Hubertus

Sie hatte es gleich geahnt: In dem Moment, in dem sie Hubertus sah, wusste sie, dass er nicht gut für sie sein würde. Und doch hatte sie es nicht lassen können, hatte seiner unmissverständlichen Werbung nicht widerstehen können. Hatte sie zunächst noch gedacht, ihn einfach ignorieren zu können, musste sie doch immer wieder hinsehen, mal verstohlen aus den Augenwinkeln, dann wieder ganz direkt. Die Freunde rieten ihr zu – nimm ihn, wenn du ihn so willst. Und so waren sie schließlich zusammengekommen.

Ihre Begegnung mit Hubertus, so kurz und flüchtig sie auch gewesen war, war genau das gewesen, was ihr an diesem kalten, unwirtlichen Abend gefehlt hatte. Schon die erste Berührung ließ sie erschauern, obwohl er alles andere als kühl war. Sie wärmte sich an ihm, genoss seine Nähe und den leichten Duft nach Rotwein, der von ihm ausging. Sie wusste, sie hatten nur diesen einen Abend, und den lebte sie, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Denn das schmerzvolle Erwachen kam natürlich noch in jener Nacht. Er war am Abend verschwunden, hatte sie allein mitten in der Stadt zurückgelassen. Der Schmerz hatte nicht sofort eingesetzt, im Stadtverkehr war sie abgelenkt und horchte nicht so genau in sich hinein. Sie war zu Bett gegangen, schlafen, träumen, sich wohligen Erinnerungen hingeben. Bloß nicht ins Grübeln kommen. Das Einschlafen war ihr schwergefallen, wie immer nach solchen Abenden. Und als der Schlaf sie endlich fand, war er schwer und unruhig über sie gekommen. Die Träume, wirr und zusammenhanglos, hatten nichts mehr mit diesem sinnlich-lustvollen Abend gemein, den sie so gemocht hatte. Sie erwachte schwitzend und voller Reue. Der Weg ins Bad war unvermeidlich, und sie musste etwas trinken. Das alles machte sie hellwach.

Wieder einschlafen konnte sie nicht. Stattdessen lag sie da und dachte an Hubertus. Sie hatte es doch gewusst, es war immer das Gleiche: Sie sollte abends nicht so schwer essen.

Lecker war’s – wie immer im Gasthaus am Ostend
(früher „Hesse-Wirtschaft“)

Mein erster Joghurt

Wie versprochen, hier ein erster Erfahrungsbericht über die Joghurtherstellung mit meiner neuen Joghurtmaschine: Gestern befüllte ich die Gläschen vorschriftsmäßig und wartete dann ganz brav achteinhalb Stunden ab. Um ehrlich zu sein, ist mir das Warten recht schwer gefallen – gerne hätte ich zwischendurch mal ein Gläschen herausgenommen und geguckt, ob sich schon was tut. Aber das ist streng verboten. Also wartete ich ab und setzte die fertigen Gläser abends nur in den Kühlschrank um. Zum Nachreifen, wie es so schön in der Gebrauchsanleitung heißt.

Heute morgen war es dann soweit: Ich konnte probieren. Zunächst schraubte ich ein Gläschen auf und prüfte, ob aus der Milch etwas Festeres geworden war. Und in der Tat, der Joghurt war einigermaßen fest geworden. Er entsprach von der Konsistenz her in etwa dem Bio-Joghurt, den ich in die Milch gerührt hatte – der Apfel fällt also nicht weit vom Stamm. Wenn man ihn auf die Seite legt, läuft ein wenig helle Flüssigkeit heraus, der eigentliche Joghurt bleibt aber im Glas.

Ich probierte die Sache, zunächst natürlich pur: Der Joghurt ist mild, sogar milder als der Ur-Joghurt. Etwas mehr Säure fände ich ganz gut, aber schlecht ist es nicht.

Zum Frühstück wollte ich den Joghurt aber nicht pur essen, sondern ein wenig Frucht dazugeben. Ich hatte die Wahl zwischen einigen Marmeladensorten und Preiselbeeren – die machten wie so oft das Rennen.

Die Kombination schmeckt sehr lecker, die Beeren kommen durch den sehr milden Joghurt gut zur Geltung. Allerdings wird der Joghurt durch die Fruchtzugabe erstaunlich flüssig – flüssiger als ein gekaufter Joghurt, wenn man Obst unterrührt. Ob das generell so ist oder von irgendwelchen Faktoren abhängt, muss ich durch Experimentieren herausfinden – vielleicht ergibt ein festerer Ur-Joghurt (oder sollte man ihn „Mutter-Joghurt“ nennen?) oder eine längere Brüt- oder Kühldauer ein anderes Ergebnis. Ideal wäre dieser Joghurt sicherlich zum Backen, ich verwende für Muffins immer lieber Naturjoghurt als Milch.

Auf jeden Fall gibt die Joghurtherstellung noch viel Raum zum Ausprobieren und Lernen – darauf freue ich mich schon.

Meine neue Joghurtmaschine

Timer

Ein bisschen Geduld braucht es schon.

Heute ist es bei mir eingezogen: Das Gerät, dass mir helfen soll, meinen Naturjoghurt künftig selber zu machen.

Seit meiner Kindheit esse ich gerne Joghurt – im Winter etwas weniger, im Sommer fast täglich. Bis vor einer Weile war das zumeist Fruchtjoghurt, doch dessen hoher Verarbeitungsgrad, der fast alles Gesunde in ihm absterben lässt, sowie der zumeist extrem hohe Zuckeranteil haben mich zu Naturjoghurt wechseln lassen. Mit einem Löffelchen Marmelade oder – noch besser – meinen geliebten Preiselbeeren darin schmeckt der wirklich gut und gibt mir zudem das schöne Gefühl, mir etwas Gutes zu tun.

Zusätzlich versuche ich seit einer Weile, meinen Plastikverbrauch ein wenig zu reduzieren. Ich bin da nicht verbissen, aber was sich einfach umsetzen lässt, probiere ich gerne aus. Dazu gehörte bis jetzt der Verzicht auf die vielen kleinen Joghurtbecher – ich kaufe lieber die größeren und fülle immer ein Portiönchen in ein Schälchen um und rühre dort meine Marmelade rein. Die Idee, auch noch auf diesen einen Becher zu verzichten, kam mir schon vor einer Weile, und ich liebäugelte mit einem Joghurt-Bereiter. Diese Idee war für mich allerdings nichts Neues, wir hatten früher zuhause auch ein paar Jahre lang so ein Ding und ich erinnerte mich, dass das Joghurtmachen ganz einfach war.

Gestern also bestellte ich meinen „schnellen Brüter“ am Amazonas, heute wurde er geliefert. Es ist ein einfaches rundes Ding, in dem man sieben Gläser Joghurt machen kann, bei dem aber insgesamt 14 Gläschen dabei sind. Das erschien mir beim Auswählen praktisch, denn dann muss man nicht immer nach den Gläsern suchen, wenn vielleicht noch welche in der Spülette sind, und man muss nicht gleich improvisieren, wenn mal ein Gläschen zu harten Bodenkontakt hatte. Außerdem hat man ja oft noch Joghurt im letzten Gläschen, den man für den neuen Ansatz verwenden will.

Für die, die es noch nie ausprobiert haben, hier eine kurze Anleitung zum Joghurtmachen: Man nehme einen frischen Naturjoghurt (ich habe einen Bio-Joghurt genommen, ob das einen Unterschied macht zu „normalem“ Joghurt weiß ich allerdings nicht). Den verteilt man auf die sieben Gläschen und gibt H-Milch darauf (es geht auch frische Milch, aber die sollte zuvor erhitzt werden. Dazu habe ich zum einen keine Lust, zum anderen habe ich ohnehin immer haltbare Milch im Haus). Umrühren, Gläschen verschließen und in den Brüter stellen. Laut Anleitung braucht es bei nicht erhitzter Milch acht bis neun Stunden, dann ist der Joghurt fertig und kann in den Kühlschrank. Zu beachten ist, dass man den Joghurtbereiter während der Arbeit stillstehen lassen soll – das erklärt wohl, warum meine Mutter das Gerät immer im Schlafzimmer oder im Keller stehen hatte, wo keine Kinder herumwuselten. Platz wäre in der Küche durchaus gewesen.

Bei meinen Einkaufsrecherchen habe ich übrigens auch verschiedene andere Ansatzmittel für Joghurt gefunden: Mal als Pulver, dann in winzigen Fläschchen oder in Pillenform gepresst. Anscheinend gibt es sogar verschiedene Lactobazillen, die man je nach Bedarf, Vorliebe oder persönlichem Glauben auswählen kann. Diese Mittelchen habe ich noch nie ausprobiert, sondern bin dem von Muttern früher verwendeten Joghurtbecherchen zu 35 Cent treu geblieben – schließlich kosten diese anderen Substanzen ein Vielfaches davon. Eventuell schaue ich mir sowas irgendwann nochmal genauer an, vielleicht gibt es bei diesen Mitteln Vorteile, die mir bislang entgangen sind.

In einigen Stunden kann ich meinen ersten selbstgemachten Joghurt in den Kühlschrank stellen und morgen früh einen probieren. Ich bin gespannt und werde berichten.

Frankfurter Liebe

Heute gibt es bei mir mal wieder eine etwas längere Geschichte. Geschrieben wurde sie für eine Lesung zum Thema „Frankfurt“. Sie beschreibt eigentlich ziemlich genau, was mir hier in Frankfurt passiert ist und immer noch passiert. Ich mag diese Stadt einfach ❤

Frankfurter Liebe

Der letzte laue Schluck Apfelwein schmeckte immer ein wenig nach wässrigem Essig. Melanie setzte ihr Glas ab, sah auf den Main und seufzte zufrieden. Sie war angekommen in Frankfurt – so nannte man das wohl. Hier saß sie nun, mit ihrem Mann sowie ihrer Schwester und dem Schwager aus Berlin. Um sie herum tobte das Leben auf dem Flohmarkt am Untermainkai und die Frühlingssonne wärmte ihren Nacken. Sie war zufrieden mit allem, was das Leben ihr aktuell bot.

Apfelwein

Äppler mit Deggelsche

Dabei hatte sie eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben wollen – maximal. Genau genommen hatte sie überhaupt nicht in diese Stadt gewollt, es hatte sie einfach erwischt, so wie so vieles im Leben sie einfach erwischt hatte. Melanie plante nicht, ihr passierten die Dinge einfach. Als es darum ging, eine neue Filiale in Frankfurt zu eröffnen, war sie die Einzige gewesen, die weder Kinder noch pflegebedürftige Angehörige vorweisen konnte. „Das machst du schon, Melanie“, hatte es geheißen. „Dort gibt es ein tolles Team, die brauchen nur ein paar Monate Unterstützung von einem alten Hasen wie dir.“

Na gut, dann also Frankfurt. Melanie, pragmatisch wie immer, kündigte ihre kleine Wohnung in Berlin, lagerte die Möbel ein und den Freund, ein fragwürdiges Subjekt namens Wolfgang, im gleichen Zuge aus. Für was so eine sechsmonatige Abwesenheit doch gut sein konnte. Er war zunächst furchtbar beleidigt, zog jedoch zurück zu seiner Mutter und vergaß Melanie am Sonntag in der gleichen Woche, als er Mamas Gulasch aß – die Welt war wieder in Ordnung. Und für Melanie auch: Sie brauchte es einfach, dass das Leben ihr dann und wann einen kleinen Tritt gab.

An einem regnerischen Freitagabend war sie in Frankfurt angekommen, beladen mit zwei Koffern und einem dicken Rucksack. Ein Taxi hatte sie zu dem möblierten Appartement gebracht, das die Firma für sie gemietet hatte. „Großer Hasenpfad“ hieß die Straße im Stadtteil Sachensenhausen, und schon vom Taxifahrer, einem gesprächigen Mann, der jeden zweiten Satz mit „Ai“, begann, hatte sie erfahren, dass es auch noch einen mittleren und einen letzten Hasenpfad gab. Wie passend für einen alten Hasen wie mich, hatte Melanie gedacht und ein wenig gekichert.

Das Lachen ihr allerdings vergangen, als sie ihr Appartement in Augenschein genommen hatte: „Tristesse“ war ein viel zu farbiger Ausdruck für diese Malaise in grau, beige und braun. Ganz offensichtlich stammte zumindest das Mobiliar aus den 70er Jahren, und auch der abgetretene Fußboden war nicht viel jünger. Vor den Fenstern hingen dicke Stores und Schalgardinen – wann hatte sie sowas zuletzt gesehen? Sie hatte es nicht lassen können und einen der beige-braun gemusterten Vorhänge ein wenig angehoben. Tatsächlich, da war sie: die berühmte Goldkante von Ado. Hier war vor langer Zeit Qualität gekauft worden, und die musste nun 50 Jahre halten.

Natürlich hatte Melanie sich auf Frankfurt vorbereitet – so, wie man das halt so machte. Sie hatte sich einen Reiseführer gekauft und im Nachtprogramm einige unglaublich langweilige Folgen vom Tatort mit dem biederen Kommissar Brinkmann geguckt. Ihre Kollegen schenkten ihr zusätzlich noch einige DVD von „Ein Fall für zwei“ mit dem gemütlichen Anwalt Renz und seinem Partner Matula. Auch das war seeeehr ruhig inszeniert. Wenn es in dieser Stadt dermaßen beschaulich zuging, dachte Melanie, würde sie sich dort mal so richtig erholen können.

Main mit Skyline

Doch schon am nächsten Morgen änderte sich ihr Bild von Frankfurt ein wenig: Sie hatte sich umsehen und frühstücken gehen wollen. Auf den Rat der Hausmeisterin hin, die sie beim Putzen des Treppenhauses vorgefunden hatte, war sie zuerst zum Südbahnhof gelaufen und von dort in die Stadt gefahren. Dann hatte sie sich auf dem quirligen Markt an der Konstabler Wache nach etwas zu essen umgesehen. Was sie irritierte, waren die kleinen karierten Gläser, die fast auf allen Tischen auf dem Markt standen. Wenn sie sich die Informationen aus dem Reiseführer richtig gemerkt hatte, war in dieses Gläsern Apfelwein, aber trank man den schon vormittags? Zur Bratwurst und zur Waffel? Anscheinend passte das Getränk zu allem. Sie wollte es zu versuchen, hatte sich eine Wurst und ein Glas Apfelwein geholt und einen tüchtigen Schluck genommen.

Man kann Melanies allerersten Versuch mit Frankfurter Apfelwein nicht unbedingt als Erfolg bezeichnen, aber immerhin hatte sie es damals geschafft, den unerwartet herben Speierling nicht auszuspucken. Oh Himmel, hatte sie gedacht, was ist das denn für eine Stadt, in der alle Leute dieses Gesöff trinken! Sie würde diese Frankfurter Spezialität erst langsam lieben lernen.

Nicht erst lieben lernen musste sie allerdings den Main, die Skyline und das interessant-skurrile Bild, das die Stadt manchmal bot. Als sie an diesem ersten Wochenende zum ersten Mal über den Eisernen Steg ging, war sie sofort fasziniert von der Aussicht und murmelte unwillkürlich: „Wie schön!“. Auf der einen Seite die Hochhäuser mit ihren blinkenden Fassaden, auf der anderen der Blick auf den Dom, die Dreikönigs-Kirche und das Main-Plaza-Hotel mit seinen goldenen Spitzen. Wenige Tage später fotografierte sie den uralten Eschenheimer Turm, hinter dem sich ein glänzendes Hochhaus abzeichnete. Diese Gegensätze begeisterten sie noch heute.

Blick über die Oberräder Kräuterfelder

Auch die Arbeit in der neu eröffneten Firmenfiliale erwies sich als angenehm: Zwar funktionierte noch nicht viel, als sie ankam, aber alle Kollegen waren mit Feuereifer bei der Sache. Gleich am ersten Freitag zeigte man der Neuen aus Berlin die Gastronomie der Stadt: In einer Apfelweinkneipe mit dem merkwürdigen Namen „Kanonesteppel“ bekam sie das erste Mal grüne Soße zu essen, die ihr im Gegensatz zum faulig riechenden Handkäs hervorragend schmeckte. Später zeigte man ihr Alt-Sachsenhausen, von dessen Fachwerkhäusern sie zunächst begeistert, von der Ballermann-Atmosphäre jedoch abgestoßen war. Der Abend endet in einer Kneipe in der Nähe des Bahnhofs, dem Moseleck, wo sich allerhand bunte Überbleibsel der Nacht trafen und miteinander feierten. Melanie fühlte sich unerwartet wohl.

Am nächsten Morgen erwachte sie neben einem Kollegen, mit dem sie bislang noch kaum zu tun gehabt hatte. Er hieß Mischael, mit dem weischen hessischen sch, das sie so drollig fand. Mischael hatte eine winzige Wohnung in der Mailänder Straße, im elften Stock eines riesigen Wohnsilos. Dass Melanie dieses Appartement später so oft besuchen sollte, lag nicht nur am fantastischen Skylineblick.

Melanie hatte nie eine Beziehung zu einem Kollegen haben wollen, sowas brachte nur Unheil. „Never fuck the company“, lautete ihr Motto. Es war ihre Schwester, die sie schließlich darauf aufmerksam machte, dass ihre Beziehungen außerhalb des Kollegenkreises allesamt auch nicht von Erfolg gekrönt gewesen waren – das Muttersöhnchen Wolfgang war nur einer aus einer ganzen Reihe von Fehlgriffen gewesen. Es hatte noch einen Bernd gegeben, der frei nach der Devise lebte: „Hauptsache gesund und die Frau hat Arbeit.“ Und dann war sie mit Jonas zusammen gewesen, der irgendwann fand, dass er zu jung für sie sei – und dabei war er 12 Jahre älter als sie. Und Thomas, Heiko, Wieslaw … alles Abenteuer, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Agonie endeten. Nun also „Mischael“, der Kollege – na gut.

Blick vom Euro-Tower

Melanie lebte sich ein. Nach wenigen Monaten war sie öfter in der Mailänder Straße als am Hasenpfad, und irgendwann stand der Abschied im Raum. Dabei war ihr Aufenthalt in Frankfurt schon um volle sechs Monate verlängert worden. Sie fühlte sich zerrissen. Sie wollte nicht in Frankfurt bleiben, dass hatte sie doch nie gewollt. Aber eine Fernbeziehung hatte sie auch nie gewollt. Das Einzige, was sie aktuell wirklich gerne loswerden wollte, war diese Läusebude im Hasenpfad. Was also tun?

Wieder war es ihre Schwester, die ihr einen Tritt gab: „Suche dir halt einen neuen Job, wenn du anders nicht bleiben kannst. Es gibt doch genug da!“ Kündigen, etwas Anderes machen? Melanie hatte noch nie woanders gearbeitet. Aber die Schwester hatte recht: Eine neue Stelle würde alle ihre Probleme lösen. Sie ließ sich also überzeugen.

Genau ein Jahr, nachdem Melanie in Frankfurt angekommen war, nahm sie morgens einen anderen Weg zur Arbeit: Sie fuhr nicht mehr in die Bürostadt in Niederrad, sondern ins Bankenviertel, stieg an der Taunusanlage aus und lief den Rest bis zu einem silberglänzenden Bürogebäude, wo sie jetzt bei einer Versicherung arbeitete. Sie lernte unglaublich viel, genoss jeden Tag die Aussicht aus ihrem Büro und merkte, dass ihre Erinnerung an Berlin blasser wurde.

Sie suchte sich eine neue Wohnung. Und ohne, dass sie zuvor lange darüber gesprochen hatten, zog Michael mit ihr dort ein. Wieder war es ein großes Haus, dieses Mal mit Blick auf die Oberräder Kräuterfelder auf der einen und den Stadtwald auf der anderen Seite. Frankfurt war eine grüne Stadt, das hatte sie früher nicht gewusst. Der Stadtwald war so groß, dass man von Offenbach bis zum Flughafen laufen konnte. Und auch andere Stadtteile hatten viel Grün zu bieten: Im Günthersburgpark fand alljährlich ein buntes Kulturfestival statt, das Stoffel, und selbst im Palmengarten gab es ein großes Kulturangebot. Frankfurt und Kultur – auch das hatte sie früher nicht miteinander verbunden.

Schloss Höchst, Frankfurt

Was hatte sie denn überhaupt gewusst, als sie hierherkam, oder was erwartet? Eine Betonwüste, in der man auf jedem Meter über einen am Boden liegenden Junkie oder Bettler stolperte, und dass man beklaut wurde, sobald man das Haus verließ, das war ihre Vorstellung von Frankfurt gewesen. Und ganz von der Hand zu weisen war das natürlich auch nicht: Als sie und Michael gestern am Bahnhof auf den Zug gewartet hatten, der ihre Gäste aus Berlin bringen sollte, waren sie allein am Bahnsteig vier Mal angebettelt worden. Im Untergeschoss des Bahnhofs roch es wie in einem schlecht gepflegten Männerklo und abends vermied Melanie es, am Hauptbahnhof umzusteigen. Längst hatte sie es sich angewöhnt, Handy und Geldbeutel verborgen unter etlichen Schichten Kleidung direkt am Körper zu tragen, und an ihrer Wohnungstür waren zwei Schlösser, die sie beide immer gewissenhaft verriegelten. Nicht alles war schön in Frankfurt, aber wo war es das schon?

Sie hörte, dass jemand energisch ein leeres Apfelweinglas auf den Tisch stellte, und erwachte aus ihren Gedanken. Ihre Schwester war es, die auffordernd in die Runde blickte: „Also ich würde noch einen nehmen. Noch jemand?“ Alle wollten, und so gingen die Schwester und der Schwager gemeinsam los, um nochmal vier große sauer Gespritzte und zwei Brezel zum Teilen zu holen.

Michael grinste Melanie an. „Weißt du, woran ich die ganze Zeit denken muss?“ Sie schüttelte den Kopf. Er zeigte auf den Flohmarktstand direkt hinter der letzten Bierbank. „Der schäbige Sessel da hinten sieht aus wie deiner damals am Hasenpfad. Erinnerst du dich noch an deine schauerliche kleine Wohnung da?“ Sie drehte sich um und fand den Sessel. „Oh ja, stimmt. Drollig – ich habe auch gerade an diese Zeit gedacht. Acht Jahre ist das her, dass ich da eingezogen bin.“ „Ja, und du wolltest nur ein paar Monate bleiben. Vielleicht sollten wir den Sessel kaufen, als Symbol für die Frankfurter Beständigkeit.“ „Untersteh dich, dieses hässliche Teil in unsere Wohnung zu stellen! Der ist selbst für den Keller zu alt. Dann lieber ein paar Ado-Gardinen!“

Jemand setzte ein volles Glas vor Melanie ab, und nach einem kurzen „Prost“ in die Runde nach Melanie den ersten Schluck. Ach ja, kalt war er und so erfrischend säuerlich – was war das doch gut. Inzwischen liebte sie Apfelwein. Nur die hässlichen Bembel dazu, die sie noch immer an den Blauen Bock mit Heinz Schenk erinnerten, die kamen ihr nicht ins Haus.

„Frankfurter Pfännchen“ in der Hesse-Wirtschaft – eine typische Frankfurter Untertreibung

Danke, lieber Wettergott!

Es war mal wieder soweit: Die jährliche Kohlfahrt stand an. Natürlich wie immer in der norddeutschen Tiefebene, und wie immer in dieser eigentlich ungeeigneten, unwirtlichen Jahreszeit.

Die Insignien der Macht – aller Ruhm dem Königspaar

Wie im letzten Jahr schon berichtet, trug ich dieses Mal schwer an der Königinnenwürde. Man hatte mir die Insignien der Macht verliehen, ebenso wie meinem König Martin, und nun mussten wir liefern. Eigentlich ist sowas ja auch gar nicht so schwierig: Ein Kohlkönigspaar hat die Aufgabe, für die Organisation der Tour zu sorgen. Für alle die, die noch niemals einer Kohlregierung angehörten, schreibe ich hier mal auf, was alles dazu gehört (schließlich hat Meikes bunte Welt ja auch einen Bildungsauftrag!):

  • Termin finden
  • Teilnehmer anschreiben und einladen
  • Geld eintreiben
  • Lokal aussuchen und buchen
  • Treffpunkt ausgucken
  • Strecke vom Treffpunkt zum Lokal ausgucken
  • Wenn gewünscht, Pausenstand organisieren (damit keiner unterwegs verhungert)
  • Bollerwagen ausleihen (ist bei uns einfach, den bringt Harry mit)
  • Boßelkugeln ausleihen (wie oben, bringt Michael mit)
  • Einkauf organisieren:
    • Alkoholbedarf kalkulieren
    • Futter für Pausenstand kalkulieren
    • Sonstiges Gedöns auf die Einkaufsliste setzen: Knabberkram, Küchenrolle, Pappbecher …
    • alles einkaufen und ranschleppen (hat dieses Jahr der gute Martin gemacht!)
  • weitere Spiele überlegen
  • Überlegungen für die nachfolgende Legislaturperiode treffen: Wer könnte oder sollte das Amt übernehmen?
  • Initiationsriten festlegen

Royales Boßelengagement

Und dann, wenn es soweit ist, natürlich die Meute anführen, dafür sorgen, dass alle immer zu trinken haben und keiner verloren geht. Zum Glück helfen bei diesen Aufgaben immer alle mit.

Eines aber wird gerne mal vergessen, und dabei ist das fast das Wichtigste: Die Organisation des passenden Wetters. Wir sind nicht anspruchsvoll, gerne darf es winterlich sein, aber es sollte zumindest nicht schütten. In diesem Jahr ließ es sich schwierig an: Als ich am Freitag mit der ewigen Antje in Oldenburg ankam und mit ihr ein wenig shoppen ging, pinkelte es – mal wieder. Oldenburg im Regen ist der tristeste Ort der Welt – grau ist gar kein Ausdruck. Doch unsere Verbindungen zu einer höheren Macht erwiesen sich als krisenfest, am Samstag bekamen wir das:

Fast war es ein wenig zu warm, doch ich will nicht klagen. Wir hatten es nicht nur trocken, sondern so sonnig, dass von den gartenverrückten Norddeutschen schon die ersten im Vorgarten herumwühlten – unter anderem eine Dame von 86 Jahren, die so lange mit unseren Jungs herumflirtete, bis sie ihr Schnäpschen bekam. Bei so viel Fleiß ist es ihr zu wünschen, dass noch weitere Kohlfahrer vorbeigekommen sein mögen.

Das Wetter hielt, die Stimmung auch, und so kann ich wieder nur sagen: „Schön war’s!“ Die royale Macht ging auf Anja und Nils über, wo sie sicherlich in guten Händen ist und ich freue mich schon auf’s nächste Jahr.

Abendstimmung

Lesezeit

Zum ersten Mal habe ich eine Lesung im Zweierteam mit Robert Maier bestritten, dem Autor des nostalgisch-vergnüglichen Romans „Pankfurt“. Eingeladen hatte uns die AWO in Frankfurt-Bornheim. Wir kombinierten unsere Texte, die erstaunlich gut zusammenpassten, und erlebten schöne anderthalb Stunden mit unseren freundlichen und diskussionsfreudigen Zuhörern. Die Lesung hat wirklich Spaß gemacht, zumal die Atmosphäre total nett war, man weder verhungern noch verdursten konnte und das „Event“ sehr gut vorbereitet war. Ich habe mich dort sehr willkommen gefühlt.

Die ewige Antje bewährte sich übrigens sehr als Eventfotografin, doch da ich beim Lesen immer irgendwie doof gucke, habe ich ein Bild gewählt, auf dem Robert liest und ich konzentriert zuhöre. Das hat sich auch gelohnt, denn eine seiner Geschichten – Geblasenes Laub – war mir bislang unbekannt. Bei mir gab es eine bunte Mischung an Geschichten, teils autobiografisch und teils frei erfunden. Ich konnte es auch nicht lassen, meinen heimlichen Liebling einmal vorzutragen, die „Nackten Tatsachen“. Diese wilde Geschichte hat offensichtlich noch nichts von ihrem Charme verloren 🙂

Aus dem Poesiealbum – Selbstachtung

Es wird mal wieder Zeit für einen Spruch aus dem Poesiealbum – die sind noch lange nicht alle „abgearbeitet“. Heute geht es also um diesen Spruch, der mir beim Durchblättern des Albums meiner Mutter gut gefiel:

Zunächst habe ich wie so oft Google befragt, von wem dieser Spruch eigentlich stammt. Ich fand als den Urheber den mir bis dato unbekannten Schriftsteller, Juristen und Reichstagsabgeordneten Albert Traeger (1830 – 1912). Ich las noch einige der wenigen Gedichte, die ich von ihm im Internet fand. Einige waren mir zu romantisch (mit der Liebe habe ich es ja nicht so), anderes fand ich aber erstaunlich vernünftig und sehr modern für seine Zeit. Der Mann war mir spontan sympathisch.

Nun zu dem obigen Spruch: Für mich beinhaltet der etwas ganz Wichtiges. Selbstachtung, dieses Gefühl ist es, dass einen aufrecht hält, auch wenn es im Leben mal nicht so läuft. Sobald das nicht mehr vorhanden ist, kann es eigentlich nur noch bergab gehen.

Nun bezieht sich der Spruch sicherlich auf beeinflussbare Handlungen, sein Ratschlag ist es, nichts bewusst zu tun, was einen die Selbstachtung verlieren lässt. Ein Verstoß gegen die eigenen Werte und Prinzipien lässt sich sicher aushalten, jeder macht mal Fehler. Wenn das eigene Fehlverhalten jedoch selber als so gravierend wahrgenommen wird, dass nur noch Scham übrigbleibt, man sich nicht mehr würdig fühlt, sich selbst zu achten, ist wahrscheinlich einer der letzen Anker im Leben herausgerissen.

Leider verlieren viele Leute ihre Selbstachtung durch Dinge, die sie selber nicht oder nur noch schwer beeinflussen können: Anhaltende Arbeitslosigkeit lassen am eigenen Wert zweifeln, Suchtprobleme oder immer wieder der falsche Partner untergraben das Selbstwertgefühl. Auch diese Leute fühlen sich nicht mehr würdig, sich zu achten – fatal, weil sie sich oft nicht alleine aus der Situation befreien können.

Ich frage mich, ob der etwa 14-jährige Heinz über diesen Spruch nachgedacht hat, als er ihn meiner Mutter ins Album schrieb, oder ob er ihn genommen hat, weil er so schön kurz und griffig war. Für mich ist er auf jeden Fall einer der besseren Sprüche, die ihren Weg ins Poesiealben fanden.

International

Ich bin ein großer Fan der Statistiken meines kleinen WordPress-Blogs. Was gibt es da nicht alles zu sehen: Wie viele Leute da waren, wo die draufgeklickt haben, von welcher Seite sie kamen – ob über Suchmaschine, einen Link oder einfach so. Und man sieht, aus welchem Land die Besucher kamen. Das ist bei mir meistens nicht besonders spannend: In der Regel habe ich einen großen Anteil deutscher Besucher, ein paar aus Österreich und der Schweiz und ab und zu mal jemanden aus einem anderen Land. Man sieht auch immer, wenn Birgit im Urlaub ist – dann habe ich auch mal einen Klick aus Japan oder so. Ich bin also nicht besonders verwöhnt, was die Internationalität meiner Besucher angeht.

In dieser Woche war es plötzlich anders: Ich hatte einen Artikel gepostet, zu diesem einen Link in einer Facebookgruppe gesetzt und damit wohl einen Nerv getroffen – so viele Besucher hatte ich noch nie. Und die Mitglieder der Handarbeitsgruppe „Nadelspiel“ sind deutlich internationaler als meine Stammleser – guckt mal, von wo die überall geklickt haben!

Länderübersicht

Ich muss gestehen, ich bin begeistert! So viele Länder – das finde ich einfach toll! Und – natürlich – komme ich mir sehr wichtig vor, bei so vielen internationalen Beziehungen 🙂

Lesezeit am Montag

Am Montag, dem 30.01.2017 mache ich gemeinsam mit meiner Autorenkollegin Meike Möhle eine Lesung in der AWO. Freuen Sie sich auf unterhaltsame Kurzgeschichten und eine Prise “Pankfurt”! Termin: 30. Januar 2017 18:30 Uhr Ort: AWO, Falltorstraße 18, Frankfurt-Bornheim

über Lesezeit in Frankfurt Bornheim — Robert Maier

Die Miesmacher

Socken, Reste, Wollrechte, Restesocken

Restesocken – wer sie nicht mag, der möge schweigen!

Ich mag ja die sozialen Netzwerke – gerne mache ich hier und da ein bisschen mit. Viel Interessantes gibt es zu sehen, man kann sich austauschen und mit anderen seinen Hobbys nachgehen. Und gerade im Bereich eines meiner Hobbys, beim Stricken, fallen sie mir immer wieder auf: die Miesmacher. Ich denke allerdings, dass das nicht nur in den Handarbeitsgruppen so ist, sondern auch bei den Autoschraubern, den Hundebesitzern oder den Hobbyfilmern: Einige haben halt immer was zu meckern. Oder wissen es besser. Oder beides …

Natürlich geht es mir nicht darum, dass man alles toll finden sollte, was da in diesen Gruppen gezeigt wird. Manches entspricht einfach nicht dem persönlichen Geschmack. Das Schöne an diesen sozialen Netzwerken ist jedoch, dass man nicht verpflichtet ist, etwas zu einem Beitrag zu sagen – man kann sich auch mal in Schweigen hüllen. Man muss nicht mal liken – man kann die Finger einfach stillhalten.

Es geht mir auch nicht darum, dass man nichts sagen soll, wenn man gefragt wird. Wenn also in einer Strickgruppe ein Mitglied – nennen wir es „Martina“ – fragt: „Passt dieses Rot dazu oder sollte ich lieber Blau nehmen?“ kann man natürlich seine Meinung dazu sagen – sie hat ja gefragt. Immer wieder aber sagen Leute dann so etwas Aufbauendes wie „Ist eigentlich egal bei dieser billigen Polyesterwolle, das ist eh die Arbeit nicht wert“ oder „Wenn man so kräftig ist wie du, sollte man nicht auch noch so kräftige Farben tragen.“ Peng – das war bestimmt genau die Information, die Martina dringend gebraucht hat.

Oder wenn jemand ganz stolz etwas zeigt mit den Worten: „Guckt mal, mein erster Pullover“ und auf dem Bild ist eine strahlende Person in einem etwas sackartigen Gebilde zu sehen. Dann kann man natürlich schreiben, dass die Passform nicht schön ist, dass man an den Schultern hätte abnehmen können oder sollen, oder dass ein Rvo* viel schöner gewesen wäre. Man kann das aber auch lassen. Was haben denn die ewigen Miesmacher davon, irgendeiner völlig unbekannten Petra den Spaß an ihrem neuen Hobby zu verderben? Warum kann man nicht großzügig über die Macken hinwegsehen und stattdessen die schöne Farbe loben – oder eben einfach nur die Klappe halten?

Richtig gut kommt es immer, wenn die Miesmacher ihre Miesmacherei in scheinbare Höflichkeit kleiden: „Also, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber …“ Oh doch, genau das wollen sie in diesem Moment, und das wissen sie auch. Sie nehmen so richtig Anlauf, um jemandem einen Tiefschlag zu versetzen. Zack, mit Schwung, damit die andere bloß keine Freude mehr hat an dem, was sie eigentlich nur zeigen wollte. Und ich sitze dann immer da und frage mich: Warum? Wozu ist das gut?

Wie gesagt, ich erwarte nicht, dass man alles lobt und hudelt, was einem in diesen Handarbeitsgruppen gezeigt wird. Ich finde manches sogar abgrundtief scheußlich, auch wenn es vielleicht handwerklich ausgezeichnet gemacht ist. Geschmack ist verschieden, und nie würde es mir einfallen, jemandem zu erzählen, dass ich die gehäkelte grüne Küchengardine nicht leiden mag oder dass die gezeigte Mütze mich an einen Klopapierrollenüberzug erinnert. Ich muss auch nicht verkünden, dass gestrickte Wandteppiche mit Pferdemotiv für mich Staubfänger sind oder dass ich Häkelschweine für eine unnötige Erfindung halte. Über die Passformen von Kreisjacken rede ich auch nicht, auch wenn es da oft etwas dazu zu sagen gäbe. Die Leute sind mit dem, was sie mit viel Mühe hergestellt haben, glücklich, und das sollte man ihnen gönnen.

Und manchmal – ganz selten – like ich sogar etwas, das einfach nur krumm und irgendwie missraten ist. Zum Beispiel so ein windschiefer Teddybär, der rührend schielt, oder ein erstes Paar Socken, dass zwar formlos ist, aber doch der Anfang eines schönen Hobbys sein kann. Es kostet doch nicht, dann mal ein Like zu klicken – man klickt ohnehin so viel Zeug an jeden Tag.

 

*Raglan von oben