Borkum – meine Seeleninsel

Schon oft habe ich mich gefragt, welche der von mir so gerne besuchten Inseln eigentlich meine Lieblingsinsel ist. Ich denke, es ist Borkum. Und deshalb war ich besonders glücklich über die Woche, die ich kürzlich mit meiner lieben Schwester dort verbringen konnte. Für mich war es eine Wiederholung und für sie auch – aber nur bedingt. Sie war zwei Mal dort, das letzte Mal allerdings schon vor 45 Jahren. Ja, da hat sich einiges geändert.

Dünen-Gif

Wir reisten mitten in der Woche an und konnten uns gleich über ein bisschen Sonne freuen. Überhaupt war das Wetter die ganze Zeit über gut: morgens oft noch bedeckt, aber dann immer sonniger. Da die Wetter-App unserer Handys total versagte und das an keinem Tag so vorhersagte, holten wir uns gleich am ersten Tag einen krassen Sonnenbrand in unseren schönen Gesichtern. Die Sonnencreme lag derweil sicher aufgehoben im Hotel.

Türme auf Borkum, Panorama

Meine Schwester und ich wohnten wieder einmal in einem Hotel direkt am neuen Leuchtturm. Dort hatten wir zuletzt 1977 zusammen mit unseren Eltern gewohnt. Es gab viele Erinnerungen, die sich bei mir natürlich mit den Erinnerungen an Urlaube aus neuerer Zeit mischten. Meine Schwester dachte oft zurück an die vielen Kinder, mit denen wir dort gespielt hatten. Ich erinnerte mich an Mini Milk und Berry – unser damaliges Nachtisch-Eis.

Anfang des Urlaubs hatten wir viele Pläne: Inselrundfahrt, Heimatmuseum, vielleicht Aquarium. Doch dann machte das Wetter uns einen Strich durch die Rechnung, denn wir waren an jedem Tag einfach nur draußen. Mal liefen wir durch die Dünen, dann wieder schlenderten wir auf der Promenade von Bank zu Bank. Beide sind wir so veranlagt, dass wir keine große Action brauchen für einen schönen Urlaub. Es reicht uns, auf’s Meer zu gucken. Und die Sonnenuntergänge lassen bei gutem Wetter ja bekanntlich keine Wünsche offen. 

Sonnenuntergang auf Borkum

Bei Blick von der Promenade auf die Nordsee offenbarte sich, wie schnell sich die Insellandschaft manchmal verändert: Die Sandbank, auf der bei niedrigem Wasser immer ein paar Seehunde chillen, ist in den letzten Jahren sichtbar näher gekommen. Früher fuhr man mit dem Boot dahin, Anfang der 2000er Jahre war es eine längere Wanderung und inzwischen ist es ganz nah, so dass man vom Strand aus sehen kann, wie die Tiere hin- und herrobben. Manchmal schwimmt auch einer ganz nah ran und guckt rüber. Ob wir für die Tiere wohl genauso interessant sind wie sie für uns? Ob sie sowas denken wie „Oh, wie niedlich“, wenn ein kleines Kind am Strand herumspielt?

Das Borkumer Wildlife war dieses Mal friedlich: Da es nur wenige Möwen gab, hat mich ausnahmsweise mal keine ankekackt. Das ziehe ich ja sonst magisch an. Der einzige Fasan, den wir sahen, zeigte sich kamerascheu, aber die unzähligen Karnickel hoppelten fröhlich überall herum. Ich kann verstehen, dass die Borkumer sie nicht lieben, sind sie doch aufgrund ihrer reinen Anzahl inzwischen zur Plage geworden und unterhöhlen alles munter mit ihren Gängen und Kinderstuben. Doch ich habe mich immer gefreut, sie zu sehen. Selbst aus unserem Frühstücksraum heraus sah mal es fröhlich hoppeln. Leider habe ich vor lauter Niedlichkeit vergessen, welche zu fotografieren. Stattdessen knipste ich wieder einmal Blüten.

Auch kulinarisch kamen wir übrigens voll auf unsere Kosten: Wir hatten Halbpension gebucht, die in diesem Famiulienhotel solide, aber nicht aufregend ist. Wir gönnten uns aber jeden Tag eine Zwischenmahlzeit. Zumeist war die süß, denn es gibt auf der Insel unzählige Möglichkeiten, gut zu kaffeesieren und sich fest-flüssig zu versorgen. Der gelbe Schnaps namens Fasanenbrause schmeckte mir, meine Schwester fand ihn allerdings grauslich. Am allermeisten haben uns jedoch die Fischbrötchen von Hinnis Milchbar beeindruckt. Wir probierten Matjes (ich) sowie Bismarck und Krabbe (meine Schwester). Wir kamen bei allen drei Varianten zu dem Schluss: Besser geht’s nicht! (muss ich jetzt wohl „Werbung“ über diesen Post schreiben? 😉 )

Schön ausgedrückt – Wir und Sie

Lange ist’s her, doch heute gibt es mal wieder ein paar Gedanken zur Sprache. Wir und Sie – das sind zwei kurze Wörter mit sehr großer Macht.

Wir und Sie

„Wie können wir das zulassen?“, fragt der betroffen dreinblickende Schauspieler, der in einem TV-Spot um Spenden bettelt. „Wir brauchen eine einsatzbereite Bundeswehr“, sagt der bierbäuchige Stammtischler, der selber viel zu alt ist, um sich in eine Uniform zu zwängen und in irgendeinem Land durch die Wüste zu rennen. „Wir können uns einen höheren Mindestlohn nicht leisten“, behauptet der Lobbyist, der selber noch nie mit weniger als dem fünffachen des Mindestlohns auskommen musste. Wir, das schafft Nähe, das macht gleich. Zumindest soll es das.

Das genaue Gegenteil des kumpelhaften „Wir“ ist das Distanz schaffende „Sie“, umgangssprachlich gerne verkürzt auf „se“. „Da hinten ham‘ se eingebrochen“, oder auch „den Müll schmeißen se ja doch immer neben die Tonnen“. „Se“, das sind die Schlimmen, die Unanständigen. Die, mit denen „wir“ auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden wollen. „Se“, das sind „die“, also die anderen, die außen vor dem „wir“ stehen.

„Und dann wollen se alle nicht arbeiten“, sagen die, die ganz genau wissen, wie die so ticken, die anderen, die nicht dazugehören. Es ist ein einfaches Spiel, das da gespielt wird von den Aufrechten, von denen mit dem guten Blick und der Menschenkenntnis: Die da draußen, die sind nicht wie wir. Die spielen bei uns nicht mit.

Heute vor 80 Jahren

… wurde meine Mutter Ursel geboren. Sie war die Tochter von Gerhard Friedrich und Erna sowie die große Schwester von Claus und Rita.

Familie am Weihnachtsbaum

Weihnachten mit der Familie, etwa 1956

Als Kriegskind verbrachte sie die ersten Jahre nur mit ihrer Mutter. Die Zeiten waren schwierig,  aber meine Oma Erna war eine echte Löwin und brachte ihr Kind allen Widrigkeiten zum Trotz durch.

Die Mädchenjahre verbrachte Ursel zum großen Teil in der Schloßstraße in Rastede, und zwar in der Wohnung, in der ich später so oft meine Großeltern besucht habe. Anfangs wohnte die Familie beengt in zwei kleinen Zimmern in der unteren Etage, konnte später aber oben zwei Zimmer und einen großen Dachboden dazu mieten. Um in die oberen Zimmer zu gelangen, musste man lange über eine Außentreppe gehen – das hat mich als Kind total fasziniert.

In der Teenagerzeit engagierte meine Mutter sich sehr in der neuapostolischen Kirche. Dort hatte sie auch Gelegenheit, Geige spielen zu lernen. Mit 14 musste sie von der Schule abgehen, obwohl ihr aufgrund von Krankheit – sie hatte eine angeborene Hüftfehlstellung – zwei Jahre fehlten. Sie begann zunächst als Kindermädchen und Haushaltshilfe zu arbeiten und besuchte nebenher eine Haushaltsschule. Später arbeitete sie in einer Fabrik, die Einlagesohlen für Schuhe herstellte.

Mädchenchor mit Geigerin

Und dann ging meine Mutter in einem roten Kleid auf eine Hochzeit, wo sie meinen Vater kennenlernten. Es funkte nicht sofort, aber durch Zufall trafen sie sich wieder, mochten sich und wollten zusammen in den Urlaub fahren. „Das gehört sich nicht!“, fand meine Oma Erna, und so wurde zuerst geheiratet. Viele Jahre später fragte ich meine Mutter, wie sie es denn gefunden hätte, wenn ich mit 22 einen 12 Jahre älteren Witwer hätte heiraten wollen, den ich erst ein paar Wochen kenne. „Verrückt“, antwortete sie.

Auf Hochzeitsreise reisten meine Eltern nach Freilassing, wo sie Boot und Bergbahn fuhren, wanderten und mein Vater meiner Mutter das Schwimmen beibrachte.

Ursel wurde Mutter zweier Töchter: 1966 wurde meine wunderbare Schwester Ilka geboren, 1970 folgte ich. Man beachte: Das Bild mit der Familie im Wasser entstand im August 1970 auf Borkum. Da war ich schon da, aber ich durfte nicht mit! Die haben mich einfach bei Oma und Tante Rita gelassen! Da hatte ich es bestimmt gut, aber eifersüchtig bin ich doch! 😉

Immer, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, was für eine gute Ehe meine Eltern führten. Die haben sich auch mal gestritten, wegen irgendwelchem Kleinkram wie „Sollte man wirklich ein Gerüst basierend auf einer 40 Jahre alten Schranktür bauen und da noch eine Trittleiter draufstellen?“ oder „Isst man Bohnensuppe mit dem Löffel oder einer Gabel?“, aber sie waren doch immer rücksichtsvoll und einander zugewand.

Mein Vater starb 2002 an Krebs. Da war meine Mutter ebenfalls schon sehr hinfällig, ihre Multiple Sklerose machte sie zunehmend unbeweglich. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einer kleinen Einliegerwohnung bei meiner Schwester, wo sie von Ilka und ihrer Familie liebevoll umsorgt wurde. Ich fuhr hin, so oft ich konnte. In Frankfurt besuchte sie mich mit meiner Schwester tatsächlich auch zwei Mal, bereits im Rollstuhl sitzend. Das war immer etwas abenteuerlich, denn meine kleine Wohnung war dafür nicht wirklich geeignet.  Dort, wo ich jetzt wohne, ginge das besser, aber diese Wohnung konnte sie leider nur noch auf Bildern ansehen.

Über den Dächern von Frankfurt

Im Oktober 2014 war Uschis Weg zuende. Was bleibt, sind viele schöne Erinnerungen. Die Leidenschaft für’s Handarbeiten wurde mir von ihr und Oma Erna vererbt, und ich habe die beste Schwester der Welt (hier zu sehen 1976).

Zwei fremde Leben

Vor zwei Wochen hatte ich ein Erlebnis, das gleichzeitig schön, aber auch merkwürdig und irgendwie verstörend war: Ein Freund von mir hatte gemeinsam mit seiner Mutter ein Haus geerbt. Es hatte zwei hochbetagten Leuten gehört, die vor einigen Jahren verstorben waren. Dieses Haus wurde nun verkauft, und zwar so, wie es war – unrenoviert und mit Inhalt. Die Käufer hatten kein Interesse an den vielen Sachen im Haus, sodass der Freund uns vorschlug, mal durchzugehen und zu gucken, ob wir etwas haben möchten. Wäre ja gut, denn dann würde nicht alles weggeschmissen. Schön, dachte ich, das ist ja wie ein „Flohmarkt für umsonst“. Ich freute mich darauf und überlegte, dass ich vielleicht eine schöne Kaffeekanne gut gebrauchen könnte.

Zu fünft betraten wir also das fremde Haus. Ich glaube, wir Gäste waren alle ein bisschen aufgeregt, denn obwohl wir die früheren Bewohner nicht kannten und es keinerlei emotionale Bindung an das Haus und dessen Inhalt gab, hatten wir doch das Gefühl, in zwei fremde Leben einzudringen. Dementsprechend verhalten begannen wir, uns umzusehen. Zögernd wurden erste Schranktüren geöffnet. Alle hatten wir mal gelernt, dass man bei fremden Leuten nicht in die Schränke glotzt – das musste man erst mal loswerden. Wir teilten uns auf – zu dritt sahen wir uns unten um, die Herren begannen aus irgendeinem Grund mit dem Dachboden. Anfangs spähten wir immer gemeinsam in jeden Schrank, erst langsam begannen wir, auch Sachen herauszunehmen und genauer anzugucken. Jeder suchte sich eine Ecke auf einem Tisch, um das Häufchen der „will ich haben“-Sachen dort abzulegen.

Was wir fanden, war in erster Linie Geschirr. Kaffeeservice, Teeservice, Gläser – ich glaube, die Hausbewohner hätten eine Kaffeetafel für 60 Personen ausrichten können, ohne irgendwo Geschirr auszuleihen. Schnell fand ich eine hübsche Kaffeekanne. Und dann noch eine. Und noch eine. Eine Freundin nahm eine Teekanne – auch zu dem Set gab es eine hübsche Kaffeekanne. Ich zeigte ihr eine andere Teekanne – auch die fand sie schön. Unsere Stapel wuchsen. Ein schöner Kuchenteller mit Rosenmuster – hinreißend altmodisch. Eine gut dazu passende Tortenplatte – ganz entzückend. Die andere Freundin fand ebenfalls einen Tortenteller – hübsch gemustert in einem sonnigen Gelb.

Schallplatte, abgebildet Wim, Wum und Wendelin

alte Bekannte – solche Platten hatte meine Oma auch

Vieles versetzte uns mit Schwung zurück in die 70er und 80er Jahre. Erstaunlicherweise war Etliches original verpackt und offensichtlich nie benutzt worden – elektrische Bratenmesser, Brotmesser mit Scheibendickeneinsteller (mindestens zwei), etwa 15 Brotkörbe. Auch Anderes gab es in so großer Zahl, dass wir es kaum fassen konnten – was macht man denn mit mindestens 100 Untersetzern in dekorativen Schachteln? Und wie viele Spülbürsten verbraucht man Zeit eines Lebens? Warum bevorratet man so etwas? Das gute Tafelsilber lag bunt gemischt mit billigstem Besteck, wie es auf Kaffeefahrten verteilt wird, in der Lade. Ganze Bestecksets waren noch original verpackt – teils hochwertig, teils aus scharfkantigem gepresstem Blech. Zierliche Mokkasets, wie unbenutzt, und Gläser aus verschiedenen Dekaden – alles war so überreichlich vorhanden, dass man gar nicht wusste, wo man hingucken sollte. Denn im ersten und zweiten Stock ging es ähnlich weiter: von allem viel, oft so gut wie neu. Selbst im zweiten Stock fand ich noch einen Geschirrschrank, den ich aber nur kurz öffnete und dann aufgab – zu unübersichtlich war die darin aufgestapelte Masse.

Auch Andenken gab es, die wir nur ansahen, wenn sie uns direkt vor die Finger fielen. So lag auf einem Tisch eine Kinokarte aus dem Jahr 1960. Woanders sahen wir eine Postkarte, die auf 1943 datiert war. Foto- und Andenkenalben gab es ebenfalls, aber die sahen wir kaum an – das Gefühl, zu tief in die Privatsphäre fremder Menschen einzudringen, war dabei zu stark.

Am meisten beeindruckte mich jedoch die Küche: Denn hier sah man, wie das Paar, abseits von Sammelwut und Vorratsdenken, gelebt hat. Und das war anscheinend bescheiden. In den Küchenschränken befand sich einfaches, viel benutztes Geschirr. Angeschlagene Kaffeebecher und Senfgläser für die kalten Getränke. Das in den Wohnzimmerschränken war offensichtlich „für gut“ gewesen und geschont worden. Ähnlich kenne ich das von meinen Verwandten, die auch alle „das gute Geschirr“ in den Wohnzimmerschränken gehabt hatten.

alte Küche mit Blumen an den Fliesen und HähnchengrillNachdem wir unsere geplanten zwei Stunden durch das Haus gegangen waren, sichteten wir die gesammelten Werke auf den Wohnzimmertischen. Ich stellte drei Viertel wieder zurück, und so machten es auch die anderen. Nicht, weil es nicht schön gewesen wäre, sondern weil wir es nicht brauchten. Weil auch unsere Schränke schon voll genug sind und wir nicht in der Masse ertrinken wollen, wie es diesen beiden alten Menschen anscheinend passiert ist. Ich nahm eine Kaffeekanne und noch ein paar Sachen, ließ aber die Tortenteller zurück – ich habe zwei, und nie habe ich mehr als zwei Kuchen, die ich gleichzeitig anbieten müsste. Auch zwei Spülbürsten – originalverpackt – nahm ich mit. Doch ich widerstand dem Nähkasten und der Schachtel mit den vielen Rollen Nähgarn in Rottönen – so viele Knöpfe kann ich gar nicht basteln. Auch meine Freunde wählten jeweils nur einige Sachen, sodass wir später zu viert mit all unseren Schätzen in ein kleines Auto passten.

Dieser Nachmittag hat mich sehr beschäftigt und bewegt. Es war doch etwas ganz anderes als ein normaler Flohmarkt. Ich glaube, so tief war ich noch nie im Leben zweier völlig Fremder. Und ich hoffe, dass noch einige der im Haus angehäuften Sachen einen Abnehmer finden. Vielleicht kann ein Sozialkaufhaus noch etwas gebrauchen, oder die neuen Besitzer haben Spaß daran, einiges auf dem Flohmarkt oder bei Ebay zu verkaufen. Aber es ist schwierig – die Mengen im Haus sind so groß und unübersichtlich, noch dazu ist es teilweise so voll, dass man sich kaum bewegen kann. Wenn man das sortieren will, braucht man wirklich Zeit.

Laffeekanne mit blauem Muster und Saftkaraffe

Ein Teil meiner Ausbeute

Nachtrag: Ich wüsste gerne, wie es einmal sein wird, wenn mein Haushalt aufgelöst wird. Ob es mein Neffe sein wird, der durch die Wohnung streift und sich darüber wundert, was die Tante alles angesammelt hat? Oder gebe ich selber mal alles weg, um in ein Zimmerchen in einem Altenheim zu ziehen? Es ist wohl zu früh, darüber nachzudenken, aber nicht zu früh, um mal wieder auszusortieren – wehret den Anfängen!

Nachtrag 2: Ja, ich weiß, auch ich habe zu viel von allem. Besonders Bastelsachen und Wolle reichern sich bei mir an. Aber ich habe meinen Gelüsten nachgegeben und dem Freund, der uns eingeladen hat, am Tag nach der Hausbegehung eine Nachricht geschrieben: Ob er mir wohl doch noch das Nähkörbchen und die Schachtel mit den Garnrollen sichern könnte? Er kann! 🙂

Ihr größter Wunsch

Ein Märchen sollten wir schreiben im Schreibworkshop. Darin sollte einer unserer eigenen Glücksmomente vorkommen. Nun denn – ist klar, dass meine Prinzessin nicht ganz dürre ist, oder?

Ihr größter Wunsch

Es war einmal eine pummelige Prinzessin, die lebte in einem wohlgeordneten Land. Dort war alles gut für sie und sie hatte nicht zu klagen. Sie wohnte in einem Schloss mit Garten, hatte edle Speisen und schöne Kleider. Ein Dutzend Hofdamen waren um sie herum und gaben acht, dass sie sich nicht langweilte. Sie gingen mit ihr spazieren, lasen ihr vor, spielten heitere Spiele mit ihr oder sangen. Ihr heiteres Geplaudere ließ die Tage wie im Flug vergehen.

War die Prinzessin müde, brachte man sie in ihre Kemenate, wo eine Zofe ihr die Kleider abnahm, eine andere ihr den vorgewärmten Schlafanzug brachte und eine dritte ihr die Haare kämmte und unter die Nachmütze schob. Dann sangen die drei Mädchen mit ihren engelsgleichen Stimmen so lange, bis die Prinzessin eingeschlafen war. Der gleiche Gesang war es, der sie morgens weckte.

Die heitere Schar der Hofdamen

An einem Tag im Mai, als die Prinzessin gerade von ihren Damen mit Blumen bekränzt wurde, kam ein altes Weiblein des Weges. Es ging gebeugt und hatte sichtlich zu kämpfen, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Prinzessin, die von guter Art war, erhob sich von ihrem Thron und ging zu der alten Frau.

„Kommt mit mir, gute Frau, und ruht euch ein wenig aus“, sagte sie und stützte die Greisin mit ihrem rosigen Arm. Die Hofdamen waren entsetzt: „Aber Prinzessin, lasst doch die Alte. Seht ihr nicht, wie schmutzig sie ist?“ Und sie hat hier in den königlichen Gärten doch gar nichts zu suchen!“

Die freundliche Prinzessin aber hörte nicht auf sie, half der Alten auf ihren eigenen Lehnstuhl und labte sie mit Früchten und Käsewürfeln. Auch einen Kelch mit Zitronenbrause bekam die alte Frau serviert, und weil sie in ihrem fadenscheinigen Gewand fror, legte die Prinzessin ihr ihre eigene rosa Stola um die mageren Schultern.

„Ich danke dir, mein Kind. Du bist ein gutes Mädchen.“ Die Prinzessin lächelte nur und bot der Alten ein warmes Lager für die Nacht an. Das lehnte diese aber ab. „Hab Dank, mein Kind, das ist lieb gemeint. Ich habe aber noch Hund, Katz und Esel in meiner Hütte, um die ich mich kümmern muss. Deshalb will ich gleich weitergehen. Du aber nimm dieses Fläschchen von mir. Es enthält einem Kräutertrank. Wenn du den trinkst, wird dein größter Wunsch in Erfüllung gehen.“ Mit diesen Worten erhob die Greisin sich ächzend, nickte den Umstehenden zu und ging langsam, aber stetig über den königlichen Rasen. Obwohl die Prinzessin ihr mit den Augen folgte, hätte sie nicht sagen können, wohin sie schließlich verschwand.

„Die war ja merkwürdig“, fand eine der Hofdamen und eine andere meinte, dass es ja wohl unmöglich sei, dass so eine alte, schmutzige und stinkende Frau Wünsche erfüllen könnte. „Gießt das Gift lieber weg“, empfahlen sie der Prinzessin und ein Diener kam, um ihr das Fläschchen abzunehmen. Die Prinzessin hielt es jedoch fest in ihrer kleinen Hand. Sie war sehr nachdenklich.

„Wisst ihr was, Mädchen? Ich weiß gar nicht genau, was ich mir wünsche. Ich habe doch alles.“ Da wurden die Hofdamen munter und machten eine Menge Vorschläge: „Ein rosa Kleid!“, rief eine und die nächste „ein großes Diadem mit Brillanten, so groß wie Enteneier“. „Einen Prinzen hoch zu Pferde“, schlug eine vor“, ein andere rief „eine bessere Figur“, und die jüngste zwitscherte „rote Haare wären doch toll!“

Ihr größter Wunsch

Die Prinzessin saß da und betrachtete das Fläschchen. Ihre Hofdamen standen um sie herum und auch die Zofen und Diener liefen herbei, um zu helfen. Alle wollten wie sie beraten und redeten deshalb auf sie ein. Das Fläschchen, klein und unschuldig, schien zu lächeln und die Prinzessin dachte plötzlich: Es wird wissen, was mein größter Wunsch ist.

Sie zog den Stöpsel aus der Flasche, schnupperte kurz und trank dann vertrauensvoll die aromatische Essenz, die nach Kräutern, Mineralien und Beeren schmeckte. Der Hofstaat verfolgte ihr Tun mit ängstlichem Blick. Dann machte es Poff und die Prinzessin verschwand.

Sie tauchte auf einer Düne am Strand einer Insel wieder auf. Um sie herum waren kaum Menschen, und die, die da waren, nahmen keinerlei Notiz von ihr. Es gab keine Hofdamen, keine Diener, keine Zofen. In der Ferne sah sie ein kleines reetgedecktes Häuschen und wusste, dass sie dort schlafen konnte und das Nötigste vorfinden würde.

Sie blickte aufs Meer und was sie sah, gefiel ihr. Sie war noch nie an einem Strand gewesen. Dann aber horchte sie auf – einmal, zweimal, dreimal. Die einzigen Stimmen, die sie hörte, waren die der Möwen am Himmel. Es sangen nur der Wind und das Meer. Niemand redete, es gab keine Lieder. Sie setzte sich zurecht und atmete tief aus – Stille. Das war das, was sie sich wünschte, schon immer gewünscht hatte. Heute Abend würde niemand sie bedienen, niemand würde sie in den Schlaf singen. Sie war allein mit ihren Gedanken und genoss es aus vollem Herzen.

Nicht nachgedacht

Mal wieder durfte ich mich in ein Tier verwandeln. Das Problem dieses Mal: ich hatte zu wenig Zeit, um ordentlich darüber nachzudenken, und hadere deshalb mit meiner Entscheidung. Und das aus gutem Grund!

Das Reitschulpferd

Boah, diese dumme Trulla! Sitzt auf mir wie ein Sack Kartoffeln, schwankt wie ein Fähnchen im Wind und beschwert sich noch, dass es ihr nicht geschmeidig genug geht. Ist doch nicht zu fassen – dafür bin ich nicht zum Pferd geworden!

Friesenpferd mit Reiterin

„Ein edles schwarzes Friesenpferd“, hatte ich gesagt, als die Hexe mich nach meinem Verwandlungswunsch gefragt hatte. Wie blöde kann man denn nur sein? Warum hatte ich nicht Zebra gesagt, oder Dülmener Wildpferd? Nein, ich musste mich unbedingt für ein domestiziertes Zuchttier entscheiden. Gut, dass mir nicht Milchkuh als erstes eingefallen ist, oder Legehenne. Jetzt bin ich ein Reittier in einer Reitschule, und auf mir hockt die 17-jährige, hoffnungslos untalentierte Pamela und heult rum. Ich geb‘ der gleich ‘nen Grund zum Heulen!

So, einfach mal angaloppieren. Galloppel, gallopel – und jetzt bremsen. Huch, da liegt sie – so ein Pech aber auch. Der Reitlehrer schimpft, anscheinend hat Pamela was falsch gemacht. Ja, festhalten wäre halt gut gewesen. Er scheucht sie wieder rauf – aufstehen und weitermachen ist seine Devise. Am Zaun streife ich sie ab. Eigentlich ganz lustig. Trotzdem bedaure ich, dass ich mir kein anderes Tier ausgesucht habe. Eine Forelle vielleicht, die fröhlich in einem Teich wohnt und ab und zu die umliegenden Bäche erkundet. Wäre nur doof, wenn man in blau auf irgendeinem Teller landet. Brunnenkröte wäre auch hübsch gewesen, die isst zumindest keiner. Oder ein Vogel, fröhlich flatternd im kalten Wind, da kriegt man was zu sehen. Oder – auch schön – ein Meerschweinchen. Die sind niedlich, kriegen Gurke und dürfen ununterbrochen essen. Das, was sie oben reinstopfen, kacken sie unten wieder aus. Stopfmagen nennt sich das. Das kommt mir ja eigentlich entgegen. Aber ich musste mich ja für einen Pferdemagen entscheiden. Immerhin werde ich regelmäßig gebürstet, wenngleich ich glaube, dass Pamela nach dieser Unterrichtseinheit wenig Lust darauf haben wird. Ob ich sie einmal in das Matschloch im hinteren Teil der Koppel schmeißen sollte? Man muss ja das beste draus machen, aus so einem Pferdeleben. Einfach nochmal angaloppieren … Fliiiieg, Pamela, flieg!

Kleine Trösterlis

Da ich ja derzeit viel stricke, sammeln sich auch viele Reste. Wie immer tun sich die Sockenwollreste in ihrem Aufkommen besonders hervor. Immerhin elf sehr kleine Knäulchen konnte ich kürzlich verwenden: Indem ich sie zu Trompetenschnüfflern verwerkelt habe. 

Trompetenschnüffler

Antreten zum Klassenfoto!

Die Anleitung für diese lustigen Gesellen habe ich auf Ravelry gefunden. Sie werden gerne als Trösterlis für Kinder eingesetzt, beim Arzt, in Krankenhäusern nd so weiter. Sie können nämlich Sorgen wegschnüffeln. Außerdem macht es unheimlich Spaß, sie zu machen. Einer braucht nur etwa 10 Gramm Wolle, uns so entstanden aus elf Wollrestchen insgesamt 15 Schnüffler. Sie gingen gemeinsam mit meinen Spendensocken auf die Reise und ich hoffe, dass jeder von ihnen ein liebevolles Zuhause finden und dort fleißig Sorgen wegschnüffeln wird.

Verschenksocken mit Sockenbanderolen

Im Moment habe ich nicht viel Antrieb zum Schreiben, es fehlen die Anregungen. Stattdessen stricke ich viel. Da ich mich und meine Lieben nicht komplett einstricken kann, brauche ich einen andere Idee für sinnvolle Projekte. Meine Ansicht zum Einstricken von Bäumen habe ich schließlich hier schon kundgetan.

Sockenbanderolen

Und so stricke ich seit einer Weile verstärkt auch Kleinigkeiten für soziale Projekte. Warme Socken werden immer gerne genommen, und da ich diese genausogerne stricke, haben wir hier einen Match. Die oben sichtbare Ladung habe ich gerade eben zur Post gebracht, sie gehen an eine Stelle, die hessenweit verteilt. Und damit die Leute dort nicht jedes Paar nachmessen müssen, sollten sie natürlich mit der Größe gekennzeichnet sein. Dafür habe ich mir Sockenbanderolen gebastelt – einmal mit der Aufschrift „Omas Original“ und einmal unter „Warm und wollig“. Omas Original übrigens, weil ich das traditionelle Modell mit Käppchenferse stricke, nicht etwa, weil ich eine Oma wäre.

In einer Facebook-Gruppe wurde ich gebeten, die Banderolen zur Verfügung zu stellen. Das tue ich gerne. Sie sind für private, nicht gewerbliche Zwecke freigegeben und es würde mich besonders freuen, wenn sie für caritative Zwecke genutzt würden.

Ich bin alles andere als eine professionelle Grafikerin, ich habe einfach nur ein bisschen herumgebastelt. In PowerPoint 😅 Für die Banderolen wurden die folgenden Bilder benutzt:

Sockenbanderolen „Warm und Wollig“, Bilder von Pixabay: cat-1297689_640, yarn-4881118_640, cat-5149772_640, cat-5149772_640

Sockenbanderolen „Omas Original“, Bilder von Pixabay: knitting-150970_640, socks-6232258_640, man-1989145_640

 

Aufruhr in der Nacht

Es gibt Dinge, die braucht kein Mensch. Zum Beispiel das, was mir in der letzten Nacht widerfahren ist. Es war ärgerlich und hat mich um einen guten Teil meines Schlafs gebracht – das prangere ich an. Aber fangen wir von vorne an.

Suppenhuhn, Gewürze, Tomaten

Bild von Pixabay – bei mir kommen keine Tomaten ans Huhn!

Ich hatte mal wieder gekocht. So richtig, mit vorbestelltem Huhn, frischem Gemüse und so. Es wurde „Huhn im Topf“, ein Hühnereintopf nach Mutterns Rezept. Sehr gelungen übrigens, eine Portion habe ich gestern Abend schon gegessen.

Und dann nahm der Abend seinen Lauf: Volles Bäuchlein, müde, bisschen schlafen, bisschen fernsehen, bisschen stricken, wieder schlafen. Irgendwann wurde ich wach – es war schon nach Mitternacht. Jetzt aber nichts wie ins Bett! Auf dem Weg dorthin fiel mir ein, dass ich ja noch den Rest meiner Suppe in den Tiefkühler räumen wollte. Vier Tupperdosen standen nett und adrett aufgereiht zum Abkühlen in der Küche. Kühl waren sie auch, sehr gut! Ich trug sie also in mein Gäste-Wäsche-Rumpel-Abstell-Zimmerchen, um sie dort in den Tiefkühler zu stellen. Und ja, wie es dann halt so kommt: Ich öffnete den Tiefkühler und räumte ein wenig darin herum, um Platz zu schaffen. Und irgendwie – keine Ahnung, warum und wieso – geriet der Boxenstapel auf dem Tiefkühler ins Rutschen und der ganze Kram war irgendwie nicht mehr aufzuhalten. Alle viel Dosen donnerten zu Boden – Krawumm! Zwei blieben zu – sehr gut! Eine ging ein bisschen auf und ließ Brühe auf den Boden plempern. Und von der vierten Box flog der Deckel ab und ihr Inhalt verteilte sich explosionsartig im Zimmer. Zum Glück warf sich die Tür dem Inferno in den Weg und hielt das meiste auf. Es war interessant zu sehen, wie sich das Muster aus Hühnchen, Möhren, Kohlrabi und sonstigem Gedöns langsam, begleitet von fettigen Tropfen, dem Boden entgegen bewegte. Das, meine Lieben, ist Schwerkraft!

Als ich mich von meiner Schockstarre erholt hatte, rettete ich, was zu retten ist: Dosen aufheben, in die Küche schleppen, gucken, was noch drin ist, sauberwischen. Dann überlegen, wie man der Schweinerei Herr werden könnte: Ich fegte erst mal „das Dicke“ in meine Fegeschaufel, dabei immer bemüht, mit den Füßen in Wollsocken möglichst wenig in die Brühe zu treten. Dann Eimer und Feudel holen – das liebe ich besonders zu nachtschlafener Stunde. Erst die Tür oder den Boden? Ich entschloss mich für die Tür, von oben nach unten putzen habe ich mal gelernt. Ich merkte, wie mir die Brühe die Hosenbeine hochkroch. Viel heißes Wasser, angereichert mit „Der General“, half, zumindest den Anschein von Sauberkeit wieder herzustellen. Die Brüh-Socken hatte ich längst ausgezogen und gegen Badelatschen getauscht. Ich wischte die Tür, das Zimmer, den Flur, einen Teil der Küche. Und fror schlussendlich meine verbliebenen drei Portionen Hühnereintopf endlich ein.

Nach all dieser sportlichen Aktivität war ich natürlich richtig wach. Und das blieb ich auch. Ich kam nicht in den Schlaf, denn es trieben mich diverse Überlegungen um: Kleben noch Möhren unter der Tür? Wo ist noch überall Brühe, die ich nicht gesehen habe? Sollte ich das Zimmer künftig eher das Suppenzimmer oder lieber den Hühnersaal nennen? Und, der schlimmste Gedanke überhaupt: Rund ein Fünftel meines schönen, edlen Hühnchens ist ganz umsonst gestorben. Das ist ein Skandal!

Zornig guckendes Huhn

Visibile – alles ist möglich

Im Schreibworkshop ging es mal wieder märchenhaft zu. Die Aufgabe war etwas merkwürdig: Man sollte ein Fläschchen finden mit der Aufschrift „Visibile“, dass den Finder sichtbarer machen könne. Mir fiel dazu nichts ein, und da es wie immer sehr schnell gehen musste, modifizierte ich die enthaltene Substanz etwas und ließ sie das Gegenteil bewirken. Als Model diente mir meine Freundin Maike, die in einem Labor arbeitet und dort kürzlich einmal aufgeräumt hat. Auch sie fand abenteuerliche Altbestände, wenngleich nichts ganz so Wundersames dabei war wie in dieser kleinen Geschichte.

Visibile

Geheimnisvolles Fläschchen

Maria betrachtete das Fläschchen mit der merkwürdigen Aufschrift nachdenklich. Das Etikett war kaum lesbar, „Visibile“ meinte sie entziffern zu können. Es sah uralt aus. In einer anderen Umgebung hätte sie einfach den altmodischen Stöpsel aus der Flasche gezogen und einmal an dem Inhalt  geschnuppert, aber hier, beim Aufräumen des Chemikalienschrankes im biotechnischen Labor der Universität, schien ihr das nicht angeraten. Schon gestern war sie sich vorgekommen wie das personifizierte Giftstoffräumkommando, mehr als eine Dose oder Flasche hatte sie in einen sicheren, fest verschraubten Behälter gelegt und nach einem bürokratischen, festgelegten Verfahren zur Entsorgung gegeben. Und nur als das hier – Visibile.

Ihr Fund passte so gar nicht zu den ansonsten hier vorrätigen Stoffen. Die anderen Substanzen waren in nüchternen, rein praktischen Verpackungen. Dieses hier sah aus wie ein altmodischer Parfümflakon, war aus schwerem, facettiert geschliffenem Glas. Kurz dachte sie an die Professorin, die das Büro am Ende des Ganges hatte. Die roch immer nach einer Mischung aus Uralt-Lavendel und Mottenkugeln, vielleicht war das ihr Parfümflakon. Kurzzeitig war Maria versucht, es ihr einfach auf den Schreibtisch zu stellen – dann wäre sie das Problem los gewesen. Aber das war nicht ihre Art zu arbeiten. Sie sah in sämtlichen Datenbanken nach, blieb jedoch erfolglos. Also entschloss sie sich leise seufzend, noch einmal bei Jochen anzurufen, dem Spezialisten für merkwürdige Fälle. Er war es auch, der die Giftstoffe von ihr übernahm und sie fachmännisch entsorgte. Böse Zungen behaupteten, er würde die Flaschen einfach leertrinken. Das würde sein merkwürdiges Äußeres gewiss erklären, erschien Maria aber doch unwahrscheinlich.

Sie griff also zum Telefonhörer und schilderte Jochen ihren Fund. Zu ihrer Überraschung schien er sofort zu wissen, um was es sich handelte. „Das hatte ich schon vermisst“, erklärte er. „Warte, ich hole es ab.“ Nur wenige Minuten später stand der über zwei Meter lange Schlaks mit der Zottelfrisur und den düsteren Augenbrauen vor ihr. „Willst du wissen, was das ist?“, fragte er, und Maria nickte neugierig. „Komm, dafür müssen wir unter uns sein!“ Er zog sie ganz ungalant am Ärmel hinter sich her. Die Augen der Kolleginnen folgten ihnen amüsiert, denn so eifrig sah man den ansonsten immer etwas verlangsamt wirkenden Jochen selten. Er zog sie in eine Besenkammer. „Du, Jochen, halt mal, was soll das denn werden hier?“, protestierte Maria, aber er hielt den Finger an die Lippen. „Psssst, das ist geheim! Wir machen uns jetzt eine lustige Stunde!“ Geschwind öffnete er die Flasche und ehe Maria sich versah, tropfte er ihr eine winzige Menge der öligen Flüssigkeit mitten auf den Scheitel. Das Gleiche tat er bei sich selbst. Zu ihrer Verblüffung verschwand der große Mann in der Sekunde, in der „Visibile“ ihn berührte. „Häää, was ist das denn?“, fragte Maria verblüfft, und Jochen lachte. „Cool, oder? Eigentlich soll das Zeug einen zum Leuchten bringen, aber wenn man es mit Olivenöl, Arsen, Schwefel und Manukka-Honig mischt, dreht man die Wirkung quasi um und es macht unsichtbar. Ist ein altes Familienrezept, wir benutzen seit dreihundert Jahren diese Flasche und füllen immer nur nach. Und nun komm, lass uns etwas Schabernack machen!“ Jochen huschte durch die Labore und Büros und machte Unsinn. Hier plapperte er in ein Telefongespräch, dort füllte er einen Farbstoff in eine Versuchsanordnung, und in der Personalabteilung änderte er Marias Akte dergestalt ab, dass man ihr wohl demnächst den Titel „Heldin der Arbeit“ verleihen würde. Maria war hin- und hergerissen zwischen Fremdscham und Faszination, und irgendwann ließ sie sich hinreißen und füllte den Inhalt von Hildegards Locher in den automatischen Regenschirm von Doktor Wilmenroth, den sie danach sorgfältig wieder schloss. Niemals hätte sie gedacht, dass unsichtbar zu sein so einen Spaß machen konnte. Und während sie herumalberten, merkte Maria, wie zwischen ihr und Jochen ein erstes zartes Band wuchs. Sie waren Partners in Crime, und das schien ihr zumindest eine gute Basis für eine tiefe Freundschaft zu sein.