten.

Ich, ein Tier?

Die Aufgabe, aus der Sicht eines Tieres zu schreiben, ist ja recht beliebt. Zumeist soll man dann das nehmen, das einem als erstes einfällt. Beim letzten Mal war es eine Glucke. Dieses Mal war es etwas anderes – warum, kann ich mir gar nicht erklären …

Frei im Meer, und keiner stört mich

Ich, die alte Blauwal-Kuh, bin wieder auf meiner Wanderung. Ich habe es nicht mehr eilig, weder will ich bestimmte Gewässer erreichen, um dort ein Kalb zur Welt zu bringen, noch reizt es mich, auf eines der Paarungsangebote der stattlichen Bullen einzugehen, die ab und zu meinen Weg kreuzen. All das habe ich hinter mir. Stattdessen bin ich im Genießer-Modus, tauche mal ab in die kühlen Tiefen, komme dann wieder hoch, um mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Gerne würde ich mich auch einmal sonnen und gleichzeitig von Wind und Wellen schaukeln lassen wie die kleinen Boote, die ich ab und zu sehe, aber da steht mir mein Gewicht ein bisschen im Wege. Zum Schaukeln braucht es schon ordentlich Sturm. Hat halt alles Vor- und Nachteile, so auch das mit dem Gewicht – mich zieht keiner mit so einer lächerlichen Angel aus dem Wasser wie einen Dorsch.

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Foto von Daniel Ross von Pexels

Das Wasser ist kalt, da wo ich heute bin. Ich liebe Wasser und könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Die Menschen auf ihren kleinen Booten tun mir leid, die können ja gar nichts. Nicht richtig schwimmen, nicht fliegen wie die Möwen und Albatrosse. Laufen, ja, gut, aber das bringt doch nichts. Für alles brauchen sie Hilfsmittel, nichts können sie alleine, immer müssen sie einander helfen. Ich komme auch alleine klar und genieße das sehr. Ab und an begleiten mich schwärmeweise kleine Fische: Putzerfische oder auch Haie. Ich dulde sie, brauche sich aber nicht unbedingt. Spannender finde ich die unheimlichen Kreaturen der Tiefsee, was einem da manchmal begegnet, ist wirklich interessant. Leider sind sie nur dort unten zuhause, gerne würde ich auch ihnen einmal die Sonne zeigen. Aber vielleicht wären sie dann traurig, weil ihnen klar werden würde, was ihnen entgeht.

Der Mann im Garten

Distel mit drei Köpfen

Am Rande der kleinen Stadt lag ein alter, verwahrloster Garten. Er war wild und verwuchert, lud aber trotzdem zum Verweilen ein. Denn es roch verheißungsvoll, nach Lavendel und Kräutern, nach Gewürzen, Zitrusfrüchten und Cannabis. Das Letzte allerdings wuchs nicht dort, zumindest nicht an einer Stelle, die frei begehbar gewesen wäre. Der Geruch kam aus den Zigaretten von Josh, dem der Garten gehörte.

Josh war schon alt, genau genommen uralt. Er lebte in einem kleinen Holzhaus direkt im Garten. Eigentlich war es wohl mal ein Sommerhaus gewesen, doch Josh hatte es winterfest zurechtgemacht, eine Heizung und ein kleines Bad eingebaut und einen Keller mit UV-Licht, in dem er seine Rauchwaren anbaute. Jeder wusste davon, auch die Polizei. Doch mal ließ ihn gewähren, denn zum einen handelte Josh nicht mit seinem Gras und zum anderen hatte der alte Mann etwas Respekteinflößendes. Niemand in der kleinen Stadt hätte sich getraut, ihm etwas wegzunehmen oder gar ihn zu verhaften. Stattdessen ging so mancher an lauen Sommerabenden mal bei dem Alten vorbei, tauschte Bier oder einen Rest vom Sonntagskuchen gegen ein paar Züge aus einem exzellenten Joint und schwatzte über Gott und die Welt. Bei Josh konnte man entspannen, er fragte nicht woher und wohin, hörte zu, wenn man ihm etwas erzählte und schwieg kameradschaftlich, wenn man nicht reden wollte.

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Es wusste keiner, woher er gekommen war, dieser merkwürdige alte Mann mit dem weißen Bart. Er war halt einfach irgendwann da gewesen. Niemand wusste mehr genau, wann er aufgetaucht war. Man wusste nicht, wovon er lebte, aber er hatte sein Auskommen. Also hatte er wohl auch ein Einkommen. Eine Rente wahrscheinlich, vermutete man, oder ein Erbe. Manch einer glaubte, Josh sei ein Millionär – wurden die nicht manchmal komisch? Aber komisch oder nicht, man mochte Josh, auch wenn er manchmal so bekifft war, dass er sich im Adamskostüm auf seiner Gartenbank zum Schlafen niederlegte. Die schamhaften alten Damen sahen weg, meistens, oder deckten ihn mit einer Häkeldecke zu, wenn sie befürchteten, er könne sich verkühlen. Die eine oder andere war ein bisschen verknallt in ihn, war er doch auf seine geheimnisvolle Art deutlich spannender als Karl-Heinz und Frieder aus dem Altenheim. Josh war zu allen gleichbleibend, aber nicht übermäßig freundlich. Er hatte kein Interesse an einem Flirt, und da war es ihm auch egal, ob die Flirtende 17 oder 70 war.

An einem Tag im Mai schließlich verstarb Josh einfach auf seiner Gartenbank. Mit ihm verschwanden der Dorfpsychologe und Beichtvater, der Mutmacher und Womanizer des Ortes. All das war er gewesen. Das Einzige, was von ihm blieb, waren sein Garten und die Cannabiszucht im Keller. Er fehlte.

Nachbemerkung: Wie so oft handelt es sich bei diesem Text um eine kleine Aufgabe aus dem Schreibworkshop. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wie dieses Mal sogar 20 Minuten Zeit. Der erste Satz war vorgegeben, der Rest kam einfach so angeflogen.

Der Pakt mit dem Teufel

Es war einmal eine alte Witwe, die in einem kleinen Haus in einem Dorf lebte. Ihr Mann Friedrich starb vor vielen Jahren, ihre drei Kinder zog sie allein groß und machte aus ihnen gute, anständige Menschen. Inzwischen erfreute sie sich an einer Schar von Enkeln und sogar einigen Urenkeln. Sie war nicht einsam, doch auch nach dieser langen Zeit vermisste sie ihren Mann noch schmerzlich. Und sie spürte die Last des Alters, denn sie war gebrechlich, konnte nur noch langsam laufen und hatte oftmals ein Reißen im Rücken. Sie wusste, ihre Zeit zu gehen war gekommen.

Und so war sie auch weder ängstlich noch erstaunt, als sie eines Tages, als sie auf der Bank vor ihrem Haus saß, den Tod die Straße hinunterkommen sah. „Kommst du zu mir, Schnitter?“, fragte sie, doch er schüttelte den Kopf. „Heute noch nicht, Mütterchen. Aber es wäre gut, wenn du deine Angelegenheiten schon einmal ordnen würdest.“ Sie nickte und ließ ihn ziehen.

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Am nächsten Tag überprüfte sie also ihr Testament, schrieb an jeden ihrer Lieben einen kleinen Brief und putzte noch einmal durch das Haus. Als sie mit allem fertig war, war es dunkel geworden und sie setzte sich wieder draußen auf ihren Lieblingsplatz, um noch einmal das sanfte Mondlicht und den Sternenhimmel zu genießen. Wieder sah sie eine Gestalt die Straße hinunterkommen.

„Er kommt mich holen“, dachte sie, griff nach ihrer Handtasche und sah dem Ankömmling entspannt entgegen. Doch es war nicht der Tod, der um die Ecke kam. Es war ein gutaussehender junger Mann, der sie ein wenig an ihren Friedrich erinnerte – die Gestalt, die Haare und die Farbe der Augen waren den seinen ähnlich. Und doch sah er ganz anders aus. Denn ihm fehlte die Wärme in den Augen, das Spitzbübische im Blick und die freundliche Erscheinung. „Wer bist du?“, fragte sie also und der Fremde lächelte. Dieses Lächeln veränderte sein Aussehen und er wirkte auf einmal sympathisch auf die alte Frau. „Ich bin ein Engel und ich brauche deine Hilfe.“ Ein Engel also. Die Alte hatte noch nie einen gesehen und blickte ihn neugierig an. „Ach so? Ja, wenn das so ist, gerne. Was kann ich denn für dich tun?“ Der Engel lächelte noch einmal und ihr wurde es ganz warm ums Herz. „Es ist ganz einfach: Es fehlt uns an Nachwuchs. Wie überall, ist es schwierig, geeignete junge Leute zu finden. Und dabei werden Engel so dringend gebraucht.“ Die Witwe nickte nachdenklich. Ja, Engel waren wirklich oft vonnöten, es wäre gut, mehr von ihnen zu haben. „Ja, aber wie kann ich da helfen?“, fragte sie deshalb und der hübsche junge Mann erklärte es ihr. „Wir brauchen Kinder dafür. Ich habe gehört, dass der Schnitter bei dir war. Er wird dich am Sonntag holen, sagt man. Sorge dafür, dass er mir ein paar Kinder mitbringt. Das geht ganz einfach, ich zeige dir, wie das geht.“ Die alte Frau war geschockt. Der Tod sollte Kinder mitbringen, junge, gesunde kleine Menschen, die das Leben noch vor sich hatten? Ihre Enkel und Urenkel vielleicht? Das konnte sie doch nicht wollen!

Doch der Mann beruhigte sie sogleich. „Nein, natürlich sollst du deine Liebsten nicht dem Tod mitgeben. Aber es gibt Kinder, die sind nicht so gesund und wohlgestaltet wie deine, für sie wäre es doch großartig, ein Engel zu werden. Die Kleine vom Bäcker, die mit dem schiefen Blick. Oder der verrückte Junge, der immer laut singend über den Marktplatz läuft. Oder der Freche vom Schmied, der immer allen nur Ärger macht. Für solche Kinder wäre eine Karriere als Engel etwas wirklich Gutes!“ Die Alte war nicht überzeugt. Warum sollte sie das tun? Und wie sollte sie das anstellen? Der junge Mann erklärte es ihr. „Hier habe ich ein paar kleine Knöchelchen. Die steckst du einfach einigen Kindern in die Tasche – niemand wird das bemerken. Und du musst es natürlich auch nicht umsonst tun, du bekommst eine Belohnung!“ „Eine Belohnung? Was soll ich mir denn noch wünschen?“ Wieder erschien das warme Lächeln auf dem kalten Gesicht. „Nun, es ist so, dass der Schnitter dir deine Schmerzen nimmt, wenn er dich in den Himmel führt. Aber deine Jugend kann er dir nicht zurückbringen. Du wirst also auf deinen schönen Mann treffen, Friedrich, der noch immer 28 Jahre alt ist. Und du bist 85. Wenn du mir aber hilfst, wirst du für immer 25 sein und ihr beiden könnt all das nachholen, was ihr in den letzten 60 Jahren versäumt habt. Und wer weiß …“, der Mann kam ganz nah an ihr Gesicht heran, „vielleicht kannst du dich ja doch dazu entschließen, eines deiner Enkel mitzunehmen. Dieses Mädchen vielleicht mit den langen blonden Zöpfen. Dann könntest du ihr ihren Großvater vorstellen, und ihr wäret wieder eine Familie.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte der junge Mann der alten Witwe ein kleines Säckchen in die Hand und verschwand so ruhig, wie er gekommen war. Sie sah ihm lange nach. Dann schaute sie in das Säckchen. Fünf kleine, braune Knochen lagen darin. Sie sahen unscheinbar aus, stanken aber zum Himmel. „Schwefel“, dachte sie und verschloss das Säckchen wieder.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen und auch am nächsten Tag war sie sehr unruhig. Sie wollte jung sein, wenn sie Friedrich wiedertraf, jung und schön wie vor 60 Jahren. Sie ging durch das Dorf und sah die Kinder spielen. Sie sah die Hübschen und Klugen, aber auch zwei, die nicht gesund waren und einige, die frech und unerzogen waren. Eine Plage, dachte sie. Dann fasste sie einen Entschluss, ging noch kurz zum Metzger und zum Bäcker und dann nach Hause.

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Am Nachmittag kam ihre Lieblingsenkelin zu Besuch. Es war das Mädchen mit den blonden Zöpfen, ein liebes und folgsames Kind. Ihr zeigte sie eine große Schüssel: „Sie her, Lisa, dort habe ich etwas angerührt. Es ist Wurst und Brot vermischt mit Rattengift. Wir haben so eine Rattenplage rund ums Dorf. Bitte geh und stopfe mit diesem Löffel etwas von dem Gift in jedes Rattenloch, das du findest. Fass es nicht mit den Händen an, hörst du, und verbrenne die Schüssel und den Löffel, sobald du fertig bist.“ Das Mädchen tat, wie ihm geheißen wurde und verteilte die Masse sorgfältig im ganzen Dorf und im Wald. Danach warf es die hölzerne Schüssel und den Löffel beim Schmied ins Feuer, auch wenn der sie dafür schalt. Währenddessen versenkte ihre Großmutter den Mörser, in dem sie die Gabe des jungen Mannes zermahlen hatte, den Stößel und das Beutelchen, in dem sie die Knochen erhalten hatte, im tiefsten Teich im Dorf, wo ein paar Karpfen sogleich neugierig daran herumknabberten.

Die ihr verbleibenden Tage nutzte die alte Frau, um sich von ihrer Familie zu verabschieden. Sie verteilte ihren wenigen Schmuck, verschenkte alles, was noch jemand gebrauchen konnte, ging am Sonntagmorgen noch einmal in die Kirche und wartete am Abend auf der Bank sitzend auf den Tod. Der kam kurz vor Mitternacht. „Bist du fertig?“, fragte er, und sie nickte nur. „Hast du alles so erledigt, wie du es für richtig hältst?“, fragte er und sie nickte wieder. „Dann komm.“

Gemeinsam gingen sie ein Stück durch die Wiese, in der die ersten Nebel der Nacht waberten. Vor ihnen erschien eine Treppe. „Da hoch?“, fragte sie und wirkte auf einmal mutlos. „Ja, komm nur. Ich helfe dir, es geht ganz einfach.“ Und tatsächlich nahm er ihre Hand und führte sie. Leicht stieg sie nach oben. Trotzdem fragte sie noch einmal nach: „Man sagte mir, du kämest mit einem Boot?“ Er nickte bestätigend. „Ja, das tue ich oft auch. Aber heute habe ich es an einen Kollegen verliehen. Der Teufel bat darum. Er meinte, heute hätte er eine große Fuhre abzuholen. Sieh, dort unten ist er, mit dem Boot. Aber was macht er denn?“ Die Alte blickte in die Richtung, in die der Tod zeigte. Auf einem silbrig glänzenden Fluss sah sie den jungen Mann, der ihr die Knöchelchen gegeben hatte. Er kämpfte mit einem Kahn, der schwer beladen war und umzukippen drohte. „Was hat er denn da alles drauf?“, wunderte sich der Tod. „Das sieht mir nicht nach fünf Menschen aus.“ Die Alte lächelte etwas wehmütig. „Nun, es werden ein paar tausend verärgerte Ratten sein“, vermutete sie. In dem Moment sahen sie, wie drei dicke Karpfen auf das Boot sprangen. Einer traf den Teufel direkt mit dem Bauch im Gesicht und das Schimpfen, dass der Unterweltler ausstieß, klang hinauf bis zur Treppe. Immer mehr dicke, glibberige Fische sprangen auf das Boot und brachten es zum Kentern. Der Tod lachte, als hätte er noch nie zuvor etwas so Lustiges gesehen. „Wer auch immer das gemacht hat, hat es gut gemacht!“, prustete er und die alte Witwe war getröstet. Sie würde nicht jung und schön sein, wenn sie ihren Friedrich wiedertraf, aber sie würde für alle Zeit ein reines Gewissen haben.

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Biografie eines Antagonisten

Vor Kurzem nahm ich an einem Workshop teil, der sich mit Märchen beschäftigete – leider waren es nur drei Abende. Mir hat der Kurs aber sehr viel Spaß gemacht, und das nicht nur, weil ich Märchen an sich gerne mag, sondern auch, weil die Aufgaben schön und etwas ungewöhnlich waren.

Unter anderem wurden wir gebeten, uns einmal von all den Heldinnen und Helden zu lösen und stattdessen – in einer Viertelstunde – die Biografie eines der Antagonisten zu verfassen. Wie wurde also die böse Stiefmutter, was sie ist, oder warum will der Wolf unbedingt Menschen fressen? Das war sehr interessant, fand ich.

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Der Antagonist – die ersten Jahre

Als er geboren wurde, hatte sich die Freude seiner Eltern in Grenzen gehalten. Schon das Gesicht der Hebamme hatte der Mutter verraten, dass etwas nicht in Ordnung war mit diesem Kind. Es war kleiner als normal, und irgendwie schief im Rücken. Obwohl sie es versuchte, fiel es der Mutter schwer, den schwächlichen, dürren und immer missmutig wirkenden Jungen zu lieben. Auch der Vater machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Dieses Kind würde auf keinen Fall einmal seine Schmiede übernehmen, soviel stand fest.

Und so kam es, wie es kommen musste: Als das nächste Kind kam, ein hübscher, wohlgestalteter Knabe, wurde der missgebildete Erstgeborene abgegeben. Die alte Kräuterfrau, die allein im Wald lebte, wollte ihn haben. Sie zog ihn auf und lehrte ihn allerlei über den Wald, die Kräuter und die magischen Kräfte, die man nicht sehen kann. Sie war es auch, die ihm endlich einen Namen gab: Sie nannte ihn Rumpelstilzchen.

Aus dem Kind wurde ein Mann, klug zwar, aber noch immer wenig ansehnlich. Freundlichkeit und ein heiteres Lächeln fielen ihm schwer, und obwohl er sich danach sehnte, mit jemandem sein Leben zu teilen, fand er keine Frau, die ihn heiraten wollte. Die ständigen Zurückweisungen machten ihn bitter und als die alte Kräuterfrau starb, zog er sich ganz von den Menschen zurück und lebte viele Jahre allein in einer Höhle im Wald. Er sprach mit Bäumen und Tieren und schloss ab mit seinem Traum von einem Leben mit einer Familie. Und doch war er im Inneren nicht ganz lieblos. In ihm wuchs der Wunsch, ein Kind zu haben. Jemanden, um den er sich kümmern könnte und der ihn lieben würde, so wie er war – klein, verwachsen, mit einer viel zu großen Nase und einem missmutigen Gesicht. Er wollte lieben und geliebt werden – um jeden Preis.