Die Königin und die Konferenz

Eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Die Eiskönigin kommentiert die Weltklimakonferenz. Sagen wir mal so: Sie ist nicht zufrieden.

Wer nicht hören will, muss fühlen

So. Nun streiten sie also wieder. Lauter hochbezahlte Menschen aus verschiedensten Ländern, angeblich die Elite. Sollte man zumindest annehmen – wenn man sein Land auf einer internationalen Konferenz vertreten darf, sollte man doch zur Elite gehören, oder?

Eiskönigin

Leider hat man oft das Gefühl, dass die wichtigsten Themen von den dümmsten Menschen diskutiert werden. Vielleicht sieht nicht jeder die Erderwärmung so kritisch wie ich – mir schmilzt mein Zuhause ja buchstäblich unter dem Arsch weg, hier und da sieht man schon braune Erde durchkommen, wo hundert Jahre lang herrlich glitzerndes, weißes Eis war. Aber auch, wenn man nicht so direkt betroffen ist, sollte einem doch klar sein, dass es so wie jetzt nicht weiter gehen kann. Aber nein, der handelsübliche, von der Autoindustrie geschmierte europäische Durchschnittspolitiker fürchtet um seine Nebeneinnahmen und sein tägliches Schnitzel und gibt sich hartleibig. Vollmundige Bekenntnisse auf Pressekonferenzen, mehr ist mal wieder nicht dabei rausgekommen. Also gut, wie ihr wollt – muss ich halt mal wieder ein bisschen Wasser schicken. Hab‘ ja genug in meinem Schmelzwasserreservoir. Vielleicht jage ich die Welle dieses Mal die Ruhr herunter – muss sich ja lohnen.

Es sind allerdings nicht nur die Europäer, die mich so ankäsen. Die Nordamerikaner sind genau der gleiche Schlag. Und in anderen Ländern, deren Vertreter furchtbar jammern, könnten sich auch mal an die eigene Nase fassen. Entwicklungshilfen versaufen oder für goldene Wasserhähne im Präsidentenpalast ausgeben ist wirklich nicht hilfreich, und auch die Überbevölkerung kommt nicht von ungefähr. Da sind die Deutschen ja vorbildlich, die reproduzieren sich kaum noch. Gut so, diese nörgeligen Gesichter gehen mir ohnehin schon lange auf den Wecker. Sollen sie doch aussterben. Diese Zeitung regt mich heute echt auf. Wenn mir nicht schon so warm wäre, könnte man sie verfeuern.

Draußen schneit es. Kein schöner Pulverschnee, sondern weiches, pappiges Zeug. Ich habe meine Leute angewiesen, trotzdem so viel wie möglich davon aufzufangen und aufzubereiten. Einmal in den Schockfroster, dann in den Eisschredderer und zu feinen Eiskristallen vermahlen. Davon dann reichlich auf das Dach, das isoliert und sieht gut aus. Den Fußboden können sie mir auch gleich damit ausstreuen, diese braunen Flecken überall sehen aus, als wären meine Huskies inkontinent. Unglaublich, um was man sich heute alles kümmern muss – früher musste man nur alle paar Jahre mal am Schloss herumreparieren. Inzwischen ist das ein laufender Prozess, wenn es nicht aussehen soll wie bei den Flodders. Danke, Merkel!

Zoo Rostock – beachtet die Quallen!

Derzeit bin ich ein bisschen müde und allgemein unlustig, etwas am Computer zu machen – deshalb ist es derzeit recht ruhig im Blog. Das heißt aber nicht, dass ich gar nichts erlebt oder geschrieben hätte. Ich war sogar im Urlaub: Warnemünde an der Ostsee war mein Ziel. Und da ich allgemein sehr gerne in Zoos gehe, stattete ich dem Zoo in Rostock einen Besuch ab. Der hat ein schönes Konzept, ich hatte Glück mit dem Wetter und es war ein rundum gelungener Tag. Eines muss ich aber anmerken: Die machen die falsche Werbung. Sie werben nämlich mit fröhlich badenden Eisbären und lassen das, was mich viel mehr gefesselt hat, völlig außer Acht. Hinzu kommt, dass die Eisbären an dem Tag, an dem ich da war, gar nicht daran dachten, vor den Sichtfenstern zu baden, sondern sich eine Auszeit genommen hatten. Nun, es sei ihnen gegönnt. Einer von ihnen saß behäbig-schmuddelig in der Sonne und guckte bräsig, die anderen ließen sich gar nicht blicken.

Eisbär im Zoo Rostock

Inzwischen habe ich gehört, dass eine Eisbärin Junge bekommen hat – das freut mich natürlich sehr. Aber kommen wir zu dem, was mich wirklich begeistert hat: Die Quallenbecken.

Im Zoo Rostock gibt es u. a. zwei große, schöne Häuser, die jeweils ein eigenes Konzept verfolgen: das Darwineum und das Polarium. Im Darwineum kann man die Entwicklung allen Lebens schön verfolgen und, wenn man Lust hat, sehr, sehr viele Informationen erhalten. Wenn man keine Lust hat, so wie ich, kann man einfach herumbummeln und sich an der schönen Aufmachung freuen. Und an den ersten Quallen, die mir begegneten:

Ich mochte Quallenbecken schon immer ausgesprochen gerne, die ruhigen Bewegungen haben eine sehr entspannende Wirkung auf mich. Kein Vergleich ist es übrigens mit dem usseligen Gefühl, dass sich einstellt, wenn einem die dicken Nord- oder Ostseequallen beim Baden begegnen – dann bin ich deutlich weniger begeistert.

Nachdem ich mir im Darwineum auch noch die Menschenaffen angeguckt und auf einem schönen Spazierweg an allerlei Hufgetier und großen Laufvögeln vorbeikam, fand ich den Weg in den alten Teil des Zoos und zum Polarium. Und das hat deutlich mehr zu bieten als Eisbären: Ich begeisterte mich für die Meereswelten.

Und auch hier gab es diverse wunderschöne Quallenbecken. Unter anderem fand ich dort meine Lieblinge, die auch noch einen ganz entzückenden Namen tragen: Spiegeleiquallen. Sowas Hübsches!

Irgendwie haben diese kleinen, ruhig dahinschwebenden Dinger etwas Galaktisches. Eigentlich könnte man eine entsprechende Star Trek-Folge dazu schreiben: Die Quallen der Galaxis. Die Exemplare mit den längeren Nesseln schienen manchmal regelrecht im Becken zu turnen und waren dabei ausgesprochen elegant. Und mit den Bildern dieser Schönheiten schließe ich diesen quallenlastigen Post.

Sie hat ihr Leben lang gebacken

An einigen Schreibworkshop-Abenden ging es rund um das Thema Kulinarik, Duft, Geschmack und Textur. Das ist ja teilweise nicht so einfach zu beschreiben. Viele Spaß machen dabei immer die kleinen Übungen, bei denen man sehr schnell etwas zusammenschreiben muss, das günstigstenfalls auch noch zum Thema passt. Bei dieser Übung hier sollten wir uns Gedanken machen um Hingabe und Kreation in der Küche. Dazu wurden in kurzen Abständen Worte in die Runde geworfen, die auch noch mit eingebaut werden mussten. Das waren: Garten, Kostüm, Gewitter, Windspiel, Holzschachtel, Goldfisch, Anwalt, Bucht, Gaslaterne, Brief

Ich muss sagen, der Anwalt und der Goldfisch haben mir gleichermaßen Sorgen bereitet. 🙂

Sie hat ihr Leben lang gebacken

Die alte Frau liebte es, zu backen. Sie benutzte dazu das alte Backbuch, das sie in der Haushaltungsschule bekommen hatte, sowie eine handschriftliche Sammlung von Rezepten, die in einem dicken Notizbuch mit ABC-Register standen. Sie verarbeitet besonders gerne die Früchte aus dem eigenen Garten – Stachelbeeren, Kirschen, Erdbeeren und Rhabarber, aber auch die Johannisbeeren Pflaumen, die sie in guten Obstjahren von den Nachbarn bekam. Zum Backen trug sie stets ihre alte, rotkarierte Latzschürze, die einer ihrer Enkel einmal ihr Kuchenkostüm genannt hatte. Die Kinder wussten: Sobald Oma diese Schürze anzog, gab es bald etwas Leckeres.

Erbstücke: Kuchen in der geerbten Napfkuchenform und auf dem geerbten Kuchengitter

Beim Backen hielt die Frau sich stets an das Rezept. Eher hätte sie sich in einem Gewitter nackt auf eine Wiese gestellt, als auf eigene Faust etwas abzuändern. Beim Backen muss man genau sein, das hatte ihr schon ihre eigene Großmutter immer gepredigt. Wenn man nicht genau ist, wird der Kuchen wackelig wie ein Windspiel im Sturm, das hatte sie auch ihrer Tochter immer gesagt. Umso mehr befremdete es sie jetzt, dass ihre Enkelin sich zu einer hervorragenden Bäckerin entwickelt hatte, obwohl sie die Rezepte abwandelte, neu interpretierte oder manchmal etwas ganz frei Schnauze kreierte. Sogar Pralinen hatte die 17-jährige schon hergestellt und ihrer Oma stolz überreicht, nett hergerichtet in einer mit hellem Baumwollstoff ausgeschlagenen Holzschachtel.

Die alte Frau war eine gute Bäckerin, das wusste sie. Und doch zweifelte sie inzwischen. Hätte sie mehr wagen sollten? Eigene Rezeptideen anwenden, Traditionelles umwandeln? Hätte sie Großes schaffen können? War sie kulinarisch wie ein Goldfisch im Kreis herumgeschwommen, eingeengt durch die engen Grenzen ihrer Backbücher? Sie war 82 Jahre alt und spürte erstaunt, wie viel sie von dem jungen Mädchen schon jetzt lernen konnte. Wenn sie gemeinsam in der Küche arbeiteten, waren sie einander so nah wie sonst nie. Und dass die junge Frau nicht Bäckerin, sondern Anwältin werden wollte, fand sie fast ein bisschen schade. Gleichzeitig freute sie sich darüber – hatte sie doch nach dem Volksschulabschluss die Schule verlassen müssen, obwohl sie für ihr Leben gerne Ärztin geworden wäre.

Während ihre Hände im Brotteig versanken und mechanisch kneteten, dachte die alte Frau lange nach. Was alles möglich war in diesen Zeiten! Eine Frau konnte Kanzlerin werden, junge Leute zelteten in der Karibik in irgendeiner Bucht und die dabei entstandenen Kinder wurden vom Gesetz her nicht benachteiligt. Alte Leute liefen Marathon und mit dem Flugzeug kam man so schnell überall hin, wo sie selbst noch nie hatte sein wollen – es war faszinierend! Sie selber hatte ja noch im Licht einer Gaslaterne lesen lernen müssen, damals in dem winzigen Bergdorf, in dem sie aufgewachsen war. Heute hatte man auch dort Strom, und an guten Tagen sogar Internet.

Wie rasant sich die Welt geändert hatte. Die Hausarbeit und das Backen waren stets ihre Konstanten gewesen, etwas, das ihrem Leben einen Rahmen gegeben hatte. Nur mit diesem Halt war es ihr möglich gewesen, die vielen Wendungen, die ihr Leben genommen hatte, zu ertragen. Vor einigen Jahren war ihr geliebter Mann gestorben. Er war lange krank gewesen und hatte gewusst, dass sein Ende nah war. Er hatte ihr zum Abschied einen Brief geschrieben, in dem er sich bei ihr für alles bedankt hatte: Für die Liebe, die erfüllte Zeit, die fünf gemeinsamen Kinder. Und ganz besonders für ihren Kuchen, denn der hatte auch seinem Leben Halt gegeben.

Fundstück 73 – Das Rührei

20210707_174823Immer mal wieder stoße ich auf Produkte, die in mir pures Unverständnis auslösen. So wie dieses Rührei im Tetra-Pack. Es gibt kaum etwas, das so praktisch naturverpackt ist wie ein Ei, und die schlichten Pappschachteln, in denen sie verkauft sind, sind – im Gegensatz zum Tetra-Pack – wiederverwendbar und receyclingfähig. Ich frage mich, wer diese fünf Portionen Ei wohl kauft.

Als ich meine Zweifel an dem Produkt in einem bekannten sozialen Netzwerk mit Tw… anmerkte, war gleich ein sehr aufgeklärter Mensch zur Stelle, der mir erklärte, dass diese Rühreier für behinderte Menschen quasi unabdingbar seien und ich mal über den Tellerrand gucken solle. Ich konnte da nur müde lächeln, denn natürlich gibt es Produkte, die für alte oder eingeschränkte Personen nützlich sind: Zum Beispiel geschälte Kartoffeln, vielleicht sogar portioniertes Obst, wenngleich mich bei in Plastik verpackten geschälten Orangen immer das kalte Grausen packt. Aber nicht diese Eier – das kann mir keiner erzählen. Denn in der Zeit, in der meine Mutter so unbeweglich wurde, dass sie nicht mal mehr ein Ei aufschlagen konnte, konnte sie erst recht keine heiße Pfanne mehr benutzen. Schon gar nicht für fünf Portionen Rührei. Und da wird sie kein Einzelfall gewesen sein.

Natürlich weiß ich, dass es derartige Dinge nicht gäbe, wenn man nicht einen Markt dafür hätte. Ich wünsche mir also, dass so etwas niemand mehr kauft. Ist natürlich schlecht für die Firma. Aber nun – irgend etwas ist ja immer.

Spätsommergrüße aus dem Dahliengarten

Der Herbst ist da. Pflaumenzeit, Kürbiszeit, Dahlienzeit. Die heutigen Exemplare habe ich größtenteils im Klostergarten in Seligenstadt geknipst.

Diese schönen Blumen erinnern mich immer daran, dass ich vor rund 20 Jahren in der Nähe von München wohnte. Direkt gegenüber von meinem Haus war ein Feld mit Blumen zum Selber schneiden: Gladiolen, Sonnenblumen und zuletzt Dahlien. Das habe ich oft genutzt und mir ein paar Stengel dort abgeschnitten (und natürlich bezahlt!). Seit ich 2003 dort weggezogen bin, habe ich kein derartiges Feld mehr besucht.

Rein aus Neugier habe ich kürzlich gegoogelt und festgestellt, dass da, wo das Feld war, jetzt ein Supermarkt mit Parkplatz ist. Nun ja, wäre ich die Besitzerin dieses Ackers gewesen, hätte ich das wohl auch gemacht – einen Blumenacker nahe München zu haben ist nett, ein Baugrundstück aber netter.

Ein Tag im Opel-Zoo

In der Zeit, in der meine Schwester mich besucht hat, konnten wir dank Prachtwetter auch einmal in den Opel-Zoo in Kronberg fahren. Das ging früher mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so gut, sodass es auch für mich das erste Mal war. Es hat sich aber in jeder Hinsicht gelohnt – der Zoo ist wunderschön angelegt und die Tiere haben viel Platz.

Im Gegensatz zum kleinen Frankfurter Stadtzoo sind die Gehege hier sehr großzügig geschnitten und schön in die Natur eingebettet. Man trabt, dem Rundweg folgend, hügelauf, hügelab, ist mal in der Sonne, mal im Schatten. An vielen Stellen kann man von oben in die Gehege hineinsehen, was wirklich schön ist.

Die Häuser im Zoo hatten coronabedingt noch geschlossen, was nicht schlimm war: Die meisten großen Tiere waren wohl draußen, und das, was uns an Kleingetier oder nachtaktiven Geschöpfen entging, können wir das nächste Mal angucken. Uns war viel mehr danach, das schöne Wetter zu genießen. Da es recht warm war, mussten wir ab und zu was trinken und das geht gut dort: Überall im Zoo gibt es Kioske oder kleine gastronomische Angebote. Wir wählten die mit der schönsten Aussicht und dem meisten Schatten. Trotzdem verbrannte ich mir die Nase.

Die Erdmännchen hatten ein Baby und wieder musste ich feststellen, dass es fast nichts so Niedliches gibt wie Tierkinder. Auch kleine Ziegen und junge Hirsche gab es zu sehen. Ich bin da immer komisch gerührt, obwohl mir die Mutterinstinkte ansonsten ja völlig abgehen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis fand ich alles in allem angemessen, man bekommt schöne Stunden für das Eintrittsgeld von 15,50 € (Kinder zahlen 8,50 €) und auch die Gastronomie fand ich nicht zu teuer. Behinderte ab 80% GdB sind ganz frei (eine evtl. benötigte Begleitperson ebenfalls).  Das finde ich grundsätzlich gut, bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich mit Rollstuhl oder Rollator wirklich gerne durch diesen Zoo laufen möchte: An einigen Stellen geht es schon recht steil rauf und runter. Ich habe beim Runterlaufen manchmal die Stimme meiner Mutter im Ohr gehabt: „Ne! Da könnt ihr machen, was ihr wollt – da fahre ich nicht runter!“

Eine Schweinebauch-Romanze

Ich muss irgendwie meine Pandemie-Lethargie loswerden und habe mich deshalb recht spontan zu einem Schreibkurs angemeldet – eigentlich wollte ich bis Oktober Sommerpause machen. Aber das Thema „Liebe“ ist schon gut für drei vergnügliche Abende.

Dieses Mal bekamen wir 20 Minuten Zeit für eine Mini-Geschichte. Der Eingangssatz war vorgegeben, außerdem gab es alle zwei Minuten ein weiteres Wort, das eingebaut werden sollte. Die schienen sich mir dieses Mal recht gut einzufügen – ich habe sie rot markiert.

Eine Schweinebauch-Romanze

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Alle Bilder ier im Beitrag sind von Pixabay

Erwin K. hatte sich nie für einen Romantiker gehalten. Und auch als er sie traf, diese Frau, die sein Leben künftig durcheinanderwirbeln würde, gab es in seinem Herzen gerade keinerlei poetisches Gedankengut. Ganz im Gegenteil, der erste Satz, den er an sie richtete, hätte prosaischer nicht sein können: „Ich hätte gerne ein Pfund geräucherten Schweinebauch!“, sagte er zu der Frau hinter der Metzgerstheke und diese nickte nur. Was hätte sie sonst auch tun sollen? Er beobachtete, wie ihre geschickten Hände ein Stück fettes Fleisch, in Form und Größe nicht unähnlich einer kleinen Zigarrenschachtel, von einem langen Strang abschnitten. „Ist’s so recht?“, hatte sie gefragt und beim Klang ihrer Stimme war ihm ein leichter Schauer über den Rücken gefahren. Sie hatte eine Stimme wie seine Oma Margarethe, und das war immer seine liebste Verwandte gewesen, natürlich abgesehen von seiner Mutter. Oma Maggie war seine Vertraute gewesen, die Frau, die ihn, das empfindliche Kind, wegen seiner zahlreichen Allergien zum Arzt begleitet, ihm bei den Hausaufgaben geholfen und ausschließlich seine Lieblingsgerichte gekocht hatte. Unter anderem auch Birnen, Bohnen und Speck, das Gericht, dass er sich auch heute kochen wollte und für das er ebendiesen Schweinebauch benötigte. Wenn das kein Omen war!

„Mögen Sie Eintöpfe?“, fragte er deshalb die nicht mehr ganz junge Frau und sie errötete ein wenig, was gut zu ihrem himmelblauen Verkäuferinnenkittel passte. „Oh ja“, antwortete sie, „wer mag die denn nicht?“ „Auch Birnen, Bohnen und Speck?“ Als sie bejahte, hatte er ihr einfach nur eine Karte mit seiner Adresse gereicht und sie für 19 Uhr zum Essen eingeladen. „Ich bin hier von Person bekannt“, hatte er noch gesagt und einmal auf die anderen Verkäuferinnen gedeutet, die kichernd ihr Gespräch verfolgt hatten. „Nicht, dass Sie sich vor mir fürchten. Ich bin kein Lüstling!“ Sie nickte wieder und es war abgemacht. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Digitalanzeige seiner Uhr und eilte los – wenn er noch von den winzigen Birnen kaufen wollte, die es nur am Stand auf dem Rathausplatz gab, musste er sich beeilen.

Einem Instinkt folgend kaufte er auch noch einen 6er-Träger Bier – das schien ihm besser zu dem rustikalen Gericht zu passen als der leichte Weißwein, den er zuhause hatte. Er lief so beschwingt nach Hause, dass er sogar vergaß, die Maske abzunehmen, die seit etwa anderthalb Jahren im Getränkehandel vorgeschrieben war. Er dachte an die Frau, deren Namen er nicht kannte, die weder besonders schlank noch jugendlich aussah und ihm trotz ihres schlecht gefärbten Haaransatzes doch vorkam wie die Frau, auf die er immer gewartet hatte. Das müssen die Pheromone sein, dachte er und ertappte sich bei der Überlegung, ob man diese Lockstoffe in einer Metzgerei überhaupt riechen könne. Vielleicht war er auch schlicht auf die Mischung aus Räuchergeruch und Krautsalat hereingefallen, überlegte er. Doch dann schlugen seine Gedanken wieder die Brücke zu seiner Großmutter und er ahnte, dass es die Stimme gewesen war. Sie hatte nach Geborgenheit geklungen, nach Ruhe und Zuverlässigkeit. Das war es, was er, der Dauersingle, wohl unterschwellig vermisst hatte.

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Der Strom seiner Gedanken floss unablässig hin und her – von ihr zu ihm zu Oma zu dem Essen, das er kochen wollte. Er hatte noch nie für jemanden gekocht. Hatte er überhaupt zwei zusammenpassende Teller, die nicht angeschlagen waren? Er wusste es nicht genau. Er machte sich nichts aus Küchenkram, seine Küche enthielt nur das Notwendigste. Anders sah es im Wohnzimmer aus: Das quoll über vor Büchern, Schallplatten, CDs und Erinnerungsstücken an vergangene Kulturereignisse. Die an einer Pinnwand befestigten Konzertkarten waren Zeugen, die seine große Musikleidenschaft in die Welt hinausriefen – eine Welt, in der die Nachbarn kein Verständnis dafür hatten, wenn er seine Musikanlage einmal voll aufdrehte. Es gab noch eine weitere energische Demonstrantin gegen seine Neigung für zu viel Lautstärke: Seine Katze Mörtel, die ihm immer, wenn er es übertrieb, beleidigt die kalte Schulter zeigte. Mörtel war bislang seine einzige Liebe gewesen. Wie würde sie auf eine Konkurrentin reagieren?

Nachtrag:

Das oben erwähnte Gericht „Birnen, Bohnen und Speck“ habe ich in meinem Leben nur einmal gegessen, bei meiner Tante Hilde. Sagen wir mal so: Es wurde kein Favorit. Meine Tante kochte das Gericht nicht so wie in dem Wikipedia-Artikel, sondern eher als Eintopf. Ich glaube, die kleinen Birnen hatte sie im Garten. Diese Variante ist durchaus üblich, hier gibt es ein Rezept dafür:

Lieblingsgedicht

Vor einigen Tagen wurde darüber berichtet, dass sich der Vorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, in einem Interview mit einem Kinder-Reporter der Kindernachrichtensendung „Logo“ nicht mit Ruhm bekleckert habe. Er erklärte dem Jungen, dass in den Schulken wieder mehr über deutsches Kulturgut, insbesondere auch Volkslieder und Gedichte gelehrt werden solle. Als der aufgeweckte Junge dann nach seinem Lieblingsgedicht fragte, fiel ihm keines ein. Also gar keines. Immerhin benannte er als Lieblingsdichter dann Heinrich Heine, was ebenfalls zu Erheiterung in den sozialen Netzwerken führte. Ich habe mich zwar mit Heine noch nicht sooo sehr beschäftigt, weiß über ihn aber genug, um einem Politiker dieser grässlichen Partei gerade diese Neigung nicht so recht abzunehmen.

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Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Diese Debatte brachte mich selber dazu, darüber nachzudenken, welches Gedicht und welchen Dichter ich eigentlich gesagt hätte. So einfach finde ich das gar nicht. Ohne dass ich diesen Politiker verteidigen möchte, wäre mir zuerst wahrscheinlich auch nichts Gescheites eingefallen, außer vielleicht die fade Made von Heinz Erhard oder „Ein kleiner Hund mit Namen Fips“ von Christian Morgenstern. Das war das erste Gedicht, das wir in der Schule gelesen haben, in der 2. Klasse. Damit hätte ich mich in der Öffentlichkeit sicherlich zum Affen gemacht.

Nach einigen Sekunden des Nachdenkens wäre bei mir aber wohl ein bisschen was gekommen. Mein liebster Dichter ist Rilke, und als erstes Gedicht von ihm fiel mir spontan „Der Panther“ ein. Das haben wir früh in der Schule gelesen und schon damals fand ich, dass da viel drinsteckt. Als ich heute jedoch in meinem Rilke herumwühlte, fand ich eines, dass mir eigentlich schon immer besonders gut gefallen hat – dieses hier:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Das Gedicht ist inzwischen rund 120 Jahre alt, die Zeiten und die relevanten Diskussionen haben sich natürlich geändert. Doch derzeit entbrennen täglich viele tausend Diskussionen um Sprache und darum, was die Sprache bewirkt. Mir begegnen zunehmend Personen, die meinen, alles zu wissen, und sich anderen gegenüber als Sprachpolizei aufführen. Ich gebe mich da ja immer recht hartleibig, weil ich der Einschätzung Einzelner, die zu wissen glauben, wie alle anderen empfinden (müssen), nicht so recht traue. Rilkes altes Gedicht scheint mir nach wie vor aktuell zu sein, wenngleich es inzwischen vielleicht weniger um die Entzauberung der Dinge als um die Definition von Zuständen geht.

Dieses Gedicht wurde übrigens auch im von mir so geliebten „Rilke-Projekt“ der Musiker Richard Schönherz und Angelica Fleer interpretiert. Das macht ausgerechnet der unselige Xavier Naidoo. Nun, noch kann ich Kunst vom Künstler trennen und finde, das ist wirklich gut gemacht.

Schippertour nach Seligenstadt

Alle paar Jahre mache ich mit Freunden oder Verwandten gerne mal eine Tagestour mit der Primus-Linie. Man kann in zwei Richtungen fahren: Nach Rüdesheim und von da weiter zur Loreley, oder an Offenbach und Hanau vorbei nach Seligenstadt und dann Aschaffenburg. Dieses Mal sollte es eigentlich Aschaffenburg werden, die Rückfahrt war mit dem Zug geplant. Doch weil die Lokführer streikten, entschlossen wir uns, noch einmal nach Seligenstadt zu fahren. Los ging es am Eisernen Steg in Frankfurt.

Dieses Mal war ich ganz entspannt mit meiner lieben Schwester unterwegs. Beide mussten wir daran denken, dass wir vor etwa 15 Jahren die gleiche Tour einmal mit unserer Mutter gemacht hatten. Das war schön, aber auch sehr mühsam, denn unsere Mutter saß damals schon im Rollstuhl und die Tour ist nicht barrierefrei. Daran ändert auch die super-steile Rampe nichts, die es inzwischen in Frankfurt gibt: Das wäre mit etwas Mühe und Überlegung deutlich besser gegangen (ich denke, unsere Mutter hätte sich schlicht geweigert, sich diesem Mordgerät auch nur zu nähern, und auch meine rollifahrende Freundin hatte dafür kürzlich nur ein befremdetes Kopfschütteln übrig). Am Anleger hatten wir damals also jeweils eine Menge Mühe mit dem Ein- bzw. Aussteigen. Auch im altertümlichen Seligenstadt tut man sich eher schwer, wenn man nicht mehr beweglich ist. Das alles war dieses Mal natürlich kein Thema.

Wir hatten einen Tag mit wunderbarem Spätsommerwetter erwischt, sodass wir uns die ganze Fahrt über draußen aufhalten konnten und hinterher nach einem Spaziergang durch die Altstadt recht froh über ein bisschen Schatten und kalte Getränke waren. Sonnencreme hatten wir natürlich zuhause vergessen, da habe ich ja auch nur drei Flaschen davon. Sagen wir mal so – wir haben kräftig Farbe bekommen, und inzwischen pellt sich meine Nase.

Nach dem Kaffee liefen wir ausgiebig im Klostergarten herum. Zuerst kam der Kräutergarten. Überall roch es besonders. Wir schnüffelten an allerlei Kraut herum, ich nieste trotz eingenommener Allergiepille viel und beide genossen wir die Vielfalt. Wir kannten lange nicht alles von dem, was da wuchs. Putzig fand ich die Kennzeichnung der Giftpflanzen, die jeweils einen kleinen Totenkopf ☠ auf dem Schild hatten. Viele sind auch als Heilpflanzen bekannt, aber man sollte sowas wohl nur zu sich nehmen, wenn man sich wirklich gut damit auskennt.

Es gab neben diversen Blühpflanzen auch Zierkohlarten, Obstbäume (die fast immer beschriftet waren – bis auf das Ding, was uns wirklich unbekannt war) und – tatsächlich – blühende Artischocken. Die fand ich recht dekorativ, solange sie kräftig blühten, aber eher gruselig, wenn diese Phase vorbei war.

Und gegen Abend schipperten wir sonnenverbrannt zurück. Wir gönnten uns gespritzen Apfelwein und, weil man ja den Salzverlust durch das Schwitzen ausgleichen muss, eine Currywurst mit Pommes. Und dann kam das, worauf ich mich schon den ganzen Tag heimlich ein bisschen gefreut hatte: Wir tuckerten der Frankfurter Skyline entgegen.

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Nach all den Jahren habe ich mich noch immer nicht an dieser Aussichet über den Main sattgesehen. Es ist fast egal, bei welchem Wetter ich die Skyline sehe – ich finde sie einfach schön.

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Fundstücke 72 – Barbarei im Kurpark!

Wie schon erwähnt, habe ich in Bad Salzschlirf einen Kurzurlaub gemacht. Ich lief auch die meisten Ecken des Kurparks ab und fand an einer Stelle diesen kleinen Teich mit Seerosen und Fischen.

Dort gab es einen Weg und eine Bank. Und es gab dieses Schild – Angeln verboten. Und ich habe mich gefragt, ob es wirklich Menschen gibt, die in einem Kurpark eine Angel herausholen und sich hinhocken, um Goldfische zu fangen. Ich nehme an, dass sowas schon passiert ist, denn ansonsten würde man dieses Schild ja nicht aufstellen. Ganz schön bekloppt …

 

Nachtrag: Die Rechtschreibung auf dem Schild ist natürlich auch eine Sache für sich. Ich weiß eines: Sollte ich mal durch Zufall einen Schilder-Herstell-Betrieb erben, werden die Dinger vor dem Druck kontrolliert. Versprochen!