Besuch in Leer

„In Aurich ist’s schaurig, und in Leer noch viel mehr!“ Jeder, der in meiner Ecke aufgewachsen ist, kennt diesen dummen Spruch. Zumindest, was Leer angeht, kann ich das allerdings nicht bestätigen. Ich fahre mit meiner Schwester immer gerne in eine der kleinen ostfriesischen Städtchen und dieses Mal stand das an Ems und Leda gelegene Leer auf unserer Route. Und eines war tatsächlich so wie fast immer: Ostfriesland erwartete uns mit echtem norddeutschem Schietwetter. Darauf gab es erst mal einen Tee – schließlich ist Leer eine Teestadt (im Hintergrund der freundlichen Statue sieht man das Stammhaus der Firma Bünting). Dazu verschnabulierte ich einen der besten Apfelkuchen, die ich je hatte: mit Schmand und Walnüssen.

Teestadt Leer

Es war schwül und nieselte eine ganze Weile etwas unmotiviert vor sich hin – zu wenig, um reinzugehen, aber zu viel, um ganz entspannt draußen herumzulaufen. Wir machten also erst mal einen Stadtbummel, gingen in wenige Geschäfte und liefen durch die niedliche kleine Altstadt – unter anderem vorbei an dem Restaurant, in dem meinem ewig hungrigen Neffen einmal ganze 14 Pommes zu seiner Currywurst serviert wurden. Er war so empört darüber, dass uns diese Episode wohl ewig im Gedächtnis bleiben wird.

Altstadt in Leer

Gerade rechtzeitig entschlossen wir uns zu einer weiteren Einkehr und wählten einen Platz unter einem großen Schirm. Kaum saßen wir, beschloss der Wettergott, dass das sachte Gefiesel uns, was Wasser angeht, nicht so recht weiterbringt, und der Himmel öffnete alle Schleusen. Es regnete, dass es nur so spritzte. Danach war es dann aber auch gut, der Himmel riss auf und wir zogen weiter in Richtung Hafen. Leer hat eine sehr schöne Uferpromenade entlang des Museumshafens, an der man spazieren gehen, auf Bänkchen sitzen, eine Rundfahrt machen und Boote beobachten kann. Besonders gefiel uns das winzige Böötchen mit dem Namen „Kerlke“: ganz klein, aber doch alles dran.

Hafen in Leer

Es war ein entspannter Tag im hübschen Leer, der uns ganz zum Schluss sogar noch ein wenig Sonne gönnte. Ich habe an meiner Lust am Fotografieren gemerkt, dass ich dieses Jahr noch viel zu wenig unterwegs war – Corona sei Dank. Ich habe deshalb auch noch eine rosa Rose für euch, denn auf Regen folgt Sonne.

Rose

Küstenurlaub

Eine Miniatur aus dem Schreibworkshop: Zuerst sollten wir uns fünf Wörter ausdenken, die für uns mit dem Paradies zu tun haben. Dann zu jedem Wort einen Satz schreiben. Und zu guter Letzt gab es sieben Minuten Zeit, um einen kleinen Text zu Schreiben, in denen zwei dieser Sätze vorkamen. Nun gut …

Küstenurlaub

Der überarbeitete Büromensch erreicht die Küste. Er wollte eigentlich nie an die Nordsee. Er fuhr lieber nach Afrika, Indien, Südostasien. Aber nicht jetzt, zu Corona-Zeiten – ganz bestimmt nicht. Am Ende vielleicht in einem verwanzten Krankenhaus liegen und nach Luft schnappen, nein, das war es ihm nicht wert. Dann halt einmal an die Nordsee, in eine Ferienwohnung im Haus Seestern. Er lässt sich darauf ein, macht das, was man da halt so macht, an der Nordsee. Drei Wochen lang.

Hafeneinfahrt Westeraccumersiel

Nach dem Urlaub wird der Büromensch wieder mit seinen Kollegen sprechen, Er wird vom Urlaub erzählen, davon, dass es schön war und dass er etwas gelernt hat. „Was denn“, werden sie ihn fragen und er wird es ihnen erklären: „Kühle erfrischt mich und lässt mich Wärme genießen. Das wird einem ja sonst gar nicht so bewusst. Und der Wind bläst den Mist aus dem Hirn. Das war wirklich mal nötig.“

Abendstimmung auf Borkum

Besuch im Vogelpark Walsrode

Nach langen Corona-Monaten habe ich es gewagt, wenig frequentierte Züge ausgesucht und mal wieder meine wunderbare Schwester nebst Familie besucht. Aus einer plötzlichen Idee heraus beschlossen wir, wieder einmal den Vogelpark in Walsrode zu besuchen. Da waren wir zuletzt 1982 – da war ich süße 12. Ich hatte gute Erinnerungen an den Park, und gut war es auch dieses Mal. Da es sehr leer war – man musste die Karten vorbestellen und es sind auch keine Ferien mehr – konnte ich viele schöne Fotos machen, die ich in GIFs verpackt habe, um ein paar mehr zeigen zu können.

Vögel: Störche, nchuhschnabel, Pelikan, Eule

Charakterköpfe: Störche, Schuhschnabel, Pelikan, Eule

Wir kamen vormittags am Park an und genossen zunächst einmal die frische, feuchte Luft. Die Anlage ist eingebettet in einen Wald und wirklich schön gelegen. Um sie zu erreichen, muss man vom Parkplatz aus über eine Brücle laufen – das hatte ich gar nicht mehr gewusst. Am Eingang bekamen wir einen Parkplan, der wirklich sehr übersichtlich war, was ja leider nicht überall der Fall ist. Wir hielten uns brav an den Rundgang und wackelten los. Relativ weit vorne gibt es eine kleine Pinguinanlage.

Pinguine

Überall im Park verteilt traf man auf verschiedene Arten von Pelikanen. Ich mag ja diese großen, würdevollen Vögel, und einige von ihnen schienen tatsächlich die Parkbewohner zu mögen: Sie drehten sich geradezu in Position, um fotografiert zu werden. Schnabel auf, Schnabel zu, rechts, links, Bein strecken, mit den Flügeln schlagen, bisschen schwimmen. Ich tat ihnen den Gefallen und knipste viel.

Pelikane

Ebenfalls verteilt auf mehrere großzügige Anlagen fanden sich diverse Flamingos. Ihr Federkleid war unterschiedlich gefärbt, von zartrosé oder fast weiß bis hin zu einem kräftigen Orange. Das ist wohl auch stark davon abhängig, was die Vögel hauptsächlich fressen – zumindest wurde es auf einer der Tafeln so erklärt. Wahrscheinlich vertragen sie keine Rote Beete, ansonsten könnte das ein interessantes Bild geben.

Flamingos

Wir schlenderten gemächlich durch den Park. Es gibt überall genügend Bänke, Kioske, Sanitäranlagen und was auch immer man sich wünscht. Auffällig ist, dass die Gebäude alle sehr liebevoll gestaltet sind und sich schön ins Gesamtbild einfügen. Freianlagen für große Vögel wechseln sich mit kleineren Käfigen für teilweise winzige Vögelchen ab, es gibt große Freiflughallen und verschiedene Häuser für Exoten. In einer der Hallen machte ich die Bekanntschaft einer Henne – nach Google-Recherche wohl eine Straußwachtel. Diese suchte eindeutig Kontakt, und das auch noch, nachdem sie begriffen hatte, dass von mir außer guten Worten nichts zu erwarten war. Kein Futter, kein nix. Sie latschte gemütlich mit mir mit, wartete, wenn ich stehen blieb und zeigte mir ihr Reich. Wir mochten einander.

Hühnervögel, Straußwachtel, roter Sichler, rosa Löffler

verschiedene Hühnervögel, Straußwachtel, roter Sichler, rosa Löffler

Auch allerhand Exoten gab es natürlich zu bestaunen. Die flinken, winzigen Kolibris haben ein eigenes Haus, ließen sich aber nicht von mir knipsen. Die Aras und Papageien machten ein Mordsgetöse, die Keas hüpften neugierig ans Gitter und wollten Freundschaft schließen. Allerdings wurde an einigen Gehegen ausdrücklich davor gewarnt, zu nah ranzugehen, weil einige der freundlich wirkenden Gesellen wohl auf das Brechen von Fingerknochen und das Anhacken von neugierigen Nasen spezialisiert sind. Auch hier hielten wir also brav Abstand. Trotzdem knipste ich eine bunte Mischung von bunten Südländern, habe mir aber nicht genau notiert, wie die jeweils hießen.

Tukan, Hornvogel, Kuckuck

Exoten: Auf jeden Fall dabei ein Tukan, Hornvogel und Kuckuck

Es war ein wunderschöner, entspannter Tag im Vogelpark. Ein bisschen habe ich bedauert, dass ich kein Kind mehr bin, denn genauso liebevoll wie die ganze Anlage sind auch die Spielplätze gestaltet. Es gibt unter anderem einen Wasserspielplatz, eine „Baumhauswelt“ und einen wirklich tollen Abenteuerspielplatz mit Türmen, Rutschen und Seilbahnen – toll. Da hätte ich früher bestimmt gerne gespielt.

Auch noch wichtig: Der Park scheint weitestgehend barrierefrei zu sein. Zwar hatten wir dieses Mal niemanden im Rollstuhl dabei, sodass man es nicht Schritt für Schritt selber nachvollziehen konnte, aber es waren allerhand Rollifahrer selbständig unterwegs. Bei einigen Brücken – unter anderem der zum Eingang – ist es sicher gut, wenn jemand anschiebt, aber mir fielen keine Stellen auf, an denen der Zugang nicht möglich erschien.

Ach ja, eines noch: Mit 24 Euro ist der Eintritt nicht unbedingt ein Schnäppchen. Ich finde aber, dass es sich lohnt, diesen Eintritt für den weltgrößten Vogelpark zu bezahlen.

Resteverwertung – meine neue Kuscheljacke

Sooo, der Winter kann kommen – oder zumindest der Herbst. Denn gestern wurde meine neue Kuscheljacke fertig und ich habe sie am Abend auch gleich angehabt. Lange habe ich daran herumgewerkelt!

Verschiedene Wollreste in WäschewanneAlles begann damit, dass ich einmal meine ganzen Sockenwoll-Reste zusammengesammelt habe. Da kam einiges zusammen, kunterbunt und nicht unbedingt so, dass da irgendwas gut zu etwas anderem gepasst hätte. Ich wartete  also auf eine Aktion von brands-4-friends, wo es ein paar Mal im Jahr günstige Sockenwolle zu kaufen gibt. Ich ergatterte tatsächlich zwei Pakete Regia Silk in Anthrazit, die wunderbar geeignet schien, um mein buntes Sammelsurium farblich zusammenzuhalten.

Und dann werkelte ich drauflos. Natürlich wollte ich nichts Kompliziertes, ist ja klar – wie immer war „fernsehtauglich“ mein Motto. Schließlich schlafe ich ansonsten beim Fernsehen immer gleich ein, wenn ich nichts zum Werkeln habe. Frau in StrickjackeIch entschied mich mal wieder für das gute alte Ziegelmuster mit Hebemaschen – immer vier Reihen farbig, zwei Reihen dunkel, und in den farbigen Reihen jeweils die sechste Masche abheben. Das strickt sich irgendwann ganz von selber.

Auch wenn ich eine Restejacke strickte, wollte ich doch nicht, dass die Sache irgendwie „übriggeblieben“ aussieht und vorne und hinten nicht zusammenpasst. Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Körper in einem Stück zu stricken. Da ich alles andere als eine Tanne bin und das Garn zudem recht dünn war, kam ich auf die beeindruckende Zahl von 524 Maschen pro Reihe. Da waren aber immerhin die gleich mit angestrickten Blenden schon mit drin – auf das nachträgliche Anstricken von Blenden habe ich nämlich immer gar keine Lust.

Ich mühte mich also mit einem langsam wachsenden, riesigen Lappen ab, versuchte die Farben so auszusuchen, dass es nicht ganz merkwürdig ausieht und strickte viele Wochen herum. Irgendwann konnte ich Ärmellöcher machen – ein Fortschritt. Dann ein V-Ausschnitt vorne – auch gut. Natürlich ging dann das Abwiegen der Wolle wieder los, denn ich wollte nicht ein blaues und ein oranges Vorderteil haben. Ja, spießig, ich weiß. Aber irgendwann war ich fertig, verstopfte viele, viele Fäden, schloss die Schulternähte und probierte den Lappen an. Und tatsächlich, er passte! Also nur noch Ärmel und Knöpfe, und es war getan!

Insgesamt verbrauchte ich für diese Kuscheljacke knapp 400 Gramm der dunklen Wolle, 21 Knäulchen Rest-Sockenwolle sowie fünf Knöpfe aus der Knöpfekiste. Die Jacke ist gemütlich und ich bin rundum happy damit. Nur was mache ich jetzt? Das Projekt „Bestandsverarbeitung“ läuft noch immer …

Im Schwimmbad

Eine Übung aus dem Schreibworkshop: Wir sollten über ein kleines Erlebnis aus den letzten Tagen schreiben, aber nicht aus der Ich-Perspektive. 12 Minuten waren Zeit. Huch – was nehmen? Nun ja – ich war mal wieder schwimmen. Und wäre fast ersoffen …

Im Schwimmbad

Sie hatte eine Karte für das Schwimmbad ergattert. Freitagnachmittag ab 15 Uhr durfte sie in das Bad, nicht selbstverständlich in diesen Pandemie-Zeiten. Also hatte sie zugeschlagen, einen Termin am späteren Nachmittag kurzerhand verschoben und ganz früh Feierabend gemacht. Ihr reichte es, die Woche war lang gewesen und ihr Rücken krachte. Überhaupt fühlte sie sich zur Zeit des Öfteren so, als sei sie 30 Jahre älter als die 50, die sie auf dem Buckel hatte. Sie bewegte sich zu wenig – 5 Monate Homeoffice hinterließen allmählich ihre Spuren.

Schwimmbad meiner Kindheit – hier war ich im Schwimmverein

Im Schwimmbad war es nur mäßig gefüllt, die Tickets waren streng limitiert. Das war ihr gerade recht, sie liebte es, einfach nur gemächlich im tiefen Wasser herumzupaddeln und die Gedanken ziehen zu lassen. „Aushängen“ nannte sie das immer. Es tat ihr gut und in ihrem ganz eigenen, gemächlichen Tempo schwamm sie dabei stets ein ordentliches Stück.

Als der Ball vor ihrer Nase ins Wasser platschte, erschrak sie ein wenig. Sie war gerade ganz weit weg gewesen, allein mit sich und ihren Gedanken, Zwei, drei schnelle Armzüge brachten sie zu dem bunten Kinderball mit den Elefanten drauf. Lässig ergriff sie den Ball, um ihn zurück zu den beiden Kindern zu werfen, die am Rand standen. Noch in der Bewegung schoss ihr ein Schmerz in den Rücken, der ihr den Atem raubte. Der Ball flog, sie sank. Eine kurze Panik, Luft anhalten, ruhig bleiben. Ausatmen, den Schmerz verbeißen. Björns Stimme in ihrem Kopf – wenn mal was ist beim Schwimmen, auf den Rücken legen, atmen, ausruhen. Guter Björn, wo magst du heute wohl sein? Er war ihr Schwimmtrainer gewesen, einige Jahre bevor der unglückliche Sturz ihre Wirbelsäule verletzte und jetzt, mehr als 30 Jahre später, manchmal diesen Schmerz in ihren Körper schießen ließ.

Auf dem Rücken liegend schwamm sie an den Rand, griff nach oben, dehnte sich. Es knirschte. Alles wieder gut.

Fundstück 71: gesegnete Modesünde

Dieses kleine Fundstück begegnete mir in meinem eigenen Fotoalbum. Es ist schon komisch: 36 Jahre lang ist mir das nicht aufgefallen. Und jetzt könnte ich mich darüber kaputtlachen – über diese Modesünde aus dem Jahr 1984.

Natürlich wissen wir alle, dass die Mode der 80er Jahre sehr speziell war. Über weiße Tennissocken wurde viel gespottet, kürzlich hörte ich, dass sie wieder auf dem Vormarsch sind. Was mir bislang jedoch noch nicht wieder unterkam, sind weiße Söckchen zu schwarzen Schuhen und Röcken oder Hosen – so wie es mindestens die Hälfte der Mädchen auf meiner Konfirmation trug. Einige hatten sogar Socken mit einem kleinen Umklapprand mit Spitze daran, das war wahrscheinlich der neueste (oder zumindest der lauteste) Schrei.

Ich gehe davon aus, dass die Sockensituation bei den Jungs nicht besser war, allerdings fiel es bei ihnen wohl erst im Sitzen auf, wenn sich die Hosenbeine hochzogen. Natürlich machten auch nicht alle diesen unseligen Trend mit – ich wurde von meiner Mutter zum Glück anders beraten. Allerdings trug ich Sandalen …

Der Himmel auf Erden – Haikus

Als Aufwärm-Übung sollten wir im Schreibkurs ein Haiku schreiben zum Thema „Der Himmel auf Erden“. Da ich mal wieder nicht an mich halten konnte, schrieb ich gleich drei, die alle irgendwie in die gleiche Richtung gehen: Sie haben jeweils etwas mit Zeit und kulinarischem Genuss zu tun.

Heute ist ein solcher Tag, der der totalen Zufriedenheit schon sehr nahe kommt, deshalb poste ich sie gleich alle drei.

Und zur Erinnerung – Haikus sind japanische Kurzgedichte, die einem bestimmten Schema folgen müssen: Insgesamt drei Zeilen, die erste mit fünf, die zweite mit sieben, die dritte wieder mit fünf Silben.

Der Himmel auf Erden

1. Nach dem Aufwachen

Ein Tag ohne Plan,
Milchkaffee ohne Limit
und viel Zeit für mich.

2. Nach dem Frühstück

Einfach unverplant
in den Tag hinein träumen
und abends Sushi.

3. Abends

Ein kühles Glas Wein,
Schokolade halbbitter
und leise Musik

 

Nachbemerkung: Keine Sorge, ich gebe mich heute nicht der sinnlosen Völlerei hin. Zu essen gibt es ganz bodenständig Nudeln mit selbst gekochter Tomatensoße und es ist auch nur noch ein Glas Wein in der Flasche. Schöne Musik läuft bereits (Schiller), ich habe schon ein ganzes Stück an meinem Jackenärmel gestrickt und habe jetzt Zeit zum Schreiben. Das reicht für einen perfekten Tag.

Nachbemerkung 2: Nein, ich habe keinen Plattenspieler mehr. Aber CDs oder Streaming machen sich auf Fotos einfach nicht gut.

Nachbemerkung 3: Jaja, ich weiß, ich bin ein Stubenhocker. Aber wer weiß … in einem nächsten Leben schreibe ich vielleicht auch mal was über Sport …

In der Hitze der Nacht

Die Hitzewelle der letzten Wochen hat mich dazu gebracht, mal wieder einen meiner absoluten Lieblingsfilme anzugucken. Bei 36 Grad im Schatten saß ich eingeigelt in meiner Wohnung, genoss das Pusten des Ventilators und guckte

In der Hitze der Nacht

Darum geht es:

Der Film aus dem Jahr 1967 thematisiert das Thema Rassismus in den Südstaaten der USA sehr eindringlich, ist aber zeitgleich auch ein packender Krimi. Kurz zur Handlung: Der farbige Polizist Virgil Tipps (Sidney Poitier), hochrangiges Mitglied der Polizei in Philadelphia und auf Mordfälle spezialisiert, befindet sich auf der Durchreise und muss auf dem Bahnhof der Kleinstadt Sparta/Mississippi auf einen Anschlusszug warten. Zeitgleich wird in der Stadt ein Ermordeter aufgefunden. Prompt wird der in der Bahnhofshalle Wartende, ohne jeglichen Beweis oder auch nur ein Verdachtsmoment, wegen Mordes verhaftet. Den anwesenden Polizisten der Polizeiwache reicht allein seine Hautfarbe sowie das Geld in seinem Portemonnaie, um ihn für schuldig zu erachten. Auch der Leiter der Wache, der noch recht neue Chief Gillespie (Rod Steiger), zweifelt nicht an Tibbs Schuld, muss jedoch zu seinem Verdruss feststellen, dass dieser nicht nur ein Kollege ist, sondern in der Hierarchie höher steht und auch noch deutlich besser verdient als er selbst.

Nach einigem Hin und Her muss die Polizei Sparta den Mordexperten Tibbs an den Ermittlungen teilhaben lassen. Es kommt zu rassistischen Vorfällen: Ein hochgestelltes Mitglied der Gemeinde ohrfeigt den schwarzen Polizisten und möchte ihn am liebsten lynchen lassen, als dieser ohne zu zögern zurückschlägt. Eine Gruppe Halbstarker versucht, den Polizisten zu stellen und zumindest zusammenzuschlagen, scheitert jedoch an dessen Gegenwehr sowie durch das Eingreifen Gillespies, der von seinem farbigen Kollegen zwar nicht begeistert ist, es jedoch als seine Pflicht ansieht, diesen zu schützen.

Mit der Zeit kommt es zu einer Annäherung zwischen Tibbs und Gillespie, beide empfinden durchaus Sympathie füreinander. Der Schluss ist ein spannender Showdown, bei dem nicht nur der Mord aufgeklärt wird, sondern auch die ganze Bigotterie der rassistischen Kleinstadtgesellschaft klar zum Ausdruck kommt. Tibbs und Gillespie trennen sich als Freunde, auch wenn es unwahrscheinlich scheint, dass sie einander jemals wiedersehen werden.

Was ist das Besondere?

Obwohl der Film sehr spannend ist und etliche schnelle, spannende Szenen enthält, ist die Hitze, die sowohl tagsüber als auch nachts vorherrscht, ein ganz wichtiger Teil der Handlung. Alles wirkt klebrig, beinahe kann man den Schweiß durch den Fernseher riechen. Die Menschen bewegen sich größtenteils träge, die Ventilatoren quirlen wie missmutig in der dicken, schwülen Luft herum und man bekommt den Eindruck, dass es in der ganzen Stadt nicht genug Luft zum Atmen gibt. Das hebt die Enge dieser Kleinstadt, in der man auf einige wenige Arbeitgeber angewiesen ist, sowie die klare Hierarchie, die vorherrscht, noch hervor. Auch der allgegenwärtige Rassismus wird so offen vorgetragen, dass einem schier die Luft wegbleibt.

Was gibt es noch?

Der Film war für viele Preise nominiert. Unter anderem bekam er fünf Oscars, wobei bezeichnenderweise Sidney Poitier, der farbige Hauptdarsteller, leer ausging, wohingegen Rod Steiger ihn bekam. Da die Figur des Gillespie im Film die deutlich größere Wandlung durchmacht, die Steiger mit minimaler Mimik wirklich großartig darstellt, geht das für mich in Ordnung, zumal Poitier tatsächlich schon 1964 als erster farbiger Hauptdarsteller einen Oscar erhalten hatte.

Drollig finde ich, wie der Film mit Klischees spielt: Virgil Tibbs, der verachtete Farbige, ist im ganzen Film der einzige attraktive Mann: Gut angezogen ist er, scheint nicht ständig zu schwitzen, ist höflich und argumentiert sachlich. Die meisten anderen, auch die Polizisten, wirken irgendwie schmuddelig und leicht geistig minderbemittelt. Lediglich die Frau des Mordopfers, die auf der Teilnahme es fremden Polizisten an den Ermittlungen besteht, ist gepflegt, adrett und dynamisch.

Das wirft eigentlich ein ganz passendes Licht auf Rassisten, was angesichts des Alters des Films bemerkenswert ist.

Wasser für die Kleinsten

Wie schon ein paar Mal erwähnt, bin ich unter die Vogelfütterer gegangen. Natürlich gehört zu meinem Vogel-Wellnesscenter inzwischen auch eine Vogeltränke. Diese hängt in Form einer Flasche mit Landestange mit am Ständer und heute sah ich zum ersten Mal eine „meiner“ Meisen am Wasser nippen.

Für die Insekten hatte ich in den vergangenen heißen Sommern immer kleine flache Schälchen aufgestellt. Das war nicht so praktisch, weil die zumeist schon ausgetrocknet waren, wenn ich von der Arbeit kam. Auch jetzt im coronabedingten Homeoffice habe ich weder Zeit noch Muße, die dauernd aufzufüllen. Also musste was anderes her: Die neue Lösung besteht in einem großen Blumenuntersetzer und gereinigten „Bastelmuscheln“. In die Schale kommen unten die Muscheln und darauf Wasser. Die umgedrehten Muscheln bilden kleine Trinknäpfe für die Kleinsten. Ich bin gespannt, ob das so funktioniert, denn die Insekten müssen ihre neue Bar natürlich im 6. Stock erst mal finden.

Wer die Wasserschale bereits gefunden hat, sind die Spatzen. Sie haben in den letzten Nächten (!) darin gebadet. Wieso sie dies nur im Dunklen tun, ist mir noch nicht so recht klar und eigentlich setzt man sich auch nicht mit dem Hintern da rein, wo andere trinken sollen, aber gut. Für Sauberkeit und Kultur sind Spatzen eher nicht bekannt. Wird halt morgens das Wasser einmal ausgetauscht – das geht ja fix.

Und jetzt warte ich auf weitere Gäste an meiner kleinen Bar. Gerne darf es auch ein Taubenschwänzchen sein – diesem ungewöhnlichen Tierchen begegnete ich kürzlich bei meiner Freundin Maike. Sie hat eine große Dachterrasse und bietet dort ganz bewusst insektenfreundliche Pflanzen an – und erfreut sich entsprechend an regem Insektenbesuch.

Taubenschwänzchen

Nachtrag: Kürzlich las ich, dass Taubenschwänzchen in Deutschland des öfteren für Kolibris gehalten werden. Ich gebe zu, mir war das Insekt auch unbekannt, aber dass es in Deutschland keine freilebenden Kolibris gibt, so viel zoologisches Wissen habe ich dann doch 🙂

Hommage auf ein Suppenhuhn

Ich esse gerne Huhn – mal als Suppe, mal als Frikassee. Zuhause bei Muttern gab es das regelmäßig. Wir wohnten auf dem Land und Hühner erhielten wir oft von Bekannten. Das waren dann „echte freilaufende Hühner“, die in Gärten herumgelaufen waren, mit Garten- und Küchenresten gefüttert wurden, Eier gelegt hatten und irgendwann, nach einem langen Leben als Legehenne, im Topf landeten. Diese Hühner waren prima, an ihnen war ordentlich was dran und meine Mutter verstand es, sie wunderbar zuzubereiten.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

In Sachen Zubereitung gehöre ich inzwischen auch zu den Fortgeschrittenen, doch leider ist das mit den guten Hühnern nicht mehr so einfach. Die komischen, kleinen Tierchen vom Rewe sind zwar spottbillig (ich konnte es kaum glauben, als ich einmal eines kaufte), doch es ist kaum was dran. Das Wenige, was dran ist, schmeckt nach nichts und ich glaube nicht, dass die mal irgendwo herumlaufen durften. Die nächste Idee, die ich hatte, war der Wochenmarkt am Südbahnhof. Dort gibt es einen Geflügelwagen und der hat auch Suppenhühner. Für ein Hühnchen von einem knappen Kilo Gewicht gab ich dort legendäre 18 Euro aus und das Tier schmeckte nicht besser als eines vom Rewe. Das war also auch nichts.

Als letzte Idee fragte ich bei meinem Lieblings-Fleischwagen auf dem winzigen Oberräder Wochenmarkt an: „Habt ihr auch Suppenhühner?“ Ich könne eines bestellen, bekam ich zur Antwort, dann würde man bei einem Bekannten fragen, ob der gerade welche hat. Das fand ich ja schon mal gut, denn wenn alles sofort verfügbar ist, bin ich bei Frischware immer etwas im Zweifel ob der tatsächlichen Frische. Ich bestellte also mein Hühnchen.

Und tatsächlich, ich bekam eines: 1.500 Gramm für – wie ich fand – moderate 13 Euro. Das sei aber jetzt das Letzte, erfuhr ich, die nächsten kämen erst im Herbst. Gut, so oft muss es ja auch kein Huhn geben. Froh trug ich meine Beute heim und machte mich dran, das wirklich schöne Huhn zu verkochen. Es war zwar kein Riesenhuhn wie seinerzeit die legendären Hennen von Leni von Loy, auch keines wie die liebevoll gehüteten Hühnchen von Papas hochbetagtem Kumpel Emil, aber es war ein sehr gutes Huhn.

Einige Tage später erzählte ich einer Freundin von meinem Kauf. Sie fand diese 13 Euro viel zu teuer, es blieb ihr fast die Luft weg. So viel Geld für ein kleines Geflügel, das könne sich ja gar nicht jeder leisten. Gut, ja, das mag stimmen, Einkäufe auf dem Wochenmarkt, egal ob Fleisch oder Gemüse, sind deutlich teurer als beim Discounter. Wenn ich aber mal rechne, was aus meinem Hühnchen geworden ist, sieht die Sache für mich deutlich anders aus: Ich kochte mein Huhn mit einem Bund Suppengemüse in einem großen Pott Wasser. Daraus entstand ein großer Pott Brühe. Einen Teil davon verarbeitete ich mit einem Großteil des Fleisches zu vier Portionen Frikassee, aus der restlichen Brühe wurde – unter Beigabe von diversem Gemüse und einem Becher Reis und ein ganz wenig vom Hühnerfleisch – ein leckerer Eintopf, der mich ebenfalls vier Mal satt machte. Ganz grob und sehr großzügig gerechnet kamen zu meinem Huhn von 13 Euro noch Zutaten für maximal 17 Euro dazu (Suppengrün, Kohlrabi, drei dicke Möhren, ein halber Blumenkohl, ein paar Tiefkühlerbsen, Reis und zwei kleine Gläser Spargel, außerdem natürlich Pfeffer und Salz). Ich hatte also acht Mal ein gutes und leckeres Essen für maximal 30 Euro – das finde ich wahrlich nicht viel. Wenn ich in Nicht-Corona-Zeiten mittags in die Kantine gehe, gebe ich im Schnitt das Doppelte aus.

Für mich hat sich mein Hühnchen bezahlt gemacht. Ich gebe lieber ein bisschen mehr aus und habe dafür etwas Gutes, als dass ich mich hinterher ärgere, weil das, was ich günstig gekauft habe, keine gute Qualität hat. Dazu kaufe ich auf unserem Wochenmarkt auch noch sehr regional ein, was mir gut gefällt. Ja, einiges ist teurer als im Supermarkt – deutlich teurer sogar. Aber ich weiß bei Vielem, was es dort gibt, wo es herkommt und auch, dass die Leute, die es angebaut haben, vernünftig bezahlt wurden.

Und ja, ich weiß, dass diese Art, einzukaufen, vielen Menschen nicht möglich ist. Gerade Leute, die im Bezug von Grundsicherung sind, erhalten viel zu wenig Geld fürs Essen, da die Sätze künstlich klein gerechnet werden. Das ist aber leider nichts, worauf ich – im Gegensatz zu meinem eigenen Einkaufsverhalten – Einfluss habe.