Ich bin Patentante!

Patenurkunde Kobelt-ZooZu Corona-Zeiten werden Großkonzerne mit allen Mitteln vor dem Konkurs bewahrt – eine Maßnahme, die ich in gewissen Grenzen durchaus befürworte. Was leider ziemlich hinten runter fällt, sind „die Kleinen“ – besonders die Kulturtreibenden oder die Vereine. Ich habe hier und da ein wenig gespendet. Besonders angetan hat es mir derzeit der kleine, ehrenamtlich geführte Kobelt-Zoo in Frankfurt. Da gibt es keine Elefanten oder große Exoten, sondern Haustiere, Vögel und allerlei Kleingetier. Dieser Zoo wird oft von Kindergartengruppen besucht, oder auch von Leuten, die es nicht so dicke haben, denn der Eintritt ist kostenfrei und der Zoo finanziert sich nur durch Spenden. Ich habe auch dorthin einen kleinen Betrag überwiesen.

Zusätzlich habe ich zwei Patenschaften übernommen: Eine für ein Schaf, eine weitere für einen Ara. Nun bin ich also Patentrante und freue mich ganz kindlich über die beiden Patenurkunden, die mir zugeschickt wurden. Meine Freundin Maike wurde ebenfalls Patin, sie unterstützt den Lebensweg einer Anakonda sowie eines Karpaten-Uhu. Sollte noch jemand Lust auf eine Tierpatenschaft haben: Es gibt sicherlich weiterhin Finanzbedarf, und es sind auch noch Tiere „im Topf“. Für recht kleines Geld kann man hier schon mithelfen – das ist sicher auch für Kinder ganz schön.

Ausgeflogen!

Corona sei Dank haben sich die Meisen auf meinem Balkon nicht nur an meine Anwesenheit gewöhnt. Ich hatte auch das Glück, dass ich den Ausflug der Meisenküken beobachten konnte. Eines am Donnerstag Abend, zwei am Freitag. Ob es noch mehr waren, weiß ich leider nicht. Eventuell habe ich welche verpasst.

Das Donnerstags-Vögelchen fiel mir auf, weil es sich eine ganze Weile an meinem Insektenschutz festklammerte, bevor es sich todesmutig vom Balkon stürzte. Immerhin vom sechsten Stock aus – hoffentlich hat es sich nicht weh getan.

Vöglein Nummer zwei purzelte aus dem Kasten, segelte besoffen direkt an meinem Fenster vorbei, flatterte auf meine Fensterbank und guckte mich durch die Scheibe hindurch neugierig an. Ich glotzte natürlich zurück. Die Fotos sind leider unscharf, ich mochte nicht so nah rangehen. Außerdem sind die Scheiben dreckig.

Gerade, als ich mich von meiner Verblüffung erholt und die Handykamera vernünftig im Anschlag hatte, drehte es sich um und guckte woanders hin – so wird das nichts mit der Topmodelkarriere. Dann flatterte es davon, ditschte ein, zwei Mal an die Balkonbrüstung, überwand diese schließlich und verschwand.

Vögelchen dreht sich um

Nummer drei schließlich schielte nur kurz aus dem Kasten, schwang sich über die Balkonbrüstung und taumelte dem Leben entgegen – hoffentlich. Nachbars Katze schlich ebenfalls umher, ich hoffe, sie war ordentlich satt.

Seitdem die Fütterungszeit vorbei ist, ist es deutlich ruhiger auf dem Balkon. Meisen und Spatzen leben wieder in freidlicher Ko-Existenz, nachdem der Meiserich in den zwei Tagen vor dem Ausflug wie ein Berserker auf jeden Spatz losging, der sich an den Futterständer wagte. So entschlossen, wie Papa Meise zu Werke ging, hätte er es wohl auch mit einer Krähe aufgenommen.

Jetzt wird wieder friedlich gepickt und emsig gebalzt, so dass ich auf eine zweite Brut hoffe. Und das letzte Foto, unscharf und durch die fleckige Scheibe geknipst wie die anderen auch, zeigt einmal, wie groß so ein ausgeklappter Meisenflügel werden kann. Das war ein Zufallstreffer.

Startende Meise

Musik von Damals – The River

Heute habe ich mich in einer Playlist verloren – in einer schnöden Playlist von Amazon Music. Sowas höre ich gerne, wenn ich in der Küche herumwerkle, denn da habe ich kein Radio und lasse stattdessen das Handy dudeln. „Retro Frühling“ hieß die Zusammenstellung heute, und genau das war enthalten. Bob Dylan, Gordon Lightfood, die Beatles und die Beachboys – alles alte Bekannte, die mich dazu brachten, beim Obst schnippeln fröhlich mitzujodeln. Doch dann kam der Boss.

Ich höre Bruce Springsteen schon immer recht gerne, habe es aber nie soweit gebracht, mir etwas von ihm zu kaufen oder ein Konzert zu besuchen. Ich erinnere mich aber daran, dass wir früher bei unseren Spiele- oder Grillabenden auch oft das Radio anhatten – zum Beispiel die Sendung „Nightrock“ auf Radio ffn. Und irgendwann kam dann immer „The River“., diese alte Balade aus dem Jahr 1980. Das war damals das Lieblingslied eines Freundes, der dann ganz rührselig wurde. Und das wurde ich heute auch. Denn heute – ausgerechnet heute – hätten wir uns eigentlich in der Nähe von Hannover treffen wollen, um den 10. Hochzeitstag eines Paares aus der Kohlfahrtsrunde zu feiern. Gewiss wären auch viele Leute gekommen, die ich nicht kenne, doch ich habe mich auf meine alten Freunde gefreut. Corona sei Dank ist das verschoben worden.

Vernünftig, ja sicher. Aber heute in meiner Küche war mir gar nicht nach vernünftig zumute. Ich sah uns wieder dort sitzen, jung und unbefangen, an manchen Abenden deutlich jenseits von angetrunken. Darauf hätte ich heute auch Lust gehabt – schon am Nachmittag anfangen zu saufen, den Abend gemütlich passieren lassen, irgendwann ein „Croque“ vom Baguetteladen, denn Sushi war damals noch nicht drin. Bier oder Wein, auch hier eher billige Ware, Chips und Schokorosinen. Heute gibt es andere zu schnabulieren. Doch der Ablauf hätte mir heute gefallen. Ich wurde wehmütig. Der Rest der Playlist löste derartige Emotionen nicht aus und das das Kompott köchelte, war ich bereits wieder heiter. Aber es ist schon seltsam, was für starke Emotionen so ein altes Lied auslösen kann.

Ob „The River“ für den alten Freund noch immer solche Bedeutung hat, weiß ich gar nicht. Aber ich weiß, dass ich ihn und die anderen heute gerne gesehen hätte. Eine Feier, bei der es so richtig kracht, das hätte ich gerne mal wieder. Naja – aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wird schon werden.  Heute schickere ich mir alleine einen an. Das tue ich selten, aber ich glaube, heute geht was. Hergen und Kathrin, danke für die Einladung – ich komme, wann immer ihr wieder ruft. Und dieser Wein ist für euch!

Krähen-Lisa

Mal wieder eine kleine Geschichte aus dem Schreibworkshop: Als Inspiration gab es ein Foto mit vielen schwarzen Vögeln – die Art konnte ich gar nicht sicher erkennen. Ich beschloss einfach, Krähen zu sehen. Als ich mein Geschichtchen vorgelesen hatte, stellte Reiner, einer meiner Mitschreibenden fest, dass sie ihn an die U-Bahn-Haltestelle Kalbach erinnere. Und da hatte er auch Recht: Genau daran hatte ich gedacht. Da habe ich nämlich zu bestimmten Zeiten auch immer Angst, vollgeschissen zu werden. Wahrscheinlich ist es gerade mal wieder soweit.

Krähen-Lisa

Elisabeth hörte die Krähen, bevor sie sie sah. Dieses typische, unmelodische Geschrei würde sie niemals vergessen. Im Grunde hatte sie gar nichts gegen die Vögel. Sie wusste, dass diese intelligente Tiere mit einer gewissen Würde waren. Und doch lösten die rauen Schreie in ihr nur ungute Erinnerungen aus.

Nebelkrähen auf Usedom – eigentlich ganz aparte Vögel

Viele Jahre hatte sie damals mit ihrer Mutter in einer alten, baufälligen Baracke gewohnt. Im Winter zog es durch alle Ritzen, und derer gab es viele. Im Sommer wurde es warm und der Garten, wenn man das matschige Stück Land rund ums Haus denn so nennen wollte, war monatelang nicht zu nutzen. Denn rings um das alte Haus standen noch ältere Bäume, und auf diesen nisteten hunderte der schwarzen Vögel. In den Brutmonaten war der Lärm kaum auszuhalten, der Boden war bedeckt mit Kot. Mehr als einmal wurde Elisabeth auf dem Weg zur Schule von einem der dunklen, warm-stinkigen Batzen getroffen. Krähen-Lisa nannten die anderen Kinder sie, oder auch die Lisa aus dem Hexenhaus.

Sie dachte ungern an diese Zeit zurück. Das feuchte, schimmelige Klima in der Baracke hatte ihre Mutter krank und sie mit 11 zur Waise werden lassen. „Gestorben an Armut“, hatte der Pfarrer es in seiner Beerdigungsrede genannt und dafür gesorgt, dass Lisa nicht mehr eine Nacht in dem furchtbaren Gemäuer unter den Krähenbäumen verbringen musste.

Zwar hatte sie es danach bei einer Tante recht gut gehabt und ihren Weg gemacht, doch die Vielzahl der Vögel, die sie jetzt über der Wiese kreisen sah, brachte die Erinnerung wieder hoch und ließ sie noch immer, über sechzig Jahre später, schwer schlucken. Sie hatte eine unglückliche Kindheit gehabt, und auch wenn diese Vögel nicht daran schuld waren, spürte sie doch so etwas wie Hass auf die schwarzen Kreaturen. Hätte sie ein Schrotgewehr gehabt, sie hätte wohl damit geschossen – nur, damit Ruhe gewesen und die Vögel davongeflogen wären. Und mit ihnen die Erinnerungen.

Bei mir piept’s: Ich hab‘ ’ne Meise!

Nachdem ich in den letzten zwei Jahren immer begeistert die brütenden Vögel im Looduskalender beobachtet habe, bin ich endlich live dabei: In den vor über einem Jahr aufgehängten Brutkasten ist ein Meisenpärchen eingezogen

Das liegt sicher auch daran, dass ich meinen Winterfutterständer einfach habe stehen lassen. Der wird nun nicht nur zum emsigen Picken genutzt, sondern auch zum Balzen, Flügelschlagen und Herumturnen. Besonders interessant finde ich die Wurm-Übergabeaktionen, bei denen wohl der Meiserich mit Wurm im Schnabel auf dem Ständer landet, wild herumhampelt und der herbeieilenden Frau Meise den Wurm übergibt. Die flattert dann zurück in den Nistkasten. Und ich, die ich direkt nebenan am Fenster in meinem einsamen Homeoffice sitze, hoffe nun auf kleine Ästlinge, die meinen Futterständer als Startrampe für ihre Flugversuche benutzen. Wenn sich was tut, sage ich Bescheid 🙂

Zum 1. Mai

Ich war in meinem Erwachsenenleben nie eine großer Demonstrationsgängerin. In den 80er Jahren war ich bei einigen Friedensdemos dabei und nahm an einem Friedenscamp teil, doch später wurde ich faul. Eigentlich ist das nicht gut, denn man sollte für das aufstehen, was einem wichtig ist. Es wurde so viel erreicht in den letzten hundert Jahren. Doch nichts ist selbstverständlich. Das sollte uns bewusst bleiben.

Demonstration 1. Mai, Düsseldorf, Anfang 50er Jahre

Demonstration 1. Mai, Düsseldorf, Anfang 50er Jahre

Das Bild hat mein Vater aufgenommen, der als junger Mann ein paar Jahre in Düsseldorf lebte. Er hatte der Arbeit hinterherziehen müssen. Wann genau er das Foto aufgenommen hat, weiß ich gar nicht. Einige Themen sind noch immer die gleichen – zum Beispiel die Sicherheit im Alter. Andere, wie die 40-Stunden-Woche und die Lohnfortzahlung – sind uns inzwischen selbstverständlich geworden.

Interessant finde ich übrigens auch, wie fremd diese Menschenmenge für mich aussieht. Fast nur Männer, viele von ihnen würdevoll in Hut und Mantel. Die wenigen Frauen muss man geradezu suchen. Wahrscheinlich haben die zuhause auf die Kinder aufgepasst oder den demonstrierenden Gatten ein gutes Feiertagsessen gerichtet.

Corona und ich

Meike mit grüner MaskeAuch wenn es wahrscheinlich alle nicht mehr hören oder lesen mögen, gibt es auch bei mir noch einen Beitrag zu Corona, genau genommen über Corona und mich. Ich wurde nämlich in der letzten Zeit ein paar Mal gefragt, was der Virus und die verordnete Abschottung mit mir macht. Schließlich lebe ich allein und viele in meiner Lage sind durch Homeoffice und Kontaktsperren einsam und fühlen sich schlecht.

So geht es mir nicht. Ich bin in einer privilegierten Lage, muss mich um keine alten, schwachen Angehörigen sorgen und habe bislang keine Krankheitsfälle im Freundes- und Verwandtenkreis. Auch hüpfen keine energiegeladenen Kinder um mich herum, wenn ich tagsüber hier zuhause am Esstisch sitze und arbeite.

Das Alleinsein macht mir gar nichts aus. Ich scheine für das Eremitentum geboren zu sein und vermisse vordergründig erst mal nichts. Natürlich würde ich gerne einmal wieder meine Freunde sehen, es gelüstet mich nach einem schönen Spieleabend, nach Kino, Flohmarkt, Weinfest und Jägerschnitzel im „Grüne Soße und mehr“. Aber gut, das geht jetzt halt nicht – also mache ich etwas anderes. Wenn ich nicht arbeite, habe ich immer etwas anderes zu tun: lesen, schreiben, internetten oder fernsehen, dabei Strümpfe stricken – die Zeit geht schnell rum, wenn man sich gut zu beschäftigen weiß. Außerdem wird viel mit Freunden oder Verwandten telefoniert. Das ist eine Wiederentdeckung, denn das private Telefonieren hatte ich mir beinahe abgewöhnt. So bin ich also gut beschäftigt und fühle mich auch nicht alleine.

Und doch merke ich, dass sich auch in meinem Kopf etwas verändert, ich ein wenig komisch werde. Zumindest finde ich das jetzt noch komisch, vielleicht ist es in ein paar Monaten ja mein Normalzustand. So beobachte ich derzeit bei mir eine neue Art der Sparsamkeit, so als befürchte ich tief in mir drin einen materiellen Notstand. Das deckt sich vielleicht ein wenig mit diesem Impuls zu hamstern, den viele Leute plötzlich hatten, oder mit der schwindenden Kauflaune, die der Handel beklagt. Auch ich habe mir seit Wochen nichts außer Alltäglichem gekauft und finde, dass ich nichts Neues brauche. Was soll ich mit neuen Sommersachen, wenn ich genauso gut im alten, vom vielen Waschen kuschelweichen Shirt hier alleine im Homeoffice sitzen kann? Soweit ist die Sparsamkeit also noch logisch.

Ich ertappe mich aber auch bei absolut merkwürdigen Gedanken, etwa wenn ich feststelle, dass die Spülmaschine schon wieder voll ist. Dann schleicht sich ein „Nein, die kann doch nicht schon wieder laufen, was das kostet – schon wieder ein Spültab!“ durch mein Gehirn und ich überlege, ob ich vielleicht zwischendurch von Hand spülen sollte. Ja, genau, von Hand spülen – deshalb habe ich mir beim Einzug in diese Wohnung die kleine Spülmaschine gekauft. Bevor ich damit anfange, benutze ich lieber zwei Tage lang den gleichen Teller!

Moment. Halt, stopp! Nein, das tue ich nicht – Order, Order! Ich kaufe einfach neue Spültabs, wenn die alten alle sind.

Ähnliches passierte mir kürzlich beim Wäsche falten. Da kam mir so eine olle Socke mit unmöglicher Passform in die Hände. Das Paar hatte ich schon vor Monaten wegschmeißen wollen, doch immer wieder geriet es in die Wäsche statt in die Tonne. Jetzt hatte ich es eingefangen, doch statt es zu entsorgen, ertappte ich mich dabei, dass ich es mir vor die Nase hielt – könnte man da keine Alltagsmaske draus basteln? Zu diesem Zweck habe ich auch schon ein altes, schiefes T-Shirt sowie ein 90er-Jahre-Nickituch geschlachtet, warum nicht einen schwarzen Strumpf dazu nehmen? Ein Blick in den Spiegel reichte jedoch, um mich zur Ordnung zu rufen. Ich werde mir keine verwaschenen Socken vor das Gesicht schnüren – soweit kommt es noch.

Meike mit gestreifter MaskeIrgendwie scheinen die Notlagen, in die andere durch Corona geraten und über die immer wieder in den Medien berichtet werden, auf mich überzuschwappen. Das ist irrational, denn ich arbeite ganz normal weiter und bekomme nach wie vor mein volles Gehalt. Ich spare sogar Geld dadurch, dass ich nicht dauernd essen gehe und keine Veranstaltungen besuche. Auch ist meine Heimkantine deutlich billiger als die, in der ich sonst esse. Es gibt also keinen Grund für mich, an Putzmitteln zu knausern oder angezogen wie der letzte Mensch durch die Gegend zu laufen.

Andererseits entdecke ich aber auch eine neue Großzügigkeit. Ich spende seit Jahren regelmäßig einen bestimmten Teil meines Einkommens, habe zwei Patenkinder in Laos und bin nicht zurückhaltend, wenn ich finde, dass bestimmte Katastrophen meiner Unterstützung bedürfen. Jetzt aber mache ich mir nicht nur um Menschenleben. sondern auch um die kleinen Kulturangebote in meiner Umgebung Gedanken. Die sind es ja, die mein Leben zu dem machen, was es ist – bunt und heiter. Und so habe ich nicht nur einen ordentlichen Betrag an das rote Kreuz gespendet (den mein Arbeitgeber nochmal verdoppelt), sondern auch an kleinere Einrichtungen hier in Frankfurt. Und ich werde Patentante von zwei Tieren im ehrenamtlich geführten Kobelt-Zoo. Es gibt einfach so viele derzeit, denen diese Krise schwer zu schaffen macht. Ich kann sie nicht alle unterstützen, mache mir aber doch Sorgen, dass es die bunte Welt, in der ich so gerne lebe, nach der Corona-Krise vielleicht erst mal nicht mehr geben wird. Zum Glück weiß ich, dass Gesellschaften sich von Krisen erholen können und oft gestärkt daraus hervorgehen, aber wie schnell wird das gehen? Ich hoffe, es dauert nicht allzu lange.

Improvisationskuchen Ex-Banana

In letzter Zeit backe ich ja auch öfter mal für mich alleine – kommt ja kein Besuch. Und manchmal muss einfach was weg. So wie in dieser Woche meine restlichen Bananen. Ich mag Bananen am liebsten, wenn sie noch etwas grün sind – zumindest oben am Zipfel, gerne aber auch ein bisschen an der Schale. Manchmal aber kauft man Bananen, die schon zwei Tage später „die fliegende Bananenbräune“ kriegen und zu Tigerbananen werden. So geschah es auch diese Woche und ich hatte drei braun-gelb gestreifte Krummlinge in meiner Küche liegen. Wäre es nur eine gewesen, hätte ich sie gematscht und mit Joghurt gegessen, aber drei verlangten nach einer anderen Idee. Und so kam mir der Gedanke an Bananenmuffins – ob das wohl schmeckt? Und sind drei Bananen nicht zu viel für zwölf Muffins?

Ich entschied mich also, einen Napfkuchen aus anderthalb Muffinrezepten zu machen. Dafür war alles im Haus und dieses Grundrezept gelingt eigentlich immer. Kurzzeitig verfolgte ich den Plan, zartbittere Schokostreusel dazuzugeben. Das scheiterte aber daran, dass niemand Schokostreusel eingekauft hatte. Stattdessen fand ich eine von Silvester übrig gebliebene Packung bittere Choko Crossies, die bedenklich nahe am Mindesthaltbarkeitsdatum war und deshalb der Zutatenliste zugeschlagen wurde. Dann wäre da auch gleich was drin für den Crunch, dachte ich mir, und das ist ja wichtig, wenn man meiner liebsten Backshow Glauben schenkt.

Los ging es also mit diesem Rezept:

  • 110 ml Öl
  • 3 Eier
  • 325 g Naturjoghurt
  • 120 g Zucker
  • –>miteinander verrühren
  • 3 Tigerbananen in kleine Stücke schnippeln
  • –> einrühren

In einer trockenen Schüssel (ich nehme immer gleich die meiner Waage dazu):

  • 375 g Mehl
  • 1 Päckchen Backpulver
  • 150 g alte bittere Choko Crossies –> in einem Gefrierbeutel zerkleinern
  • –> miteinander mischen und
  • –> unterrühren

Die gute, von Muttern geerbte Alu-Napfkuchenform fetten und mit Paniermehl ausbröseln. Teig einfüllen und etwa 40 Minuten backen.

Nicht jedes meiner Backexperimente geht uneingeschränkt gut aus, nicht jeder „Muss-weg-Kuchen“ landet hier im Blog. Einiges wird auch schamhaft verschwiegen. Doch der Bananenkuchen ist wirklich rundum gut gelungen – locker, saftig und nicht zu süß. Nur das mit dem Crunch hat nicht so gut geklappt wie gedacht, die Choco Crossies haben sich dem bananigen Umfeld von der Konsistenz her eher angeglichen. Das macht aber nichts, der Kuchen ist auch ohne Crunch wirklich lecker. Das hätte ich den ollen Bananen gar nicht zugetraut 🙂

Ein einfacher Arbeiter

Er spürte das weiche Fleisch und genoss für einen Moment dessen kühle Glätte. Makellos weiß lag es vor ihm und er konnte es kaum erwarten, sich mit aller Macht hineinzupressen. Ach, wenn er nur nicht immer auf Hilfe angewiesen wäre. Wenn er doch nur selbst die Kraft aufbringen könnte, sich dieser zarten Perfektion zu nähern.

Lange schon hatte er die Rolle akzeptiert, die das Leben für ihn vorgesehen hatte. In seiner Jugend hatte er gehadert. Warum nur, hatte er sich gefragt, warum nur war er so klein und unscheinbar geraten? Die größeren Kollegen hatten ohne Zweifel einen besseren Klang. Sie wurden von Frauenhänden gestreichelt, brachten Sphärenklänge hervor und sonnten sich im Applaus des Publikums. Wie gerne wäre er eine Harfe gewesen. Doch er hatte einsehen müssen, dass dies mit nur acht Saiten schlecht möglich war.

Doch mit diesen acht Saiten hatte er immerhin mehr aufzubieten als die langweiligeren Gitarren, oder gar die fast schon kastriert anmutenden Bässe. Leider fehlte es ihm an einem ihn umgebenden Klangkörper, sodass niemand seine Musikalität hatte akzeptieren wollen. Und so hatte er es, nach langem Kampf und heimlich vergossenen Tränen einsehen müssen, dass aus ihm kein gefeierter Musiker wurde, sondern nur ein einfacher Arbeiter: Inzwischen war er seit fast 50 Jahren als Eierschneider tätig.

Eierschneider

Bild zur Verfügung gestellt von Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / http://www.pixelio.de

Der Druck auf seine äußere Kante verstärkte sich. Er spürte, wie das Ei sich unter seinen Drähten duckte, sich fast ängstlich an seinen Boden presste. Dann gab die zarte Hülle nach und er konnte eindringen in dieses vollkommene Oval – erst weiß, dann gelb, dann wieder weiß. Wie immer schnitt er perfekte Scheiben, neun Stück pro Ei, genau die richtige Menge für ein Eibrot, wie Sascha es mochte. Denn mittlerweile arbeitete er nicht mehr für Wilma, die ihn in den 70er Jahren bei Karstadt gekauft hatte, sondern war weitervererbt worden an ihren Enkel. Und das, so fand er, sprach eindeutig für ihn: Er war ein Qualitätsprodukt.

Ja, tatsächlich, er war zuverlässig. Niemals hatte man seine Drähte neu spannen oder schärfen müssen. Sein einfacher Mechanismus war so gut verständlich, dass selbst die leicht beschränkt wirkende Freundin von Sascha seinen Gebrauch nicht lange hatte üben müssen. Er schnitt und schnitt und schnitt – ohne lange zu fackeln und ohne jegliche Diskussion. Gut, aus ihm war kein Musiker geworden, und eigenen Strom hatte er auch nicht. Aber er war nützlich und kam für sich selber auf.

Außerdem war er pflegeleicht. Fast schon freute er sich darauf, nach dem Frühstück im warmen Seifenwasser zu baden. Wusch Sascha ihn ab, gab es eine feste Massage mit einer Naturborsten-Spülbürste. Die Freundin war vorsichtiger, sie benutzte einen Schwamm und zupfte manchmal ein wenig an seinen Saiten. Vielleicht war sie doch gar nicht so dumm, vielleicht war sie die erste, die sein Potential erkannte. Gut, ein Berufsmusiker würde in seinem Alter nicht mehr aus ihm werden, aber vielleicht reichte es für ein schönes Hobby. Sachte Klänge im Seifenschaum – das hatte doch etwas wirklich Musisches, oder nicht?

 

Nachtrag:  Zuhause hatten wir früher einen Eierschneider, der genutzt wurde, um zu besonderen Anlässen kleine Eibrote zu machen. Alltags wurden die Eier von Hand zerlegt. Auch meine Schwester hat so ein Ding – dieses Modell kann nicht nur Scheiben schneiden, sondern beherrscht zusätzlich Längseischnitte, die das Ei in Spalten spaltet.

Jedes Jahr wieder fragte meine Mutter mich kurz vor dem Geburtstag oder vor Weihnachten: „Hast du eigentlich einen Eierschneider?“ Meine Antwort war immer die Gleiche: „Nein, und ich brauche auch keinen.“ Ich bin also bekennende Eierschneider-Verweigerin – und ich stehe dazu. Wahrscheinlich würde ich eine Harfe mehr benutzen …

50 – und nu?

Das hätte sein sollen – und es wird kommen. Einfach länger darauf freuen …

Nun ist es also passiert: Vorgestern bin ich 50 geworden. Corona sei dank ist dieser Tag natürlich ganz anders abgelaufen, als er geplant war. Eigentlich hatte ich mit meiner lieben Schwester auf Borkum sein wollen, mit Sektfrühstück, Erdbeerkuchen im Sonnenschein und abends einem Fischgericht und Meerblick. Nun ja, zumindest den Erdbeerkuchen hatte ich, leidlich Sonnenschein auch und vom Balkon aus habe ich immerhin Blick auf den Frankfurter Stadtwald. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben – soweit also erst mal alles gut.

Was mich aber nach wie vor in tiefe Verwirrung stürzt, ist diese beeindruckende Zahl 50. In Buchstaben: Fümpfzich. Unglaublich. 50, das waren doch die Leute, mit denen meine Eltern Karten spielten und kegeln gingen. Das waren die, die abends zu Besuch kamen, die Herren mit gutem Hemd und Schlips, die Damen mit Glanzbluse und Perlenkette über dem wogenden Dekolltee. Später, als sie alle noch älter waren, wurden sie lässiger, da trugen sie auch zu Feierlichkeiten schon mal ein Polohemd, aber mit 50 waren sie noch höchst seriös. Bin ich auch so?

Natürlich hat sich im Laufe der Jahrzehnte viel verändert, ich lebe ganz anders, als meine Eltern es taten. Wenn sie Besuch bekamen, kam das gute Geschirr auf den mit einer weißen Tischdecke bedeckten Tisch, meine Mutter hat stundenlang gekocht und geriet in Stress, wenn die Gäste zu früh kamen und sie nicht fertig war. Ich selber besitze gar keine Tischdecke, weil ich die nicht leiden mag, und „gutes Geschirr“ habe ich auch nicht. Wenn mehr als vier Gäste kommen, wird gestückelt, weil ich nur fünf Essteller habe, aber da es bei meinen Gästen größtenteils nicht anders aussieht, stört sich da keiner dran. Oft kochen wir gemeinsam und fischen das Gekochte der Einfachheit halber einfach aus dem Topf statt aus Schüsseln. Ob das überall so ist? Oder wird das nur in meiner ganz speziellen Blase so gehandhabt? Ich weiß es nicht, aber eigentlich ist es auch egal, denn für mich ist es richtig so.

Dekoration zum 50. Geburtstag

Mit 50 kamen die Leute mir früher unglaublich alt vor. Ich erinnere mich daran, wie die Mutter einer Spielkameradin 40 wurde: Schon sie war eine umständliche alte Frau. „Aus den besten Jahren ist sie raus“, beschrieb ich als Grundschülerin die neue Lehrerin. So lange, wie sie noch unterrichtet hat, kann die damals erst Anfang 40 gewesen sein, dieses uralte Hutzelweiblein. Das lag sicher an der besonderen Wahrnehmung eines Kindes. Ich glaube aber auch, dass in den 70er Jahren noch viele Dinge so anders waren, dass die Leute einfach früher alterten. Die äußere Erscheinung wurde viel mehr als heute von Tradition und Rollenbild bestimmt. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass meine Mutter immer darauf beharrte, keine Jeans tragen zu können. Sie meinte, sie sei zu dick dazu, außerdem sei sie für Jeans zu alt. Als sie das verkündete, war sie noch keine 40 und kleidete sich bevorzugt in Faltenröcke, so richtig brutale Dinger aus dickem, dunklem Stoff. Je älter sie wurde, desto jugendlicher kleidete sie sich. Ähnlich war es bei meinem Vater, der mit 50 älter aussah als mit 70, was sicher auch daran lag, dass er jahrelang sehr viel gearbeitet hat und man das seinen müden Augen irgendwann ansah.

Bei der Arbeit merke ich natürlich auch, dass ich älter werde: Immer öfter gehöre ich bei irgendwelchen Meetings zu den Älteren und in meiner Abteilung bin ich sogar die Älteste. Unsere Praktikantinnen könnten inzwischen locker meine Töchter sein und ich ertappe mich immer öfter bei Gedanken, für die ich vor zwanzig Jahren die älteren Kollegen mit verächtlichen Blicken gestraft habe, wenn sie es denn gewagt haben, derartiges auszusprechen. Etwa sowas wie: „Das haben wir doch schon drei Mal gehabt, das hieß nur anders“ oder „Das hat vor zehn Jahren schon nicht geklappt, das wird heute nicht anders sein“. Ich versuche ja immer, so etwas für mich zu behalten, denn zum einen will ich nicht immer als Piesepampel dastehen, zum anderen weiß ich ja, dass die Zeiten sich ändern und dass etwas, was vor 10 Jahren nicht und nur holprig funktioniert hat, inzwischen durchaus besser laufen kann. Wie schnell sich Dinge entwickeln, sehen wir ja derzeit: Wer hätte denn vor drei Jahren damit gerechnet, dass Großteile der Bevölkerung plötzlich im Homeoffice arbeiten, und dass das zumindest technisch auch weitgehen gut funktioniert? Ich nicht, das gebe ich zu.

Es gibt also durchaus noch Dinge zu lernen mit 50, und ich habe auch noch allerhand vor. Ich muss noch die ganzen Romane schreiben, die ich im Kopf habe, will häkeln lernen und irgendwann ein Haustier haben. Ich habe noch nicht alles gesehen, was mir interessant erscheint und denke, dass ich bestimmt noch das eine oder andere Talent in mir habe, das noch entdeckt werden muss.

Und ich musste gestern schon feststellen, dass ich mich zumindest auf einem Gebiet mit 50 nicht anders verhalte als mit 49 oder 29: Noch immer prokrastiniere ich alles, was mit Haushaltsarbeit zu tun hat. Mir ist nämlich beim Kochen meines Geburtstagsessens eine fast volle Glasflasche mit Pflanzenöl auf den Küchenfliesen zerscheppert. Natürlich habe ich die größte Schweinerei sofort weggemacht, es sollte ja nicht alles unter die Einbauküche laufen. Aber richtig sauber war die Küche danach nicht. Das Putzen wurde also auf den nächsten Tag verschoben, stürzte mich am Morgen in meine ganz persönliche Ölkrise und wurde aufgeschoben bis zum späten Nachmittag. Inzwischen ist es erledigt, es half ja nichts. Aber die richtig gute Hausfrau, die meine Eltern gerne aus mir gemacht hätten, die wird nicht mehr aus mir. Und das ist gut so.