Wochenendtrip nach Göttingen

Dieses Wochenende war es endlich soweit: Meine liebe Schwester und ich trafen uns in Göttingen zu einem Mädelswochenende. Diesen Kurztrip hatte ich meiner Schwester zum 50. Geburtstag geschenkt und schlug so gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Ich hatte ein schönes Geschenk, kam mal nach Göttingen und konnte viel Zeit mit meiner Schwester verbringen. Was will man mehr?

Fachwerk, altes Rathaus, Göttingen Pünktlich um 14 Uhr trudelten wir beide am Bahnhof ein und fanden auch gleich das zentral gelegene Hotel. Es zog uns ins Freie – das Wetter war bombastisch. Und so ging unser super-entspanntest Wochenende los: Mit einem ersten Stadtbummel, Kaffeetrinken in der Sonne und vielen angeregten Gesprächen. Das Geschnatter ging sogar soweit, dass meine Stimme, noch immer etwas „spröde“, irgendwann fast völlig versagte. Eine Krähe klang wahrscheinlich melodisch gegen mich!

Am Samstag gigen wir erst mal shoppen. Dabei hatten wir allerdinge ein Problem: Das Wetter war so schön, dass wir gar keine Lust hatten, in irgendwelche Läden zu gehen. Außerdem brauchten wir nichts. Also suchten und fanden wir den alten botanischen Garten.

Hier bummelten wir eine Weile herum, lauschten einem Froschkonzert am Teich und landeten irgendwann – richtig – im Kaffee.

Das Schöne an Göttingen ist, dass die Stadt klein und „zentriert“ ist, so dass Vieles ganz gemütlich zu Fuß zu erreichen ist. Immer wieder landeten wir am alten Rathaus und dem berühmten Gänseliesel-Brunnen. Hier kraxeln fertige Doktoranden hinauf, küssen die Figur und stecken ein Blumensträußchen daran. Wir wurden Zeuge von zwei derartigen Aktionen – merkwürdig, aber irgendwie ganz niedlich.

Gut gefallen hat mir außerdem die ungewöhnliche Gastronomiedichte – die Stadt mit ihren rund 130.000 Einwohnern hat etwa 33.000 Studenten, die natürlich alle ausgehen wollen. Dementsprechend fiel es uns nie schwer, etwas nach unserem Geschmack zu finden – und es gibt in Göttingen auch etwas für jeden Geldbeutel. Wir aßen im Nudelhaus und ließen den Abend später im Hotel mit einigen Gläsern „Rödelseer Schwanleite“ ausklingen. Das erinnerte mich massiv an Loriot …

Die vielen Studenten in Göttingen können inzwischen natürlich jede Menge unterschiedliche Fächer studieren. Bei der Stadtführung am Sonntag lernten wir, dass es früher anders war: Es gab nur vier Fächer (dargestellt im Relief oben), in denen alles enthalten war, was es damals zu lernen gab. Es gab Medizin, Philosophie, Theologie und Jura, wobei z. B. die Naturwissenschaften mit im Bereich Medizin gelehrt wurden, Sprachen hingegen bei der Philosophie. Das klingt mir nach einem ganz schön vielseitigen Studium, dazu hätte ich Lust – aber ich hätte nicht gedurft. Bin ja nur eine Frau … 😦

Außerdem lernten wir während der Führung noch allerhand über Fachwerk. Wann ist ein Stockwerk ein richtiges Stockwerk und wann nur ein Geschoss? Und warum heißt das überhaupt „Geschoss“? Ich konnte mir die Ausführungen unseres Stadtführers nicht ganz genau merken, aber es hatte etwas mit den Querbalken des Fachwerks zu tun – aufgestockt und durchgeschossen, oder so ähnlich.

Und wir erfuhren, dass Göttingen früher schon bekannt war für seine Wurst. Hm … hätten wir das vorher gewusst, hätten wir mal eine gegessen. Das Wurstplakat oben wurde bei Restaurierungsarbeiten gefunden und in einem Innenhof wieder aufgehängt, zusammen mit einigen Fliesen aus der alten Metzgerei.

Göttingen hat mir wirklich gut gefallen: Klein und niedlich, alt, aber nicht verflossen. Natürlich tat das Wetter das Seine dabei – so ein Glück muss man erst mal haben.

Müde sein

Dieser Frühling hat mir etwas Feines mitgebracht: Grippe, entzündete Mandeln, bellenden Husten und Heiserkeit. Fieber und bleischwere Müdigkeit. Zwei Wochen wie ein nasser Lappen mal im Bett, mal auf dem Sofa. Ab und zu auch mal im Bad, aber das ist eigentlich zu anstrengend. Einfach nur hinüber. Der verbliebene Intellekt reicht gerade so für RTL 2: Da renovieren die immer Häuser, und wenn sie fertig sind, weinen alle. Immerhin, das kann ich auch.

Komisch eigentlich – warum dauert das denn so lange? Wieso habe ich keine Lust, den Lesestapel abzuarbeiten oder Strümpfe zu stricken? Ich habe den Verdacht, dass ich mich gehen lasse, und fühle mich unwohl dabei. Noch unwohler als ohnehin schon. Schließlich warten die bei der Arbeit auf mich, die können doch gar nicht ohne mich. Hoffentlich geht die Firma nicht bankrott in dieser Zeit. Was bloggen sollte ich auch mal wieder, und ein paar Geschichten schreiben. Wenn nicht jetzt, wann dann – ich habe doch Zeit. Warum verschwende ich die denn mit schlafen?

Dann irgendwann soll es wieder gehen, beschließe ich. Aber so richtig geht es nicht – es schleppt sich nur. Müde, matt und schlapp – das kann doch nicht sein? So alt bin ich doch noch nicht? Kann mal jemand den Husten wegmachen und meine Stimme ölen? Ich versuche den alten Trick mit dem Apfelwein: hilft nix. Tee aber auch nicht. Und Honig, der mir immer wieder angepriesen wird, kann ich einfach nicht leiden – damit fangen wir gar nicht erst an! Soweit unten bin ich noch nicht!

Treu und brav latsche ich jeden Tag zur Arbeit, krächze mich durch den Tag und versuche, möglichst unauffällig zu husten. Abends bin ich müde und wenn ich einen halben Kilometer gegangen bin, schwitze ich theatralisch vor mich hin. Ich muss den Dingen wohl einfach mal ihren Lauf lassen: Abwarten, ausruhen, liegen lernen. Soll ja ganz heilsam sein.

 

Fazit dieser Litanei: Es ist in meiner bunten Welt derzeit etwas ruhiger. Keine Sorge, ich lebe noch – nur derzeit etwas langsamer.

Brusthaar

Kürzlich erzählte ich einigen Freunden aus meiner „Bildungsfernsehen“-Gruppe, dass ich mich am Vormittag mal wieder den Jugenderinnerungen hingegeben und im Fernsehen zwei Folgen „Baywatch“ geguckt hatte. Das wird derzeit auf Nitro wiederholt und war mir in meiner weit entfernten Jugend sehr wichtig – und das nicht wegen der Brüste von Pamela Anderson. Die Reaktion aus der Bildungsfernsehen-Gruppe war ungläubig: Sie reichte von einem wilden Johlen bis hin zu Roberts Frage: „Hast du denn gar keinen Stolz?“ Bemerkenswert, diese Reaktionen, ist es doch gerade diese Runde, mit der ich mir schon den Super-Shark und ähnliche Kunstwerke zu Gemüte führte. Jemand führte auch an, dass diese Serie doch veraltet sei, schließlich gäbe es inzwischen einen neuen Spielfilm, der sich irgendwie an die Serie anlehnt. Doch dieses Argument zog bei mir nicht.

Bild „Liegender“ zur Verfügung gestellt von Telemarco, http://www.pixelio.de

Ja, es gibt einen neuen Spielfilm, und ja, die Leute dort tragen rote Badekleidung und es sind hübsche Jungs dabei. Aaaaaber: Das ist alles ganz anders, die haben nämlich alle kein Brusthaar. Einer hat nicht mal Haupthaar, aber da will ich nicht kleinlich sein, sowas kommt im Alter ja vor. Aber dieses fehlende Brusthaar zeigt mir deutlich, wie sie die Mode und das Schönheitsempfinden in den vergangenen 20 … ääähhh … ne, huch, fast 30 Jahren verändert haben. Der Oberbademeister damals trug eine üppige Lockenpracht auf dem Kopf und fast genauso ein Lockenfell auch auf der Brust, und genauso muss das für mich sein.

Um es ganz klar zu sagen: Ich bin keine Körperbehaarungsfetischistin. Ich finde nicht, dass der menschliche Körper völlig haarlos sein muss (Menschen, die „iiiihhhh“ schreien, wenn eine Frau mit unrasierten Beinen gesichtet wird, haben meines Erachtens einen an der Waffel!), ich bin aber auch kein Fan von gorillaähnlicher Rückenbehaarung. Im Grunde ist es mir egal, ob da Haar ist oder nicht. Mir fällt aber auf – schließlich gehe ich oft schwimmen – dass die früher oft üppige Brustbehaarung bei Männern inzwischen besonders bei den jüngeren Jahrgängen deutlich nachlässt. Offenbar hat auch sie das Enthaarungsdiktat, mit dem sich Frauen seit vielen Jahren gemäß Modezeitschrift, Beautyblogs und Kosmetikindustrie herumschlagen sollten, inzwischen erreicht.

Dementsprechend fällt es einem inzwischen auf, wenn sich irgendwo eine Locke hervorkringelt, wo man nicht damit gerechnet hätte. Gut, eigentlich denke ich nicht darüber nach, ob es irgendwo Brusthaar gibt oder nicht, aber als kürzlich ein leger gekleideter Kollege die üppige braune Pacht aus dem V-Ausschnitt hervorwallen ließ, war ich schon etwas verblüfft. Und ich dachte während der Besprechung etwas off topic darüber nach, wie ich mir die Brust dieses Kollegen eigentlich vorgestellt hätte. Und ja, tatsächlich, mein Gehirn hat die modischen Veränderungen der letzten 30 Jahre mitgemacht und signalisierte mir, dass in meiner Vorstellung diese Brust hätte nackt sein müssen – keine Locken, kein Wallewalle.

Und so diskutierte ich den neuen Baywatch-Film nochmal mit Bildungsfernsehen-Mitglied Maike: Wir kamen überein, den neuen Film irgendwann in unser Bildungsfernsehen-Programm aufzunehmen – man muss ja Neuerungen gegenüber offen sein.

Fundstücke 57: Déjà-vu

Da mich ein grauslicher Infekt komplett von den Füßen gerissen hat, gibt es heute nur ein kleines Fundstück aus Wien: Über diesen Laden grübelten die ewige Antje und ich eine Weile nach. Was mochte hier verkauft werden?

Ein kurzer Check des Schaufensters brachte Gewissheit: Dies war ein simpler Second-Hand-Shop, im Volksmund auch „Gebrauchtwarenladen“ genannt. Nun, wichtig ist, was man draus macht …

Was kommt als nächstes?

Ich kenne mich ja im Internet recht gut aus. Unter anderem weiß ich, dass Vermarkter, die Werbung ausspielen, dieses gerne aufgrund der Analyse meiner gespeicherten Daten tun – soweit, so gut. Im Grunde habe ich da gar nichts dagegen, ich gucke mir nämlich deutlich lieber Werbung für Strickwolle an als für Autoreifen (denn isch abe gar kein Auto). Umso verwirrter war ich heute, als immer die gleiche Plattform mir das folgende Werbesortiment präsentierte:

Elektromobil

Ein Elektromobil in Rot, mit Armlehnen und Einkaufskörbchen – nein, soweit bin ich noch nicht, das will ich nicht haben. Ich bin zwar schon mal auf so einem Ding gefahren, aber das war das von meiner Mutter, das frisch geliefert worden war. Noch ist das nicht nötig, vielen Dank.

Elektromobil

Und nein, auch in Silber brauch ich so ein Mobil nicht, im Gegenteil. Das ist ja noch schlimmer! Nicht mal ein Fuchsschwanz könnte das Ding aufwerten, wenngleich ich es gut finde, dass es diese Gefährte für Senioren gibt. Aber halt nicht für mich – hoffentlich noch ganz lange nicht!

Weiter ging es mit Liebe und so …

Ähhh, ja. Was soll man dazu sagen. Irgendwie muss die Verhaltensdaten-Bewertungs-Maschine geschlussfolgert haben, dass ich über 50 bin. Bin ich noch nicht. Nicht, dass ich es schlimm fände, wenn es so wäre, aber ich frage mich die ganze Zeit, was ich im Netz gemacht habe, dass die mich so einschätzen. Vielleicht, weil ich die ganzen Blues-Musiker gegooglet habe? Oder das Rezept für die Eierlikör-Muffins angeguckt habe? Man weiß es nicht … Schade ist halt, dass die mir nicht den passenden Kerl dazu zeigen, sonst könnte ich zumindest darüber nachdenken, mich älter zu machen.

Treppenlift

Na toll, Treppenlifte. Immer noch surfe ich auf der gleichen Seite herum (Twitterperlen). Wirke ich denn wirklich so fußlahm? Ich frage mich mal wieder, was als nächstes kommt – Inkontinenzeinlagen vielleicht? Oder zeigen die mir demnächst Schuhe und Jacken in Beige?  Urnen oder gar das Beerdingungskomplettset „Heute zahlen, morgen sterben“? Mich kann nichts mehr überraschen, denke ich.

Doch dann sehe ich die nächste Anzeige, und die verblüfft mich nun doch:

Ich muss gestehen, ich habe da nicht draufgeklickt – zu sehr unterscheidet sich diese Anzeige von meinen sonstigen Präferenzen und das Angebot sieht ein bisschen so aus, als würde man sich dadurch Hard- und Software mit irgendwelchen Seuchen infizieren. Ich überlege aber, den Balkon zum Wintergarten umzurüsten und einmal ein paar Pflanztöpfchen aufzustellen. Wer möchte schließlich nicht reich werden?

Rockin the Blues!

Rockin the Blues, Batschkapp

Gestern war ein besonderer Abend: Die ewige Antje und ich waren auf einem Bluesfestival in der Batschkapp. Drei Musiker nebst Bands und Gast gaben sich die Ehre und ich muss sagen, ich habe schon lange, vielleicht sogar noch nie, ein Konzert mit derart viel „Bumms“ erlebt.

Den Anfang machte Gary Hoey mit Band. Vom ersten Ton an ging es zur Sache – unglaublich, wie drei kleine Musiker eine doch recht große Halle ausfüllen können. Virtuoses Gitarrenspiel, Gesang und eine gesunde Portion Humor machten Spaß und Lust auf mehr.

Der zweite auf der Bühne war der junge Quinn Sullivan, der ganz gewiss ein Ausnahmetalent ist. Er kam poppiger daher als sein Vorgänger, aber nicht weniger kunstfertig.

Quinn Sullivan

Und als dritter kam Eric Gales an die Reihe, ein echter Gitarrenkünstler, der es leider nicht lassen konnte, die werte Gemeinde über sein schweres Leben und so aufzuklären. Doch die Musik war klasse – wieder ganz anders als bei den beiden zuvor.

Als Gast kam Lance Lopez auf die Bühne, der mit der Band von Eric Gales spielte. Das Finale wurde nahtlos, ohne weitere Umbaupause, eingeläutet und ehe man sich versah, waren alle vier Gitarristen gemeinsam auf der Bühne. So viel Rhythmus, so viel Power – man wurde ganz besoffen davon. So bekam das Konzert seinen würdigen Abschluss. Das unten eingebundene YouTube-Video stammt von einem Auftritt aus Dortmund.

Gary Hoey

Abgesehen von der fantastischen Musik gab es natürlich auch sonst noch allerhand zu beobachten: Eine gute Akustik in einer Halle, die sich nicht sofort überheizte – prima. Trotz der Lautstärke hatte man also nicht das Gefühl, dass einem das Trommelfell platzt. Ausreichend Getränkestände und moderate Apfelweinpreise – auch gut. Und ein begeistertes Publikum mit der überwiegenden Haarfarbe Grau. Mir ist bewusst, dass Blueshörer oftmals schon etwas ältere Semester sind, aber hey, Kinnings, ihr verpasst echt was, wenn ihr da nicht hingeht. Solche Musik kriegt man nicht oft geboten.

Fazit: Normalerweise neige ich ja nicht unbedingt zur Euphorie. Doch dieses Konzert war schon etwas ganz Besonderes. Es hat Spaß gemacht und obwohl es recht lange ging und ich irgendwann Plattfüße und Rücken hatte, war es das wert. Und auch wenn um mich herum alle grau waren, fühlte ich mich jung und dynamisch. War das geil!

Paulas Traum

Derzeit nehme ich an einer Schreibwerkstatt teil – drei Abende jeweils drei Stunden. Mal eine ganz neue Runde, eine neue Dozentin und jede Menge neue Ideen für mich. Diese Woche lernte ich mein „Schatten-Ich“ kennen, also eine Figur, die etliche Eigenschaften besitzt, die genau gegensätzlich sind von meinen. Angeblich soll etwas von ihr auch in mir sein. Ich kann mir das ja nicht vorstellen, aber da ich schon immer mal „Paula“ heißen wollte, habe ich ihr diesen Namen gegeben.

Paulas Traum

NonnePaulas Morgenritual war seit Jahren das Gleiche: Aufstehen, waschen, anziehen, zwei Knäckebrote mit Frischkäse verzehren, ein Becher Kaffee dazu. Das gebrauchte Geschirr in die Maschine stellen, noch einmal durch die Wohnung gehen und Liegengebliebenes aufräumen. Sie ging dabei methodisch vor und ließ sich nicht ablenken. Dann fuhr sie zur Arbeit. Kurz grüßen, den Rechner hochfahren und arbeiten. An den Gesprächen der Kolleginnen, die gerade morgens munter drauflos schnatterten, beteiligte sie sich selten.

Heute war das etwas anders. Gisela, die Kollegin Paula direkt gegenüber, hatte abends zur Tupperparty geladen. In einem Anfall von Schwäche hatte Paula zugesagt, diese Abmachung musste sie loswerden. Sie entschuldigte sich damit, dass überraschender Besuch sich angekündigt habe. Gisela zeigte sich verständnisvoll, wenngleich enttäuscht. „Da kann man nichts machen“, meinte sie, „Verwandtschaft geht vor.“ Paula lächelte und nickte. Erst, als Gisela das Büro verlassen hatte, raunte sie der anderen Kollegin ein leises „Ich habe keine Lust auf diesen Mist“ zu. Das war dann auch das Letzte, was sie an diesem Tag willentlich zur Unterhaltung der Kolleginnen beitrug.

Allerdings sorgte sie durchaus für Erheiterung, als sie ein paar Stunden später mit einem besonders begriffsstutzigen Kunden telefonierte. Sie wurde ungehalten, laut, wies den Mann mehrfach zurecht. In der Sache hatte sie zwar recht, doch es gelang ihr nicht, dem Mann das klar zu machen. Erst, als sie richtig energisch wurde, ließ er sich zwar nicht überzeugen, aber zumindest abwimmeln. Paula schimpfte noch, als sie den Hörer längst aufgelegt hatte.

Pünktlich um 16:30 machte Paula Feierabend. Sie räumte den Schreibtisch auf, stellte alles an seinen angestammten Platz, grüßte knapp und ging. Während des Feierabends kam Paula zur Ruhe. Abendessen gab es bei ihr spätestens um 19 Uhr, im Laufe des Abends vielleicht noch einen Apfel. Beim Fernsehen häkelte sie streng nach Muster: Kleine Karos, die sie später gemäß der Anleitung aus einer Zeitschrift zu einer Decke zusammensetzen wollte. Jeden Abend schaffte sie ein Kästchen, 512 brauchte sie insgesamt.

Um 22:15 ging Paula schlafen, direkt nach dem heute journal. Sie hielt nichts davon, später ins Bett zu gehen. Sie ging auch nur selten aus, die stillen Abende zuhause waren ihr wichtig.

Auch an diesem Abend folgte sie streng ihrem üblichen Vorgehen: Erst ins Bad, dann ausziehen, die Kleider sorgfältig über einen Stuhl hängen oder direkt in die Wäsche geben. Alles war wie immer und doch war irgendetwas heute anders: Denn Paula konnte nicht einschlafen. Das passierte ihr selten.

Unruhig wälzte Paula sich von einer Seite auf die andere. Das Gewicht ihres eigenen Körpers störte sie, obwohl sie keine 60 Kilo wog. Ständig rekapitulierte sie im Geist das Gespräch mit diesem sonderbaren, störrischen Kunden vom Nachmittag, der sie so aufgeregt hatte. Oder hatte er sie gar angeregt?

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, wer dieser Kunde gewesen war. Vor wenigen Stunden noch hatte ihr der Name, mit dem er sich gemeldet hatte, gar nichts gesagt, doch jetzt plötzlich wusste sie es ganz genau: Es war Henning Christiani gewesen. Henning Christiani aus ihrem Abiturjahrgang, der jetzt vor ihr stand und sie frech angrinste. Er griente genau wie früher, und doch sah er ganz anders aus.

„Hast mich also doch erkannt, was?“ Sie hatte das Gefühl, ihn blöde anzugucken. Dabei war er doch immer der Blöde gewesen, der Schlechteste aus dem Physik-Leistungskurs. „Ja, klar“, meinte sie, „natürlich habe ich dich erkannt.“ Er sah aus wie George Clooney oder vielleicht auch wie Brad Pitt oder irgendein anderer von diesen Hollywood-Schönlingen. Aber halt – war Brad Pitt nicht so unerfreulich gealtert? Also dann eher nicht der, vielleicht doch eher … sie wusste es nicht. Und sie schämte sich ihrer Gedanken, denn seit wann verglich sie reale Personen mit amerikanischen Schauspielern? Das konnte ja wohl nicht ihr Niveau sein.

Noch während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, fragte der unverschämt gut aussehende Henning Christiani: „Wollen wir knutschen?“ Ja, das wollte sie. Das hatte sie doch immer gerne gewollt, seit der 7. Klasse schon. Sie ließ sich matt in seine Arme fallen und war sich dabei schmerzlich ihres verwaschenen rosa Schafanzuges bewusst. Doch es half nichts – diese Chance musste sie ergreifen, jetzt oder nie.

Hennings Kuss war nass, sein Schnauzbart kratzte ein wenig. Wo kam der denn eigentlich her? George Clooney hatte keinen Schnauzbart. Paula schob Henning ein bisschen von sich weg, um ihn genauer zu betrachten. Er sah aus wie David Hasselhoff mit Bart. Seit wann hatte Henning denn Locken, war das eine Dauerwelle? Es war ihr egal, sie wollte jetzt knutschen, wollte Henning Christiani. Früher hatte der ausgesehen wie Quasimodo, erinnerte sie sich, als sie sich erneut in seine starken Arme kuschelte. Seine Brust war behaart, war ja klar, schließlich trug er jetzt mitten im Winter nur eine rote Badehose, und irgendwie musste der Mann ja warm bleiben.

Paula jedenfalls war es warm in seinen Armen. Sie räkelte sich wohlig – so gut war es ihr noch nie gegangen. Sie versuchte, ihn anzusehen, doch sein Gesicht war verschwommen. Warum hatte er sie nochmal angerufen heute Nachmittag? Sie fragte nach. „Ich habe dich nicht angerufen“, sagte er, „das muss ein Irrtum sein.“ Wieder sah sie ihn an und jetzt erst erkannte sie ihn richtig. Die Haare, der Bart: Er sah aus wie Horst Schlämmer. Und sie liebte ihn dafür, wollte ihn küssen, ihre Wange an seinen Trenchcoat schmiegen. Doch er wehrte ab. „Ich habe dich nicht angerufen. Aber hör doch, gerade jetzt ruft jemand an.“

Es war der Wecker, der penetrant klingelte. Paula blieb ganz gegen ihre Gewohnheit einfach liegen, verschwitzt und verstört. Henning Christiani – was wollte das Unterbewusstsein ihr denn damit sagen? Sie meldete sich krank, zum ersten Mal seit über fünf Jahren.

Hals über Kopf

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop zum Thema „Abreisen sind immer überstürzt“. Zu diesem Thema muss ich sagen, dass das bei mir nicht der Fall ist – wenn ich irgendwohin abreise, bin ich eher zu früh als zu spät unterwegs. Aber ich kenne auch andere Leute …

Hals über Kopf

„Du verbringst dein halbes Leben mit Warten“, sagte Wolfgang gerne zu mir und bezog sich damit auf meine Angewohnheit, immer etwas zeitlichen Puffer vor Terminen oder Abreisen einzuplanen. „Und du mit Rennen“, konterte ich und war zufrieden damit. Ich warte nämlich lieber als dass ich renne – und ich mache mich nicht gerne zum Affen. Das passiert nämlich unweigerlich, wenn man ständig zu spät dran ist.

Gerne denke ich zurück an den Abend, an dem Wolfgang, mit dem ich damals das Büro teilte, mal wieder besonders gelassen herumwurschtelte, obwohl er an diesem Abend noch nach Wien fliegen wollte. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und machte ihn auf die Uhrzeit aufmerksam. „Ja, Kruzifix!“, entfuhr es dem Österreicher. Hektisch begann er, durch das Büro zu turnen. Zuerst riss er sich das Sakko vom Leib, dann das Hemd und die Hosen. Den Anblick seiner Schlüpfer – zumeist in fröhlich-bunten Farben mit dunklerem Rand – kannte ich schon und auch die magere Brust brachte mich weder zum Erbleichen noch zum Erröten. Er schmiss sich in den Freizeit-Dress (Jeans und T-Shirt), knallte seinen Koffer auf den Tisch und stopfte den armen Anzug hinein. Koffer schließen und losrennen war das nächste. Fünf Minuten später kam er wieder: Laptop vergessen. „Weißt du, wo die Tasche dafür ist?“ Nö, das wusste ich nicht. Ehrlich gesagt interessierte mich das auch nicht. Also wurde das Spiel mit dem Koffer wiederholt: Auf den Tisch knallen, Laptop reinstopfen. Irgendetwas fiel ihm noch ein, er wühlte im Schreibtisch, fand nicht, was er suchte. Egal. Er griff sich seinen Koffer, rannte wieder los, das Gepäckstück schwungvoll durch den Raum schleudernd.

Er hatte vergessen, den Koffer richtig zu schließen.

Der ganze Inhalt ergoss sich auf den Fußboden, einschließlich des Laptops und der schmutzigen Socken vergangener Tage. „So eine damische …“ Wolfgang tauchte unter den Schreibtisch und raffte seine Utensilien zusammen. Ich saß derweil mit angezogenen Beinen auf meinem Stuhl, um bloß nicht zu stören. Um mich irgendwie nützlich zu machen, fragte ich: „Soll ich dir ein Taxi rufen?“, und er grunzte. Er hatte sich gerade hörbar den Schädel an der Tischkannte angeschlagen, das schien Auswirkungen auf sein Sprachzentrum gehabt zu haben. Ich telefonierte, er kämpfte, wühlte, schwitzte. Endlich war der Koffer wieder gefüllt und wurde mühsam verschlossen. Wolfgang raste los, nicht ohne sich in der Tür nochmal umzudrehen: „Danke, dass du nicht gelacht hast!“ Damit verschwand er.

Und er hatte Recht, ich hatte bei dem ganzen Theater nicht eine Mine verzogen. Und auch nicht gelacht. Das tat ich erst, als mein Blick auf das fiel, das er in der Eile nicht wieder in den Koffer gequetscht hatte: Auf seinem Schreibtisch stand einsam und verlassen der Laptop. Ich schloss ihn in den Schrank – nicht, dass das gute Stück noch wegkam.

Fundstücke 56: vorher oder nachher?

Manchmal weiß man bei Werbung einfach nicht, was einem die dargestellten Bilder sagen sollen: Dieses Schild eines Frisörs brachte mich wirklich ins Grübeln. Sind die dargestellten Personen Beispiele für vorher oder nachher, soll heißen, waren die schon beim Frisör oder wollen die noch hin? Ist dieser Frisörladen vielleicht spezialisiert auf Retro-Schnitte und Maskenbildnerei? Oder sind diese beiden Herrschaften gar die Ladeninhaber, die dort die Schere schwingen? Man weiß es nicht, und ausprobieren möchte ich das auch nicht. Freiwillige vor, bitte!

Schild Frisör

Kohlfahrt 2018 – so schön kann Winter sein

Es war mal wieder Kohlfahrtszeit – gestern wanderten wir los. Es war eisig kalt, aber trotzdem unglaublich schön. Denn gegen Kälte kann man sich anziehen.

Und das taten wir auch: Tatsächlich trat keiner den Weg ohne Mütze an, und von Anfang an wurde eifrig verglichen, was man sich alles angezogen hatte, um warm zu bleiben. Mütze, Schal und Handschuhe natürlich, warme, winddichte Jacken und lange Unterbuxen, von denen mindestens eine sogar zwei trug.

Wir liefen los in Tungeln, direkt an der Hunte. Hier konnte man wirklich schön laufen, allerdings sorgte der Weg auf dem Deich dafür, dass wir so richtig viel Wind abbekamen. Trotz Mütze vermeldete mein linkes Ohr irgendwann Kältealarm, so dass die Kaputze noch oben drüber kam. Erst, als wir den Deich verließen, wurden wir nicht mehr so stark verblasen.

Hunte bei Tungeln

Doch die leicht erhobene Position oben auf dem Deich hatte auch etwas Gutes: Der Blick war wirklich sehr schön. Das lag natürlich auch daran, dass keinerlei Häuser oder Straßen dort im Weg sind. Es gibt dort einfach viel „Gegend“. Geboßelt haben wir allerdings dieses Mal nicht: Die Kugeln wären doch gar zu leicht in der Hunte verschwunden, zumal wir den Kraber zum Herausangeln der Sportgeräte vergessen hatten.

Hunte bei Tungeln

Statt dessen wurde auf einer kugelabsturzsicheren Brücke gekegelt und es gab eine neue, abgefahrene Schnapsleiste mit blinkenden Bechern. Auch unsere mobile Ecke, die es uns ermöglicht, auf völlig gerader Strecke eine der sonst traditionell nur an Ecken oder Kuven stattfindende Schnapspause einzulegen, fehlte nicht. So modern waren wir wahrscheinlich noch nie unterwegs.

Trotzdem wirkte unser Bollerwagen, wenngleich üppig bestückt wie immer, fast bescheiden gegen einige der Profigefährte mit Musik und Zapfanlage, die uns dieses Mal begegneten. Denn es waren unzählige Kohlfahrtsgruppen unterwegs an diesem eisigen Wochenende und die Ausstattung war sehr unterschiedlich.

Profi-Bollerwagen, Kohlfahrt

Bei uns wird der Schnappes nach wie vor von Hand eingeschenkt, was dieses Mal bei dem Wind gar nicht so einfach war: Manchmal machte der Schnaps sich selbständig und schlackerte statt ins Glas über die Klamotten des durstigen Kohlfahrers. Selbst die Schnapsausgießer verweigerten bei der Kälte teilweise den Dienst und fielen einfach von der Flasche, was allgemein für Heiterkeit sorgte – wie gut, dass unsere Leute nicht pingelig sind. Auch Musik brauchen wir für unsere Touren nicht, denn wir machen schon so genug Krach.

Kohlfahrt, Bollerwagen

Wir hatten eine tolle Zeit und nutzten die letzten Sonnenstrahlen noch aus, bevor wir an unserem Lokal ankamen. Auch das war gut ausgesucht. Ich sprach wieder sehr der heißen Suppe zu, die konnte man nach viereinhalb Stunden draußen wirklich gut gebrauchen.

Und ich genoss es, noch einige Zeit mit meinen alten Freunden zusammenzusitzen. Diese jährliche Kohlpartie ist immer eines der Highlights meines Jahres – und ich freue mich schon jetzt auf das nächste Mal.