Hommage auf ein Suppenhuhn

Ich esse gerne Huhn – mal als Suppe, mal als Frikassee. Zuhause bei Muttern gab es das regelmäßig. Wir wohnten auf dem Land und Hühner erhielten wir oft von Bekannten. Das waren dann „echte freilaufende Hühner“, die in Gärten herumgelaufen waren, mit Garten- und Küchenresten gefüttert wurden, Eier gelegt hatten und irgendwann, nach einem langen Leben als Legehenne, im Topf landeten. Diese Hühner waren prima, an ihnen war ordentlich was dran und meine Mutter verstand es, sie wunderbar zuzubereiten.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

In Sachen Zubereitung gehöre ich inzwischen auch zu den Fortgeschrittenen, doch leider ist das mit den guten Hühnern nicht mehr so einfach. Die komischen, kleinen Tierchen vom Rewe sind zwar spottbillig (ich konnte es kaum glauben, als ich einmal eines kaufte), doch es ist kaum was dran. Das Wenige, was dran ist, schmeckt nach nichts und ich glaube nicht, dass die mal irgendwo herumlaufen durften. Die nächste Idee, die ich hatte, war der Wochenmarkt am Südbahnhof. Dort gibt es einen Geflügelwagen und der hat auch Suppenhühner. Für ein Hühnchen von einem knappen Kilo Gewicht gab ich dort legendäre 18 Euro aus und das Tier schmeckte nicht besser als eines vom Rewe. Das war also auch nichts.

Als letzte Idee fragte ich bei meinem Lieblings-Fleischwagen auf dem winzigen Oberräder Wochenmarkt an: „Habt ihr auch Suppenhühner?“ Ich könne eines bestellen, bekam ich zur Antwort, dann würde man bei einem Bekannten fragen, ob der gerade welche hat. Das fand ich ja schon mal gut, denn wenn alles sofort verfügbar ist, bin ich bei Frischware immer etwas im Zweifel ob der tatsächlichen Frische. Ich bestellte also mein Hühnchen.

Und tatsächlich, ich bekam eines: 1.500 Gramm für – wie ich fand – moderate 13 Euro. Das sei aber jetzt das Letzte, erfuhr ich, die nächsten kämen erst im Herbst. Gut, so oft muss es ja auch kein Huhn geben. Froh trug ich meine Beute heim und machte mich dran, das wirklich schöne Huhn zu verkochen. Es war zwar kein Riesenhuhn wie seinerzeit die legendären Hennen von Leni von Loy, auch keines wie die liebevoll gehüteten Hühnchen von Papas hochbetagtem Kumpel Emil, aber es war ein sehr gutes Huhn.

Einige Tage später erzählte ich einer Freundin von meinem Kauf. Sie fand diese 13 Euro viel zu teuer, es blieb ihr fast die Luft weg. So viel Geld für ein kleines Geflügel, das könne sich ja gar nicht jeder leisten. Gut, ja, das mag stimmen, Einkäufe auf dem Wochenmarkt, egal ob Fleisch oder Gemüse, sind deutlich teurer als beim Discounter. Wenn ich aber mal rechne, was aus meinem Hühnchen geworden ist, sieht die Sache für mich deutlich anders aus: Ich kochte mein Huhn mit einem Bund Suppengemüse in einem großen Pott Wasser. Daraus entstand ein großer Pott Brühe. Einen Teil davon verarbeitete ich mit einem Großteil des Fleisches zu vier Portionen Frikassee, aus der restlichen Brühe wurde – unter Beigabe von diversem Gemüse und einem Becher Reis und ein ganz wenig vom Hühnerfleisch – ein leckerer Eintopf, der mich ebenfalls vier Mal satt machte. Ganz grob und sehr großzügig gerechnet kamen zu meinem Huhn von 13 Euro noch Zutaten für maximal 17 Euro dazu (Suppengrün, Kohlrabi, drei dicke Möhren, ein halber Blumenkohl, ein paar Tiefkühlerbsen, Reis und zwei kleine Gläser Spargel, außerdem natürlich Pfeffer und Salz). Ich hatte also acht Mal ein gutes und leckeres Essen für maximal 30 Euro – das finde ich wahrlich nicht viel. Wenn ich in Nicht-Corona-Zeiten mittags in die Kantine gehe, gebe ich im Schnitt das Doppelte aus.

Für mich hat sich mein Hühnchen bezahlt gemacht. Ich gebe lieber ein bisschen mehr aus und habe dafür etwas Gutes, als dass ich mich hinterher ärgere, weil das, was ich günstig gekauft habe, keine gute Qualität hat. Dazu kaufe ich auf unserem Wochenmarkt auch noch sehr regional ein, was mir gut gefällt. Ja, einiges ist teurer als im Supermarkt – deutlich teurer sogar. Aber ich weiß bei Vielem, was es dort gibt, wo es herkommt und auch, dass die Leute, die es angebaut haben, vernünftig bezahlt wurden.

Und ja, ich weiß, dass diese Art, einzukaufen, vielen Menschen nicht möglich ist. Gerade Leute, die im Bezug von Grundsicherung sind, erhalten viel zu wenig Geld fürs Essen, da die Sätze künstlich klein gerechnet werden. Das ist aber leider nichts, worauf ich – im Gegensatz zu meinem eigenen Einkaufsverhalten – Einfluss habe.

Heute vor 90 Jahren …

… wurde mein Papa geboren. Er war der Sohn von Hedwig Margarethe und Carl Anton.

Er war der große Bruder der Zwillinge Magda Anna und Hans Dietrich.

Er lernte Schmied, war mit Leib und Seele Lokführer und betrieb im Nebenberuf einen Feuerlöscher-Kundendienst. Wenn er bastelte, wurde es sehr, sehr laut.

Er heiratete, wurde einige Jahre später Witwer, fand die Frau im roten Kleid und wagte es noch einmal.

Er wurde Vater zweier Töchter (links meine wunderbare Schwester).

Er hat für sein Leben gerne Quatsch gemacht und viel gelacht …

…sogar, wenn es gar nicht so viel zu lachen gab. Doch als Großvater gab er nochmal alles.

Und das war seine Lebenseinstellung:

Vor 18 Jahren war sein Weg zuende. Doch er hat uns viel mitgegeben. Unter anderem wunderbare Erinnerungen.

Ich bin Patentante!

Patenurkunde Kobelt-ZooZu Corona-Zeiten werden Großkonzerne mit allen Mitteln vor dem Konkurs bewahrt – eine Maßnahme, die ich in gewissen Grenzen durchaus befürworte. Was leider ziemlich hinten runter fällt, sind „die Kleinen“ – besonders die Kulturtreibenden oder die Vereine. Ich habe hier und da ein wenig gespendet. Besonders angetan hat es mir derzeit der kleine, ehrenamtlich geführte Kobelt-Zoo in Frankfurt. Da gibt es keine Elefanten oder große Exoten, sondern Haustiere, Vögel und allerlei Kleingetier. Dieser Zoo wird oft von Kindergartengruppen besucht, oder auch von Leuten, die es nicht so dicke haben, denn der Eintritt ist kostenfrei und der Zoo finanziert sich nur durch Spenden. Ich habe auch dorthin einen kleinen Betrag überwiesen.

Zusätzlich habe ich zwei Patenschaften übernommen: Eine für ein Schaf, eine weitere für einen Ara. Nun bin ich also Patentrante und freue mich ganz kindlich über die beiden Patenurkunden, die mir zugeschickt wurden. Meine Freundin Maike wurde ebenfalls Patin, sie unterstützt den Lebensweg einer Anakonda sowie eines Karpaten-Uhu. Sollte noch jemand Lust auf eine Tierpatenschaft haben: Es gibt sicherlich weiterhin Finanzbedarf, und es sind auch noch Tiere „im Topf“. Für recht kleines Geld kann man hier schon mithelfen – das ist sicher auch für Kinder ganz schön.

Ausgeflogen!

Corona sei Dank haben sich die Meisen auf meinem Balkon nicht nur an meine Anwesenheit gewöhnt. Ich hatte auch das Glück, dass ich den Ausflug der Meisenküken beobachten konnte. Eines am Donnerstag Abend, zwei am Freitag. Ob es noch mehr waren, weiß ich leider nicht. Eventuell habe ich welche verpasst.

Das Donnerstags-Vögelchen fiel mir auf, weil es sich eine ganze Weile an meinem Insektenschutz festklammerte, bevor es sich todesmutig vom Balkon stürzte. Immerhin vom sechsten Stock aus – hoffentlich hat es sich nicht weh getan.

Vöglein Nummer zwei purzelte aus dem Kasten, segelte besoffen direkt an meinem Fenster vorbei, flatterte auf meine Fensterbank und guckte mich durch die Scheibe hindurch neugierig an. Ich glotzte natürlich zurück. Die Fotos sind leider unscharf, ich mochte nicht so nah rangehen. Außerdem sind die Scheiben dreckig.

Gerade, als ich mich von meiner Verblüffung erholt und die Handykamera vernünftig im Anschlag hatte, drehte es sich um und guckte woanders hin – so wird das nichts mit der Topmodelkarriere. Dann flatterte es davon, ditschte ein, zwei Mal an die Balkonbrüstung, überwand diese schließlich und verschwand.

Vögelchen dreht sich um

Nummer drei schließlich schielte nur kurz aus dem Kasten, schwang sich über die Balkonbrüstung und taumelte dem Leben entgegen – hoffentlich. Nachbars Katze schlich ebenfalls umher, ich hoffe, sie war ordentlich satt.

Seitdem die Fütterungszeit vorbei ist, ist es deutlich ruhiger auf dem Balkon. Meisen und Spatzen leben wieder in freidlicher Ko-Existenz, nachdem der Meiserich in den zwei Tagen vor dem Ausflug wie ein Berserker auf jeden Spatz losging, der sich an den Futterständer wagte. So entschlossen, wie Papa Meise zu Werke ging, hätte er es wohl auch mit einer Krähe aufgenommen.

Jetzt wird wieder friedlich gepickt und emsig gebalzt, so dass ich auf eine zweite Brut hoffe. Und das letzte Foto, unscharf und durch die fleckige Scheibe geknipst wie die anderen auch, zeigt einmal, wie groß so ein ausgeklappter Meisenflügel werden kann. Das war ein Zufallstreffer.

Startende Meise

Zum 1. Mai

Ich war in meinem Erwachsenenleben nie eine großer Demonstrationsgängerin. In den 80er Jahren war ich bei einigen Friedensdemos dabei und nahm an einem Friedenscamp teil, doch später wurde ich faul. Eigentlich ist das nicht gut, denn man sollte für das aufstehen, was einem wichtig ist. Es wurde so viel erreicht in den letzten hundert Jahren. Doch nichts ist selbstverständlich. Das sollte uns bewusst bleiben.

Demonstration 1. Mai, Düsseldorf, Anfang 50er Jahre

Demonstration 1. Mai, Düsseldorf, Anfang 50er Jahre

Das Bild hat mein Vater aufgenommen, der als junger Mann ein paar Jahre in Düsseldorf lebte. Er hatte der Arbeit hinterherziehen müssen. Wann genau er das Foto aufgenommen hat, weiß ich gar nicht. Einige Themen sind noch immer die gleichen – zum Beispiel die Sicherheit im Alter. Andere, wie die 40-Stunden-Woche und die Lohnfortzahlung – sind uns inzwischen selbstverständlich geworden.

Interessant finde ich übrigens auch, wie fremd diese Menschenmenge für mich aussieht. Fast nur Männer, viele von ihnen würdevoll in Hut und Mantel. Die wenigen Frauen muss man geradezu suchen. Wahrscheinlich haben die zuhause auf die Kinder aufgepasst oder den demonstrierenden Gatten ein gutes Feiertagsessen gerichtet.

Corona und ich

Meike mit grüner MaskeAuch wenn es wahrscheinlich alle nicht mehr hören oder lesen mögen, gibt es auch bei mir noch einen Beitrag zu Corona, genau genommen über Corona und mich. Ich wurde nämlich in der letzten Zeit ein paar Mal gefragt, was der Virus und die verordnete Abschottung mit mir macht. Schließlich lebe ich allein und viele in meiner Lage sind durch Homeoffice und Kontaktsperren einsam und fühlen sich schlecht.

So geht es mir nicht. Ich bin in einer privilegierten Lage, muss mich um keine alten, schwachen Angehörigen sorgen und habe bislang keine Krankheitsfälle im Freundes- und Verwandtenkreis. Auch hüpfen keine energiegeladenen Kinder um mich herum, wenn ich tagsüber hier zuhause am Esstisch sitze und arbeite.

Das Alleinsein macht mir gar nichts aus. Ich scheine für das Eremitentum geboren zu sein und vermisse vordergründig erst mal nichts. Natürlich würde ich gerne einmal wieder meine Freunde sehen, es gelüstet mich nach einem schönen Spieleabend, nach Kino, Flohmarkt, Weinfest und Jägerschnitzel im „Grüne Soße und mehr“. Aber gut, das geht jetzt halt nicht – also mache ich etwas anderes. Wenn ich nicht arbeite, habe ich immer etwas anderes zu tun: lesen, schreiben, internetten oder fernsehen, dabei Strümpfe stricken – die Zeit geht schnell rum, wenn man sich gut zu beschäftigen weiß. Außerdem wird viel mit Freunden oder Verwandten telefoniert. Das ist eine Wiederentdeckung, denn das private Telefonieren hatte ich mir beinahe abgewöhnt. So bin ich also gut beschäftigt und fühle mich auch nicht alleine.

Und doch merke ich, dass sich auch in meinem Kopf etwas verändert, ich ein wenig komisch werde. Zumindest finde ich das jetzt noch komisch, vielleicht ist es in ein paar Monaten ja mein Normalzustand. So beobachte ich derzeit bei mir eine neue Art der Sparsamkeit, so als befürchte ich tief in mir drin einen materiellen Notstand. Das deckt sich vielleicht ein wenig mit diesem Impuls zu hamstern, den viele Leute plötzlich hatten, oder mit der schwindenden Kauflaune, die der Handel beklagt. Auch ich habe mir seit Wochen nichts außer Alltäglichem gekauft und finde, dass ich nichts Neues brauche. Was soll ich mit neuen Sommersachen, wenn ich genauso gut im alten, vom vielen Waschen kuschelweichen Shirt hier alleine im Homeoffice sitzen kann? Soweit ist die Sparsamkeit also noch logisch.

Ich ertappe mich aber auch bei absolut merkwürdigen Gedanken, etwa wenn ich feststelle, dass die Spülmaschine schon wieder voll ist. Dann schleicht sich ein „Nein, die kann doch nicht schon wieder laufen, was das kostet – schon wieder ein Spültab!“ durch mein Gehirn und ich überlege, ob ich vielleicht zwischendurch von Hand spülen sollte. Ja, genau, von Hand spülen – deshalb habe ich mir beim Einzug in diese Wohnung die kleine Spülmaschine gekauft. Bevor ich damit anfange, benutze ich lieber zwei Tage lang den gleichen Teller!

Moment. Halt, stopp! Nein, das tue ich nicht – Order, Order! Ich kaufe einfach neue Spültabs, wenn die alten alle sind.

Ähnliches passierte mir kürzlich beim Wäsche falten. Da kam mir so eine olle Socke mit unmöglicher Passform in die Hände. Das Paar hatte ich schon vor Monaten wegschmeißen wollen, doch immer wieder geriet es in die Wäsche statt in die Tonne. Jetzt hatte ich es eingefangen, doch statt es zu entsorgen, ertappte ich mich dabei, dass ich es mir vor die Nase hielt – könnte man da keine Alltagsmaske draus basteln? Zu diesem Zweck habe ich auch schon ein altes, schiefes T-Shirt sowie ein 90er-Jahre-Nickituch geschlachtet, warum nicht einen schwarzen Strumpf dazu nehmen? Ein Blick in den Spiegel reichte jedoch, um mich zur Ordnung zu rufen. Ich werde mir keine verwaschenen Socken vor das Gesicht schnüren – soweit kommt es noch.

Meike mit gestreifter MaskeIrgendwie scheinen die Notlagen, in die andere durch Corona geraten und über die immer wieder in den Medien berichtet werden, auf mich überzuschwappen. Das ist irrational, denn ich arbeite ganz normal weiter und bekomme nach wie vor mein volles Gehalt. Ich spare sogar Geld dadurch, dass ich nicht dauernd essen gehe und keine Veranstaltungen besuche. Auch ist meine Heimkantine deutlich billiger als die, in der ich sonst esse. Es gibt also keinen Grund für mich, an Putzmitteln zu knausern oder angezogen wie der letzte Mensch durch die Gegend zu laufen.

Andererseits entdecke ich aber auch eine neue Großzügigkeit. Ich spende seit Jahren regelmäßig einen bestimmten Teil meines Einkommens, habe zwei Patenkinder in Laos und bin nicht zurückhaltend, wenn ich finde, dass bestimmte Katastrophen meiner Unterstützung bedürfen. Jetzt aber mache ich mir nicht nur um Menschenleben. sondern auch um die kleinen Kulturangebote in meiner Umgebung Gedanken. Die sind es ja, die mein Leben zu dem machen, was es ist – bunt und heiter. Und so habe ich nicht nur einen ordentlichen Betrag an das rote Kreuz gespendet (den mein Arbeitgeber nochmal verdoppelt), sondern auch an kleinere Einrichtungen hier in Frankfurt. Und ich werde Patentante von zwei Tieren im ehrenamtlich geführten Kobelt-Zoo. Es gibt einfach so viele derzeit, denen diese Krise schwer zu schaffen macht. Ich kann sie nicht alle unterstützen, mache mir aber doch Sorgen, dass es die bunte Welt, in der ich so gerne lebe, nach der Corona-Krise vielleicht erst mal nicht mehr geben wird. Zum Glück weiß ich, dass Gesellschaften sich von Krisen erholen können und oft gestärkt daraus hervorgehen, aber wie schnell wird das gehen? Ich hoffe, es dauert nicht allzu lange.

50 – und nu?

Das hätte sein sollen – und es wird kommen. Einfach länger darauf freuen …

Nun ist es also passiert: Vorgestern bin ich 50 geworden. Corona sei dank ist dieser Tag natürlich ganz anders abgelaufen, als er geplant war. Eigentlich hatte ich mit meiner lieben Schwester auf Borkum sein wollen, mit Sektfrühstück, Erdbeerkuchen im Sonnenschein und abends einem Fischgericht und Meerblick. Nun ja, zumindest den Erdbeerkuchen hatte ich, leidlich Sonnenschein auch und vom Balkon aus habe ich immerhin Blick auf den Frankfurter Stadtwald. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben – soweit also erst mal alles gut.

Was mich aber nach wie vor in tiefe Verwirrung stürzt, ist diese beeindruckende Zahl 50. In Buchstaben: Fümpfzich. Unglaublich. 50, das waren doch die Leute, mit denen meine Eltern Karten spielten und kegeln gingen. Das waren die, die abends zu Besuch kamen, die Herren mit gutem Hemd und Schlips, die Damen mit Glanzbluse und Perlenkette über dem wogenden Dekolltee. Später, als sie alle noch älter waren, wurden sie lässiger, da trugen sie auch zu Feierlichkeiten schon mal ein Polohemd, aber mit 50 waren sie noch höchst seriös. Bin ich auch so?

Natürlich hat sich im Laufe der Jahrzehnte viel verändert, ich lebe ganz anders, als meine Eltern es taten. Wenn sie Besuch bekamen, kam das gute Geschirr auf den mit einer weißen Tischdecke bedeckten Tisch, meine Mutter hat stundenlang gekocht und geriet in Stress, wenn die Gäste zu früh kamen und sie nicht fertig war. Ich selber besitze gar keine Tischdecke, weil ich die nicht leiden mag, und „gutes Geschirr“ habe ich auch nicht. Wenn mehr als vier Gäste kommen, wird gestückelt, weil ich nur fünf Essteller habe, aber da es bei meinen Gästen größtenteils nicht anders aussieht, stört sich da keiner dran. Oft kochen wir gemeinsam und fischen das Gekochte der Einfachheit halber einfach aus dem Topf statt aus Schüsseln. Ob das überall so ist? Oder wird das nur in meiner ganz speziellen Blase so gehandhabt? Ich weiß es nicht, aber eigentlich ist es auch egal, denn für mich ist es richtig so.

Dekoration zum 50. Geburtstag

Mit 50 kamen die Leute mir früher unglaublich alt vor. Ich erinnere mich daran, wie die Mutter einer Spielkameradin 40 wurde: Schon sie war eine umständliche alte Frau. „Aus den besten Jahren ist sie raus“, beschrieb ich als Grundschülerin die neue Lehrerin. So lange, wie sie noch unterrichtet hat, kann die damals erst Anfang 40 gewesen sein, dieses uralte Hutzelweiblein. Das lag sicher an der besonderen Wahrnehmung eines Kindes. Ich glaube aber auch, dass in den 70er Jahren noch viele Dinge so anders waren, dass die Leute einfach früher alterten. Die äußere Erscheinung wurde viel mehr als heute von Tradition und Rollenbild bestimmt. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass meine Mutter immer darauf beharrte, keine Jeans tragen zu können. Sie meinte, sie sei zu dick dazu, außerdem sei sie für Jeans zu alt. Als sie das verkündete, war sie noch keine 40 und kleidete sich bevorzugt in Faltenröcke, so richtig brutale Dinger aus dickem, dunklem Stoff. Je älter sie wurde, desto jugendlicher kleidete sie sich. Ähnlich war es bei meinem Vater, der mit 50 älter aussah als mit 70, was sicher auch daran lag, dass er jahrelang sehr viel gearbeitet hat und man das seinen müden Augen irgendwann ansah.

Bei der Arbeit merke ich natürlich auch, dass ich älter werde: Immer öfter gehöre ich bei irgendwelchen Meetings zu den Älteren und in meiner Abteilung bin ich sogar die Älteste. Unsere Praktikantinnen könnten inzwischen locker meine Töchter sein und ich ertappe mich immer öfter bei Gedanken, für die ich vor zwanzig Jahren die älteren Kollegen mit verächtlichen Blicken gestraft habe, wenn sie es denn gewagt haben, derartiges auszusprechen. Etwa sowas wie: „Das haben wir doch schon drei Mal gehabt, das hieß nur anders“ oder „Das hat vor zehn Jahren schon nicht geklappt, das wird heute nicht anders sein“. Ich versuche ja immer, so etwas für mich zu behalten, denn zum einen will ich nicht immer als Piesepampel dastehen, zum anderen weiß ich ja, dass die Zeiten sich ändern und dass etwas, was vor 10 Jahren nicht und nur holprig funktioniert hat, inzwischen durchaus besser laufen kann. Wie schnell sich Dinge entwickeln, sehen wir ja derzeit: Wer hätte denn vor drei Jahren damit gerechnet, dass Großteile der Bevölkerung plötzlich im Homeoffice arbeiten, und dass das zumindest technisch auch weitgehen gut funktioniert? Ich nicht, das gebe ich zu.

Es gibt also durchaus noch Dinge zu lernen mit 50, und ich habe auch noch allerhand vor. Ich muss noch die ganzen Romane schreiben, die ich im Kopf habe, will häkeln lernen und irgendwann ein Haustier haben. Ich habe noch nicht alles gesehen, was mir interessant erscheint und denke, dass ich bestimmt noch das eine oder andere Talent in mir habe, das noch entdeckt werden muss.

Und ich musste gestern schon feststellen, dass ich mich zumindest auf einem Gebiet mit 50 nicht anders verhalte als mit 49 oder 29: Noch immer prokrastiniere ich alles, was mit Haushaltsarbeit zu tun hat. Mir ist nämlich beim Kochen meines Geburtstagsessens eine fast volle Glasflasche mit Pflanzenöl auf den Küchenfliesen zerscheppert. Natürlich habe ich die größte Schweinerei sofort weggemacht, es sollte ja nicht alles unter die Einbauküche laufen. Aber richtig sauber war die Küche danach nicht. Das Putzen wurde also auf den nächsten Tag verschoben, stürzte mich am Morgen in meine ganz persönliche Ölkrise und wurde aufgeschoben bis zum späten Nachmittag. Inzwischen ist es erledigt, es half ja nichts. Aber die richtig gute Hausfrau, die meine Eltern gerne aus mir gemacht hätten, die wird nicht mehr aus mir. Und das ist gut so.

Komische Gewohnheiten – reflexartig auf Politiker einschlagen

Nicht erst seit Krisenzeiten fällt mir auf, wie unglaublich viele begnadete, fleißige und absolut unfehlbare Politiker wir in Deutschland haben. Leider tummeln diese sich nicht in den Parlamenten, auch nicht in den Rathäusern oder sonstigen Gremien, sondern ausschließlich auf Social Media Kanälen, bevorzugt auf Facebook. Auf Twitter auch, aber da müssen sie sich ja zum Glück kürzer fassen.

Man möge mich jetzt nicht falsch verstehen – oder nur, wenn man das unbedingt will – ich bin auch nicht immer mit allem einverstanden, was in diesem Land passiert, und ich würde dieses oder jenes wahrscheinlich anders entscheiden. So manchem Politiker möchte ich auch manchmal die Ohren langziehen – ja, isso. Und doch möchte ich mit keinem der ewig Gescholteten tauschen, denn ich möchte den Job nicht machen. Und die, die ewig nörgeln, möchten das auch nicht. Dann hätten sie nämlich keine Zeit mehr, im Internet herumzulungern und sich durch eifriges Posten von Statements wie „Das habe ich doch gleich gewusst!!!“ oder „Warum fällt denen das erst jetzt ein?!“ hervorzutun. Gerne wird derartigen Plattitüden dann noch ein Link zu irgendeinem Zeitungsbericht beigefügt, in dem geschrieben steht, dass das Erwähnte gerade jetzt erledigt wurde – viel zu spät natürlich, nach Ansicht von Hotte, Lotte und Elli. Oder zu dilettantisch, weil der beteiligte Politiker nämlich gar nicht die geforderte Qualifikation besitzt und in seinem Leben noch nie was gearbeitet hat – das konnte ja nichts werden. Ja, ne, is klar.

Gerade derzeit in der Krise schießen sie wie Pilze aus dem Boden, die selbst ernannten Manager, die sofort an alles gedacht, alles im Blick und erst recht im Griff gehabt hätten und natürlich niemalsnienicht irgendetwas übersehen hätten. Sie sitzen bequem auf ihren Sofas, ohne jegliche Verantwortung, erst recht nicht für Millionen von Menschen, und wissen es besser. Während der Pudding gelöffelt und der Milchkaffee geschlürft wird, schwadroniert es sich so unglaublich herrlich über die Unzulänglichkeiten anderer Menschen. Und immer finden sich Gleichgesinnte, die es fast noch genauso gut könnten, man diskutiert, wie viele bessere Lösungen es gegeben hätte und suhlt sich in der Gewissheit, den Durchblick zu haben, wo doch andere, hochbezahlte Leute wieder nichts auf die Reihe gekriegt haben.

Wirklich Konstruktives kommt von solchen Leuten übrigens selten. Und fragt man sie, warum sie sich denn nicht einbringen und ihr geballtes Fachwissen in wirklich jedem Gebiet der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, kommt auch nichts. Nun ja, verstehe ich schon – sie wissen ja auch, was sie erwarten würde. Und sie könnten selber nicht mehr mitmachen beim Bashing, beim Klagen, beim Posten der immer gleichen Gifs und beim virtuellen Abklatschen mit den Gleichgesinnten in ihrer Blase. Und das wäre ja langweilig.

Ich muss übrigens noch anmerken, dass ich im Moment eigentlich recht zufrieden bin, was das Spitzenpersonal in unserem Land angeht. Entscheidungen, die derzeit getroffen werden, erscheinen mir fundiert, auch wenn es vielleicht andere Wege gäbe. Ich würde im Moment auch keine Experimente machen wollen und ich bin froh, dass ich so ein unbedeutendes kleines Würstchen bin, dass nur entscheiden muss, ob es morgens für’s Homeoffice einen BH anzieht oder nicht. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir außerdem eine unglaublich bodenständige Regierung, bei deren Auftritten ich mich weder schämen noch an ihrem Verstand zweifeln muss. Das allein wäre zwar nicht genug, entspannt aber ungemein.

Fundstück 70: So einfach ausgedrückt …

Heute morgen war ich auf dem Oberräder Wochenmarkt. Sechs Stände hat es da normalerweise, doch der Bratwurst- und Äpplerstand war heute schon nicht mehr da. Ich habe also alle fünf verbleibenden Stände besucht: Obst und Gemüse, Backwaren, Fleischwaren, Feinkost und Blumen. Der Blumenstand hatte ein neues Schild:

So einfach kann man es also ausdrücken. Es haben sich heute auch alle gut an das Abstandsgebot gehalten, was bei den wenigen Ständen nicht so schwierig ist. Lediglich ein älterer Mann irrlichterte herum und kapierte anscheinend nie, wo er sich für welchen Stand anstellen musste, aber der Knabe ist mir schon öfter aufgefallen – der wartet einfach nicht gerne und stellt sich lieber dumm. Heute wurde er immer wieder eingefangen und ans Ende der Schlange geschickt 🙂

Wahrscheinlich wird es den Blumenstand demnächst erst mal nicht mehr geben. Die Blumengroßmärkte schließen und, wenn man ehrlich ist, sind Blumen auch nicht das Allerwichtigste derzeit. Heute habe ich mir aber noch ein kleines Töpfchen mit Vergissmeinnicht gegönnt, und letzte Woche gab es einen bunten Ranunkelstrauß, der sich sehr schön entwickelt hat. Gestern hatte ich die weiß-grüne Blüte im Beitrag, heute gibt es die orangefarbene:

Kampf dem Lotterleben!

Ranunkel vom Wochenmarkt – man muss es sich schön machen!

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag wirklich schreiben sollte – denn ich weiß, dass viele vom Thema „Corona“ inzwischen übersättigt sind und einfach mal was anderes lesen möchten. Aber es gibt etwas, das mich im Moment schwer beschäftigt, und daran möchte ich euch teilhaben lassen: Die Isolation in der Wohnung als Single. Ich arbeite seit dieser Woche im Homeoffice und habe alle Freizeitaktivitäten außer Haus, alle Workshops etc. eingestellt.

Eigentlich trifft diese Abschottung durchaus meine Neigungen. Ich bin eine, die es braucht, immer mal wieder ein paar Tage alleine zu sein. Ich genieße es, an Wochenenden ohne Termine am Freitag meine Tür zu schließen in dem Wissen, dass ich nicht mehr raus muss bis Montag – wenn ich das so möchte. Und kürzlich war ich krank, insgesamt drei Wochen – da gehörte es für mich dazu, im Schlafanzug oder oller Jogginghose mit Labbershirt herumzustapfen und mit meinem Gesamtauftritt den Paketboten zu erschrecken. Auch wenn ich mal einen einzelnen Tag Homeoffice mache, laufe ich so rum – sieht ja keiner.

Genau dieses „sieht ja keiner“ ist aber im Moment die Herausforderung. Ich fürchte ein wenig, dass ich in der Zeit des Zuhausebleibens völlig verkomme – zu einer wunderlichen, körperlich runtergewirtschafteten Trulla mit eckigen Augen vom Fernsehen und ungepflegtem Äußeren. Das geht so nicht!

Was also tun? Nun, zunächst mal braucht es etwas Struktur. Und Kontakte. Wasser und Seife natürlich, aber auch einigermaßen ordentliche Klamotten. Gesunde Ernährung und Bewegung. Und andere Freizeitbeschäftigungen als nur die Glotze. Folgendes habe ich mir vorgenommen:

  • Ich besitze ein Trimmrad, dass in Zeiten, wenn mir mein Knie wehtut, eifrig benutzt wird, zu anderen Zeiten aber zum Kleiderständer degradiert wird. Ich habe mir heroisch beschlossen, mir meine Mahlzeiten künftig zu verdienen und vorher immer ein bisschen zu strampeln. Muss ja nicht lange sein – jeder „Kilometer“ hilft. Schließlich fehlt mir derzeit die Grundbewegung, die ich sonst schon allein dadurch bekomme, dass ich kein Auto besitze und oft zu Fuß unterwegs bin.
  • Keine Schlafanzugstage. Bequem ja, aber so, dass man ohne Bedenken die Tür öffnen kann, sollte es klingeln.
  • Regelmäßige Arbeitszeiten. Die letzte Woche habe ich zwischen halb acht und acht angefangen zu arbeiten, das passt gut. Allerdings muss man auch auf regelmäßige Pausen achten und sich zwischendurch mal vom Stuhl erheben. Im Büro läuft man ja auch mal rum, zum Klo, der Kaffeemaschine oder dem nächsten Meetingraum. Unser Gebäude ist über 100 Meter lang, da kommen schon ein paar Schritte zusammen. Oder man geht zu einem Kollegen rüber, um bei dem auf den Bildschirm zu gucken, steht dann da ein bisschen und beredet was.
  • In der letzten Woche haben einige Kolleginnen und ich angefangen, per Skype gemeinsam Mittagspause zu machen. Jede saß für sich vor der Kamera, wir haben uns angeguckt, gegessen und geschwatzt – gerade so, wie wir es sonst in der Kantine auch tun würden. Das ist gut, lockert es doch den Arbeitstag auf. Mich bringt es außerdem dazu, nicht ganz so sehr wie eine Trümmerlotte aussehen zu wollen und ein bisschen mehr aufzuräumen – schließlich gucken die mir in die Wohnung!
  • Und ja, die Wohnung, das ist auch so ein Thema. Ich bin ja ein furchtbar unordentlicher Mensch – oft starte ich Aufräum-Panikaktionen, wenn Besuch angekündigt ist. Nur … im Moment kommt kein Besuch, und ich bin den ganzen Tag zuhause und mülle vor mich hin. Das muss ich mir für die nächsten Wochen abgewöhnen, denn sonst wird beides ungemütlich: der Arbeitstag und die Freizeit. (Der Kollege, der als Letzter bei uns im Büro war und alle Telefone umgestellt hat, erzählte mir, dass er bei mir etwas aufgeräumt habe. Ich mache das sonst immer vor dem Urlaub und hatte das dieses Mal völlig vergessen – ist ja kein Urlaub. Das war mir schon ein bisschen peinlich. Danke, Sebastian, du Guter!)
  • Noch ein Thema: Arbeitszeit und Freizeit. Ich arbeite derzeit im Wohnzimmer am Esstisch. Das geht gut, ich sitze bequem, habe ausreichend Platz und Licht. Aber zumindest zum Wochenende muss ich den ganzen Arbeitskram wegräumen – sonst guckt mich das das Wochenende über immer an. Gestern habe ich also alles weggepackt und ins Regal verräumt.
  • Und in der Freizeit? Was mache ich da? Mir ist in den letzten Tagen aufgefallen, dass ich keine Lust habe, mich da auch noch an den Esstisch zu setzen und am PC zu werkeln – auch nicht privat. Immer nur fernsehen kommt auch nicht in Frage – das ist toll, wenn man krank ist, aber wenn man gesund ist, wird man davon auf die Dauer rammdösig. Also werde ich wohl mehr lesen, stricken oder Hörbücher hören. Und mal wieder was Größeres schreiben – wie immer bei Entwürfen erst mal im Notizbuch.
  • Und ich will etwas Neues probieren. Ich wollt schon immer mal häkeln lernen, oder ein altes Hobby auffrischen und eine Figur bauen. Ich habe so viel Bastelkram zuhause, damit sollte sich doch die Zeit füllen lassen. Was ich mit dem gebastelten Kram dann später tue, werden wir sehen …
  • Und natürlich will ich mit meinen Lieben in Kontakt bleiben. Wir haben inzwischen so viele Möglichkeiten neben dem Telefon – seien es die kleinen, hingeworfenen Kommentare per Social Media oder WhatsApp oder längere Skype-Sessions mit Kamera. Noch vor wenigen Jahren hätte das alles ganz anders ausgesehen.

Mir ist übrigens klar, dass ich zu denen gehöre, die sehr weich fallen in dieser Krise: Ich habe keinen Beruf, in dem ich mich unmittelbar der Ansteckungsgefahr aussetze, muss mich nicht von Klopapiersüchtigen beschimpfen lassen. Ich muss als Mitarbeiterin in der Lebensmittelindustrie erst mal keine Angst haben um meinen Arbeitsplatz, kann von zuhause arbeiten. Ich habe zwar keinen Garten, aber eine geräumige Wohnung mit komfortabler Ausstattung. Ich muss während der Arbeit keine kleinen Kinder bespaßen und muss mich nicht um alte Eltern ängstigen, die vielleicht zu versorgen wären. Diese paar Wochen Hausarrest, so surreal die Situation auch erst mal ist, sollte gut zu überstehen sein.

Und ihr, die ihr das jetzt gelesen habt: Passt auf euch auf und bleibt zuhause, soweit es geht.