Festhalten – Loslassen

Mal wieder eine Miniatur aus dem Schreibworkshop. Festhalten – loslassen lautete das Motto und wie immer war wenig Zeit. Die Geschichte ist übrigens ganz und gar fiktiv, könnte sich aber wohl so abgespielt haben. Und die Sache mit der Spucke – die meine ich ganz ernst!

Festhalten – Loslassen

„Pass auf, dass du nicht fällst, Fabian, halt dich fest!“ Fabian, etwa fünf Jahre alt, balancierte auf einem breiten Balken auf dem Kinderspielplatz. Er wirkte ganz zufrieden. Nicht so seine Mutter: „Guck, wo du hintrittst!“ Fabian, eben noch sicher unterwegs, drehte sich irritiert nach seiner ununterbrochen herumplärrenden Mutter um, verpasste den nächsten Schritt und fiel vom Balken. Sein Gesicht landete im weichen Sand, doch bis ihn seine aufgeregt lamentierende Mutter daran hinderte, sich alleine hochzurappeln, weinte er nicht. Erst, als sie ihn aus dem Sand gezogen und auf ein Bänkchen verfrachtet hatte, wo sie ihm den Sand abklopfte, begann er zu jammern. Wahrscheinlich wusste er, was nun kommen würde: Frau Mama, wohlmeinend vom Scheitel bis zur Sohle, zückte ein Taschentuch und feuchtete es an – mit Spucke. Zeit zum Eingreifen!

Spielplatz in Travemünde

Spielplatz für kleine Piraten in Travemünde

„Wenn Sie das machen, zeige ich Sie beim Jugendamt an!“, sagte ich laut und energisch. „Was?“, fragte sie und sah mich mit einem breiten „Hääää?“ im Gesicht an. „Es ist mein Ernst: Wenn Sie jetzt Ihrem Sohn Ihren Sabber ins Gesicht reiben, zeige ich Sie an. Das ist Kindesmisshandlung! Lassen Sie ihn sofort los und schicken Sie ihn wieder auf den Balken – das bekommt ihm besser als diese eklige Speichelputzerei!“

Fabian hatte aufgehört zu schluchzen und sah neugierig von seiner Mutter zu mir. Offenbar war er es nicht gewohnt, dass jemand nicht mit ihm, sondern mit seiner Mutter schimpfte. Weil die mich immer noch fassungslos anstarrte und dabei wie eine gestrandete Scholle nach Luft schnappte, ergriff er seine Chance und ging spielen – nicht auf dem Balken, aber auf der Rutsche. Ohne Zweifel, der kleine Kerl hatte Mumm. Seine Mutter hingegen meinte, sich empören zu müssen. „Ja hören Sie mal, was geht denn Sie das an?“ Ich zuckte die Schultern. „Vielleicht nichts. Aber würden Sie mich das auch fragen, wenn ich Sie daran gehindert hätte, Ihrem Sohne eine runterzuhauen?“ „Natürlich nicht! Aber das ist doch etwas ganz Anderes!“ Ich schüttelte den Kopf. „Ist es nicht. Ich habe die Spucke eines anderen noch weniger gern in meinem Gesicht als seine Hand. Das mag Geschmacksache sein. Aber gut gemeint ist in diesem Fall extrem schlecht gemacht.“ Sie wirkte nachdenklich, aber nur drei Sekunden lang. Dann brüllte sie unvermittelt los: „Pass auf, Fabian – halt dich fest!“ Vor Schreck wäre der Junge fast von der Rutsche gekippt.

Der Seewolf – eine andere Geschichte

Die Aufgabe war, einen bekannten Buchtitel zu klauen und dazu eine Geschichte zu schreiben. Nun, ich war kurz zuvor im Aquarium und landete mal wieder beim Seewolf. Wolf Larsen würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er denn eines hätte …

Der Seewolf – eine andere Geschichte

Gelangweilt schwamm Horst zwischen den Felsen auf und ab. Es war aber auch gar nichts los heute. Kein Alarm, keine tauchenden Touristen, nicht mal ein klecksender Tintenfisch. Nur ein paar Heringe schwärmten hin und her, das taten sie immer ohne irgendeinen Grund. Diese tumben Gesellen hatten selbst in der Masse noch einen IQ unter dem eines Bündels Seetang. Dann aber sah er plötzlich einen Neuen. Der war kräftig gebaut und hatte einen mächtigen Unterbiss.

Horst, der Knurrhahn

„Moin! Wer bist du denn?“ Der Neue wirkte etwas irritiert ob dieser forschen Ansprache, antwortete aber sehr höflich. „Ich bin Dieter, der Seewolf“, antwortete er leicht blubbernd. „Ich bin auf der Durchreise.“ Horst lachte schallend. Hätte er Arme und Beine gehabt, hätte er sich wohl auf die Schenkel geklopft. „Du, ein Wolf? Ich glaube, ich spinne! Wölfe haben vier Beine und einen grauen Pelz, das sind nicht so runde, schuppige Klumpen wie du! Der Wolf, das ist doch immer der Böse, der die Omma und die kleinen Ziegen frisst!“

Sein Gegenüber sah ihn mitleidig an. ‚Was ist denn das für ein Doofbeutel‘, schien er zu denken, bewahrte aber die Contenance. „Und du, wer bist du“, fragte er und schien zu lächeln. „Ich bin Horst, der Knurrhahn!“ „Soso“, antwortete der Seewolf, „du bist also ein Hahn, ja? Hähne, das sind dich die mit den Federn und dem langen Schwanz, die morgens die Leute aus dem Bett krähen. Das sind keine herumgründelnden Blubberfischlein. Hähne stehen immer ganz oben, über Esel, Hund und Katze!“

Horst war beeindruckt. Dieser Seewolf war anscheinend doch recht belesen, auch wenn er einen etwas bräsigen Eindruck machte. Horst sah seinen Freund Ingo vorbeischwimmen und rief ihn dazu. „Ingo, Ingo, Ingo, komm mal her hier! Guck dir den hier mal an, der sagt, er ist ein Wolf! Ein Seewolf!“ „Moin“, sagte Dieter, der Seewolf, und Ingo grüßte zurück: „Selber Moin!“ An Horst gewandt, fragte Ingo nach: „Und was ist nun der Skandal an der Sache?“ Aufgeregt blubberte Horst: „Ja, guck doch mal, der sagt, er ist ein Wolf. Dabei hat der gar keine Beine und keinen Pelz!“ „Ja, und?“, fragte Ingo zurück und warf sich etwas in die Brust. „Ich bin ein Katzenhai und habe auch keinen puscheligen Schwanz. Und mit Mäusen musst du mir auch nicht kommen. Stiefel brauche ich übrigens auch keine, falls du mir wieder mit deinen ollen Märchen kommen willst!“ Horst schwieg nachdenklich. „Was hast du denn gegen Märchen?“, wollte er schließlich wissen. „Wenn es die nicht gäbe, wären wir doch alle literarisch gar nicht existent!“ Der Seewolf schüttelte traurig den Kopf. „Ich schon. Oder habt ihr noch nie was von Jack London gehört?“

Der Großstadtjäger

Nach einer unheimlich langen Sommerpause haben endlich meine Schreibworkshops in der VHS Frankfurt wieder angefangen. Montags und donnerstags versuche ich mich also jetzt wieder regelmäßig in Sachen Kreativität, auch wenn manchmal nichts dabei herauskommt. Am vorletzten Donnerstag gab es als Inspiration einige wenige Zeilen vom Anfang des Textes „Eine Unbekannte“ von Botho Strauß. Von dem habe ich zwar noch nie was gelesen, aber als Ideengeber taugte er mir durchaus.

Der Großstadtjäger

Rose apricot

Manche Rose macht es wie Harald und schummelt ein bisschen …

Manchmal – aber gar nicht mal so selten – klappte es tatsächlich: Die angesprochene Frau trug den von ihm für sie gewählten Namen. Er war inzwischen gut darin, Namen zuzuweisen: Petra waren die kleinen Mädchen Ende der 60er Jahre genannt worden, oder Anja oder Heike. Zehn Jahre zuvor nannte man sie Karin oder Monika, oder auch Barbara. Und Mitte der 70er hießen sie Tanja, Claudia oder Kerstin. Frauen in anderen Altersklassen interessierten ihn nicht, weder suchte er junges Gemüse noch hatte er einen Ödipus-Komplex.

Er traf sie auf der Straße, im Museum, im Supermarkt oder auch im Krankenhaus, diese schönen, vitalen Frauen mit den lachenden Augen und dem warmherzigen Lächeln. Er liebte sie vollschlank, fraulich und mit vollem, langen Haar. Er sah sie kommen, taxierte sie, ordnete ihnen einen Namen zu. „Barbara!“, rief er dann, begeistert, fast enthusiastisch, streckte ihr dabei die Hand entgegen. Sein Händedruck war fest, männlich und vielversprechend. „Barbara, wie schön! Ist das lange her!“ Zumeist waren die Unbekannten verwirrt, hießen sie doch nicht Barbara, sondern Marion oder Ulla. Doch wenn er Glück hatte, ließ sich was drehen. Dann war die Unbekannte zwar nicht Barbara, hatte aber in der Schule eine beste Freundin dieses Namens gehabt. Das stellte sie dann richtig und sie lachten miteinander: „Ja, richtig, du bist die Ulla, ja klar, die Freche mit den roten Haaren! Erkennst du mich denn auch? Ich bin Harald!“ Natürlich erkannten sie ihn, nach etwas Schützenhilfe – alle erkannten sie ihn: „Ja, natürlich, Harald, wer denn sonst – du hast dich aber gut gehalten!“ Das hatte er wirklich, er tat schließlich auch genug dafür. All die Cremes und Tönungen, die handgemachten Schuhe und das Fitnessstudio waren nicht billig, aber die Sache lohnte sich.

Kaum hatten sie einander erkannt, Harald und die schöne Fremde, kamen sie einander näher: zuerst im Café, dann im Separée, zum Schluss fiel das Negligé. Immer gingen sie in die Wohnung der Dame, niemals zu ihm – Harald liebte es unkompliziert und genoss das unbekannte Terrain. Es war der Reiz des Neuen, der ihn dazu brachte, wieder und wieder auf die Jagd zu gehen. Er war ein Großstadtjäger der charmanten Art.

… erst wenn man ganz nah ist, zeigt sie ihr wahres Alter.

 

Nachbemerkung: Es gibt hier gewisse Parallelen zu einer mir einst bekannten Person. Den fand ich trotz seines schürzenjägerischen Übereifers ausgesprochen nett. Kommt vor, sowas.

Ist doch wahr!

Mal wieder eine Miniatur aus dem Schreibworkshop. Gegeben war ein Sprichwort aus Frankfurt: „Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal.“ Diese Weisheit passt gut zu mir und Folgendes kam dabei heraus:

Ist doch wahr!

Begegnung am Automaten für Heißgetränke:

Teetasse„Was guckst du denn so knurrig?“

„Ach, das willst du gar nicht wissen!“

„Dann würde ich nicht fragen.“

„Auch wieder wahr.“

„Und, was ist los? Hat dich wer geärgert?“

„Ach, das ist doch alles Mist hier.“

„Was ist Mist?“

„Ja, alles! Die Projekte, die Technik, das ganze Durcheinander hier. Da kann man doch nix mit anfangen, das kannst‘e doch alles aus dem Fenster schmeißen.“

„Jo. Pass aber auf, dass’te keinen triffst.“

„Ist doch wahr! Wenn ich mir das hier angucke, eins wie das andere, wo du hinfasst, stinkt es.“

„Jaja, man muss aufpassen, wo man hinlangt.“

„Und diese Software! Da hat keiner mal drüber nachgedacht, und nun wundern sich alle, wenn es kracht.“

„Ja, Krach finde ich auch lästig.“

„Und damit sollst’e dann arbeiten. Damit kannst’e aber nicht arbeiten. Echt, dass kannst’e alles inne Tonne kloppen und den Deckel draufhauen.

„Deckel zu, Affe tot.“

„Das Timing ist auch nicht zu halten, nicht unter diesen Bedingungen! Die ganze Planung ist Schrott. Und das nennt sich dann Projektmanagement …“

„Jaja, das ist wie immer: Das Management ist schuld.“

„Ja, ist doch so. Alles fliegt aus’m Fenster und du sollst es dann wieder einfangen. Kannst’e doch nicht.“

„Ich fange ohnehin nichts ein, mich muss man zum Jagen tragen.“

„Ach, du wieder. Dass du immer so ruhig bleiben kannst …“

„Ach ja, wenn ich mich uffresche, nützt das dann was?“

„Ja, ne, natürlich nicht. Aber du, ganz ehrlich …“

„Was denn?“

„Deine Ruhe regt mich auf!“

„Mich nicht.“

Wer von den beiden Dialogteilnehmern ich bin, überlasse ich der Einschätzung der Leser.

Stürmische Jahre

Humphrey Bogart soll gesagt haben: „Frauen, die lange ein Auge zudrücken, tun es am Ende nur noch, um zu zielen.“ Das Zitat ließ mich an die Sache mit dem Veilchen denken, die passierte, als ich vielleicht sieben Jahre alt war:

Stürmische Jahre

Sie haben sich nichts geschenkt, die beiden alten Leute. Im Alter nicht, und auch nicht in den vielen Jahren zuvor. Sie galt als zänkisch und nachtragend wie ein Elefant. Zumindest in der Zeit, als ich sie kannte, legte man sich besser nicht mit ihr an. Als sie jung war, war sie hübsch, ein bisschen kess vielleicht, und voller Hoffnung. Er war der mit den viel zu großen Ohren, der gescheit war und mehr aus Zufall an diese temperamentvolle Frau geriet. Und dann war er viele Jahre damit beschäftigt, dieses fürchterliche Temperament herauszufordern: Ein dummer Spruch zur falschen Zeit war da noch das Geringste. Schwerer wogen seine wirtschaftlichen Verfehlungen, die sie immer wieder in helle Aufregung versetzten. Wäre er doch nur nüchtern geblieben, wenn er Geschäfte machte – dann hätte sie es viel leichter gehabt.

Dass die drei gemeinsamen Kinder gesund groß wurden, verdankten sie dem klugen Wirtschaften der Mutter. Dass sie, die Mutter, nicht lange vor der Zeit an einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einer anderen aufregungsbedingten Krankheit verstarb, verdankte die ihrer robusten Konstitution. Und dass er, der Familienvater, nicht von einer herumfliegenden Konservendose erschlagen wurde, verdankte er seiner Wendigkeit und ihrem schlechten Augenmaß.

Als Kind habe ich mich immer gefragt, wie jemand so schlecht zielen kann. Drei Meter Abstand nur, und doch krachte das Wurfgeschoss an die Wand statt an den Mann. Und dann flog auch noch das Veilchen in die Mülltonne, mit Topf – schade drum. Und dann habe ich mich gefragt, was mit ihm los ist, dass er sich nach einem solchen Sturm das Einkaufsnetz und fünf Mark in die Hand drücken ließ und lostrabte, um ein neues Veilchen zu kaufen. Er versorgte sie mit neuen Wurfgeschossen – warum?

Heute kenne ich die Antwort. Sie fiel mir schon ein, als beide noch lebten und ich sie irgendwann eng aneinander gedrückt auf dem Sofa sitzen sah: Sie haben sich einfach geliebt.

Liftgedanken – Teil 1

Eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Es ging um den „aufhaltsamen Aufstieg“, der im Titel eines Theaterstücks von Bert Brecht vorkommt.

Man liest diesen Satz gerne falsch und fügt im Geiste ein „un“ hinzu, einfach weil „aufhaltsam“ viel seltener vorkommt als „unaufhaltsam“. Das war Grund genug für uns, eine kleine Blitzgeschichte über einen aufhaltsamen Aufstieg zu schreiben.

Aufstieg unerwünscht

Fahrstuhl, Lift, Aufzug

Bild zur Verfügung gestellt von Rainer Sturm, http://www.pixelio.de

Die drei Kollegen aus der Werbeagentur hatten einen Termin bei einem großen Kunden. Sie standen im Foyer und genossen es, nach der feucht-windigen Wärme draußen in einem einigermaßen angenehm temperierten Raum zu stehen. Nach oben sollte es nun gehen, neun Stockwerke insgesamt. Peter wollte wie üblich die Treppe hochlatschen – Kunststück, der trug ja auch keine High Heels an den geschwollenen Füßen. Tina beschloss, mitzustöckeln – wahrscheinlich, um Peter zu beeindrucken. Tina wollte immer irgendwen beeindrucken, besonders Männer zwischen 16 und 89 Jahren. Sandra sah das gar nicht ein, schon gar nicht, wenn ihr die Füße weh taten.

„Ich fahre!“, verkündete sie und drückte auf den Liftknopf. „Ich warte oben auf euch.“ Die beiden anderen nickten, Peter mit einem verständnisvollen, Tina mit einem verächtlich-triumphierenden Gesichtsausdruck. Die beiden verschwenden durch die Tür ins Treppenhaus, Sandra betrat den Lift. Mit ihr bestieg nur noch ein kleiner, dicker Mann den Fahrstuhl. Er sah lustig aus, fast wie ein Schneemann, mit seinem spärlich behaarten, kugelrunden Kopf, seiner roten Knollennase und dem Kullerbauch.

Sandra grüßte artig, das hatte sie zuhause so gelernt. Der dicke Mann grüßte zurück, scheinbar erfreut über die Aufmerksamkeit, und begann sofort ein Gespräch. Es war die typische Fahrstuhlkonversation.

„Das ist vielleicht warm heute, was?“ Da der Mann damit recht hatte, nickte Sandra nur und sagte: „Oh ja, sehr warm.“ Der kleine Mann tupfte sich mit einem karierten Taschentuch die Stirn und sagte: „Unglaublich warm – und das im November!“ Sandra stimmte zu: „Ja, bald ist schon Weihnachten.“ Sie fuhren am zweiten Stock vorbei.

„Ach ja, Weihnachten – immer dieser Trubel!“ Sandra lächelte nur. „Haben Sie denn schon alle Geschenke?“ Aus einer Laune heraus schüttelte sie den Kopf und behauptete: „Nein, ich lehne diesen Massenkonsum ab!“ Der Mann sah begeistert zu ihr hoch. „Ach, wirklich? So sehen Sie gar nicht aus!“ Vierter Stock. „Wie sehe ich denn aus?“, fragte Sandra irritiert. „Naja, anders eben“, suchte der Mann eine Ausflucht.

Fünfter Stock. Der Lift hielt, aber niemand stieg ein. Sandra drückte genervt auf den Knopf zum Schließen der Tür. Diese Wärme schlug ihr wirklich auf’s Gemüt. „Anders auszusehen ist hoffentlich nichts Schlechtes?“, fragte sie, nur um was zu sagen. „Oh nein!“, rief der Mann, „das ist gar nicht schlecht, wirklich, nicht schlecht! Sie sehen aus wie meine vierte Frau!“ Sie musste grinsen, vier Mal verheiratet, so sportlich sah das Dickerchen gar nicht aus. Das sagte sie ihm sehr diplomatisch im sechsten Stock. „Aber nein!“, erklärte der Mann. „Ich bin erst zum dritten Mal verheiratet.“ Sandra sah ihn verblüfft an. „Sie machen Witze.“ „Aber nein, meine Liebe, ich scherze nicht. Ich scherze nie. Ich bin hier der Generaldirektor, eine Heirat mit mir würde für Sie einen rasanten gesellschaftlichen Aufstieg bedeuten.“ Sandra drückte auf den Liftknopf für den achten Stock. „Vielen Dank, mein Herr, ich habe es nicht so gerne rasant.“ Das letzte Stockwerk ging sie zu Fuß.

 

Nachbemerkung: Diese kleine Liftgeschichte hat noch ein gedankliches Nachspiel – zu lesen irgendwann in den nächsten Tagen.

Einbruchdiebstahl

Die diesmalige Aufgabe im Schreibworkshop lautete „Ein rätselhafter Vorgang“. Die beigefügte Inspiration inspirierte mich so gar nicht, so dass ich in mich hineinhörte und etwas Anderes fand.

Einbruchdiebstahl

Katzenplastik, Bild zur Verfügung gestellt von w.r.wagner / http://www.pixelio.de

Schlüter stieß der Knoblauch auf. „Schulligung“, nuschelte er peinlich berührt und die Polizistin neben ihm nickte freundlich-verständnisvoll. Alle sahen immer über sein Gerülpse hinweg, trotzdem ging diese Regung seines Körpers Schlüter auf die Nerven. Dieses ständige Aufstoßen war das letzte Überbleibsel seiner Gallenblasenoperation von vor zwei Jahren. Das, und natürlich das kleine Schraubdöschen mit seinen Gallensteinen, das man ihm als Andenken mitgegeben hatte.

„Was genau ist denn gestohlen worden, können Sie das schon sagen?“ Schlüter sah sich seufzend in dem Chaos um, das der Einbrecher angerichtet hatte. „Ganz genau nicht. Es scheint nichts Besonderes zu fehlen. Aber der Globus ist weg, so ein altes Ding aus den 80er Jahren, mit einer Glühbirne darin. Außerdem ein Bild in Essig und Öl. Nichts Besonderes, ich habe es mal bei einem dieser Strandmaler in Spanien gekauft. Ja, und dann fehlt noch die Katzenplastik, die mir meine Ex-Schwiegermutter zum 50sten Geburtstag geschickt hat – dass die weg ist, finde ich eigentlich ganz gut. Und dann …“ Er zögerte.

„Ja?“, sagte die Polizistin und sah ihn aufmerksam an. „Fehlt noch etwas von Wert? Ich meine – für ein paar Dekogegenstände steigt doch niemand hier ein. Es ist ja schon ein wenig Aufwand, hier herein zu kommen.“ Schlüter seufzte. Ihm fiel nur noch ein Gegenstand ein, der offensichtlich zu fehlen schien. „Die Steine sind weg.“ Die Polizistin merkte auf. „Steine? Sie meinen, Edelsteine?“ Er schüttelte den Kopf, die Sache war ihm unangenehm. „Nein, meine Gallensteine. Acht Stück in so einer Art durchsichtigem Tuppertopf mit blauem Deckel. Ich weiß, dass das blöd klingt, aber sie sind weg.“

Die Polizistin notierte sich das mit einem teils ungläubigen, teils amüsiertem Gesichtsausdruck. „So, Gallensteine also. Na, die wird sich wohl niemand in einen Ring fassen lassen wollen.“ Schlüter zuckte nur die Achseln. Er wusste auch nicht, was jemand mit diesen Dingern anfangen sollte: Sie waren hässlich, eklig und rochen bestimmt nicht gut.

„Was fehlt?“, wollte ein älterer Herr in einem weißen Papieranzug wissen, der zuvor damit beschäftigt gewesen war, Schlüters Wohnzimmer mit einem grauen Pulver einzuschmutzen. „Gallensteine“, antwortete seine Kollegin grinsend. „Eine ganze Kollektion im Tupperdöschen.“ „Oh ha“, meinte der Spurensicherer, „was soll das denn? Kann man damit vielleicht einen Vaterschaftstest machen?“

Schlüter wurde blass.

 

Nachtrag: Ich besitze auch so einen kleinen Topf mit einem grünen Verschluss. Darin ist nur ein Gallenstein. Was ich jemals damit anfangen soll, ist mir nicht klar, aber ich hebe ihn mal auf. Auf das Gesicht meines Erbneffen, der nach meinem Verbleichen dieses Ding finden wird, bin ich gespannt. Auf ein Foto zur Illustration verzichte ich jedoch im allgemeinen Interesse.

 

Mitternachtsmusik

Noch ein Ergebnis aus dem Gruselworkshop. Ich finde, es wird schon schauriger 🙂

Mitternachtsmusik

Bild „Tastsinn“, zur Verfügung gestellt von Friedhold Matthes / http://www.pixelio.de

Wie in jeder Nacht höre ich die Orgel. Sie ist weit weg und doch so nah, dass sie deutlich in meinem Zimmer zu hören ist. Mutter sagt, ich träume, es gibt keine Orgel bei uns im Haus und auch nicht hier in der Nähe. Wo soll sie denn auch sein, diese Orgel, fragt sie mich, wenn ich darauf beharre, dass da diese Musik ist. Es ist keine Kirche in der Nähe, nicht mal ein anderes Haus gibt es hier in den Hügeln. Sie hat ja recht, und doch höre ich die Orgel in jeder Nacht, in der ich wachliege. Also in jeder Nacht, seitdem wir hier wohnen. Seit drei Monaten jetzt, auf den Tag genau.

Opa sagt, das ist die Pubertät. Junge Mädchen sind überreizt, haben viel Fantasie, das liegt an den Hormonen, meint er und guckt dabei allwissend. Opa weiß wirklich viel, aber von jungen Mädchen und Hormonen hat er keine Ahnung. Und von Orgelmusik auch nicht.

Heute Nacht werde ich sie suchen, die laute Orgel in den Hügeln. Ich liege angezogen im Bett, die warmen Schuhe stehen bereit und Jasper, der Stallbursche, wird mich begleiten. Leise gleite ich aus dem Bett, ziehe mich fertig an und gehe zu unserem Treffpunkt im großen Stall. Ich bin zu früh und muss warten, zehn Minuten lang bis ein Uhr. Die Zeit zieht sich, doch nie war die Musik so laut und so schön. Der Organist ist ein wahrer Künstler.

Viertel nach eins, noch immer bin ich allein. Jasper kommt nicht mehr, verstehe ich und hole mir die große Taschenlampe hinten aus der großen Kiste. Dann gehe ich eben allein, das ist besser, als Nacht für Nacht wachzuliegen und nicht zu wissen, woher dieser Klang kommt.

Die Musik wird immer lauter, heute dreht der Musiker richtig auf. Ob dem gar nicht bewusst ist, dass sowas nachts um halb zwei störend ist? Ich nehme den Weg direkt auf die Musik zu und klettere über den Zaun. Gut, dass ich Stiefel anhabe, die Wiese ist ganz schön feucht. Ich schreite flott aus, die Lampe zeigt mir den weg. Geradeaus, geradeaus, immer weiter geradeaus. Über den umgestürzten Baum, durch das flache Moor, einmal quer durch ein kleines Wäldchen. Ich glaube, hier war ich noch nie. Ich überlege, umzukehren, es wird gewiss schon bald hell, doch dann sehe ich ein Licht. Ich laufe darauf zu und sehe das Haus, aus dem die Musik zu kommen scheint. Es ist ein schönes Haus, weiß mit einer großen Veranda, und in allen Fenstern scheint Licht. Sie haben dort ein Fest, begreife ich. Ob ich da so erscheinen kann, in meinen schmutzigen Stiefeln? Ich gehe weiter und komme an einen See. Ich sehe noch immer das weiße Haue, es steht auf einer Insel mitten im See. Da kann ich nicht hin, denke ich, und bleibe stehen.

„Die warten dort auf uns, wie sind eingeladen“, höre ich eine Stimme direkt neben mir. Es ist Jasper. Ich ziehe die schmutzigen Stiefel aus und nehme seine Hand. Das Wasser ist tief und eiskalt.

Puls im Kopf

Wie schon erwähnt, habe ich kürzlich einen Workshop zum Thema „Schauerliteratur“ mitgemacht. Da gab es auch eine kleine Übung, bei der wir erst mal im Halbdunklen dahersitzen und eine CD anhören mussten. Herzschlag kam darin vor – später erfuhren wir, dass das eine Abhorchübung für angehende Kardiologen war 🙂 Irgendwelches Wasser gab es auch – einige hörten daraus einen Bach, ich fand eher, dass es nach Wasserhahn klang. Auch andere Geräusche gab es, die wir mal mehr, mal weniger zutreffend identifizierten oder interpretierten. Und dann hatten wir ganz kurz Zeit für eine Mini-Geschichte. Das kam bei mir dabei heraus:

Puls im Kopf

Alles ist gut. Ich sitze da, atme ein und aus, höre dem Herz beim Puckern zu. Puls nennt man das, hat die Tante gesagt, es zeigt, dass man noch lebt. Puck-Puck, Ouck-Puck, Puck-Puck. Noch über eine Stunde Zeit.

Herzschlag

Herzschlag, zur Verfügung gestellt von Tim Reckmann / http://www.pixelio.de

Die Tante wäscht Möhren unter fließendem Wasser, schält sie, schneidet sie klein. Kartoffeln wäscht sie auch, da im Spülstein in der Küche. Ich baue meine kleinen Kühe alle in einer Reihe auf dem Tisch auf, es ist Melkzeit. Nach dem Melken ist Feierabend. Mein Puls geht schneller, ich merke ihn im Hals. Wie kommt er da nur hin, das Herz ist doch viel weiter unten. Ich sehe zur Uhr, noch ist Zeit, viel Zeit, fast eine ganze halbe Stunde.

Man riecht schon die Suppe. Im Ofen knistert das Feuer und kocht das Fleisch auf dem Herd. Und die Kartoffeln und die Möhren, alles frisch gewaschen. Ich mag Suppe, besonders, wenn Möhren dabei sind. Ich will mich darauf freuen.

Die Stalltüre klappert, die ist besonders laut. Sie muss so laut sein, sie gehört dem Onkel. Alles am Onkel ist laut. Mein Puls ist im Hals und im Kopf. Noch höher kann er nicht, sonst platzt mein Kopf und ich bin tot. So tot wie Oma Lina, der ist auch der Kopf geplatzt. Kann das passieren, wenn man erst sechs Jahre alt ist? „Sie war ja schon alt“, hat die Tante gesagt, und „Besser is so“, der Onkel. Ich bin nicht alt, doch mein Puls will aus dem Kopf.

Schon wieder läuft das Wasser. Das ist der Onkel, da am Spülstein in der Küche. Er wäscht seine Hände. Mein Puls will aus dem Kopf und alle Kühe fallen um.

Ach, Gertrud …

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop: Gegeben war nichts weiter als das Wörtchen „Ach …“ Und dann nix wie los, die Zeit war wie immer knapp!

Ach, Gertrud …

damals …

Ach, Gertrud, was war das doch schön damals! Die Kinder waren klein und machten keine Sorgen, das Haus war neu und das Dach hielt dicht. Gut, wir hatten kein Geld und wenig Zeit, aber glücklich waren wir trotzdem.
Ach, Gertrud, was hatten wir es doch gut damals, als Hausfrau zwischen Bügelbrett und Putzeimer. Wenn Herbert weg war, gab es erst mal eine Kanne Tee, und wenn er wiederkam, auch. Damals hätte mir kein Hausarzt sagen können, dass ich zu wenig trinke. Abgesehen davon habe ich gar keinen Arzt gebraucht, jung und robust, wie ich damals war. Drei Kinder, Haus, Garten und ein Hund, das alles hielt auf Trab, da brauchten wir kein Fitness-Studio! Heute dagegen, ach, ach, alles knackt, im Sitzen schon und im Stehen noch viel mehr. Aber nicht so schlimm wie bei meiner Tochter. Die ist erst 42 und schon komplett verschlissen, ach, ach! Das kommt davon, wenn man nur sitzt. Ich sag ja immer, Ulla, sag ich, du musst dich mehr bewegen, kauf dir ein Fahrrad und einen Hund. Aber ach, sie hört ja nicht, denkt nur an ihre Karriere. Und das geht auf den Rücken, ach, Gertrud, ich sag’s dir!
Früher, ja, da waren wir kräftig, wir Hausfrauen. Waren den ganzen Tag auf den Beinen. Heute hat man da ja gar keine Zeit mehr für. Die Frau von unserem Jürgen, die Tina, die gondelt den ganzen Tag mit dem Auto rum, laufen geht da nicht, ach, was denkste denn. Außendienst macht sie, für einen Medizinladen. Als ob sie das nötig hätte, wo der Jürgen doch so gut verdient hat vor seiner Arbeitslosigkeit. Nun macht er die Kinder und den ganzen Haushalt und sie fährt in der Gegend rum und hat‘s im Rücken. Das ist doch keine Ordnung, Gertrud, ich sag’s dir! Wo man auch hinguckt, überall das Gleiche: Unter jedem Dach ein Ach …