Kulturgut

Dieses kleine Geschichtchen habe ich eigentlich mal für einen Wettbewerb geschrieben, der den schönen Titel „Wir kommen in Frieden“ trug. Und dann habe ich völlig vergessen, ihn auch einzureichen. Nun gut, also soll er hier zu Ehren kommen 😊

Kulturgut

Bild zur Verfügung gestellt von Pixabay

Es war hauptsächlich einem Apfelstrudel zu verdanken, dass die kleine Gruppe der Menschen, die die Tsunami- Katastrophe im Norden Deutschlands überlebt hatte, Asyl auf dem Planeten Artis bekam. Die Artiden waren zunächst wenig begeistert von der Menschengruppe, die, größtenteils gekleidet in langweilige dunkle Kleidung, mit lautem Knall auf Artis angekommen waren.

Der Gemeinderat einer kleinen Küstenstadt hatte soeben die Sonderausstellung „Von der Seefahrt zur Raumfahrt“ im Gemeindesaal besichtigt, als unvermutet eine riesige Wasserlawine über den Ort hereingebrochen war. Man hatte in einer von Schülern gebauten Rakete Schutz gesucht. Per Knopfdruck angetrieben von einem Kerosinmotor, hob die Maschine taumelnd ab. Am verblüfftesten davon war wohl Helma Bramel, eine Putzfrau, die in der Kapsel Staub gewischt hatte. Irgendwann war die Raumkapsel auf Artis in einen Teich gefallen.

Der einzige Grund, warum die Artiden den Flüchtlingstrupp nicht sofort wieder auf den eigenen Planeten zurückschickten, war die ramponierte Raumkapsel. Niemand wusste genau, wie man dieses Ding eigentlich flog, und Kerosin gab es auf Artis auch nicht. So durften die zwölf Gestrandeten vorerst bleiben, obwohl sie das einzige Kriterium für Asyl auf Artis offenbar nicht erfüllten: Neu aufgenommene Individuen mussten der hochentwickelten Bevölkerung einen kulturellen Vorteil oder zumindest technologische Neuerungen mitbringen. Dieses war bei diesen leicht debil anmutenden Kreaturen, die seit Jahren nicht davon abließen, den eigenen Planeten zu zerstören, nicht zu erwarten.

Die Neuankömmlinge zogen sich zunächst ratlos in die ihnen zur Verfügung gestellten Behausung zurück und verharrten in Schockstarre. Alle, bis auf Helma Bramel. Der lag das Nichtstun nicht. Sie hatte die Obstbäume im Garten entdeckt und bat darum, ein paar der reifen Früchte ernten zu dürfen. Das wurde ihr bewilligt, und so erfreute sie ihre Mitreisenden mit Apfelstrudel, Pflaumentarte, Apfel-Mandelkuchen und Walnuss-Hefezopf. Wunderbare Gerüche wehten durch die Fenster und umgarnten neugierig schnuppernde Nasen. Nach und nach fanden sich Artiden, die gerne auf ein paar Worte und ein Stück Kuchen hereinkamen. Gemeinsam zu essen schafft Freundschaft und Vertrauen, gemeinsam zu kochen bringt Spaß.

Irgendwann ließen die ersten Gäste sich die Rezepte der köstlichen Gebäcke geben. Ein Freund und Förderer der Erdenmenschen sprach sich dafür aus, die Backkunst von Helma Bramel als Kulturgut anzuerkennen. Außerdem sei doch die bunte Kittelschürze, die sie bei ihrer Ankunft getragen hatte, ein außerordentlich schönes und praktisches Gewand, das nachahmenswert sei. Beidem wurde zugestimmt. Jedoch mussten die Flüchtlinge sich verpflichten, die Gesetze von Artis zu achten, sich weiterzubilden und keine Erfindungen zu verbreiten, die dem Planeten schaden könnten. So wurde man sich einig und lebte glücklich und zufrieden miteinander.

Krähen-Lisa

Mal wieder eine kleine Geschichte aus dem Schreibworkshop: Als Inspiration gab es ein Foto mit vielen schwarzen Vögeln – die Art konnte ich gar nicht sicher erkennen. Ich beschloss einfach, Krähen zu sehen. Als ich mein Geschichtchen vorgelesen hatte, stellte Reiner, einer meiner Mitschreibenden fest, dass sie ihn an die U-Bahn-Haltestelle Kalbach erinnere. Und da hatte er auch Recht: Genau daran hatte ich gedacht. Da habe ich nämlich zu bestimmten Zeiten auch immer Angst, vollgeschissen zu werden. Wahrscheinlich ist es gerade mal wieder soweit.

Krähen-Lisa

Elisabeth hörte die Krähen, bevor sie sie sah. Dieses typische, unmelodische Geschrei würde sie niemals vergessen. Im Grunde hatte sie gar nichts gegen die Vögel. Sie wusste, dass diese intelligente Tiere mit einer gewissen Würde waren. Und doch lösten die rauen Schreie in ihr nur ungute Erinnerungen aus.

Nebelkrähen auf Usedom – eigentlich ganz aparte Vögel

Viele Jahre hatte sie damals mit ihrer Mutter in einer alten, baufälligen Baracke gewohnt. Im Winter zog es durch alle Ritzen, und derer gab es viele. Im Sommer wurde es warm und der Garten, wenn man das matschige Stück Land rund ums Haus denn so nennen wollte, war monatelang nicht zu nutzen. Denn rings um das alte Haus standen noch ältere Bäume, und auf diesen nisteten hunderte der schwarzen Vögel. In den Brutmonaten war der Lärm kaum auszuhalten, der Boden war bedeckt mit Kot. Mehr als einmal wurde Elisabeth auf dem Weg zur Schule von einem der dunklen, warm-stinkigen Batzen getroffen. Krähen-Lisa nannten die anderen Kinder sie, oder auch die Lisa aus dem Hexenhaus.

Sie dachte ungern an diese Zeit zurück. Das feuchte, schimmelige Klima in der Baracke hatte ihre Mutter krank und sie mit 11 zur Waise werden lassen. „Gestorben an Armut“, hatte der Pfarrer es in seiner Beerdigungsrede genannt und dafür gesorgt, dass Lisa nicht mehr eine Nacht in dem furchtbaren Gemäuer unter den Krähenbäumen verbringen musste.

Zwar hatte sie es danach bei einer Tante recht gut gehabt und ihren Weg gemacht, doch die Vielzahl der Vögel, die sie jetzt über der Wiese kreisen sah, brachte die Erinnerung wieder hoch und ließ sie noch immer, über sechzig Jahre später, schwer schlucken. Sie hatte eine unglückliche Kindheit gehabt, und auch wenn diese Vögel nicht daran schuld waren, spürte sie doch so etwas wie Hass auf die schwarzen Kreaturen. Hätte sie ein Schrotgewehr gehabt, sie hätte wohl damit geschossen – nur, damit Ruhe gewesen und die Vögel davongeflogen wären. Und mit ihnen die Erinnerungen.

Ein einfacher Arbeiter

Er spürte das weiche Fleisch und genoss für einen Moment dessen kühle Glätte. Makellos weiß lag es vor ihm und er konnte es kaum erwarten, sich mit aller Macht hineinzupressen. Ach, wenn er nur nicht immer auf Hilfe angewiesen wäre. Wenn er doch nur selbst die Kraft aufbringen könnte, sich dieser zarten Perfektion zu nähern.

Lange schon hatte er die Rolle akzeptiert, die das Leben für ihn vorgesehen hatte. In seiner Jugend hatte er gehadert. Warum nur, hatte er sich gefragt, warum nur war er so klein und unscheinbar geraten? Die größeren Kollegen hatten ohne Zweifel einen besseren Klang. Sie wurden von Frauenhänden gestreichelt, brachten Sphärenklänge hervor und sonnten sich im Applaus des Publikums. Wie gerne wäre er eine Harfe gewesen. Doch er hatte einsehen müssen, dass dies mit nur acht Saiten schlecht möglich war.

Doch mit diesen acht Saiten hatte er immerhin mehr aufzubieten als die langweiligeren Gitarren, oder gar die fast schon kastriert anmutenden Bässe. Leider fehlte es ihm an einem ihn umgebenden Klangkörper, sodass niemand seine Musikalität hatte akzeptieren wollen. Und so hatte er es, nach langem Kampf und heimlich vergossenen Tränen einsehen müssen, dass aus ihm kein gefeierter Musiker wurde, sondern nur ein einfacher Arbeiter: Inzwischen war er seit fast 50 Jahren als Eierschneider tätig.

Eierschneider

Bild zur Verfügung gestellt von Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / http://www.pixelio.de

Der Druck auf seine äußere Kante verstärkte sich. Er spürte, wie das Ei sich unter seinen Drähten duckte, sich fast ängstlich an seinen Boden presste. Dann gab die zarte Hülle nach und er konnte eindringen in dieses vollkommene Oval – erst weiß, dann gelb, dann wieder weiß. Wie immer schnitt er perfekte Scheiben, neun Stück pro Ei, genau die richtige Menge für ein Eibrot, wie Sascha es mochte. Denn mittlerweile arbeitete er nicht mehr für Wilma, die ihn in den 70er Jahren bei Karstadt gekauft hatte, sondern war weitervererbt worden an ihren Enkel. Und das, so fand er, sprach eindeutig für ihn: Er war ein Qualitätsprodukt.

Ja, tatsächlich, er war zuverlässig. Niemals hatte man seine Drähte neu spannen oder schärfen müssen. Sein einfacher Mechanismus war so gut verständlich, dass selbst die leicht beschränkt wirkende Freundin von Sascha seinen Gebrauch nicht lange hatte üben müssen. Er schnitt und schnitt und schnitt – ohne lange zu fackeln und ohne jegliche Diskussion. Gut, aus ihm war kein Musiker geworden, und eigenen Strom hatte er auch nicht. Aber er war nützlich und kam für sich selber auf.

Außerdem war er pflegeleicht. Fast schon freute er sich darauf, nach dem Frühstück im warmen Seifenwasser zu baden. Wusch Sascha ihn ab, gab es eine feste Massage mit einer Naturborsten-Spülbürste. Die Freundin war vorsichtiger, sie benutzte einen Schwamm und zupfte manchmal ein wenig an seinen Saiten. Vielleicht war sie doch gar nicht so dumm, vielleicht war sie die erste, die sein Potential erkannte. Gut, ein Berufsmusiker würde in seinem Alter nicht mehr aus ihm werden, aber vielleicht reichte es für ein schönes Hobby. Sachte Klänge im Seifenschaum – das hatte doch etwas wirklich Musisches, oder nicht?

 

Nachtrag:  Zuhause hatten wir früher einen Eierschneider, der genutzt wurde, um zu besonderen Anlässen kleine Eibrote zu machen. Alltags wurden die Eier von Hand zerlegt. Auch meine Schwester hat so ein Ding – dieses Modell kann nicht nur Scheiben schneiden, sondern beherrscht zusätzlich Längseischnitte, die das Ei in Spalten spaltet.

Jedes Jahr wieder fragte meine Mutter mich kurz vor dem Geburtstag oder vor Weihnachten: „Hast du eigentlich einen Eierschneider?“ Meine Antwort war immer die Gleiche: „Nein, und ich brauche auch keinen.“ Ich bin also bekennende Eierschneider-Verweigerin – und ich stehe dazu. Wahrscheinlich würde ich eine Harfe mehr benutzen …

Die Masken fallen

Eine ganz kleine Geschichte, die letztes Jahr am Faschingsdienstag entstand und nun ja zeitlich ganz gut passt. Dazu noch ein frommer Wunsch: Mögen alle Suchenden für sich den passenden oliver oder die passende Olivia finden – ganz wie es beliebt!

Die Masken fallen

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Sie hatten miteinander gelacht. Sie hatten miteinander getrunken. Sie hatten einander geküsst und sich auf der noch warmen Motorhaube eines großen Mercedes geliebt. Und nun, im Morgengrauen des Aschermittwochs, zeigten sie einander ihr wahres Gesicht.

Olivia, die eigentlich eine aschblonde Kurzhaarfrisur trug, nahm die lange goldblonde Lockenperücke ab und ersetzte die verspiegelte Sonnenbrille durch ihre nüchterne Fielmann-Brille mit dem silberfarbenen Metallgestell. Jetzt konnte sie Enrique endlich richtig sehen. „Ich heiße Erich“, sagte Enrique und nahm die Pferdeschwanzfrisur, den Schnurrbart und die Maske des Zorro verlegen lächelnd ab. Das fahle Licht der aufgehenden Sonne ließ seine Glatze samtig glänzen. „Und ich heiße Oliver“, sagte Olivia und grinste leicht scheu. Erich grinste zurück, und dann lachten sie beide und fanden es richtig. Alles war richtig: der Abend, das Bier, der Mercedes und die kalte Parkbank, auf der sie nun saßen.

Prinzessin sein

Im Schreibworkshop gab es mal wieder eine ganz kleine Übung zum Thema „Ein anderer sein“. Für diese Lockerungs-Übungen ist immer nur ganz wenig Zeit, weshalb ich in der Regel mit der allerersten Idee drauflosschreibe, die mir durch’s Gehirn fährt. So wurde es dieses Mal … „Prinzessin sein“!

Und da es ja auch noch auf Karneval zugeht, passt es sogar in die Jahreszeit 🙂

Prinzessin sein

Krone, Wasserfarben

Bild von Pixabay

Ich bin die Prinzessin auf dem schwarzen Pferd. Die, auf die alle Männer warten – das Gegenstück zum Prinzen auf dem weißen Pferd.

Ich reite durch die Stadt in pummeliger Eleganz. Am Strand oder in einem riesigen Park wäre sicherlich noch eleganter, aber das Ganze nützt ja nichts, wenn mich keiner sieht. Der Palmengarten wäre vielleicht noch eine Alternative, aber da sind Pferde sicher nicht erlaubt und eine Oma mit Rollator möchte ich auch nicht umreiten.

Ich trabe also gemächlich auf dem Römer herum, sehr zur Freude der vielen dort ausgesetzten Japaner, die mich als deutsches Kulturgut erkennen und unzählige Bilder von mir und meinem Rappen machen. Das royale Winken klappt schon ganz gut, nur manchmal, wenn es wackelt, brauche ich diese Hand, um meine Krone festzuhalten. Die Krone ist ein Herrenmodell, schwer und massiv, denn diese lächerlich kleinen Prinzessinnen-Krönchen passen nicht auf meinen großen Kopf mit dem dramatisch herabwallenden Haar. Immerhin ist ordentlich Glitzer dran. Die englische Königin hat mehrere Kronen, habe ich kürzlich in einer Dokumentation gesehen. Das brauche ich nicht, für den Alltag reicht eine Pudelmütze. Heute aber ist Krönchen-Tag.

Ich zweige ab und reite den Main entlang. Vor dem kleinen Bistro, in dem es die tollen Nachtischteller gibt, sitzen jede Menge Leute und bewundern mich. Zurecht natürlich, diese hoheitliche Erscheinung muss mir erst einmal einer nachmachen. Ob es meinem Nimbus wohl abträglich ist, wenn ich absteige und so einen Dessertteller bestelle? Egal – ich in eine Prinzessin. Ich darf das.

Dessertteller im Bistro am Main – verschnabuliert letztes Jahr im Oktober

Alle Jahre wieder …

Die Aufgabe im Schreibworkshop war, über eine besondere Essenseinladung zu schreiben. Und ja, was soll ich sagen – man schreibt ja am liebsten über was Bekanntes 😊 Alle Personen sind jedoch erfunden.

Alle Jahre wieder

Es war mal wieder soweit: Die Majestäten hatten geladen und das Volk war gekommen. Schon im Oktober hatten die hochwohlgeborene Königin Monika die Zweite sowie König Kai-Uwe zum Vierten zur jährlichen Kohlfahrt aufgerufen, anzutreten am 14. Tage des Monats Februar anno 20XX, und zwar pünktlich zum zweiten Glockenschlage an der Kirche zu Niederdingensdorf.

Und so trafen sie sich, in warmer Kleidung und mit festen Schuhen, versammelten sich um den wie immer gut gefüllten Bollerwagen und begrüßten stürmisch jeden Neuankömmling. Als auch Hanno und Silke, traditionell die Letzten, endlich eingetroffen waren, hatten die anderen schon zwei Schnäpse intus und waren bester Laune. Zum Anwärmen noch schnell einmal anstoßen, im Gläschen Korn oder was Buntes, und los ging der Marsch durch die norddeutsche Tiefebene.

Hier machten wir im Jahr 2016 Rast. Ob diese Ecke schon immer so heißt oder ob der Name der sympathischen Figur aus Büttenwader entlehnt ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, Brakelmann aka Jan Fedder hat diese Widmung verdient.

Hanno zog gemeinsam mit Arnd den Wagen. Dabei wurde geplaudert: Beruf, Kinder, Haus, und was machte die neue Gartenhütte? Dahinter Silke, Monika und Ulf, die sich darüber unterhielten, was für ein Gedöns es doch inzwischen war, wenn die Kinder auf das Gymnasium gehen sollten. Das war doch früher alles einfacher, fanden sie, als sie damals zur Schule gingen. Dieses Damals war inzwischen über 30 Jahre her.

Da, eine Ecke! An Ecken wurde pflichtgemäß und traditionell angehalten und einer getrunken. Vielleicht auch zwei, schließlich war es noch früh am Tag, wie Andi erklärte, der einschenkte. Und dann bildeten sie Mannschaften, denn es sollte geboßelt werden. Die Roten sollten gegen die Blauen spielen – erste Kampfansagen flogen über den Feldweg hin und her.

Keiner von ihnen war des Boßelns wirklich mächtig. Sie rollten die schweren Kugeln einfach nach Gutdünken durch die Gegend und machten die mangelnden Fähigkeiten durch viel Geschrei wett. Am Ende einer jeden Runde bekamen die Gewinner einen Schnaps. Die Verlierer natürlich auch, schließlich sollte keiner traurig sein.

Weiter ging es, Strecke schaffen. Schließlich sollte man spätestens um sieben am Lokal sein, um Grünkohl mit Kassler und Pinkel zu essen. Das Königspaar wurde schon etwas nervös, heute waren die Untertanen wirklich langsam unterwegs. Da nützte es auch nichts, dass eine längere gerade Strecke vor ihnen lag, denn für derartige Notsituationen hatte Christoph ihnen schon vor Jahren eine künstliche Ecke gebaut. Die konnte man überall aufstellen und den Eckenschnaps einfordern. Das taten sie ausgiebig.

Ein weiteres Spiel stand an: Teebeutelweitwurf. Dabei tat sich wie immer der lange Simon hervor, denn der Beutel musste mit dem Mund geworfen werden und dabei ist jemand, der zwei Meter vier groß ist, einfach im Vorteil. Ein Sonderschnaps ging jedoch an Hanno, der es fertiggebracht hatte, seinen Beutel über die Schulter nach hinten zu werfen und so seine Mannschaft um den schon sicher geglaubten Sieg brachte.

Grünkohlteller – hier in der Frankfurter Kantinen-Version. Naja – geht so. Besser als nix.

Auch das wenig später durchgeführte Besenwerfen verlor Hannos Team deutlich, was vor allem daran lag, dass Monika den langen Simon, den besten Werfer der Blauen, mit dem Besen ins Gemächt traf. Sie holte ihn durch einen unkoordinierten Rückstoß mit dem Wurfgerät tatsächlich von den Füßen. Simon wurde mit Hilfe von rotem Genever wiederbelebt und die Blauen kurzerhand zum Sieger dieser Runde erklärt.

Es wurde allmählich dunkel, die Gruppe lief endlich etwas schneller. Das war immer so, irgendwann rannte die Gruppe beinahe, gerade so wie Pferde, die den Stall witterten. Schließlich wurde es auch kalt und der Gedanke an warme Suppe lockte. Doch ein Spiel gab es noch, die Gurkenstaffel, die war doch immer so lustig! Im Licht einer Straßenlaterne hoppelten sie also um zwei leere Kornbuddeln, der Bankdirektor fiel dabei über die Zahnärztin in eine Pfütze und Marion platzte während der Übergabe des Gemüses an Bernd die Hose. Was für eine Gaudi!

Weiterlaufen, weiterlaufen – fast konnten sie das Essen schon riechen. Doch dann klingelte Silkes Handy. Es war Hanno. Der war nach der Gurkenstaffel mal kurz im Gebüsch gewesen und dann versehentlich hinter einer falschen Kohlfahrtsgruppe hergelaufen – immer dem Blinklicht am Bollerwagen hinterher. Nun stand er dort, mit 17 Leuten, die er nicht kannte, die ihn aber kameradschaftlich aufgenommen und mit Schnaps versorgt hatten. Man schickte also eine Delegation los, ausgerüstet mit einer Taschenlampe und zwei Flaschen Hochprozentigem, um Freundschaft zu schließen, den Verschollenen auszulösen und heimzuholen. Der Rest der Gruppe trank derweil Reste aus Flaschen und sprach über die ernsten Dinge des Lebens.

Viertel vor sieben trafen sie endlich im Lokal ein: müde, kalt, schmutzig und zufrieden begannen die, die noch essen konnten, mit der Suppe. Die anderen schliefen oder bevölkerten die Sanitäranlagen. Kohl und Nachtisch wurden ebenfalls verputzt, es wurde noch ein wenig geredet und die meisten tranken Wasser. Dann wurde gemäß der geheimen Riten ein neues Kohlkönigspaar gekrönt. Morgen würde den meisten von ihnen schlecht sein und sie würden sich einig sein: Schön war’s, wie immer.

Die Insignien der Macht – hier: die der Kohlkönigin

Es muss seine Ordnung haben!

Ich gönne mir – und euch – derzeit ein wenig Internet-Ruhe. Ich fand, das sei mal nötig: Zeit haben für anderes, wieder mal was lesen oder einfach nur dumm gucken. Das kann ich ja besonders gut. Es sind aber noch immer reichtlich Texte vorhanden, und so gibt es heute etwas ganz Altes aus einem meiner ersten Schreibworkshops. Denn es muss seine Ordnung haben. Überall, nur nicht bei mir 🙂

Es muss seine Ordnung haben

Kaum zu glauben, dass schon wieder Dienstag ist. Dienstag ist ein Friedhofstag, ein Tag, an dem ich dich besuche. Immer scheint Friedhofstag zu sein, dabei ist es nur zweimal die Woche. An den anderen fünf Tagen bin ich frei von dir. Von deiner Anwesenheit und deinem Geruch, deiner Penetranz und deinem Gemecker. Trotzdem komme ich regelmäßig zu dir, Peter: Ich sammle Blättchen von deinem erdigen Deckel, zupfe Unkraut und harke. Damit du es schön hast und keine Unordnung deine Ruhe stört. Nicht, dass du da noch wieder raus kommst.

Weißt du, was lustig ist, Peter? Die Friedhofsverwaltung hat mir geschrieben, wegen dem „pietätlosen“ Grabschmuck. Eine nachgemachte Eingangstür sei nicht angemessen und störe das ruhige Bild. Ich habe versucht, ihnen das zu erklären: Dass du es gerne gehabt hast, so wie wir es für dich gemacht haben. Eine ordentliche, übersichtliche Eingangstür, mit Namensschild und Briefschlitz, so dass der Briefträger weiß, wohin mit der Post. Eine Klingel muss auch da sein, für die Einschreiben. Es muss ja alles seine Ordnung haben, immer und überall.

Ich habe denen von der Friedhofsverwaltung das geschrieben und ihnen deinen Fall erklärt. Ich weiß nicht, ob sie das verstanden haben. Zumindest habe ich das gute Briefpapier genommen, das mit dem aufgedruckten Namen und der Adresse. Es ist übrigens neu, du bist ja nun nicht mehr, was soll da noch dein Name auf dem Briefpapier? Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Aber gefällt dir denn eigentlich dein Grabstein? Oder stört dich die Zeitung? Die war Sabines Idee. Sie sagte, dass dein Gejammere über die Gratiszeitungen, die die Postkästen anständiger Leute verstopfen, deine hervorstechendste Eigenschaft gewesen sei. Ich glaube, sie hat nicht ganz recht, es gab auch noch anderes, was dich ausgemacht hat. Aber wir konnten dir ja schlecht Cordpantoffeln aufs Grab stellen. Und ein gelbes Postfahrrad wäre sicherlich bald geklaut worden. Nein, Peter, dass mit der Tür entspricht dir schon, und die Zeitung auch.

So, ich bin fertig. Nun ist hier wieder alles schön sauber, Peter. Schau, Blumen habe ich dir auch gebracht, aus unserem Garten. Denn für Blumen gibt man doch kein Geld aus! Sie werden bis Samstag halten, dann komme ich wieder und mache Ordnung. Und schaue nach, ob du noch da drin bist.

Im Verließ

Wo ich schon mal auf dem Grusel-Trip bin, hier gleich noch eine Miniatur, die letztes Frühjahr im Schreibworkshop bei der wunderbaren Barbara Brüning entstand:

 

Im Verließ

Seit Jahren schon quälte Sibylle der gleiche Albtraum: Sie war gefangen. Gefangen in einem Verließ tief unter der Erde. Nur eine kleine Kerze in einer staubigen Laterne spendete etwas Licht und gab den Blick frei auf die triste Umgebung: Ein schmaler Raum, nur etwa acht Quadratmeter groß, mit einem Strohsack, einem Eimer und einem Blechnapf, mehr gab es nicht zu sehen. Das Schlimmste aber war, dass Sibylle wusste, dass der Schlüssel zur Tür irgendwo in dieser kleinen Kammer sein musste. Die Tür ließ sich nur von innen öffnen, dass hatte der unheimliche Mann ihr gesagt, der sie hier hereingebracht hatte. Dieser Mann war Onkel Karl, auch wenn der schon lange tot war. Sibylle wusste, dass er tot war, aber nur, wenn sie selber wacht war. Jetzt im Moment schlief sie, und Onkel Karl lebte.

Brennende Kerze

Bild zur Verfügung gestellt von Robert Köhn, http://www.pixelio.de

Sie wusste, dass sie träumte. Sie wusste sogar, wie der Traum ausgehen würde: Verzweifelt würde sie sein, das war immer so. Erschöpft und verzweifelt von den vielen Versuchen, den Schlüssel zu finden. Unter dem Strohsack und im Stroh, im Eimer, der voller Fäkalien war und natürlich in den dunklen Ritzen der Wände. Da war kein Schlüssel, nirgends. Sie verausgabte sich bei den Versuchen, die Wände hochzuklettern, wühlte immer wieder im Strohsack. Am Morgen würden ihre Arme zerkratzt sein, weil das Stroh so stach und sie juckte. Ihre Hände würden auch zerkratzt sein, weil der Fäkalieneimer sie so ekelte. Und irgendwann, wenn die Kerze fast heruntergebrannt war, würde ihre Angst sich ins Unermessliche steigern. Erst wenn es in ihrem Traum dunkel wurde, wachte sie auf, schwitzend und zerkratzt, zum Umfallen müde.

Heute aber würde sie nicht so lange warten. Sie würde sich nicht an diesem Traum abarbeiten bis zur Erschöpfung. Sie hatte einen Plan, heute würde sie sich wehren. Nicht gegen Onkel Karl, gegen den konnte sie nichts ausrichten, aber gegen das, was danach kam. Sie würde den Schlüssel nicht suchen.

Kaum hatte die Tür sich hinter Sibylle geschlossen, nahm sie allen Mut zusammen. Sie eilte sie zur Laterne und blies die Kerze aus. Sie wurde wach. Es war vorbei.

Es war einmal

In meiner Wohnung ist es immer noch warm und in meinem Köpfchen ist Watte. Also muss mein Blog von Altbeständen leben 🙂 Es gibt also wieder mal eine Schreibkursübung – es ging um Beziehungen. Die Anfangsbuchstaben der Sätze sollten das Wort BEZIEHUNG ergeben, die Zeit war knapp. Also los …

Es war einmal …

Beinahe hätten sie einander nicht erkannt.

Einst waren sie ein Paar gewesen.

Zwei lange Monate, beinahe.

Im Sommer war es gewesen – Schwimmbadzeit.

Etwas hatte die Harmonie gestört.

Heulerei und Anschuldigungen, dramatische Trennung.

Und jetzt sahen sie sich wieder, nach 32 Jahren.

Nichts war von der früheren Anziehungskraft geblieben.

Gar nichts.

Nachbemerkung: Ich sortiere das mal ganz optimistisch unter „Gedichte“ ein. Bin ja sonst nicht so für Poesie …

Immer wieder Sonntag

„Komm, wir machen es uns richtig gemütlich!“ Wie Astrid diesen Satz hasste! Es sich gemütlich zu machen, war gemeinsam mit Horst schon im Winter nicht leicht, aber da ging es noch. Bei schlechtem Wetter blieb man ja drinnen. Im Sommer hingegen machten sie es sich im Garten gemütlich, und das war schwere Arbeit.

Zuerst wurde die schwere Persenning von den Gartenmöbeln genommen, Abschütteln, falten, in der dazugehörigen Kiste verstauen. Tisch und Stühle zurechtrücken, den großen Sonnenschirm aus dem Schuppen holen, auf den Fuß wuchten und aufspannen. Die Tischdecke rausholen, auf den Tisch legen und sorgfältig einnorden – Horst mochte es nicht, wenn die vier Zipfel ungleichmäßig herunterhingen.

„Hast du Kuchen?“ Wenn Astrid keinen gebacken hatte, rannte sie zum Bäcker und holte welchen. Horst probierte derweil schon mal den Kaffee, und wenn er sich vor lauter Kraft nicht halten konnte, deckte er den Tisch.

Beim Kaffeesieren sprachen sie zumeist über die Temperatur. War es zu kühl, holte Astrid Jacken raus, war es zu warm, drehte sie den Schirm. Das tat sie auch, wenn es blendete. Bei großer Hitze blies sie das kleine orangefarbene Planschbecken auf und füllte es mit dem Gartenschlauch, damit Horst seine dampfenden Füße hineinstellen und so überschüssige Wärme abgeben konnte. Manchmal bat er sie sogar um Eiswürfel für sein Fußbad.

Am Ende eines gemütlichen Nachmittages hatte Astrid in der Regel Rückenschmerzen und plattgelaufene Füße. Ihre Energie reichte gerade noch dazu, den ganzen Kram wieder aufzuräumen, die Stühle zusammenzuschieben und die Persenning wieder aufzulegen. Beim abschließenden Geschirrspülen half Horst ihr manchmal, aber nicht immer. Schließlich hatte er heute frei. Es war ja Sonntag.