Die Heilsbringerin

Im Dienstags-Schreibworkshop durften wir jeder ein Zettelchen ziehen und hatten die Aufgabe, zu diesem Thema etwas zu schreiben. Mein Zettelchen lautete …

Die Heilsbringerin

Tante Lotte war wie eine Seuche, die wirklich keiner haben wollte: Lästig, zäh, unangenehm und nicht wirklich zu vermeiden. Die Kinder nannte sie „die Heilsbringerin“, weil sie zu wirklich jedem Thema ihren Senf dazugeben musste und jedem in jeder Situation unaufgefordert mit einem gut gemeinten Rat zur Seite stand.

Das Schlimmste an Tante Lotte war, dass man ihr im Grunde nichts vorwerfen konnte. Sie war gewiss kein schlechter Mensch, sie meinte es ja nur gut. Sie meinte es gut mit Katja, der sie Ratschläge dazu erteilte, wie diese endlich einen Mann finden könnte. Gerade mit solchen Themen kannte Tante Lotte sich aus, schließlich hatte sie schon drei Männer ins Grab gebracht und hätte sicherlich sofort einen vierten gefunden, wenn sie es denn gewollt hätte.

Sie meinte es auch gut mit Marc und Andrea, denen sie nicht nur eine Fruchtbarkeitsberatung, sondern auch gleich eine entsprechende Behandlung angedeihen ließ. Es dauerte vier Jahre und 28 Literflaschen von Tante Lottes Brennnessel-Kümmel-Sud, bis Marc ihr endlich beichtete, dass sie wirklich keine Kinder wollten und er sich deshalb schon vor Jahren hatte sterilisieren lassen. Tante Lotte war beinahe erleichtert über diese Nachricht, hätte sie doch sonst an der Wirksamkeit ihrer Medizin und ihrer Ratschläge zweifeln müssen. Außerdem, so fand sie, war Andrea mit 35 Jahren sowieso schon viel zu alt für Kinder.

Überhaupt, Kinder: Mit denen meinte Tante Lotte es besonders gut. Die Kleinen mussten es ertragen, dass sie sie aufhob und ihre zitternden Lippen an die frischen Kinderwangen presste. Den Mittelgroßen wischte sie mit ihren Spucke-Taschentüchern im Gesicht herum und den Größeren gab sie Unterricht in Sachen Stil und Benimm. Da sie innerlich nicht aus der Kaiserzeit herausgekommen, war, sorgte das eher für Heiterkeit als für Verdruss – zu offensichtlich wichen die Lebensweisheiten der Tante und die Lebenswirklichkeiten der Teenager voneinander ab.

Mehrmals im Jahr kam Tante Lotte auf Besuch. Sie ging dabei gerecht vor, jeden ihrer vier Neffen und Nichten traf es drei Wochen im Jahr. Und Weihnachten, das kam noch dazu. Die Familie, die die Ehre hatte, die Tante über Weihnachten zu beherbergen, nannte dies „das Bonusjahr“. Man wusste, dass man das Fest kaum überstehen würde, ohne dass nicht jede einzelne Tannennadel von Tante Lotte begutachtet worden war. Sie kommentierte, kritisierte und lamentierte. Und doch konnte man ihr nicht böse sein. Denn wirklich, sie meinte es nur gut.

In dem Jahr, als Tante Lote starb, fühlten sich alle ein bisschen verloren. Familienfeiern endeten früher als zuvor und manchmal gab es Streit. Das hatte es früher nie gegeben. Es fehlte einfach der gemeinsame Gegner, die Person, über die man lästern konnte, sobald die Küchentüre geschlossen war. Est, als sich die Verblüffung darüber, dass jemand wie Lotte Krawinkel tatsächlich sterben konnte, gelegt hatte, trat wieder so etwas wie Ruhe ein. Sie brachten fortan immer ein Porträt der Tante mit und stellten dies an den Kopf der Kaffeetafel. Und so war sie wieder unter ihnen, die Tante Lotte, diese menschgewordene Seuche, der keiner entgehen konnte. Sie war dabei und sorgte für Gesprächsstoff. Denn ja, wirklich, die Tante – die hatte es doch immer nur gut gemeint.

Zum Leben erweckt

Nein, keine Sorge, ich glaube weder an die Wiedergeburt noch an übersinnliche Erscheinungen. Und doch wurde für mich in dieser Woche etwas zum Leben erweckt: Denn ich genoss ein Konzert mit der Musik von Udo Jürgens.

Wieder einmal nutzte ich mit meiner Freundin Maike ein Rabattangebot der Frankfurter Citycard: Zwei Karten für den Preis von einer, das klang für mich attraktiv. Zum Glück war Maike, obschon viel jünger als ich und kein ausgewiesenes Jürgens-Fangirl, bereit, die Sache mit mir auszuprobieren.

Schmitt singt Jürgens – das ist ja so eine Sache. Da kommt einer an und singt die Lieder eines anderen. Kann gut sein, muss aber nicht. In diesem Fall fand ich die Sache durchaus gelungen. Martin Schmitt und das 16-köpfige Orchester harmonierten sehr gut, die Lieder waren keine Kopie, aber gut gesungen und all die Klassiker, auf die ich mich gefreut hatte, waren dabei. Mir hat die Sache viel Spaß gemacht und auch Maike wirkte rundum zufrieden und sang eifrig mit.

Udo Jürgens Show, Martin Schmitt

Ein bisschen schade war, dass das Konzert überhaupt nicht ausverkauft war – da hätten noch eine Menge fleißiger Mitsänger Platz gehabt. Ohne Rabatt war es allerdings auch arg teuer – über 60 Euro, nur um es einmal auszuprobieren, wäre mir wohl zu viel gewesen, auch wenn ich weiß, dass so viele Musiker natürlich bezahlt werden müssen.

Und zum Abschluss noch ein kurzer Blick auf den wahren Udo …

Noch Leben drin

Vor einigen Tage war nochmal Weihnachten: Ich hatte meiner Schwester und meinem Schwager im letzten Jahr Konzertkarten geschenkt, und mir gleich eine mit. Ich wollte schon immer mal zu einem Konzert von Klaus Lage gehen, die Verwandtschaft hatte dieses Erlebnis in den 80er Jahren bereits mehrfach. Und so juckelte ich ganz „außer der Reihe“ mal wieder nach Oldenburg, um an einem Mittwochabend in die Kulturetage zu gehen. Ach, kamen da Erinnerungen hoch. Aber war die Halle früher nicht größer? Und wo kamen die ganzen Stühle her?

Es war ein Solo-Konzert, auf der Bühne nichts mehr als ein Mann mit Gitarre, Hocker und Mikrofon. Und ja, was soll ich sagen – es ist noch eine Menge Leben drin im alten Mann. Neben vielen alten Liedern, die immer wieder das eigene Kopfkino anwarfen, gab es auch einige launige Erzählungen aus dem Leben des Meisters. Natürlich fehlte der große Hit „1000 mal berührt“ nicht, für mich war das aber nicht unbedingt das Highlight. Zu viele Lieder kannte ich, hatte ich lange nicht gehört, begrüßte ich freudig wie einen alten Bekannten. Mein persönlicher Favorit war, heute wie damals, das wunderbare „Mit meinen Augen“.

Schmunzeln musste ich ein bisschen über das Publikum: fast alles Grauköppe. Und doch saß (!) hinter uns eine Gruppe aus vier Herren, die sich benahmen, als seien sie direkt in die 80er zurückgebeamt – nämlich pubertär. Die Menge an Bier, die die schon drin hatten, als das Konzert losging, führte dazu, dass wir sie nicht lange ertragen mussten, sie mussten dauernd pieseln und dann nachkippen. Es genießt halt jeder seinen freien Abend auf seine Weise. Ich habe es für mich genossen – inzwischen ebenfalls sitzend, mitsingend und rundum froh in der angenehmen Gesellschaft meiner Schwester und meines Schwagers.

Danke an Ilka, Dieter und Klaus für diesen schönen Abend!

Gefangen sein

Ich mache mal wieder einen neuen Schreibworkshop mit. Neue Themen, neue Übungen – sowas macht mir immer viel Spaß. Als es in der letzten Woche losging, hatte ich aber gar keine Lust – zu sehr hatte mich noch immer die gewaltige Erkältung im Griff. Da kam mir die erste Übung zum Thema „Gefangen“ gerade recht …

Gefangen sein …

Stofftier, schielen

Der sieht aus, wie ich mich fühle

Ich bin gefangen in meiner Nase. Wie frei könnte ich sein, wäre sie frei. Aber sie ist verstopft. Schnarchen ohne zu schlafen. Seit Wochen treibt mich das jetzt um. Es nervt.

Gefangen sein – das ist kein triviales Thema. Zu schade für einen ordinären Rotz. Zu intellektuell. Der Intellekt geht, wenn die Viren kommen. Die haben eine Wechselbeziehung, Viren und Verstand. Ja, genau, eine Wechselbeziehung, keine Symbiose. Denn das wäre ja was Gutes.

Die Augen tränen auch – ich werde alt. Bin gefangen in meinem Körper. Wer mit 50 morgens ohne Schmerzen aufwacht, ist angeblich tot. Ich bin noch keine 50, aber ich übe schon mal. Was ich mache, mache ich schließlich ordentlich.

Inmitten dieser trüben Gedanken ertönt draußen lauter Glockenschlag – wie ein Abgesang. Alle Gefangenen antreten zur Hinrichtung. Schnipp, Schnapp, Rüssel ab – man kann auch ohne Nase leben. Aber es sieht furchtbar aus, und das will ich auch nicht.

 

Nachtrag: Diesen deprimierten Text schrieb ich vor acht Tagen. Inzwischen ist die Malaise von der Nase in die Bronchien gesackt – auch nicht besser. Ich fürchte, ich bin Sondermüll …

Rock’n Roll-Bingo

Der Februar war bislang nicht unbedingt freundlich zu mir. Soll heißen, er hat mir mal wieder einen dicken Atemwegs-Infekt geschickt, mit allem und vor allem mit fast zwei Wochen Sofa-Arrest. Trotzdem gab es auch etwas Tolles, über das ich noch berichten möchte: Denn am 31. Januar war ich mit einigen Bekannten beim

Rock’n Roll-Bingo in der alten Liebe in Frankfurt

Auf das Event aufmerksam wurde ich mal wieder durch die ewige Antje. Ich war zuvor noch nie in dieser urigen Kneipe, die ein wenig wie eine Hafenkneipe aufgemacht ist. Klein ist sie, und an diesem Abend war es brechend voll.

Los ging es mit ein bisschen rausgebölkter Moderation sowie der Vorstellung von einigen der wunderbaren Preise, um die man an diesem Abend in insgesamt drei Spielrunden kämpfen konnte. Über die Gewinne sei soviel verraten: Es gibt hier wirklich nur Gerümpel zu gewinnen, beispielhaft sei hier nur der String-Tanga aus Bonbons genannt.

Das Spiel an sich ist denkbar einfach: Man kann für sehr kleines Geld (1 Euro) ein Bingo-Los erwerben, auf dem acht Interpreten stehen. Wir gönnten uns sogar zwei Lose pro Runde – nicht kleckern, klotzen! Und dann wurden verschiedenste Musikstücke angespielt – laut bis zum Anschlag, dafür aber in sehr mäßiger Akkustik. Dem Spaß tat das Gedröhne keinen Abbruch: Wann immer man auf einem seiner Lose einen Titel zuordnen konnte, wurde das entsprechende Feld abgestrichen. Gegenseitige Mithilfe war ausdrücklich erwünscht, wir taten uns sofort mit den zwei Männern neben uns zusammen, und ab und zu half auch ein Bärtiger, der an der Theke stand. Der kannte all das, was wir noch nie gehört hatten. Sobald man alle Felder seines Loses abgestrichen hatte, rief man „Bingo“ – was in dem Getöse natürlich keiner hörte – und ging zum Moderator, um sich seinen Preis abzuholen. Auch eine Konfettikanone ging dann los und vervollständigte die Kakofonie.

Die Musik war eine unglaublich wilde Mischung. Von Punk bis Schlager war alles dabei. Selbst der von mir seit meiner Kindheit geschätzte Tony Marshall fehlte nicht – hoooojahooojahoooo!!! Wer Platz genug dazu hatte, tanzte oder hüpfte herum, und alle sangen aus voller Kehle. Machte ja nichts, wenn man falsch lag, was Melodie und Text anging – hat eh keiner gehört. Und so wurde das Rock’n Roll-Bingo zu einer unheimlichen Gaudi. Nichts für Feingeister, aber lustig.

Spiel der Farben

Lilo starrte fassungslos an die Wand: Da war es, dieses Rot, dieses ganz besondere Rot, das sie seit über 35 Jahren suchte. Die ganze Wand war damit gestrichen, was für ein Luxus. Und das Unglaublichste war, dass auch die anderen drei Wände genau die richtigen Farben hatten.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie es gewesen war, als sie sie das allererste Mal gesehen hatte, diese besonderen Farben. Dieses wunderschöne, tiefe Rot, nicht knallrot, aber auch nicht burgunderrot, sondern einfach nur rot. Und dazu ein volles Grün, nicht knallgrün, sondern sattgrün, so als können man hineinspringen wie in ein dickes, moosiges Kissen. Rot und grün harmonierten perfekt mit dem braunsten Braun, dass sie jemals gesehen hatte, etwas brauner als Kastanien, aber weniger rot. Und dann gab es noch ein tiefes Lila, das alles zusammenhielt, ein dunkles Veilchenlila, das keinesfalls fehlen durfte. Rot, Grün, Braun und Lila waberten in sich langsam verändernden Formen hin und her, wunderschön anzusehen, beruhigend durch die langsame Bewegung und durch die Wärme, die sie verströmten.

So in etwa sieht das aus. Es wabert, und die Farben sind nicht ganz perfekt. Besser habe ich es aber nicht hingekriegt.

Ja, die Farben waren warm. Sie machten warm. Als Lilo sie das erste Mal sah, war sie fünf Jahre alt. Sie hatte die Masern und Fieber.

Lilo neigte dazu, Fieber zu bekommen. „Ein temperamentvolles Immunsystem“, nannte der Hausarzt das. „Das Kind ist empfindlich“, befand die Oma und die Mutter lief ständig nach dem Thermometer. Lilo fand das überflüssig, musste sie doch nur die Augen schließen, um zu wissen, was los war: Augen zu – dunkel – alles in Ordnung. Augen zu – verführerisch bunt – Fieber.

Und nun stand sie hier in dieser kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, in der sie die sechs Monate ihres Sabbaticals verbringen wollte. Sechs Monate, um endlich ihre fast fertige Doktorarbeit zu beenden und sich von ihrer schwierigen Scheidung zu erholen. Sechs Monate, ums sich zu finden.

Hinter sich hörte sie ihren Vermieter fluchen. „Ich hatte dem Maler gesagt, er solle den Wänden etwas Farbe geben, nicht einfach nur weiß streichen. Ich weiß nicht, wie er auf diesen Albtraum gekommen ist. Wir lassen das nochmal heller streichen – so wirkt der Raum ja total dunkel und viel kleiner, als er ist.“

Er hatte Recht, das Appartement, das eine Größe von rund 30 Quadratmetern hatte, wirkte durch die tiefen, dunklen Farben fast etwas höhlenartig. Und doch fühlte Lilo sich spontan wohl und geborgen, wie nach einem langen Winterspaziergang am wärmenden Kaminfeuer. Dieses Immer war genau das, was sie brauchte; Das tiefe, lebendige Rot, das zuverlässige Grün, das duftende Braun und dazu das Lila, dass ihre Seele zusammenhielt – das war genau das, was sie seit langem suchte.

„Mir gefällt es so“, sagte sie deshalb. „Zusammen mit den hellen Möbeln sieht es sehr gemütlich aus.“ Der Vermieter sah sie an, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf, zuckte aber leidenschaftslos mit den Schultern. „Wie Sie möchten“, meinte er nur und breitete den vorgefertigten Mietvertrag auf dem kleinen Ess- und Arbeitstisch aus.

Schon eine Woche später zog Lilo in die kleine Wohnung ein. Sie blickte aus dem Fenster in den Schnee und freute sich an ihrer warmen Wohnung. Ja, hier würde sie zur Ruhe kommen und endlich arbeiten können, dessen war sie sich sicher.

Blog-Geflüster in Meddis Nähkästchen

Radio, Mikrophon, MikrofonAm Montag kam ich mir mal wieder unglaublich wichtig vor: Denn ich war im Radio! Meddi Müller, der Frankfurter Krimiautor und Moderator von Meddis Nähkästchen, hatte mich eingeladen, bei ihm in seiner Sendung zu Gast zu sein. Sehr spannend – im Radio war ich noch nie!

Radio X ist ein kleiner Frankfurter Lokalsender, der seinen Sitz in Bockenheim hat. Werbefrei, unabhängig, eigenständig, leidenschaftlich – so lautet das Credo dieses kleinen Senders. Ich fuhr also in der Mittagspause dorthin, zutiefst neugierig und gespannt.

Das Studio ist klein, aber fein. Ich wurde eingewiesen und merkte mir, dass ich gehört werde, wenn mein Mikro rot leuchtet – dann also besster kein dummes Zeug mehr babbeln. Die Sendung wurde angesagt, es kam ein bisschen Musik und dann ging es los.

Der Beitrag wurde aufgezeichnet, wer gerne einmal reinhören möchte, kann das auf der Seite von Meddis Nähkästchen tun. Ich habe das natürlich auch schon getan und finde es wie immer komisch, mich zu hören – irgendwie spreche ich durch die Nase. Ich denke aber, dass man beim Hören auch merkt, wie viel Spaß mir diese Stunde im Radio gemacht hat (danke für die Einladung, Meddi ❤ ).

 

Das Loch in der Socke

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop. Sie ließ mich an mein Erbe denken – Mutters Nähzeug. Ich habe einiges weggetan, hatte aber auch viel Freude beim Sichten und Sortieren der Knöpfe – das habe ich schon als Kind geliebt.

Das Loch in der Socke

Renate verspüre eine gewisse Befriedigung, als sie die Socke mit dem Loch in den Müll warf. Der zweite Strumpf flog gleich hinterher, schließlich konnte sie mit einer einzelnen dunkelroten Socke nichts anfangen. Sie lächelte, als sie den Deckel auf den Mülleimer fallen ließ.

Zuhause hatten sie Socken gestopft. „Die sind noch gut“, hatte die Mutter gesagt, oder auch: „Das hat mal viel Geld gekostet!“ Und so hatte Renate ihre Socken flicken müssen, bis von dem ursprünglichen Stoff nichts mehr übrig gewesen war und sie von den knubbeligen Stellen beim Laufen Blasen an den Füßen bekam.

Alles wurde damals geflickt bei ihnen. Renates Kleider und Hosen wurden immer wieder verlängert oder an den Seiten ausgelassen, und wenn etwas wirklich nicht mehr zu retten war, nannte der Vater sie eine Verschwenderin und schnitt Putzlappen aus dem Stoff. Als ihre Eltern starben, erbte Renate sechs Umzugskartons mit Putzlappen, viele von ihnen geflickt oder gestopft. So viel würde sie nie putzen müssen. Außerdem erbte sie Mutters Stopfpilz, Stopftwist in 38 verschiedenen Farben und einen Beutel mit 768 abgeschnittenen Knöpfen.

Ein Erbstück. Da ich reichlich Nähseide, auch in grün, besitze, habe ich es nach kurzem Zögern entsorgt.

Die Putzlappen verbrannte Renate in einer kühlen Novembernacht im Garten. Ohne schlechtes Gewissen warf sie die Nähutensilien hinterher. Die Plastikknöpfe ließen ihr Feuer in bunten Farben sprühen und es stank zum Himmel. Dennoch fühlte Renate sich danach wie therapiert. Sie würde nie wieder etwas flicken, sie warf es weg oder brachte die Sachen in die Änderungsschneiderei. „Langes Fädchen, faules Mädchen“ – die Zeiten, in denen ihr Vater sie wegen ihres Ungeschicks beim Nähen verspottet hatte, waren endgültig vorbei.

 

Nachbemerkung 1: Ich bin durchaus dafür, Dinge, die noch gut sind, nicht einfach wegzuwerfen, sondern bei kleinen Macken auszubessern und zu nähen. Ich kann das auch und mache das sogar ganz gerne. Aber olle Socken stopfe ich nicht, das lohnt sich einfach nicht. Und die Putzlapperitis, die mein Vater manchmal an den Tag legte, war mir immer unverständlich (genau wie die Schuhbanderitis – zum Anbinden von Tomatenpflanzen).

Nachbemerkung 2: Der dumme Spruch vom langen Fädchen stammte von meinem Vater. Er war immer dafür, Nähseide zu sparen. Er war es jedoch auch, der sich vor lauter Kurzfadenfummelei einmal das am Leibe geflickte Hemd versehentlich ans Hosenbein nähte, sodass ich derartige Kommentare immer locker zurückgeben konnte. 😀

Fundstücke 63: Werbung aus der Hölle

Franken WC, BonnAuf diese Perle des Marketings machte mich mein guter Freund Harry aufmerksam: Es gibt ja Werbung, die ist wirklich schauderhaft. Ob das jemand lustig findet oder ob genau die schauerliche Wirkung beabsichtigt ist, kann ich mir manchmal nicht erklären.

Mobiltoiletten sind ja eine sehr nützliche Erfindung. Ich denke, niemand benutzt sie wirklich gerne, aber besser, als sich in die Büsche zu schlagen, sind sie allemal. Allerdings …

Die Werbung dieses Toilettenanbieters bringt es sicherlich fertig, das jeder Mensch, der ein solches Häusel nutzt, sich dabei unwohl fühlt. Denn was geschieht nun mit seinem Geschäft? Fragen Sie Franken WC:

Geflügeltes Erwachen

weißes Huhn

Bild zur Verfügung gestellt von Simone F., http://www.pixelio.de

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Denkt doch mal an ein Tier, das euch irgendwie ähnlich ist oder zu euch passt. Nun, ich dachte nach. Gazelle? Passt nicht. Elefant? Ist mir zu grau. Ein Fisch vielleicht – ein Harung, jung und schlank? Ne, dann doch lieber die olle Flunder, die wird am Ende wenigstens reich. Aber eine olle Schrulle – ne, das passt auch nicht auf mich, gar nicht. Und so krakelte ich frohen Mutes ein Federvieh in mein Heft.

Und dann kam der nächste Teil der Aufgabe: Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens in eurer Wohnung auf und seid dieses Tier – was macht ihr dann? Tscha … was nur?

Geflügeltes Erwachen

Ich habe immer geahnt, dass es irgendwann soweit kommen würde. Nicht umsonst nennt das Jungvolk bei uns im Büro mich manchmal Mutti. Und auch ich selber nenne mich so, man stelle sich das vor. Dabei habe ich doch gar keine Kinder und wollte auch nie welche haben. Irgendwann im Laufe meines langen Berufslebens ist es einfach passiert: Ich wurde zur Glucke, achtete laut gackernd auf meine Jungen und scharrte so manches Mal ungeduldig mit den Füßen. Meinen Hühnerhof, so habe ich ihn genannt, diesen schwer zusammenhaltbaren Wimmelhaufen, mit dem ich gearbeitet habe. Und nun habe ich den Salat.

Über Nacht sind mir Federn gewachsen, weiße mit einigen braunen Sprenkeln, und um die rosa Krallenfüße habe ich einen beeindruckenden, flaumigen Kranz. Der Kamm, der mir in letzter Zeit sooft geschwollen ist, leuchtet in kräftigem Rot, der Schnabel ist spitz und lässt sich weit aufreißen. Ich sehe kritisch in den Spiegel: Ohne Zweifel, ich bin kein normales Suppenhuhn, auch keine ausrangierte Legehenne, sondern irgendeine Prachtrasse. Mit mir könnte ein ambitionierter Geflügelzüchter ganz bestimmt Preise gewinnen. Trotzdem fühle ich mich nicht so recht wohl in meiner Hühnerhaut. Denn ich habe nichts anzuziehen. Ein Federkleid, gut und schön, aber das kann doch nicht alles sein. Ganz ohne irgendetwas aus meinem Schrank fühle ich mich nackt.

Außerdem finde ich mich unpraktisch. Zu kurze Beine, ein zu dicker Po. Gut, das war vorher auch nicht anders, aber jetzt ist es schon extrem. Und was bitte soll man mit Flügeln, wenn man nicht fliegen kann? Keine Arme haben, aber auch nicht fliegen können, das ist ganz schön bitter. Pinguine können wenigstens schwimmen, ich kann nicht mal das. Keine Frage, so ein Huhn hat es nicht leicht.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

Den Kühlschrank kriege ich so auch nicht auf. Wie gut, dass der große Wandschrank immer offensteht – es leben die schlechten Gewohnheiten. Hat mal einer einen hühnergeeigneten Dosenöffner? Ich verwerfe den Gedanken an Dosenravioli und öffne eine Packung Kekse. Eigentlich bin ich ja kein Süßfrühstücker, aber es hilft ja nichts. Süßfrühstücker – ein komischer Begriff übrigens. Was soll man denn von Leuten halten, in deren Gattungsbezeichnung drei „ü“ vorkommen? Dan doch besser Prunkhuhn mit zwei „u“ – das klingt deutlich seriöser.

Diese und andere unsortierte Gedanken ziehen durch mein Hühnerhirn. Nach dem zweiten Keks fällt mir auf, dass die Zeit der gemütlichen Sonntagsfrühstücke jetzt wohl endgültig vorbei ist. Denn zu einem ordentlichen Feiertagsfrühstück gehört für mich ein Ei, oder noch besser zwei. In meinem jetzigen Zustand wage ich kaum daran zu denken.

Ein weiterer Gedanke erschüttert mich: Im Kühlschrank sind noch Eier, mindestens vier. Ob ich versuchen sollte, sie auszubrüten? Aber nein, den Kühlschrank kriege ich ja nicht auf. Sind ja auch nicht meine Eier, zumindest nicht so richtig. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Erst mal noch ein Keks, und dann mal weitersehen.