Lieblingsgedicht

Vor einigen Tagen wurde darüber berichtet, dass sich der Vorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, in einem Interview mit einem Kinder-Reporter der Kindernachrichtensendung „Logo“ nicht mit Ruhm bekleckert habe. Er erklärte dem Jungen, dass in den Schulken wieder mehr über deutsches Kulturgut, insbesondere auch Volkslieder und Gedichte gelehrt werden solle. Als der aufgeweckte Junge dann nach seinem Lieblingsgedicht fragte, fiel ihm keines ein. Also gar keines. Immerhin benannte er als Lieblingsdichter dann Heinrich Heine, was ebenfalls zu Erheiterung in den sozialen Netzwerken führte. Ich habe mich zwar mit Heine noch nicht sooo sehr beschäftigt, weiß über ihn aber genug, um einem Politiker dieser grässlichen Partei gerade diese Neigung nicht so recht abzunehmen.

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Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Diese Debatte brachte mich selber dazu, darüber nachzudenken, welches Gedicht und welchen Dichter ich eigentlich gesagt hätte. So einfach finde ich das gar nicht. Ohne dass ich diesen Politiker verteidigen möchte, wäre mir zuerst wahrscheinlich auch nichts Gescheites eingefallen, außer vielleicht die fade Made von Heinz Erhard oder „Ein kleiner Hund mit Namen Fips“ von Christian Morgenstern. Das war das erste Gedicht, das wir in der Schule gelesen haben, in der 2. Klasse. Damit hätte ich mich in der Öffentlichkeit sicherlich zum Affen gemacht.

Nach einigen Sekunden des Nachdenkens wäre bei mir aber wohl ein bisschen was gekommen. Mein liebster Dichter ist Rilke, und als erstes Gedicht von ihm fiel mir spontan „Der Panther“ ein. Das haben wir früh in der Schule gelesen und schon damals fand ich, dass da viel drinsteckt. Als ich heute jedoch in meinem Rilke herumwühlte, fand ich eines, dass mir eigentlich schon immer besonders gut gefallen hat – dieses hier:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Das Gedicht ist inzwischen rund 120 Jahre alt, die Zeiten und die relevanten Diskussionen haben sich natürlich geändert. Doch derzeit entbrennen täglich viele tausend Diskussionen um Sprache und darum, was die Sprache bewirkt. Mir begegnen zunehmend Personen, die meinen, alles zu wissen, und sich anderen gegenüber als Sprachpolizei aufführen. Ich gebe mich da ja immer recht hartleibig, weil ich der Einschätzung Einzelner, die zu wissen glauben, wie alle anderen empfinden (müssen), nicht so recht traue. Rilkes altes Gedicht scheint mir nach wie vor aktuell zu sein, wenngleich es inzwischen vielleicht weniger um die Entzauberung der Dinge als um die Definition von Zuständen geht.

Dieses Gedicht wurde übrigens auch im von mir so geliebten „Rilke-Projekt“ der Musiker Richard Schönherz und Angelica Fleer interpretiert. Das macht ausgerechnet der unselige Xavier Naidoo. Nun, noch kann ich Kunst vom Künstler trennen und finde, das ist wirklich gut gemacht.

Schippertour nach Seligenstadt

Alle paar Jahre mache ich mit Freunden oder Verwandten gerne mal eine Tagestour mit der Primus-Linie. Man kann in zwei Richtungen fahren: Nach Rüdesheim und von da weiter zur Loreley, oder an Offenbach und Hanau vorbei nach Seligenstadt und dann Aschaffenburg. Dieses Mal sollte es eigentlich Aschaffenburg werden, die Rückfahrt war mit dem Zug geplant. Doch weil die Lokführer streikten, entschlossen wir uns, noch einmal nach Seligenstadt zu fahren. Los ging es am Eisernen Steg in Frankfurt.

Dieses Mal war ich ganz entspannt mit meiner lieben Schwester unterwegs. Beide mussten wir daran denken, dass wir vor etwa 15 Jahren die gleiche Tour einmal mit unserer Mutter gemacht hatten. Das war schön, aber auch sehr mühsam, denn unsere Mutter saß damals schon im Rollstuhl und die Tour ist nicht barrierefrei. Daran ändert auch die super-steile Rampe nichts, die es inzwischen in Frankfurt gibt: Das wäre mit etwas Mühe und Überlegung deutlich besser gegangen (ich denke, unsere Mutter hätte sich schlicht geweigert, sich diesem Mordgerät auch nur zu nähern, und auch meine rollifahrende Freundin hatte dafür kürzlich nur ein befremdetes Kopfschütteln übrig). Am Anleger hatten wir damals also jeweils eine Menge Mühe mit dem Ein- bzw. Aussteigen. Auch im altertümlichen Seligenstadt tut man sich eher schwer, wenn man nicht mehr beweglich ist. Das alles war dieses Mal natürlich kein Thema.

Wir hatten einen Tag mit wunderbarem Spätsommerwetter erwischt, sodass wir uns die ganze Fahrt über draußen aufhalten konnten und hinterher nach einem Spaziergang durch die Altstadt recht froh über ein bisschen Schatten und kalte Getränke waren. Sonnencreme hatten wir natürlich zuhause vergessen, da habe ich ja auch nur drei Flaschen davon. Sagen wir mal so – wir haben kräftig Farbe bekommen, und inzwischen pellt sich meine Nase.

Nach dem Kaffee liefen wir ausgiebig im Klostergarten herum. Zuerst kam der Kräutergarten. Überall roch es besonders. Wir schnüffelten an allerlei Kraut herum, ich nieste trotz eingenommener Allergiepille viel und beide genossen wir die Vielfalt. Wir kannten lange nicht alles von dem, was da wuchs. Putzig fand ich die Kennzeichnung der Giftpflanzen, die jeweils einen kleinen Totenkopf ☠ auf dem Schild hatten. Viele sind auch als Heilpflanzen bekannt, aber man sollte sowas wohl nur zu sich nehmen, wenn man sich wirklich gut damit auskennt.

Es gab neben diversen Blühpflanzen auch Zierkohlarten, Obstbäume (die fast immer beschriftet waren – bis auf das Ding, was uns wirklich unbekannt war) und – tatsächlich – blühende Artischocken. Die fand ich recht dekorativ, solange sie kräftig blühten, aber eher gruselig, wenn diese Phase vorbei war.

Und gegen Abend schipperten wir sonnenverbrannt zurück. Wir gönnten uns gespritzen Apfelwein und, weil man ja den Salzverlust durch das Schwitzen ausgleichen muss, eine Currywurst mit Pommes. Und dann kam das, worauf ich mich schon den ganzen Tag heimlich ein bisschen gefreut hatte: Wir tuckerten der Frankfurter Skyline entgegen.

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Nach all den Jahren habe ich mich noch immer nicht an dieser Aussichet über den Main sattgesehen. Es ist fast egal, bei welchem Wetter ich die Skyline sehe – ich finde sie einfach schön.

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Fundstücke 72 – Barbarei im Kurpark!

Wie schon erwähnt, habe ich in Bad Salzschlirf einen Kurzurlaub gemacht. Ich lief auch die meisten Ecken des Kurparks ab und fand an einer Stelle diesen kleinen Teich mit Seerosen und Fischen.

Dort gab es einen Weg und eine Bank. Und es gab dieses Schild – Angeln verboten. Und ich habe mich gefragt, ob es wirklich Menschen gibt, die in einem Kurpark eine Angel herausholen und sich hinhocken, um Goldfische zu fangen. Ich nehme an, dass sowas schon passiert ist, denn ansonsten würde man dieses Schild ja nicht aufstellen. Ganz schön bekloppt …

 

Nachtrag: Die Rechtschreibung auf dem Schild ist natürlich auch eine Sache für sich. Ich weiß eines: Sollte ich mal durch Zufall einen Schilder-Herstell-Betrieb erben, werden die Dinger vor dem Druck kontrolliert. Versprochen!

Schietwetter im Kurort

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Trübe Aussichten

Wie immer habe ich mich auch dieses Jahr dazu entschlossen, meinen zweiwöchigen Sommerurlaub erst nach Ende der hessischen Sommerferien anzutreten. „Richtig groß“ wegfahren wollte ich nicht, denn zu Corona-Zeiten habe ich auf das Gedöns nicht recht Lust, im Herbst wartet die Ostsee auf mich und meine liebe Schwester wollte für ein paar Tage kommen. Also entschloss ich mich, nur ein langes „Wellness-Wochenende“ zu machen. Ich googelte also nach Wellness-Hotels in Hessen und fand den Badehof – ein wunderschönes altes Hotel mit Schwimmbad und schöner Hotelbar. Mehr brauche ich im Allgemeinen nicht zum Glücklichsein. Der Ort meiner Wahl war also das überaus verschlafene Bad Salzschlirf.

Schon bei der ersten Information über den Ort dachte ich mir, dass man da wohl nicht recht viel machen kann. Ein Nachbarort versprach altes Gemäuer und eine Destillerie zum Besichtigen, und da der Aufenhalt nur für wenige Tage geplant war, schien mir das ausreichend zu sein. Im Endeffekt erwies es sich sogar als zu viel, denn ich hatte allerscheußlichstes Wetter. Es goss die meiste Zeit wie aus dem Eimer, sodass ich nicht das Gefühl haben musste, etwas zu verpassen, während ich im Bademantel auf der Liege lag und Hörbücher hörte.

Allerdings war es jeden Tag für eine kurze Zeit trocken, sodass ich mir den zerzaust wirkenden Kurgarten angucken und kaffeesieren gehen konnte. Es gab Eiskaffees und nette ältere Damen, deren Lebensgeschichte ich erfuhr und mich dabei durchaus gut unterhalten fühlte. Allzu lange dauerten diese kleinen Plaudereien allerdings nicht, denn ich nutzte die Regenpausen, um von einem Unterstand zum nächsten zu huschen. Auf diese Weise unmrundete ich das Örtchen so ziemlich.

Alles in allem habe ich mich gut erholt in meinen drei Tagen in Bad Salzschlirf. Das Wetter hätte besser sein können, aber das hat man ja nicht in der Hand. Für einen längeren Aufenthalt taugt der Ort aber nicht so recht – es sei denn, man ich so kurbedürftig, dass einem reicht, den Regen fallen und die Blätter rascheln zu hören. Das habe ich dort nämlich auch für eine Weile getan. Das ist für ein halbes Stündchen wirklich mal zu empfehlen.

Eine Rose braucht Wasser

Eine Schreibkursübung: Drei Musikstücke – ein orientalisch anmutendes Gedudel mit viel Tröte, ein kühler, entspannter Barjazz und ein klassisches Stück mit Cello. Wir sollten entweder eines als Grundlage für unseren Text auswählen oder etwas aus allen dreien machen. Ich entschied mich für die „Vollvariante“ und hangelte mich an den Stücken entlang.

Eine Rose braucht Wasser

Rose fühlte sich unwohl auf dem bunten Basar in der orientalischen Stadt. Alles war ihr zu laut und zu hektisch. Außerdem vertrug sie die Hitze nicht gut. Ihr Vater hatte sie immer sein Röslein genannt, weil sie ihn von Geburt an eine englische Rose erinnert hatte – zart und verheißungsvoll. Rosen wachsen leider nicht in der Wüste, dachte sie jetzt deprimiert, und sah sich nach den Mitgliedern ihrer Reisegruppe um. Dort war Mr. Cameron, der Reiseleiter.

„Gefällt es Ihnen, Miss Rose?“, fragte der große, kräftige Mann und lächelte sie dabei so freundlich an, dass sie sich fast ein wenig ihres Unbehagens schämte. Doch sie war ehrlich: „Mir ist nicht recht wohl. Vielleicht könnte einer der Fahrer mich zum Hotel begleiten?“ Eilfertig nickte der Reiseleiter. „Oh ja, gewiss. Sie haben Glück, da vorne ist ein Bekannter von mir. Er ist mit dem Wagen da und wird sie sicher gerne mitnehmen.“ Bevor Rose sich versah, wurde sie von einem äußerst attraktiven Geschäftsmann in einer Limousine zum Hotel gefahren. Wenig später fand sie sich in der Hotelbar wieder.

„Eigentlich wollte ich mich etwas hinlegen“, hatte sie schwach protestiert, als der nette Mittdreißiger, der sich ihr als Paul McMurphy vorgestellt hatte, sie eingeladen hatte. Er hatte gelächelt und ihr den Arm geboten. „Ja, Sie sollten sich hinlegen, später. Zuerst sollten Sie sich abkühlen. Die Bar ist der kühlste Ort hier im Hotel, vielleicht sogar in der ganzen Stadt. Und Sie sollten etwas trinken: Viel Wasser und einen kleinen Mokka, das wird Sie wieder auf die Füße bringen.“ Das alles klang recht vernünftig und so hatte sie nachgegeben.

Kurze Zeit später musste Rose zugeben, dass Pauls Methode gegen Unwohlsein und Schwäche genau das Richtige gewesen war. Bald schon unterhielten sie sich angeregt und als der Kellner fragte: „Champagner für die Dame?“ und Paul ihr auffordernd zunickte, sagte sie nicht nein. Genauso wenig lehnte er es ab, als sie ihn zwei Stunden später, ermutigt durch noch mehr Champagner, fast unverschämt fragte: „Wollen Sie tanzen?“ Er wollte, und sie wollte, und so verbrachten sie die Nacht unter den wachsamen Augen der Kellner in der verlockenden Kühle der Hotelbar.

Acht Monate später genossen sie eher eine klassische Kühle in einer Kirche im englischen Coventry. Aus Rose Miller wurde Rose McMurphy, und Paul an ihrer Seite sah besser aus denn je. Roses Vater führte sie in die Kirche und übergab sie seinem zukünftigen Schwiegersohn, nicht ohne diesen leicht drohend anzusehen. Die Mutter weinte, eine Cousine spielte Cello und es regnete. Alles was genauso, wie es sein musste, wenn eine englische Rose wachsen und gedeihen sollte.

Bärlauchzeit

Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran mit dieser Geschichte. Ist ja auch nur eine Übung – gegeben waren der grün markierte Anfang sowie 12 Minuten Zeit. Es begann ein Höllenritt durch die große Küche eines langjährig verehelichten Paares:

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Liebevoll angerichtete Bärlauch-Leckerei

Bärlauchzeit

Das letzte Mal hatte er sie am letzten Freitag verlassen wollen. Aber als er in die Küche kam, hatte er es nicht über das Herz gebracht: Es war nicht etwa ihr knackig-appetitlicher Busen gewesen, der sich wie zwei sauber aufgespritzte Windbeutel wohlgeformt unter ihrem Kleid abzeichnete, der ihn gehalten hatte. Auch ihr wunderschöner, feminin-breiter Po, geformt wie eine Birne der Sorte Abate Fetel war es nicht gewesen, der ihn ihre offensichtlichen Mängel hatte vergessen lassen. Ihr Kirschmund, an guten Tagen zum Anbeißen wie eine schnapsgetränkte Piemontkirsche, hatte ihn früher angezogen. Inzwischen, da er zumeist nur Beschimpfungen in seine Richtung ausstieß, war er weniger ein Grund, sie zu lieben. Und ihre Haare, früher entzückende goldgelbe Spiralnüdelchen, waren im Laufe der Jahre länger und etwas stumpf geworden. Sie erinnerten ihn jetzt eher an ein würziges Hausmacher-Sauerkraut.

All diese Eigenschaften seiner Frau, die ihn früher so entzückt hatten, waren es nicht, die ihn bei seiner Frau hielten. Ihr Charakter, der ihn in seiner früheren Verliebtheit an die Reinheit eines Osterlämmchens hatten denken lassen, erwies sich im Laufe der Zeit als so anrüchig wie ein kalter Hammelbraten. Ohne Zweifel, er wäre diesen ihm ehelich verbundenen Knollenblätterpilz gerne früher als später losgeworden. Wäre da nur nicht diese Küche gewesen!

Es war ihre Küche. Groß, schön gefliest, mit altmodischen Einbauten im Stile einer Gutsküche, war um sie herum ein entsprechen herrschaftliches Haus gebaut worden. Ihre Küche, ihr Haus, ihr Geld, ihr Mann. Ihr Wunsch war Befehl. Seit 25 Jahren schon. Es kam nicht in Frage, sich von ihr zu trennen – er hätte sich selbst um die Belohnung für langjährige Schwerstarbeit gebracht. Denn Schwerstarbeit war es wirklich, die Ehe mit dieser menschlichen Stinkmorchel aufrecht zu erhalten. Doch im Falle einer Trennung bekäme er nichts für all diese Mühen.

Es half nichts, er musste weiter durchhalten. Oder sich anderweitig helfen. Heute würde er erst einmal spazieren gehen – es war Bärlauchzeit. Vielleicht hatte er ja Glück und fand genug für ein schönes Pesto. Und ganz vielleicht waren auch ein paar Herbstzeitlose dabei. Es würde wie ein bedauerliches Versehen wirken.

11 Flieger und ein Hüpfer

Hier war eine Weile Ruhe. Ich musste ein bisschen bei meiner Schwester sein, dann ein paar Tage den Sommer genießen, endlich wieder schwimmen gehen. Aber wie es so ist: Wenn man viel draußen herumläuft, drängen sich einem ganz automatisch Dinge auf, die man gerne zeigen möchte – also gibt es mal wieder etwas Kleingetier, und in den nächsten Tagen auch noch ein paar andere Bilder. Jetzt aber wird es erst mal bunt:

Die Sonnenblumenbilder entstanden auf der Dachterrasse meiner Freundin Maike. Sie hat sich dort ein kleines blühendes Paradies eingerichtet und achtet darauf, dass alles, was sie mit großer Begeisterung und viel Sachkenntnis einpflanzt, auch insektenfreundlich ist. Hier traf ich auch diesen kleinen grünen Gesellen:

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Auch diese Hummel auf lila Blühkraut habe ich dort geknipst – vor lauter Jagdeifer hätten mir die anderen fast den Kuchen weggegessen. Aber es hat sich gelohnt:

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Und ganz zum Schluss noch etwas, dass ich so gar nicht auf dem Schirm hatte: Nämlich wie hübsch blühende Ackerdisteln sein können. Sie begegneten mir auf diversen Blühstreifen in Oberursel und scheinen aus Sicht der Hummeln wirklich der Hit zu sein – es summte und brummte, dass es eine wahre Freude war. Ich hoffe, dass diese Blühstreifen künftig an noch viel mehr Stellen mitten in der Stadt oder in irgendwelchen Gewerbegebieten zu finden sind – die werten das Gelände für Mensch und Tier deutlich auf.

Ich als Geschenk – was soll das denn?

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop, für mich war es eine echte Herausforderung. Es ging um ein Gedankenspiel: Du schenkst dich jemandem. Wie kann das aussehen? Oooohhhhgottogott, was soll man da bloß schreiben? Erst mal einen Brief …

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Foto von Evie Shaffer von Pexels

Mein lieber Neffe,

anliegend erhältst du meinen Leichnam zur Aufbewahrung und weiteren Verwendung. Ich habe meine sterblichen Überreste nach der Kremierung in die Schweiz schicken und dort zu einem Diamanten pressen lassen. Selbstverständlich wurde die Asche vor der Verarbeitung sorgfältig gesiebt, sodass das fertige Stück lupenrein sein und keinerlei Einschlüsse enthalten sollte. Eine klare Sache also.

Entsprechend meiner Körpermaße dürfte der Diamant ein ziemlicher Brocken geworden sein. Ich habe um einen geradlinigen Schliff mit scharfen Kanten gebeten, das erschien mir passend. Jetzt funkle ich also endlich in dem Maße, wie ich es mir immer gewünscht habe. Bunt im Licht, hell und leuchtend. Gerne wüsste ich, so rein aus Neugier, wie viel Karat aus mir geworden sind, aber das werde ich wohl nicht mehr erfahren. Du kannst den Stein ja mal in die Sonne halten und mir ein paar Lichtsignale nach oben schicken. Nicht, dass ich daran glaube würde, dort auf einer Wolke zu sitzen und mit den Beinen zu baumeln, aber man weiß ja nie.

Einen Hinweis habe ich aber noch für dich: im spießigen Deutschland ist es bislang verboten, die sterblichen Überreste seiner lieben Verwandten als Schmuckstück mit sich herumzutragen. Behalte es also bitte für dich, dass es deine Tante ist, die du als Halsschmuck oder Schlüsselanhänger trägst. Rede also einfach von Modeschmuck, Strass oder Glas. Solltest du mich zu einem Ring verarbeiten lassen, um ihn deiner Freundin oder deinem Freund zu schenken, solltest du ebenfalls besser den Mund halten, denn wer will schon die Schwiegertante mit im Schlafzimmer haben?

Und nun mach es mal gut, mein lieber Neffe. Ich wünsche dir nur das Beste, und vergiss bitte nie: Ich bin immer bei dir, was auch geschieht.

Die Wohngemeinschaft

„Aaaach, ist das heute wieder laaaangweilig hier!“ Aristocat räkelte sich auf dem Sofa und betrachtete ihre langen roten Krallen. „Bringt mir jemand was zu trinken?“ „Du wirst dich schon selber zum Napf bemühen müssen“, zwitscherte Elsa und flatterte mit kleinen, wirbelnden Bewegungen auf die Gardinenstange. „Es sei denn, du bringst Stürmer dazu, dir was zu holen.“ Alle aus der kleinen Gesellschaft blickten den schlanken Windhund an, der neben dem flauschigen Kaninchen Flocke lag und keinerlei Anstalten machte, sich zu erheben. „Ne, lass mal. Ich liege gerade so gut hier. Frag doch mal Blubb.“ Alle lachten, bis auf Blubb, der wie immer Wasser in den Ohren hatte und Witze im Allgemeinen nicht mitbekam. Er neigte auch sonst nicht zur Geschwätzigkeit, sondern zog ruhig und gleichmäßig seine Bahnen im Aquarium. Um ihn aus der Ruhe zu bringen, musste schon etwas richtig Spektakuläres passieren, eine gelangweilte Rassekatze war ihm herzlich egal. Aristocat seufzte.

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Alle Bilder von Pexels

„Als ich noch bei seiner Lordschaft wohnte …“, begann sie und alle außer Blubb stöhnten genervt auf. „Hör auf damit!“, maulte Flocke. „Du bist genauso ein räudiges Tierheimvieh wie wir alle hier!“ „Räude? Habe ich da gerade Räude gehört?“ Stürmer, der seine besten Jahre hinter sich hatte und schlecht hörte, hatte nur ein Wort richtig verstanden und ihm juckte auf der Stelle das Fell. „Jaja, beruhige dich wieder, hier ist niemand räudig!“, kreischte Elsa dem Hund so laut ins Ohr, dass sogar Blubb hellhörig wurde und neugierig durch die Scheibe glotzte. Stürmer ließ sich wieder nieder, wirkte aber nicht ganz beruhigt. Flocke kletterte auf seinen Rücken und kratzte ihm mit ihren kleinen weißen Pfoten beruhigend das struppige Fell. „Ach, ja, das tut gut“, knurrte der Alte und schlief zufrieden ein. Auch die anderen gaben sich der Belanglosigkeit dieses tristen Dienstag Nachmittags hin und hielten ein Schläfchen. Nur Blubb, der fleißige Schwimmer, drehte Runde um Runde in seinem Becken und wachte über seine schlafenden Freunde.

Ungeküsst

„Küss mich, Prinzessin, denn ich bin ein Prinz!“ Wie oft habe ich dieses Märchen schon gehört, wenn es den Kindern vorgelesen wurde. Genauso oft habe ich das den Mädchen der verschiedenen Generationen hier im Haus schon zugerufen. Doch nie wurde ich erhört. Anscheinend küsst man in diesem Land keine Schildkröten mit Migrationshintergrund. Vielleicht bin ich ihnen aber auch einfach zu alt.

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Foto von Radovan Zierik von Pexels

Im Moment bin ich nämlich der Älteste in der Familie. Ich lebe schon seit vielen Jahren fern der Heimat. Ich bin nicht böse darum, ganz und gar nicht. Denn Hans, der Mann, der mich dereinst in diese Gegend brachte, rettete mir das Leben. Er fand mich nach einem Steinschlag, ich war eingeklemmt und verletzt. Er nahm mich mit, pflegte mich gesund und gab mir meinen Namen: Aristotoles. Das war in dem Jahr, als der große Weltenbrand so richtig Fahrt aufnahm. Aber davon wussten wir damals noch nichts.

Hans, ein Geschäftsmann, der viel auf Reisen war, brachte mich heim zu seiner Familie. Dort war es schön, es gab riesige Gärten und eine ganze Menge anderer Tiere. Unzivilisiert zwar, aber hübsch anzusehen. Außerdem lebten dort Hans alte Mutter, seine Frau, ein braver Sohn und drei hübsche Töchter. Sie alle freuten sich darüber, mich kennenzulernen, und nahmen sich meiner freundschaftlich an.

Diese kameradschaftliche Zuneigung blieb auch so, als die Zeiten schlechter wurden. Meine tierischen Kameraden verschwanden nach und nach. Die Pferde wurden abgeholt, Kühe und Schweine verkauft oder gar geschlachtet und gegessen. Nur der Hund und ich blieben, wir waren ja Familienmitglieder. Der Hund allerdings starb kurz vor dem allgemeinen Aufbruch, Hunde machen‘s leider im Allgemeinen nicht besonders lange. Und es war wohl auch gut so, denn er fraß nur Fleisch, und das war eine ganze Weile nur sehr schwer zu bekommen. Für mich hingegen fand sich immer noch irgendwo etwas Grün, sodass die Familie mich die ganze Zeit über vorbildlich versorgte.

In der Zeit des großen Aufbruchs musste meine Familie das schöne Anwesen verlassen. Das Wenige, was ihnen blieb, hatten sie auf einen kleinen Wagen geladen. Auch ich fuhr dort mit, mehr oder weniger bequem verwahrt in einem gepolsterten Eierkorb. Es war eine unruhige Zeit, doch ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben. Ich spürte die Trauer und Wut meiner Familie, und auch die Hoffnungslosigkeit der Älteren. Darum bemühte ich mich, Zuversicht zu verbreiten und wandte mich besonders den Kindern zu. So konnte auch ich meinen Beitrag zum Wohl der Familie leisten.

Wir kamen damals zunächst in Dresden unter, bei Verwandten, die nur halb ausgebombt worden waren. Das Kellergeschoss war nahezu intakt und wurde unsere Heimat, bis wir zwei Winter später umzogen in einen kleinen Ort an der See. Hier roch es manchmal fast ein wenig wie in meiner alten Heimat, nach Salz und Meer. Meiner Familie ging es gut hier, die Kinder bekamen wieder Farbe und Hans hatte eine gute Arbeit.

Wir blieben in diesem Haus an der Ostsee. Das Leben wurde ruhiger, stabil und sicher. Die Mädchen gründeten einen eigenen Hausstand und zogen aus, aus dem Jungen wurde ein Familienvater, der das Haus übernahm, so wie es in dieser Familie Brauch ist. Eine neue Generation wuchs heran, wurde erwachsen, zog aus, gründete Familien. Ich war immer dabei, mal im Garten, mal im Haus. Nicht nur die Kinder kümmerten sich um mich, auch die Erwachsenen sprachen viel mit mir, vertrauten mir an, was sie bewegte. Es gibt wenig, was ich nicht mitbekommen habe.

Ich bin also nunmehr seit über 80 Wintern Teil dieser Familie. Manchmal denke ich, wenn sie wüssten, was ich alles über sie weiß, würden sie mich fürchten. Ich erinnere mich daran, wo damals vor dem großen Aufbruch die Familienschätze vergraben wurde, weiß, dass die beiden ältesten Mädchen damals in Dresden mit verbotenen Sachen gehandelt haben und dass der große Junge, der immer so freundlich war, Geheimnisse seiner Nachbarn an die Polizei weitergegeben hat. Als der Mann einer der Familientöchter, der Frauen gewohnheitsmäßig schlug, in unserem Garten auf sie losgehen wollte, war ich es, der ihm in den Weg sprang, sodass er stolperte und es nur noch einen leichten Tritt von ihrem Vater brauchte, um ihm das Genick zu brechen. Ein bedauerlicher Unfall. Niemals würde ich verraten, was wirklich geschah.

Ich beobachtete die ersten Rauch-Versuche fast aller Kinder, begleitete sie durch Liebeskummer und Zukunftsängste und hörte ihnen immer zu, wenn es nottat. Und es war oft nötig – nicht alles in meiner Familie lief glatt. Es gab Zeiten, in denen viel geweint wurde. Etwa in der Phase des Umbruchs, als plötzlich alle ohne Arbeit dastanden und die Ehen der Paare unter der Last der Unsicherheit zu zerbrechen drohten. Oder in der Zeit der Gründung, als meine Leute sich mit einer Gaststätte selbständig gemacht hatten und unter der unerwartet vielen Arbeit fast zu Boden gingen. Immer war ich da und machte ihnen Mut. Es gibt wirklich Tage, an denen ich mich frage, wie die vielen Familien ohne Schildkröte leben.

Ich wurde also immer zutiefst geschätzt in meiner Familie. Etwa 100 Winter bin ich nun alt und ich habe keinen Zweifel, dass ich bei dieser guten Pflege noch weitere 20 durchhalten werde. Irgendwann werde ich mein letztes Salatblatt gefressen haben, doch bis dahin ist noch viel Zeit. Nur, dass ich wohl ungeküsst sterben werde, bedrückt mich ein wenig. Der Prinz in mir möchte auf dem weißen Pferd reiten und die Prinzessin vor dem Drachen retten. Nun ja. Vielleicht im nächsten Leben. Bis dahin unterstütze ich meine Familie weiterhin nach meinen Möglichkeiten.