Es muss seine Ordnung haben!

Ich gönne mir – und euch – derzeit ein wenig Internet-Ruhe. Ich fand, das sei mal nötig: Zeit haben für anderes, wieder mal was lesen oder einfach nur dumm gucken. Das kann ich ja besonders gut. Es sind aber noch immer reichtlich Texte vorhanden, und so gibt es heute etwas ganz Altes aus einem meiner ersten Schreibworkshops. Denn es muss seine Ordnung haben. Überall, nur nicht bei mir 🙂

Es muss seine Ordnung haben

Kaum zu glauben, dass schon wieder Dienstag ist. Dienstag ist ein Friedhofstag, ein Tag, an dem ich dich besuche. Immer scheint Friedhofstag zu sein, dabei ist es nur zweimal die Woche. An den anderen fünf Tagen bin ich frei von dir. Von deiner Anwesenheit und deinem Geruch, deiner Penetranz und deinem Gemecker. Trotzdem komme ich regelmäßig zu dir, Peter: Ich sammle Blättchen von deinem erdigen Deckel, zupfe Unkraut und harke. Damit du es schön hast und keine Unordnung deine Ruhe stört. Nicht, dass du da noch wieder raus kommst.

Weißt du, was lustig ist, Peter? Die Friedhofsverwaltung hat mir geschrieben, wegen dem „pietätlosen“ Grabschmuck. Eine nachgemachte Eingangstür sei nicht angemessen und störe das ruhige Bild. Ich habe versucht, ihnen das zu erklären: Dass du es gerne gehabt hast, so wie wir es für dich gemacht haben. Eine ordentliche, übersichtliche Eingangstür, mit Namensschild und Briefschlitz, so dass der Briefträger weiß, wohin mit der Post. Eine Klingel muss auch da sein, für die Einschreiben. Es muss ja alles seine Ordnung haben, immer und überall.

Ich habe denen von der Friedhofsverwaltung das geschrieben und ihnen deinen Fall erklärt. Ich weiß nicht, ob sie das verstanden haben. Zumindest habe ich das gute Briefpapier genommen, das mit dem aufgedruckten Namen und der Adresse. Es ist übrigens neu, du bist ja nun nicht mehr, was soll da noch dein Name auf dem Briefpapier? Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Aber gefällt dir denn eigentlich dein Grabstein? Oder stört dich die Zeitung? Die war Sabines Idee. Sie sagte, dass dein Gejammere über die Gratiszeitungen, die die Postkästen anständiger Leute verstopfen, deine hervorstechendste Eigenschaft gewesen sei. Ich glaube, sie hat nicht ganz recht, es gab auch noch anderes, was dich ausgemacht hat. Aber wir konnten dir ja schlecht Cordpantoffeln aufs Grab stellen. Und ein gelbes Postfahrrad wäre sicherlich bald geklaut worden. Nein, Peter, dass mit der Tür entspricht dir schon, und die Zeitung auch.

So, ich bin fertig. Nun ist hier wieder alles schön sauber, Peter. Schau, Blumen habe ich dir auch gebracht, aus unserem Garten. Denn für Blumen gibt man doch kein Geld aus! Sie werden bis Samstag halten, dann komme ich wieder und mache Ordnung. Und schaue nach, ob du noch da drin bist.

Im Verließ

Wo ich schon mal auf dem Grusel-Trip bin, hier gleich noch eine Miniatur, die letztes Frühjahr im Schreibworkshop bei der wunderbaren Barbara Brüning entstand:

 

Im Verließ

Seit Jahren schon quälte Sibylle der gleiche Albtraum: Sie war gefangen. Gefangen in einem Verließ tief unter der Erde. Nur eine kleine Kerze in einer staubigen Laterne spendete etwas Licht und gab den Blick frei auf die triste Umgebung: Ein schmaler Raum, nur etwa acht Quadratmeter groß, mit einem Strohsack, einem Eimer und einem Blechnapf, mehr gab es nicht zu sehen. Das Schlimmste aber war, dass Sibylle wusste, dass der Schlüssel zur Tür irgendwo in dieser kleinen Kammer sein musste. Die Tür ließ sich nur von innen öffnen, dass hatte der unheimliche Mann ihr gesagt, der sie hier hereingebracht hatte. Dieser Mann war Onkel Karl, auch wenn der schon lange tot war. Sibylle wusste, dass er tot war, aber nur, wenn sie selber wacht war. Jetzt im Moment schlief sie, und Onkel Karl lebte.

Brennende Kerze

Bild zur Verfügung gestellt von Robert Köhn, http://www.pixelio.de

Sie wusste, dass sie träumte. Sie wusste sogar, wie der Traum ausgehen würde: Verzweifelt würde sie sein, das war immer so. Erschöpft und verzweifelt von den vielen Versuchen, den Schlüssel zu finden. Unter dem Strohsack und im Stroh, im Eimer, der voller Fäkalien war und natürlich in den dunklen Ritzen der Wände. Da war kein Schlüssel, nirgends. Sie verausgabte sich bei den Versuchen, die Wände hochzuklettern, wühlte immer wieder im Strohsack. Am Morgen würden ihre Arme zerkratzt sein, weil das Stroh so stach und sie juckte. Ihre Hände würden auch zerkratzt sein, weil der Fäkalieneimer sie so ekelte. Und irgendwann, wenn die Kerze fast heruntergebrannt war, würde ihre Angst sich ins Unermessliche steigern. Erst wenn es in ihrem Traum dunkel wurde, wachte sie auf, schwitzend und zerkratzt, zum Umfallen müde.

Heute aber würde sie nicht so lange warten. Sie würde sich nicht an diesem Traum abarbeiten bis zur Erschöpfung. Sie hatte einen Plan, heute würde sie sich wehren. Nicht gegen Onkel Karl, gegen den konnte sie nichts ausrichten, aber gegen das, was danach kam. Sie würde den Schlüssel nicht suchen.

Kaum hatte die Tür sich hinter Sibylle geschlossen, nahm sie allen Mut zusammen. Sie eilte sie zur Laterne und blies die Kerze aus. Sie wurde wach. Es war vorbei.

Es war einmal

In meiner Wohnung ist es immer noch warm und in meinem Köpfchen ist Watte. Also muss mein Blog von Altbeständen leben 🙂 Es gibt also wieder mal eine Schreibkursübung – es ging um Beziehungen. Die Anfangsbuchstaben der Sätze sollten das Wort BEZIEHUNG ergeben, die Zeit war knapp. Also los …

Es war einmal …

Beinahe hätten sie einander nicht erkannt.

Einst waren sie ein Paar gewesen.

Zwei lange Monate, beinahe.

Im Sommer war es gewesen – Schwimmbadzeit.

Etwas hatte die Harmonie gestört.

Heulerei und Anschuldigungen, dramatische Trennung.

Und jetzt sahen sie sich wieder, nach 32 Jahren.

Nichts war von der früheren Anziehungskraft geblieben.

Gar nichts.

Nachbemerkung: Ich sortiere das mal ganz optimistisch unter „Gedichte“ ein. Bin ja sonst nicht so für Poesie …

Immer wieder Sonntag

„Komm, wir machen es uns richtig gemütlich!“ Wie Astrid diesen Satz hasste! Es sich gemütlich zu machen, war gemeinsam mit Horst schon im Winter nicht leicht, aber da ging es noch. Bei schlechtem Wetter blieb man ja drinnen. Im Sommer hingegen machten sie es sich im Garten gemütlich, und das war schwere Arbeit.

Zuerst wurde die schwere Persenning von den Gartenmöbeln genommen, Abschütteln, falten, in der dazugehörigen Kiste verstauen. Tisch und Stühle zurechtrücken, den großen Sonnenschirm aus dem Schuppen holen, auf den Fuß wuchten und aufspannen. Die Tischdecke rausholen, auf den Tisch legen und sorgfältig einnorden – Horst mochte es nicht, wenn die vier Zipfel ungleichmäßig herunterhingen.

„Hast du Kuchen?“ Wenn Astrid keinen gebacken hatte, rannte sie zum Bäcker und holte welchen. Horst probierte derweil schon mal den Kaffee, und wenn er sich vor lauter Kraft nicht halten konnte, deckte er den Tisch.

Beim Kaffeesieren sprachen sie zumeist über die Temperatur. War es zu kühl, holte Astrid Jacken raus, war es zu warm, drehte sie den Schirm. Das tat sie auch, wenn es blendete. Bei großer Hitze blies sie das kleine orangefarbene Planschbecken auf und füllte es mit dem Gartenschlauch, damit Horst seine dampfenden Füße hineinstellen und so überschüssige Wärme abgeben konnte. Manchmal bat er sie sogar um Eiswürfel für sein Fußbad.

Am Ende eines gemütlichen Nachmittages hatte Astrid in der Regel Rückenschmerzen und plattgelaufene Füße. Ihre Energie reichte gerade noch dazu, den ganzen Kram wieder aufzuräumen, die Stühle zusammenzuschieben und die Persenning wieder aufzulegen. Beim abschließenden Geschirrspülen half Horst ihr manchmal, aber nicht immer. Schließlich hatte er heute frei. Es war ja Sonntag.

Anita 2: Der nette Nachbar

Hier nun also der zweite Teil der Anita-Geschichte. Manchmal ist es ja sehr interessant, auch die Gegenseite zu befragen.

Anita 2: Der nette Nachbar

Türkranz mit EngelClaudia war außer sich. Sie nannte mich geschmacklos und gemein und ich wusste zunächst gar nicht, wovon sie eigentlich sprach. Erst als sie wieder zur Tür hinausrannte, dort den scheußlichen Türkranz abriss und ihn mir vor die Füße warf, sah ich den Engel. Eine kleine, erhängte Figur, die meiner süßen Claudia verblüffend ähnlichsah. Sie hatte sogar das gleiche Kleid an wie das, das Claudia im Sommer so gerne trug.

Ich wusste sofort, wer dieses garstige Teil an meine Tür gehängt hatte: Anita war es gewesen. Seit Wochen stellte sie mir nach, stalkte mich, verlangte nach Zuneigung. Als ob man jemanden mögen könnte, der einen so übel bedrängt. Sie machte mir ständig Vorwürfe und redete schlecht über meine Freundin. Ich habe versucht, sie anzuzeigen, aber bei der Polizei hat man mir nicht geglaubt. Es ist ja auch absurd: Ein Mann von 22, der von einer 55-jährigen Frau verfolgt wird, die nicht seine Mutter ist: Sowas ist verrückt.

Zum Glück konnte ich Claudia beruhigen. Sie kennt Anita ja, weiß, dass die mich verfolgt. Sie hat mich nur ein einziges Mal gefragt: „Hattest du wirklich Sex mit ihr?“ und hat es akzeptiert, dass ich „Nein“ sagte. Anita hingegen hat das nie akzeptiert, ein „Nein“ zählte für sie nicht. Als sie mich das erste Mal anbaggerte, glaubte ich an ein Missverständnis. Als sie mich aber wieder und wieder zu sich einlud, wurde sie mir unheimlich. Ich grüßte sie zwar noch, blieb aber nicht mehr zum Schwatzen stehen. Trotzdem habe ich sie nun am Hals.

Ich denke, ich werde umziehen. Denn diese Frau hat eine Meise, so groß wie ein Schwan, und wirkt dabei nach außen völlig normal. Man wird mir nie glauben, was sie mit uns tut. Und dass sie nicht gefährlich ist, glaube ich nach der Aktion mit dem erhängten Engel nicht mehr.

Anita 1: Weiberabend

Heute mache ich mal etwas, was ich noch nie gemacht habe – einen Mehrteiler 🙂 Na gut, genau genommen sind es zwei Teile. Den zweiten gibt es in den nächsten Tagen. Heute aber lernt ihr erst mal Anita kennen.

Anita 1: Weiberabend

Damenhand, Cocktailglas, Glitzernder RingIch nahm meine Tasche und überprüfte wie immer, ob ich alles dabeihatte: Handy, Geldbörse und Schlüssel, außerdem das kleine blaue Kosmetiktäschchen, in dem ich immer allerhand weibliche Utensilien mit mir herumtrug. Mein „Beischlaftäschchen“ nannte mein Mann das, weil ich in unserer ersten gemeinsamen Nacht ein Kondom daraus hervorgeholt hatte. Kondome hatte ich jetzt nicht mehr darin, wohl aber einen Lippenstift und die kühlende Creme zum Abschwellen der Augenlider.

Wie immer war meine Ausrüstung komplett, ich vergaß selten etwas. Also lief ich los. Etwas hektisch, denn ich komme ungern zu spät. Trotzdem hatten meine Mädels schon Platz genommen und den ersten Sekt bestellt, als ich in das Lokal kam. Zum Glück hatten sie mich nicht vergessen, mein Glas wartete bereits auf mich. Das war gut, denn sonst wäre ich gleich hintendran gewesen. Und so albern, wie wir auf unseren Weiberabenden immer wurden, half ein kleiner Glimmer mir wirklich: Schließlich bin ich eigentlich ein vernünftiger Mensch.

Auch dieses Mal blödelten wir munter herum. Meine Freundin Anita hatte einen Adventskranz, den sie stolz herumzeigte. Es war keiner mit Kerzen, den man auf den Tischstellen sollte, sondern einer zum an die Tür hängen. Wir schwiegen zunächst verblüfft, denn Anita hatte eigentlich einen ausgezeichneten Geschmack. Dieser Türkranz aber war von einer monströsen Hässlichkeit, dekoriert in Orange und Pink, geziert von einem Engel in einem wabernden Spitzengewand.

„Was willst du da denn mit?“ fragte schließlich Vera und schubste den blöde grinsenden Engel angewidert mit einem Finger an.

„Den schenke ich meinem Ex!“ verkündete Anita fröhlich. Wir waren erstaunt – seit wann hatte sie einen „Ex“? Sie war seit fast 25 Jahren geschieden und erwähnte diesen Mann kaum einmal. Sie sah uns die Verwirrung an und klärte uns auf: „Ich hatte Sex mit meinem Nachbarn, dem Netten aus Nummer fünf. Vier Monate lang. Nun hat er eine Neue, die ist viel jünger als ich und sieht aus wie dieses Ding da.“ Sie wackelte kräftig mit dem pausbackigen Engel und nun erst sahen wir es: Die kitschige Figur war nicht etwa vorsichtig in dem Kranz befestigt worden. Man hatte sie mit Paketschnur am Hals aufgehängt.

Als erstes erholte Vera sich von ihrer Verblüffung. „Mehr Sekt!“ rief sie einem vorbeieilenden Kellner nach.

Schön ausgedrückt – das Geschoss

Ich mag Begriffe mit zwei Bedeutungen. Das Geschoss ist besonders schön – damit kann man so richtig Blödsinn machen.

Geschosse geschossen

Panzer mit Blumen im Rohr

Hier wird nicht geschossen!

Fridolin wohnte im zweiten Geschoss eines großen Mehrfamilienhauses. Er achtete auf Recht und Ordnung, hatte den Eingang des Hauses immer im Blick und notierte akribisch, wer wann das Haus verließ oder betrat. Als vor einigen Jahren sehr zweifelhafte Subjekte an den Mülltonnen herumlungerten und dort ganz offensichtlich noch zweifelhaftere Substanzen an junge Leute verkauften, hatte Fridolin durchgegriffen und wie früher im Schützenverein von seiner ruhigen Hand und dem sicheren Auge profitiert.

„Nichts bringt diese Kriminellen so schnell zum Verschwinden wie ein warnendes Kleinkalibergeschoss in den Allerwertesten“, pflegte er zu sagen und dabei bestimmt zu nicken. Auch, als in der kleinen Gartenparzelle die Hanfpflanzen in die Höhe geschossen waren, brachte ein Geschoss aus dem zweiten Geschoss den Gärtner zum Aufgeben. Und als Gerüchte über eine angebliche Liaison des Hausmeisters mit der jungen Frau aus dem Erdgeschoss ins Kraut geschossen waren, wurde wieder zielgerichtet geschossen: ein Geschoss in seinen, eines in ihren Hintern.

Irgendwann fand man Fridolin tot auf seinem Balkon. Ein Neun-Millimeter-Geschoss hatte seine Stirn getroffen und so der Schießerei aus dem zweiten Geschoss ein Ende bereitet. Denn – bei aller Liebe zu Recht und Ordnung – irgendwann war Fridolin doch über das Ziel hinausgeschossen.

Fugen-Symphonie

Auf Wunsch einer einzelnen Dame habe ich hier noch eine Übung aus dem Schreibworkshop: Man zog ein Los, auf dem ein erster Satz stand. Meiner war von Jean-Philippe Toussaint. Der verfasste 1985 den Roman „Das Badezimmer“, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte.

Handy, bunte Farben

Bild „Color Concept“ zur Verfügung gestellt von Stux, http://www.pixabay.com

Fugen-Symphonie

Als ich begann, meine Nachmittage im Badezimmer zu verbringen, hatte ich nicht vor, mich dort einzurichten. Im Gegenteil, ich hatte eine Aufgabe, die ich schnellstmöglich zu erledigen gedachte: Das Nachweißeln der Fugen.

Ich bin nicht besonders pingelig, was mein Wohnambiente angeht, doch diese schwarz-schimmeligen Zwischenräume der Fliesen fand ich fürchterlich. Ich kaufte also ein Schimmelmittel, entfernte damit alles Schwarze und begann dann, mit einem feinen Pinsel und weißer Fugenfarbe die Linien zwischen den Kacheln nachzumalen. Und – was soll ich sagen? Es sah schlimm aus. Ich habe keine ruhige Hand und malte bei wirklich jeder Fuge über den Rand. „Wie eine Schildkröte mit Tatter“, beurteilte mein Sohn meine handwerkliche Performance. Ich fuhr also wieder in den Baumarkt, kaufte was zum Entfernen der übergeklecksten Farbe und Kreppband zum Abkleben.

Nächster Versuch: Haben Sie schon einmal versucht, alle Fliesen in einem Badezimmer abzukleben? Fuge rechts und links, oben und unten. Und jede Fuge grenzt an zwei Fliesen. Bald war mehr Klebeband als Fliese in meinem Bad. Damit konnte ich leben, wohnte ich doch schon seit Jahren allein und nutzte folglich auch als einziger dieses Bad. Aber was ich mache, mache ich halt richtig. Und Zeit hatte ich auch.

Ich klebte also alle 945 Fliesen meines Badezimmers sorgfältig ab. Das Kreppband drückte ich tüchtig fest. Nicht, dass dort Farbe hindurch schlüpfen würde. Zwei Mal musste ich in den Baumarkt und neues Klebeband holen. Beim letzten Mal nahm ich gleich einen ganzen Karton – Schluss mit dem Gerenne.

Und doch musste ich schon zwei Tagen später wieder in den Baumarkt. Ich hatte nämlich vor lauter Verdruss über meine unzulängliche Handwerkerleistung vergessen, den Farbtopf zu verschließen, sodass Farbe und Pinsel zu einem unauflöslichen Brocken zusammengetrocknet waren. Bei diesem Trip in den Baumarkt besorgte ich nicht nur zehn Dosen Farbe und zwölf Pinsel, sondern auch einen Plexiglaswürfel, in den ich den Pinsel mitsamt dem angetrockneten Farbklotz einmontierte. Ich ließ ein Metallplättchen gravieren, dass ich vorne an den Würfel klebte. „Bekenntnis eines Unzulänglichen“ stand darauf und ich schenkte das Kunstwerk meiner Ex-Frau zum Geburtstag.

Dann begann ich endlich wieder zu malern. Und tatsächlich, dieses Mal ging es. Saubere weiße Linien entstanden zwischen den grauen und naturweißen Fliesen. Als ich das Kreppband abzog, war ich unglaublich stolz. Und auch ein wenig ernüchtert. Denn das saubere weiß war sehr nüchtern.

Während ich die Fliesen ein zweites Mal abklebte, überlegte ich mir ein Farbkonzept für die Fugen. Heiter sollte es werden, aber nicht primitiv. Elegant, aber ohne traurig zu wirken. Und um den Spiegel herum mit etwas Glanz.

Die Fugen meines Badezimmers geben mir eine wunderbare Bühne für die Entfaltung meiner Kreativität. Farbharmonien, Zwischenraum-Symphonien und saisonale Konzepte lassen geben mir ständig zu tun.

Mein Wohnzimmer habe ich inzwischen untervermietet, ich brauche es nicht mehr, In die Küche gehe ich selten und im Schlafzimmer lagere ich meine Materialien. Meine Matratze liegt im Bad neben der Dusche. Endlich hat mein Leben einen Sinn bekommen.

Glück im Unglück

Wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop: Zum Thema „Glück im Unglück“ mussten wir alle mit einem Storycube würfeln – und ich erwürfelte mir ein Buch. Das ließ mich spontan an das schauerlichste Werk denken, das ich jemals freiwillig gelesen habe.

Glück im Unglück: Das Buch

BuddenbroksIn der Schule hatten sie gelost und Iris hatte ausgesprochenes Pech gehabt: Alle ihre Freundinnen durften Literaturreferate über einigermaßen erträgliche und vor allem dünne Werke machen. Nathan der Weise, Der Fänger im Roggen, Der Seewolf oder Die Schachnovelle. Nur sie, das ewige Pechmariechen, zog das dickste und ödeste Werk der Weltliteratur:  Buddenbrooks. In dieser Schwarte traf wirklich Not auf Elend, Langeweile und Überdruss troffen aus den Zeilen. Sie versuchte verzweifelt, sich auf Seite 398 zu konzentrieren, während der Schulbus langsam über die Dörfer tuckerte.

„Du hast wohl der gleiche Glück gehabt wie ich“, hörte sie eine Stimme gleich neben sich. Eine Stimme, die sie unter tausenden erkannt hätte: Es war die von Lars, dem attraktivsten Jungen der Schule. Er war zwei Jahre älter als sie, besuchte aber ebenfalls noch die elfte Klasse, weil er sich als Schwede sich noch etwas schwer mit der deutschen Schule tat.

Iris nickte schüchtern. Was sollte man zum Offensichtlichen schon groß sagen – freiwillig würde sich ja niemand diesen großbürgerlichen Firlefanz antun.

„Eine schreckliche Buch“, seufzte Lars. „Ich werde nie zum Ende schaffen in diese Leben.“ Und Iris nahm all ihren Mut zusammen und schlug vor, das Referat gemeinsam zu erarbeiten. Sie und der schönste Mann von allen – damit würde man doch selbst den weinerlichen Hanno Buddenbrook ertragen können. Lars nickte überrascht und erfreut. „Gerne!“

Iris spürte ein jubelndes Gefühl in sich. Iris und Lars – wie gut das klang! Sie war fest entschlossen, diese Notgemeinschaft zu einem Dream-Team werden zu lassen.

 

Nachbemerkung: Ich weiß, dass das von mir geschmähte Buch es zu einem Klassiker der Weltliteratur gebracht hat. Doch ich fand es zum Heulen öde. Drei Anläufe habe ich gebraucht, bis ich mich durch die viel zu vielen Seiten durchgeackert hatte. Warum ich mir das angetan habe, weiß ich heute auch nicht mehr.

Die Heilsbringerin

Im Dienstags-Schreibworkshop durften wir jeder ein Zettelchen ziehen und hatten die Aufgabe, zu diesem Thema etwas zu schreiben. Mein Zettelchen lautete …

Die Heilsbringerin

Tante Lotte war wie eine Seuche, die wirklich keiner haben wollte: Lästig, zäh, unangenehm und nicht wirklich zu vermeiden. Die Kinder nannte sie „die Heilsbringerin“, weil sie zu wirklich jedem Thema ihren Senf dazugeben musste und jedem in jeder Situation unaufgefordert mit einem gut gemeinten Rat zur Seite stand.

Das Schlimmste an Tante Lotte war, dass man ihr im Grunde nichts vorwerfen konnte. Sie war gewiss kein schlechter Mensch, sie meinte es ja nur gut. Sie meinte es gut mit Katja, der sie Ratschläge dazu erteilte, wie diese endlich einen Mann finden könnte. Gerade mit solchen Themen kannte Tante Lotte sich aus, schließlich hatte sie schon drei Männer ins Grab gebracht und hätte sicherlich sofort einen vierten gefunden, wenn sie es denn gewollt hätte.

Sie meinte es auch gut mit Marc und Andrea, denen sie nicht nur eine Fruchtbarkeitsberatung, sondern auch gleich eine entsprechende Behandlung angedeihen ließ. Es dauerte vier Jahre und 28 Literflaschen von Tante Lottes Brennnessel-Kümmel-Sud, bis Marc ihr endlich beichtete, dass sie wirklich keine Kinder wollten und er sich deshalb schon vor Jahren hatte sterilisieren lassen. Tante Lotte war beinahe erleichtert über diese Nachricht, hätte sie doch sonst an der Wirksamkeit ihrer Medizin und ihrer Ratschläge zweifeln müssen. Außerdem, so fand sie, war Andrea mit 35 Jahren sowieso schon viel zu alt für Kinder.

Überhaupt, Kinder: Mit denen meinte Tante Lotte es besonders gut. Die Kleinen mussten es ertragen, dass sie sie aufhob und ihre zitternden Lippen an die frischen Kinderwangen presste. Den Mittelgroßen wischte sie mit ihren Spucke-Taschentüchern im Gesicht herum und den Größeren gab sie Unterricht in Sachen Stil und Benimm. Da sie innerlich nicht aus der Kaiserzeit herausgekommen, war, sorgte das eher für Heiterkeit als für Verdruss – zu offensichtlich wichen die Lebensweisheiten der Tante und die Lebenswirklichkeiten der Teenager voneinander ab.

Mehrmals im Jahr kam Tante Lotte auf Besuch. Sie ging dabei gerecht vor, jeden ihrer vier Neffen und Nichten traf es drei Wochen im Jahr. Und Weihnachten, das kam noch dazu. Die Familie, die die Ehre hatte, die Tante über Weihnachten zu beherbergen, nannte dies „das Bonusjahr“. Man wusste, dass man das Fest kaum überstehen würde, ohne dass nicht jede einzelne Tannennadel von Tante Lotte begutachtet worden war. Sie kommentierte, kritisierte und lamentierte. Und doch konnte man ihr nicht böse sein. Denn wirklich, sie meinte es nur gut.

In dem Jahr, als Tante Lote starb, fühlten sich alle ein bisschen verloren. Familienfeiern endeten früher als zuvor und manchmal gab es Streit. Das hatte es früher nie gegeben. Es fehlte einfach der gemeinsame Gegner, die Person, über die man lästern konnte, sobald die Küchentüre geschlossen war. Est, als sich die Verblüffung darüber, dass jemand wie Lotte Krawinkel tatsächlich sterben konnte, gelegt hatte, trat wieder so etwas wie Ruhe ein. Sie brachten fortan immer ein Porträt der Tante mit und stellten dies an den Kopf der Kaffeetafel. Und so war sie wieder unter ihnen, die Tante Lotte, diese menschgewordene Seuche, der keiner entgehen konnte. Sie war dabei und sorgte für Gesprächsstoff. Denn ja, wirklich, die Tante – die hatte es doch immer nur gut gemeint.