Wasser für die Kleinsten

Wie schon ein paar Mal erwähnt, bin ich unter die Vogelfütterer gegangen. Natürlich gehört zu meinem Vogel-Wellnesscenter inzwischen auch eine Vogeltränke. Diese hängt in Form einer Flasche mit Landestange mit am Ständer und heute sah ich zum ersten Mal eine „meiner“ Meisen am Wasser nippen.

Für die Insekten hatte ich in den vergangenen heißen Sommern immer kleine flache Schälchen aufgestellt. Das war nicht so praktisch, weil die zumeist schon ausgetrocknet waren, wenn ich von der Arbeit kam. Auch jetzt im coronabedingten Homeoffice habe ich weder Zeit noch Muße, die dauernd aufzufüllen. Also musste was anderes her: Die neue Lösung besteht in einem großen Blumenuntersetzer und gereinigten „Bastelmuscheln“. In die Schale kommen unten die Muscheln und darauf Wasser. Die umgedrehten Muscheln bilden kleine Trinknäpfe für die Kleinsten. Ich bin gespannt, ob das so funktioniert, denn die Insekten müssen ihre neue Bar natürlich im 6. Stock erst mal finden.

Wer die Wasserschale bereits gefunden hat, sind die Spatzen. Sie haben in den letzten Nächten (!) darin gebadet. Wieso sie dies nur im Dunklen tun, ist mir noch nicht so recht klar und eigentlich setzt man sich auch nicht mit dem Hintern da rein, wo andere trinken sollen, aber gut. Für Sauberkeit und Kultur sind Spatzen eher nicht bekannt. Wird halt morgens das Wasser einmal ausgetauscht – das geht ja fix.

Und jetzt warte ich auf weitere Gäste an meiner kleinen Bar. Gerne darf es auch ein Taubenschwänzchen sein – diesem ungewöhnlichen Tierchen begegnete ich kürzlich bei meiner Freundin Maike. Sie hat eine große Dachterrasse und bietet dort ganz bewusst insektenfreundliche Pflanzen an – und erfreut sich entsprechend an regem Insektenbesuch.

Taubenschwänzchen

Nachtrag: Kürzlich las ich, dass Taubenschwänzchen in Deutschland des öfteren für Kolibris gehalten werden. Ich gebe zu, mir war das Insekt auch unbekannt, aber dass es in Deutschland keine freilebenden Kolibris gibt, so viel zoologisches Wissen habe ich dann doch 🙂

Hommage auf ein Suppenhuhn

Ich esse gerne Huhn – mal als Suppe, mal als Frikassee. Zuhause bei Muttern gab es das regelmäßig. Wir wohnten auf dem Land und Hühner erhielten wir oft von Bekannten. Das waren dann „echte freilaufende Hühner“, die in Gärten herumgelaufen waren, mit Garten- und Küchenresten gefüttert wurden, Eier gelegt hatten und irgendwann, nach einem langen Leben als Legehenne, im Topf landeten. Diese Hühner waren prima, an ihnen war ordentlich was dran und meine Mutter verstand es, sie wunderbar zuzubereiten.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

In Sachen Zubereitung gehöre ich inzwischen auch zu den Fortgeschrittenen, doch leider ist das mit den guten Hühnern nicht mehr so einfach. Die komischen, kleinen Tierchen vom Rewe sind zwar spottbillig (ich konnte es kaum glauben, als ich einmal eines kaufte), doch es ist kaum was dran. Das Wenige, was dran ist, schmeckt nach nichts und ich glaube nicht, dass die mal irgendwo herumlaufen durften. Die nächste Idee, die ich hatte, war der Wochenmarkt am Südbahnhof. Dort gibt es einen Geflügelwagen und der hat auch Suppenhühner. Für ein Hühnchen von einem knappen Kilo Gewicht gab ich dort legendäre 18 Euro aus und das Tier schmeckte nicht besser als eines vom Rewe. Das war also auch nichts.

Als letzte Idee fragte ich bei meinem Lieblings-Fleischwagen auf dem winzigen Oberräder Wochenmarkt an: „Habt ihr auch Suppenhühner?“ Ich könne eines bestellen, bekam ich zur Antwort, dann würde man bei einem Bekannten fragen, ob der gerade welche hat. Das fand ich ja schon mal gut, denn wenn alles sofort verfügbar ist, bin ich bei Frischware immer etwas im Zweifel ob der tatsächlichen Frische. Ich bestellte also mein Hühnchen.

Und tatsächlich, ich bekam eines: 1.500 Gramm für – wie ich fand – moderate 13 Euro. Das sei aber jetzt das Letzte, erfuhr ich, die nächsten kämen erst im Herbst. Gut, so oft muss es ja auch kein Huhn geben. Froh trug ich meine Beute heim und machte mich dran, das wirklich schöne Huhn zu verkochen. Es war zwar kein Riesenhuhn wie seinerzeit die legendären Hennen von Leni von Loy, auch keines wie die liebevoll gehüteten Hühnchen von Papas hochbetagtem Kumpel Emil, aber es war ein sehr gutes Huhn.

Einige Tage später erzählte ich einer Freundin von meinem Kauf. Sie fand diese 13 Euro viel zu teuer, es blieb ihr fast die Luft weg. So viel Geld für ein kleines Geflügel, das könne sich ja gar nicht jeder leisten. Gut, ja, das mag stimmen, Einkäufe auf dem Wochenmarkt, egal ob Fleisch oder Gemüse, sind deutlich teurer als beim Discounter. Wenn ich aber mal rechne, was aus meinem Hühnchen geworden ist, sieht die Sache für mich deutlich anders aus: Ich kochte mein Huhn mit einem Bund Suppengemüse in einem großen Pott Wasser. Daraus entstand ein großer Pott Brühe. Einen Teil davon verarbeitete ich mit einem Großteil des Fleisches zu vier Portionen Frikassee, aus der restlichen Brühe wurde – unter Beigabe von diversem Gemüse und einem Becher Reis und ein ganz wenig vom Hühnerfleisch – ein leckerer Eintopf, der mich ebenfalls vier Mal satt machte. Ganz grob und sehr großzügig gerechnet kamen zu meinem Huhn von 13 Euro noch Zutaten für maximal 17 Euro dazu (Suppengrün, Kohlrabi, drei dicke Möhren, ein halber Blumenkohl, ein paar Tiefkühlerbsen, Reis und zwei kleine Gläser Spargel, außerdem natürlich Pfeffer und Salz). Ich hatte also acht Mal ein gutes und leckeres Essen für maximal 30 Euro – das finde ich wahrlich nicht viel. Wenn ich in Nicht-Corona-Zeiten mittags in die Kantine gehe, gebe ich im Schnitt das Doppelte aus.

Für mich hat sich mein Hühnchen bezahlt gemacht. Ich gebe lieber ein bisschen mehr aus und habe dafür etwas Gutes, als dass ich mich hinterher ärgere, weil das, was ich günstig gekauft habe, keine gute Qualität hat. Dazu kaufe ich auf unserem Wochenmarkt auch noch sehr regional ein, was mir gut gefällt. Ja, einiges ist teurer als im Supermarkt – deutlich teurer sogar. Aber ich weiß bei Vielem, was es dort gibt, wo es herkommt und auch, dass die Leute, die es angebaut haben, vernünftig bezahlt wurden.

Und ja, ich weiß, dass diese Art, einzukaufen, vielen Menschen nicht möglich ist. Gerade Leute, die im Bezug von Grundsicherung sind, erhalten viel zu wenig Geld fürs Essen, da die Sätze künstlich klein gerechnet werden. Das ist aber leider nichts, worauf ich – im Gegensatz zu meinem eigenen Einkaufsverhalten – Einfluss habe.

Sibylle Teil 4

Die letzte Aufgabe, die wir zu dieser Figur lösen sollten, war noch ein Perspektivwechsel: Wir sollten einmal den allwissenden (auktorialen) Erzähler wählen und noch ein wenig mehr von dem aufdecken, was in unserer Figur vorgeht und was sie antreibt. Und wer wüsste besser, was mit Sibylle eigentlich los ist, als der heiß umkämpfte …

Robert

Der Mann mit dem offenen Mantel ist so in seine Gedanken versunken, dass er die Frau, die das kleine Bistro im Laufschritt verlässt, überhaupt nicht wahrnahm. Er sieht auf seine Fußspitzen, läuft mechanisch, den Kopf gesenkt. Seine Gedanken sind bei Christa – und bei Sibylle. Immer das gleiche Dilemma: Sibylle und Christa, Christa und Sibylle. Er ist kein Hallodri, war nie wankelmütig, was Frauen anging. Viele Jahre lang war er seiner Frau treu, auch als es schwierig war. Durch Höhen und Tiefen, in guten wie in schlechten Zeiten. Gemeinsam Kinder bekommen, sie großziehen, Verantwortung tragen, das war für ihn immer selbstverständlich.

Er hat gearbeitet, das Geld nach Hause gebracht und sich nebenbei Gedanken um seine Frau gemacht. Sibylle, deren Stimmung schwankte wie ein Zweiglein im Wind. Erst Jahre der Euphorie, Hochzeit, das erste Kind. Gleich danach die ersten Depressionen. „Es hängt mit dem Kind zusammen“, erklärte man ihm und er war geduldig, half ihr, bis es besser und ihre Welt wieder heller wurde. Dann das zweite Kind. Zwei Jahre hielt die Dunkelheit an, und wenn er ehrlich ist, war es seitdem nie wieder richtig hell um sie beide geworden. Er hatte gekämpft, für seine Frau und um seine Ehe, hatte sie überzeugt, sich behandeln zu lassen. Schwer genug war das gewesen, sie wollte nicht von zuhause fort, machte ihm Szenen und weinte viel. Doch er hatte sich durchgesetzt und es hatte geholfen. Zwei gute Jahre hatten sie danach gehabt, Jahre, in denen sie auch mal abends ausgegangen waren, mit den Kindern in den Zoo oder ins Schwimmbad, so wie eine ganz normale Familie. Sie hatten einander wieder mit Liebe angesehen, waren ab und zu zärtlich zueinander gewesen. Und Sibylle wollte unbedingt ein drittes Kind. Sie war über 40, er fast 50.

Robert erinnert sich mit Schaudern an diese Zeit: Die Monate, in denen sie jeden Monat gebangt und gewartet hatte und ihre Tränen, wenn sie nicht schwanger gewesen war. Und dann die Euphorie, als es geklappt hatte. Sein eigenes unbehagliches Gefühl deswegen und das schlechte Gewissen darüber, sich nicht auf dieses späte Kind freuen zu können. Fast war er erleichtert gewesen, als es schief gegangen war. Noch immer schämt er sich dafür. Und noch immer trauert er um dieses Kind, das nie geboren wurde.

Noch mehr aber trauerte seine Frau. Sie zog sich völlig zurück, ging fast nicht mehr aus dem Haus, wies ihn zurück, wann immer er sich ihr nähern wollte. Richtig bösartig wurde sie ihm gegenüber, und das war neu. Beschimpfungen und Wut hatte es früher nicht gegeben. Tränen ja, aber keinen Hass.

Die Kinder zogen aus, sobald es ihnen möglich war. Sie ertrugen die dunkle Stimmung im Haus nicht mehr. Und Robert lernte Christa kennen. Christa, eine Frau, die lachte, die essen ging, ins Theater oder auch einfach mal ins Kino. Christa, die ihn fast verlassen hatte, als sie von seiner Ehefrau erfuhr, und der er nie von der Tragödie erzählt hatte, die diese Ehe für sein Leben bedeutete.

Christa und Sibylle, Sibylle und Christa: Er liebt die eine, kann aber die andere nicht verlassen. Das hat sie nicht verdient, nicht nach so vielen Jahren. Trotz allem nicht. Er weiß, sie ist krank.

Der Mann im offenen Mantel ist längst an dem kleinen Bistro vorbeigelaufen, in dem eine attraktive Frau mit einem doppelten Scotch sitzt und versucht, das eben Erlebte zu verarbeiten. Sie fragt sich, ob sie zu hart gewesen ist, ob die andere Frau mit ihren Anschuldigungen gegen sie und ihren Mann Recht haben könnte. Und sie fragt sich, ob sie diese große Liebe aufgeben sollte – für eine Frau, die ihr zutiefst unsympathisch ist.

Robert überquert eine Fußgängerbrücke, die über einen breiten Bach führt. Von der Brücke aus kann man in einen Park sehen und er bleibt kurz stehen, um den Mantel zu schließen – ihm ist kalt. Er verweilt einige Minuten, unentschlossen, was er mit sich an diesem Nachmittag anfangen soll. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie eine Frau von einer Bank aufsteht und weiter in den Park hineinläuft. Sie trägt einen Mantel in der Farbe, die er so mag. Er hat Sibylle vor Jahren einen ganz Ähnlichen geschenkt, den jedoch noch nie an ihr gesehen. Sie geht ja kaum aus dem Haus.

Sibylle Teil 3

Die dritte Aufgabe, die uns helfen sollten, unsere Figur kennenzulernen, war ein erneuter Perspektivwechsel. Wir sollten uns überlegen, wie die Szene, die die beiden Personen miteinander erlebt haben, auf andere wirkt und was sie bei jemand anderem ausgelöst haben könnte. Bei mir war es …

Der Kellner

Heute hatte Georg Zeit, die Gedanken ziehen zu lassen. Es war wenig Betrieb an diesem kühlen, etwas ungemütlichen Mittwochnachmittag. Noch dazu war er dran mit der langweiligen Arbeit – wenn so wenig los war, mussten sie ja nicht zu zweit mit Tabletts herumrennen. Er richtete Bestecksets für das Abendgeschäft, polierte die Zapfanlage und die Gläser, die aus der Spülmaschine kamen. Dann begann er, Servietten zu falten. Einfach aus Spaß und weil sonst nicht viel zu tun war, versuchte er sich an Bischofsmützen, Seerosen und Sternen, die er sorgfältig auf drei Tabletts abstellte. Die Kollegen lachten manchmal über diese verspielten Kleinigkeiten, an denen er Freude hatte, aber die Gäste mochten es. Außerdem gab diese Tätigkeit ihm ein beschäftigtes Aussehen, die Zeit verging und er hatte Muße, den Blick im Lokal herumschweifen zu lassen.

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Sehr viel zu gucken gab es nicht. Die Familie mit den zwei Kindern benahm sich unauffällig, die Kinder aßen manierlich und schienen auch sonst nicht auf Randale aus zu sein. Zwei Herren besprachen Geschäftliches, sie saßen nebeneinander und sahen beide auf den gleichen Computerbildschirm. Drei junge Frauen tranken Cappuccino, aßen Frankfurter Kranz und unterhielten sich. Alle drei wirkten ein bisschen wie Mauerblümchen, etwas unmodern gekleidet, biedere Frisuren. Georg schätzte, dass sie in einer kirchlichen Einrichtung arbeiten, diese Frauen sahen seiner Erfahrung nach immer etwas übrig geblieben aus. Und dann waren da noch zwei Damen an dem Tisch in der Fensternische. Sie waren mit Abstand die interessantesten Gäste. Die Ältere war zuerst gekommen. Georg hatte sie zuerst für eine Schnapsdrossel gehalten, denn sie hatte Sekt bestellt und das erste Glas in einem Zug hinuntergeschüttet. Für das Zweite hatte sie immerhin acht Minuten gebraucht. Als dann ihre Begleiterin kam, war auch dieses Glas schon wieder leer gewesen, aber sie hatte nichts nachbestellt. Interessant, fand Georg, und schielte über seinen Servietten zu den Damen herüber.

Die Frau, die als zweites gekommen war, war die deutlich Hübschere von den beiden. Gut gekleidet, ohne aufgedonnert zu sein. Sie war es, die der anderen die Hand entgegenstreckte und sie begrüßte. Die andere schien zu zögern, so wie ihr ganzer Auftritt mit Ausnahme ihrer Trinkgeschwindigkeit etwas Zögerliches hatte.

Georg schüttelte den Kopf wegen des absurden Gedankens, der ihm beim Anblick dieser Frau durch den Kopf zog: Denn sie erinnerte ihn irgendwie an seine Mutter. Dabei war auch sie gut gekleidet, nicht billig, wie seine Mutter früher, und sie war gut frisiert. Seine Mutter hatte schon in den 80er Jahren immer diese Alte-Damen-Dauerwellen gehabt. Eingerollt und zurückonduliert. Hätte sie das Geld gehabt, hätte sie sich das Haar wohl auch noch lila gefärbt, statt sie mausgrau zu lassen. Ihre Sehnsucht nach ein wenig Glanz im Leben ließ sich nie erfüllen, weshalb sie bevorzugt Polyesterpullover mit Pailletten oder Silberstickereien getragen hatte. Glamour aus dem Woolworth, mehr war nicht drin. Ganz anders als diese Frau an Tisch sieben – die hatte offensichtlich Geld. Das konnte es also nicht sein, was dieses komische Gefühl in ihm auslöste.

Georg sah sich die Dame noch einmal an. Die Frauen sprachen nun miteinander. Freundinnen schienen sie nicht zu sein, oder falls doch, waren sie sich gerade nicht einig. Georg kannte den Gesichtsausdruck von Leuten, die schreien wollten, sich aber scheuten, unangenehm aufzufallen. Ohne Zweifel, diese beiden Frauen sagten einander gerade irgendwelche Dinge, die nicht für aller Ohren bestimmt waren. Geschult darin, den Wünschen seiner Gäste immer nachzukommen, drehte Georg die Musik etwas lauter. „Everything I do“ von Bryan Adams lief, und danach „The winner takes it all“ von Abba.

Georg wusste jetzt, was ihn so an seine Mutter erinnert hatte: Er hatte schon bei ihrem Reinkommen diesen unzufriedenen, frustrierten Zug in ihrem Gesicht gesehen. So hatte auch die Mutter immer ausgesehen. All ihre Träume hatte sie aufgegeben. Sie waren nicht geplatzt, sondern hatten im Alltag im Plattenbau, mit vier Kindern, Haushalt, Geldmangel und einem versoffenen, untreuen Mann langsam die Luft verloren, bis nichts mehr von ihnen geblieben war als eine schrumpelige Hülle. So, wie die Dame vorhin geguckt hatte, als die jüngere Frau dazu kam, hatte die Mutter auch oft ihn, ihren Ältesten angesehen. Immer dann, wenn wieder irgendwas gewesen war – ein Streit mit dem Vater, ein Besuch des Gerichtsvollziehers oder Ärger mit einem der jüngeren Geschwister, hatte sie ein Ventil gesucht, irgendjemanden, den sie verantwortlich machen oder zumindest anschreien konnte. Und das war meistens Georg gewesen. Schließlich war er viel zu frühauf die Welt gekommen, als sie gerade 18 gewesen war, sodass sie ihre Lehre zur Fleischfachverkäuferin nicht hatte fertig machen können. Damals musste ein Mädchen noch heiraten, wenn es schwanger wurde, ganz egal, was für eine Niete der dafür verantwortliche Mann war. Seine Mutter wurde also mit seinem Vater verheiratet und sie zogen in eine Wohnung am Auenring, dem ärmlichsten Viertel der Stadt. Dort waren sie nie wieder herausgekommen. Stattdessen kamen noch drei weitere Kinder, der Vater begann zu trinken, bumste beinahe jede Nachbarin, brüllte zuhause jeden an und kotzte auch schon mal mitten in den Flur. Und die Mutter starb innerlich ab. Die Kraft zu gehen hatte sie nie. Früher hatte Georg ihr das vorgeworfen und irgendwann aufgehört, die Mutter zu lieben. Inzwischen aber, mit über 50, sah er die Sache etwas anders. Auch er hatte inzwischen Phasen in seinem Leben gehabt, in denen er einfach keine Kraft mehr gehabt hatte. Und er hatte keine vier Kinder, für die er sorgen musste, er hatte nur eine wirklich liebe Frau, die ihn immer wieder aufgerichtet hatte. Seine Mutter war inmitten der Familie allein gewesen.

Der Streit am Tisch wurde heftiger. Inzwischen hatte auch einer der Geschäftsleute schon einmal zu den Damen herübergeblickt und eines der Kinder glotzte ganz unverhohlen. Die ältere Frau sprang von ihrem Stuhl auf und wäre fast gestürzt. Das fehlte gerade noch, dachte Georg, während er zu ihr eilte, ihren Mantel vom Haken nahm und ihn ihr galant hinhielt. Sie fuhr hinein und in ihren tränenverhangenen Augen sah er einen kurzen Moment der Dankbarkeit, der sich in einem Nicken äußerte, als sie durch die aufgehaltene Tür davonrauschte.

Georg kehrte zu seinen Servietten zurück, nicht ohne zuvor mit einem routinierten Griff das leere Sektglas vom Tisch genommen und in die Spülmaschine gestellt zu haben. In Gedanken war er wieder bei seiner Mutter. 72 war sie jetzt und wohnte ganz allein in einer kleinen zwei-Zimmer-Wohnung. Der Vater hatte sich schon vor Jahren totgesoffen, doch obwohl diese Last nun von ihr genommen war, wirkte sie kein Stück zufriedener und schreckte jeden, der sie besuchte, durch ihre mürrische Art ab. Sie hatte das Glücklichsein verlernt – wenn sie es denn je gekonnt hatte.

Er räumte die Tabletts mit den gefalteten Servietten in den dafür vorgesehenen Schrank. Dann wandte er sich an seine Kollegin: „Es ist nichts los. Kommst du bis zum frühen Abend alleine klar?“ Sarah, eine patente und erfahrene Kellnerin, sah ihn neugierig an. „Ja, klar. Wir stehen uns hier zu zweit nur die Füße platt – es sei denn, es kommt gleich ein Bus. Und das ist eher unwahrscheinlich.“ Sie lächelte und sah auf die Uhr. „Olli kommt auch schon in einer Stunde. Hast du was Dringendes vor?“ Er zuckte die Schultern. „Dringend, was heißt schon dringend. Ich möchte gerne meine Mutter besuchen. Da war ich lange nicht.“ Sarah nickte nur. „Zisch ab!“

Georg hängte seine Schürze und die Weste an seinen Haken und verließ das Lokal. Er würde etwas Kuchen mitbringen – Cremetorte. Mutter liebte Cremetorte. Die war ihnen früher immer zu teuer gewesen.

Sibylle Teil 2

Die zweite Aufgabe, um die Figur Sibylle näher kennenzulernen, lautete: Bette Teile des Dialogs in eine Szene ein – was passiert da eigentlich gerade und warum? Bei mir trafen Christa und Sibylle sich in einem Bistro …

Die Andere

Es war eine dumme Idee gewesen. Sibylle hatte es schon gewusst, als sie das Treffen ausgemacht hatte – das Treffen mit ihrer Rivalin, der Geliebten ihres Mannes. Sie kannte sie nur von verwackelten Fotos, die ein Bekannter von ihr gemacht hatte. Gut sah sie aus, dunkelhaarig, schlank, mit großen Augen und immer lächelndem Mund. Sie sollte nicht lächeln, diese Frau, die ihr den Mann gestohlen hatte.

Die Handynummer hatte sie aus dem Telefon ihres Mannes geklaut. Natürlich hatte sie nicht umhin gekonnt, noch ein paar dieser Nachrichten zu lesen: viel Liebe, Schmalz und Schatzi. So hatte Robert mit ihr nie gesprochen, zumindest nicht in den letzten 10 Jahren.

Und nun saß sie also hier, in diesem Bistro. Sie war zu früh gewesen und hatte schon zwei Glas Sekt getrunken. Nicht, dass sie sich Mut antrinken musste, nein, das nicht. Sie wusste genau, was sie diesem Biest alles sagen wollte. Sie musste nur aufpassen, dass sie nicht weinen musste, dass sie der anderen nicht zeigte, wie sehr sie der Betrug ihres Mannes verletzte und sie sich vor einem Leben ohne Robert fürchtete.

Inzwischen war die Andere da. Christa hieß sie, Dr. Christa Helmig. Eine Frau Doktor also. Es war nicht die dumme Sekretärin, von der Robert zuhause immer leicht amüsiert erzählt hatte. Sie war aus der Nähe auch nicht mehr so jung, wie Sibylle anhand der Fotos gedacht hatte: Feine Fältchen zogen sich von den Augen zu den Schläfen und auch der Mund war nicht mehr so straff wie der einer 25-jährigen. Nicht mehr ganz taufrisch, dachte Sibylle leicht hämisch, doch im gleichen Moment zog ein anderer Gedanke durch ihr überreiztes Gehirn: Wenn sie fast mein Alter hat, was will er dann von ihr? Wie hatte diese Frau es geschafft, ihren Robert rumzukriegen? Sie musste ein Flittchen sein, auch wenn sie hier die Betroffene spielte und sich beinahe schon bei Sibylle entschuldigte.

„Schämst du dich nicht?“, hörte sie sich selber sagen. Sie konnte nicht anders, sie musste angreifen, musste ihren einstudierten Text beinahe schon herausschreien. Diese Frau war so anders, als sie erwartet hatte: Kein kleines Büromäuschen mit aufgespritzten Lippen, das sich mithilfe von knappen Röckchen den Bereichsleiter geangelt hatte, sondern eine selbstbewusste, offensichtlich gebildete Frau, mit der Sibylle einfach nicht konkurrieren konnte. Zumindest schätzte sie selbst die Lage so ein. Das und der Sekt machten sie aggressiv. „Du Flittchen!“, fauchte sie.

Das Gesicht der anderen – Christa – blieb ruhig. Beinahe schien sie ein bisschen nachsichtig. Mit keinem Wort ging sie auf die Beleidigungen ein. Stattdessen sprach sie aus, was Sibylle sich seit Wochen selber sagte, was sie aber nicht wahrhaben wollte: Dass nicht eine fremde Geliebte schuld war am Scheitern ihrer Ehe, sondern wenigstens auch Robert und sie selber. Robert sei immer alleine gewesen, sagte die Fremde, und sie habe sich gut mit ihm verstanden. Zunächst habe sie gar nicht gewusst, dass der Kollege verheiratet sei. Kollege, sagte sie, nicht ihr Chef. Diese Frau hatte also auch Karriere gemacht, während sie selber, Sibylle, sich um Roberts Kinder und seine Schmutzwäsche gekümmert hatte. Sie hatte das gerne getan, sie liebte die Häuslichkeit und ging nicht gerne aus. Vielleicht hatte sie sich auch ein bisschen gehen lassen in den letzten Jahren, ja, das konnte schon sein. Das war aber doch alles kein Grund, dass er mit anderen ausgehen durfte.

„Vielleicht hätten Sie ein bisschen mehr Ehefrau und ein bisschen weniger Hausfrau sein sollen“, sagte die schöne Christa und trank einen Schluck von ihrem Milchkaffee. Sibylle platzte beinahe. Vor Wut und aufgrund der aufgestauten Tränen, die ihr den Hals zuschnürten. Nicht weinen jetzt, nur nicht weinen. Sie warf der Rivalin ihre Ehe vor die Füße, sollte sie ihn doch haben, ihren untreuen Mann, diesen Verräter. Sie würde ausziehen, die Kinder waren doch eh groß und brauchten sie nicht mehr. Irgendwo würde sie schon unterkommen. Eine kleine Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad, und vielleicht einen Teilzeitjob. Unterhalt würde er ja zahlen müssen, ihr gutverdienender Ehemann, schließlich hatte sie für ihn und die Familie alles aufgegeben.

Sie musste raus aus diesem Bistro. Egal, was sie sagte, die andere blieb ruhig, konterte, ohne wirklich unfreundlich zu werden. „Dafür habe ich jetzt ihren Mann“, lautete die kurze Antwort auf den langen Monolog, den Sibylle ihr als letztes entgegengeschleudert hatte. Denn das schien ihr ganz klar zu sein: Robert war jetzt der ihre, und sie sah keinen Grund, ihn aufzugeben. Beinahe mitleidig ruhte ihr Blick auf der Geschlagenen. Sibylle knallte 20 Euro auf den Tisch und lief einfach los. Beinahe wäre sie über den Fuß des Bistrotisches gestolpert und schüttelte ärgerlich die Hand der Kontrahentin ab, die instinktiv zugegriffen und sie gestützt hatte. Sie floh aus dem Bistro, rannte in den nahen Park, setzte sich auf eine Parkbank und weinte wie schon so oft zuvor.

Sibylle Teil 1

Es gibt mal etwas Neues hier im Blog: eine Art Mehrteiler. Entstanden ist das Ganze mal wieder in einem Schreibworkshop, der sich schwerpunktmäßig mit der Figurenentwicklung beschäftigt hat. Um unsere Figur kennenzulernen, bekamen wir verschiedenen Aufgaben, die wir erfüllen sollten, ohne dabei „unsere“ Figur aus dem Blick zu verlieren. Das war unerwartet spannend.

Meine Figur heißt, wie man unschwer erkennen kann, Sibylle. Ich gestehe ehrlich, dass ich diesen Namen gar nicht leiden mag, und genauso ging es mir am Anfang mit meiner Figur. Doch sobald ich verstanden hatte, was eigentlich mit ihr los ist, änderte sich das ein wenig. Sympathisch ist sie mir nicht geworden, aber ich kann jetzt ein bisschen Verständnis für sie aufbringen.

Die erste Aufgabe hieß: Schreibe einen Dialog, in dem deine Figur sich mit der/dem Geliebten des Partners trifft.

Du kannst ihn haben!

Wirklich, Frau Petersen, ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich habe das so nicht gewollt. Ich wollte Sie nicht verletzen!

Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Bevor du dich mit einem verheirateten Mann eingelassen hast.

Aber ich wusste doch gar nicht, dass er verheiratet ist.

Das hättest du dir doch denken können. Ein Mann um die 50, in seiner Position und mit seinem guten Aussehen – der bleibt doch nicht alleine sitzen.

Aber ich wusste es wirklich nicht, zumindest nicht am Anfang. Er hätte doch auch geschieden sein können. Oder einfach Junggeselle.

Papperlapapp. Männer wie er sind keine Junggesellen – niemals! Und das ist auch ganz egal. Du hättest die Sache beenden müssen, als es dir klar wurde. Ein Familienvater – wie skrupellos kann man nur sein!

Wie gesagt, ich habe es mit nicht ausgesucht. Es ist einfach passiert.

Eine lahme Entschuldigung! Du solltest dich schämen! Sowas Niveauloses!

Naja, so wie sie mich jetzt schon wieder beschimpfen, ist das aber auch nicht sehr niveauvoll.

Werd‘ nicht frech. Ich habe mich nicht wie ein Flittchen aufgeführt. Aber es ist auch egal – du kannst ihn gerne haben.

Wie meinen Sie das?

Was, das Flittchen oder dass du ihn haben kannst?

Letzteres.

Ganz einfach: Ich will ihn nicht mehr. Du kannst ihn haben. Mit allem, was dazugehört – mit seinen Macken, dem Geschnarche, den schmutzigen Socken und zu bügelnden Hemden.

Was habe ich denn mit Roberts Socken zu tun?

Ja, denkst du, ich wasche weiterhin für ihn, wenn er mit dir ins Bett geht?

Ich habe nicht vor, für ihn zu waschen – wie kommen Sie denn auf die Idee? Ich habe auch nicht vor, Hausfrau zu werden. Sollten wir jemals zusammenziehen, muss jeder seinen Teil vom Haushalt machen. Sonst funktioniert das nicht.

Ha, da kennst du Robert schlecht! Der rührt keinen Finger im Haushalt. Du glaubst nicht ernsthaft, dass der sich ändern wird, nur weil er eine junge Geliebte um sich herum hat.

Das wird er müssen. Anders wird das nichts.

Ach, bist du naiv.

Kann sein. Aber lieber naiv als resigniert.

Wart’s nur ab. Warte, bis du zuhause sitzt, während dein Süßer mit Geschäftspartnern essen geht. Warte, bis du die ganze Woche allein sitzt, während er auf Reisen geht. Du wirst schon sehen, wie schnell man da resigniert.

Sie hätten ihn ja mal begleiten können. Ich habe gehört, dass Sie von Anfang an nie dabei waren.

Ha, ihn begleiten. Und wer wäre bei den Kindern geblieben?

Die Kinder sind 19 und 22 – oder bin ich da falsch informiert?

Ja. Das waren sie aber nicht immer. Und überhaupt, willst du mir dumm kommen?

Das ist nicht meine Absicht. Ich denke nur, dass es nicht allein meine Schuld ist, wenn Ihre Ehe am Boden ist.

Was soll das heißen?

Naja, das, was ich sage. Es ist nie einer alleine schuld. In diesem Fall haben wir wohl drei Beteiligte, und ihr Teil ist keineswegs kleiner als meiner. Ein bisschen mehr Frau und weniger Hausfrau hätte sicherlich geholfen.

Du hast ja keine Ahnung!

Kann sein. Aber dafür habe ich jetzt Ihren Mann.

Das Geheimnis

Im Schreibworkshop haben wir ein „Knickspiel“ gespielt: Jeder musste jeweils einen Begriff auf einen Zettel schreiben, umknicken, weitergeben. Der Letzte musste aus dem erhaltenen eine ganz kleine, fixe Geschichte schreiben. Aufgeschrieben wurde ein Familienmitglied, dessen Alter, eine Jahreszeit und ein Geheimnis, das diese Person in sich trägt.

Und ja, dann saß ich da – ich, die immer am liebsten irgendwelchen Blödsinn schreibt. Ich hatte die Schwester von 35 Jahren, im Sommer. Sie erschoss einen Mann im Krieg …

Na bravo – und das in 15 Minuten.

Das Geheimnis

Es war im Sommer vor über 20 Jahren. Sie war vom Garten hereingekommen, einen Korb mit Gemüse im Arm. Sie hörte diese Geräusche aus dem Schlafzimmer. Da war dieser Mann, der lag auf ihrer kleinen Schwester. Sie wusste, was er dort tat, und sie wusste, es war nicht recht. Und es war gefährlich. Sein Gewehr lag auf Mutters Frisierkommode. Die Mutter war nicht mehr da, der Vater auch nicht, sie waren irgendwann nicht mehr heimgekommen. Niemand war mehr da, um sie zu schützen.

Sie nahm das Gewehr und erschoss den Mann. Überall war Blut. Es entweihte das Zimmer der Eltern. Sie verließen das Dorf, die eine 14, die andere 12 Jahre alt. Sie schlossen sich einer Gruppe an, liefen weit, fuhren über ein Meer, lebten in einem Lager. Irgendwann kamen sie nach Deutschland. Niemals erzählten sie jemandem, was damals geschehen war. Es war ihr Geheimnis.

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Nachtrag: Ich schreibe bewusst nur sehr selten Beiträge zu solch schweren Themen in meinen Blog. Meikes bunte Welt soll unterhalten und Spaß machen. Das heißt aber nicht, dass mir derartige Dinge nicht nahe gingen oder ich darüber nicht im Bilde wäre. Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich in einem sicheren Land leben darf, in dem Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten, Schutz finden und einen Zukunft haben.

Filzen und der irre Blick

Noch immer übe ich fleißig das Filzen, es entstand daher in den letzten Wochen noch ein wenig Meeresgetier. Ich stelle allerdings immer wieder fest, dass meine Viecher nicht besonders lebensecht aussehen, außerdem habe ich noch ein arges Problem mit Gesichtern. Soll heißen, sie gucken alle irgendwie komisch 🙂 Besonders Kraken geraten mir merkwürdig, was daran liegen mag, dass Kraken auch ohne mein Zutun schon sehr merkwürdig aussehen. Ich habe meine Exemplare erst mal ins Regal gestellt und werde die Köpfchen nochmal etwas nacharbeiten, wenn mir eine Idee kommt, was da helfen könnte.

Da ist es auch ganz egal, ob ich sie mit Frisur ausstatte oder ihnen eine Knollennase verpasse – sie gucken nicht seriöser. Und dann filze und filze ich fröhlich vor mich hin und mache es manchmal immer schlimmer. So wie in diesem Fall, in dem es mir einfach nicht gelang, zwei gleich große Augen zu sticheln – also habe ich sie irgendwann ganz ungleich gemacht.

Besser gelang mir da die Qualle, was wahrscheinlich daran liegt, dass Quallen eigentlich gar keine richtigen Augen haben und man da kein Schönheitsideal im Kopf hat. Meine guckt unschuldig bis dümmlich und ich glaube, dass das dem Charakter einer handelsüblichen Qualle durchaus entspricht.

Am liebsten filze ich aber Fische. Die haben nicht unanständig viele Beine, es gibt sie in unzähligen Ausformungen und Farben und auch die Gesichter sind in der Regel nicht besonders filigran. Hier haben wir einen vierzipfeligen Grünschwanzflosser:

Ich bin also von Perfektion noch sehr weit entfernt. Spaß macht es aber immer noch. Daher werde ich emsig weiter üben, noch ein paar Fischlein basteln und mich dann, wenn die Filznadel eher dass tut, was ich mir vorstelle, mal zu den etwas realistischeren Darstellungen übergehen. Noch genieße ich mein heiteres Kunterbunt, und ich habe mich auch erst sechs Mal gestochen.

Kulturgut

Dieses kleine Geschichtchen habe ich eigentlich mal für einen Wettbewerb geschrieben, der den schönen Titel „Wir kommen in Frieden“ trug. Und dann habe ich völlig vergessen, ihn auch einzureichen. Nun gut, also soll er hier zu Ehren kommen 😊

Kulturgut

Bild zur Verfügung gestellt von Pixabay

Es war hauptsächlich einem Apfelstrudel zu verdanken, dass die kleine Gruppe der Menschen, die die Tsunami- Katastrophe im Norden Deutschlands überlebt hatte, Asyl auf dem Planeten Artis bekam. Die Artiden waren zunächst wenig begeistert von der Menschengruppe, die, größtenteils gekleidet in langweilige dunkle Kleidung, mit lautem Knall auf Artis angekommen waren.

Der Gemeinderat einer kleinen Küstenstadt hatte soeben die Sonderausstellung „Von der Seefahrt zur Raumfahrt“ im Gemeindesaal besichtigt, als unvermutet eine riesige Wasserlawine über den Ort hereingebrochen war. Man hatte in einer von Schülern gebauten Rakete Schutz gesucht. Per Knopfdruck angetrieben von einem Kerosinmotor, hob die Maschine taumelnd ab. Am verblüfftesten davon war wohl Helma Bramel, eine Putzfrau, die in der Kapsel Staub gewischt hatte. Irgendwann war die Raumkapsel auf Artis in einen Teich gefallen.

Der einzige Grund, warum die Artiden den Flüchtlingstrupp nicht sofort wieder auf den eigenen Planeten zurückschickten, war die ramponierte Raumkapsel. Niemand wusste genau, wie man dieses Ding eigentlich flog, und Kerosin gab es auf Artis auch nicht. So durften die zwölf Gestrandeten vorerst bleiben, obwohl sie das einzige Kriterium für Asyl auf Artis offenbar nicht erfüllten: Neu aufgenommene Individuen mussten der hochentwickelten Bevölkerung einen kulturellen Vorteil oder zumindest technologische Neuerungen mitbringen. Dieses war bei diesen leicht debil anmutenden Kreaturen, die seit Jahren nicht davon abließen, den eigenen Planeten zu zerstören, nicht zu erwarten.

Die Neuankömmlinge zogen sich zunächst ratlos in die ihnen zur Verfügung gestellten Behausung zurück und verharrten in Schockstarre. Alle, bis auf Helma Bramel. Der lag das Nichtstun nicht. Sie hatte die Obstbäume im Garten entdeckt und bat darum, ein paar der reifen Früchte ernten zu dürfen. Das wurde ihr bewilligt, und so erfreute sie ihre Mitreisenden mit Apfelstrudel, Pflaumentarte, Apfel-Mandelkuchen und Walnuss-Hefezopf. Wunderbare Gerüche wehten durch die Fenster und umgarnten neugierig schnuppernde Nasen. Nach und nach fanden sich Artiden, die gerne auf ein paar Worte und ein Stück Kuchen hereinkamen. Gemeinsam zu essen schafft Freundschaft und Vertrauen, gemeinsam zu kochen bringt Spaß.

Irgendwann ließen die ersten Gäste sich die Rezepte der köstlichen Gebäcke geben. Ein Freund und Förderer der Erdenmenschen sprach sich dafür aus, die Backkunst von Helma Bramel als Kulturgut anzuerkennen. Außerdem sei doch die bunte Kittelschürze, die sie bei ihrer Ankunft getragen hatte, ein außerordentlich schönes und praktisches Gewand, das nachahmenswert sei. Beidem wurde zugestimmt. Jedoch mussten die Flüchtlinge sich verpflichten, die Gesetze von Artis zu achten, sich weiterzubilden und keine Erfindungen zu verbreiten, die dem Planeten schaden könnten. So wurde man sich einig und lebte glücklich und zufrieden miteinander.

Unerreichbar

„Ach Marko, bitte! Jetzt lass es doch einfach mal klingeln!“ Genervt sah Lisa, wie ihr Freund schon wieder das Handy aus der Tasche fingerte und hektisch telefonierte. Es war mindestens das fünfte Mal heute und auch gestern schon hatte er mehr mit seinen Kollegen als mit ihr gesprochen.

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„Verkaufen, verkaufen!“, kreischte Lisa und äffte dabei Markos wichtigen Gesichtsausdruck nach. Der drehte ihr verärgert den Rücken zu und sprach noch etwas lauter als zuvor. Er wirkte angespannt und ruderte sinnlos mit den Armen. Lisa verstand die ganze Aufregung nicht. Es war ja nicht so, dass es in Markos Job um Leben und Tod ging: Er war Steuerberater, doch die ganz großen Fische waren bislang an seinem Netz vorbei geschwommen. Auch war nicht die Zeit für den Jahresabschluss.

„Was soll denn das?“, maulte Marko seine Freundin an, als er endlich fertig war. „Warum machst du dich über mich lustig?“ Lisa hatte eher eine Entschuldigung von ihm erwartet, ganz bestimmt aber keine Vorwürfe.

„Da fragst du noch? Ich hatte mich so auf diese Woche gefreut. Aber zuerst kommen wir einen ganzen Tag später los und jetzt telefonierst du alle Nase lang. So habe ich mir das nicht vorgestellt mit unserem ersten gemeinsamen Urlaub.“

Marko stöhnte. „Ach Lisa, bitte, jetzt sei doch nicht gleich eingeschnappt. in meinem Job ist es wichtig, immer verfügbar zu sein.“

Lisa rollte die Augen. „Jetzt mach dich doch nicht lächerlich, Marko. Du tust ja gerade so, als ginge es bei dir um die Rettung des Weltfriedens und nicht um die Buchhaltung der Bäckerei Biesemann!“

Marko wirkte gekränkt. „Das verstehst du nicht“, meinte er. „Ich kann in meinem Job nicht einfach zum Feierabend alles fallen lassen, bei mir geht es im Kopf immer weiter.“

Lisa grinste sarkastisch. „Das ist dann aber ein Problem deines Kopfes, nicht deines Jobs. Vielleicht sollte ich da mal Hand anlegen?“ Lisa war Gehirnchirurgin.

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Marko trottete beleidigt neben ihr her. Venedig schien für ihn heute nur aus Buchhaltung und Taubenscheiße zu bestehen – das sagte zumindest sein Gesichtsausdruck.

Lisa versuchte es nochmal: „Bitte, Marko, versteh mich doch. Meine Arbeit ist auch anstrengend und es ist für mich auch nicht leicht, frei zu bekommen. Ich möchte diese kostbare Zeit nutzen, um mich zu erholen und Zeit mit dir zu verbringen.“

Marko sah sie verbittert an. „Jaja, du willst dich erholen. Dann erhole dich doch. Du willst Zeit mit mir – bitte, hier bin ich. Du wolltest nach Venedig – ja, schön, hier sind wir. Guck dich um, überall Venedig. Was willst du denn noch?“

„Ein bisschen Spaß vielleicht? Gute Gespräche, ein paar nette Worte vielleicht sogar, ein bisschen Kultur? Vielleicht sogar hemmungslosen Sex?“

Marko stöhnte. „Jetzt hör mir doch auf mit Sex! Glaubst du, ich kann mit dir schlafen, wenn in der Firma gerade die Wagner an mir vorbeizieht?“

Lisa nickte. Sowas hatte sie sich fast gedacht. „soso, die Andrea Wagner also. Kriegt sie gerade die besseren Mandanten ab? Ist das der Grund, warum du dich so unsäglich aufführst? Konkurrenz, und dann noch von einer Frau?“

Marko sah aus, als wollte er Lisa in den Canale Grande schubsen. „Ach, was weißt du schon!“ Sein Handy klingelte.

„Wenn du rangehst, ist es aus mit uns“, sagte Lisa leise.

„Tschüss!“, fauchte Marko und drehte sich um.

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Sechs Stunden später saß Lisa auf der Terrasse des Hotels, in dem sie sich eingemietet hatte. Sie sah es gar nicht ein, den lag ersehnten Urlaub jetzt abzubrechen. Venedig konnte sie auch allein erobern. Und sie fühlte sich wohl in ihrer Haut. Sie hatte sehr gut gegessen und trank gerade das zweite Glas Rotwein. Noch war der Gedanke, plötzlich Single zu sein, ein bisschen unwirklich. Doch es fühlte sich gut an. „Besser allein, als schlecht begleitet“, hatte ihr Großvater immer gesagt.

Als ihr Handy klingelte und Markos Name auf dem Display erschien, ging sie nicht ran.