Impfung auf Twitterisch

Die Schreibkursübung lautete: zwei Personen im Streit, schreibe einen Dialog. Ich entschied mich einen geschriebenen Dialog zu schreiben. Denn ich lese derzeit ab und zu mal auf Twitter herum – das Medium für die völlig schmerzbefreiten Social Media-Addicts.

Kurz zum Setting: es treffen sich virtuell die „Mutti von dreien“ sowie die „Aufgeklärte Else“, der Einfachheit hier nur Mutti und Else genannt. Und es geht um dieses heiße Thema – das eigentlich gar keines ist:

Bild zur Verfügung gestellt von Tim Reckmann, http://www.pixelio.de

Impfung auf Twitterisch

Mutti: War heute mit K3 beim Ki-Arzt, dreifach-Impfung. Jetzt ist sie soooo müde – mein Herz blutet!

Else: Das sollte dir zeigen, was Impfungen im Körper der Kleinen anrichtet. Warum unterstützt du die Pharmaindustrie?

Mutti: Ich unterstütze niemanden, ich schütze meine Kinder.

Else: Auf dass sie alle Autisten werden. Lass sie die Krankheiten doch durchstehen, das macht stark!

Mutti: Oder tot. Gerade die Masern sind gefährlich.

Else: Das reden sie euch ein. Ich verstehe nicht, dass immer noch so viele Leute so unaufgeklärt sind. Informiert ihr euch denn gar nicht?

Mutti: Das ist doch Blödsinn.

Else: Jaja, lauf nur wie ein Schaf mit der Herde. Dann hat die Regierung wieder gewonnen. Und die Merkel reibt sich die Hände.

Mutti: Was hat denn die Merkel mit der Impfung meiner Tochter zu tun?

Else: Ist dir das immer noch nicht klar? Wieso seid ihr Mainstream-Mütter immer so so naiv?

Mutti: Was sind denn Mainstream-Mütter?

Else: Solche wie du: Fleischfressende, plastiksüchtige Weibe, die ihre Kinder aus Packungen ernähren und denen es egal ist, was den Kleinen unter die Haut gespritzt wird.

Mutti: Spinnst du jetzt? Soll das eine Diskussion sein? Was soll denn das?

Else: Geh‘ einfach sterben!

Mutti: Du mich auch.

Else:

„Der Tweed wurde entfernt, weil er Inhalte enthält, die du nicht sehen willst.“

Noch ne Mutti: Sofort Kontaktabbruch. Solche Leute wollen dich nur zerbrechen. Ich drück dich ganz fest und schicke dir viel Kraft!

Mutti: *Blockgeräusch*

 

Nachbemerkung: Dieser Dialog kann sich mit leichten Änderungen zu fast jedem Thema abspielen. Allerdings sind oft mehrere Teilnehmer dabei, die sich auf die eine oder andere Seite schlagen. Das ist manchmal tatsächlich amüsant, aber ein Feingeist darf man dabei nicht sein.

Die Schönheit der Nacht

Manchmal kommen zwei Dinge zusammen: Noch immer fasziniert mich die Unterwasserkamera in Estland. Man wird sie nicht mehr lange betrachten können, denn das Wasser in dem Überschwemmungsgebiet zieht sich langsam zurück. Das ist schade, ist aber jedes Jahr das Gleiche und muss so sein – die Natur funktioniert eben so. Die liebestollen Kröten haben sich schon weitgehend zurückgezogen und allerhand Kleingetier das Feld überlassen – und die Käfer, Schnecken, Würmer und Molche feiern jede Nacht ausgelassene Partys. Nun, damit würde ich euch eigentlich nicht schon wieder langweilen wollen – wenn ich nicht gerade gelernt hätte, wie man ein Video daraus macht. Natürlich kann ich das noch nicht gut. Ich stopsel halt optimistisch und mit Freude ein wenig herum und es dauert ewig. Aber es macht Spaß, und weil ich immer gerne zeige, was ich gelernt habe, gibt es heute ein Video mit herumschwabbelndem Kleingetier zu kitschiger Musik.

Ich habe mir dafür übrigens eigens einen YouTube-Kanal angelegt, denn diese Videos sind so groß, dass ich mir damit nicht meinen Blog verstopfen möchte. Und die Musik im Video wurde zur Verfügung gestellt von Dag Reinbott / https://www.terrasound.de, das Stück heist „Beautiful Mood“. Danke dafür.

Nachtrag: Kürzlich sah ich ganz früh am Morgen sogar einen Hecht. Es war fast ein wenig absurd: Ich guckte in den Bildschirm, er guckte in die Kamera. Und ich bin mir sicher, der hat mich gesehen, wie ich da in meinem Nachthemd saß – so panisch, wie der abgehauen ist.

 

Nachtrag 2: Und weil es solchen Spaß macht, habe ich noch ein Video gebastelt – dieses Mal mit angestrahltem Gras über dem Wasser.

 

Komische Gewohnheiten – sich vom Fernsehen inspirieren lassen

Cakepops

Ein Fremdbild von Pixabay – das habe nicht ICH gebacken!

Inzwischen kann man ja alles Mögliche im Fernsehen verfolgen – und alles ist Wettkampf: Es wird nicht mehr nur gesportelt und getanzt, sondern auch um die Wette eingekauft, abgenommen, ausgewandert, geliebt und renoviert. Sogar das Entrümpeln des eigenen Dachbodens kann etwas Sportliches bekommen, wenn eine Fernsehkamera dabei ist. Das eine oder andere dieser Formate gucke ich auch mal ganz gerne, wenn auch nicht regelmäßig. Eines aber fasziniert mich über alle Maßen: Wettbacken.

Meine konditorischen Fähigkeiten sind ja außerordentlich begrenzt: Ich kann ganz gut Napfkuchen backen. Und Muffins, wobei das in etwa auf das Gleiche hinausläuft. Meine Mutter und meine Schwester waren schon immer Tortenmeisterinnen, an mir schlich dieses Talent jedoch stillschweigend vorbei. Nachdem ich aber etliche Folgen „Das große Backen“ geguckt hatte, erwachte auch in mir eine Art von mehliger Kreativität und ich beschloss, mal etwas anderes zu machen als die üblichen Rührteigtörtchen. Stattdessen wollte ich Rührteigkringel machen und bunt dekorieren. Mit Zuckerguss und bunten Bröseln, oder mit lila eingefärbter weißer Schokolade. Lebe wild und gefährlich, Meike!

Ich besuchte also einen Online-Shop und suchte nach einer Kringel-Form. Stattdessen fand ich … einen Automaten! Einen, mit dem man dreierlei Gebäck herstellen kann: Kringel, Bällchen und kleine Muffins, und das im Waffeleisenprinzip. Gar nicht teuer – den musste ich haben! Dazu erwarb ich noch eine Spritze, mit der man dekorieren und füllen kann sowie einen Spritzbeutel. Ein Spritzbeutel ist nämlich elementar wichtig zum Backen, das habe ich beim Fernsehen gelernt. Wie konnte ich nur fast 50 Jahre alt werden ohne Spritzbeutel?

Am Sonntag war es nun also soweit, ich weihte das Gerät ein. Für dieses Mal hatte Cakepopsich mich für Bällchen entschieden, wollte ich das Gebäck doch den Kollegen mitbringen und mundgerechte Häppchen schienen mir da sehr praktisch. Außerdem können dies Bällchen grandios dekoriert werden, wenn man denn Zeit, Muße und Geschick dazu hat. Ich hatte allerdings nicht vor, richtige Cakepops zu backen, also Teigwunderwerke auf einem Stiel, denn zum einen finde ich das ein bisschen albern, zum nächsten braucht so einen Stiel kein Mensch und zum dritten schätze ich meine Fähigkeiten durchaus realistisch ein. Und doch hatte ich große Ziele: Dreierlei Sorten wollte ich backen – mit Schoko-, Vanille und Zitronenteig und entsprechender Dekoration.

Ich legte also zeitig los: Rührteig machen – klar, das kann ich. Ich habe ja auch eine Rührmaschine. Im Internet hatte ich mich eingelesen und auch ein Büchlein mit Rezepten und Dekorationsvorschlägen gekauft. Wie sollte man jetzt den Teig in das Gerät füllen, und wie viel davon? Ach ja, klar, wie bei Muffins auch, mit zwei Löffelchen. Überall jedoch fand ich den gleichen wichtigen Hinweis: NOCH SAUBERER funktioniert es mit einem Spritzbeutel! Aha, soso, da war er also wieder, der Spritzbeutel. Ich begann also damit, die erste Ladung Teig in meinen nagelneuen Beutel einzufüllen. Das war aber gar nicht so einfach – ich musste etwas rumfummeln, bis ich begriff, wie ich die Tüte festhalten und die Tülle dabei umknicken musste, damit mir der Teig nicht gleich unten wieder rausplemperte. Auch fand ich es schwierig, den Teig nur in und nicht auch auf den Beutel zu schmieren. Als genug drin war, füllte ich die kleinen Teigmulden im Gerät. Und das ging tatsächlich gut. Hier und da entglitt mir eine kleine Teigwurst, aber das meiste landete da, wo es hinsollte. Deckel zu, warten. Und zwischendurch nochmal den Spritzbeutel füllen.

Himmel, wie sollte das denn nun wieder gehen? Wie füllt man mit klebrigen Händen einen noch klebrigeren, verbappten Spritzbeutel? Ich spielte das alte Kinderspiel „Der Boden ist Lava – du darfst ihn nicht berühren“ in der Version „Der Boden ist Teig – latsch da nicht rein!“ Und ehe ich mich versah, meldete das Backgerät Vollzug und ich durfte die ersten Kügelchen ernten. Die sahen allerdings gut aus. Also Bällchen auf Teller, mit einem Ölpinsel Teigmulden fetten, Spritzbeutel greifen, Teigwurst mit dem Jogginghosenbein auffangen, Mulden füllen, Deckel zu, backen. Und nochmal das Ganze – der Rest Teig sollte auch noch in den Sack. Was für eine Schweinerei.

CakepopsAuf diese Art und Weise ferkelte ich tatsächlich drei Mal 36 Kuchenbällchen zusammen. Hübsch sahen sie aus, aber noch gänzlich nackt und bloß. Also ging es ans Dekorieren. Die Zitronenbällchem verlangten nach Zitronenzuckerguss nebst einer dekorativ aufgeklebten Pistazie. Und weil ich ja schon immer mal was mit Lebensmittelfarbe einfärben wollte, wurde die klebrige Paste mit einem Pülverchen zartgelb angehaucht. Bälle einpinseln, Pistazie ankleben, trocknen lassen – das Wenige, was in meiner Küche noch nicht klebte, tat es danach. Zum Glück – denn dann kam es auf die anschließende Schokoladenschlacht auch nicht mehr an.

Weiße Schokolade schmelzen, rosa anhauchen, Vanillebällchen eintunken, Kokosflocken drüber. Wenn ich den Anleitungen im Internet glauben darf, werden die Küchlein komplett eingetaucht. Wie man sie dann davon abhält, danach minutenlang klebrig vor sich hin zu tröpfeln, erschloss sich mir nicht und ich beschloss, dass meine Cakepops mit halber Glasur auskommen mussten. Dann konnte man sie nämlich hinlegen, was recht praktisch war. Trotzdem war es eine ziemliche Sauerei.

Die braunen Schokoküchlein waren ein wenig trocken geraten – ich hatte meinem Backwunder nämlich nicht geglaubt, dass die Cakepos tatsächlich schon fertig waren, wenn es Vollzug meldete, und sie deshalb zu lange gebacken. Zum Ausgleich füllte ich meine wunderbare Kuchenspritze mit Johannisbeermarmelade und drückte den Bällchen jeweils etwas davon in den Hintern. Dafür brauchte man erstaunlich viel Kraft – das Gebäck war doch recht kompakt geworden. Ein paar Mal übertrieb ich es auch und schoss übers Ziel hinaus. Diese explodierten Bällchen bestimmte ich für den Sofortverzehr, soll heißen, ich fraß sie kurzerhand auf. Dann musste ich mir das Elend auch nicht weiter angucken. Dann noch mit bitterer Schokoladenkuvertüre das Einspritzloch der gefüllten Küchlein wieder zukleben und Brösel aufstreuen – fertig.

So von weitem wirkten meine Stiellosen Cakepops durchaus gelungen, wenngleich auch nicht künstlerisch wertvoll. Sie schmeckten auch gut. Zu einem Backwettbewerb sollte ich mich damit besser nicht anmelden, aber das war auch nie mein Ziel. Die Ostertage werde ich damit verbringen, die Küche zu kärchern und die ganzen übriggebliebenen Backutensilien irgendwo zu verstauen. Ich schätze, ich habe noch für 50 Jahre Lebensmittelfarbe am Lager.

Cakepops

Und ich glaube, beim nächsten Mal mache ich doch lieber Kringel. Die rollen beim Anpinseln zumindest nicht weg.

 

Frage: Was hat euch schon mal derartig inspiriert, dass es von der Glotze aus direkt in euer Leben wanderte?

Der Doppelgänger

Lachender Mann mit Pfeife

Mein Papa in unserer Küche, etwa 1994

Im Biologieunterricht habe ich gelernt, dass es für Organismen „Genotypen“ und „Phänotypen“ gibt. Ersteres beschreibt, wie ein Organismus genetisch zusammengebaut ist, und es gibt natürlich unglaublich viele Kombinationsmöglichkeiten. Der Phänotyp beschreibt das Erscheinungsbild – also wie etwas aussieht. Und dieses Etwas ist natürlich sehr oft auch ein Mensch.

Obwohl es auch bei den Menschen schier unendlich viele Möglichkeiten des äußeren Erscheinungsbildes gibt, kommt es immer wieder zu starken Ähnlichkeiten. Anscheinend ist die Natur damit überfordert, über 8 Milliarden komplett unterschiedlich aussehende Menschen zusammenzupuzzlen. Das macht auch nichts, solange in meinem Umfeld nicht alle gleich aussehen und ich meine Pappenheimer auseinanderhalten kann.

Allerdings wunderte ich mich sehr über einen Kollegen, den ich nicht persönlich kannte, der mich aber immer mit einem breiten, sonnigen Lächeln begrüßte. Irgendwann klärte er mich darüber auf, dass ich seiner Schwester Almuth zum Verwechseln ähnlich sähe – aha! Anscheinend mag er Almuth, so nett wie er mich immer begrüßt.

Außerdem haben wir eine falsche Roswitha in der Firma. Die habe ich schon zwei Mal durch ein aufgeregtes und wahrscheinlich etwas albern wirkendes Winken begrüßt, weil ich dachte, dass meine gute Rosa aus dem fernen Hamburg zu Besuch sei. Nein, es war die Falsche, und wenn sie näher rankommt, sieht man das auch. Aber so auf die Ferne führt die Frau mich regelmäßig in die Irre.

Obwohl ich um diese Doppelgängerei weiß, warf mich die Begegnung mit einem älteren Mann kürzlich auf Norderney völlig aus der Bahn. Dieser alte Herr sah nämlich aus wie mein alter Herr – also mein Papa. Mein Vater verstarb 2002 mit Anfang 70, ich denke aber, wäre er nicht krank geworden, sondern einfach nur weiter vor sich hin gealtert, würde er jetzt in etwa aussehen wie dieser mir unbekannte Mann, der mir in einem Hotelrestaurant schräg gegenübersaß. Nachdem ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte, starrte ich ihn an – zunächst geschockt, dann zunehmend fasziniert. Denn der alte Knabe in Karohemd und Strickjacke sah nicht nur aus wie mein Vater, er bewegte sich auch so. Natürlich etwas langsamer, etwas gebeugter, aber ich schätzte ihn auf gut über 80. Aber die Art, wie er aß und wie er etwas desorientiert auf dem vollen Tisch herumsortierte – das hatte ich schon tausende von Malen beobachtet. Und wie er sich am Buffet Nachschub holte, dabei offensichtlich versuchte, alles zumindest zu probieren und dann futterte, bis er fast platzte: Diese Macke hatte mein Vater an Buffets auch immer, nur nuchts umkommen lassen. Trotzdem holte er noch Nachtisch – Eis passt ja immer rein und außerdem haben solche Männer einen extra Nachtischmagen. So habe ich das als Kind gelernt.

Die erste Begegnung mit diesem Hotelgast warf mich zugegebenermaßen etwas aus der Bahn. Beim dritten Essen mit Blick auf dieses Gegenüber hatte ich mich etwas daran gewöhnt, aber nicht so richtig. Vielleicht muss ich ihn doch noch fragen, ob er mit Opa Carl verwandt ist – denn der hat seine Gene bei uns in der Familie ja so durchschlagend weitergegeben.

 

Nachtrag: Ich hatte Gelegenheit, den alten Mann ungefähr eine Woche lang zu beobachten. Er sieht aus wie mein Vater, ist aber offensichtlich doch anders: Denn er ist eher ein ruhiger Vertreter. Mein Vater war recht laut. Irgendwie beruhigt es mich, dass es doch offensichtliche Unterschiede gibt.

Fundstücke 64: saufie saufie

Mal wieder fielen mir ein paar Schilder auf, die einen in eine Kneipe locken sollten. Und, was soll ich sagen – auffällig waren sie ja. Aber irgendwie weiß ich es auch nicht recht – ich fand die albern. Vielleicht auch ganz niedlich. Guckt selber: Zuerst eine Anleitung, wie man herausfindet, ob geöffnet ist …

Kneipenschild, Norderney

Nun gut – das haben wir verstanden. Aber keine Sorge, es geht noch schlimmer. Man kann in diesem Etablissemang nämlich auch noch Fußball gucken. Leider, leider …

Kneipenschild, Norderney

Nun ja. Uns hat das nicht so inspiriert. Wir haben anderswo saufie gemacht. Moderat natürlich. Aber auch auf Norderney …

Vom Verschwinden der Grauzone

Grau ist langweilig. Grau ist unauffällig. Grau ist jener langweilig Mischton zwischen schwarz und weiß. Irgendwie undefiniert, mal hell, mal dunkel. Halt immer irgendwie dazwischen.

Bild von hazelw90-auf-pixabay

Grau war viele Jahre lang Normalität. Das wahre Leben war zumeist irgendwie dazwischen, mal ein bisschen gut und etwas mehr schlecht und ganz viel so mäßig, mal andersrum. Seltener war das Leben an den Polen – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Extreme waren Ausnahmen – vielleicht die eigene Hochzeit oder ein lang ersehnter Urlaub oder, in die andere Richtung, der Tod eines nahen Verwandten. Jemand, der tief ins Schwarz eingetaucht ist, galt als bedauernswert, dem musste geholfen werden. Und mit einem der jauchzte, freute man sich.

Heute ist das irgendwie anders. Oft habe ich den Eindruck, dass besonders bei Jüngeren die Grauzone verschwunden ist. Für viele Menschen gibt es kein Dazwischen mehr, alles soll immer knallbunt und Hallelujah sein. Ist das nicht der Fall, ist es nicht so lala, sondern voll depri und das Ende der Welt. Und so wird es gerne über das Internet verkündet.

Leider geht es im Internet ja nicht immer nur darum, das Essen oder niedliche Katzenbilder zu posten. Viele Menschen teilen ihr ganzes Leben – oder das, was die Follower dafür halten sollen. Die posten Selfies nach zwei Stunden Schminkzeit und verzweifeltem Hin- und Herstyling mit dem Kommentar: „Ich, gerade eben, ganz spontan!“ Und die Aschenputtel-Fraktion am anderen Ende verzweifelt ob der Tatsache, dass sie nicht morgens schon mit perfektem Aussehen aus dem Bett steigt, und gibt sich gesammelt dem Elend hin, welches ein normales Äußeres mit sich zu bringen scheint.

Auch in Diskussionen gibt es keine Mitte mehr. Kein Grau, auch kein helles oder dunkles. Wenn sich mal jemand traut, sich argumentativ einer Mitte zu nähern, wird der nicht gehört. Argumente für und wider interessieren kaum noch. Stattdessen wird online herumgezetert, als würde man für die drastischste Formulierung einen Preis bekommen. Der Alltag wird skandalisiert, jede kleinste Unannehmlichkeit einsortiert in die Kategorien Mobbing, Diskriminierung oder Verschwörung. Und Nazi natürlich, Nazi geht immer. Und wenn nichts mehr geht, ruft einer „Das triggert mich!“ und alle heulen gemeinsam, weil das ist ja wirklich so schlimm alles!

So etwas schafft zwar ein Zusammengehörigkeitsgefühl, aber keine Diskussionskultur. Es gibt auch nicht die Wirklichkeit wider, auch wenn die lauten Rufer uns das gerne glauben lassen wollen. Die Realität ist nach wie vor mal hell-, mal dunkelgrau, aufgelockert durch einige bunte Sprenkel. Davon bin ich überzeugt.

Bevor Fragen kommen: Nein, ich werde für meine gemäßigten mittelgrauen Ansichten nicht von der Regierung gesteuert und diesen kleinen mittelmäßigen Beitrag hat auch nicht Steffen Seibert verfasst.

„Kein Grau mehr? Wie doof!“
Bild von Irina_kukuts-auf-pixabay

 

Übrigens, meine bunte Welt heißt so, weil ich mein Leben im Allgemeinen als abwechslungsreich und schön empfinde. Aber manchmal ist auch was blöd. Putzen oder Bronchitis oder so. Ist halt so.

Gefangen sein

Ich mache mal wieder einen neuen Schreibworkshop mit. Neue Themen, neue Übungen – sowas macht mir immer viel Spaß. Als es in der letzten Woche losging, hatte ich aber gar keine Lust – zu sehr hatte mich noch immer die gewaltige Erkältung im Griff. Da kam mir die erste Übung zum Thema „Gefangen“ gerade recht …

Gefangen sein …

Stofftier, schielen

Der sieht aus, wie ich mich fühle

Ich bin gefangen in meiner Nase. Wie frei könnte ich sein, wäre sie frei. Aber sie ist verstopft. Schnarchen ohne zu schlafen. Seit Wochen treibt mich das jetzt um. Es nervt.

Gefangen sein – das ist kein triviales Thema. Zu schade für einen ordinären Rotz. Zu intellektuell. Der Intellekt geht, wenn die Viren kommen. Die haben eine Wechselbeziehung, Viren und Verstand. Ja, genau, eine Wechselbeziehung, keine Symbiose. Denn das wäre ja was Gutes.

Die Augen tränen auch – ich werde alt. Bin gefangen in meinem Körper. Wer mit 50 morgens ohne Schmerzen aufwacht, ist angeblich tot. Ich bin noch keine 50, aber ich übe schon mal. Was ich mache, mache ich schließlich ordentlich.

Inmitten dieser trüben Gedanken ertönt draußen lauter Glockenschlag – wie ein Abgesang. Alle Gefangenen antreten zur Hinrichtung. Schnipp, Schnapp, Rüssel ab – man kann auch ohne Nase leben. Aber es sieht furchtbar aus, und das will ich auch nicht.

 

Nachtrag: Diesen deprimierten Text schrieb ich vor acht Tagen. Inzwischen ist die Malaise von der Nase in die Bronchien gesackt – auch nicht besser. Ich fürchte, ich bin Sondermüll …

Blog-Geflüster in Meddis Nähkästchen

Radio, Mikrophon, MikrofonAm Montag kam ich mir mal wieder unglaublich wichtig vor: Denn ich war im Radio! Meddi Müller, der Frankfurter Krimiautor und Moderator von Meddis Nähkästchen, hatte mich eingeladen, bei ihm in seiner Sendung zu Gast zu sein. Sehr spannend – im Radio war ich noch nie!

Radio X ist ein kleiner Frankfurter Lokalsender, der seinen Sitz in Bockenheim hat. Werbefrei, unabhängig, eigenständig, leidenschaftlich – so lautet das Credo dieses kleinen Senders. Ich fuhr also in der Mittagspause dorthin, zutiefst neugierig und gespannt.

Das Studio ist klein, aber fein. Ich wurde eingewiesen und merkte mir, dass ich gehört werde, wenn mein Mikro rot leuchtet – dann also besster kein dummes Zeug mehr babbeln. Die Sendung wurde angesagt, es kam ein bisschen Musik und dann ging es los.

Der Beitrag wurde aufgezeichnet, wer gerne einmal reinhören möchte, kann das auf der Seite von Meddis Nähkästchen tun. Ich habe das natürlich auch schon getan und finde es wie immer komisch, mich zu hören – irgendwie spreche ich durch die Nase. Ich denke aber, dass man beim Hören auch merkt, wie viel Spaß mir diese Stunde im Radio gemacht hat (danke für die Einladung, Meddi ❤ ).

 

Fundstücke 63: Werbung aus der Hölle

Franken WC, BonnAuf diese Perle des Marketings machte mich mein guter Freund Harry aufmerksam: Es gibt ja Werbung, die ist wirklich schauderhaft. Ob das jemand lustig findet oder ob genau die schauerliche Wirkung beabsichtigt ist, kann ich mir manchmal nicht erklären.

Mobiltoiletten sind ja eine sehr nützliche Erfindung. Ich denke, niemand benutzt sie wirklich gerne, aber besser, als sich in die Büsche zu schlagen, sind sie allemal. Allerdings …

Die Werbung dieses Toilettenanbieters bringt es sicherlich fertig, das jeder Mensch, der ein solches Häusel nutzt, sich dabei unwohl fühlt. Denn was geschieht nun mit seinem Geschäft? Fragen Sie Franken WC:

Wintertiere

Lange hatte ich nicht mehr auf die estnische Seite mit den Webcams geguckt – ich dachte, da gibt es im Winter ohnehin nichts zu sehen. Doch weit gefehlt – auch im Schnee hat Estland einiges an Getier zu bieten. Am besten gefällt mir die Kamera an der Vogelfutterstelle – da ist immer was los. Das heißt, fast immer. Manchmal verlassen alle Flatterviecher schlagartig den Platz und kommen minutenlang nicht wieder – vielleicht ist dann ein Raubvogel oder eine Katze in der Nähe?

Webcam, Vögel, Meisen, Elster, Specht, Spatzen, Tauben

Mein Liebling ist übrigens der kleine Specht. Und die Tauben sind Krawallschachteln – die können nicht abwarten und drängeln furchtbar herum. Naja, was kann man auch von jemandem erwarten, der sich mitten ins Essen setzt?

Abends ist es dunkel an der Futterstelle. Dann kann man allerdings gucken, ob bei den HIrschen was los st. Oft tut sich stundenlang nichts. Dann hört man plötzlich ein leises Klappern, weil die Herren mit ihrem Kopfschmuck nicht klarkommen und einander anstoßen. Dann wird gefressen, und manchmal auch gerangelt.

Webcam, Hirsche, Futterstelle

Wer es ganz geruhsam mag oder sich schon immer ein Aquarium gewünscht hat, kann auch bei der Forellenkamera vorbeigucken. Da passiert wirklich wenig, aber irgendwie ist es entspannend, sich das wenige anzugucken, während man Socken strickt.

Forellen, Webcam

Auf Schakale oder Luchse habe ich bislang vergeblich gewartet, die sind wohl eher nachtaktiv. Vielleicht bin ich auch zu ungeduldig. Allerdings scheint bei den Luchsen des Öfteren die Sonne – und das ist bei der derzeit tristen Wetterlage ja auch etwas Schönes.

Webcam, Wald, Sonne