90 Minuten Juli-Wetter

Kürzlich habe ich mal wieder meine liebe Schwester besucht. Die wohnt in tiefster norddeutsche Tiefebene – tiefer geht es nicht. Trotz der wilden Wetterkapriolen machten wir am Sonntag eine kleine Tour durch Butjadingen. Die Sonne schien, es regnete, es windete und war schwül. Etwa die letzten 90 Minuten unseres Ausflugs habe ich geknipst – auch wegen des wilden Wetters. Die Bilder kommen hier in chronologischer Reihenfolge.

Da es im angepeilten Sehestädt regnete wie aus dem Eimer, fuhren wir einfach weiter und landeten in Eckwarderhörne. Als wir ankamen, war es immer noch nass, doch nach einer Portion Pommes im Strandlokal klarte es auf und lud dazu ein, ein Stück auf dem Deich zu laufen. Wenige Minuten später sah die Sache jedoch schon anders aus:

Wir hockten uns trotzdem noch ein Weilchen auf eine Bank, genossen den lauen, feuchten Wind und den Blick quer über den Jadebusen nach Wilhelmshaven, das unter dunklen Wolken lag. Irgendwann wurde es uns dann aber doch zu finster, sodass wir flotten Schrittes zum Auto zurückeilten.

Alle weiteren Fotos entstanden durch das Autofenster, was erstaunlich gut funktionierte. Zum Glück goss es weniger heftig als befürchtet, so dass die Sonne noch eine Chance hatte.

Wir sahen in der Ferne das Kernkraftwerk Unterweser in der Sonne strahlen (ja, ja, fünf Euro ins Kalauerschwein), doch davon machte ich kein Foto. Ich mag die großen Windräder lieber. Viele Leute mögen sie nicht, ich aber finde sie äußerst dekorativ.

Auch die Weite der Landschaft faszinierte mich mal wieder, wenn ich auch zugeben muss, dass ich um nichts in der Welt da wohnen möchte. Ich bin zwar auf dem Land aufgewachsen, aber zwischen Dorf und Nichts ist doch ein Unterschied.

Immerhin kann man sich in dieser Ecke nicht über zu viel Verkehr beschweren. Auf den Straßen ist zumeist reichlich Platz, ein Luxus, den ich, wenn ich noch ein Auto hätte, wohl durchaus zu schätzen wüsste.

Der Ausflug war, trotz des ausgesprochen durchwachsenen Wetters, mal wieder richtig schön. Ich genieße meine norddeutsche Heimat immer noch, auch wenn ich inzwischen überzeugte Frankfurterin bin. Wer weiß, vielleicht haue ich irgendwann meine Rente ja doch im hohen Norden auf den Kopf – muss ja nicht ganz in Butjadingen sein 🙂

Lehrer, die begeistern …

Es gibt solche und solche Lehrer: Einige ziehen lustlos ihren Stiefel durch, leiern Jahr um Jahr den gleichen öden Stoff in immer derselben lieblosen Aufbereitung herunter. Und es gibt Lehrer, die sich ernsthaft darum bemühen, dass ihre Schüler aus dem Unterricht etwas mehr mitnehmen als nur sinnlos auswendig gelernte Details, die ohnehin gleich wieder vergessen werden: Das sind die Lehrer, die sich mehr Mühe geben oder vielleicht auch einfach talentierter sind. Und dann gibt es noch diejenigen Wundertiere unter den Lehrenden, die es verstehen, selbst unter den pubertierenden Schülern der Mittelstufe so etwas wie Begeisterung zu wecken. So eine Kollegin begegnete uns in Eckernförde an der Ostsee, und es weckte in mir dankbare Erinnerungen an Lehrer, die sich Mühe gaben und begeistern konnten.

Fleißige Schüler in Eckernförde – mit Filter „Ölgemälde“

In Eckernförde trafen wir auf eine Schulklasse, die durch das Ostseeinformationshaus (oder wie das genau heißt) gescheucht wurden. Soweit, so üblich – da müssen Schüler halt durch. Ich war da auch schon mal drin und fand es semi-spannend – ganz interessant, aber nichts, was mich direkt vom Hocker gerissen hätte. Auf die Schüler wartete im Anschluss aber noch ein besonderes Vergnügen – das sie zunächst gar nicht so empfanden: Es lagen große Kescher, verschließbare Wasserpötte und eine Art Küchensiebe bereit, in so ausreichender Anzahl, dass jeder Schüler mindestens ein Gerät „bedienen“ konnte. Und dann ging es ins Wasser: Dort am Rand bei den Steinen, wo es besonders viel Matsch und Glibber gab. Natürlich gab es spitze Schreie und Protest: „Das ist so kalt!“ oder „Da ist so viel Kacke im Wasser!“ hörten wir besonders oft. Aber die junge Lehrerin verstand es, ihre Schüler zu ermutigen, es einfach mal auszuprobieren. Und so standen nach wenigen Minuten alle Jungen und Mädchen im Wasser und stocherten herum – verhalten zunächst, dann aber mit immer größerem Eifer. Jacken wurden ausgezogen und auf Steinen zwischengeparkt, das eine oder andere Kleidungsstück musste vor dem Ertrinken gerettet werden. „Ich hab‘ was, bring mal einer einen Eimer, schnell!“, war zu hören, und jemand rannte nach einem Bottich. Ein besonders großer Kescher, viel zu schwer für ein dünnes Teenager-Mädchen, wurde von zwei poppig angezogenen Mädels kurzerhand gemeinsam bedient. Mit langen, bunt lackierten Fingernägeln wühlten sie im Dreck herum und sortierten irgendwas aus. Die Lehrerin war überall, guckte, zeigte, beriet und lachte. Es machte wirklich Spaß, der Gruppe zuzugucken, und eigentlich hätte ich ganz gerne mitgewühlt.

Mit Eifer bei der Sache – und durch Filter „Ölgemälde“ unkenntlich gemacht

Irgendwann gingen wir weiter, meine Freundin und ich, sahen uns aber immer mal wieder nach den Jugendlichen da im flachen Wasser um. Die Kälte hatten sie anscheinend ganz vergessen und nach und nach füllten sich die durchsichtigen Bottiche mit irgendwelchen Fundstücken. Ich gehe davon aus, dass größtenteils Dreck eingetuppert wurde, aber auch Dreck ist interessant, wenn man ihn unter einem Binokular betrachtet. Und hier komme ich zu meinen eigenen schönen Erinnerungen.

Auch ich hatte früher Lehrer, die mit uns mehr gemacht haben als das, was im Lehrplan stand. Wir haben Dinge ausprobiert, Versuche gemacht, im Dreck gewühlt und Sachen angefasst. Eines meiner ersten eigenen naturwissenschaftlichen Experimente war in der dritten Klasse das Sezieren eines Herings, der am gleichen Morgen im Fischgeschäft unseres Dorfes gekauft worden war. Die Fischfrau kannte das schon: Kam ein Drittklässler frühmorgens mit einer länglichen Dose und wollte einen Hering, legte sie einen ganzen hinein. Einige wenige Schüler hatten im Nachbarort gekauft und ein Filet bekommen, was sich beim Sezieren als unpraktisch erwies. Mein Hering aber war ganz, schillerte schön und hatte frische rote Kiemen, die wir herausnahmen – genau wie die Innereien. Alles lag auf Papier, stank im Klassenzimmer herum und wurde eingehend betrachtet. Nicht alle Klassen in unserer Schule haben das gemacht – es brauchte schon eine bestimmte Lehrerin, die den Fisch nicht nur auf Bildern zeigte, sondern Gestank und Geschmiere auf sich nahm und uns ein unvergessliches Erlebnis ermöglichte.

Auch andere Dinge prägten sich mir ein: Wie wir mit einem Kassettenrecorder durch den regnerischen Park rannten und Geräusche aufnahmen: Vögel, Wasser, Schritte auf Kies und Matsch. Dazu sammelten wir, was uns des Sammelns wert erschien – Kunstunterricht war das. Wir kochten Seife im Chemieunterricht, was gar nicht so leicht war – meine war leider so ätzend, dass sie die Oberfläche des Tisches beschädigte. Dafür gelang mein Alkohol, und die von mir im Bio-Unterricht gezüchteten Drosophila-Fliegen (aus zwei zusammengesperrten Männchen mit einem Weibchen, weil die Männchen oft nichts taugen, wie der Lehrer erklärte) gelangen vorbildlich und entkamen auch nicht, bevor ich sie gezählt und genau beschrieben hatte. Selbst das sezierte Kuhauge, eine freiwillige Übung, vor der ich mich eigentlich geekelt hatte, geriet zu einem Highlight meines Schullebens, weil das Auge eben gar nicht glibberig war und meine herausgefummelte Linse so besonders schön klar und prächtig war. Und auch wir nahmen einmal Wasserproben mit allem was drin war – nicht aus der Ostsee, sondern dem Zwischenahner Meer. Das war der Nachmittag, an dem fast alle freiwillig länger blieben, weil wir noch gar nicht fertig waren und noch gucken wollten, was da alles so drin war.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es kann tolle Schulerlebnisse geben, die einem lange im Gedächtnis bleiben und einem wirklich etwas mitgeben. Viele Lehrer gehen diesen Weg, der für sich sicher etwas anstrengender, für die Schüler aber so viel wertvoller ist als sinnloses Auswendiglernen. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, hatte auch ich solche und solche Lehrer – die müde Leiernden und auch die engagiert Motivierenden. Letzteren möchte ich gerne einmal danken: für ihren Schwung, ihr Engagement und all das, was sie mir ermöglicht haben.

Eine Akelei – auch aus Eckernförde, und auch als Ölgemälde getarnt.

Ostseekugeleien

Wie man aufgrund der ungewohnten Ruhe hier im Blog erahnen konnte, war ich im Urlaub. Mal wieder ging es ans Wasser, genauer an die Ostseeküste. Mit meiner Freundin Kerstin besuchte ich eine der größten Bausünden Deutschlands, das „Ostseeressort Damp“. Häßlich hingeklotzt, aber toll gelegen, mit 70er-Jahre-Charme und tollen Wellnesseinrichtungen. Und absolut behindertengerecht – das mögen wir als Fußgängerin und Rollifahrerin hier besonders. Natürlich hatten wir auch wieder Seeblick gebucht: mit Blick auf die Ostsee und den Yachthafen.

Damp Yachthafen, Kugelfoto

Damp – Blick auf den Yachthafen

Auch auf die Gefahr hin, meine Leser und Bildergucker allmählich zu langweilen, habe ich mal wieder mit meiner Fotokugel herumgespielt. Das Wetter hat aber auch geradezu dazu eingeladen: Himmel und Ostsee waren so unglaublich blau, dass es fast schon künstlich aussieht.

Wieder einmal kann ich mich kaum entscheiden, ob ich die Bilder richtig- oder falschherum am liebsten mag – oder sollte das innere Bild gedreht werden? Ist falsch richtig, oder richtig falsch? Kompliziert – wie immer probiere ich gerne etwas aus und mache es mal so, mal anders.

Natürlich liefen wir nicht nur direkt am Wasser herum, sondern wanderten auch ein wenig ins Landesinnere hinein. Hier gab es viel Grün, einen locker bewölkten Himmel, bannig Wind und … Pferde. Jede Menge Pferde – ihnen werde ich wohl noch einen Extrabeitrag widmen. Einige aber passten in meine Kugel – sehr zur Verwunderung ihres Besitzers, der mit seinem Auto gaaaaanz langsam an uns vorbeizog, um zu gucken, was die dicke Dame da wohl an seinem Zaun macht.

Ostseepferde

Ich versuchte übrigens auch, Kerstin in der Kugel richtig in Szene zu setzen. Sie stand diesem Experiment eher skeptisch gegenüber, sodass das Lächeln etwas verklemmt wirkte. Und da die Kugel die Figur nicht unbedingt zum Positiven verändert, verbot sie mir sehr energisch eine Veröffentlichung dieser Bilder. Daran halte ich mich natürlich – mit einem Lächeln. 😀

Fundstücke 44 – Keine Fische ausnehmen!

Wieder einmal ist es eine Toilettetür, die mich fasziniert, und wieder einmal steht ein merkwürdiges Verbot angeschlagen: Man möchte doch bitte in dieser öffentlichen Damentoilette keine Fische ausnehmen und auch keine Abfälle entsorgen – ach was?

Da es in diesem Hafenklo im Kappeln auch ohne Fischinnereien nicht nach Parfüm roch, wunderte ich mich mal wieder über meine Mitmenschen – denn irgendeinen Vorfall dieser Art muss es ja gegeben haben, der „die Offiziellen“ dazu gebracht hat, ein derartiges Schild aufzuhängen. Was für eine fischig-stinkige Schweinerei mag das gewesen sein?

Klotür in Kappeln

Kugelexperimente

In den Urlaub auf Borkum hatte ich ja, wie schon erwähnt, meine Glaskugel mitgeschleppt. Tapfer packte ich also so manches Mal das schwere Ding in meinen Rucksack und ging damit üben. Viele Fotos waren nix – wenn die Sonne zu sehr draufscheint, wird es nichts, und wenn man einen falschen Winkel nimmt oder herumwackelt, auch nicht. Doch es kam eine ganz schöne Ausbeute an ansehnlichen Bildern bei meinen Versuchen heraus.

Strand und Wolken mit dickem Lichtreflex

Die Bilder in der Kugel stehen naturgemäß immer erst mal auf dem Kopf. Das hat was mit Physik und Optik zu tun, wie das genau erklärt wird, weiß ich nicht – in Physik war ich auch immer recht schlecht. Wie dem auch sei, wenn man es möchte, kann man die Bilder in der Kugel umdrehen. Das geht, indem man diesen Teil des Bildes kreisrund ausschneidet (z. B. mit GIMP) und umdreht.

Mein geliebter Leuchtturm ganz weit weg

Mit diesen Bildbearbeitungstools bin ich allerdings auch nicht unbedingt eine Künstlerin, das ginge wahrscheinlich noch besser, doch erst mal bin ich damit zufrieden. Ich musste auch feststellen, dass einige Bilder hübscher sind, wenn man sie einfach „falsch herum“ lässt.

Die Welt steht Kopf – zumindest für diese Spaziergänger

Die herbstlichen Farbkontraste machten es einem leicht, reizvolle Motive zu finden – und der Himmel, an dem immer einiges los war, tat seinen Teil dazu. Hier noch ein nicht umgedrehtes Bild:

Herbst und Himmel – eine schöne Kombination

Auch Gegenlichtaufnahmen funktionieren, allerdings waren hier meine meisten Versuche für die Tonne. Das muss ich noch üben, das sollte besser gehen.

Blick von der Terrasse des Sturmecks

Ich musste allerdings feststellen, dass meine Mitmenschen nicht alle Verständnis haben für komische Frauen, die sich im Café vor den Tisch knien, um durch einen Glaskugel zu knipsen. Ein älterer Herr guckte mich sehr befremdet an, und als seine Frau ihn fragte: „Was denkst du?“, da antwortete er: „Sach ich nicht!“ Dabei ging es um dieses Tassenfoto, dass ich woanders schon mal gezeigt habe.

Der Pavillon auf der Promenade – hier konnte ich noch ein Jazzkonzert genießen

Und eine Sache war mir wirklich lästig bei der Knipserei: Das Gewicht meiner Fotokugel. Die 10 cm große Kugel wiegt rund 1300 Gramm, das ist mir zu viel, um sie oft mit mir herumzuschleppen. Folglich habe ich noch ein kleineres Modell von 6 cm bestellt – mal gucken, wie sich das so macht. Ich werde berichten.

Einfach ein Blick in die Dünen

Fundstücke 41 – Tuffels

Dieses kleine Fundstück sah ich auf Borkum, und es ließ mich lächeln und an meine Kindheit denken. Denn das schöne plattdeutsche Wort „Tuffels“ begegnete mir dort jeden Tag. Nicht jeder Tourist wird es wissen, kann aber wahrscheinlich erschließen, dass die hier im Set mit Grünkohl und allerlei Fleischwaren angebotenen „Tuffels“ auf Hochdeutsch „Kartoffeln“ heißen. So wie hier auf einem Schild habe ich den dialektalen Ausdruck aber noch nie gesehen.

Das beste Essen überhaupt!

Ich bin in Nordwestdeutschand aufgewachsen, und Nordwestdeutschland ist Kartoffel-Land. Ich glaube, wir hatten zuhause mindestens 5 Mal die Woche Kartoffeln – es kann auch öfter gewesen sein. Nudeln oder Reis gab es selten, denn meine Mutter vertrat wie so viele Nordlicher die Ansicht, diese Speisen seien ungesund. Man könne von Reis nicht leben, sagte sie, der enthalte keinerlei Nährstoffe. Nun, das erzähle man einmal den Milliarden von Asiaten auf dieser Welt …

Auch später in der Kantine und in der Mensa wurden wir mit Kartoffeln fast zu Tode gefüttert. Und erst vor wenigen Jahren erlebte ich in einem Hotel auf Sylt, das viel von Norddeutschen besucht wurde, beim Abendessen beinahe einen Aufstand: „Sie müssen doch zu jedem Essen Salzkartoffeln anbieten!“, wurde dort ein verdatterter Koch zusammengeschimpft. Der arme Mann war völlig verwirrt, wahrscheinlich war er ein Zugereister. Nun, das wird ihm nicht wieder passieren, dass er einen Speiseplan ohne Tuffels erstellt.

Bei mir gibt es inzwischen eher selten Kartoffeln zu essen. Ab und zu mal in der Kantine, oder zuhause im Eintopf – ansonsten bevorzuge ich Reis oder Nudeln. Und ich lebe noch!

Auge in Auge

Dieses Mal habe ich es tatsächlich „geschafft“, auf Borkum das winzige Aquarium zu besuchen. Dieses hat nur wenige Becken und ist dafür mit 4,50 Euro Eintritt recht teuer, aber dafür ist alles sehr gepflegt, es war fast nichts los und ein netter Mitarbeiter stand die ganze Zeit für Fragen zur Verfügung.

Dieser Geselle faszinierte mich besonders – angeblich gehört er zur Familie der Knurrhähne und würde gebraten besonders gut schmecken. Doch seine blauen Augen machten mich so sentimental …

Auch andere Aquariumsbewohner haben schöne Augen – hier haben wir ein Modell in gelb, das perfekt zu den Streifen des Fisches passt. Lagerfeld hätte es nicht besser gekonnt:

Das nächste ist wieder ein Speisefisch – davon hat die Nordsee ja allerhand zu bieten: Die Babyscholle versteckt sich schüchtern im Sand, nur der misstrauische Blick ihrer winzigen Augen verrät sie (und ich erschrak jedes Mal, wenn ich angestrengt suchend in den Sand starrte und plötzlich so ein Fischlein hochschoss).

Gemäß der Infotafel bewegen die Augen der Schollen sich noch ein wenig hin und her, bis sie ihre richtige Position erreichen. Später sehen diese kleinen Kerlchen dann so aus:

Und noch ein Speisefisch: eine Heringsart. Gemäß einer Übersicht der am zweithäufigsten verzehrte Fisch in Deutschland nach dem Alaska-Seelachs.

Ganz zum Schluss haben wir noch einen Vertreter einer ganz anderen Gattung: Eine Srandkrabbe. Die wirkte irgendwie missmutig – aber das wäre ich vielleicht auch, wenn ich aus meinem Wohnzimmer raus- und eine mir unbekannte dicke Dame reinglotzen würde.

Nachsaison

Die dicke Dame, Borkum

Die dicke Dame übertreibt: Es gibt auch im November Sonne, aber nackig machen sollte man sich nicht.

Wie schon ab und zu mal erwähnt, liebe ich es, in den kühlen Monaten ans Wasser zu fahren: wenn der Wind tüchtig bläst, die meisten Touristen abgereist sind und wenige Angebote mich von meinem eigentlichen Ziel, ein wenig zur Ruhe zu kommen, ablenken. Und doch bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie die Atmosphäre sich schlagartig verändern kann, wenn die letzten Herbstferien zuende gehen: Dieses Runterschalten von Volldampf in der Sommersaison über halbe Kraft im goldenen Oktober auf gaaaaanz langsam ab November finde ich faszinierend.

Plötzlich haben Läden und Cafés geschlossen. „Wir machen Ferien“ liest man dann auf den Schildern in vielen Eingangstüren. Und ja, du meine Güte, sie haben es sich verdient, die vielen guten Geister, die auf den Inseln die Saison durch arbeiten, mit langen Arbeitszeiten und nur wenigen freien Tagen.

Überbleibsel einer langen Saison: die Fundsachen des Sommers.

Die wenigen Touristen, die unbeirrt und warm eingepackt dem Wind und den Regenschauern trotzen, finden alle noch ihren Platz zum Kaffee trinken, und sobald die Sonne scheint, drängen sie sich auf den Sitzplätzen im Freien zusammen. Ich auch, wenngleich ich es eigentlich fragwürdig finde, wenn die kühle Herbstluft durch Heizpilze aufgewärmt wird. Zum Glück begegnete mir das in diesem Jahr selten, eher lagen Decken aus – leicht klamm von der Feuchtigkeit, aber ein guter Schutz gegen den Wind.

Mal wieder ein Kugelexperiment: In diesem Café hatte man trotz dicker Wolkendecke einen wunderbaren Blick auf die Brandung – wenn man es denn draußen aushielt.

Natürlich haben nicht alle frei – für eine fängt jetzt die Hauptkampfzeit auf der Insel erst an. Es wird renoviert und mit Hochdruck geputzt: Die Gebäude auf der Promenade werden mit viel Wasser und hohem Druck vom Grünspan befreit, Mauern werden geschrubbt. Plötzlich sitzen neben mir im Café rotgefrorene Männer in Arbeitsanzügen, die zur Firma „Die Abdichter“ gehören und von der Cafébesitzerin mit einem Pott Kaffee versorgt werden. Ja, man darf kein Weichei sein, wenn man bei diesem kalten Wind da draußen arbeitet.

Novemberstrand auf Borkum, fast menschenleer

Der Strand gehört jetzt den Spaziergängern und Drachensteigenlassern. Was in der Hauptsaison am Hauptstrand streng verboten ist, macht jetzt bei ordentlich Wind so richtig viel Spaß – wenngleich ich auch eine Mutter mit etwa 16-jährigem Sohn beobachtet habe, die es selbst bei Windstärke 6 nicht geschafft haben, ihren Drachen zum Fliegen zu bringen. Der lautstarke Streit der beiden erheiterte die anderen Strandwanderer, denn so wenig fliegerischer Grundverstand verteilt auf zwei Leute ist schon selten.

Die dicke Dame in den Dünen

Schon besser: die dicke Dame rastete des öfteren warm eingepackt irgendwo am Dünenrand. Hier blühte noch einiges

Und auch die Hunde erobern den Strand, glückliche Vierbeiner, die herumrennen, buddeln, Bälle durch den Sand treiben (besonders tat sich dabei ein winziger, niesender Dackel hervor, der anscheinend ständig Sand in seiner eifrigen Nase hatte) und, wenn sie es dürfen, in die Wellen springen. Selten habe ich so viele schöne, zufriedene Hunde gesehen, die einander friedlich begegneten und Spaß daran hatten, so richtig drauflos zu rennen. Und zum ersten Mal sah ich einen Windhund in vollem Galopp – was der rennen konnte! Frauchen guckte übrigens genauso ungläubig wie ich, Luna dachte nämlich gar nicht daran, auf ihren Ruf hin zurückzukommen, die wollte sich austoben und hörte erst damit auf, als ihr die Zunge weit aus dem Hals hing. Frauchen auch, aber die gab viel schneller auf.

Neuer Leuchtturm Borkum – seit meiner Kindheit eines meiner Lieblingsmotive

Was mich in der Nachsaison zunächst immer erschreckt, dann aber erleichtert, sind die wenigen Veranstaltungen, die angeboten werden. Zuerst denke ich „Was soll ich denn nur die ganze Zeit machen?“, doch dann finde ich es toll, nichts oder nur wenig verpassen zu können. Gut, ich könnte mal ins Kino gehen, muss ich aber nicht. Ich könnte auch mal ein Fahrrad mieten und ins Ostland radeln, muss ich aber auch nicht. Ich kann gemütlich herumschlendern, von einem Tee zum nächsten, ohne dass mir etwas Weltbewegendes durch die Lappen ginge. Ich werde entschleunigt, ohne mich dafür anstrengen zu müssen. Und das ist für mich der große Vorteil der Nachsaison: Sie hilft mir, mich auf das zu konzentrieren, was ich eigentlich möchte.

Auch im Herbst geht die Sonne manchmal dramatisch unter

Schön ausgedrückt: aufstuken und jappen

Vor kurzem habe ich mir überlegt, dass ich in diese Kategorie der schönen Ausdrücke auch gerne einige dialektale Begriffe aus meiner Kindheit aufnehmen möchte. Meine Eltern sprachen ja Plattdeutsch und unsere Alltagssprache war mit derartigen Ausdrücken durchzogenes Hochdeutsch. Inzwischen muss ich immer lächeln, wenn sich so etwas bei mir einschleicht und meine Gesprächspartner mich verständnislos angucken, aber man kann halt nicht aus seiner Haut. Und ein paar Mal im Jahr treffe ich alte Freundinnen, die genauso sprechen wie ich – das ist schön.

Ich musste allerdings gleich bei diesem ersten Begriffspaar feststellen, dass es mit der Erklärung dieser Wörter deutlich schwieriger ist, als ich es gewohnt bin. Denn der gelbe Duden, sonst mein Freund in Sachen Begriffsklärung, ist ziemlich ratlos, was Plattdeutsch angeht. Ich habe also auch die Wörterbücher befragt, die Mundartliches anbieten, und wurde fündig, wenn auch nicht so leicht und eindeutig, wie ich mir das erhofft hatte.

Diese beiden Begriffe fielen mir in der netten Runde der alten Freundinnen zu. Es ging – wie bei Frauen häufig – um Mode und um eine wenig vorteilhafte Figur zum Kleider kaufen, denn: „Vorne jappt dat und hinten stukt dat auf!“

jappendes HemdDas Jappen ist noch einfach, direkt übersetzt heißt das so viel wie japsen, mit offenem Mund nach Luft schnappen oder auch gähnen. Das Wort wird verwendet, wenn Hemden, Blusen oder Jacken so stramm sitzen, dass sie spannen und an der Knopfleiste auseinanderklaffen – also nach Luft schnappen. Mein Schwager führt das zur Illustration einmal mit seinem Lieblingshemd vor:

Aufstuken findet zumeist – aber nicht immer – auf der anderen Seite des Körpers statt. Dann sind die Kleidungsstücke zu eng, um über das ausladende Hinterteil zu rutschen, stoßen dort auf und stauchen sich zusammen. Es kann aber auch ein Kragen auf der zu großen Brust aufstuken oder zu enge Hosenbeine auf den Stiefeln. Stuken heißt stauchen, zusammendrücken, in anderen Zusammenhängen aber auch stoßen. Und der Begriff Aufstuken ist eine eigenartige Zusammensetzung aus Hoch- und Plattdeutsch, denn eigentlich müsste es Upstuken heißen. Leider habe ich kein Bild, um das Aufstuken zu illustrieren, denke aber, dass die Vorstellungskraft meiner Leser dafür ausreicht.

Hüttenhommage

HütteViele Jahre lang stand sie im Garten bei meiner Schwester und meinem Schwager: Eine kleine Blockhütte mit Veranda, die die beiden einmal gebraucht übernommen hatten. Mein Schwager bezeichnete das kleine Holzhaus gerne als sein Wohnzimmer und genoss es, in ihm seine Lieblingsmusik zu hören. Hier wurden Feste gefeiert und der Dartclub traf sich monatlich, um auf die aus Platzgründen nicht ganz vorschriftsmäßig aufgehängte Scheibe zu werfen. Manchmal wurde auch Karten gespielt und natürlich so manche Flasche geleert.

Nach intensivem Dauergebrauch abgenutzt und in die Jahre gekommen, wurde die alte Hütte auch noch zunehmend zu einem Sicherheitsrisiko: Das Dach schlug von oben gesehen Wellen, die Veranda war morsch, der Boden schwankte bei jedem Schritt wenig vertrauenserweckend. Eine Sanierung lohnte sich nicht und so entschied man sich schweren Herzens für den Abriss. Von der Partyhütte, gemütlich eingerichtet und angefüllt mit allerlei Krims und Krams, blieb nur noch ein Gerippe, dass den Blick auf die Landschaft freigab.

Und auch dieses musste bald weichen, inzwischen liegt die Hütte wie bäuchlings platt in der Wiese. „Die arme Hütte“, sagte meine Schwester mit wehmütigem Blick aus dem ersten Stock des Wohnhauses auf die armseligen Reste des Gartenhauses.

Was bleibt, sind die Erinnerungen an rund ein Vierteljahrhundert Hüttenerlebnisse – also an viele schöne Stunden, Spiele, Musik und tiefschürfende Gespräche. Irgendwann wird die alte Hütte einen neuen, sicherlich würdigen Nachfolger finden – die Planungen laufen und ich bin gespannt.