Es war einmal

In meiner Wohnung ist es immer noch warm und in meinem Köpfchen ist Watte. Also muss mein Blog von Altbeständen leben 🙂 Es gibt also wieder mal eine Schreibkursübung – es ging um Beziehungen. Die Anfangsbuchstaben der Sätze sollten das Wort BEZIEHUNG ergeben, die Zeit war knapp. Also los …

Es war einmal …

Beinahe hätten sie einander nicht erkannt.

Einst waren sie ein Paar gewesen.

Zwei lange Monate, beinahe.

Im Sommer war es gewesen – Schwimmbadzeit.

Etwas hatte die Harmonie gestört.

Heulerei und Anschuldigungen, dramatische Trennung.

Und jetzt sahen sie sich wieder, nach 32 Jahren.

Nichts war von der früheren Anziehungskraft geblieben.

Gar nichts.

Nachbemerkung: Ich sortiere das mal ganz optimistisch unter „Gedichte“ ein. Bin ja sonst nicht so für Poesie …

Immer wieder Sonntag

„Komm, wir machen es uns richtig gemütlich!“ Wie Astrid diesen Satz hasste! Es sich gemütlich zu machen, war gemeinsam mit Horst schon im Winter nicht leicht, aber da ging es noch. Bei schlechtem Wetter blieb man ja drinnen. Im Sommer hingegen machten sie es sich im Garten gemütlich, und das war schwere Arbeit.

Zuerst wurde die schwere Persenning von den Gartenmöbeln genommen, Abschütteln, falten, in der dazugehörigen Kiste verstauen. Tisch und Stühle zurechtrücken, den großen Sonnenschirm aus dem Schuppen holen, auf den Fuß wuchten und aufspannen. Die Tischdecke rausholen, auf den Tisch legen und sorgfältig einnorden – Horst mochte es nicht, wenn die vier Zipfel ungleichmäßig herunterhingen.

„Hast du Kuchen?“ Wenn Astrid keinen gebacken hatte, rannte sie zum Bäcker und holte welchen. Horst probierte derweil schon mal den Kaffee, und wenn er sich vor lauter Kraft nicht halten konnte, deckte er den Tisch.

Beim Kaffeesieren sprachen sie zumeist über die Temperatur. War es zu kühl, holte Astrid Jacken raus, war es zu warm, drehte sie den Schirm. Das tat sie auch, wenn es blendete. Bei großer Hitze blies sie das kleine orangefarbene Planschbecken auf und füllte es mit dem Gartenschlauch, damit Horst seine dampfenden Füße hineinstellen und so überschüssige Wärme abgeben konnte. Manchmal bat er sie sogar um Eiswürfel für sein Fußbad.

Am Ende eines gemütlichen Nachmittages hatte Astrid in der Regel Rückenschmerzen und plattgelaufene Füße. Ihre Energie reichte gerade noch dazu, den ganzen Kram wieder aufzuräumen, die Stühle zusammenzuschieben und die Persenning wieder aufzulegen. Beim abschließenden Geschirrspülen half Horst ihr manchmal, aber nicht immer. Schließlich hatte er heute frei. Es war ja Sonntag.

Anita 2: Der nette Nachbar

Hier nun also der zweite Teil der Anita-Geschichte. Manchmal ist es ja sehr interessant, auch die Gegenseite zu befragen.

Anita 2: Der nette Nachbar

Türkranz mit EngelClaudia war außer sich. Sie nannte mich geschmacklos und gemein und ich wusste zunächst gar nicht, wovon sie eigentlich sprach. Erst als sie wieder zur Tür hinausrannte, dort den scheußlichen Türkranz abriss und ihn mir vor die Füße warf, sah ich den Engel. Eine kleine, erhängte Figur, die meiner süßen Claudia verblüffend ähnlichsah. Sie hatte sogar das gleiche Kleid an wie das, das Claudia im Sommer so gerne trug.

Ich wusste sofort, wer dieses garstige Teil an meine Tür gehängt hatte: Anita war es gewesen. Seit Wochen stellte sie mir nach, stalkte mich, verlangte nach Zuneigung. Als ob man jemanden mögen könnte, der einen so übel bedrängt. Sie machte mir ständig Vorwürfe und redete schlecht über meine Freundin. Ich habe versucht, sie anzuzeigen, aber bei der Polizei hat man mir nicht geglaubt. Es ist ja auch absurd: Ein Mann von 22, der von einer 55-jährigen Frau verfolgt wird, die nicht seine Mutter ist: Sowas ist verrückt.

Zum Glück konnte ich Claudia beruhigen. Sie kennt Anita ja, weiß, dass die mich verfolgt. Sie hat mich nur ein einziges Mal gefragt: „Hattest du wirklich Sex mit ihr?“ und hat es akzeptiert, dass ich „Nein“ sagte. Anita hingegen hat das nie akzeptiert, ein „Nein“ zählte für sie nicht. Als sie mich das erste Mal anbaggerte, glaubte ich an ein Missverständnis. Als sie mich aber wieder und wieder zu sich einlud, wurde sie mir unheimlich. Ich grüßte sie zwar noch, blieb aber nicht mehr zum Schwatzen stehen. Trotzdem habe ich sie nun am Hals.

Ich denke, ich werde umziehen. Denn diese Frau hat eine Meise, so groß wie ein Schwan, und wirkt dabei nach außen völlig normal. Man wird mir nie glauben, was sie mit uns tut. Und dass sie nicht gefährlich ist, glaube ich nach der Aktion mit dem erhängten Engel nicht mehr.

Anita 1: Weiberabend

Heute mache ich mal etwas, was ich noch nie gemacht habe – einen Mehrteiler 🙂 Na gut, genau genommen sind es zwei Teile. Den zweiten gibt es in den nächsten Tagen. Heute aber lernt ihr erst mal Anita kennen.

Anita 1: Weiberabend

Damenhand, Cocktailglas, Glitzernder RingIch nahm meine Tasche und überprüfte wie immer, ob ich alles dabeihatte: Handy, Geldbörse und Schlüssel, außerdem das kleine blaue Kosmetiktäschchen, in dem ich immer allerhand weibliche Utensilien mit mir herumtrug. Mein „Beischlaftäschchen“ nannte mein Mann das, weil ich in unserer ersten gemeinsamen Nacht ein Kondom daraus hervorgeholt hatte. Kondome hatte ich jetzt nicht mehr darin, wohl aber einen Lippenstift und die kühlende Creme zum Abschwellen der Augenlider.

Wie immer war meine Ausrüstung komplett, ich vergaß selten etwas. Also lief ich los. Etwas hektisch, denn ich komme ungern zu spät. Trotzdem hatten meine Mädels schon Platz genommen und den ersten Sekt bestellt, als ich in das Lokal kam. Zum Glück hatten sie mich nicht vergessen, mein Glas wartete bereits auf mich. Das war gut, denn sonst wäre ich gleich hintendran gewesen. Und so albern, wie wir auf unseren Weiberabenden immer wurden, half ein kleiner Glimmer mir wirklich: Schließlich bin ich eigentlich ein vernünftiger Mensch.

Auch dieses Mal blödelten wir munter herum. Meine Freundin Anita hatte einen Adventskranz, den sie stolz herumzeigte. Es war keiner mit Kerzen, den man auf den Tischstellen sollte, sondern einer zum an die Tür hängen. Wir schwiegen zunächst verblüfft, denn Anita hatte eigentlich einen ausgezeichneten Geschmack. Dieser Türkranz aber war von einer monströsen Hässlichkeit, dekoriert in Orange und Pink, geziert von einem Engel in einem wabernden Spitzengewand.

„Was willst du da denn mit?“ fragte schließlich Vera und schubste den blöde grinsenden Engel angewidert mit einem Finger an.

„Den schenke ich meinem Ex!“ verkündete Anita fröhlich. Wir waren erstaunt – seit wann hatte sie einen „Ex“? Sie war seit fast 25 Jahren geschieden und erwähnte diesen Mann kaum einmal. Sie sah uns die Verwirrung an und klärte uns auf: „Ich hatte Sex mit meinem Nachbarn, dem Netten aus Nummer fünf. Vier Monate lang. Nun hat er eine Neue, die ist viel jünger als ich und sieht aus wie dieses Ding da.“ Sie wackelte kräftig mit dem pausbackigen Engel und nun erst sahen wir es: Die kitschige Figur war nicht etwa vorsichtig in dem Kranz befestigt worden. Man hatte sie mit Paketschnur am Hals aufgehängt.

Als erstes erholte Vera sich von ihrer Verblüffung. „Mehr Sekt!“ rief sie einem vorbeieilenden Kellner nach.

Schön ausgedrückt – das Geschoss

Ich mag Begriffe mit zwei Bedeutungen. Das Geschoss ist besonders schön – damit kann man so richtig Blödsinn machen.

Geschosse geschossen

Panzer mit Blumen im Rohr

Hier wird nicht geschossen!

Fridolin wohnte im zweiten Geschoss eines großen Mehrfamilienhauses. Er achtete auf Recht und Ordnung, hatte den Eingang des Hauses immer im Blick und notierte akribisch, wer wann das Haus verließ oder betrat. Als vor einigen Jahren sehr zweifelhafte Subjekte an den Mülltonnen herumlungerten und dort ganz offensichtlich noch zweifelhaftere Substanzen an junge Leute verkauften, hatte Fridolin durchgegriffen und wie früher im Schützenverein von seiner ruhigen Hand und dem sicheren Auge profitiert.

„Nichts bringt diese Kriminellen so schnell zum Verschwinden wie ein warnendes Kleinkalibergeschoss in den Allerwertesten“, pflegte er zu sagen und dabei bestimmt zu nicken. Auch, als in der kleinen Gartenparzelle die Hanfpflanzen in die Höhe geschossen waren, brachte ein Geschoss aus dem zweiten Geschoss den Gärtner zum Aufgeben. Und als Gerüchte über eine angebliche Liaison des Hausmeisters mit der jungen Frau aus dem Erdgeschoss ins Kraut geschossen waren, wurde wieder zielgerichtet geschossen: ein Geschoss in seinen, eines in ihren Hintern.

Irgendwann fand man Fridolin tot auf seinem Balkon. Ein Neun-Millimeter-Geschoss hatte seine Stirn getroffen und so der Schießerei aus dem zweiten Geschoss ein Ende bereitet. Denn – bei aller Liebe zu Recht und Ordnung – irgendwann war Fridolin doch über das Ziel hinausgeschossen.

Fugen-Symphonie

Auf Wunsch einer einzelnen Dame habe ich hier noch eine Übung aus dem Schreibworkshop: Man zog ein Los, auf dem ein erster Satz stand. Meiner war von Jean-Philippe Toussaint. Der verfasste 1985 den Roman „Das Badezimmer“, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte.

Handy, bunte Farben

Bild „Color Concept“ zur Verfügung gestellt von Stux, http://www.pixabay.com

Fugen-Symphonie

Als ich begann, meine Nachmittage im Badezimmer zu verbringen, hatte ich nicht vor, mich dort einzurichten. Im Gegenteil, ich hatte eine Aufgabe, die ich schnellstmöglich zu erledigen gedachte: Das Nachweißeln der Fugen.

Ich bin nicht besonders pingelig, was mein Wohnambiente angeht, doch diese schwarz-schimmeligen Zwischenräume der Fliesen fand ich fürchterlich. Ich kaufte also ein Schimmelmittel, entfernte damit alles Schwarze und begann dann, mit einem feinen Pinsel und weißer Fugenfarbe die Linien zwischen den Kacheln nachzumalen. Und – was soll ich sagen? Es sah schlimm aus. Ich habe keine ruhige Hand und malte bei wirklich jeder Fuge über den Rand. „Wie eine Schildkröte mit Tatter“, beurteilte mein Sohn meine handwerkliche Performance. Ich fuhr also wieder in den Baumarkt, kaufte was zum Entfernen der übergeklecksten Farbe und Kreppband zum Abkleben.

Nächster Versuch: Haben Sie schon einmal versucht, alle Fliesen in einem Badezimmer abzukleben? Fuge rechts und links, oben und unten. Und jede Fuge grenzt an zwei Fliesen. Bald war mehr Klebeband als Fliese in meinem Bad. Damit konnte ich leben, wohnte ich doch schon seit Jahren allein und nutzte folglich auch als einziger dieses Bad. Aber was ich mache, mache ich halt richtig. Und Zeit hatte ich auch.

Ich klebte also alle 945 Fliesen meines Badezimmers sorgfältig ab. Das Kreppband drückte ich tüchtig fest. Nicht, dass dort Farbe hindurch schlüpfen würde. Zwei Mal musste ich in den Baumarkt und neues Klebeband holen. Beim letzten Mal nahm ich gleich einen ganzen Karton – Schluss mit dem Gerenne.

Und doch musste ich schon zwei Tagen später wieder in den Baumarkt. Ich hatte nämlich vor lauter Verdruss über meine unzulängliche Handwerkerleistung vergessen, den Farbtopf zu verschließen, sodass Farbe und Pinsel zu einem unauflöslichen Brocken zusammengetrocknet waren. Bei diesem Trip in den Baumarkt besorgte ich nicht nur zehn Dosen Farbe und zwölf Pinsel, sondern auch einen Plexiglaswürfel, in den ich den Pinsel mitsamt dem angetrockneten Farbklotz einmontierte. Ich ließ ein Metallplättchen gravieren, dass ich vorne an den Würfel klebte. „Bekenntnis eines Unzulänglichen“ stand darauf und ich schenkte das Kunstwerk meiner Ex-Frau zum Geburtstag.

Dann begann ich endlich wieder zu malern. Und tatsächlich, dieses Mal ging es. Saubere weiße Linien entstanden zwischen den grauen und naturweißen Fliesen. Als ich das Kreppband abzog, war ich unglaublich stolz. Und auch ein wenig ernüchtert. Denn das saubere weiß war sehr nüchtern.

Während ich die Fliesen ein zweites Mal abklebte, überlegte ich mir ein Farbkonzept für die Fugen. Heiter sollte es werden, aber nicht primitiv. Elegant, aber ohne traurig zu wirken. Und um den Spiegel herum mit etwas Glanz.

Die Fugen meines Badezimmers geben mir eine wunderbare Bühne für die Entfaltung meiner Kreativität. Farbharmonien, Zwischenraum-Symphonien und saisonale Konzepte lassen geben mir ständig zu tun.

Mein Wohnzimmer habe ich inzwischen untervermietet, ich brauche es nicht mehr, In die Küche gehe ich selten und im Schlafzimmer lagere ich meine Materialien. Meine Matratze liegt im Bad neben der Dusche. Endlich hat mein Leben einen Sinn bekommen.

Glück im Unglück

Wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop: Zum Thema „Glück im Unglück“ mussten wir alle mit einem Storycube würfeln – und ich erwürfelte mir ein Buch. Das ließ mich spontan an das schauerlichste Werk denken, das ich jemals freiwillig gelesen habe.

Glück im Unglück: Das Buch

BuddenbroksIn der Schule hatten sie gelost und Iris hatte ausgesprochenes Pech gehabt: Alle ihre Freundinnen durften Literaturreferate über einigermaßen erträgliche und vor allem dünne Werke machen. Nathan der Weise, Der Fänger im Roggen, Der Seewolf oder Die Schachnovelle. Nur sie, das ewige Pechmariechen, zog das dickste und ödeste Werk der Weltliteratur:  Buddenbrooks. In dieser Schwarte traf wirklich Not auf Elend, Langeweile und Überdruss troffen aus den Zeilen. Sie versuchte verzweifelt, sich auf Seite 398 zu konzentrieren, während der Schulbus langsam über die Dörfer tuckerte.

„Du hast wohl der gleiche Glück gehabt wie ich“, hörte sie eine Stimme gleich neben sich. Eine Stimme, die sie unter tausenden erkannt hätte: Es war die von Lars, dem attraktivsten Jungen der Schule. Er war zwei Jahre älter als sie, besuchte aber ebenfalls noch die elfte Klasse, weil er sich als Schwede sich noch etwas schwer mit der deutschen Schule tat.

Iris nickte schüchtern. Was sollte man zum Offensichtlichen schon groß sagen – freiwillig würde sich ja niemand diesen großbürgerlichen Firlefanz antun.

„Eine schreckliche Buch“, seufzte Lars. „Ich werde nie zum Ende schaffen in diese Leben.“ Und Iris nahm all ihren Mut zusammen und schlug vor, das Referat gemeinsam zu erarbeiten. Sie und der schönste Mann von allen – damit würde man doch selbst den weinerlichen Hanno Buddenbrook ertragen können. Lars nickte überrascht und erfreut. „Gerne!“

Iris spürte ein jubelndes Gefühl in sich. Iris und Lars – wie gut das klang! Sie war fest entschlossen, diese Notgemeinschaft zu einem Dream-Team werden zu lassen.

 

Nachbemerkung: Ich weiß, dass das von mir geschmähte Buch es zu einem Klassiker der Weltliteratur gebracht hat. Doch ich fand es zum Heulen öde. Drei Anläufe habe ich gebraucht, bis ich mich durch die viel zu vielen Seiten durchgeackert hatte. Warum ich mir das angetan habe, weiß ich heute auch nicht mehr.

Die Heilsbringerin

Im Dienstags-Schreibworkshop durften wir jeder ein Zettelchen ziehen und hatten die Aufgabe, zu diesem Thema etwas zu schreiben. Mein Zettelchen lautete …

Die Heilsbringerin

Tante Lotte war wie eine Seuche, die wirklich keiner haben wollte: Lästig, zäh, unangenehm und nicht wirklich zu vermeiden. Die Kinder nannte sie „die Heilsbringerin“, weil sie zu wirklich jedem Thema ihren Senf dazugeben musste und jedem in jeder Situation unaufgefordert mit einem gut gemeinten Rat zur Seite stand.

Das Schlimmste an Tante Lotte war, dass man ihr im Grunde nichts vorwerfen konnte. Sie war gewiss kein schlechter Mensch, sie meinte es ja nur gut. Sie meinte es gut mit Katja, der sie Ratschläge dazu erteilte, wie diese endlich einen Mann finden könnte. Gerade mit solchen Themen kannte Tante Lotte sich aus, schließlich hatte sie schon drei Männer ins Grab gebracht und hätte sicherlich sofort einen vierten gefunden, wenn sie es denn gewollt hätte.

Sie meinte es auch gut mit Marc und Andrea, denen sie nicht nur eine Fruchtbarkeitsberatung, sondern auch gleich eine entsprechende Behandlung angedeihen ließ. Es dauerte vier Jahre und 28 Literflaschen von Tante Lottes Brennnessel-Kümmel-Sud, bis Marc ihr endlich beichtete, dass sie wirklich keine Kinder wollten und er sich deshalb schon vor Jahren hatte sterilisieren lassen. Tante Lotte war beinahe erleichtert über diese Nachricht, hätte sie doch sonst an der Wirksamkeit ihrer Medizin und ihrer Ratschläge zweifeln müssen. Außerdem, so fand sie, war Andrea mit 35 Jahren sowieso schon viel zu alt für Kinder.

Überhaupt, Kinder: Mit denen meinte Tante Lotte es besonders gut. Die Kleinen mussten es ertragen, dass sie sie aufhob und ihre zitternden Lippen an die frischen Kinderwangen presste. Den Mittelgroßen wischte sie mit ihren Spucke-Taschentüchern im Gesicht herum und den Größeren gab sie Unterricht in Sachen Stil und Benimm. Da sie innerlich nicht aus der Kaiserzeit herausgekommen, war, sorgte das eher für Heiterkeit als für Verdruss – zu offensichtlich wichen die Lebensweisheiten der Tante und die Lebenswirklichkeiten der Teenager voneinander ab.

Mehrmals im Jahr kam Tante Lotte auf Besuch. Sie ging dabei gerecht vor, jeden ihrer vier Neffen und Nichten traf es drei Wochen im Jahr. Und Weihnachten, das kam noch dazu. Die Familie, die die Ehre hatte, die Tante über Weihnachten zu beherbergen, nannte dies „das Bonusjahr“. Man wusste, dass man das Fest kaum überstehen würde, ohne dass nicht jede einzelne Tannennadel von Tante Lotte begutachtet worden war. Sie kommentierte, kritisierte und lamentierte. Und doch konnte man ihr nicht böse sein. Denn wirklich, sie meinte es nur gut.

In dem Jahr, als Tante Lote starb, fühlten sich alle ein bisschen verloren. Familienfeiern endeten früher als zuvor und manchmal gab es Streit. Das hatte es früher nie gegeben. Es fehlte einfach der gemeinsame Gegner, die Person, über die man lästern konnte, sobald die Küchentüre geschlossen war. Est, als sich die Verblüffung darüber, dass jemand wie Lotte Krawinkel tatsächlich sterben konnte, gelegt hatte, trat wieder so etwas wie Ruhe ein. Sie brachten fortan immer ein Porträt der Tante mit und stellten dies an den Kopf der Kaffeetafel. Und so war sie wieder unter ihnen, die Tante Lotte, diese menschgewordene Seuche, der keiner entgehen konnte. Sie war dabei und sorgte für Gesprächsstoff. Denn ja, wirklich, die Tante – die hatte es doch immer nur gut gemeint.

Das Loch in der Socke

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop. Sie ließ mich an mein Erbe denken – Mutters Nähzeug. Ich habe einiges weggetan, hatte aber auch viel Freude beim Sichten und Sortieren der Knöpfe – das habe ich schon als Kind geliebt.

Das Loch in der Socke

Renate verspüre eine gewisse Befriedigung, als sie die Socke mit dem Loch in den Müll warf. Der zweite Strumpf flog gleich hinterher, schließlich konnte sie mit einer einzelnen dunkelroten Socke nichts anfangen. Sie lächelte, als sie den Deckel auf den Mülleimer fallen ließ.

Zuhause hatten sie Socken gestopft. „Die sind noch gut“, hatte die Mutter gesagt, oder auch: „Das hat mal viel Geld gekostet!“ Und so hatte Renate ihre Socken flicken müssen, bis von dem ursprünglichen Stoff nichts mehr übrig gewesen war und sie von den knubbeligen Stellen beim Laufen Blasen an den Füßen bekam.

Alles wurde damals geflickt bei ihnen. Renates Kleider und Hosen wurden immer wieder verlängert oder an den Seiten ausgelassen, und wenn etwas wirklich nicht mehr zu retten war, nannte der Vater sie eine Verschwenderin und schnitt Putzlappen aus dem Stoff. Als ihre Eltern starben, erbte Renate sechs Umzugskartons mit Putzlappen, viele von ihnen geflickt oder gestopft. So viel würde sie nie putzen müssen. Außerdem erbte sie Mutters Stopfpilz, Stopftwist in 38 verschiedenen Farben und einen Beutel mit 768 abgeschnittenen Knöpfen.

Ein Erbstück. Da ich reichlich Nähseide, auch in grün, besitze, habe ich es nach kurzem Zögern entsorgt.

Die Putzlappen verbrannte Renate in einer kühlen Novembernacht im Garten. Ohne schlechtes Gewissen warf sie die Nähutensilien hinterher. Die Plastikknöpfe ließen ihr Feuer in bunten Farben sprühen und es stank zum Himmel. Dennoch fühlte Renate sich danach wie therapiert. Sie würde nie wieder etwas flicken, sie warf es weg oder brachte die Sachen in die Änderungsschneiderei. „Langes Fädchen, faules Mädchen“ – die Zeiten, in denen ihr Vater sie wegen ihres Ungeschicks beim Nähen verspottet hatte, waren endgültig vorbei.

 

Nachbemerkung 1: Ich bin durchaus dafür, Dinge, die noch gut sind, nicht einfach wegzuwerfen, sondern bei kleinen Macken auszubessern und zu nähen. Ich kann das auch und mache das sogar ganz gerne. Aber olle Socken stopfe ich nicht, das lohnt sich einfach nicht. Und die Putzlapperitis, die mein Vater manchmal an den Tag legte, war mir immer unverständlich (genau wie die Schuhbanderitis – zum Anbinden von Tomatenpflanzen).

Nachbemerkung 2: Der dumme Spruch vom langen Fädchen stammte von meinem Vater. Er war immer dafür, Nähseide zu sparen. Er war es jedoch auch, der sich vor lauter Kurzfadenfummelei einmal das am Leibe geflickte Hemd versehentlich ans Hosenbein nähte, sodass ich derartige Kommentare immer locker zurückgeben konnte. 😀

Geflügeltes Erwachen

weißes Huhn

Bild zur Verfügung gestellt von Simone F., http://www.pixelio.de

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Denkt doch mal an ein Tier, das euch irgendwie ähnlich ist oder zu euch passt. Nun, ich dachte nach. Gazelle? Passt nicht. Elefant? Ist mir zu grau. Ein Fisch vielleicht – ein Harung, jung und schlank? Ne, dann doch lieber die olle Flunder, die wird am Ende wenigstens reich. Aber eine olle Schrulle – ne, das passt auch nicht auf mich, gar nicht. Und so krakelte ich frohen Mutes ein Federvieh in mein Heft.

Und dann kam der nächste Teil der Aufgabe: Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens in eurer Wohnung auf und seid dieses Tier – was macht ihr dann? Tscha … was nur?

Geflügeltes Erwachen

Ich habe immer geahnt, dass es irgendwann soweit kommen würde. Nicht umsonst nennt das Jungvolk bei uns im Büro mich manchmal Mutti. Und auch ich selber nenne mich so, man stelle sich das vor. Dabei habe ich doch gar keine Kinder und wollte auch nie welche haben. Irgendwann im Laufe meines langen Berufslebens ist es einfach passiert: Ich wurde zur Glucke, achtete laut gackernd auf meine Jungen und scharrte so manches Mal ungeduldig mit den Füßen. Meinen Hühnerhof, so habe ich ihn genannt, diesen schwer zusammenhaltbaren Wimmelhaufen, mit dem ich gearbeitet habe. Und nun habe ich den Salat.

Über Nacht sind mir Federn gewachsen, weiße mit einigen braunen Sprenkeln, und um die rosa Krallenfüße habe ich einen beeindruckenden, flaumigen Kranz. Der Kamm, der mir in letzter Zeit sooft geschwollen ist, leuchtet in kräftigem Rot, der Schnabel ist spitz und lässt sich weit aufreißen. Ich sehe kritisch in den Spiegel: Ohne Zweifel, ich bin kein normales Suppenhuhn, auch keine ausrangierte Legehenne, sondern irgendeine Prachtrasse. Mit mir könnte ein ambitionierter Geflügelzüchter ganz bestimmt Preise gewinnen. Trotzdem fühle ich mich nicht so recht wohl in meiner Hühnerhaut. Denn ich habe nichts anzuziehen. Ein Federkleid, gut und schön, aber das kann doch nicht alles sein. Ganz ohne irgendetwas aus meinem Schrank fühle ich mich nackt.

Außerdem finde ich mich unpraktisch. Zu kurze Beine, ein zu dicker Po. Gut, das war vorher auch nicht anders, aber jetzt ist es schon extrem. Und was bitte soll man mit Flügeln, wenn man nicht fliegen kann? Keine Arme haben, aber auch nicht fliegen können, das ist ganz schön bitter. Pinguine können wenigstens schwimmen, ich kann nicht mal das. Keine Frage, so ein Huhn hat es nicht leicht.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

Den Kühlschrank kriege ich so auch nicht auf. Wie gut, dass der große Wandschrank immer offensteht – es leben die schlechten Gewohnheiten. Hat mal einer einen hühnergeeigneten Dosenöffner? Ich verwerfe den Gedanken an Dosenravioli und öffne eine Packung Kekse. Eigentlich bin ich ja kein Süßfrühstücker, aber es hilft ja nichts. Süßfrühstücker – ein komischer Begriff übrigens. Was soll man denn von Leuten halten, in deren Gattungsbezeichnung drei „ü“ vorkommen? Dan doch besser Prunkhuhn mit zwei „u“ – das klingt deutlich seriöser.

Diese und andere unsortierte Gedanken ziehen durch mein Hühnerhirn. Nach dem zweiten Keks fällt mir auf, dass die Zeit der gemütlichen Sonntagsfrühstücke jetzt wohl endgültig vorbei ist. Denn zu einem ordentlichen Feiertagsfrühstück gehört für mich ein Ei, oder noch besser zwei. In meinem jetzigen Zustand wage ich kaum daran zu denken.

Ein weiterer Gedanke erschüttert mich: Im Kühlschrank sind noch Eier, mindestens vier. Ob ich versuchen sollte, sie auszubrüten? Aber nein, den Kühlschrank kriege ich ja nicht auf. Sind ja auch nicht meine Eier, zumindest nicht so richtig. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Erst mal noch ein Keks, und dann mal weitersehen.