Ich als Geschenk – was soll das denn?

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop, für mich war es eine echte Herausforderung. Es ging um ein Gedankenspiel: Du schenkst dich jemandem. Wie kann das aussehen? Oooohhhhgottogott, was soll man da bloß schreiben? Erst mal einen Brief …

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Foto von Evie Shaffer von Pexels

Mein lieber Neffe,

anliegend erhältst du meinen Leichnam zur Aufbewahrung und weiteren Verwendung. Ich habe meine sterblichen Überreste nach der Kremierung in die Schweiz schicken und dort zu einem Diamanten pressen lassen. Selbstverständlich wurde die Asche vor der Verarbeitung sorgfältig gesiebt, sodass das fertige Stück lupenrein sein und keinerlei Einschlüsse enthalten sollte. Eine klare Sache also.

Entsprechend meiner Körpermaße dürfte der Diamant ein ziemlicher Brocken geworden sein. Ich habe um einen geradlinigen Schliff mit scharfen Kanten gebeten, das erschien mir passend. Jetzt funkle ich also endlich in dem Maße, wie ich es mir immer gewünscht habe. Bunt im Licht, hell und leuchtend. Gerne wüsste ich, so rein aus Neugier, wie viel Karat aus mir geworden sind, aber das werde ich wohl nicht mehr erfahren. Du kannst den Stein ja mal in die Sonne halten und mir ein paar Lichtsignale nach oben schicken. Nicht, dass ich daran glaube würde, dort auf einer Wolke zu sitzen und mit den Beinen zu baumeln, aber man weiß ja nie.

Einen Hinweis habe ich aber noch für dich: im spießigen Deutschland ist es bislang verboten, die sterblichen Überreste seiner lieben Verwandten als Schmuckstück mit sich herumzutragen. Behalte es also bitte für dich, dass es deine Tante ist, die du als Halsschmuck oder Schlüsselanhänger trägst. Rede also einfach von Modeschmuck, Strass oder Glas. Solltest du mich zu einem Ring verarbeiten lassen, um ihn deiner Freundin oder deinem Freund zu schenken, solltest du ebenfalls besser den Mund halten, denn wer will schon die Schwiegertante mit im Schlafzimmer haben?

Und nun mach es mal gut, mein lieber Neffe. Ich wünsche dir nur das Beste, und vergiss bitte nie: Ich bin immer bei dir, was auch geschieht.

Die Wohngemeinschaft

„Aaaach, ist das heute wieder laaaangweilig hier!“ Aristocat räkelte sich auf dem Sofa und betrachtete ihre langen roten Krallen. „Bringt mir jemand was zu trinken?“ „Du wirst dich schon selber zum Napf bemühen müssen“, zwitscherte Elsa und flatterte mit kleinen, wirbelnden Bewegungen auf die Gardinenstange. „Es sei denn, du bringst Stürmer dazu, dir was zu holen.“ Alle aus der kleinen Gesellschaft blickten den schlanken Windhund an, der neben dem flauschigen Kaninchen Flocke lag und keinerlei Anstalten machte, sich zu erheben. „Ne, lass mal. Ich liege gerade so gut hier. Frag doch mal Blubb.“ Alle lachten, bis auf Blubb, der wie immer Wasser in den Ohren hatte und Witze im Allgemeinen nicht mitbekam. Er neigte auch sonst nicht zur Geschwätzigkeit, sondern zog ruhig und gleichmäßig seine Bahnen im Aquarium. Um ihn aus der Ruhe zu bringen, musste schon etwas richtig Spektakuläres passieren, eine gelangweilte Rassekatze war ihm herzlich egal. Aristocat seufzte.

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„Als ich noch bei seiner Lordschaft wohnte …“, begann sie und alle außer Blubb stöhnten genervt auf. „Hör auf damit!“, maulte Flocke. „Du bist genauso ein räudiges Tierheimvieh wie wir alle hier!“ „Räude? Habe ich da gerade Räude gehört?“ Stürmer, der seine besten Jahre hinter sich hatte und schlecht hörte, hatte nur ein Wort richtig verstanden und ihm juckte auf der Stelle das Fell. „Jaja, beruhige dich wieder, hier ist niemand räudig!“, kreischte Elsa dem Hund so laut ins Ohr, dass sogar Blubb hellhörig wurde und neugierig durch die Scheibe glotzte. Stürmer ließ sich wieder nieder, wirkte aber nicht ganz beruhigt. Flocke kletterte auf seinen Rücken und kratzte ihm mit ihren kleinen weißen Pfoten beruhigend das struppige Fell. „Ach, ja, das tut gut“, knurrte der Alte und schlief zufrieden ein. Auch die anderen gaben sich der Belanglosigkeit dieses tristen Dienstag Nachmittags hin und hielten ein Schläfchen. Nur Blubb, der fleißige Schwimmer, drehte Runde um Runde in seinem Becken und wachte über seine schlafenden Freunde.

Ungeküsst

„Küss mich, Prinzessin, denn ich bin ein Prinz!“ Wie oft habe ich dieses Märchen schon gehört, wenn es den Kindern vorgelesen wurde. Genauso oft habe ich das den Mädchen der verschiedenen Generationen hier im Haus schon zugerufen. Doch nie wurde ich erhört. Anscheinend küsst man in diesem Land keine Schildkröten mit Migrationshintergrund. Vielleicht bin ich ihnen aber auch einfach zu alt.

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Foto von Radovan Zierik von Pexels

Im Moment bin ich nämlich der Älteste in der Familie. Ich lebe schon seit vielen Jahren fern der Heimat. Ich bin nicht böse darum, ganz und gar nicht. Denn Hans, der Mann, der mich dereinst in diese Gegend brachte, rettete mir das Leben. Er fand mich nach einem Steinschlag, ich war eingeklemmt und verletzt. Er nahm mich mit, pflegte mich gesund und gab mir meinen Namen: Aristotoles. Das war in dem Jahr, als der große Weltenbrand so richtig Fahrt aufnahm. Aber davon wussten wir damals noch nichts.

Hans, ein Geschäftsmann, der viel auf Reisen war, brachte mich heim zu seiner Familie. Dort war es schön, es gab riesige Gärten und eine ganze Menge anderer Tiere. Unzivilisiert zwar, aber hübsch anzusehen. Außerdem lebten dort Hans alte Mutter, seine Frau, ein braver Sohn und drei hübsche Töchter. Sie alle freuten sich darüber, mich kennenzulernen, und nahmen sich meiner freundschaftlich an.

Diese kameradschaftliche Zuneigung blieb auch so, als die Zeiten schlechter wurden. Meine tierischen Kameraden verschwanden nach und nach. Die Pferde wurden abgeholt, Kühe und Schweine verkauft oder gar geschlachtet und gegessen. Nur der Hund und ich blieben, wir waren ja Familienmitglieder. Der Hund allerdings starb kurz vor dem allgemeinen Aufbruch, Hunde machen‘s leider im Allgemeinen nicht besonders lange. Und es war wohl auch gut so, denn er fraß nur Fleisch, und das war eine ganze Weile nur sehr schwer zu bekommen. Für mich hingegen fand sich immer noch irgendwo etwas Grün, sodass die Familie mich die ganze Zeit über vorbildlich versorgte.

In der Zeit des großen Aufbruchs musste meine Familie das schöne Anwesen verlassen. Das Wenige, was ihnen blieb, hatten sie auf einen kleinen Wagen geladen. Auch ich fuhr dort mit, mehr oder weniger bequem verwahrt in einem gepolsterten Eierkorb. Es war eine unruhige Zeit, doch ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben. Ich spürte die Trauer und Wut meiner Familie, und auch die Hoffnungslosigkeit der Älteren. Darum bemühte ich mich, Zuversicht zu verbreiten und wandte mich besonders den Kindern zu. So konnte auch ich meinen Beitrag zum Wohl der Familie leisten.

Wir kamen damals zunächst in Dresden unter, bei Verwandten, die nur halb ausgebombt worden waren. Das Kellergeschoss war nahezu intakt und wurde unsere Heimat, bis wir zwei Winter später umzogen in einen kleinen Ort an der See. Hier roch es manchmal fast ein wenig wie in meiner alten Heimat, nach Salz und Meer. Meiner Familie ging es gut hier, die Kinder bekamen wieder Farbe und Hans hatte eine gute Arbeit.

Wir blieben in diesem Haus an der Ostsee. Das Leben wurde ruhiger, stabil und sicher. Die Mädchen gründeten einen eigenen Hausstand und zogen aus, aus dem Jungen wurde ein Familienvater, der das Haus übernahm, so wie es in dieser Familie Brauch ist. Eine neue Generation wuchs heran, wurde erwachsen, zog aus, gründete Familien. Ich war immer dabei, mal im Garten, mal im Haus. Nicht nur die Kinder kümmerten sich um mich, auch die Erwachsenen sprachen viel mit mir, vertrauten mir an, was sie bewegte. Es gibt wenig, was ich nicht mitbekommen habe.

Ich bin also nunmehr seit über 80 Wintern Teil dieser Familie. Manchmal denke ich, wenn sie wüssten, was ich alles über sie weiß, würden sie mich fürchten. Ich erinnere mich daran, wo damals vor dem großen Aufbruch die Familienschätze vergraben wurde, weiß, dass die beiden ältesten Mädchen damals in Dresden mit verbotenen Sachen gehandelt haben und dass der große Junge, der immer so freundlich war, Geheimnisse seiner Nachbarn an die Polizei weitergegeben hat. Als der Mann einer der Familientöchter, der Frauen gewohnheitsmäßig schlug, in unserem Garten auf sie losgehen wollte, war ich es, der ihm in den Weg sprang, sodass er stolperte und es nur noch einen leichten Tritt von ihrem Vater brauchte, um ihm das Genick zu brechen. Ein bedauerlicher Unfall. Niemals würde ich verraten, was wirklich geschah.

Ich beobachtete die ersten Rauch-Versuche fast aller Kinder, begleitete sie durch Liebeskummer und Zukunftsängste und hörte ihnen immer zu, wenn es nottat. Und es war oft nötig – nicht alles in meiner Familie lief glatt. Es gab Zeiten, in denen viel geweint wurde. Etwa in der Phase des Umbruchs, als plötzlich alle ohne Arbeit dastanden und die Ehen der Paare unter der Last der Unsicherheit zu zerbrechen drohten. Oder in der Zeit der Gründung, als meine Leute sich mit einer Gaststätte selbständig gemacht hatten und unter der unerwartet vielen Arbeit fast zu Boden gingen. Immer war ich da und machte ihnen Mut. Es gibt wirklich Tage, an denen ich mich frage, wie die vielen Familien ohne Schildkröte leben.

Ich wurde also immer zutiefst geschätzt in meiner Familie. Etwa 100 Winter bin ich nun alt und ich habe keinen Zweifel, dass ich bei dieser guten Pflege noch weitere 20 durchhalten werde. Irgendwann werde ich mein letztes Salatblatt gefressen haben, doch bis dahin ist noch viel Zeit. Nur, dass ich wohl ungeküsst sterben werde, bedrückt mich ein wenig. Der Prinz in mir möchte auf dem weißen Pferd reiten und die Prinzessin vor dem Drachen retten. Nun ja. Vielleicht im nächsten Leben. Bis dahin unterstütze ich meine Familie weiterhin nach meinen Möglichkeiten.

Ich, ein Tier?

Die Aufgabe, aus der Sicht eines Tieres zu schreiben, ist ja recht beliebt. Zumeist soll man dann das nehmen, das einem als erstes einfällt. Beim letzten Mal war es eine Glucke. Dieses Mal war es etwas anderes – warum, kann ich mir gar nicht erklären …

Frei im Meer, und keiner stört mich

Ich, die alte Blauwal-Kuh, bin wieder auf meiner Wanderung. Ich habe es nicht mehr eilig, weder will ich bestimmte Gewässer erreichen, um dort ein Kalb zur Welt zu bringen, noch reizt es mich, auf eines der Paarungsangebote der stattlichen Bullen einzugehen, die ab und zu meinen Weg kreuzen. All das habe ich hinter mir. Stattdessen bin ich im Genießer-Modus, tauche mal ab in die kühlen Tiefen, komme dann wieder hoch, um mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Gerne würde ich mich auch einmal sonnen und gleichzeitig von Wind und Wellen schaukeln lassen wie die kleinen Boote, die ich ab und zu sehe, aber da steht mir mein Gewicht ein bisschen im Wege. Zum Schaukeln braucht es schon ordentlich Sturm. Hat halt alles Vor- und Nachteile, so auch das mit dem Gewicht – mich zieht keiner mit so einer lächerlichen Angel aus dem Wasser wie einen Dorsch.

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Foto von Daniel Ross von Pexels

Das Wasser ist kalt, da wo ich heute bin. Ich liebe Wasser und könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Die Menschen auf ihren kleinen Booten tun mir leid, die können ja gar nichts. Nicht richtig schwimmen, nicht fliegen wie die Möwen und Albatrosse. Laufen, ja, gut, aber das bringt doch nichts. Für alles brauchen sie Hilfsmittel, nichts können sie alleine, immer müssen sie einander helfen. Ich komme auch alleine klar und genieße das sehr. Ab und an begleiten mich schwärmeweise kleine Fische: Putzerfische oder auch Haie. Ich dulde sie, brauche sich aber nicht unbedingt. Spannender finde ich die unheimlichen Kreaturen der Tiefsee, was einem da manchmal begegnet, ist wirklich interessant. Leider sind sie nur dort unten zuhause, gerne würde ich auch ihnen einmal die Sonne zeigen. Aber vielleicht wären sie dann traurig, weil ihnen klar werden würde, was ihnen entgeht.

Der Mann im Garten

Distel mit drei Köpfen

Am Rande der kleinen Stadt lag ein alter, verwahrloster Garten. Er war wild und verwuchert, lud aber trotzdem zum Verweilen ein. Denn es roch verheißungsvoll, nach Lavendel und Kräutern, nach Gewürzen, Zitrusfrüchten und Cannabis. Das Letzte allerdings wuchs nicht dort, zumindest nicht an einer Stelle, die frei begehbar gewesen wäre. Der Geruch kam aus den Zigaretten von Josh, dem der Garten gehörte.

Josh war schon alt, genau genommen uralt. Er lebte in einem kleinen Holzhaus direkt im Garten. Eigentlich war es wohl mal ein Sommerhaus gewesen, doch Josh hatte es winterfest zurechtgemacht, eine Heizung und ein kleines Bad eingebaut und einen Keller mit UV-Licht, in dem er seine Rauchwaren anbaute. Jeder wusste davon, auch die Polizei. Doch mal ließ ihn gewähren, denn zum einen handelte Josh nicht mit seinem Gras und zum anderen hatte der alte Mann etwas Respekteinflößendes. Niemand in der kleinen Stadt hätte sich getraut, ihm etwas wegzunehmen oder gar ihn zu verhaften. Stattdessen ging so mancher an lauen Sommerabenden mal bei dem Alten vorbei, tauschte Bier oder einen Rest vom Sonntagskuchen gegen ein paar Züge aus einem exzellenten Joint und schwatzte über Gott und die Welt. Bei Josh konnte man entspannen, er fragte nicht woher und wohin, hörte zu, wenn man ihm etwas erzählte und schwieg kameradschaftlich, wenn man nicht reden wollte.

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Es wusste keiner, woher er gekommen war, dieser merkwürdige alte Mann mit dem weißen Bart. Er war halt einfach irgendwann da gewesen. Niemand wusste mehr genau, wann er aufgetaucht war. Man wusste nicht, wovon er lebte, aber er hatte sein Auskommen. Also hatte er wohl auch ein Einkommen. Eine Rente wahrscheinlich, vermutete man, oder ein Erbe. Manch einer glaubte, Josh sei ein Millionär – wurden die nicht manchmal komisch? Aber komisch oder nicht, man mochte Josh, auch wenn er manchmal so bekifft war, dass er sich im Adamskostüm auf seiner Gartenbank zum Schlafen niederlegte. Die schamhaften alten Damen sahen weg, meistens, oder deckten ihn mit einer Häkeldecke zu, wenn sie befürchteten, er könne sich verkühlen. Die eine oder andere war ein bisschen verknallt in ihn, war er doch auf seine geheimnisvolle Art deutlich spannender als Karl-Heinz und Frieder aus dem Altenheim. Josh war zu allen gleichbleibend, aber nicht übermäßig freundlich. Er hatte kein Interesse an einem Flirt, und da war es ihm auch egal, ob die Flirtende 17 oder 70 war.

An einem Tag im Mai schließlich verstarb Josh einfach auf seiner Gartenbank. Mit ihm verschwanden der Dorfpsychologe und Beichtvater, der Mutmacher und Womanizer des Ortes. All das war er gewesen. Das Einzige, was von ihm blieb, waren sein Garten und die Cannabiszucht im Keller. Er fehlte.

Nachbemerkung: Wie so oft handelt es sich bei diesem Text um eine kleine Aufgabe aus dem Schreibworkshop. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wie dieses Mal sogar 20 Minuten Zeit. Der erste Satz war vorgegeben, der Rest kam einfach so angeflogen.

Der Pakt mit dem Teufel

Es war einmal eine alte Witwe, die in einem kleinen Haus in einem Dorf lebte. Ihr Mann Friedrich starb vor vielen Jahren, ihre drei Kinder zog sie allein groß und machte aus ihnen gute, anständige Menschen. Inzwischen erfreute sie sich an einer Schar von Enkeln und sogar einigen Urenkeln. Sie war nicht einsam, doch auch nach dieser langen Zeit vermisste sie ihren Mann noch schmerzlich. Und sie spürte die Last des Alters, denn sie war gebrechlich, konnte nur noch langsam laufen und hatte oftmals ein Reißen im Rücken. Sie wusste, ihre Zeit zu gehen war gekommen.

Und so war sie auch weder ängstlich noch erstaunt, als sie eines Tages, als sie auf der Bank vor ihrem Haus saß, den Tod die Straße hinunterkommen sah. „Kommst du zu mir, Schnitter?“, fragte sie, doch er schüttelte den Kopf. „Heute noch nicht, Mütterchen. Aber es wäre gut, wenn du deine Angelegenheiten schon einmal ordnen würdest.“ Sie nickte und ließ ihn ziehen.

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Am nächsten Tag überprüfte sie also ihr Testament, schrieb an jeden ihrer Lieben einen kleinen Brief und putzte noch einmal durch das Haus. Als sie mit allem fertig war, war es dunkel geworden und sie setzte sich wieder draußen auf ihren Lieblingsplatz, um noch einmal das sanfte Mondlicht und den Sternenhimmel zu genießen. Wieder sah sie eine Gestalt die Straße hinunterkommen.

„Er kommt mich holen“, dachte sie, griff nach ihrer Handtasche und sah dem Ankömmling entspannt entgegen. Doch es war nicht der Tod, der um die Ecke kam. Es war ein gutaussehender junger Mann, der sie ein wenig an ihren Friedrich erinnerte – die Gestalt, die Haare und die Farbe der Augen waren den seinen ähnlich. Und doch sah er ganz anders aus. Denn ihm fehlte die Wärme in den Augen, das Spitzbübische im Blick und die freundliche Erscheinung. „Wer bist du?“, fragte sie also und der Fremde lächelte. Dieses Lächeln veränderte sein Aussehen und er wirkte auf einmal sympathisch auf die alte Frau. „Ich bin ein Engel und ich brauche deine Hilfe.“ Ein Engel also. Die Alte hatte noch nie einen gesehen und blickte ihn neugierig an. „Ach so? Ja, wenn das so ist, gerne. Was kann ich denn für dich tun?“ Der Engel lächelte noch einmal und ihr wurde es ganz warm ums Herz. „Es ist ganz einfach: Es fehlt uns an Nachwuchs. Wie überall, ist es schwierig, geeignete junge Leute zu finden. Und dabei werden Engel so dringend gebraucht.“ Die Witwe nickte nachdenklich. Ja, Engel waren wirklich oft vonnöten, es wäre gut, mehr von ihnen zu haben. „Ja, aber wie kann ich da helfen?“, fragte sie deshalb und der hübsche junge Mann erklärte es ihr. „Wir brauchen Kinder dafür. Ich habe gehört, dass der Schnitter bei dir war. Er wird dich am Sonntag holen, sagt man. Sorge dafür, dass er mir ein paar Kinder mitbringt. Das geht ganz einfach, ich zeige dir, wie das geht.“ Die alte Frau war geschockt. Der Tod sollte Kinder mitbringen, junge, gesunde kleine Menschen, die das Leben noch vor sich hatten? Ihre Enkel und Urenkel vielleicht? Das konnte sie doch nicht wollen!

Doch der Mann beruhigte sie sogleich. „Nein, natürlich sollst du deine Liebsten nicht dem Tod mitgeben. Aber es gibt Kinder, die sind nicht so gesund und wohlgestaltet wie deine, für sie wäre es doch großartig, ein Engel zu werden. Die Kleine vom Bäcker, die mit dem schiefen Blick. Oder der verrückte Junge, der immer laut singend über den Marktplatz läuft. Oder der Freche vom Schmied, der immer allen nur Ärger macht. Für solche Kinder wäre eine Karriere als Engel etwas wirklich Gutes!“ Die Alte war nicht überzeugt. Warum sollte sie das tun? Und wie sollte sie das anstellen? Der junge Mann erklärte es ihr. „Hier habe ich ein paar kleine Knöchelchen. Die steckst du einfach einigen Kindern in die Tasche – niemand wird das bemerken. Und du musst es natürlich auch nicht umsonst tun, du bekommst eine Belohnung!“ „Eine Belohnung? Was soll ich mir denn noch wünschen?“ Wieder erschien das warme Lächeln auf dem kalten Gesicht. „Nun, es ist so, dass der Schnitter dir deine Schmerzen nimmt, wenn er dich in den Himmel führt. Aber deine Jugend kann er dir nicht zurückbringen. Du wirst also auf deinen schönen Mann treffen, Friedrich, der noch immer 28 Jahre alt ist. Und du bist 85. Wenn du mir aber hilfst, wirst du für immer 25 sein und ihr beiden könnt all das nachholen, was ihr in den letzten 60 Jahren versäumt habt. Und wer weiß …“, der Mann kam ganz nah an ihr Gesicht heran, „vielleicht kannst du dich ja doch dazu entschließen, eines deiner Enkel mitzunehmen. Dieses Mädchen vielleicht mit den langen blonden Zöpfen. Dann könntest du ihr ihren Großvater vorstellen, und ihr wäret wieder eine Familie.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte der junge Mann der alten Witwe ein kleines Säckchen in die Hand und verschwand so ruhig, wie er gekommen war. Sie sah ihm lange nach. Dann schaute sie in das Säckchen. Fünf kleine, braune Knochen lagen darin. Sie sahen unscheinbar aus, stanken aber zum Himmel. „Schwefel“, dachte sie und verschloss das Säckchen wieder.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen und auch am nächsten Tag war sie sehr unruhig. Sie wollte jung sein, wenn sie Friedrich wiedertraf, jung und schön wie vor 60 Jahren. Sie ging durch das Dorf und sah die Kinder spielen. Sie sah die Hübschen und Klugen, aber auch zwei, die nicht gesund waren und einige, die frech und unerzogen waren. Eine Plage, dachte sie. Dann fasste sie einen Entschluss, ging noch kurz zum Metzger und zum Bäcker und dann nach Hause.

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Am Nachmittag kam ihre Lieblingsenkelin zu Besuch. Es war das Mädchen mit den blonden Zöpfen, ein liebes und folgsames Kind. Ihr zeigte sie eine große Schüssel: „Sie her, Lisa, dort habe ich etwas angerührt. Es ist Wurst und Brot vermischt mit Rattengift. Wir haben so eine Rattenplage rund ums Dorf. Bitte geh und stopfe mit diesem Löffel etwas von dem Gift in jedes Rattenloch, das du findest. Fass es nicht mit den Händen an, hörst du, und verbrenne die Schüssel und den Löffel, sobald du fertig bist.“ Das Mädchen tat, wie ihm geheißen wurde und verteilte die Masse sorgfältig im ganzen Dorf und im Wald. Danach warf es die hölzerne Schüssel und den Löffel beim Schmied ins Feuer, auch wenn der sie dafür schalt. Währenddessen versenkte ihre Großmutter den Mörser, in dem sie die Gabe des jungen Mannes zermahlen hatte, den Stößel und das Beutelchen, in dem sie die Knochen erhalten hatte, im tiefsten Teich im Dorf, wo ein paar Karpfen sogleich neugierig daran herumknabberten.

Die ihr verbleibenden Tage nutzte die alte Frau, um sich von ihrer Familie zu verabschieden. Sie verteilte ihren wenigen Schmuck, verschenkte alles, was noch jemand gebrauchen konnte, ging am Sonntagmorgen noch einmal in die Kirche und wartete am Abend auf der Bank sitzend auf den Tod. Der kam kurz vor Mitternacht. „Bist du fertig?“, fragte er, und sie nickte nur. „Hast du alles so erledigt, wie du es für richtig hältst?“, fragte er und sie nickte wieder. „Dann komm.“

Gemeinsam gingen sie ein Stück durch die Wiese, in der die ersten Nebel der Nacht waberten. Vor ihnen erschien eine Treppe. „Da hoch?“, fragte sie und wirkte auf einmal mutlos. „Ja, komm nur. Ich helfe dir, es geht ganz einfach.“ Und tatsächlich nahm er ihre Hand und führte sie. Leicht stieg sie nach oben. Trotzdem fragte sie noch einmal nach: „Man sagte mir, du kämest mit einem Boot?“ Er nickte bestätigend. „Ja, das tue ich oft auch. Aber heute habe ich es an einen Kollegen verliehen. Der Teufel bat darum. Er meinte, heute hätte er eine große Fuhre abzuholen. Sieh, dort unten ist er, mit dem Boot. Aber was macht er denn?“ Die Alte blickte in die Richtung, in die der Tod zeigte. Auf einem silbrig glänzenden Fluss sah sie den jungen Mann, der ihr die Knöchelchen gegeben hatte. Er kämpfte mit einem Kahn, der schwer beladen war und umzukippen drohte. „Was hat er denn da alles drauf?“, wunderte sich der Tod. „Das sieht mir nicht nach fünf Menschen aus.“ Die Alte lächelte etwas wehmütig. „Nun, es werden ein paar tausend verärgerte Ratten sein“, vermutete sie. In dem Moment sahen sie, wie drei dicke Karpfen auf das Boot sprangen. Einer traf den Teufel direkt mit dem Bauch im Gesicht und das Schimpfen, dass der Unterweltler ausstieß, klang hinauf bis zur Treppe. Immer mehr dicke, glibberige Fische sprangen auf das Boot und brachten es zum Kentern. Der Tod lachte, als hätte er noch nie zuvor etwas so Lustiges gesehen. „Wer auch immer das gemacht hat, hat es gut gemacht!“, prustete er und die alte Witwe war getröstet. Sie würde nicht jung und schön sein, wenn sie ihren Friedrich wiedertraf, aber sie würde für alle Zeit ein reines Gewissen haben.

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Biografie eines Antagonisten

Vor Kurzem nahm ich an einem Workshop teil, der sich mit Märchen beschäftigete – leider waren es nur drei Abende. Mir hat der Kurs aber sehr viel Spaß gemacht, und das nicht nur, weil ich Märchen an sich gerne mag, sondern auch, weil die Aufgaben schön und etwas ungewöhnlich waren.

Unter anderem wurden wir gebeten, uns einmal von all den Heldinnen und Helden zu lösen und stattdessen – in einer Viertelstunde – die Biografie eines der Antagonisten zu verfassen. Wie wurde also die böse Stiefmutter, was sie ist, oder warum will der Wolf unbedingt Menschen fressen? Das war sehr interessant, fand ich.

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Der Antagonist – die ersten Jahre

Als er geboren wurde, hatte sich die Freude seiner Eltern in Grenzen gehalten. Schon das Gesicht der Hebamme hatte der Mutter verraten, dass etwas nicht in Ordnung war mit diesem Kind. Es war kleiner als normal, und irgendwie schief im Rücken. Obwohl sie es versuchte, fiel es der Mutter schwer, den schwächlichen, dürren und immer missmutig wirkenden Jungen zu lieben. Auch der Vater machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Dieses Kind würde auf keinen Fall einmal seine Schmiede übernehmen, soviel stand fest.

Und so kam es, wie es kommen musste: Als das nächste Kind kam, ein hübscher, wohlgestalteter Knabe, wurde der missgebildete Erstgeborene abgegeben. Die alte Kräuterfrau, die allein im Wald lebte, wollte ihn haben. Sie zog ihn auf und lehrte ihn allerlei über den Wald, die Kräuter und die magischen Kräfte, die man nicht sehen kann. Sie war es auch, die ihm endlich einen Namen gab: Sie nannte ihn Rumpelstilzchen.

Aus dem Kind wurde ein Mann, klug zwar, aber noch immer wenig ansehnlich. Freundlichkeit und ein heiteres Lächeln fielen ihm schwer, und obwohl er sich danach sehnte, mit jemandem sein Leben zu teilen, fand er keine Frau, die ihn heiraten wollte. Die ständigen Zurückweisungen machten ihn bitter und als die alte Kräuterfrau starb, zog er sich ganz von den Menschen zurück und lebte viele Jahre allein in einer Höhle im Wald. Er sprach mit Bäumen und Tieren und schloss ab mit seinem Traum von einem Leben mit einer Familie. Und doch war er im Inneren nicht ganz lieblos. In ihm wuchs der Wunsch, ein Kind zu haben. Jemanden, um den er sich kümmern könnte und der ihn lieben würde, so wie er war – klein, verwachsen, mit einer viel zu großen Nase und einem missmutigen Gesicht. Er wollte lieben und geliebt werden – um jeden Preis.  

Nicht mein Körper

Mal wieder so ein Schreibworkshops-Ding: Wir sollten uns vorstellen, ein anderer zu sein. Zum Glück war es dieses Mal wenigstens ein Mensch, kein Huhn. Wieso mir dieser Kerl als erstes einfiel, weiß ich gar nicht – aber es hätte viel schlimmer kommen können.

Nicht mein Körper

Basketball auf Korb

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Mühsam werde ich wach. Es fällt mir schwer, nach dieser Nacht die Augen richtig aufzukriegen. Ganz verklebt sind sie, immer wieder fallen sie zu und ich nicke wieder ein. Die Nacht war unruhig ich habe unglaublich wirres Zeug geträumt. Mein Astral-Körper war wahrscheinlich in der ganzen Stadt unterwegs, vom Flughafen bis zum Eisernen Steg kam alles mal vor.

Es nützt nichts, ich muss mal. Mühsam rapple ich mich hoch, bleibe mit krummem Buckel auf der Bettkante hocken. Mein Blick fällt auf meine Füße – komische Latschen habe ich. Früher kamen mir die nie so groß vor. Los jetzt, hoch, das Bad ruft.

Ich trete aus dem Schlafzimmer hinaus auf dem Flur. Das ist nicht mein Flur. Meine Wohnung ist weiß gefliest, hier gibt es dunkles Parkett. Und in einer Ecke stehen mindestens sechs Paar Sportschuhe. Richtige Sportschuhe, die aussehen, als würden sie auch benutzt. Also zum Sport, meine ich. Ohne Zweifel, ich bin hier falsch. Ich versuche, den gestrigen Abend zu rekapitulieren – wie bin ich nur in diese Wohnung geraten? Gesoffen habe ich nicht, zumindest nichts Verwerfliches. Ferngesehen habe ich, „Das große Backen“ auf Sat 1, und dann bin ich ins Bett gegangen. Ob ich schlafgewandelt bin?

Ich gehe nachdenklich durch den Flur. Durch mein müdes Gehirn zuckt ein merkwürdiger Gedanke: Egal, wo das Klo hier ist, ich werde mich nicht hinsetzen. Ich wollte schon immer mal im Stehen pinkeln. Warum habe ich das nur noch nie gemacht?

Ich finde die Badezimmertür und will eintreten, doch irgendwas mache ich falsch: Mit einem „Rumms“ donnert meine Stirn an den Türrahmen. Was ist denn das für eine Tür, ist die für Zwerge gemacht?

Ich reibe mir die Stirn und krieche halb ins Badezimmer. Das immerhin ist schön groß, es gefällt mir. Mein Blick fällt in den Spiegel und schlagartig begreife ich, dass ich nicht ich bin. Ich bin ein Kerl, lang und dünn, mit kantigen Gesichtszügen. Das heißt, das ist mein Körper, oder besser nicht mein Körper. Meine Seele oder mein Geist oder was es auch immer ist, was mich ausmacht, es steckt in diesem langen Lulatsch, der mir etwas blöde aus dem Spiegel entgegenglotzt. Vor der Stirn glänzt eine riesige Beule und er nickt mir zu. „Hallo Dirk“, begrüße ich den Mann, der meinen Geist in sich trägt und noch immer auf’s Klo muss. Durch die Erledigung des dringenden Geschäfts versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Ich piesiliere jetzt übrigens doch im Sitzen, denn im Stehen wäre mir das zu intim. Ich fasse keinem fremden Mann in den Schritt. Aber ich wasche ihn, den fremden Mann, unter einer hohen Dusche mit dem Duschgel, das auf der Ablage steht. Riecht gut, finde ich. Er hat einen guten Geschmack.

Nach dem Duschen schlendere ich durch die Wohnung, sehe mir alles an. Ich finde einen Basketball – ob ich mit dem wohl was treffe? Tatsächlich, ich treffe – die Vase sollte ich wohl ersetzen. Den Ball nehme ich mit ins Schlafzimmer, wo ich mich wieder hinlege. Ich rolle den Ball auf meinem flachen Bauch herum, während ich versuche, wieder einzuschlafen. Irgendwie muss ich hier ja wieder rauskommen, aus dieser Wohnung und diesem Körper. In wachem Zustand wird das nichts. Ob Dirk Nowitzky jetzt wohl in meinem Körper steckt? Na, der wird sich wundern. Hoffentlich mag er mein Duschgel, und hoffentlich pinkelt er nicht im Stehen.

Gespräch auf der Parkbank

Der foilgende Text entstand als Hausaufgabe in einem Schreibworkshop. Wir sollten ein Gespräch auf einer Parkbank führen, mit einem Menschen oder ener Figur, die einem persönlich wichtig ist. Wie so oft war mir diese Aufgabe zu persönlich, ich kehre mein Inneres nicht so gerne nach außen. Und so löste ich die Aufgange einfach anders, aus purer Lust am Quatsch …

Parkbankgespräch

„Liebe Zuhörer:innen, herzlich willkommen zu einer ganz besonderen Ausgabe unserer Parkbankgespräche. Nicht nur haben wir einen ganz besonderen Gast, zusätzlich findet unser heutiges Gespräch nicht wie sonst auf einer Bank im Frankfurter Palmengarten statt, sondern wird von einem kleinen Rettungsboot mitten im Atlantik aus geführt. Vielen Dank übrigens an die Besatzung der „Rainbow Warrior“, die eine halbe Seemeile von hier bereitliegt, um uns nach Abschluss unseres Gesprächs wieder an Bord zu nehmen und sicher in den nächsten Hafen zu bringen. Und nun begrüße ich, zugegebenermaßen ein wenig aufgeregt, unseren Gast: Hallo und guten Tag, Moby Dick!“

„Guten Tag!“

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„Herr Dick, Sie erfreuen sich seit vielen Jahrzehnten einer ungebremsten Berühmtheit, Umfragen zufolge kennen über 80% der europäischen Bevölkerung Ihren Namen und würden Sie erkennen, wenn sie Sie auf der Straße treffen würden. Ihre Lebensgeschichte wurde gleich mehrfach verfilmt. Wie gehen Sie damit um?“

„Ach wissen Sie, wenn man so aussieht wie ich, wird man auch ohne Film und Fernsehen immer erkannt. Ich habe mich damit abgefunden, mich nie ohne großes Aufsehen im Meer bewegen zu können. Mit dem Alter kommt da eine gewisse Gelassenheit. Und ich gönne es allen Kulturschaffenden, dass sie mit Hilfe meiner Geschichte ihr Brot verdienen können.“

„Erhalten Sie denn einen gerechten Anteil an den Erlösen? Wie ist das mit den Tantiemen?“

„Geld interessiert mich nicht. Ich habe ja nicht einmal Taschen, die ich mir damit vollstopfen könnte. Insofern – geschenkt!“

„Hmmm, ja, interessanter Punkt, das mit den Taschen. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Denken Sie denn, dass die Anteilnahme an Ihrem Leben dazu beigetragen hat, dass die Menschen Wale inzwischen mit anderen Augen sehen?“

„Nein, das glaube ich eher nicht. Dieser Erfolg ist sicherlich mehr auf romantische Darstellungen von Walen zurückzuführen, z. B. in Star Trek oder Free Willy. Auch Umweltschutzorganisationen haben dazu beigetragen. Hinzu kommt, dass Waltran inzwischen nicht mehr so gefragt ist. Rapsöl ist viel billiger, und für Ambra gibt es Alternativen aus dem Labor. Meine Geschichte lehrte die Menschen vielmehr das Gruseln und zeigte, dass jedes Handeln irgendwann Konsequenzen hat.“

„Wie meinen Sie das genau?“

„Naja, Käptn Ahab hat mich jahrelang mit seinem sinnlosen Hass verfolgt. Viele Narben, die Sie hier sehen, verdanke ich ihm. Zuerst habe ich versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Als dass nichts half, habe ich ihm als kleine Warnung ein halbes Bein abgerissen. Sie müssen zugeben, dass das als Äußerung meines Unmuts durchaus hätte verstanden werden können. Aber auch das hat ihn nicht gebremst, ganz im Gegenteil. Der Mann war ja regelrecht besessen von mir.“

Nicht der Atlantik, sondern Borkum

„Ja, er scheint eine gewisse Wahnhaftigkeit an den Tag gelegt zu haben, das ist in der Tat belegt und anerkannt. Aber tat es wirklich Not, gleich sein ganzes Schiff mit Mann und Maus zu versenken?“

„Jaja, ich weiß, die ewige Frage nach der Verhältnismäßigkeit und den unschuldigen Opfern. Darüber habe ich später oft nachgedacht. Gab es Unschuldige auf diesem Schiff? Haben sie sich nicht alle mit diesem wahnsinnigen Mörder gemein und sein Anliegen zu ihrem gemacht? Ich weiß es nicht. Und wenn man jahrelang verfolgt wird, nicht nur mit Kameras, wie heute, sondern lebensbedrohlich, dann liegen natürlich irgendwann auch die Nerven blank. Und dann denkt man halt, jetze isses mal grad gut und schlägt zurück. Und wenn man meine Kraft und Statur hat, geht dabei leicht was kaputt. Manchmal sogar mehr, als man erst denken würde.“

„Herr Dick, nach der Aktion mit dem versenkten Schiff hatten Sie viel negative Presse. Von Untier war die Rede, und noch andere unschöne Begriffe sind gefallen. Hat Sie das verletzt?“

„Ja, natürlich hat mich das getroffen, was für eine Frage! Man müsste ja ein Herz aus Stein haben, wenn einen das ungerührt ließe. Aber das ist Vergangenheit, Ich sehe inzwischen lieber nach vorn. Heute sind es nur noch die Kälber, die sich über mich lustig machen, genauer gesagt, über meinen Namen. Aber da sage ich immer, lieber Dick als Doof.“

„Also ein optimistischer und durchaus humorvoller Blick in die Zukunft, da freut mich. Kommen wir also zu unserer letzten Frage. Wie immer geht es dabei um einen persönlichen Wunsch. Wenn Sie also frei von allen Zwängen wären, was würden Sie gerne einmal tun?“

„Oh, das ist aber eine intime Frage. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Schon seit ich ein Kalb war, würde ich gerne einmal Kettenkarussell fahren. Das steht neben vielen anderen Dingen ganz oben auf meiner Bucket List.“

„Oh ja, das habe ich auch immer geliebt. Wir werden sehen, ob wir vom Sender Ihnen dabei behilflich sein können. Lieber Herr Dick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch, heute von unserer aufblasbaren Parkbank mitten im Atlantik.“

Christrosen

Im Schreibworkshop sollten wir eine (weihnachtliche?) Geschichte über eine Winterpflanze schreiben. Ich entschied mich aus diversen Gründen für die Christrose …

Christrosen

Geliebte Christrosen

So, Herbert, das war’s. Das war das letzte Mal, dass ich Heide auf dich draufgepflanzt habe. Im März sind es 20 Jahre, die du hier liegst, dann machen wir das Grab weg. Man muss die Sache ja nicht unnötig in die Länge ziehen, und nochmal so viel Geld für dieses kleine Stück Acker bezahlen, wollte ich auch nicht. Wer weiß denn auch, wie lange ich es noch mache? Am Ende kommen die noch auf die Idee und legen mich nach meinem Ableben neben dich. Nein, nein, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, lieber lasse ich dein Grab planieren und fahre von dem gesparten Geld nach Bad Gögging zur Kur. Tanztee und Thermalbad, das wär‘ doch mal was. Seitdem du nicht mehr bist, kann ich mir ja ab und zu mal etwas gönnen.

Die Christrosen sehen schon gut aus in diesem Jahr, die blühen zu Weihnachten bestimmt wieder schön. Christrosen hast du geliebt früher, die hatten wir damals schon im Garten. Seitdem du hier liegst, hast du jedes Jahr diese eleganten weißen Blumen auf deinem Grab, direkt vor dem Stein, eingerahmt von etwas lila oder dunkelroter Heide. Die mochtest du nicht so gerne, aber das ist egal, schließlich muss ich mir das angucken und nicht du. Ich mag es bunt. Ja, ich weiß, fröhliche Farben mochtest du nie, du fandest alles Bunte ordinär und hättest mich am liebsten immer nur in Grau gesehen, aber ich sehnte mich schon damals nach Farben und Freude in meinem Leben. Freude, das war dir leider ein Fremdwort, zumindest, wenn jemand anderes etwas Freude haben wollte. Bei dir selbst sahst du das nicht so kritisch, du warst den Genüssen nicht so abgeneigt. Egal, ob es ums Essen oder Trinken, um Kleidung oder hübsche Sekretärinnen ging: Für den Herrn bitte nur das Beste. Die Kinder und ich hingegen sollten bescheiden sein, anständig, diszipliniert und vor allem leise.

Christrosen

Aber ich will nicht bitter klingen. Es war schon in Ordnung für mich, dir die letzten 20 Jahre deine Lieblingsblumen zu bringen und zu pflegen. Ich mag sie ja auch, die Christrosen, und das nicht nur, weil sie so rein und weiß sind, sondern vor allem wegen ihrer anderen Eigenschaften. Sie sind so herrlich giftig, Wurzeln, Blätter, Blüten, einfach alles an ihnen. Das kam mir gelegen, hatten wir doch reichlich von ihnen im Garten. Nur fünf von ihnen habe ich verarbeitet, nicht wissend, was wohl das beste Rezept sein könnte. Deshalb habe ich sie getrocknet, gestampft, gemörsert, Teile von ihnen gekocht, andere eingelegt und destilliert. Und so habe ich den herrlichsten Kräuterschnaps hergestellt, den man sich denken kann.

Ich wusste, dass du dir gar nichts aus Kräuterschnaps machst. Ich wusste aber auch, dass du niemand anderem etwas gönnst. Also habe ich meinen Schnaps in kleine Flaschen gefüllt und gesagt, er wäre für die alten Leute im Heim. Für die, die arm sind und nie Besuch bekommen. Also für jemand anderen als für dich. Als du das verstanden hast, gab es für mich ein blaues Auge – übrigens das letzte meines Lebens. Und dann hast du dir, rein aus Trotz, gleich drei Fläschchen meines wunderbaren Christrosenschnapses reingelötet, ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann ging es schneller, als ich gedacht hätte: Du bist einfach tot umgefallen. Mit dem Kopf bist du im Glastisch im Wohnzimmer gelandet, sodass ich das hässliche Ding auch gleich entsorgen konnte.

„Herzinfarkt“, hat Doktor Wolter auf den Totenschein geschrieben und mir was zum Kühlen für mein Auge gegeben. Den Rest vom Christrosenschnaps hat er mitgenommen und wahrscheinlich entsorgt, wir haben zumindest nie mehr davon gesprochen- Aber er lobt immer wieder die geschmackvolle Bepflanzung deines Grabes. Ich glaube, er mag auch Christrosen.