Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Mit dem Schreibgrüppchen hatten wir mal wieder eine Lesung, und zwar in der schönen Buchhandlung „Weltenleser“. Das Thema lautete „Reisen“ und wie immer waren unsere sieben Geschichten ganz unterschiedlich, was den etwa dreißig Zuhörern sichtlich gefiel. Ich stelle euch daher heute Frau Uschi vor:

Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Sie konnte es nicht fassen: Kaum hatte sie Erich, den größten Fehler ihres Lebens und Bremsklotz gigantischen Ausmaßes, endlich aus ihrem Leben entfernt, war es ihr erwachsener Sohn Robert, der Rechenschaft von ihr forderte und sie aufhalten wollte. Wütend schnaufte sie ins Telefon.

„Ich weiß gar nicht, was du eigentlich willst! Traust du mir das nicht zu? Ich bin doch nicht debil!“

Uschi Gerke war ganz Empörung, sie glaubte, sich in ihrem ganzen 68-jährigen Leben noch nicht so aufgeregt zu haben. Robert versuchte sie zu beschwichtigen:

„Ich sage doch nur, dass du es mit dem Reisen nicht übertreiben sollst, Muddi. Du warst noch nie weiter weg als fünfzig Kilometer um deinen Heimatort herum. Du bist es nicht gewohnt, dich an fremden Orten zurecht zu finden. Warte ein paar Wochen, dann nehme ich ein paar Tage frei und wir fahren in ein schönes Hotel in den Harz. Oder an die Ostsee – du wolltest doch immer gerne ans Meer. Oder wenn du mit mir nicht unterwegs willst, mach‘ diese Tour mit den Landfrauen – fünf Tage mit dem Bus ins Sauerland, mit einer netten Reiseleiterin. Die haben bestimmt noch freie Plätze.“

Uschi schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht unter Aufsicht fahren – sie war doch kein kleines Kind mehr. Und es war ja auch nicht so, dass sie eine Rucksacktour durch Nicaragua plante. Nein, sie hatte vor, einfach mit dem Zug in ein paar deutsche Städte zu fahren und sich dort etwas anzusehen. Alleine, nur mit ihrem Rollköfferchen und ohne jemanden neben sich, der immer nur dem Untergang des christlichen Abendlandes entgegensah oder glaubte, jenseits von Bremen-Lilienthal sei die Welt zu Ende.

Geld hatte sie mehr als genug: Sie hatte immer fleißig in der Firma mitgearbeitet, sich nie Urlaub gegönnt und nebenher noch die Kinder großgezogen. Als ihr Mann Ulrich plötzlich und viel zu früh einen Schlaganfall erlitt, hatte sie das Ruder übernommen, bis sie die Firma günstig verkaufen konnte, und sich dann jahrelang um die Pflege ihres Mannes gekümmert. Und dann hatte sie geglaubt, in Erich, einem langjährigen Freund der Familie, einen neuen Partner zu finden. Er war bei ihr eingezogen und hatte sie fünf Jahre lang mit seinen zahlreichen eingebildeten Krankheiten auf Trab gehalten. Mal hatte er ganz bestimmt einen Herzinfarkt, dann ganz plötzlich Darmkrebs, und dann wieder stand er kurz vor einer Beinamputation aufgrund von Knochenkrebs. Der freilich erwies sich als eingewachsener Fußnagel und brachte das Fass zum Überlaufen. Uschi hatte den drei Jahre jüngeren Mann in die Obhut seiner Familie gegeben und beschlossen, jetzt endlich zu reisen. Ihr Koffer war gepackt, morgen wollte sie los.

„Nein, ich will nicht warten. Ich fahre morgen los. Ich brauche auch niemanden, der auf mich aufpasst. Ich kann mir überall ein Zimmer nehmen, und wenn ich mein Hotel zu Fuß nicht wiederfinde, nehme ich mir halt ein Taxi!“

Robert seufzte. Seit seine Mutter auf diesem Freiheits-Trip war, war mit ihr nicht mehr zu reden. Er musste seine Schwester Sandra informieren – vielleicht hörte seine Mutter besser auf sie.

„Pass auf, Muddi, ich rede mit Sandra und ihr beiden Frauen könnt zusammen einen Plan ausarbeiten, was deinen Urlaub angeht. Und dann vielleicht ein bisschen was vorbuchen. Ich habe einfach Sorge, dass du irgendwo strandest.“

„Wenn ich strande, saufe ich mir einfach einen an und warte auf den nächsten Tag!“, entgegnete Uschi und knallte den Hörer ihres altmodischen Tastentelefons auf die Gabel. Sie war sauer. Gewiss würde Robert ihr jetzt Sandra auf den Hals hetzen, die solange mit ölig besorgtem Gesichtsausdruck an ihrem Küchentisch sitzen würde, bis Uschi irgendwelche faulen Kompromisse einging, nur um sie loszuwerden. Dem musste sie entgehen!

Kurz entschlossen rief Uschi sich ein Taxi, griff nach ihrem Koffer und schloss die Haustür hinter sich ab. Für die Tochter hängte sie einen Zettel mit einer dramatischen Botschaft an den Postkasten: „Ich bin weg, bitte sucht mich nicht. Die Orchideen brauchen einmal die Woche Wasser, die Begonien zweimal. Gruß, Mutter.“ Als das Taxi die Straße herunterfuhr, sah Uschi in der Ferne Sandras grünen Polo heranrollen. Na, der war sie ja gerade noch entkommen!

Am Bahnhof beschloss Uschi, einfach in den Zug einzusteigen, der als nächstes fuhr. Richtung Hamburg sollte es gehen. Na gut, dann also Hamburg. Sie stieg ein, ohne eine Fahrkarte zu kaufen, das konnte sie immer noch im Zug tun. Sie setzte sich in ein Abteil zu zwei Männern: Einer stank nach Bier und schlief, der andere sah mit seiner Irokesenfrisur und den vielen Tätowierungen zum Fürchten aus, war aber wach. Uschi war nicht danach, sich zu fürchten. Sie suchte das Gespräch: „Ist das hier ein erster-Klasse-Wagen?“ Der dünne Mann ihr gegenüber lachte, so dass sich das viele Metall in seinem Gesicht auf und nieder bewegte. „Erster Klasse? Gnädigste, sehen wir beiden aus, als würden wir erster Klasse fahren?“ Er tippte den schnarchenden Mitreisenden kurz an und dieser grunzte. Uschi nickte – also war dies ein zweiter-Klasse-Wagen. Schick, fand sie. Sie war vor über dreißig Jahren zum letzten Mal Zug gefahren, da hatten die Wagen noch ganz anders ausgesehen: mit schmuddeligen, gelb gepolsterten Sitzen und einer braun lackierten Heizung.

Uschi wies auf den Schnarcher: „Gehört der Herr zu Ihnen?“ Der Mann schüttelte energisch den Kopf. „Ne, der Penner saß hier schon, als ich kam. Wer weiß, wie lange der hier schon mitfährt. Den ham’se hier vergessen und nun steigt er da aus, wo er wach wird.“ Uschi nickte. „Das habe ich auch vor.“ Ihr Gegenüber runzelte die Stirn. „Sie? Wo woll’n se denn hin?“ „Keine Ahnung“, sagte Uschi, „erst mal nach Hamburg. Und dann mal weitersehen.“ Der dürre Mann zog fragend eine durchlöcherte, grün gefärbte Augenbraue hoch. „Sind’se wo abgehauen?“ Uschi zuckte die Schultern, und ohne lange darüber nachzudenken, erzählte sie diesem Fremden den ganzen Ärger der letzten Tage, Jahre, Jahrzehnte. „Jo“, sagte der Mann, als sie fertig war, „da müssen se dringend mal anne Luft, dat seh ich ein. Aber ihr Sohn hat schon recht, ganz alleine sollten se heute Nacht nicht auffe Reeperbahn rumstrumpeln, das is nix für ne Dame wie sie. Aber wenn’se neugierich sind, kommt Onkel Ralph einfach mit.“ „Onkel Ralph? Wer soll das denn sein?“, fragte Uschi irritiert. „Na, ich! Ich wohn‘ schon seit zehn Jahren auf Pauli, hab nur meine Omma hier in Brem besucht. Wenn’se wolln, geh’n wa heute Nacht zusamme auffe Piste, und pennen könn’se auch bei mir. Dat is mir lieber, als wenn’se mir verloren gehen!“ Also schien selbst dieser wüst aussehende Mittdreißiger der Ansicht zu sein, dass sie alleine nicht zurechtkam – na, danke für das Kompliment, dachte Uschi. Aber das Angebot, mit Ralph Hamburg zu erkunden, fand sie verlockend und stimmt zu ihrer eigenen Überraschung zu.

Hamburg, alte Liebe, Elbphilharmonie

Hamburg mit alter Liebe und Elphi

In Hamburg angekommen, fuhren sie mit dem Bus zu Ralphs Wohnung. Die war weit aufgeräumter, als Uschi gedacht hatte. Nur der schwere, seltsame Geruch irritierte sie ein wenig, sie hatte aber das Gefühl, dass dieser sie auf dem alten, etwas durchgesessenen Sofa gut würde schlafen lassen. Sie tranken eine Kanne Tee zusammen und aßen Tiefkühlpizza, dann zogen sie los. Ralph zeigt ihr sein Viertel, dann gingen sie in seine Stammkneipe.

„Hey Ralph, hast du deine Omma gleich mitgebracht?“, fragte der große Wirt hinter der Theke. „Ich geb‘ dir gleich die Omma, du Schandmaul! Dat is Frau Uschi, meine neue Bekannte, die’n büschen wat vonne Welt sehn will. Mach uns bloß keine Schande und benimm dich, sonst fährt’se gleich wieder wech!“ Der Wirt nickte und stellte unaufgefordert ein Astra vor Ralph auf die Theke. „Die Dame?“, fragte er und sah Uschi auffordernd an. „Das Gleiche“, bestellte Uschi, und trank zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bier aus der Flasche. Mit Ralphs Hilfe setzte sie sich bequem auf dem hohen Thekenhocker zurecht und ehe sie sich versah, war sie Mittelpunkt einer lustigen Runde, die Bier trank, Nüsse knabberte und über Gott und die Welt schwatzte. „Die Omi ist ja süß!“, hörte Uschi eine junge Frau sagen, die aussah, als sei sie Ralphs kleine Schwester.

Tief in der Nacht brachen sie auf. Uschi konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so einen lustigen Abend erlebt hatte – das musste vor Ulrichs Erkrankung gewesen sein. Kurz vor der Wohnung sah Ralph noch einen Lichtschein in einer Kneipe und zog Uschi über die Straße. „Lass uns hier noch eben Moin sagen!“ Uschi war es recht. Sie war beschwingt und betrunken, sie hätte auch zwei Zuhältern mit Kampfhunden „Moin“ gesagt, wenn die ihr gerade begegnet wären. Und die Leute, die in der winzigen Kneipe im Souterrain saßen, machten einen zwar müden, aber doch freundlichen Eindruck. „Mensch Kuddel!“, rief Ralph erfreut und schlug einem älteren Herrn auf die Schulter. „Seit wann bist du denn wieder an Bord hier?“ Der pummelige Mann mit dem gutmütigen Gesicht einer verschlafenen Bulldogge grinste ihn an. „Bin nur auf der Durchreise. Morgen geht‘s weiter – nach Dänemark. Will’ste mal wieder mit?“ Ralph schüttelte den Kopf. „Geht nicht, hab‘ viel zu tun auf Arbeit zurzeit.“ Uschi bemerkte, dass sie überrascht war: Sie war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass jemand wie Ralph einer geregelten Arbeit nachgehen könnte. Dann aber wurde sie hellhörig.

„Ich hab‘ hier die Frau Uschi, die will wat vonne Welt sehen. Nimm‘ste die mit? Dir würd‘ ich se anvertraun.“ Kuddel sah skeptisch zu Uschi rüber. „Ich weiß nicht. Haben Sie schon mal Urlaub in ‘nem Wohnmobil gemacht?“ Uschi schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe noch nie Urlaub gemacht.“ Das breite Gesicht drückte pures Erstaunen aus. „Noch nie? Immer nur Arbeit und Pflicht? Na, dann wird’s ja Zeit. Gut, Frau Uschi, Sie kriegen eine Koje bei mir. Aber eins muss ganz klar sein: Wer meckert, fliegt raus!“ Uschi nickte. Ja, das schien ihr fair zu sein.

Kuddel holte Uschi um elf Uhr am nächsten Morgen ab. Ralph, ihr Gastgeber in dieser denkwürdigen Nacht in Hamburg, hatte sie fürsorglich mit einem riesigen Stullenpaket und zwei Flaschen Cola versorgt. Sie umarmten sich zum Abschied so herzlich, als würden sie sich schon viel länger als 18 Stunden kennen. Ralph versprach, irgendwann man auf Kuddels Handy anzurufen und nachzufragen, wie es so ginge. Vielleicht würde er auch vorbeikommen, irgendwann, wenn es sich gerade so traf. Schließlich traf man sich immer zweimal im Leben.

Und dann fuhren sie los. Uschi saß vorne neben Kuddel und sah die Landschaft an sich vorbeiziehen. Sie fühlte sich wie aus einem Gefängnis entlassen. Auf der Fähre stand sie draußen und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Kuddel stand hinter ihr und sah sie neugierig an. Dass in seinem Alter nochmal so’ne schmucke Deern bei ihm einsteigen würde, hätte er nicht gedacht. Sie schien ganz patent zu sein. Wenn die nicht irgendwann anfing zu drinsen*, konnte das vielleicht was werden mit ihm und Frau Uschi.

Und so gab er sich viel Mühe an diesem ersten Abend in Dänemark: Er suchte einen Strandplatz mit schöner Aussicht, kramte ein Windlicht mit erst halb abgebrannter Kerze aus seinem Wohnmobil und köpfte für sie seine letzte Flasche Rotwein. Als sie schlafen gingen, sorgte er für ihre Bequemlichkeit und dafür, dass sie es warm hatte. Früher hatte er das anders gemacht mit den Mädels, doch dieses Mal schien es ihm angemessen zu sein, mit einer Wolldecke für Wärme zu sorgen. Er plante, weiter hochzufahren Richtung Norwegen, vielleicht auch nach Island. Wenn sie es so lange miteinander aushielten, konnten sie sich immer noch aneinander kuscheln, um sich zu wärmen – Eile mit Weile.

Und Uschi – Frau Uschi, wie sie jetzt hieß – hatte ein seltsames Gefühl, als sie einschlief. Sie war voller neuer Eindrücke, so dass ihr der Kopf schwirrte. Von Norwegen und Island hatte dieser seltsame Mann gesprochen, der schon seit vielen Jahren mit seinem alten Wohnmobil unterwegs war. Darin roch es etwas komisch, nach Zigaretten, Dosenessen und schmutzigen Socken, und doch fühlte sie sich seltsam wohl. Irgendwann würde sie ihrer Familie eine Postkarte schreiben, morgen vielleicht oder übermorgen. Sie sollten sich nicht sorgen. Und so schrieb sie einige Tage später von einem Rastplatz auf Bornholm je eine Postkarte an Robert und Sandra:

Ihr Lieben,

sorgt euch nicht um mich. Ich bin mit Herrn Kuddel unterwegs, einem echten Vagabunden und Kapitän der Landstraße. Kennengelernt habe ich ihn auf St. Pauli in einer Kneipe, die mir Ralph gezeigt hat. Bei dem habe ich auch übernachtet, und zum ersten Mal in meinem Leben geraucht – eine ganz dicke Zigarette. So schön habe ich noch nie geträumt, sage ich euch. Ihr seht, alles ist gut.

Viele Grüße

Mutter

 

*drinsen: Norddeutsch für quengeln

Gegen den Herbstblues: Pudding

Eigentlich mag ich den November ja. Die Dunkelheit, das usselige Wetter, all das läd dazu ein, es sich in der Wohnung gemütlich zu machen. Tee und Kerzen, Hörbücher hören und Strümpfe stricken, dieses Programm ist nicht das Schlechteste. Auch dieses Wochenende ist so geplant.

Trotz aller Geruhsamkeit stehe ich ja gerade am Wochenende gerne früh auf. Und vor acht Uhr habe ich die besten Ideen. Die Morgenidee von heute war besonders gut: Denn ich habe Pudding gekocht. Genau genommen meinen allerliebsten Pudding aus der Kindheit. Das Rezept war eine Weile bei mir in Vergessenheit geraten, doch seit ich regelmäßig Joghurt herstelle, ist eigentlich immer Naturjoghurt im Haus. Und der muss manchmal weg, so wie heute. Also gibt es dieses Wochenende Mandarinenpudding.

Das Rezept ist denkbar einfach: Man koche einen Standard-Vanillepudding, kippe zwei Becher/Gläschen Naturjoghurt dazu und rühre kräftig um. Dazu kommt eine Dose Mandarinen ohne Saft. Wahrscheinlich geht das auch mit anderem Dosenobst, aber nur Mandarinen machen dieses schöne, glitschig-schlüpfrige Gefühl im Mund. Und die ganze Kombination ist auch noch gut für das Gewissen, denn man isst ja nichts Ungesundes, sondern fast nur Joghurt und Obst. Das passt zum November, zum Tee und den Kerzen.

Fundstücke 53: Da fehlt doch was?

Da lief ich doch kürzlich ganz entspannt die Strandpromenade der Usedomer Kaiserbäder entlang, genau genommen zwischen Heringsdorf und Ahlbeck. Ich guckte hier, guckte dort, bestaunte die Bäderarchitektur und las interessiert die Schilder, die viele Fassaden zierten. Viele wichtige Leute waren schon vor Ort. Und das wurde dokumentiert, zum Beispiel hier:

Die Leute vom Ahlbecker Hof hatten sich entschieden, die Schilder irgendwie eigenartig aufzuhängen. Irgendwie schien dort etwas zu fehlen. Hatte man vielleicht ein Schild abgenommen, weil der dort gehudelte Mensch inzwischen peinlich war? Eine Berühmtheit des 3. Reiches vielleicht, Donald Trump oder einer von Deutschland sucht den Superstar? Oder hatte man einfach Platz gelassen, weil man noch auf jemanden wartet? Am Ende gar – auf mich? Fände ich ja gut …

Lesung im Mainzer Vinamarium – es wird spannend!

Wein und Kurzgeschichten, das ist eine Kombination, welche die ARS-Autoren und das „Weingut Kaufmann“ schon mehrfach sehr erfolgreich praktizierten. Am 1. November findet im Vinarmarium Mainz eine Weinverkostung mit Lesungen von Kurzgeschichten statt. Drei ARS-Autoren ließen sich durch je einen Wein des Weinguts zu einer Kurzgeschichte inspirieren. Das Motto der Veranstaltung lautet

über KELLERGEISTER – WEIN UND GESCHICHTEN — Autorengruppe ARS

Ein Sturm kommt

Manchmal muss man auch Glück haben: Ich bin von meinem Usedom-Urlaub schon am Samstag zurückgekehrt, konnte also noch problemlos mit der Bahn fahren. Nur einen Tag später wäre ich spätestens in Berlin gestrandet. So aber konnte ich das Heraufziehen des Unwetters beobachten, und zwar schon am Freitag. Dieser Tag war vom Wetter her nur was für echte Küsten-Fans – ungemütlich ist noch freundlich formuliert.

Ich wagte mich tatsächlich für ein Weilchen an den Strand. Dort wurde man regelrecht verblasen, die Kaputze flog vom Kopf, das Zopfband hinterher. Richtig viel Spaß hatte dort unten wohl nur noch dieser Hund, der die für Ostseeverhältnisse hohen Wellen sichtlich genoss. Ich hoffe nur, er hat sich keinen Schnupfen geholt, so nass wie er irgendwann war.

Ich verzog mich nach einer Weile auf die etwas windgeschütztere Promenade und spazierte von Heringsdorf nach Ahlbeck. Keine große Wanderung, das gebe ich zu, aber an diesem Tag reichte es mir. Es schauerte immer mal wieder gar schauerlich, und ich wollte gerne in der Nähe der zahlreich vorhandenen Gastronomie bleiben, um notfalls unterschlüpfen zu können.

Viele Leute waren wahrlich nicht unterwegs bei diesem Schietwetter, aber die, die man traf, waren alle gut gelaunt. Es waren die Wetter-Enthusiasten, die genau wissen, was sie bekommen können, wenn sie zu dieser Jahreszeit an die Küste fahren. Und da die Tage zuvor beinahe windstill gewesen waren, war dies der gerechte Ausgleich dafür. Sogar einige wenige Kite-Surfer sah man, die den heraufziehenden Sturm nutzten. Ich fror schon, wenn ich ihnen nur zusah.

Reichlich durchgepustet und mit echter Trümmerlotten-Frisur kam ich ein paar Stunden später wieder in meinem Hotel an und belohnte mich mit heißer Suppe. Zum ersten Mal in meinem Leben aß ich diese merkwürdige Reste-Komposition namens „Soljanka“. Hat gut geschmeckt, ist aber ein bisschen merkwürdig. Besonders zu loben war aber das wunderbare Brot, dass es in diesem Hotel gab. Das schmeckte deutlich besser als das olle Baguette, das Suppen ansonsten gerne komplettieren soll.

Am Freitag blies es also schon kräftig und am Samstag war es so unfreundlich, dass ich darauf verzichtete, vor meiner Abreise gegen Mittag noch einmal an den Strand zu gehen. Das Wetter machte mir die Abfahrt dieses Mal recht leicht.

Herbstfarben

Ja, ohne Zweifel, der Herbst ist da, und mit ihm kam – zumindest zu mir – eine fette Erkältung. Die ist nun auf dem Rückzug und ich kann wieder gucken. Und so konnte ich die Fotos sichten, die ich in den letzten Tagen geschossen habe, wenn ich, dick eingemummelt und mitleiderregend hustend, herumspazierte, um zu genesen. Es sind erstaunlich bunte Bilder dabei, und damit meine ich nicht nur die typischen Herbstblätter.

Herbstblüte

Ich muss gestehen, gleich das erste Bild ist geschummelt, das stammt nämlich noch aus dem September und wurde in Wien geschossen. Alle anderen Bilder stammen aus dieser Woche.

Diese bunten Blätter gefielen mir besonders, weil sich die drei vorlauten Hagebutten dazwischen gemogelt hatten. Dunkelrot, glänzend und irgendwie allein auf weiter Flur, hatten sie sich tapfer ans Licht gekämpft.

Große „Haufen“ Pilze zieren die Grünflächen der Usedomer Strandpromenade. Viele sind vor lauter Feuchtigkeit schon „überreif“ und sehen irgendwie geplatzt aus. Zumindest kommt es mir so vor. Ich verstehe allerdings überhaupt nichts von Pilzen, die einzige Sorte, die mir bekannt ist, ist der Fliegenpilz.

Auch einige Dahlien trauen sich noch ans Licht. Ich mag diese Blumen sehr, auch wenn sie dazu neigen, in der Vase bei zu seltenem Wasserwechsel wie ein sehr aktiver Komposthaufen zu riechen.

Was dieses für eine blaue Blüte ist, weiß ich gar nicht. Sie hat was von einer Anemone, doch die sind meines Wissens nach deutlich früher dran. Egal – sie fiel mir auf und war mir spontan sympathisch.

Und ja, doch, natürlich gibt es auch hier an der Ostsee die klassischen bunten Blätter. Dieses hier guckte mir so nett entgegen …

Diese kleine rosa Blütendolde wirkte irgendwie „schaumig“, weil sie winzige weiße Fortsätze hat. Auch dieses Gewächs ist mir leider unbekannt, kommt hier auf Usedom aber öfter mal vor.

Alles in allem macht mir die Flora hier noch viel Freude, auch wenn das Wetter schon recht herbstlich ist. Ich mag das goldene Oktoberlicht – und meine Wetterapp hat sich hier in den letzten Tagen als deutlich zu pessimistisch herausgestellt. So eine Miesmacherin …

Fundstück 52: das Wertstoffgemisch

Mülltonne, WertstofftonneDa begegnete uns doch kürzlich auf einem Straßenfest diese wunderbare Tonne: „Wertstoffgemisch“ stand darauf zu lesen. Hinein kam allerhand Abfall, von der ketchupverschmierten Pommespappe über den Kaffeebecher bis hin zum vollgeschnaubten Papiertaschentuch war alles dabei. Es war also wirklich eine wilde Mischung, über deren Werthaltigkeit ich ehrlich gesagt nicht gerne nachdenken möchte.

Früher stand auf diesen Tonnen doch etwas anderes, nämlich „Müll“. Und ganz früher noch der Zusatz „Keine heiße Asche einfüllen“ – so auch auf dem kleinen mülltonnenförmigen Bleistiftanspitzer, den ich als Grundschulkind besaß. Das war nicht zu Kaisers Zeiten, sondern in den 70er Jahren – aber ich schweife ab.

Wann aus dem guten alten Müll das Wertstoffgemisch wurde, kann ich gar nicht genau sagen, aber dieser Ausdruck kam mir in der letzten Zeit des Öfteren unter. So auch in irgendeinem Druckerzeugnis, aus dem ich damals den schönen Satz „Die Wertstoffe werden der thermischen Verwertung zugeführt“ abgeschrieben habe. Das klingt natürlich deutlich schöner, wissenschaftlicher und vor allem umweltfreundlicher als der simple Satz“ „Der Müll wird verbrannt“. Ich habe ja immer die Sorge, dass auch meine schönen, liebevoll sortierten Tüten mit grüner-Punkt-Müll, die ich wöchentlich in die gelbe Tonne trage, nicht receycelt, sondern thermisch verwertet werden. Wahrscheinlich liege ich damit gar nicht so falsch, denn die Wiederverwertungsquote ist dem Vernehmen nach eher gering. Da hilft wohl doch nur die Wertstoffgemischvermeidung – egal, um was es sich dabei handelt. Wenn das nur nicht so schwierig wäre …

Lesung in Wiesbaden

Erstmals in meinem Autorenleben habe ich eine Lesung außerhalb von Frankfurt: In Wiesbaden lese ich zusammen mit meinem Autorenkollegen Robert Maier ein buntes Programm aus Kurzgeschichten und Erinnerungen. Zusätzlich gibt es noch einen Auszug aus Roberts Roman „Pankfurt“. Ich bin sehr gespannt auf den Abend!

Lesung Wiesbaden, Robert Maier, Meike Möhle

So schnell kann es gehen …

Manchmal geht es überraschend schnell: von himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, vom Glück besoffen und unglücklich verkatert. Oder von der gefeierten Fachfrau zur größten Idiotin aller Zeiten.

So ging es mir an einem Tag im Sommer: Vormittags hatte ich einen Vortrag gehalten vor einem großen Publikum, das mit Lob nicht sparte. Ich fühlte mich anerkannt und gefeiert, die Fachfrau, die man alles fragen kann und die auf fast alles eine Antwort hat. Dieses Gefühl hatte mich durch den Tag getragen – was kam ich mir wichtig vor! Und so klug!

Auch abends war ich noch ausgesprochen guter Dinge, als ich nach irgendeiner Veranstaltung gegen halb elf am Südbahnhof auf meinen Anschlussbus wartete. Ich war klug und wichtig, gewiss sah man mir das an. Also, so dachte ich zumindest. Als ich jedoch gerade auf meinem Smartphone etwas nachgucken wollte, attackierte mich plötzlich eine ältere Frau: Ich sei auch so eine, deren Hirn nur so groß sei wie der Speicher des Handys, oder so ähnlich drückte sie sich aus. Ich, völlig verwirrt: „Hä?“ Die Dame schimpfte nochmal. Ohne Handy könnten solche Leute wie ich ja überhaupt nichts mehr, ich sei völlig verblödet und sähe auch so aus.

Wie, Trümmerlotte, ich? Kann gar nicht sein! Hauptsache, ich finde mich schön!

Mit dem Aussehen hatte sie wahrscheinlich recht, denn ich habe angesichts dieses unerwarteten Angriffs bestimmt dümmlich aus der Wäsche geguckt. Eine andere Frau klärte mich auf: „Die spinnt irgendwie, die hat mich eben auch schon beschimpft.“ Ja, klar, jemand der uns beide beschimpft, muss spinnen, das sah ich ein. Ich mustere die schimpfende Frau: Die sah ganz normal aus. Zwischen 60 und 70 Jahre alt, schätzte ich. Weder wirkte sie runtergekommen noch betrunken, Hätte sie nicht ununterbrochen herumgezetert (in meine Richtung, man stelle sich das vor!), hätte man sie wohl als „Dame“ bezeichnet. Sie war gepflegt, gut gekleidet, trug eine Tüte eines ganz und gar nicht billigen Ladens in der Hand – und benahm sich äußerst merkwürdig. Noch immer fand sie Dinge an mir, die ihr nicht gefielen: Aussehen, Kleidung, Frisur und Figur – „guck dich doch mal an, du Schlampe!“ Ich guckte an mir runter und fand mich schön wie immer. „Bei dir sieht man gleich, wie blöd du bist!“ Was, ich? Nein, ich bin die Heldin des heutigen Arbeitstages, Expertin in allen Fragen des täglichen Lebens, wussten Sie das nicht? Ich machte mir einen Spaß daraus, dumm nachzufragen, was sie denn genau meint, kriegte aber keine konkreten Antworten. Immer diese schwammigen Aussagen, diese populistischen Phrasen ohne belastbare Quellen, und dann noch gegen mich gerichtet – das prangere ich an!

Ich hörte mir die Litanei an, bis mein Bus kam. Kurzfristig überlegte ich, ihr einfach ganz trocken eine reinzuhauen – ob dann wohl Ruhe gewesen wäre? Ich probierte es nicht aus, sondern stieg in den Bus. Eigentlich hatte ich gedacht, dass die schimpfende Dame ebenfalls einsteigen wollte, denn das ist der einzige, der dort fährt – worauf hatte die denn sonst gewartet? Sie war ja sogar schon vor mir da gewesen, es war nicht nur mein heutiger Glanz gewesen, der sie an diese abgelegene Ecke in der Bruchstraße gelockt hatte. Irgendwie hatte sie wohl völlig ihren Weg verloren.

Und das war es, was mich unterwegs ein wenig nachdenklich werden ließ: Ich war so fasziniert von diesem Verbalausbruch gewesen, dass ich überhaupt nicht daran gedacht hatte, dass die Frau vielleicht Hilfe benötigen könnte. Irgendwas war an der kaputt – die sah einfach nicht so aus, als würde sie sich gewohnheitsmäßig so benehmen und dann nach Hause zu ihrem Hans-Herbert fahren. Psychose, Wahnvorstellungen, was Falsches geraucht? Oder vielleicht mit dem Damenkränzchen ein paar Stößchen auf irgendwelche Alzheimer-Pillen draufgekippt? Wahrscheinlich wäre es gut gewesen, bei der Polizei Bescheid zu geben, dass jemand in der Bruchstraße herumtobt und offensichtlich nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Darauf bin ich in der Situation leider nicht gekommen – ganz unrecht hatte die Dame mit dem „blöd“ also nicht.

Literaturnobelpreis 2017 – gut gemacht!

Ich muss gestehen, dass ich keine große Freundin der Literaturnobelpreisträger der letzten Jahre bin. Gut, nicht von allen habe ich etwas gelesen. Einige habe ich gelesen und fand sie … merkwürdig. Andere … schaurig. Den Preis für Bob Dylan im letzten Jahr fand ich mutig – immerhin. Und seit vielen Jahren sagte ich immer mal wieder: „Ich würde den Preis Kazuo Ishiguro geben.“ Nun haben sie also auf mich gehört – geht doch. Es wurde wirklich Zeit, dass dieser wunderbare Autor, dieser Zauberer der Sprache und mächtige Prosa-Poet entsprechend gewürdigt wird.

Nun will ich mich aber nicht nur der groupiehaften Schwärmerei hingeben, sondern auch ein Buch von Kazuo Ishiguro vorstellen. Ich glaube, dass ich alle seine Bücher, die auf Deutsch erschienen sind, gelesen habe. Bereits besprochen habe ich vor einer Weile das schöne „Was vom Tage übrig blieb“. Etwas ganz anderes ist die Nummer zwei auf meiner Ishiguro-Favoritenliste, das noch recht neue Buch

Der begrabene Riese

Dieses Buch habe ich mir tatsächlich mal als Hardcover gekauft

Darum geht es: Es ist nicht so einfach, diesen Roman zu beschreiben, ohne allzu viel zu spoilern. Die Handlung ist im 6. Jahrhundert angesiedelt, einem ohnehin schon dunklen Zeitalter, in dem zu allem Überfluss auch noch ein alles verwischender Nebel über den Erinnerungen der Menschen liegt. Aberglaube und Dämonenangst beherrschen die Gedanken der einfachen Leute. Auch Axl und Beatrice, zwei alte Bauern, die sich irgendwann aus ihrem Dorf aufmachen, um den Sohn zu besuchen, unterliegen vielen Ängsten und vor allem Unsicherheit: Wann ging der Sohn fort und warum? Wohnt er wirklich in einem der Nachbardörfer, kennen sie den Weg dorthin? Und haben sie überhaupt einen Sohn gehabt? Sie wissen es nicht genau, die Vergangenheit liegt im Dunklen.

Nicht nur die beiden Alten scheinen viel vergessen zu haben. Auch bei allen anderen Menschen, die sie treffen, liegt vieles im Nebel. Einig sind sie sich nur darüber, dass sie vorsichtig sein müssen, leise – bloß den Drachen nicht wecken.

Auf dem Weg, dessen Ziel sie nicht kennen, entdecken Axl und Beatrice einander neu, ohne sich der Bedeutung dessen, was sie erfahren, wirklich bewusst zu sein. Kennen sie einander wirklich? Lieben sie einander überhaupt? Wer ist Axl, der klapprige Alte, den fremde Menschen so furchtsam ansehen? Bedeckt der Nebel mehr als nur die feuchtkalte Landschaft? Und ist er Fluch oder Segen?

Das ist das Besondere: Eine ganze Weile weiß man nicht, was dieses Buch eigentlich ist: Märchen, Historienschmöker mit Fantasyeinschlag, oder was? Der Nebel des Vergessens liegt über allem, und man begreift, dass er nichts anderes bedeutet als die Verdrängung einer furchtbaren Vergangenheit. Nur durch Vergessen ist es den Menschen möglich, weiterzuleben und einen brüchigen Frieden aufrecht zu erhalten. Furchtbare Dinge sind passiert, sie wurden begraben und niemand möchte sie wirklich wieder ans Licht zerren. Dieses Leben im Nebel und in ständiger Ungewissheit ist zwar nicht schön, aber die Angst vor dem, was zum Vorschein kommt, wenn er sich lichtet, packt auch den Leser irgendwann.

Die Sprache des Romans ist in vielen Teilen den beiden Alten angemessen, viele Wiederholungen bringen schnell einen gewissen Rhythmus. Auf poetische Weise befasst Kazuo Ishiguro sich mit dem Grauen, dem Überleben und der Frage nach den Tätern – sollten sie tatsächlich ganz harmlos aussehende Menschen sein? Aufarbeiten oder besser verdrängen und weiterwandern? Axl und Beatrice wandern – bis es nicht mehr weitergeht. 

Was gibt es noch? Ich fand das Buch nicht ganz einfach zu lesen. Zum einen ist das Thema keine leichte Kost, zum anderen gingen mir die beiden schusseligen, starrköpfigen Alten am Anfang ein wenig auf die Nerven. Trotzdem entwickelte der Roman für mich eine enorme Sogwirkung – ich wollte einfach wissen, was da los ist. Es hat sich gelohnt.