Kopenhagen – ein ganz kurzer Eindruck

Ich war beruflich unterwegs – mal wieder. Eigentlich habe ich dazu meistens gar keine Lust und vermeide es, wann immer es geht, aber dieses Mal half es nicht. Und da ich schon immer mal nach Kopenhagen wollte, stand ich der Sache nicht allzu negativ gegenüber. War ja auch nur für eine Nacht.

Nyhaven – hier begann unsere Kanaltour

Natürlich bekommt man von einer Stadt nur einen sehr flüchtigen Eindruck, wenn man sie lediglich aus dem Taxi sieht und sich ansonsten in Meetingräumen aufhält. Dieses Mal aber hatten wir nach dem anstrengenden Workshop ein bisschen Programm, so dass wir recht viel sahen.

Eines von vielen tollen Gebäuden, die man vom Schiff aus sah – aber welches, habe ich mir nicht gemerkt.

Wir machten eine Kanaltour mit einem kleinen, flachen Boot. Los ging es ab Nyhavn. Malerisch ist dieser kleine Hafen mit seinen bunten Häuschen. Vorbei ging es an Theater und Opernhaus. Auch die kleine Meerjungfrau sahen wir, doch das Foto war zu dämmerig und die Dame neigte uns auch zu sehr den Rücken zu, um hier auftreten zu dürfen.

Die schöne, glänzende Frederikskirche

Viele Gebäude, an denen wir vorbeischipperten, erschienen mir sehr verspielt und fantasievoll. Außerdem gefielen mir die vielen roten Ziegelgebäude – das erinnerte mich an zuhause.

Dieses putzige Gebäude ist angeblich die Kopenhagener Börse – hübsch!

Die Kanäle in Kopenhagen sind größtenteils recht schmal. Richtig schmal und vor allem niedrig sind jedoch die Brücken und Tunnel. Da hieß es des öfteren „Kopf einziehen“. Der engste Durchlass schien so winzig, dass ich mich gewundert habe, dass wir mit unserem Bötchen hindurchpassten.

Hier verdient der Kapitän redlich sein Geld – das ist Millimeterarbeit.

Nach der Kanaltour gingen wir ein ganzes Stück zu Fuß durch die Stadt: Unser Ziel hieß „Tivoli“. Dieser alte Vergnügungspark mitten in der Stadt hatte eigentlich saisonal gerade geschlossen, da aber wohl jemand einen kannte, der einen kannte, durften wir trotzdem hinein. Geführt von einem netten Herrn namens John durften wir eine halbe Stunde gucken – ganz alleine. Die Fahrgeschäfte standen still, aber das Licht war an.

Fantasiewelt Tivoli

Wir lernten, dass der Tivoli vom Konzept her ursprünglich als eine Mischung aus Licht, Musik und Garten geplant war – das kann man noch sehen. Es war interessant, durch den Garten zu laufen, der gerade für die Herbstsaison (Halloween) aufgerüstet wird.

Licht und Farben im Tivoli

Und dann wurde es allmählich Zet für den Feierabend – wann das war, sieht man auf der Kirchenuhr, die man aus dem Tivoligarten heraus sieht. Zum Schluss ging es zunächst in eine Bar im leuchtenden Schloss, danach gab es ein tolles Essen. Ein langer Tag mit einem schönen Abschluss.

Blick aus dem Tivoli

Schön ausgedrückt – stattlich

Dieses Thema passt fast ein wenig zu meiner Miniserie über die geschlechtlichen Inkonsistenzen, denn auch bei diesem Begriff wird das gleiche Wort bei Männern und Frauen leicht unterschiedlich gebraucht.

Schön ausgedrückt – stattlich

Viele Wörter bedeuten im täglichen Sprachgebrauch etwas Anderes als eigentlich gedacht. So ergeht es auch dem Begriff „stattlich“: denn laut dem gelbem Duden bedeutet er

  1. von beeindruckender großer und kräftiger Statur

Beispiel: ein stattlicher Mann

  1. (in Hinsicht auf äußere Vorzüge) ansehnlich, bemerkenswert

Beispiel: ein stattliches Gebäude

Das ist eigentlich als Erklärung völlig ausreichend, doch wird „stattlich“ gerade bei Männern anders benutzt. So erzählte uns vor einer Weile ein langjähriger Freund von einer Familienfeier, bei der sich auch Personen trafen, die sich schon jahrelang nicht gesehen hatten. Der Freund, nennen wir ihn den M., wurde von einer älteren Verwandten angesprochen: „M., du bist aber stattlich geworden! Besonders von der Seite!“ M., ein gutsituierter, wohlgenährter Mittvierziger, nahm es mit Humor. Auch wenn er seit mindestens 25 Jahren nicht mehr in der Länge gewachsen ist, hat sich doch seine Silhouette an einigen Stellen inzwischen deutlich gerundet.

Und genau das ist es, was die verschobene Bedeutung dieses kleinen Wortes ausmacht: Männer werden mit den Jahren stattlich, Frauen werden dick. Vielleicht noch pummelig, was niedlich klingt, oder auch „vollschlank“. Selten habe ich gehört, dass von einer stattlichen Frau gesprochen wurde, und wenn doch, dann musste diese nicht nur besonders groß, sondern auch würdevoll im Auftreten sein. Einfach nur eine Wampe zu haben, reicht bei Frauen nicht aus – das Leben ist ungerecht.

Die dicke Dame bekennt: Auch sie ist stattlich von der Seite. Und von vorne auch!

Komische Gewohnheiten – in fremden Küchen herumreißen

Schon als ich noch ein Kind war, hat mich eine Gewohnheit zutiefst befremdet: das ungebetene Herumrackeln in anderer Leut’s Küche. Damit meine ich nicht Freunde wie die ewige Antje, die sich gerne jederzeit ohne zu fragen ein Glas aus meinem Küchenschrank nehmen dürfen. Ich meine diese Art von Gästen, die, kaum dass sie die Wohnung betreten haben, in der Küche stehen, um zu helfen oder zumindest im Weg zu sein. Oder die, die nach einem gemütlichen Essen sofort den Tisch abdecken und wie die Wilden anfangen zu spülen, um bloß das letzte bisschen Gemütlichkeit im Seifenschaum zu ersäufen. Ich benutze jetzt mal einen ganz altmodischen Ausdruck: Ich finde, sowas gehört sich nicht!

alter Herd im Museumsdorf Clopppenburg

Meine Eltern hatten solche Freunde: eigentlich nette Leute. Doch zu jeder Einladung kamen sie rund eine Stunde zu früh. Die Frau stürmte mit großem Hallo die Küche (und zwang meine Mutter damit, mit dem Kochen immer früher und früher anzufangen, damit sie bloß möglichst fertig wäre, wenn die Invasion begann) und der Mann musste von meinem Vater bespaßt werden, bevorzugt durch ausgedehnte Gartenbegehungen.

Natürlich ist das nett gemeint. Man will den Gastgebern helfen, will nicht, dass sie am nächsten Tag mit Bergen von Geschirr dahersitzen. Alles gut und schön, und wenn es gewünscht wird und die Küche es hergibt, kann man ja gerne nach dem Essen mal eine Runde spülen – in aller Ruhe und ohne „den Tisch umzukippen“, wie mein Vater das immer nannte. Dieses den Teller wegziehen, sobald jemand die Gabel weglegt, ist einfach unangenehm. Bis vor einer Weile dachte ich auch, dass dieses Verhalten eher in der Generation meiner Eltern vorkommt – bis ich so energische Spüler in MEINER Küche vorfand. Nun muss man dazusagen, dass

  1. meine Küche winzig und für mehrere Personen kaum geeignet ist und
  2. ich eine Spülmaschine besitze.

Es bestand also keine Gefahr, dass ich den ganzen Sonntag würde schuften müssen, um die paar Teller und Pfannen sauber zu bekommen. Trotzdem wurde herumgerissen, als gäbe es kein Morgen. Und ich benutzte den Morgen, um die ganzen Dinge, die irgendwer irgendwohin wegsortiert hatte, wieder aufzuspüren und an ihren angestammten Platz zu stellen. Nicht, dass ich pingelig bin, aber ich weiß einfach gerne, wo die alngen, scharfen Messer liegen – wer weiß, wann man mal eines braucht.

Kunst kommt von Können

Immer mal wieder gehe ich gerne zu den Veranstaltungen von ARS (Autoren RheinMain Szene). Ich mag es, mich mit anderen zu treffen und zu hören, was sie so machen. Ob als Hobby oder manchmal auch im Beruf: Das Schreiben ist für mich eine der interessantesten Tätigkeiten überhaupt. Und richtig spannend wird diese manchmal etwas einsame Sache erst im Austausch mit anderen.

Ein echtes Highlight gab es für mich beim letzten ARS-Stammtisch: Denn der Graphiker und Designer Florian Hartman zeigte uns Ausschnitte seiner Kunst, die verschiedenste Dinge vom Plakat über Illustrationen bis hin zum Buchcover umfasst. Nun weiß ich allerhand über die Covererstellung – in der Theorie! Selber kann ich keinen Strich zeichnen, der einem Bild dienlich wäre, und auch meine Fähigkeiten in der Bildbearbeitung sind arg begrenzt. Ich bewundere Menschen, die sowas können.

Motiv auf Florian Hartmanns Visitenkarte. Über das Bild geht es zur Webseite

Das Besondere an Florians Kunst war für mich, dass sie zwar fast völlig von Hand gezeichnet wird, dabei aber komplett digital vor sich geht. Ein Zeichenpad – das ließ mich erst mal an die alten Zaubertafeln aus der Kindheit denken: aufmalen – wegwischen. Tatsächlich funktioniert das auf einem Zeichenpad ein ganz bisschen ähnlich, nur dass bei Florian deutlich mehr herauskommt als bei mir. Zu meinen Kinderbüchern passen seine Ideen nicht so recht, trotzdem fand ich seine Gestalten und Welten unglaublich inspirierend. Und diesen Prozess zu sehen mit den schnellen Zeichnungen und Ausarbeitungen, den dauernden Änderungen, dann wieder dem Verwerfen und an irgendeiner Stelle neu ansetzen, das war für mich etwas ganz Neues. Toll, was Leute alles so können.

Im unergründlichen Internet fand ich ein kleines Video aus einem Workshop mit dem großen Meister. Spannend sieht es aus, wenngleich es mir schmerzlich die eigene Unzulänglichkeit in Sachen Hand-Augen-Koordination vor Augen führt. Wie sagte der Mensch von der Berufsberatung vor rund 30 Jahren nochmal zu mir: „Machen Se wat Se wollen, aber nix Handwerkliches!“

Übrigens, in ein paar Tagen kommt nochmal Kunst. Dann aber ganz anders: von Klara und in bunt.

Die aufstehende Generation

Nein, keine Sorge, dieser Text soll kein Aufruf zur Rebellion werden. Auch Demonstrationen oder einen Flashmob habe ich bislang nicht geplant. Der Titel ist einfach nur Teil eines Zitates und wurde seines schönen Klanges wegen verwendet. Und weil er so passt. Denn noch sind WIR die aufstehende Generation. Zumindest meistens …

Was zuerst geschah:

Vor einigen Monaten fuhren die ewige Antje und ich mit der Straßenbahn von irgendeiner Veranstaltung heim. Am Otto-Hahn-Platz stiegen zwei uralte Leutchen in die gut gefüllte Bahn. Da diese beiden Senioren zusammen mindestens 80 Lebensjahre mehr auf der Uhr hatten als Antje und ich, standen wir auf und boten unsere Plätze an. Die Frau ließ sich dankbar sacken, der alte Mann aber wollte unbedingt stehen bleiben – für ihn kam es anscheinend nicht in Frage, einen Sitzplatz von einer Frau anzunehmen. Ein Gentleman der alten Schule also, wenngleich auch enorm wackelig auf den Beinen. Ihn stehen zu lassen, wäre verantwortungslos, wenn nicht gar gemeingefährlich gewesen. Wir komplimentierten ihn also wortreich auf den freien Sitzplatz, und im Laufe dieser Konversation sagte Antje den schönen Satz von der aufstehenden Generation. Es half, der alte Herr setzte sich. Wir fuhren sicher auf unseren eigenen Beinen stehend nach Hause und ich vergaß den Vorfall – beinahe.

Was dann geschah:

Vor wenigen Tagen hatte ich unter der Woche frei und ging schwimmen. Danach stieg ich fit und gestärkt am Südbahnhof in die Straßenbahn ein. Es war gesteckt voll, ich suchte mir eine Ecke und eine gemütliche Haltestange und wartete darauf, dass es losging. Da fiel mein Blick auf einen jungen Mann, einen Teenager, der sich von seinem Platz hochrappelte – um ihn mir anzubieten. MIR – einem Mitglied der aufstehenden Generation. Ich schüttelte entsetzt den Kopf, oh nein, ich doch nicht, ich stand doch hier sehr gut, da würde es doch sicher ältere Leute in dieser Bahn geben? Hektisch sah ich mich um: Die meisten Fahrgäste schienen Schüler zu sein. Ohgottogott, war ich die Älteste in diesem Zug? Ich spürte eine vorsichtige Berührung am Arm – tatsächlich, der junge Mann schob mich zum Sitzplatz. So ein blöder Bengel! Er hatte ganz offensichtlich einen Migrationshintergrund und sagte die ganze Zeit kein Wort, vielleicht sprach er noch gar kein Deutsch? Über sein freundliches, beredtes Schweigen war ich recht glücklich, denn wer weiß, was der am Ende gesagt hätte? Vielleicht sowas wie: „Sie haben mindestens 30 Jahre mehr auf der Uhr als ich!“ oder gar „Sie sind älter als meine eigene Mutter!“ Oder auch „Sie könnten meine Oma sein!“ Als Teenager verschätzt man sich ja doch immer arg, was das Alter von Erwachsenen angeht. Ich gab also auf und setzte mich hin – die aufstehende Generation war durch einen Teenager geschlagen worden. Und das ohne jeden Kampf, sogar ganz ohne Worte. Eigentlich nett, der Junge. Sehr nett sogar. Wenn ich an ihn denke, muss ich lächeln.

Prokrastination: Eimer ohne Lappen

Wie schon ab und zu einmal erwähnt, bin ich nicht besonders beflissen, was die Erledigung von Hausarbeit im Allgemeinen und schlechthin so angeht. Teilweise könnte ich mir selber in den Hintern treten, wenn ich feststelle, dass wieder das ganze Geschirr auf der Spüle statt in der Spülmaschine steht, oder wenn mir aus dem großen Wandschrank etwas entgegenfällt, weil selbst dieses Riesending irgendwann voll ist, wenn man immer nur reinstopft. Ich bringe es auch fertig, drei Tage lang über einen fast fertig ausgepackten Koffer zu steigen und mir dabei die Zehen anzustoßen, nur weil da noch drei Teile „Bodensatz“ drin sind und ich keine Lust habe, die wegzuräumen. Ja, ich bin nicht besonders ordentlich.

Gestern aber hat es mich gepackt. Ich wollte mal so richtig was machen – schließlich ist es nicht mehr heiß. Zwar fühlte ich mich nicht besonders gut – der Wetterumschwung war wohl doch zu heftig – aber nach Vormittagsschläfchen und Mittagspause kam ich doch ein ganz bisschen in Schwung. Ich saugte und fegte – denn der Sauger wollte einfach die Erdnüsse nicht wegsaugen, die seit drei Wochen unter dem Esstisch lagen. Ob die inzwischen angewachsen waren? Und ob ich auch noch staubwischen sollte? Lebe wild und gefährlich, Meike!

Doch zuerst betätigte ich mich handwerklich: Ich schraubte eine herumhängende Schranktür wieder fest. Die hing zwar schon seit Monaten und eigentlich störte mich das nicht wirklich, aber seit neuestem knackte sie auch noch, wenn man sie bewegte. Ich wollte sie nicht irgendwann auf dem Fuß haben, also wurde ich tätig. Netto dauerte es zwei Minuten, brutto vielleicht eine Viertelstunde – denn ich musste im großen Wandschrank erst mal einen Kreuz-Schlitz-Schraubendreher finden. Seitdem mein Werkzeugkasten aus dem Regal gekippt ist und seinen Inhalt auf den Boden erbrochen hatte, ist das mit dem Werkzeug finden gar nicht mehr so einfach, aber ich siegte schließlich. Der Schrank ist wieder schick.

Sollte ich also doch noch staubwischen? Es schien mir nötig. Aber Lust hatte ich nicht. Lieber erst mal facebooken, ich musste der Welt doch erzählen, dass ich eine Schranktür angeschraubt hatte. Und mal wieder mit Harry telefonieren. Bei dem war es früher auch manchmal staubig, der hatte Verständnis für mich. Und dann noch einen Kaffee trinken. So ging der Nachmittag dahin.

Am frühen Abend raffte ich mich auf und füllte meinen grünen Eimer mit Wasser. Ich prüfte akribisch, ob der auch dicht war, denn bei meiner letzten Putzaktion hatte ein defekter Eimer mir nicht nur die ganze Wohnung vollgeplempert, sondern mir auch noch tagelang den Ohrwurm „Ein Loch ist im Eimer, oh Otto, oh Otto“ beschert. Sowas will man nicht öfter haben! Der Eimer aber hielt dicht und ich stellte ihn auf den Wohnzimmertisch.

Ein Lappen fehlte noch. Ich trabte in die Küche, um einen zu holen. Unterwegs hatte ich vergessen, was ich wollte, bröttelte etwas herum und lief zurück ins Wohnzimmer. Ach ja, der Lappen! Wieder in die Küche. Erst mal zwei Bier in den Kühlschrank gestellt, denn wer konnte schließlich wissen, wie durstig ich vom Arbeiten noch werden würde. Ein wenig Altpapier weggeräumt, die Spülette vollgepfercht und angestellt – oh ja, ich bin eine Haushaltsfee! Wieder ins Wohnzimmer – Lappen! Laaaappen! Kam keiner, als ich rief.

Das Telefon klingelte – so ein Glück. Die Tante war dran, wir schwätzten eine Weile. Danach war ich erschöpft und sah ein wenig fern. Man muss sich ja auch mal informieren. Und dann war es eigentlich schon fast zu spät zum Putzen. Ich fühlte nach – das Wasser war fast kalt. Pöh, wie unangenehm. Mit kaltem Wasser wird so ein staubiger Schrank gar nicht richtig sauber, außerdem sind meine Hände sehr empfindlich auf feuchte Kälte. Und ich hatte noch immer keinen Lappen. Ich beschloss, Feierabend zu machen.

Heute Abend beim Heimkommen fand ich, dass ich gestern zu streng mit mir gewesen war: Sooo schlimm, dass ich mir am heiligen Sonntag den ganzen Tag Gedanken über den Haushalt machen musste, sieht es eigentlich noch gar nicht aus bei mir. Nur der Eimer auf dem Esstisch – der stört ein wenig.

Schön ausgedrückt – geschlechtliche Inkonsistenzen 3: Kinder und umzu

Familie

Dieses kleinen Familienbild hängt im Museumsdorf Cloppenburg

Im letzten Teil meiner Betrachtungen über die sprachlichen Besonderheiten der Geschlechter will ich mich den Kindern widmen – und derer, die sie hervorbringen. Das ist zunächst mal einfach: Ein Kind hat einen Vater und eine Mutter – und evtl. diverse Patchworkeltern, die ich hier mal außen vor lasse. Diese Leute – Vater und Mutter – sind etwas Besonderes, ihre Rolle wird immer wieder hervorgehoben, zum Beispiel in den Nachrichten: „Es ereignete sich ein Unfall. Im Wagen befand sich eine 35-jährige Mutter …“ Aha, eine Mutter also, eine Frau mit Kind. Das ist offenbar wichtig, denn eigentlich befand sich in dem Wagen schlicht eine Frau. Noch wichtiger wäre aber ein Mann in diesem Wagen gewesen: „Verletzt wurde ein 35-jähriger Familienvater …“ So wird es immer genannt, nicht einfach Vater, sondern Familienvater. Dieser Mann kümmert sich nicht nur um ein oder mehrere Kinder, sondern steht einer ganzen Familie vor – inklusive Mutter. Das klingt veraltet, ist aber üblicher Sprachgebrauch. Eine Familienmutter gibt es hingegen nicht, obwohl in vielen Familien inzwischen eindeutig die Frau die Hosen anhat. Und auch nicht, wenn der Vater abhanden kam.

Auch ist von der Sprache her definiert, von welchem Elternteil das Kind welches Kulturgut erhält: Vom Vater gibt es das Land, in dem gelebt wird. Es bezeichnet nicht nur den heimischen Acker, der früher in männlicher Linie weitervererbt wurde, sondern das große Ganze: die Heimat, das Zugehörigkeitsgefühl, Sitten und Gebräuche. Von der Mutter gibt es die Sprache, die die Verständigung untereinander erst möglich macht.

Aber kommen wir zu den Kindern an sich: Dass der Junge ein sprachliches Geschlecht hat, das Mädchen aber nicht, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Gleiches gilt für die eher süddeutschen Knaben, Buben und Burschen, auch hier sind die Mädel neutral. Die arme, veraltete Maid hatte ein Geschlecht, befindet sich aber nicht mehr im täglichen Sprachgebrauch.

Spannender wird es, wenn man dem Volk ein wenig auf’s Maul schaut und sich anhört, wie Eltern oder andere mit der Erziehung von Kindern betraute Personen über die Kinder sprechen: Jungen sind oft „der kleine Mann“, man sieht in ihnen den ganzen Kerl, der aus ihnen einmal werden soll. Auch der „Sohnemann“ ist oft zu hören. Noch nie habe ich gehört, dass jemand die Tochter „die kleine Frau“ nannte, und „Tochterfrau“ klingt richtig seltsam. Eher heißt es da „die junge Dame“ oder „das kleine Fräulein“, und das ist oft nicht besonders nett gemeint. Man beschreibt damit gerne kleine Zicken, die unerwünschtes Verhalten zeigten.

Liebevoller klingt es, wenn Väter von ihrer kleinen Prinzessin sprechen. Man wundert sich dann allerdings nicht mehr darüber, dass kleine Mädchen fast alle irgendwann die monströse Rosa-Glitzerprinzessinnen-Phase haben. Kleine Prinzen gibt es auch, aber in diesem Fall scheint das eher unerwünscht zu sein, klingt es doch sonst arg nach einem verzogenen Kind.

Auch assoziiert man mit jungenhaftem oder mädchenhaftem Verhalten stets etwas ganz Bestimmtes: Jungenhaft bedeutet auf charmante Weise lausbübisch, auf Abenteuer aus und ein wenig waghalsig – so wie Huck Finn auf seinem Floß. Mädchenhaft ist deutlich sanfter, vorsichtiger und fürsorglicher. Ein Mädchen mit jungenhaftem Verhalten ist eine kleine Wildkatze, ein Junge mit mädchenhaftem Verhalten ist leider oft noch immer ein wenig verdächtig.

Und damit will ich es gut sein lassen mit meinem Gerede über die Geschlechter in unserer Sprache. Wem noch etwas einfällt, der schreibe es gerne in die Kommentare, denn bestimmt habe ich reichlich vergessen, und genauso sicher habe ich nicht überall Recht.

Schön ausgedrückt: Geschlechtliche Inkonsistenzen 2 – Adjektive

Meine tiefschürfenden Gedanken über die geschlechtlichen Inkonsistenzen der deutschen Sprache gehen heute weiter in Richtung der Adjektive. Ich liebe Adjektive oder Wie-Worte, wie sie bei uns in der Grundschule hießen. Bei meinen ersten Notizen zu diesem Thema dachte ich spontan, dass die Frauen dieses Mal bevorzugt werden, drängte sich doch wieder das Weib in meine Gedanken, für das es in männlicher Linie keine Entsprechung gibt. Bei näherer Betrachtung denke ich, dass die Bilanz bestenfalls ausgeglichen ist – und auch das nur, wenn man bei den Frauen eines weglässt.

Köpfe, zwei alte Menschen, Man und Frau, Badekappen

„Die sind doch niedlich, oder?“ – Bild zur Verfügung gestellt von Rudis-Fotoseite.de / http://www.pixelio.de

Fangen wir neutral an – männlich und weiblich. Dies bezeichnet erst mal nur das Geschlecht, man weiß, wenn man das liest, was man in etwa zu erwarten hat. Herr Meier, Frau Schmidt, das hatten wir ja schon.

Hinzu kommt jedoch eine weitere Bedeutung für das Wort männlich, denn es bezeichnet das für einen Mann typische Erscheinungsbild. Beschreibt man jemanden als ausgesprochen männlich vom Aussehen her, ist davon auszugehen, dass der Betreffende kein rundes Babygesicht auf sackartig-weichem Körper hat, sondern ein kantiges Kinn mit angemessenem Bartwuchs und eine sportliche Figur. Wird ein Mann hingegen als „weibisch“ bezeichnet, wirkt er feminin und die Beschreibung ist unfreundlich oder abwertend gemeint.

Bei Frauen spricht man auch von einem weiblichen Aussehen, beschreibender und positiver ist jedoch der Ausdruck „fraulich“. Er nimmt Bezug auf die weichere Körperform, beschreibt ein erwachsenes Gesicht mit weichen Formen. Und ohne Bart, versteht sich.

Männer können auch „mannhaft“ sein. Dann sind sie echte Kerle, trotzen jeder Gefahr, sind mutig und entschlossen. So muss das sein, denkt Frau sich, vergisst jeglichen Gedanken an den sonst immer gewünschten soften Familientypen und verknallt sich in den größten Ritter auf dem dicksten Pferd (den mit der breiten Brust, dem wehenden Haar und dem Schwert in der kräftigen Faust).

Frauhaft hingegen gibt es nicht, aber damenhaft. Ein damenhaftes Benehmen wurde früher deutlich häufiger gewünscht als heute, da benahm frau sich vornehm und kultiviert. Dazu gehörte auch, sich von den Mannhaften möglichst fernzuhalten und nicht zu widersprechen. Harte Zeiten. Heute ist ein damenhaftes Verhalten etwas seltener geworden, kommt aber noch vor und gilt als positiv.

Und dann gibt es noch das schöne Wort „herrschaftlich“. Dies beschreibt etwas Prächtiges, Fürstliches, Würdevolles. In der herrschaftlichen Villa herrscht (Verb, oder auch Tu-Wort!) der Herr, seltener die Dame des Hauses. Herrschen der Herr und die Dame gemeinsam, befielt die (!) Herrschaft über das hochherrschaftliche Anwesen. Dieser Ausdruck ist zum Glück ein wenig veraltet – so richtig logisch ist das alles nicht.

Zu guter Letzt fallen mir noch zwei weitere Adjektive ein, die sich aus den Geschlechtsbezeichnungen herzuleiten scheinen: Herrlich steht für in hohem Maße schön, und dämlich für in ebensolchem Maße blöd. Was soll man dazu noch groß sagen? Nun, höchstens, dass dämlich mit der Dame gar nichts zu tun hat, sondern hierher kommt:

aus dem gelben Duden: aus dem Mitteldeutschen, Niederdeutschen, zu niederdeutsch dämelen = nicht recht bei Sinnen sein.

Und einen Dämel gab es dort auch, im Nieder-/Mittelhochdeutschen. Der war männlich, sagt mein gelber Freund. Der klingt irgendwie nett, der Dämel. Vielleicht sollte ich diesem Wort zu neuer Blüte verhelfen und es öfter mal irgendwo einfließen lassen.

Schön ausgedrückt – geschlechtliche Inkonsistenzen 1: Anreden

Bei diesem Thema muss ich – wie schon so oft – etwas weiter ausholen und wohl zunächst einmal erläutern, was ich mit diesem klangvollen Titel überhaupt meine. Der Duden erklärt die „Inkonsistenz“ als Unbeständigkeit oder Widersprüchlichkeit in der Logik, und genau das ist es, was mir bei den männlichen und weiblichen Anreden in der deutschen Sprache immer wieder auffällt. Damit meine ich nicht, dass man überall ein -innen anhängen sollte (wobei man das natürlich könnte, wenn man wollte – mit den militanten -innen-Verfechterinnen lege ich mich aus Gründen der Effizienz lieber nicht an). Mir geht es eher darum, dass es dem Anschein nach keine erklärliche Logik für die Verwendung der jeweiligen Anrede gibt – jemand, der unsere schöne Sprache lernt, muss sich das einfach merken, kann es aber nicht herleiten. Natürlich bin ich keine gelernte Germanistin, so dass ich nicht ausschließen kann, dass es eine Logik gibt, die mir aber bislang im Verborgenen blieb. Aber fangen wir einfach mal an:

Schuhe, Pumps, Stiefel

Wirkungsvoller Kontrast: Bild zur Verfügung gestellt von Espressolia / http://www.pixelio.de

In unserem Sprachgebrauch haben wir zunächst einmal zwei Geschlechter, bei Erwachsenen sind das Mann und Frau. Man sagt also: „Kennst du den großen Mann da hinten?“ oder auch: „Wer ist denn diese nette Frau?“ Eine einfache Frage mit kurzer Beschreibung der fraglichen Person, Mann und Frau. Wenn nun jemand antwortet, sagt er vielleicht: „Der große Mann da hinten ist Herr Meier.“ Oder er sagt: „Die nette Frau ist Frau Schmidt.“ Aha, so ist das. Herr Meier und Frau Schmidt. Warum nicht Mann Meier und Frau Schmidt? Oder wie könnte das sonst gehen?

Neben dem Mann und der Frau gibt es noch weitere Anreden in unserem Sprachgebrauch: Höflich heißt es der Herr und die Dame: „Kann ich dem Herrn noch etwas bringen?“ oder: „Da drüben, wo die ältere Dame sitzt.“ Also könnte/sollte/müsste es in einer höflichen Anrede doch eigentlich heißen: Herr Meier, Dame Schmidt. Ach so, nicht? Hmmm …

Wo ist der Unterschied zwischen dem Mann und dem Herrn, der Frau und der Dame? Laut der hier relevanten Wortbeschreibung im Duden sind Mann und Frau erst mal erwachsene Personen des männlichen oder weiblichen Geschlechts – aha. Des weiblichen Geschlechts – nicht des fraulichen – was soll das denn? Aber lassen wir das Weib hier erst mal raus, das ist ein Neutrum und führt jetzt nur zu Durcheinander. Wir suchen noch den Herrn und die Dame.

Ein Herr ist laut dem gelben Duden ein „1a. Mann (auch als übliche höfliche Bezeichnung für eine männliche Person im gesellschaftlichen Verkehr)“ oder „1b. gebildeter, kultivierter, gepflegter Mann“. Aha. In der Anrede ist a = b, es wird also ohne Ansicht der Person antizipiert, dass der Herr Meier ein ganz Feiner ist. Und die Dame ist gemäß meinem gelben Freund „1a. Frau (auch als übliche Bezeichnung für eine Frau im gesellschaftlichen Verkehr)“ und „1b. gebildete, kultivierte, gepflegte Frau“. Da ist also nicht viel Unterschied zum Herrn, und doch wird die Dame Schmidt erst mal nur als erwachsene Person weiblichen Geschlechts wahrgenommen, also als Frau Schmidt: a ≠ b. Es ist also wie immer: Frauen müssen deutlich mehr tun, um die gleiche Wertschätzung zu erfahren.

Ganz wild war es dazu noch in früheren Zeiten, in denen eine unverheiratete Frau als „Fräulein“ bezeichnet wurde. Das habe ich selber noch erlebt: Als ich 1990 eine Ausbildung zur Großhandelsfrau begann, war ich das (!) Fräulein Möhle. Erklärt wurde dies immer damit, dass interessierte Männer so schon durch die Anrede wüssten, ob eine Frau noch unverheiratet und somit jagbares Wild ist. Dumm nur, dass den Frauen ein gleicher Wissensstand verweigert wurde – so hätte sich gewiss so manches Ehedesaster vermeiden lassen.

Und dann haben wir da ja noch das Weib. Eva war eines, das erste. Damals hieß es „der Mann, das Weib“. Die Bezeichnung Weib gilt inzwischen als veraltet, oder auch ein wenig abwertend. Ich selber kenne es hauptsächlich als scherzhaft gemeinten Ausdruck langjährig verbandelter Paare: „Da vorne kommt mein Weib!“ Es ist übrigens sächlich, das Weib, nicht weiblich. Das, nicht die, warum auch immer. Das mit den Artikeln versteht ja sowieso kein Mensch.

Und so schließe ich mit den Worten des weisen Mark Twain, der in seinem Essay über die schreckliche deutsche Sprache klagte:

Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübe eines hat. Man denke nur, auf welche übertriebene Verehrung der Rübe das deutet und auf welche dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber.

(Mehr lesen über die schreckliche deutsche Sprache)

Das Monster im Klo

Fische, Zähne

Gefährliche, bissige Zahnfische an der Ostsee

Dieser Vorfall ereignete sich schon vor einigen Monaten, genau genommen im März 2016. Ich brauchte einige Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten, und fühle mich erst jetzt stabil genug, um es niederzuschreiben. Denn hier wurden Urängste, die lange überwunden zu sein schienen, wieder zum Leben erweckt.

Eigentlich war es ein sehr schöner Tag gewesen: Ich war mit meiner Schwester an der Ostsee, wir waren touristisch unterwegs (in Travemünde, glaube ich) und ließen den Abend in einem guten Fischrestaurant ausklingen. Auch dort war alles so, wie es sein sollte: lecker Fischplatte, Weißwein und Mineralwasser. Und es kam, wie es kommen musste: Ich musste.

Toiletten in Restaurants sind ja oftmals ein Abenteuer, und so war es auch in diesem Fall. Zwar war die Anlage an sich sauber und ordentlich, aber man musste da erst mal hinkommen: Quer durch’s Lokal, hinter der Theke links, durch die Tür raus, rechts, die Treppe runter, einen finsteren Gang entlang, nochmal ums Eck – und irgendwann war man da. Ich wählte eine Kabine und machte, was gemacht werden musste.

Als ich fast fertig war, ertönte ein Knall: Irgendjemand – oder irgendetwas? – hatte ganz offensichtlich die Tür zum Waschraum ausgerissen, eingetreten oder auf andere Weise aus den Angeln gehoben. Ich erschrak fürchterlich – Feueralarm? Doch statt einer Sirene hörte ich, wie etwas die Kabine neben mir besetzte. Unter furchtbarem Schnaufem, Stöhnen und Grunzen passierte dort etwas Fürchterliches – aber was? Ich hatte Angst und erinnerte mich daran, dass ich als Kind auf unbekannten Toiletten immer gefürchtet hatte, etwas könnte von unten kommen, mich am Hintern packen und in die Kanalisation zerren. Das mit dem Reinzerren ist inzwischen nicht mehr so einfach, schließlich bin ich etwas mehr geworden, aber die unheimlichen Geschehnisse nebenan ließen mich erstarren. Ein Rauschen wie von einem Wasserfall, jämmerliches Jaulen einer gequälten Kreatur – meine Ohren begannen zu bluten. Nur langsam konnte ich mich dazu durchringen, mich zu erheben, meine Hose hochzuziehen und zu spülen. Oder wäre es vielleicht klüger, nicht zu spülen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen? Ich beschloss, den Spülknopf zu drücken und zeitgleich aus der Kabine zu stürzen, dann ohne die Hände zu waschen aus dem Waschraum zu stürmen und laut nach Hilfe zu rufen. „Ein Monster! Ein Monster! Ein Monster ist in der Damentoilette, zu Hülf, zu Hülf!“ Ich stellte mich zurecht.

Und dann ging alles ganz schnell: Ich schlug auf den Spülknopf und riss die Tür auf. Zeitgleich hörte ich das Spülen aus der anderen Kabine und auch diese Tür öffnete sich. Ungelenk stießen wir zusammen, das Monster und ich, verkeilten uns zwischen Waschbecken und Tür. Ich wollte schreien, doch machte nur atemlos „Phhhüüü“. Und das Monster lächelte. Das Monster war eine Frau. Es sah aus wie eine ganz normale Frau der Sorte „ältliche norddeutsche Bauersfrau“. Es lächelte und ließ mir am Waschbecken den Vortritt. Dabei versuchte es sich im Smalltalk: „Mensch, war das eilig. Ich dachte, ich schaff’s nicht mehr. Kennen Sie das auch, dass Sie so dringend müssen, dass Sie an nichts Anderes mehr denken können?“ Ja, danke, das kenne ich auch. Habe ich schon erlebt, sowas. Aber ob ich dabei auch solche unheimlichen Geräusche von mir gebe, weiß ich nicht. Eigentlich will ich es nicht hoffen.

Ich verließ den Waschraum recht eilig, denn so ganz traute ich dem Braten noch nicht. Man hat ja schon was von Körperwandlung gehört und so – nach vorne Bäuerin und hintenrum Tyrannosaurus Flex. Ich schlief sehr schlecht in jener Nacht.