Der Tod trägt einen bunten Kittel

Wir waren mal wieder lesen, mein Schreibgrüppchen und ich. Der Titel lautete „Kischalarm“ und wir waren mit viel Spaß bei der Sache. Ich beschäftigte mich mit unbekanntem Terrain – und glaube nun endlch verstanden zu haben wie das läuft mit Leben und Sterben. Denn:

 

Der Tod trägt einen bunten Kittel

Tod, Sensenmann

Bild zur Verfügung gestellt von Manwalk (Manfred Walker), http://www.pixelio.de

Klaus räkelte sich wohlig in seinem Fernsehsessel. Er hatte Lust, sich eine Zigarette anzuzünden, doch da er vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte, waren keine da. Er griff stattdessen zur fast leeren Weinflasche und ließ den kleinen Rest in sein Glas tröpfeln. Immerhin zwei Schlucke würden es noch sein, dachte er und hielt das Glas so, dass die wunderbare dunkelrote Farbe des edlen Tropfens im Licht der Stehlampe leuchtete. Aaaahhhh, was für ein Genuss.

Es klopfte an der Tür. Klaus sah verwundert auf die Uhr – halb elf. Wahrscheinlich wieder ein Nachbar, dessen Parkplatz in der Tiefgarage zugeparkt war – das passierte ständig. Und fast genauso häufig rannte der um seinen Parkplatz Betrogene dann durchs Haus und klingelte bei allen Nachbarn, um den Übeltäter zu finden und das fehlgeparkte Auto entfernen zu lassen. Klaus sollte sich ein Schild an die Tür hängen: „Isch ‘abe gar kein Auto!“ Das wäre zwar gelogen, aber immerhin wäre dann Ruhe.

Es klopfte nochmal. Zusätzlich drückte jemand langanhaltend die Klingel. Völlig entnervt rappelte Klaus sich hoch und tappte in seinen braunen Cordpantoffeln zur Tür. „Jajaja, ich komme ja schon. Was ist denn los?“ Er riss die Tür auf und starrte verblüfft auf die merkwürdige Gestalt, die davorstand. Das war keine Nachbarin, das war auch nicht der Hausmeister, das war eine gesichtslose Gestalt in einem geblümten Kaputzenumhang. Noch nie hatte Klaus ein solches Gewand gesehen, und doch kam es ihm seltsam vertraut vor. Dieses Muster – so etwas hatte seine Oma getragen. Immer, wenn sie zuhause war, trug sie diese eigenartigen Hauskittel mit dem Blumenmuster, im Sommer sogar fast ohne etwas darunter. Der Anblick ließ Klaus vergessen, dass der Mensch ihm gegenüber kein Gesicht hatte. Er öffnete die Tür weit und ließ den Mann eintreten. Es musste ein Mann sein, denn die Gestalt war sehr groß und trug außerdem eine schwere Sense mit sich herum. Sensen sind bei Frauen ein eher unübliches Accessoire, dachte Klaus, bei Männern in der Großstadt aber auch. Er kombinierte die Sense mit dem fehlenden Gesicht und folgerte erschrocken, dass er soeben den Tod in seine Wohnung gelassen hatte. Den Sensenmann, der sich als Oma Lotte getarnt hatte.

„Ähem …“ stammelte er, „ähem, das war ein Irrtum, junger Mann. Ich kenne Sie gar nicht, könnten Sie bitte meine Wohnung wieder verlassen?“ Der Tod drehte sich zu ihm um, das leere Gesicht schien ihn anzusehen. Langsam schüttelte der Hüne den Kopf. „Ach so, Sie wollten tatsächlich zu mir? Mein Name ist Klaus Fischer, sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?“ Der Tod nickte, auch dies geschah quälend langsam. Klaus erwartete, dass jeden Moment die Sense auf ihn herniedersausen und ihn von den Füßen säbeln würde. Doch nichts geschah. Der Tod stand ruhig im Flur, sah sich um, schob mit dem Fuß ein paar herumliegende Turnschuhe ordentlich unter das Schuhregal. Klaus schluckte.

„Ja, Sie sehen, es ist gerade gar nicht aufgeräumt, ich bin gar nicht auf sie eingestellt. Eigentlich müsste ich erst putzen, was sollen denn sonst die Nachbarn sagen, wenn sie mich hier finden und es sieht hier so aus …“ Die große Gestalt schien zu lächeln, sicherlich hörte sie diese Art von Argumentation häufiger. „Darf ich eintreten?“ fragte der Tod höflich und wies auf die offenstehende Wohnzimmertür. „Es redet sich doch besser im Sitzen.“ Was heißt hier reden, dachte Klaus hektisch, der will bestimmt nicht reden, der will mich niedermachen. Mir einen Herzinfarkt schicken, Schlaganfall, mich mit einem Schlag seiner Sense ins Jenseits schicken. Er überlegte, dem Tod nochmal die Tür nach draußen zu weisen, doch der war schon unterwegs in sein Wohnzimmer, legte eine Jazz-CD ein und setzte sich gemütlich in den alten Schaukelstuhl. Das sah komisch aus.

„Der Stuhl da“, erklärte Klaus, „der hat meiner Oma gehört. Meiner Oma Lotte. Sie hat immer in dem Stuhl gesessen früher.“ „Ich weiß“, erwiderte der Tod. „Ich habe sie dort abgeholt.“ Klaus spürte ein dumpfes Gefühl im Magen. Seine Oma war erst vor zehn Jahren verstorben, im gesegneten Alter von 87 Jahren. Er fühlte einen Anflug von Trauer, aber auch Angst. Er war doch erst 46, was wollte der Tod denn bei ihm?

Rose, Blüte, Knospe, TauDer Sensenmann schaukelte ein wenig. Er sah recht harmlos aus in seinem bunten Kittel, denn die Sense hatte er lässig ans Bücherregal gelehnt. In der Hand hielt er die leere Weinflasche, studierte ihr Etikett und schnüffelte an ihr herum. „Riecht gut“, befand er dann. „Aber das Zeug bringt dich um. Das und dein ganzer Lebenswandel. Gutes Essen, viel Alkohol, literweise Kaffee und dann diese Raucherei. Natürlich kaum Bewegung – jeder Meter muss mit dem Auto gefahren werden. Fettleber, Herzschwäche … brauchst du noch mehr?“ Klaus schüttelte den Kopf. „Aber ich bin doch ganz gesund. Zumindest merke ich nicht, dass ich krank bin. Und zu dick bin ich auch nicht. Naja, zumindest nicht viel.“ Er versuchte, sein kleines Wohlstandsbäuchlein einzuziehen und kniff die Hinterbacken zusammen, um eine bessere Haltung anzudeuten. Der Tod nickte. „Jaja, so kann es manchmal kommen. Das Leben ist eine Lotterie, da kann doch der Tod nicht stur nach Reihenfolge vorgehen.“ Klaus sah das anders. „Doch, das kann und sollte der Tod. Es muss doch seine Ordnung haben, das Leben, der Tod, einfach alles!“ Die Gestalt im Schaukelstuhl sah sich in Klaus‘ unaufgeräumtem Wohnzimmer um. „Ja, es muss seine Ordnung haben – das sehe ich.“ Er schien tatsächlich zu schmunzeln. Dann aber straffte er sich und wurde geschäftlich: „Hast du besondere Wünsche? Bett, Sessel oder lieber hochdramatisch unter der laufenden Dusche?“ Klaus schüttelte den Kopf. Was sollte er denn hier Entscheidungen treffen? Und überhaupt, für ihn war noch lange nicht alles geklärt.

„Wieso haben Sie Omas Kittel an? Oder zumindest etwas, das so tut, als sei es Omas Kittel?“ Der Seufzer, der aus dem Schaukelstuhl zu hören war, klang wirklich herzzerreißend. Klaus ging auf Konfrontation. „Ja, nun sagen Sie doch mal. Was soll das mit diesen rosa Karos und dem Blumenmuster? Wollten Sie sich damit tarnen? Als sensentragende Großmutti?“ Der Tod zuckte die Schultern. „Warum nicht? Hat doch funktioniert, oder? Das ist mein Berufsgeheimnis: Wenn ich einen Kunden hole, der vielleicht Probleme machen könnte, bemühe ich mich um ein vertrauenerweckendes Auftreten. Man sieht dann in die Akte des Kunden und sucht nach etwas, von dem man weiß, dass es dem Kunden immer viel bedeutet und Vertrauen eingeflößt hat. Bei dir war das Einfachste Omas alter Kittel, bei anderen sind es die langen roten Haare der Mutter oder die Busfahreruniform des Vaters. Folglich bemühe ich mich um diese Erscheinung – das geht einfach bei mir, ist quasi virtuell – und werde so viel leichter eingelassen. Nur in den seltensten Fällen klappt das nicht, dann wird es manchmal etwas unästhetisch. Wenn der Kunde versucht abzuhauen und ich mit der Sense mehrmals ranmuss, oder wenn er gar aggressiv mir gegenüber wird. Dann wird es natürlich nichts mit dem friedlichen Sterben im Bett.“ Klaus hörte die nur schwach versteckte Drohung in diesen Worten. Er hatte auch nicht vor, abzuhauen. Der Sensenmann war selbst im Sitzen noch größer als er selber. Und flüchten, in seinen alten Cordpantoffeln, konnte er ebenfalls vergessen. Das sah er alles ein. Doch sterben wollte er auch nicht.

Klaus setzte sich nun ebenfalls. Er musste nachdenken. Er war Gebrauchtwagenhändler, geübt im Schachern und Verhandeln. Es musste sich doch irgendetwas finden lassen, was er dem Tod anbieten konnte, etwas, das sinnvoller war, als ihm, Klaus Fischer, das Leben zu nehmen.

„Bist du es nicht leid, immer nur destruktiv zu wirken?“, fragte er schließlich und sah den Tod ehrlich interessiert an. Der zuckte die Schultern. „Muss ja gemacht werden, der Job. Die Kollegen sind nett, ich habe Gleitzeit und bin weitgehend frei in meinen Entscheidungen. Das ist schon in Ordnung so. Oder denkst du, Gebrauchtwagenhändler braucht diese Welt dringender?“ Dazu hatte Klaus keine Meinung, deshalb antwortete er nicht darauf. „Aber ist es denn nicht schöner, ein gutes Werk zu tun? Es gibt doch Leute, die wollen gerne sterben und können nicht.“

schwarzer EngelEr dachte an die Mutter eines Freundes, deren schwere, schmerzhafte Krankheit sich jetzt schon seit Jahren hinzog – hier würde Gevatter Tod sicherlich mehr als willkommen sein. Wieder schien der Tod zu schmunzeln. „Du willst mir also ein Geschäft anbieten? Ein altes krankes Weiblein gegen einen Kerl in den besten Jahren. Na, da muss schon ein bisschen mehr kommen. Was hast du noch für mich?“ Klaus überlegte eine Weile. Das Einzige, was ihm einfiel, war der alte Hund Schnüffel aus dem Erdgeschoss. Der war uralt und lahmte stark, der war auf jeden Fall richtig auf der Liste. „Jetzt willst du mich aber verarschen, oder?“, lautete die Antwort seines unheimlichen Besuchers auf Klaus Vorschlag hin. „Nein, nein, nein, ganz bestimmt nicht. Ich dachte einzig an das Wohl des Tieres.“ Klaus schwitzte. Er dachte an seinen Job – zu verkaufende Autos immer in den rosigsten Farben darstellen, bei anzukaufenden Modellen die Fehler finden. Und er fand einen Fehler. „Weißt du, eigentlich kannst du gar nicht so viel fordern. Du hast nämlich einen Fehler gemacht!“ „Ich, einen Fehler?“ Der Sensenmann lachte. Er hatte eine tiefe Stimme, eigentlich klang es ganz angenehm, wenn er lachte. Doch Klaus spürte, dass der Hüne nicht amüsiert war. „Ich mache nie Fehler – zumindest hat sich noch nie jemand von meinen Kunden darüber beschwert. Was für einen Fehler soll ich denn gemacht haben?“ Klaus fürchtete sich, wagte sich aber doch weiter in die Offensive. „Deine Akten stimmen nicht. Du hast gesagt, das viele Rauchen macht mich krank. Ich habe aber schon vor zwei Jahren aufgehört!“ Der Tod lehnte sich verblüfft in Oma Lottes Schaukelstuhl zurück. Es fehlte nicht viel und Klaus hätte sich ihn mit einem Strickzeug in der Hand vorstellen können. „Soooo, du rauchst also nicht mehr. Und das schon seit zwei Jahren. Hmmm … stimmt, das war bei mir nicht vermerkt. Was machen wir denn da?“ Klaus wagte kaum zu atmen, während der Sensenmann grübelte. Es war nicht unbedingt beruhigend, dass er dazu sein Werkzeug in die Hand nahm, es vor sich auf den Boden stellte und sich zum Schaukeln damit abstieß.

Dann endlich traf die Gestalt im bunten Kittel eine Entscheidung. „Gut, ich schlage dir ein Geschäft vor: Ich nehme die Oma und auch den alten Köter, die sollen beide nicht mehr länger warten. Und du…“, er wies mit einem großen, klobigen Finger auf Klaus, „du hörst auf der Stelle auf zu saufen und wirst Vegetarier!“ Klaus stöhnte innerlich, nickte aber. Bevor dem Tod noch die Idee kommen konnte, seinem Gesundheitsprogramm irgendwelchen Sport hinzuzufügen, ergriff er dessen Hand und schüttelte sie kräftig. „So machen wir das!“ Klaus eilte in den Flur, um seinen ungebetenen Gast hinauszubegleiten, doch der Riese lehnte ab. „So geht das nicht. Du musst mir deine Tauschsubjekte schon zeigen. Oder denkst du, ich habe Google Maps mit dabei?“ Klaus grauste es, denn er wollt Gevatter Tod nicht bei dessen schauerlichen Geschäft beobachten. Trotzdem griff er nach seinen Schlüsseln und einer Jacke. „Schuhe! Oder willst du in diesen Latschen auf der Treppe zu liegen kommen und dir das Genick brechen?“ Der Tod lachte heiser wie über einen gelungenen Witz und Klaus beeilte sich, die Pantoffeln gegen ein Paar solide Turnschuhe zu tauschen. Dann folgte er seinem Begleiter hinaus in den Hausflur.

Den Hund fanden sie schnell. Fasziniert sah Klaus zu, wie der Tod geschickt die Tür zu der kleinen Erdgeschosswohnung öffnete, sich in den Türrahmen hockte und ein leises Geräusch machte. Sein Äußeres hatte sich verändert, er war nun gekleidet wie Metzgermeister Köster, wo das alte Hundefrauchen immer einkaufte. Gewiss gab es dort für den betagten Rüden immer ein Scheibchen Wurst. Tatsächlich kam der Hund an die Tür. Er schien zu lächeln, drängte sich an die Beine der großen Gestalt, legte sich dann lang in den Flur und schlief einfach ein. Eine Art Feder schwebte empor, die der Tod auffing und mit seinen großen Händen behutsam in einem kleinen Beutel verstaute. „Hundeseelen sind leicht“, erklärte er und Klaus nickte, als hätte er verstanden.

Dann führte er den Sensenmann einmal durch die halbe Stadt. Er kam sich komisch vor mit seinem Begleiter in der U-Bahn zu stehen, doch außer ihm schien niemand den Tod zu bemerken. Nur einmal kam es jedoch zu einer brenzlichen Situation, als einige junge Männer an einer Hauptstraße ein Autorennen veranstalteten. Sie hingen dabei lebensgefährlich weit aus ihren alten Autos und plötzlich raste einer der Wagen auf eine Litfasssäule zu. Es krachte fürchterlich und der Tod schien wie elektrisiert zu sein. „Komm, wir wollen doch zu dem Pflegeheim!“, flüsterte Klaus, doch die jetzt dunkle Gestalt schien ihn nicht zu hören. Dann nickte der Tod kurz und beruhigte sich. „Der Kollege ist schon vor Ort“, meinte er und Klaus schauderte es.

Gemeinsam erreichten sie das St. Anna-Stift und gelangten unbehelligt an die Rezeption. Die war verlassen, man hörte jedoch aus dem Nebenzimmer zwei Frauenstimmen. „Gut so“, flüsterte der Tod, schlich sich hinter den Tresen und sah am Computer nach, in welchem Zimmer Frau Meta Burmeister lag. Er nickte Klaus zu und gemeinsam fuhren sie in den dritten Stock.

Die Mutter von Klaus Freund schlief nicht, als die beiden das Zimmer betraten. Sie konnte schon lange nicht mehr richtig schlafen, der Krebs hatte sie ausgezehrt und auch starke Schmerzmittel halfen immer nur für eine kurze Zeit. Sie sah zur Tür und blickte fragend. „Klaus! Das ist ja schön, dass du mich mal besuchen kommst. Aber eine komische Zeit hast du dir ausgesucht.“ Sie bemerkte seinen Begleiter und ihre Züge entspannten sich. Sie lächelte. „Oh, ich sehe, du hast mir jemanden mitgebracht. Schnitter, du bist es – das ist ja schön! Spät kommst du, aber besser spät, als nie.“ Der Tod sah jetzt genau so aus, wie Klaus ihn sich immer vorgestellt hatte, keine Verkleidung entstellte ihn. Klaus hörte, wie er leise mit der alten Frau sprach, aber was sie sagten, konnte er nicht verstehen. Dann aber sah er eine Feder emporsteigen, größer dieses Mal, und auch sie wurde aufgefangen und sorgfältig eingepackt. Meta Burmeister war tot und Klaus lebte. Das Geschäft war erledigt.

Auf der Straße trennten sich Klaus und der Tod ohne ein weiteres Wort. Klaus verbrachte den Rest der Nacht auf einer Bank in der Nähe des Friedhofs. Gerne hätte er sich so richtig betrunken, aber das durfte er ja nicht. Und so weinte er ein bisschen, um Frau Burmeister, den Hund Schnüffel, den jungen Idioten aus dem Unfallwagen und all die Jägerschnitzel, die er nun nie mehr essen würde.

Die Werbung

Dieses Mal lautete die Schreibaufgabe, einen inneren Monolog zu verfassen. Inspiration war ein bekanntes Bild von Loriot.

Die Werbung

Glück muss der Mensch haben. Frau Annerose ist wirklich ein ganz bezauberndes Wesen! Der Abend war ein Genuss: Der Wein, die Musik, Frau Annerose im schlichten burgunderfarbenen Kleid – perfekt. Sie trug ihre Rose in der Hand, genau passend zum Farbton ihres Kleides, und sieh sah mich sofort. Dieses Lächeln!

Wie gut, dass der Anzug frisch gereinigt war. Auch der Friseur hat ganze Arbeit geleistet. Sogar das Eau de Toilette war noch gut. Wie hätte ich sonst auch dagestanden, neben so einer tollen Frau. Ich glaube, ich habe einen guten Eindruck hinterlassen.

Wie interessiert sie wirkte, und wie zugewandt. Niemand interessiert sich sonst für mein Steckenpferd. Und dabei sind Nacktschnecken so vielseitig, und pflegeleicht noch dazu.

Frau Annerose. Wie wunderbar sie ist. Hoffentlich ruft sie mal an. Wie schade, dass wir uns verpasst haben, nachdem sie auf „Für Damen“ war. Wohin sie wohl plötzlich verschwunden ist? Hoffentlich hat sie sich nicht verlaufen.

Mal wieder Flohmarkt: Objekte des Tages

Wieder mal verbrachhte ich ein paar schöne Stunden auf dem Flohmarkt am Main, dieses Mal mit meiner Freundin Maike. Beide haben wir nichts gekauft bis auf Kaffee, Fruchtsaftschorle und Eis. Doch es gab viel zu gucken und ich musste mich, wie schon so oft, zusammenreißen, um weder Sammeltassen, Kaffeekannen oder Schmuck zu kaufen. Hier kommen meine Objekte des Tages:

Platz drei – an diesem Stand bin ich schon öfter in Ehrfurcht verharrt. Hier gibt es Vasen von so ausgesuchter Schönheit, dass ich mir kaum vorstellen kann, das jemand sowas kauft. Aber das Angebot wechselt – es muss also seine Fans haben.

Platz 2 ist eigentlich gar kein Einzelobjekt. Der ganze Stand war eine Schau – so viel wildes Zeug! Ich habe mich für einen schönen Ausschnitt entschieden: Totenschädel mit Stierkopf und Bembelvogel (oder wie man das graue Ding nennen soll).

Und mein Favorit war dieses Mal ein echter kleiner Bildungsbürger – das lesende Eichhörnchen. Ich finde, für jemanden, der ausgestopft ist, guckt es wirklich klug.

lesendes Eichhörnchen

Fundstücke 58: Keine Trennung erforderlich

Toleranz beweist die Firma Berentzen in Haselünne: Wenn man bei denen zum Klo muss, darf man dort auch Getränke anderer Marken lassen, nicht nur die hochprozentigen Spirituosen, die dort verkauft werden. Das fand ich sehr beruhigend, auch wenn ich diesen Service dort nicht in Anspruch nehmen musste.

Komische Gewohnheiten: Sich etepetete, aber schlecht benehmen

Manchmal sieht man sich ja wirklich verstohlen um und sucht die versteckte Kamera. So erging es meiner Freundin Kerstin und mir kürzlich, als wir gemütlich kaffeesieren waren: Wir saßen auf der Fressgass, in einer der teuersten Lokalitäten am Platze, denn dort gibt es grandiosen Kuchen und man gönnt sich ja sonst nichts. Es war friedlich dort, ruhig und beschaulich – bis die beiden Damen kamen. „Damen“, so nenne ich sie mal, aus Höflichkeit und weil es mich nichts kostet, aber wäre ich nicht so wohlerzogen, würde ich sie wohl Tussen nennen, Schrullen oder vielleicht noch Schnepfen.

Beide wirkten sie irgendwie aufgeplustert, obwohl sie so taten, als seien sie hochvornehm. Das Getöse, mit dem sie direkt neben uns Platz nahmen, hätte gut in ein Bierzelt gepasst, direkt neben die Blaskapelle, und ihre Gespräche schienen geradewegs der Gala entsprungen, natürlich mit ihnen in der Hauptrolle. Der Kellner wurde behandelt wie die lästigste Nebensache der Welt, aber man musste ja mit ihm reden, schließlich sollte er Torte und Sekt bringen. Was er auch tat.

Sektgläser

Die Sektgläser waren gut gefüllt, sicherlich kamen die Damen nicht zu kurz. Und doch meinte die Lautere der beiden, ihr Glas in die Höhe halten und mit einem Auge hineinspähen zu müssen – zu tief ins Glas zu schauen bekam so eine ganz neue Bedeutung. Der Kellner war besorgt und fragte nach: „Ist alles in Ordnung?“ Die Dame verneinte. Nein, nicht alles in Ordnung, ganz und gar nicht. Denn sie frage sich, ob das „genügend“ sei in ihrem Glas. Bei zu wenig gefüllten Gläsern sei sie empfindlich, verkündete sie. Der Kellner wirkte verblüfft, war doch eher zu viel als zu wenig im Glas. „Ja, vielleicht“, stimmte Madame zu, „aber sie da“, sie wies lässig mit einem Finger auf die Freundin, „hat mehr. Gießen Sie hier doch auch noch einmal nach!“ Der Kellner war Profi und bewahrte die Contenance. Gut hätte ich ja gefunden, wenn er aus dem volleren Glas einfach einen Schluck abgetrunken hätte, aber er kam tatsächlich mit der Flasche, richtete beide Gläser nebeneinander aus, nahm Maß und goss in eines noch eine Fingerhutmenge nach. „Ist es recht so?“ Es war recht – na so ein Glück!

Die Damen aßen und tranken – natürlich mit abgespreiztem kleinen Fingerchen – und unterhielten ihr Umfeld mit hochintellektuellen Gesprächen. Richtig hoch her ging es, als die zu wenig Gefüllte eine Nachricht auf ihr Smartphone bekam – offensichtlich von einem Sponsor. Sie kreischte aufgeregt und ruderte mit den Armen. Der ebenfalls aufgeregten Freundin erklärte sie, er (der Sponsor) habe seine Abrechnung bekommen, und jetzt dürfe sie sich eine Handtasche mehr kaufen. Großes Hallo und viel Gelächter. Und ich dachte, wie gut, dass ich mich selber für oder gegen den Handtaschenkauf entscheiden darf, auch wenn ich sie selber bezahlen muss. Aber jedem Tierchen sein Plaisierchen.

Die Damen brachen auf, schließlich hatten sie nun neue Pläne, sie brauchten dringend eine Handtasche. Sie rumpelten also von der Terrasse, nicht ohne vorher pflichtschuldigst ihre Zeche zu zahlen und sich beim Kellner lautstark über die unmöglichen, wirklich viel zu hohen Preise zu beklagen. Ist ja klar, der legt die ja auch fest. Und das, so fand ich, war dann wirklich der Gipfel des schlechten Benehmens.

Frankfurt von oben

Ich hatte mal wieder Besuch einer lieben Freundin aus Hamburg. Ich mag solche Besuche ja: Zum einen, weil ich gerne den Kontakt zu meinen alten Freunden halte und man dann mal so richtig schwätzen kann. Und zum anderen, weil es einem die Möglichkeit gibt, sich zu verhalten wie ein Tourist und ein bisschen dumm in der Gegend herumzugucken. Dieses Mal guckten wir, auf Kerstins Wunsch, nicht nur herum, sondern herunter. Vom Main-Tower, genaugenommen. Mir gab das soeben auch noch die Möglichkeit, mal wieder mit diesem GIF-Generator herumzufummeln. Hier der erste Versuch:

Frankfurt, Main-Tower, Blick von oben

Kerstin und ich hatten eine Plattform für uns ganz alleine. Denn Kerstin ist Rollstuhlfahrerin und kann die letzte Treppe natürlich nicht bewältigen. Rollifahrer mit einem B im Ausweis und einer kompetenten Begleitperson dabei (das war ich! 🙂 ) werden am Main-Tower bevorzugt behandelt und müssen nicht mal etwas bezahlen. Das ist nicht selbstverständlich und den anderen gegenüber vielleicht auch ein bisschen ungerecht, aber wir haben es gerne angenommen.

Vor einigen Jahren waren wir schon einmal zusammen auf dem Turm. Damals war für uns eine Art Balkon geöffnet, auf dem mal ziemlich weit um den Turm herumlaufen konnte, aber dafür im Sitzen nicht ganz so gut gucken konnte. Dieses Mal durften wir in Begleitung eines netten Mitarbeiters eine andere Plattform nutzen, auf der man nicht ganz rumlaufen, aber dafür grandios gucken konnte. Da man sich von dort ohne große Umstände in den Freiflug begeben könnte, darf man diese Stelle wahrscheinlich ohne Begleitung nicht betreten.

Frankfurt, Main-Tower, Blick von oben

Ich machte mit meinem Handy zwei Bilderserien aus jeweils 100 Bildern (eigentlich drei, aber die dritte ist irgendwie misslungen), die ich in verschiedenene Geschwindigkeiten zum GIF umgewandelt habe. Ich bin immer wieder erstaunt über die heutige Technik – ohne großartiges Equipment kann man so tolle Sachen machen. Das tröstet mich auch darüber hinweg, dass ich beim Blick von oben immer erst gewisse Orientierungsschwierigkeiten habe: Auf Kerstins Frage, wo ich denn in etwa wohnen würde, musste ich erst mal nach einem optischen Fixpunkt suchen und fand dann zum Glück die EZB. Außerdem fand ich, als ich erst mal wusste, wo ich in etwa gucken muss, die alte Oper, die Fressgass, die Katharinenkirche und den Römer mit all dem Gedöns drumherum. Außerdem natürlich den Bahnhof und allerlei Banken. Es war ein sehr schöner Aufenthalt dort in luftiger Höhe im 55. Stock.

Frankfurt, Main-Tower, Blick von oben, alte Oper, Main, Römer, Bankenviertel

Eine unglaubliche Geschichte

Brautpaar, Heuballen

Auf jeden Fall schön genug! Bild zur Verfügung gestellt von Jens Bredehorn, http://www.pixelio.de

Seit einiger Zeit habe ich auf meinem Handy eine weitere „Nachrichtenapp“: die von der Gala. Das ist dieses Klatschblatt, dass ich früher nur beim Arzt oder Friseur gelesen habe. Nun kann ich mich immer und überall über die gesellschaftlich wichtigen Leute informieren, beziehungsweise ich erfahre so überhaupt erst von deren Existenz und Relevanz. Bei den meisten Leuten weiß ich nicht so genau, was die machen, und deshalb freue ich mich immer über die Royals, weil deren Tätigkeitsfeld klar umrissen ist: Die sind König, oder Prinzessin, oder zumindest die Cousine von irgendwem, der dazu gehört.

Unter dem Eindruck all dieser bahnbrechenden Nachrichten über Prinzens und Prinzessinens kam mir der Geschichtsanfang, der uns im Schreibkurs vorgegeben wurde, gerade recht für

Eine unglaubliche Geschichte

„Passen Sie auf, was ich Ihnen jetzt erzählen werde! Es ist unglaublich, eine schier unfassbare Geschichte, und doch ist sie wahr – so wahr, wie ich hier vor Ihnen stehe.

Es war vor einigen Jahren, in einem gänzlich unbekannten Land. Ein Land, so klein und unbedeutend und versteckt, dass niemand darüber berichtet. Es gibt auch nicht viel zu berichten, denn es passiert dort nicht viel. Die Menschen sind nicht arm und nicht reich, sie leben von ihrer Hände Arbeit und haben ihr Auskommen. In diesem Land gibt es keine große Politik, dafür ist es viel zu klein. Kein fremder Außenminister kommt jemals dorthin, und das ist gut so, denn er würde sich langweilen. Keine Konflikte zu bewältigen, nicht mal Handelsabkommen zu erwarten, denn bis auf zwölf gemusterte Teppiche wurde aus diesem Land niemals etwas exportiert. Es gibt auch kein Parlament, dass den fremden Außenminister empfangen könnte. Einzige einen etwas unscheinbaren König gibt es da, und der regiert so ruhig und besonnen, dass alle zufrieden sind und niemand sich mit Umsturzgedanken trägt. Sogar seine Kinder sind wohlgeraten und machen allen Freude, auch wenn sie nicht schön genug sind für die Gazetten dieser Welt. Niemand schreibt über dieses Königshaus, die Bunte nicht, die Gala nicht und schon gar nicht die Bild-Zeitung. Nur das kleine Lokalblättchen berichtet ab und zu über diese Royals, und auch nur dann, wenn es etwas zu berichten gibt.

Und neulich war es tatsächlich soweit, es geschah etwas Berichtenswertes, und das war so unglaublich, dass ich es Ihnen erzählen muss: Der älteste Sohn des Königs, der Kronprinz, wenn Sie so wollen, hat geheiratet. Mit 29 Jahren ist das nicht weiter spektakulär, aufregend war jedoch für mich, was geschah, als er dem Land seine Braut vorstellte: Ein Mädchen aus der Kleinstadt, also eigentlich vom Dorf, klug und warmherzig, so erzählt man sich. Sie ist nicht besonders hübsch, groß, sehr kräftig, und mit einem wuchtigen Oberkiefer, der besonders auffällt, wenn sie lacht. Die einzige Zeitung des Landes zeigte sie in ihrem Hochzeitskleid und alle fanden sie schön. Man zeigte sie in der Nacht, mit einem Fleck auf dem weißen Kleid, herunterhängendem Dutt und einer Laufmasche, und alle fanden sie schön. Man zeigte sie an der Seite ihres unscheinbaren Gatten, und alle sahen die beiden lächeln und fanden sie schön. Und das fand ich so unglaublich, dass ich es Ihnen erzählen musste.

Der Göttinger Karzer

Karzer, Göttingen, Bemalung, Kunst, Dame im Badeanzug

Kunst im Karzer

Bei unserem Göttingen-Besuch im April nahmen wir auch an einer sehr interessanten Stadtführung teil. Unter anderem durften wir auch den Karzer der Göttinger Universität besichtigen. Laut Aushang wurden schon im Jahr 1736 Karzerstrafen verhängt, und zwar unter anderem wegen Duellierens, mangender Nüchternheit, Keuschheit oder Bescheidenheit gegenüber Soldaten. Auch „grober Unfug“ wurde geahndet. Kleinere Delikte hatten Karzerstrafen bis zu drei Tagen zur Folge, bei größeren Vergehen konnten es auch mal zwei Wochen werden. Es gab auch andere Strafen und wenn alles nichts half, flog der Student hinaus, diese Sanktion ist ja auch heute noch üblich.

Nicht alle Zellen waren eingerichtet, aber diese zeigte wohl in etwa die Raumgestaltung der späteren Karzerjahre.

Sehr interessant fand ich die vielen Gemälde und Inschriften auf den Zellenwänden. Wir erfuhren, dass es verboten war, an den Wänden zu malen oder zu schreiben – aber nur, wenn man erwischt wurde. Was fertig war, galt quasi als Kunst am Bau und wurde geduldet. Wenn man sich ansieht, wie fein ausgearbeitet manche der Bilder sind, scheinen die Insassen nicht besonders stark kontrolliert worden zu sein.

Bei anderen hingegen saß der Stift deutlich weniger locker, da reichte es gerade mal, um den eigenen Namen an die Wand zu krakeln, oft ergänzt um ein Datum.

Lächeln musste ich bei einem der Aushänge, denn hier erfuhr man die Liste der Vergehen, die um 1837 geahndet wurden. Auch ich wäre hier gefährdet gewesen, in den Karzer einzufahren. Zwar neige ich nicht dazu, in der Gegend herumzuballern, auch habe ich keine großen Hunde und bade selten in der Leine. Aber ständiger Unfleiß – im Volksmund auch Faulheit genannt – habe ich mir während meiner Schulzeit und des Studiums durchaus zuschulden kommen lassen.

Karzer, Göttingen

Unglaubliches Wachstum

Vor kurzem schrieb ich schon einen Beitrag über die Webcams, die es ermöglichen, Vögel bei der Aufzucht ihrer Jungen zu beobachten. Seitdem gucke ich immer mal wieder nach, was „meine Küken“ so machen. Und mir fällt auf, wie unglaublich schnell sie wachsen. Mein besonderer Liebling ist der kleine Seeadler. Der schlüpfte am 24. April und sechs Tage später sah er so aus:

Küken, Seeadler. Fütterzeit

Das GIF habe ich mit einem Online-Generator gebastelt. Nicht perfekt, aber man sieht doch, mit welchem Appetit der Winzling futtert. Ansonsten ist aber noch ziemlich Ruhe im Nest: Wenn das Kleine nicht gefüttert wird, kuschelt es sich zumeist unter die Federn des Elternteils, das gerade den Kinderdienst macht. Die Adlereltern – Suvi und Sulev, wie ich inzwischen weiß – wechseln sich mit dem Babysitting ziemlich gleichberechtigt ab. Es war die Zeit des schlechten Wetters, in der es in Estland genauso unangenehm stürmte wie bei uns – dass dem Adlerbaby nicht schlecht gewordenen ist im schwankenden Horst, finde ich fast erstaunlich.

Zehn Tage später hat das Küken schon einen enormen Sprung gemacht: Es ist gewachsen und wirkt viel beweglicher, kann richtig aufstehen und neugierig einen langen Hals machen. Insgesamt ist es viel lebhafter als zuvor.

Adlerküken, Adlerhorst, Seeadler

Schon da fällt auf, wie schnell das Küken wächst. Im Vergleich zum Menschenjungen ist dieser Zuwachs wirklich enorm. Aber gut, dieses Küken soll irgendwann Ende Juli flügge sein und das Nest verlassen – beim durchschnittlichen Menschenkind dauert das wohl etwa 20 Jahre.

In den letzten Tagen war ich viel unterwegs und konnte deshalb nicht nach dem Kleinen gucken. Daher war ich heute Morgen völlig überrascht, als ich die Veränderung an dem Küken gesehen habe: Es sitzt inzwischen auch mal alleine im Horst und wartet geduldig auf seine Eltern. Derweil putzt es sich und hält ab und zu Ausschau, ob schon neues Futter angeflogen kommt.

Adlerküken, Seeadler, Adlerhorst

Wer selber nochmal gucken möchte: Hier ist der Link zu dieser wunderbaren Seite. Es ist auch ein winzigkleines Schwarzstorchküken geschlüpft – ich bin gespant, ob es Geschwister bekommen wird und wie es sich entwickelt.