Im Wald des Vergessens

Dieser kleine Text entstand ebenfalls im Märchenkurs. Die Aufgabe hieß: Die Hauptfigur hat die Aufgabe, für den kranken Vater magische Nüsse zu holen. Das Problem: Diese Nüsse liegen im Wald des Vergessens. Sobald man ihn betritt, vergisst man, was man da eigentlich wollte – doof. Da muss also der Zufall ein bisschen mithelfen. und die Eule – Eulen sind nämlich auch im Wald des Vergessens klug und zuverlässig.

So sieht mein Wald des Vergessens übrigens aus:

Bild von Pixabay

Im Wald des Vergessens

Ein Gefühl wie Watte im Kopf. Das Mädchen läuft nur noch, weil ihm nichts Besseres einfällt. Überall ist Wald, nur Wald. Hohe Bäume, weicher Boden. Ab und zu strauchelt sie über einen Ast. Die Geräusche sind fremd und machen ihr Angst. Da, ein großes Tier. Wie heißt es? Es will ihr nicht einfallen. Es dreht sich um und läuft vor ihr weg, anscheinend hat es auch Angst.

Ein anderes Tier kommt näher an sie heran. Es ist schwarz-weiß gestreift, wackelt beim Laufen und sieht eigentlich ganz freundlich aus. „Was willst du hier?“, fragt es und guckt sie durch eine Brille fragend an. Seine Stimme erinnert sie an jemanden, den sie vermisst. In ihrer Seele schmerzt es. „Ich weiß es nicht“, sagt sie und weint ein wenig. Der Schwarz-Weiße nickt nur und sieht dabei traurig aus. „Niemand weiß das hier so genau. Nur die Eule, die kennt sich aus, sagt man.“ „Was ist eine Eule?“, fragt das Mädchen und der Schwarz-Weiße zuckt mit den runden Schultern.

„Ich bin die Eule, glaube ich“, sagt da eine Stimme direkt zu den Füßen des Mädchens. Ein kleines rotes Pelztierchen sitzt dort, wedelt mit dem buschigen Schwanz und macht sich mächtig wichtig. „Ich weiß nicht, wer du bist, aber du bist bestimmt keine Eule“, meint der Schwarz-Weiße. „Ist doch egal“, sagt der Rote. „Wollt ihr Nüsse?“ Eifrig buddelt das kleine Tierchen im weichen Boden herum. „Irgendwo müssen welche sein, hab vergessen, wo.“ Es buddelt und buddelt. Das Mädchen und der Schwarz-Weiße sehen ihm dabei zu, weil sie nichts anderes zu tun haben. Endlich schreit der Rote freudig auf: Vor ihm liegt eine Art Nest mit braunen und goldenen Nüssen. „Hier, nehmt euch Nüsse. Aber passt mit denen da auf, die schmecken nicht.“ Verächtlich schiebt der Kleine die goldenen Nüsse zur Seite. „Die sind schön“, sagt das Mädchen. „Du kannst sie haben“, meint der Rote großzügig. „Sind eh nicht meine, glaube ich.“

Bilder von Pixabay

In dem Moment, als das Mädchen die goldenen Kügelchen einsteckt, hört sie über sich ein Rauschen. Sie sieht riesige gelbe Augen, die in der beginnenden Dämmerung leuchten. Angstvoll zuckt sie zusammen. „Hab keine Angst, Mädchen“, sagt der riesige Vogel mit sanfter Stimme. „Ich bin doch nur eine harmlose Eule.“ „Du bist die Eule? Du kennst dich aus, sagen sie hier. Weißt du, wo ich hingehöre?“ Die Eule nickt, schüttelt dann aber den Kopf. „Nein, nicht genau. Ich weiß aber, wo du nicht hingehörst – und das ist dieser Wald hier. Folge mir, wir gehen hier hinaus. Sobald wir auf freiem Feld sind, wird dir alles wieder einfallen.

Das Mädchen verabschiedet sich von dem Schwarz-Weißen mit der dunklen Stimme und von dem kleinen Roten, der schon wieder buddelt. Dann folgt sie der Eule, die vor ihr herfliegt und immer wieder auf sie wartet. Die großen gelben Augen leuchten dem Mädchen den Weg. Und dann endlich, als der Morgen schon dämmert, erreichen die beiden eine große Wiese. „Ich muss heim zu meinem Vater“, sagt das Mädchen. „Er ist krank.“ Die weise Eule nickt zustimmend. „Ja, das musst du. Er wartet auf dich.“

Mit den drei goldenen Nüssen in der Tasche erreicht das Mädchen den kranken Vater. Sie kommt gerade noch rechtzeitig und kann noch viele schöne Jahre mit ihrem Vater erleben.

Biografie eines Antagonisten

Vor Kurzem nahm ich an einem Workshop teil, der sich mit Märchen beschäftigete – leider waren es nur drei Abende. Mir hat der Kurs aber sehr viel Spaß gemacht, und das nicht nur, weil ich Märchen an sich gerne mag, sondern auch, weil die Aufgaben schön und etwas ungewöhnlich waren.

Unter anderem wurden wir gebeten, uns einmal von all den Heldinnen und Helden zu lösen und stattdessen – in einer Viertelstunde – die Biografie eines der Antagonisten zu verfassen. Wie wurde also die böse Stiefmutter, was sie ist, oder warum will der Wolf unbedingt Menschen fressen? Das war sehr interessant, fand ich.

cave-2706135_640

Bild von Pixabay

Der Antagonist – die ersten Jahre

Als er geboren wurde, hatte sich die Freude seiner Eltern in Grenzen gehalten. Schon das Gesicht der Hebamme hatte der Mutter verraten, dass etwas nicht in Ordnung war mit diesem Kind. Es war kleiner als normal, und irgendwie schief im Rücken. Obwohl sie es versuchte, fiel es der Mutter schwer, den schwächlichen, dürren und immer missmutig wirkenden Jungen zu lieben. Auch der Vater machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Dieses Kind würde auf keinen Fall einmal seine Schmiede übernehmen, soviel stand fest.

Und so kam es, wie es kommen musste: Als das nächste Kind kam, ein hübscher, wohlgestalteter Knabe, wurde der missgebildete Erstgeborene abgegeben. Die alte Kräuterfrau, die allein im Wald lebte, wollte ihn haben. Sie zog ihn auf und lehrte ihn allerlei über den Wald, die Kräuter und die magischen Kräfte, die man nicht sehen kann. Sie war es auch, die ihm endlich einen Namen gab: Sie nannte ihn Rumpelstilzchen.

Aus dem Kind wurde ein Mann, klug zwar, aber noch immer wenig ansehnlich. Freundlichkeit und ein heiteres Lächeln fielen ihm schwer, und obwohl er sich danach sehnte, mit jemandem sein Leben zu teilen, fand er keine Frau, die ihn heiraten wollte. Die ständigen Zurückweisungen machten ihn bitter und als die alte Kräuterfrau starb, zog er sich ganz von den Menschen zurück und lebte viele Jahre allein in einer Höhle im Wald. Er sprach mit Bäumen und Tieren und schloss ab mit seinem Traum von einem Leben mit einer Familie. Und doch war er im Inneren nicht ganz lieblos. In ihm wuchs der Wunsch, ein Kind zu haben. Jemanden, um den er sich kümmern könnte und der ihn lieben würde, so wie er war – klein, verwachsen, mit einer viel zu großen Nase und einem missmutigen Gesicht. Er wollte lieben und geliebt werden – um jeden Preis.  

Der Winter meines Lebens

Derzeit ist Winter – ganz eindeutig, In Frankfurt wird mal wieder mit Schnee gegeizt, aber einige Teile Deutschlands haben ordentlich was abgekriegt. Und wie so oft, wenn sich in Deutschland Schnee zeigt, wird viel über das Wetter gesprochen, es werden Vergleiche und Parallelen gezogen zur großen Schneemasse im Winter 1978/79. Ja, das war wohl für viele eine echte Katastrophe, die meisten Erwachsenen fanden es überhaupt nicht lustig und gerade in Ostdeutschland nahm dieser Wintereinbruch wohl katastrophale Ausmaße an. Ich aber empfand das damals ganz anders: Für mich war es der Winter meines Lebens.

20210209_184946 (2)

Ich war acht Jahre alt, als in den Weihnachtsferien 1978 das Unfassbare über uns hereinbrach. Meine Cousine Anne war zu Besuch (im Tausch war meine Schwester bei Cousine Heike) und wir wurden wach, weil irgendwelche fremd klingenden Geräusche durch das Haus klangen. Wir standen auf und guckten raus – Schnee! Und so viel! Das hatten wir komplett verschlafen! Die Geräusche kamen daher, dass meine Mutter erfolglos versuchte, irgendeine unserer Haustüren zu öffnen. Alle drei Türen – Vordertür, Terrassentür und die der Garage – waren so hoch zugeschneit, dass die Türen sich nicht öffnen ließen. Was für eine Aufregung! Mein Vater turnte also zum Küchenfenster hinaus, um eine Schaufel zu holen und zumindest eine Tür freizubuddeln. Ich wollte gleich hinterher, wahrscheinlich in Schlafanzug und Hüttenschuhen, was ich nicht durfte. Das prangere ich heute noch an, auch wenn es aus Sicht meiner Mutter natürlich verständlich war. Wir mussten frühstücken, uns waschen und anziehen, während Papa schippte. Und dann waren wir nicht mehr zu halten, wir wollten nur noch raus. Tatsächlich stapften wir durch den hohen Schnee zu Oma Erna, der wir irgendwas mitbrachten, das wir auf unseren Schlitten gelegt hatten. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber die Aufregung, den Spaß, das spüre ich noch heute.

20210209_184953

Die nächsten Tage waren toll. Anne durfte etwas länger bleiben, weil meine Eltern unnötige Autofahrten vermeiden wollten. Wir waren draußen, spielten, tobten, bauten. Natürlich waren auch die Nachbarskinder dabein und auch meine Schwester, die irgendwann wieder gegen die Cousine eingetauscht wurde, war noch nicht zu groß, um mitzumachen. Ich kann mich an Schneekugeln erinnern, aus denen wir Schneemänner bauen wollten, die dann aber versehentlich so dick wurden, dass keiner sie mehr aufeinander heben konnte. Die überall beim Räumen zusammengeschobenen Schneehaufen wurden erklettert, ausgehöhlt, berutscht. Wir rodelten am Bahndamm – wo auch sonst sollte man in Norddeutschland rodeln, wenn nicht am Deich oder am Damm? Der Schnee blieb in den Rippen der Cordhosen hängen und durchnässte alles, sodass man sich mehrmals am Tag umziehen musste. Abends waren wir total kaputt. Es war einfach großartig! Ich lächle nach innen und außen, wenn ich daran denke und darüber schreibe.

20210209_184924

Ich glaube, ein wichtiger Grund, dass ich diese tollen Erinnerungen an diesen Schneewinter habe, liegt darin, dass wir Kinder laufen gelassen wurden. Wir durften stundenlang spielen, uns vom Haus entfernen, ohne dass uns unsere Eltern immer auf den Hacken gehangen hätten. Daran musste ich heute denken, als ich irgendwo las, wie schade es doch sei, dass die Kinder gerade so viele Hausaufgaben hätten und gar keine Zeit zum Rodeln wäre. Ich saß fassungslos da und dachte nur „Hallo? Spinnt ihr? Prioritäten?“ Ganz ehrlich, Hausaufgaben können die Kinder irgendwann mal machen, dafür ist jetzt keine Zeit. Jetzt, in diesen Tagen, wenn endlich mal Schnee ist, müssen die spielen. Alle Eltern sollten ihren Kindern diese Erinnerungen gönnen – gerade in diesen Zeiten, die so schwierig sind. Es ist schon schade genug, dass die Kinder nicht wie wir damals in großen Horden herumrennen können zur Zeit. Aber mit Hausaufgaben sollte man diese wenigen wertvollen Wintertage nicht verplempern.

20210209_184905

Anmerkung 1: Leider gibt es keine Fotos von mir in diesen Schneemassen. Von heute habe ich auch keine Winterbilder. Ich habe aber kürzlich, als ich in meinen Fotoalben herumsuchte, die hier im Beitrag enthaltenen Bilder gefunden und sie heute kurzerhand abfotografiert. Sie entstanden in dem Gebiet, dass früher direkt hinter unserem Haus anfing, wenn man über den Graben gehüpft war: eine Menge Felder und Wiesen, ein bei Schietwetter echt matschiger Weg und ein kleines Wäldchen, „Töpkens Busch“. Als Kinder sagten wir „wir gehen ins Moor“, wenn wir mit anderen Kindern zusammen loszogen, um irgendwo dort zu spielen und Stunden später total dreckig und mit vollgelaufenen Stiefeln wieder heimzukommen. Diese Bilder entstanden allerdings nicht bei einer Gummistiefeltour, sondern bei einem Spaziergang mit meinem Vater im Januar 1996.

20210209_184853

Anmerkung 2: Man möge mir meine despektierlichen Äußerungen über Hausaufgaben verzeihen, ich weiß, viele Leute halten die für nützlich. Ich gehöre nicht dazu und habe selber auch ab der Mittelstufe nur noch wenige davon gemacht. Ich glaube nicht, dass es mir geschadet hat, aber darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein.

Nicht mein Körper

Mal wieder so ein Schreibworkshops-Ding: Wir sollten uns vorstellen, ein anderer zu sein. Zum Glück war es dieses Mal wenigstens ein Mensch, kein Huhn. Wieso mir dieser Kerl als erstes einfiel, weiß ich gar nicht – aber es hätte viel schlimmer kommen können.

Nicht mein Körper

Basketball auf Korb

Bild zur Verfügung gestellt von KeithJJ, http://www.pixabay.de

Mühsam werde ich wach. Es fällt mir schwer, nach dieser Nacht die Augen richtig aufzukriegen. Ganz verklebt sind sie, immer wieder fallen sie zu und ich nicke wieder ein. Die Nacht war unruhig ich habe unglaublich wirres Zeug geträumt. Mein Astral-Körper war wahrscheinlich in der ganzen Stadt unterwegs, vom Flughafen bis zum Eisernen Steg kam alles mal vor.

Es nützt nichts, ich muss mal. Mühsam rapple ich mich hoch, bleibe mit krummem Buckel auf der Bettkante hocken. Mein Blick fällt auf meine Füße – komische Latschen habe ich. Früher kamen mir die nie so groß vor. Los jetzt, hoch, das Bad ruft.

Ich trete aus dem Schlafzimmer hinaus auf dem Flur. Das ist nicht mein Flur. Meine Wohnung ist weiß gefliest, hier gibt es dunkles Parkett. Und in einer Ecke stehen mindestens sechs Paar Sportschuhe. Richtige Sportschuhe, die aussehen, als würden sie auch benutzt. Also zum Sport, meine ich. Ohne Zweifel, ich bin hier falsch. Ich versuche, den gestrigen Abend zu rekapitulieren – wie bin ich nur in diese Wohnung geraten? Gesoffen habe ich nicht, zumindest nichts Verwerfliches. Ferngesehen habe ich, „Das große Backen“ auf Sat 1, und dann bin ich ins Bett gegangen. Ob ich schlafgewandelt bin?

Ich gehe nachdenklich durch den Flur. Durch mein müdes Gehirn zuckt ein merkwürdiger Gedanke: Egal, wo das Klo hier ist, ich werde mich nicht hinsetzen. Ich wollte schon immer mal im Stehen pinkeln. Warum habe ich das nur noch nie gemacht?

Ich finde die Badezimmertür und will eintreten, doch irgendwas mache ich falsch: Mit einem „Rumms“ donnert meine Stirn an den Türrahmen. Was ist denn das für eine Tür, ist die für Zwerge gemacht?

Ich reibe mir die Stirn und krieche halb ins Badezimmer. Das immerhin ist schön groß, es gefällt mir. Mein Blick fällt in den Spiegel und schlagartig begreife ich, dass ich nicht ich bin. Ich bin ein Kerl, lang und dünn, mit kantigen Gesichtszügen. Das heißt, das ist mein Körper, oder besser nicht mein Körper. Meine Seele oder mein Geist oder was es auch immer ist, was mich ausmacht, es steckt in diesem langen Lulatsch, der mir etwas blöde aus dem Spiegel entgegenglotzt. Vor der Stirn glänzt eine riesige Beule und er nickt mir zu. „Hallo Dirk“, begrüße ich den Mann, der meinen Geist in sich trägt und noch immer auf’s Klo muss. Durch die Erledigung des dringenden Geschäfts versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Ich piesiliere jetzt übrigens doch im Sitzen, denn im Stehen wäre mir das zu intim. Ich fasse keinem fremden Mann in den Schritt. Aber ich wasche ihn, den fremden Mann, unter einer hohen Dusche mit dem Duschgel, das auf der Ablage steht. Riecht gut, finde ich. Er hat einen guten Geschmack.

Nach dem Duschen schlendere ich durch die Wohnung, sehe mir alles an. Ich finde einen Basketball – ob ich mit dem wohl was treffe? Tatsächlich, ich treffe – die Vase sollte ich wohl ersetzen. Den Ball nehme ich mit ins Schlafzimmer, wo ich mich wieder hinlege. Ich rolle den Ball auf meinem flachen Bauch herum, während ich versuche, wieder einzuschlafen. Irgendwie muss ich hier ja wieder rauskommen, aus dieser Wohnung und diesem Körper. In wachem Zustand wird das nichts. Ob Dirk Nowitzky jetzt wohl in meinem Körper steckt? Na, der wird sich wundern. Hoffentlich mag er mein Duschgel, und hoffentlich pinkelt er nicht im Stehen.

Du kannst einfach nicht widerstehen …

Sooo, diese Aufgabe ist ja einfach. Die Frage lautet, wo kannst du einfach nicht widerstehen. Also du, das bin in diesem Falle ich. Nun ja, Schokolade halt. Zumindest, wenn sie vor mir liegt. Wenn ich dafür aufstehen muss, ist das schon etwas anderes, weil faul bin ich ja auch. Also kann ich doch widerstehen, zumindest manchmal.

sheep-2592305_640

Bild von Pixabay

Und dann sind da noch Notizbücher. Die sind schon wirklich etwas, was mich anmacht. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht hunderte davon zu kaufen. Ich habe eh schon mehr, als ich in den nächsten 10 Jahren vollschreiben kann. Apropos vollschreiben – dafür habe ich jede Menge Stifte, vor allem Bleistifte und Füller. Und diverse Tinten natürlich, ist ja klar, denn ohne Tinte kann ein Füller nicht schreiben. Rein aus Nachhaltigkeitsgründen und keinesfalls aus lauter Spieltrieb nutze ich keine Plastikpatronen, sondern Tinte im Gläschen, teils mit Glitzer oder zweifarbigem Shading. Für die nächsten 20 Jahre habe ich wohl genug Vorrat. Ist ja auch wichtig, vielleicht wird Tinte irgendwann mal knapp. Kann ja überall mal Not ausbrechen, Lieferengpässe, Lockdowns, was auch immer. Zumindest bezogen auf Notizbücher, Stifte und Tinte bin ich auf alles vorbereitet.

Jaaaa, und dann ist da noch die Wolle. Dieser besondere Stoff, der wächst – mal am Schaf, mal am Strunk – manchmal aber auch künstlich hergestellt oder irgendwie gemixt wird. Je nachdem, was man hat, kann man sie filzen oder stricken. Gut, ja, oder damit häkeln, wenn man denn häkeln kann. Ich habe in der Grundschule mal einen schiefen Topflappen produziert, weitere Erfolge habe ich in Sachen Häkelarbeiten leider nicht vorzuweisen. Denn ich stricke lieber.

wool-2197757_640

Bild von Pixabay

Stricken hilft mir in unruhigen Zeiten, zur Ruhe zu kommen. Tausend Mal die gleiche Bewegung, das hat etwas sehr Meditatives. Ich kann dabei die Gedanken ziehen lassen, mir Geschichten ausdenken oder fernsehen. Ja, genau, Fernsehen, das geht natürlich auch. Muss ja nicht immer alles intellektuell anspruchsvoll sein. Einen Strumpf zu stricken, ist wenig anspruchsvoll, aber man hat hinterher was Warmes am Fuß – sowas Sinnstiftendes kriegt man mit vielen vermeintlich anspruchsvolleren Tätigkeiten nicht zuwege. Wenig Verständnis habe ich hingegen für denn Trend, Bäume oder Laternenpfähle einzustricken. Urban Knitting nennt sich das, oder auch Guerilla Knitting, so als wäre man ein großer Revoluzzer, wenn man einem Brückenpfeiler einen Nierenwärmer umlegt. Das ist irgendwie in Mode und in meinen Augen die Krönung der Sinnlosigkeit. Pure Materialverschwendung. Und Wolle verschwendet man nicht.

Für mich ist es immer etwas ganz Besonderes, Wolle auszusuchen. Damit meine ich nicht nur das in einen Laden gehen und Material zu kaufen, wenngleich das natürlich immer etwas ganz Wunderbares ist. Nein, es ist auch das Auspacken von bestellter Ware. Oder das Untersuchen eines mir völlig unbekannten Wollvorkommens. Zwei Mal schon erbte ich große Bestände an Wolle, für die jemand anderes keine Verwendung hatte. Zwei ganze Säcke voller wunderbarer Überraschungen! Gut, es war auch ein bisschen Gelerch dabei, aber irgendwas ist ja immer.

Stundenlang könnte ich Wolle sortieren, zueinander passende Häufchen zusammenlegen und überlegen, was daraus wohl werden könnte. Und dann eben dieses Auswählen, dieser finale Moment, wenn aus den Plastikkisten im Gästezimmer etwas herausgeholt wird, um zum nächsten Projekt zu werden. Mal ist es ein Knäuel, dann wieder sind es ganz viele, doch egal wie, es ist immer wieder etwas Feierliches, dieser Umzug der der Wolle aus dem Gästezimmer in die Strickarena, mein Wohnzimmer. Ich freue mich dann auf das Kommende, fasse das Material an, freue mich daran.

Ob so ein Wollknäuel auch Gefühle hat? Ob es die Erhabenheit dieses Augenblicks spürt? Es wäre ihm zu wünschen, schon allein damit es die Metamorphose von einem sachlichen, zum Knäuel gewickelten Faden in ein strukturiertes Geflecht aus ineinander verschlungenen, einander liebenden Maschen richtig genießen kann. Vom simplen Bindfaden zur Socke, das ist ein ungeheurer Aufstieg für so eine profane Faser.

Sogar Reste werden bei mir nicht verstoßen, sondern lange Jahre aufgehoben, immer wieder sortiert und kombiniert, bis eines Tages ein neues Modell daraus entsteht. Reste sind doch das Beste, meine Strickjacke könnte ein Lied davon singen, wenn sie denn singen könnte. Und auch, wenn ich für eine Wollsorte bei mir wirklich keine Zukunft mehr sehe, wird sie nicht etwa entsorgt, sondern zur Adoption freigegeben – Wolle sucht ein Zuhause. Über 20 Jahre dauerte es zuletzt, bis ich mich dazu entschließen konnte, einige große Reste weiterzugeben. Kürzlich erst war es soweit, zwei Taschen Wolle gingen zu einem Sozialprojekt, bei dem ein für Menschen stricken, die es nötig haben. Auf diese Weise wird also auch meine Restwolle noch einmal zu Ruhm und Ehre kommen. Das macht mich wirklich froh.

Gespräch auf der Parkbank

Der foilgende Text entstand als Hausaufgabe in einem Schreibworkshop. Wir sollten ein Gespräch auf einer Parkbank führen, mit einem Menschen oder ener Figur, die einem persönlich wichtig ist. Wie so oft war mir diese Aufgabe zu persönlich, ich kehre mein Inneres nicht so gerne nach außen. Und so löste ich die Aufgange einfach anders, aus purer Lust am Quatsch …

Parkbankgespräch

„Liebe Zuhörer:innen, herzlich willkommen zu einer ganz besonderen Ausgabe unserer Parkbankgespräche. Nicht nur haben wir einen ganz besonderen Gast, zusätzlich findet unser heutiges Gespräch nicht wie sonst auf einer Bank im Frankfurter Palmengarten statt, sondern wird von einem kleinen Rettungsboot mitten im Atlantik aus geführt. Vielen Dank übrigens an die Besatzung der „Rainbow Warrior“, die eine halbe Seemeile von hier bereitliegt, um uns nach Abschluss unseres Gesprächs wieder an Bord zu nehmen und sicher in den nächsten Hafen zu bringen. Und nun begrüße ich, zugegebenermaßen ein wenig aufgeregt, unseren Gast: Hallo und guten Tag, Moby Dick!“

„Guten Tag!“

Bild von Pixabay

„Herr Dick, Sie erfreuen sich seit vielen Jahrzehnten einer ungebremsten Berühmtheit, Umfragen zufolge kennen über 80% der europäischen Bevölkerung Ihren Namen und würden Sie erkennen, wenn sie Sie auf der Straße treffen würden. Ihre Lebensgeschichte wurde gleich mehrfach verfilmt. Wie gehen Sie damit um?“

„Ach wissen Sie, wenn man so aussieht wie ich, wird man auch ohne Film und Fernsehen immer erkannt. Ich habe mich damit abgefunden, mich nie ohne großes Aufsehen im Meer bewegen zu können. Mit dem Alter kommt da eine gewisse Gelassenheit. Und ich gönne es allen Kulturschaffenden, dass sie mit Hilfe meiner Geschichte ihr Brot verdienen können.“

„Erhalten Sie denn einen gerechten Anteil an den Erlösen? Wie ist das mit den Tantiemen?“

„Geld interessiert mich nicht. Ich habe ja nicht einmal Taschen, die ich mir damit vollstopfen könnte. Insofern – geschenkt!“

„Hmmm, ja, interessanter Punkt, das mit den Taschen. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Denken Sie denn, dass die Anteilnahme an Ihrem Leben dazu beigetragen hat, dass die Menschen Wale inzwischen mit anderen Augen sehen?“

„Nein, das glaube ich eher nicht. Dieser Erfolg ist sicherlich mehr auf romantische Darstellungen von Walen zurückzuführen, z. B. in Star Trek oder Free Willy. Auch Umweltschutzorganisationen haben dazu beigetragen. Hinzu kommt, dass Waltran inzwischen nicht mehr so gefragt ist. Rapsöl ist viel billiger, und für Ambra gibt es Alternativen aus dem Labor. Meine Geschichte lehrte die Menschen vielmehr das Gruseln und zeigte, dass jedes Handeln irgendwann Konsequenzen hat.“

„Wie meinen Sie das genau?“

„Naja, Käptn Ahab hat mich jahrelang mit seinem sinnlosen Hass verfolgt. Viele Narben, die Sie hier sehen, verdanke ich ihm. Zuerst habe ich versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Als dass nichts half, habe ich ihm als kleine Warnung ein halbes Bein abgerissen. Sie müssen zugeben, dass das als Äußerung meines Unmuts durchaus hätte verstanden werden können. Aber auch das hat ihn nicht gebremst, ganz im Gegenteil. Der Mann war ja regelrecht besessen von mir.“

Nicht der Atlantik, sondern Borkum

„Ja, er scheint eine gewisse Wahnhaftigkeit an den Tag gelegt zu haben, das ist in der Tat belegt und anerkannt. Aber tat es wirklich Not, gleich sein ganzes Schiff mit Mann und Maus zu versenken?“

„Jaja, ich weiß, die ewige Frage nach der Verhältnismäßigkeit und den unschuldigen Opfern. Darüber habe ich später oft nachgedacht. Gab es Unschuldige auf diesem Schiff? Haben sie sich nicht alle mit diesem wahnsinnigen Mörder gemein und sein Anliegen zu ihrem gemacht? Ich weiß es nicht. Und wenn man jahrelang verfolgt wird, nicht nur mit Kameras, wie heute, sondern lebensbedrohlich, dann liegen natürlich irgendwann auch die Nerven blank. Und dann denkt man halt, jetze isses mal grad gut und schlägt zurück. Und wenn man meine Kraft und Statur hat, geht dabei leicht was kaputt. Manchmal sogar mehr, als man erst denken würde.“

„Herr Dick, nach der Aktion mit dem versenkten Schiff hatten Sie viel negative Presse. Von Untier war die Rede, und noch andere unschöne Begriffe sind gefallen. Hat Sie das verletzt?“

„Ja, natürlich hat mich das getroffen, was für eine Frage! Man müsste ja ein Herz aus Stein haben, wenn einen das ungerührt ließe. Aber das ist Vergangenheit, Ich sehe inzwischen lieber nach vorn. Heute sind es nur noch die Kälber, die sich über mich lustig machen, genauer gesagt, über meinen Namen. Aber da sage ich immer, lieber Dick als Doof.“

„Also ein optimistischer und durchaus humorvoller Blick in die Zukunft, da freut mich. Kommen wir also zu unserer letzten Frage. Wie immer geht es dabei um einen persönlichen Wunsch. Wenn Sie also frei von allen Zwängen wären, was würden Sie gerne einmal tun?“

„Oh, das ist aber eine intime Frage. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Schon seit ich ein Kalb war, würde ich gerne einmal Kettenkarussell fahren. Das steht neben vielen anderen Dingen ganz oben auf meiner Bucket List.“

„Oh ja, das habe ich auch immer geliebt. Wir werden sehen, ob wir vom Sender Ihnen dabei behilflich sein können. Lieber Herr Dick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch, heute von unserer aufblasbaren Parkbank mitten im Atlantik.“

Mein erster Raglan-Pullover

In Pandemie-Zeiten stricke ich deutlich mehr als sonst und neben den üblichen Socken laufen noch immer die Projekte „Bestandsabbau“ und „Resteverwertung“. Dazu wollte ich etwas Neues lernen und mich mal an einem Raglan-Pulli versuchen. Das sind diese Oberteile, die nicht aus vier mehr oder minder rechteckigen Teilen bestehen, sondern die mit Schrägungen gearbeitet werden, sodass das Muster „eckig um die Schultern läuft“. Man kann das von oben oder von unten machen, alle Teile einzeln stricken oder alles in einem Stück.

Als Material suchte ich mir einen meiner merkwürdigen Restbestände aus: Vier Einzelknäule einer jeweils einfarbigen Schachenmayr Sockenwolle mit Baumwolle und Stretch, die eigentlich mal ein Kinderpulli hatten werden sollen. Bei der Größe, die das Kind inzwischen hat, hätte das jetzt nur noch für Ohrenwärmer gereicht. Hinzu kamen jeweils zwei Knäule in gelb-bunt und rot-bunt der Marke Bärengarne. Das sollten mal Schals werden. Diese Karriere blieb der Wolle verwehrt, sodass sie hier ebenfalls ihren großen Auftritt haben sollte. Als Muster wählte ich einfache Streifen, denn wenn ich mir schon mit einer unbekannten Stricktechnik die Finger brechen würde, sollte nicht unbedingt noch ein schwieriges Muster dazukommen.

Ich entschied mich für eine Raglan-Mischform, strickte zunächst Vorder und Rückenteil bis zum Beginn des Armausschnitts sowie zwei kurze Ärmelchen (ich trage gerne Dreiviertelärmel, die passen zu fast jedem Wetter). Dann hängte ich alles zusammen auf eine lange Rundnadel. Puh, was ein Geschlacker – 580 Maschen waren das insgesamt. Und dann kämpfte ich mich durch diese unendlich langen Reihen und nahm schön gleichmäßig in jeder zweiten Reihe 8 Maschen ab. Das war eigentlich nicht schwierig. Trotzdem wird das eher nicht meine Lieblingstechnik, denn obwohl die Wolle fein und entsprechend leicht war, lag das ganze Gedöns doch irgendwie schwer auf der Nadel.

Etwas geärgert hat mich zum Schluss der Halsauschnitt: Zuerst war er viel zu groß. Ich musste beim Anprobieren an eine Verwandte denken, die grundsätzlich nichts, was mal fertig war, wieder aufgeribbelt und neu gemacht hat, wenn es nicht saß. Sie zog es vor, eine Kordel durch derartige Ausschnitte zu ziehen und das Werk mit einer Schleife auf die richtige Größe zurechtzuschnüren. „Kannst ja ein Band durchziehen“, war bei uns zuhause ein geflügeltes Wort, und das war nie als ernstzunehmender Ratschlag gemeint. Also ribbelte ich zum ersten Mal, strickte noch drei Streifen, kettete nochmal ab. Gut, es passte besser, aber der Ausschnitt klappte sich irgendwie ein. Ich vernähte den Faden trotzdem und redete mir ein, dass sich das am Hals schon zurechthängen würde. Die Tatsache, dass ich den Pulli im Wohnzimmer liegen ließ und auch den Rest der rot-bunten Wolle nicht wegräumte, zeigte mir deutlich, dass das noch nicht das Ende dieser Geschichte war. Heute morgen fummelte ich also die Blende nochmal auf und strickte sie mit einigen Abnahmen neu. Und ja, jetzt passt es. Die Fäden sind vernäht, heute Nachmittag ziehe ich ihn an.

Nachtrag: Das gute Stück kratzt übrigens. Das hätte ich von der Wollmischung nicht erwartet, aber ich bin es gewohnt, dass meine empfindliche Haut bei Strickzeug gerne meckert. Es gibt also man wieder hochgeschlossenes Unterzeug drunter – ist ja genug davon im Schrank.

Nachtrag 2: Ich habe natürlich auch darüber nachgedacht, ob ein Ringelmuster das richtige ist für meine Pummelfigur. Man sagt ja, das sei nicht so. Egal – ich mag Ringel. Und ich finde, mein Pulli kleidet mich gut.

Kampf dem Lotterleben 2

Vor einigen Monaten schrieb ich den Beitrag „Kampf dem Lotterleben“, in dem ich all meine guten Vorsätze für die Zeit der Pandemiebekämpfung aufgelistet hatte. Sport wollte ich treiben, mich immer ordentlich anziehen und, und, und …

Rund zehn Monate später sieht die Sache schon wieder anders aus. Teile des Beitrages könnte man inzwischen umschreiben in „Chronik eines Verfalls“. Anderes hat ganz gut geklappt.

vegetarischer Brotaufstrich

Selbst gemachter Brotaufstrich – rote Bete-Walnuss und Karotte-Champignon. Auch für so etwas war in diesem Jahr plötzlich Zeit.

Fangen wir positiv an: Zum Beispiel die Sache mit den Kontakten. Ich habe meine persönlichen Treffen sehr weit runtergefahren, bin aber trotzdem nicht vereinsamt. Im Sommer nutzten wir mit einigen Freunden ab und zu die Gelegenheit, uns draußen zu treffen, außerdem ging ich da schwimmen und bekam so ein gewisses Maß an Bewegung.

Viele Dinge haben auch online wunderbar geklappt. Ich war noch nie so fleißig, was Schreibworkshops angeht – nach zögerlichem Anfang wurde da irgendwann richtig viel angeboten. Das strukturierte die Abende oder sogar die ganze Woche, schließlich musste man am Wochenende Hausaufgaben machen. Online-Spieleabende, gemeinsam Distanz-Fernsehen (und per WhatsApp das Gesehene diskutieren) oder einfach nur mal wieder lange telefonieren, all diese Dinge halfen mir, die Zeit nicht nur rumzubringen, sondern sie gut zu verbringen. Neues gelernt habe ich ebenfalls – so filzte ich erst kürzlich ein adipöses Seepferdchen.

Auch das Arbeiten im Homeoffice hat gut funktioniert. Ich fand schnell meinen Rhythmus – früh anfangen, recht lange Mittagspause, gerne mal zusammen mit Kollegen via Skype, und wenn Feierabend war, war Feierabend. Nur das regelmäßige Wegräumen des ganzen Gedönses zum Wochenende hat genau zwei Mal geklappt, ansonsten steht es im Weg herum. Nun ja – da die Wohnung auch sonst unaufgeräumt ist, kommt es darauf auch nicht mehr an.

Seepferdchen

Gefilztes Seepferdchen. Ein echtes Kaltblut-Seepferd – anders lässt sich diese robuste Figur nicht erklären.

Soweit, so gut also. Nun zu den Dingen, die weniger gut gelaufen sind: Sport. Ach, ach. Anfangs nutzte ich mein Ergometer mehrmals täglich, dann immer weniger. Inzwischen hängen meine ganzen Masken daran, und ein kleines Säckchen für die, die gewaschen werden müssen. Natürlich latsche ich ab und zu draußen herum und die Schwimmbäder nutzte ich, bis sie wieder schlossen, aber fitter bin ich ganz bestimmt nicht geworden.

Und auch ganz bestimmt nicht besser angezogen. Heil und sauber, diese Devise gibt es zwar immer noch, aber ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich rumlaufe wie die letzte Trümmerlotte. Noch halte ich dagegen, aber es ist nicht immer leicht. So passierte es mir nach Weihnachten, dass plötzlich keine reine Jogginghose mehr im Schrank war. Alle in der Wäsche oder besser gesagt, feucht auf dem Wäscheständer. Ich tastete alle Modelle ab – vielleicht konnte man eine am Leib trocknen lassen? Doch da ich meinen Arbeitstag nicht mit nassem Hintern verbringen wollte, sah ich von der Möglichkeit ab. Kurzfristig überlegte ich, ob ich einfach die Schlafanzugshose anlassen sollte. Sieht ja keiner im Homeoffice. Dann rief ich mich zur Ordnung und spähte nochmal in den Schrank. Schließlich hatte ich Schlafanzugstage gleich zu Beginn des Corona-Desasters explizit ausgeschlossen. Schweren Herzens beschloss ich, eine Jeans anzuziehen – schließlich wollte ich auch noch einkaufen. So gab es also auch noch einen BH sowie statt der üblichen Wollstrümpfe Socken, mit denen ich in die Schuhe passe. Und ein Shirt, das nicht aussieht, wie schon drei Jahre in der Wüste getragen. Ich muss da wirklich mal aussortieren, denn ich trage jetzt seit fast einem Jahr immer nur die Klamotten, die vorher eigentlich schon reif für den Altkleidersack waren.

Ich ging also gestern ordentlich angezogen einkaufen und brachte auch „vernünftige“ Sachen mit. Also Obst, Gemüse, was Frisches halt. Denn ich ertappte mich in der letzten Zeit auch schon ein paar Mal dabei, dass ich zu faul zum Kochen war und eigentlich gerne eine Dose aufgerissen hätte. Zum Glück habe ich immer nur sehr wenig Fertiggerichte im Vorratsschrank, sodass das im Moment nicht mehr möglich ist – Dosenessen ist alle und wird auch erst mal nicht nachgekauft. Und so kommen wir wieder zu den Sachen zurück, die gut gelaufen sind in der Pandemie: Ich habe ganz viele neue Dinge gekocht und gebacken. Nichts war misslungen, alles lecker und sicher auch leidlich gesund, mal abgesehen von der Schokoladen-Sahnetorte. Die war nur lecker. Und das ist ja auch schon was.

gefüllte Champignons

Gefüllte Champignons im Kartoffelnest – das beste Resteessen des Jahres 2020.

Nachtrag: Ich habe aus der Misere gelernt und heute neue Jogginghosen bestellt. Dafür werfe ich die, die man beim Laufen immer festhalten muss, endgültig weg. Auch das Shirt mit dem hautfarbenen Fleck (= Loch auf dem Bauch) darf endlich gehen – es hat seine Schuldigkeit getan.

Christrosen

Im Schreibworkshop sollten wir eine (weihnachtliche?) Geschichte über eine Winterpflanze schreiben. Ich entschied mich aus diversen Gründen für die Christrose …

Christrosen

Geliebte Christrosen

So, Herbert, das war’s. Das war das letzte Mal, dass ich Heide auf dich draufgepflanzt habe. Im März sind es 20 Jahre, die du hier liegst, dann machen wir das Grab weg. Man muss die Sache ja nicht unnötig in die Länge ziehen, und nochmal so viel Geld für dieses kleine Stück Acker bezahlen, wollte ich auch nicht. Wer weiß denn auch, wie lange ich es noch mache? Am Ende kommen die noch auf die Idee und legen mich nach meinem Ableben neben dich. Nein, nein, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, lieber lasse ich dein Grab planieren und fahre von dem gesparten Geld nach Bad Gögging zur Kur. Tanztee und Thermalbad, das wär‘ doch mal was. Seitdem du nicht mehr bist, kann ich mir ja ab und zu mal etwas gönnen.

Die Christrosen sehen schon gut aus in diesem Jahr, die blühen zu Weihnachten bestimmt wieder schön. Christrosen hast du geliebt früher, die hatten wir damals schon im Garten. Seitdem du hier liegst, hast du jedes Jahr diese eleganten weißen Blumen auf deinem Grab, direkt vor dem Stein, eingerahmt von etwas lila oder dunkelroter Heide. Die mochtest du nicht so gerne, aber das ist egal, schließlich muss ich mir das angucken und nicht du. Ich mag es bunt. Ja, ich weiß, fröhliche Farben mochtest du nie, du fandest alles Bunte ordinär und hättest mich am liebsten immer nur in Grau gesehen, aber ich sehnte mich schon damals nach Farben und Freude in meinem Leben. Freude, das war dir leider ein Fremdwort, zumindest, wenn jemand anderes etwas Freude haben wollte. Bei dir selbst sahst du das nicht so kritisch, du warst den Genüssen nicht so abgeneigt. Egal, ob es ums Essen oder Trinken, um Kleidung oder hübsche Sekretärinnen ging: Für den Herrn bitte nur das Beste. Die Kinder und ich hingegen sollten bescheiden sein, anständig, diszipliniert und vor allem leise.

Christrosen

Aber ich will nicht bitter klingen. Es war schon in Ordnung für mich, dir die letzten 20 Jahre deine Lieblingsblumen zu bringen und zu pflegen. Ich mag sie ja auch, die Christrosen, und das nicht nur, weil sie so rein und weiß sind, sondern vor allem wegen ihrer anderen Eigenschaften. Sie sind so herrlich giftig, Wurzeln, Blätter, Blüten, einfach alles an ihnen. Das kam mir gelegen, hatten wir doch reichlich von ihnen im Garten. Nur fünf von ihnen habe ich verarbeitet, nicht wissend, was wohl das beste Rezept sein könnte. Deshalb habe ich sie getrocknet, gestampft, gemörsert, Teile von ihnen gekocht, andere eingelegt und destilliert. Und so habe ich den herrlichsten Kräuterschnaps hergestellt, den man sich denken kann.

Ich wusste, dass du dir gar nichts aus Kräuterschnaps machst. Ich wusste aber auch, dass du niemand anderem etwas gönnst. Also habe ich meinen Schnaps in kleine Flaschen gefüllt und gesagt, er wäre für die alten Leute im Heim. Für die, die arm sind und nie Besuch bekommen. Also für jemand anderen als für dich. Als du das verstanden hast, gab es für mich ein blaues Auge – übrigens das letzte meines Lebens. Und dann hast du dir, rein aus Trotz, gleich drei Fläschchen meines wunderbaren Christrosenschnapses reingelötet, ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann ging es schneller, als ich gedacht hätte: Du bist einfach tot umgefallen. Mit dem Kopf bist du im Glastisch im Wohnzimmer gelandet, sodass ich das hässliche Ding auch gleich entsorgen konnte.

„Herzinfarkt“, hat Doktor Wolter auf den Totenschein geschrieben und mir was zum Kühlen für mein Auge gegeben. Den Rest vom Christrosenschnaps hat er mitgenommen und wahrscheinlich entsorgt, wir haben zumindest nie mehr davon gesprochen- Aber er lobt immer wieder die geschmackvolle Bepflanzung deines Grabes. Ich glaube, er mag auch Christrosen.