Heute vor 90 Jahren …

… wurde mein Papa geboren. Er war der Sohn von Hedwig Margarethe und Carl Anton.

Er war der große Bruder der Zwillinge Magda Anna und Hans Dietrich.

Er lernte Schmied, war mit Leib und Seele Lokführer und betrieb im Nebenberuf einen Feuerlöscher-Kundendienst. Wenn er bastelte, wurde es sehr, sehr laut.

Er heiratete, wurde einige Jahre später Witwer, fand die Frau im roten Kleid und wagte es noch einmal.

Er wurde Vater zweier Töchter (links meine wunderbare Schwester).

Er hat für sein Leben gerne Quatsch gemacht und viel gelacht …

…sogar, wenn es gar nicht so viel zu lachen gab. Doch als Großvater gab er nochmal alles.

Und das war seine Lebenseinstellung:

Vor 18 Jahren war sein Weg zuende. Doch er hat uns viel mitgegeben. Unter anderem wunderbare Erinnerungen.

50 – und nu?

Das hätte sein sollen – und es wird kommen. Einfach länger darauf freuen …

Nun ist es also passiert: Vorgestern bin ich 50 geworden. Corona sei dank ist dieser Tag natürlich ganz anders abgelaufen, als er geplant war. Eigentlich hatte ich mit meiner lieben Schwester auf Borkum sein wollen, mit Sektfrühstück, Erdbeerkuchen im Sonnenschein und abends einem Fischgericht und Meerblick. Nun ja, zumindest den Erdbeerkuchen hatte ich, leidlich Sonnenschein auch und vom Balkon aus habe ich immerhin Blick auf den Frankfurter Stadtwald. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben – soweit also erst mal alles gut.

Was mich aber nach wie vor in tiefe Verwirrung stürzt, ist diese beeindruckende Zahl 50. In Buchstaben: Fümpfzich. Unglaublich. 50, das waren doch die Leute, mit denen meine Eltern Karten spielten und kegeln gingen. Das waren die, die abends zu Besuch kamen, die Herren mit gutem Hemd und Schlips, die Damen mit Glanzbluse und Perlenkette über dem wogenden Dekolltee. Später, als sie alle noch älter waren, wurden sie lässiger, da trugen sie auch zu Feierlichkeiten schon mal ein Polohemd, aber mit 50 waren sie noch höchst seriös. Bin ich auch so?

Natürlich hat sich im Laufe der Jahrzehnte viel verändert, ich lebe ganz anders, als meine Eltern es taten. Wenn sie Besuch bekamen, kam das gute Geschirr auf den mit einer weißen Tischdecke bedeckten Tisch, meine Mutter hat stundenlang gekocht und geriet in Stress, wenn die Gäste zu früh kamen und sie nicht fertig war. Ich selber besitze gar keine Tischdecke, weil ich die nicht leiden mag, und „gutes Geschirr“ habe ich auch nicht. Wenn mehr als vier Gäste kommen, wird gestückelt, weil ich nur fünf Essteller habe, aber da es bei meinen Gästen größtenteils nicht anders aussieht, stört sich da keiner dran. Oft kochen wir gemeinsam und fischen das Gekochte der Einfachheit halber einfach aus dem Topf statt aus Schüsseln. Ob das überall so ist? Oder wird das nur in meiner ganz speziellen Blase so gehandhabt? Ich weiß es nicht, aber eigentlich ist es auch egal, denn für mich ist es richtig so.

Dekoration zum 50. Geburtstag

Mit 50 kamen die Leute mir früher unglaublich alt vor. Ich erinnere mich daran, wie die Mutter einer Spielkameradin 40 wurde: Schon sie war eine umständliche alte Frau. „Aus den besten Jahren ist sie raus“, beschrieb ich als Grundschülerin die neue Lehrerin. So lange, wie sie noch unterrichtet hat, kann die damals erst Anfang 40 gewesen sein, dieses uralte Hutzelweiblein. Das lag sicher an der besonderen Wahrnehmung eines Kindes. Ich glaube aber auch, dass in den 70er Jahren noch viele Dinge so anders waren, dass die Leute einfach früher alterten. Die äußere Erscheinung wurde viel mehr als heute von Tradition und Rollenbild bestimmt. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass meine Mutter immer darauf beharrte, keine Jeans tragen zu können. Sie meinte, sie sei zu dick dazu, außerdem sei sie für Jeans zu alt. Als sie das verkündete, war sie noch keine 40 und kleidete sich bevorzugt in Faltenröcke, so richtig brutale Dinger aus dickem, dunklem Stoff. Je älter sie wurde, desto jugendlicher kleidete sie sich. Ähnlich war es bei meinem Vater, der mit 50 älter aussah als mit 70, was sicher auch daran lag, dass er jahrelang sehr viel gearbeitet hat und man das seinen müden Augen irgendwann ansah.

Bei der Arbeit merke ich natürlich auch, dass ich älter werde: Immer öfter gehöre ich bei irgendwelchen Meetings zu den Älteren und in meiner Abteilung bin ich sogar die Älteste. Unsere Praktikantinnen könnten inzwischen locker meine Töchter sein und ich ertappe mich immer öfter bei Gedanken, für die ich vor zwanzig Jahren die älteren Kollegen mit verächtlichen Blicken gestraft habe, wenn sie es denn gewagt haben, derartiges auszusprechen. Etwa sowas wie: „Das haben wir doch schon drei Mal gehabt, das hieß nur anders“ oder „Das hat vor zehn Jahren schon nicht geklappt, das wird heute nicht anders sein“. Ich versuche ja immer, so etwas für mich zu behalten, denn zum einen will ich nicht immer als Piesepampel dastehen, zum anderen weiß ich ja, dass die Zeiten sich ändern und dass etwas, was vor 10 Jahren nicht und nur holprig funktioniert hat, inzwischen durchaus besser laufen kann. Wie schnell sich Dinge entwickeln, sehen wir ja derzeit: Wer hätte denn vor drei Jahren damit gerechnet, dass Großteile der Bevölkerung plötzlich im Homeoffice arbeiten, und dass das zumindest technisch auch weitgehen gut funktioniert? Ich nicht, das gebe ich zu.

Es gibt also durchaus noch Dinge zu lernen mit 50, und ich habe auch noch allerhand vor. Ich muss noch die ganzen Romane schreiben, die ich im Kopf habe, will häkeln lernen und irgendwann ein Haustier haben. Ich habe noch nicht alles gesehen, was mir interessant erscheint und denke, dass ich bestimmt noch das eine oder andere Talent in mir habe, das noch entdeckt werden muss.

Und ich musste gestern schon feststellen, dass ich mich zumindest auf einem Gebiet mit 50 nicht anders verhalte als mit 49 oder 29: Noch immer prokrastiniere ich alles, was mit Haushaltsarbeit zu tun hat. Mir ist nämlich beim Kochen meines Geburtstagsessens eine fast volle Glasflasche mit Pflanzenöl auf den Küchenfliesen zerscheppert. Natürlich habe ich die größte Schweinerei sofort weggemacht, es sollte ja nicht alles unter die Einbauküche laufen. Aber richtig sauber war die Küche danach nicht. Das Putzen wurde also auf den nächsten Tag verschoben, stürzte mich am Morgen in meine ganz persönliche Ölkrise und wurde aufgeschoben bis zum späten Nachmittag. Inzwischen ist es erledigt, es half ja nichts. Aber die richtig gute Hausfrau, die meine Eltern gerne aus mir gemacht hätten, die wird nicht mehr aus mir. Und das ist gut so.

Eine Frage der Sichtweise

Manche Leute haben ja ein Problem mit dem Älterwerden. Besonders Frauen werden gerne dreizehn Mal 29. Diese Befindlichkeit kenne ich nicht, ich bin sogar gerne über 40. Trotzdem finde ich nicht, dass jeder Geburtstag gefeiert werden muss. Aber auch nicht betrauert. Denn alt oder nicht alt, das ist einfach …

Eine Frage der Sichtweise

Heute bin ich 44 geworden. Kein besonderer Geburtstag, also wird er nicht gefeiert. Nicht mal ein bisschen, denn ich schleppe seit dem Wochenende eine mordsmäßige Erkältung mit mir herum und huste wie ein asthmatischer Dackel. Der Rücken kracht dabei melodisch und erinnert mich daran, dass es so etwas wie Bandscheiben gibt – ich glaube, das sind diese ausgeleierten, rauen Dinger, die beim Bücken immer dieses sonore Kratzen hören lassen. Einen alten Hund in meinem Zustand würde man wahrscheinlich einschläfern lassen, und ein Sofa, das so knarrt, käme auf den Sperrmüll. Also ist schlicht alles so, wie es mit 44 sein sollte.

Ja, so dachte ich zumindest früher. Und so war das früher auch. Ganz bestimmt: Früher waren Leute, die 44 waren, alt. Und das nicht nur, weil ich selber jung war und mir nicht vorstellen konnte, dass man jenseits der dreißig noch Spaß haben könnte. Nein, auf alten Fotos sehen die Leute deutlich älter aus. Würdevoll, seriös und stattlich. So sehen zumindest meine Eltern auf den Fotos aus, die zu meiner Konfirmation aufgenommen wurden. Da war meine Mutter 42, also zwei Jahre jünger als ich jetzt. Ich sehe nie seriös aus, immer eher wie eine dahergelaufene Trümmerlotte. Vielleicht sollte ich mir doch noch irgendwie Kinder beschaffen, um neben ihnen einen soliden Eindruck machen zu können?

Als mein Vater 50 wurde, sah er aus wie ein netter älterer Herr. Komischerweise wurde er danach irgendwie jünger, auf dem Bild anlässlich seines 70sten sieht er richtig flott aus. Zumindest bilde ich mir das ein. Ob es daran liegt, dass er mit fünfzig fünf Mal so alt war wie ich, mit siebzig hingegen nur noch zweieindrittel Mal? Der Unterschied zwischen uns ist im Verhältnis geschrumpft, das wird etwas ausmachen. Außerdem ziehen sich inzwischen auch „ältere“ Leute modischer an. Wahrscheinlich ist die unheimliche Verjüngung meines Vaters auf eine Mischung von mehreren Faktoren inclusive genverändernder Erdstrahlen und einer Brille ohne Horngestell zurückzuführen.

Natürlich sind die eigenen Eltern Sonderfälle, was das Alter angeht. Schließlich sind das meine Eltern, die müssen ja alt und seriös sein. Und sie müssen es auch schon immer gewesen sein. Ich bin immer ganz verdattert, wenn ich in Mutters Album Fotos finde, auf denen meine Eltern komische Dinge tun, die Eltern eigentlich nicht tun sollten: sichtlich angeschickert, Vattern wild tanzend, Muttern mit einer Zigarre in der Hand auf dem Knie eines Bekannten. Was soll das denn? Wie führen die sich denn auf? Am Ende hatten die noch Sex, vielleicht sogar miteinander? Nein, das kann nicht sein, davon will ich nichts wissen! Kopfkino, aufhören, sofort! Und das ist auch gar nicht das Thema hier, ich schweife ja ab wie eine alte Frau. Teufel auch!

Ein weiteres Beispiel für falsche Alterseinschätzungen sind Lehrer. Was hatten wir nicht alles für uralte Lehrer damals! Jedes leichte Hinken hielt ich für eine Kriegsverletzung. Viele von denen, die ich damals auf mindestens fünfzig schätzte, unterrichten heute noch, müssten also inzwischen deutlich über siebzig sein. Irgendwann traf ich mal eine meiner Lehrerinnen in einer Oldenburger Kneipe. Ich fand es damals nicht angemessen, dass die sich da herumdrückte, schließlich sind Musikkneipen etwas für junge Leute. Auch diese Frau unterrichtet noch, war also damals maximal vierzig. Angesichts der Tatsache, dass auch ich noch immer gerne in Kneipen gehe, bin ich inzwischen bereit, ihr das Fehlverhalten von damals nachzusehen. Schließlich würde auch ich mir nicht von einer dahergelaufenen Rotznase meine Lieblingskneipe verbieten lassen.

Was mich wirklich verwundert ist, wie sehr auch mein persönlicher Geschmack gemeinsam mit meinem Körper altert. Früher waren für mich Männer um die fünfzig bemitleidenswert engstirnige Geschöpfe, bei denen man froh sein musste, wenn man ihnen keinen Rollator unterschieben musste und sie nicht nach Mottenkugeln rochen. Heute sind das oft tolle Gesprächspartner, und es sind sogar ein paar richtig scharfe Fetzen dabei. War das schon immer so? Es verwirrt und amüsiert mich, und manchmal frage ich mich, wie ich selber wohl gesehen werde. Sehen die schnatternden Teenagergören in der Schlange an der Kasse in mir eine ältere Frau? Wundern sich die Studenten, was meine Freunde und ich noch spät am Abend in der Kneipe wollen? Fürchten die, wir sind zum Sterben gekommen? Nun, zumindest steht noch keiner auf, wenn ich in die Straßenbahn steige – beruhigend.

Heute war nun also mein Geburtstag. Kein Grund zum Feiern, keiner zum Trauern. Aber Grund genug für ein gutes Glas Weißwein aus der Sonntagskiste. Denn das ist eindeutig ein Vorteil an meinem jetzigen Alter: Die Zeiten, in denen es Fusel aus dem Tetrapack zu trinken gab, sind erst mal vorbei.

Cheers!

Riesling