Borkum – meine Seeleninsel

Schon oft habe ich mich gefragt, welche der von mir so gerne besuchten Inseln eigentlich meine Lieblingsinsel ist. Ich denke, es ist Borkum. Und deshalb war ich besonders glücklich über die Woche, die ich kürzlich mit meiner lieben Schwester dort verbringen konnte. Für mich war es eine Wiederholung und für sie auch – aber nur bedingt. Sie war zwei Mal dort, das letzte Mal allerdings schon vor 45 Jahren. Ja, da hat sich einiges geändert.

Dünen-Gif

Wir reisten mitten in der Woche an und konnten uns gleich über ein bisschen Sonne freuen. Überhaupt war das Wetter die ganze Zeit über gut: morgens oft noch bedeckt, aber dann immer sonniger. Da die Wetter-App unserer Handys total versagte und das an keinem Tag so vorhersagte, holten wir uns gleich am ersten Tag einen krassen Sonnenbrand in unseren schönen Gesichtern. Die Sonnencreme lag derweil sicher aufgehoben im Hotel.

Türme auf Borkum, Panorama

Meine Schwester und ich wohnten wieder einmal in einem Hotel direkt am neuen Leuchtturm. Dort hatten wir zuletzt 1977 zusammen mit unseren Eltern gewohnt. Es gab viele Erinnerungen, die sich bei mir natürlich mit den Erinnerungen an Urlaube aus neuerer Zeit mischten. Meine Schwester dachte oft zurück an die vielen Kinder, mit denen wir dort gespielt hatten. Ich erinnerte mich an Mini Milk und Berry – unser damaliges Nachtisch-Eis.

Anfang des Urlaubs hatten wir viele Pläne: Inselrundfahrt, Heimatmuseum, vielleicht Aquarium. Doch dann machte das Wetter uns einen Strich durch die Rechnung, denn wir waren an jedem Tag einfach nur draußen. Mal liefen wir durch die Dünen, dann wieder schlenderten wir auf der Promenade von Bank zu Bank. Beide sind wir so veranlagt, dass wir keine große Action brauchen für einen schönen Urlaub. Es reicht uns, auf’s Meer zu gucken. Und die Sonnenuntergänge lassen bei gutem Wetter ja bekanntlich keine Wünsche offen. 

Sonnenuntergang auf Borkum

Bei Blick von der Promenade auf die Nordsee offenbarte sich, wie schnell sich die Insellandschaft manchmal verändert: Die Sandbank, auf der bei niedrigem Wasser immer ein paar Seehunde chillen, ist in den letzten Jahren sichtbar näher gekommen. Früher fuhr man mit dem Boot dahin, Anfang der 2000er Jahre war es eine längere Wanderung und inzwischen ist es ganz nah, so dass man vom Strand aus sehen kann, wie die Tiere hin- und herrobben. Manchmal schwimmt auch einer ganz nah ran und guckt rüber. Ob wir für die Tiere wohl genauso interessant sind wie sie für uns? Ob sie sowas denken wie „Oh, wie niedlich“, wenn ein kleines Kind am Strand herumspielt?

Das Borkumer Wildlife war dieses Mal friedlich: Da es nur wenige Möwen gab, hat mich ausnahmsweise mal keine ankekackt. Das ziehe ich ja sonst magisch an. Der einzige Fasan, den wir sahen, zeigte sich kamerascheu, aber die unzähligen Karnickel hoppelten fröhlich überall herum. Ich kann verstehen, dass die Borkumer sie nicht lieben, sind sie doch aufgrund ihrer reinen Anzahl inzwischen zur Plage geworden und unterhöhlen alles munter mit ihren Gängen und Kinderstuben. Doch ich habe mich immer gefreut, sie zu sehen. Selbst aus unserem Frühstücksraum heraus sah mal es fröhlich hoppeln. Leider habe ich vor lauter Niedlichkeit vergessen, welche zu fotografieren. Stattdessen knipste ich wieder einmal Blüten.

Auch kulinarisch kamen wir übrigens voll auf unsere Kosten: Wir hatten Halbpension gebucht, die in diesem Famiulienhotel solide, aber nicht aufregend ist. Wir gönnten uns aber jeden Tag eine Zwischenmahlzeit. Zumeist war die süß, denn es gibt auf der Insel unzählige Möglichkeiten, gut zu kaffeesieren und sich fest-flüssig zu versorgen. Der gelbe Schnaps namens Fasanenbrause schmeckte mir, meine Schwester fand ihn allerdings grauslich. Am allermeisten haben uns jedoch die Fischbrötchen von Hinnis Milchbar beeindruckt. Wir probierten Matjes (ich) sowie Bismarck und Krabbe (meine Schwester). Wir kamen bei allen drei Varianten zu dem Schluss: Besser geht’s nicht! (muss ich jetzt wohl „Werbung“ über diesen Post schreiben? 😉 )

Schön ausgedrückt – Wir und Sie

Lange ist’s her, doch heute gibt es mal wieder ein paar Gedanken zur Sprache. Wir und Sie – das sind zwei kurze Wörter mit sehr großer Macht.

Wir und Sie

„Wie können wir das zulassen?“, fragt der betroffen dreinblickende Schauspieler, der in einem TV-Spot um Spenden bettelt. „Wir brauchen eine einsatzbereite Bundeswehr“, sagt der bierbäuchige Stammtischler, der selber viel zu alt ist, um sich in eine Uniform zu zwängen und in irgendeinem Land durch die Wüste zu rennen. „Wir können uns einen höheren Mindestlohn nicht leisten“, behauptet der Lobbyist, der selber noch nie mit weniger als dem fünffachen des Mindestlohns auskommen musste. Wir, das schafft Nähe, das macht gleich. Zumindest soll es das.

Das genaue Gegenteil des kumpelhaften „Wir“ ist das Distanz schaffende „Sie“, umgangssprachlich gerne verkürzt auf „se“. „Da hinten ham‘ se eingebrochen“, oder auch „den Müll schmeißen se ja doch immer neben die Tonnen“. „Se“, das sind die Schlimmen, die Unanständigen. Die, mit denen „wir“ auf keinen Fall in einen Topf geworfen werden wollen. „Se“, das sind „die“, also die anderen, die außen vor dem „wir“ stehen.

„Und dann wollen se alle nicht arbeiten“, sagen die, die ganz genau wissen, wie die so ticken, die anderen, die nicht dazugehören. Es ist ein einfaches Spiel, das da gespielt wird von den Aufrechten, von denen mit dem guten Blick und der Menschenkenntnis: Die da draußen, die sind nicht wie wir. Die spielen bei uns nicht mit.

Heute vor 80 Jahren

… wurde meine Mutter Ursel geboren. Sie war die Tochter von Gerhard Friedrich und Erna sowie die große Schwester von Claus und Rita.

Familie am Weihnachtsbaum

Weihnachten mit der Familie, etwa 1956

Als Kriegskind verbrachte sie die ersten Jahre nur mit ihrer Mutter. Die Zeiten waren schwierig,  aber meine Oma Erna war eine echte Löwin und brachte ihr Kind allen Widrigkeiten zum Trotz durch.

Die Mädchenjahre verbrachte Ursel zum großen Teil in der Schloßstraße in Rastede, und zwar in der Wohnung, in der ich später so oft meine Großeltern besucht habe. Anfangs wohnte die Familie beengt in zwei kleinen Zimmern in der unteren Etage, konnte später aber oben zwei Zimmer und einen großen Dachboden dazu mieten. Um in die oberen Zimmer zu gelangen, musste man lange über eine Außentreppe gehen – das hat mich als Kind total fasziniert.

In der Teenagerzeit engagierte meine Mutter sich sehr in der neuapostolischen Kirche. Dort hatte sie auch Gelegenheit, Geige spielen zu lernen. Mit 14 musste sie von der Schule abgehen, obwohl ihr aufgrund von Krankheit – sie hatte eine angeborene Hüftfehlstellung – zwei Jahre fehlten. Sie begann zunächst als Kindermädchen und Haushaltshilfe zu arbeiten und besuchte nebenher eine Haushaltsschule. Später arbeitete sie in einer Fabrik, die Einlagesohlen für Schuhe herstellte.

Mädchenchor mit Geigerin

Und dann ging meine Mutter in einem roten Kleid auf eine Hochzeit, wo sie meinen Vater kennenlernten. Es funkte nicht sofort, aber durch Zufall trafen sie sich wieder, mochten sich und wollten zusammen in den Urlaub fahren. „Das gehört sich nicht!“, fand meine Oma Erna, und so wurde zuerst geheiratet. Viele Jahre später fragte ich meine Mutter, wie sie es denn gefunden hätte, wenn ich mit 22 einen 12 Jahre älteren Witwer hätte heiraten wollen, den ich erst ein paar Wochen kenne. „Verrückt“, antwortete sie.

Auf Hochzeitsreise reisten meine Eltern nach Freilassing, wo sie Boot und Bergbahn fuhren, wanderten und mein Vater meiner Mutter das Schwimmen beibrachte.

Ursel wurde Mutter zweier Töchter: 1966 wurde meine wunderbare Schwester Ilka geboren, 1970 folgte ich. Man beachte: Das Bild mit der Familie im Wasser entstand im August 1970 auf Borkum. Da war ich schon da, aber ich durfte nicht mit! Die haben mich einfach bei Oma und Tante Rita gelassen! Da hatte ich es bestimmt gut, aber eifersüchtig bin ich doch! 😉

Immer, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, was für eine gute Ehe meine Eltern führten. Die haben sich auch mal gestritten, wegen irgendwelchem Kleinkram wie „Sollte man wirklich ein Gerüst basierend auf einer 40 Jahre alten Schranktür bauen und da noch eine Trittleiter draufstellen?“ oder „Isst man Bohnensuppe mit dem Löffel oder einer Gabel?“, aber sie waren doch immer rücksichtsvoll und einander zugewand.

Mein Vater starb 2002 an Krebs. Da war meine Mutter ebenfalls schon sehr hinfällig, ihre Multiple Sklerose machte sie zunehmend unbeweglich. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einer kleinen Einliegerwohnung bei meiner Schwester, wo sie von Ilka und ihrer Familie liebevoll umsorgt wurde. Ich fuhr hin, so oft ich konnte. In Frankfurt besuchte sie mich mit meiner Schwester tatsächlich auch zwei Mal, bereits im Rollstuhl sitzend. Das war immer etwas abenteuerlich, denn meine kleine Wohnung war dafür nicht wirklich geeignet.  Dort, wo ich jetzt wohne, ginge das besser, aber diese Wohnung konnte sie leider nur noch auf Bildern ansehen.

Über den Dächern von Frankfurt

Im Oktober 2014 war Uschis Weg zuende. Was bleibt, sind viele schöne Erinnerungen. Die Leidenschaft für’s Handarbeiten wurde mir von ihr und Oma Erna vererbt, und ich habe die beste Schwester der Welt (hier zu sehen 1976).

Zwei fremde Leben

Vor zwei Wochen hatte ich ein Erlebnis, das gleichzeitig schön, aber auch merkwürdig und irgendwie verstörend war: Ein Freund von mir hatte gemeinsam mit seiner Mutter ein Haus geerbt. Es hatte zwei hochbetagten Leuten gehört, die vor einigen Jahren verstorben waren. Dieses Haus wurde nun verkauft, und zwar so, wie es war – unrenoviert und mit Inhalt. Die Käufer hatten kein Interesse an den vielen Sachen im Haus, sodass der Freund uns vorschlug, mal durchzugehen und zu gucken, ob wir etwas haben möchten. Wäre ja gut, denn dann würde nicht alles weggeschmissen. Schön, dachte ich, das ist ja wie ein „Flohmarkt für umsonst“. Ich freute mich darauf und überlegte, dass ich vielleicht eine schöne Kaffeekanne gut gebrauchen könnte.

Zu fünft betraten wir also das fremde Haus. Ich glaube, wir Gäste waren alle ein bisschen aufgeregt, denn obwohl wir die früheren Bewohner nicht kannten und es keinerlei emotionale Bindung an das Haus und dessen Inhalt gab, hatten wir doch das Gefühl, in zwei fremde Leben einzudringen. Dementsprechend verhalten begannen wir, uns umzusehen. Zögernd wurden erste Schranktüren geöffnet. Alle hatten wir mal gelernt, dass man bei fremden Leuten nicht in die Schränke glotzt – das musste man erst mal loswerden. Wir teilten uns auf – zu dritt sahen wir uns unten um, die Herren begannen aus irgendeinem Grund mit dem Dachboden. Anfangs spähten wir immer gemeinsam in jeden Schrank, erst langsam begannen wir, auch Sachen herauszunehmen und genauer anzugucken. Jeder suchte sich eine Ecke auf einem Tisch, um das Häufchen der „will ich haben“-Sachen dort abzulegen.

Was wir fanden, war in erster Linie Geschirr. Kaffeeservice, Teeservice, Gläser – ich glaube, die Hausbewohner hätten eine Kaffeetafel für 60 Personen ausrichten können, ohne irgendwo Geschirr auszuleihen. Schnell fand ich eine hübsche Kaffeekanne. Und dann noch eine. Und noch eine. Eine Freundin nahm eine Teekanne – auch zu dem Set gab es eine hübsche Kaffeekanne. Ich zeigte ihr eine andere Teekanne – auch die fand sie schön. Unsere Stapel wuchsen. Ein schöner Kuchenteller mit Rosenmuster – hinreißend altmodisch. Eine gut dazu passende Tortenplatte – ganz entzückend. Die andere Freundin fand ebenfalls einen Tortenteller – hübsch gemustert in einem sonnigen Gelb.

Schallplatte, abgebildet Wim, Wum und Wendelin

alte Bekannte – solche Platten hatte meine Oma auch

Vieles versetzte uns mit Schwung zurück in die 70er und 80er Jahre. Erstaunlicherweise war Etliches original verpackt und offensichtlich nie benutzt worden – elektrische Bratenmesser, Brotmesser mit Scheibendickeneinsteller (mindestens zwei), etwa 15 Brotkörbe. Auch Anderes gab es in so großer Zahl, dass wir es kaum fassen konnten – was macht man denn mit mindestens 100 Untersetzern in dekorativen Schachteln? Und wie viele Spülbürsten verbraucht man Zeit eines Lebens? Warum bevorratet man so etwas? Das gute Tafelsilber lag bunt gemischt mit billigstem Besteck, wie es auf Kaffeefahrten verteilt wird, in der Lade. Ganze Bestecksets waren noch original verpackt – teils hochwertig, teils aus scharfkantigem gepresstem Blech. Zierliche Mokkasets, wie unbenutzt, und Gläser aus verschiedenen Dekaden – alles war so überreichlich vorhanden, dass man gar nicht wusste, wo man hingucken sollte. Denn im ersten und zweiten Stock ging es ähnlich weiter: von allem viel, oft so gut wie neu. Selbst im zweiten Stock fand ich noch einen Geschirrschrank, den ich aber nur kurz öffnete und dann aufgab – zu unübersichtlich war die darin aufgestapelte Masse.

Auch Andenken gab es, die wir nur ansahen, wenn sie uns direkt vor die Finger fielen. So lag auf einem Tisch eine Kinokarte aus dem Jahr 1960. Woanders sahen wir eine Postkarte, die auf 1943 datiert war. Foto- und Andenkenalben gab es ebenfalls, aber die sahen wir kaum an – das Gefühl, zu tief in die Privatsphäre fremder Menschen einzudringen, war dabei zu stark.

Am meisten beeindruckte mich jedoch die Küche: Denn hier sah man, wie das Paar, abseits von Sammelwut und Vorratsdenken, gelebt hat. Und das war anscheinend bescheiden. In den Küchenschränken befand sich einfaches, viel benutztes Geschirr. Angeschlagene Kaffeebecher und Senfgläser für die kalten Getränke. Das in den Wohnzimmerschränken war offensichtlich „für gut“ gewesen und geschont worden. Ähnlich kenne ich das von meinen Verwandten, die auch alle „das gute Geschirr“ in den Wohnzimmerschränken gehabt hatten.

alte Küche mit Blumen an den Fliesen und HähnchengrillNachdem wir unsere geplanten zwei Stunden durch das Haus gegangen waren, sichteten wir die gesammelten Werke auf den Wohnzimmertischen. Ich stellte drei Viertel wieder zurück, und so machten es auch die anderen. Nicht, weil es nicht schön gewesen wäre, sondern weil wir es nicht brauchten. Weil auch unsere Schränke schon voll genug sind und wir nicht in der Masse ertrinken wollen, wie es diesen beiden alten Menschen anscheinend passiert ist. Ich nahm eine Kaffeekanne und noch ein paar Sachen, ließ aber die Tortenteller zurück – ich habe zwei, und nie habe ich mehr als zwei Kuchen, die ich gleichzeitig anbieten müsste. Auch zwei Spülbürsten – originalverpackt – nahm ich mit. Doch ich widerstand dem Nähkasten und der Schachtel mit den vielen Rollen Nähgarn in Rottönen – so viele Knöpfe kann ich gar nicht basteln. Auch meine Freunde wählten jeweils nur einige Sachen, sodass wir später zu viert mit all unseren Schätzen in ein kleines Auto passten.

Dieser Nachmittag hat mich sehr beschäftigt und bewegt. Es war doch etwas ganz anderes als ein normaler Flohmarkt. Ich glaube, so tief war ich noch nie im Leben zweier völlig Fremder. Und ich hoffe, dass noch einige der im Haus angehäuften Sachen einen Abnehmer finden. Vielleicht kann ein Sozialkaufhaus noch etwas gebrauchen, oder die neuen Besitzer haben Spaß daran, einiges auf dem Flohmarkt oder bei Ebay zu verkaufen. Aber es ist schwierig – die Mengen im Haus sind so groß und unübersichtlich, noch dazu ist es teilweise so voll, dass man sich kaum bewegen kann. Wenn man das sortieren will, braucht man wirklich Zeit.

Laffeekanne mit blauem Muster und Saftkaraffe

Ein Teil meiner Ausbeute

Nachtrag: Ich wüsste gerne, wie es einmal sein wird, wenn mein Haushalt aufgelöst wird. Ob es mein Neffe sein wird, der durch die Wohnung streift und sich darüber wundert, was die Tante alles angesammelt hat? Oder gebe ich selber mal alles weg, um in ein Zimmerchen in einem Altenheim zu ziehen? Es ist wohl zu früh, darüber nachzudenken, aber nicht zu früh, um mal wieder auszusortieren – wehret den Anfängen!

Nachtrag 2: Ja, ich weiß, auch ich habe zu viel von allem. Besonders Bastelsachen und Wolle reichern sich bei mir an. Aber ich habe meinen Gelüsten nachgegeben und dem Freund, der uns eingeladen hat, am Tag nach der Hausbegehung eine Nachricht geschrieben: Ob er mir wohl doch noch das Nähkörbchen und die Schachtel mit den Garnrollen sichern könnte? Er kann! 🙂

Aufruhr in der Nacht

Es gibt Dinge, die braucht kein Mensch. Zum Beispiel das, was mir in der letzten Nacht widerfahren ist. Es war ärgerlich und hat mich um einen guten Teil meines Schlafs gebracht – das prangere ich an. Aber fangen wir von vorne an.

Suppenhuhn, Gewürze, Tomaten

Bild von Pixabay – bei mir kommen keine Tomaten ans Huhn!

Ich hatte mal wieder gekocht. So richtig, mit vorbestelltem Huhn, frischem Gemüse und so. Es wurde „Huhn im Topf“, ein Hühnereintopf nach Mutterns Rezept. Sehr gelungen übrigens, eine Portion habe ich gestern Abend schon gegessen.

Und dann nahm der Abend seinen Lauf: Volles Bäuchlein, müde, bisschen schlafen, bisschen fernsehen, bisschen stricken, wieder schlafen. Irgendwann wurde ich wach – es war schon nach Mitternacht. Jetzt aber nichts wie ins Bett! Auf dem Weg dorthin fiel mir ein, dass ich ja noch den Rest meiner Suppe in den Tiefkühler räumen wollte. Vier Tupperdosen standen nett und adrett aufgereiht zum Abkühlen in der Küche. Kühl waren sie auch, sehr gut! Ich trug sie also in mein Gäste-Wäsche-Rumpel-Abstell-Zimmerchen, um sie dort in den Tiefkühler zu stellen. Und ja, wie es dann halt so kommt: Ich öffnete den Tiefkühler und räumte ein wenig darin herum, um Platz zu schaffen. Und irgendwie – keine Ahnung, warum und wieso – geriet der Boxenstapel auf dem Tiefkühler ins Rutschen und der ganze Kram war irgendwie nicht mehr aufzuhalten. Alle viel Dosen donnerten zu Boden – Krawumm! Zwei blieben zu – sehr gut! Eine ging ein bisschen auf und ließ Brühe auf den Boden plempern. Und von der vierten Box flog der Deckel ab und ihr Inhalt verteilte sich explosionsartig im Zimmer. Zum Glück warf sich die Tür dem Inferno in den Weg und hielt das meiste auf. Es war interessant zu sehen, wie sich das Muster aus Hühnchen, Möhren, Kohlrabi und sonstigem Gedöns langsam, begleitet von fettigen Tropfen, dem Boden entgegen bewegte. Das, meine Lieben, ist Schwerkraft!

Als ich mich von meiner Schockstarre erholt hatte, rettete ich, was zu retten ist: Dosen aufheben, in die Küche schleppen, gucken, was noch drin ist, sauberwischen. Dann überlegen, wie man der Schweinerei Herr werden könnte: Ich fegte erst mal „das Dicke“ in meine Fegeschaufel, dabei immer bemüht, mit den Füßen in Wollsocken möglichst wenig in die Brühe zu treten. Dann Eimer und Feudel holen – das liebe ich besonders zu nachtschlafener Stunde. Erst die Tür oder den Boden? Ich entschloss mich für die Tür, von oben nach unten putzen habe ich mal gelernt. Ich merkte, wie mir die Brühe die Hosenbeine hochkroch. Viel heißes Wasser, angereichert mit „Der General“, half, zumindest den Anschein von Sauberkeit wieder herzustellen. Die Brüh-Socken hatte ich längst ausgezogen und gegen Badelatschen getauscht. Ich wischte die Tür, das Zimmer, den Flur, einen Teil der Küche. Und fror schlussendlich meine verbliebenen drei Portionen Hühnereintopf endlich ein.

Nach all dieser sportlichen Aktivität war ich natürlich richtig wach. Und das blieb ich auch. Ich kam nicht in den Schlaf, denn es trieben mich diverse Überlegungen um: Kleben noch Möhren unter der Tür? Wo ist noch überall Brühe, die ich nicht gesehen habe? Sollte ich das Zimmer künftig eher das Suppenzimmer oder lieber den Hühnersaal nennen? Und, der schlimmste Gedanke überhaupt: Rund ein Fünftel meines schönen, edlen Hühnchens ist ganz umsonst gestorben. Das ist ein Skandal!

Zornig guckendes Huhn

Driving home for Christmas

Frisch getestet, geboostert und maskiert habe ich mich gestern in einen Zug getraut und bin zu meiner Familie nach Norddeutschland gefahren. Im Zug war es warm, draußen eisig und wunderschön. Selten kann man so hübsche Bilder durch ein Zugfenster machen.

Winterlandschaft zwischen Göttingen und Hannover

Heute sieht es hier leider schon etwas anders aus – leichter Regen auf eisigen Boden lässt mich hoffen, dass meine noch arbeitende Schwester heil nach Hause kommt. Ansonsten ist die Stimmung prima: Die Küche ist geputzt, die Salatkartoffeln für morgen kochen, die Auswahl der richtigen Würstchen wird justamente am Telefon diskutiert. Der Neffe schückt den Baum, die Tante (ich!) hat heißen Tee und fummelt auf dem Smartphone einen Blogbeitrag zusammen.

Winterlandschaft bei Hude

Vielleich wäre es angesichts der Corona-Zahlen vernünftiger gewesen, zuhause zu bleiben. Das hätte ich sicher überlebt. Aber nach einem unendlich anstrengenden Jahr im Homeoffice, mit wenigen Anregungen und wenigen persönlichen Kontakten hat es diese Fahrt jetzt einfach gebraucht.

Schwesterchens verblühte Rose mit Rauhreif

Allen Lesern meiner bunten Welt wünsche ich schöne, erholsame Feiertage – macht es euch so nett wie möglich!

Zoo Rostock – beachtet die Quallen!

Derzeit bin ich ein bisschen müde und allgemein unlustig, etwas am Computer zu machen – deshalb ist es derzeit recht ruhig im Blog. Das heißt aber nicht, dass ich gar nichts erlebt oder geschrieben hätte. Ich war sogar im Urlaub: Warnemünde an der Ostsee war mein Ziel. Und da ich allgemein sehr gerne in Zoos gehe, stattete ich dem Zoo in Rostock einen Besuch ab. Der hat ein schönes Konzept, ich hatte Glück mit dem Wetter und es war ein rundum gelungener Tag. Eines muss ich aber anmerken: Die machen die falsche Werbung. Sie werben nämlich mit fröhlich badenden Eisbären und lassen das, was mich viel mehr gefesselt hat, völlig außer Acht. Hinzu kommt, dass die Eisbären an dem Tag, an dem ich da war, gar nicht daran dachten, vor den Sichtfenstern zu baden, sondern sich eine Auszeit genommen hatten. Nun, es sei ihnen gegönnt. Einer von ihnen saß behäbig-schmuddelig in der Sonne und guckte bräsig, die anderen ließen sich gar nicht blicken.

Eisbär im Zoo Rostock

Inzwischen habe ich gehört, dass eine Eisbärin Junge bekommen hat – das freut mich natürlich sehr. Aber kommen wir zu dem, was mich wirklich begeistert hat: Die Quallenbecken.

Im Zoo Rostock gibt es u. a. zwei große, schöne Häuser, die jeweils ein eigenes Konzept verfolgen: das Darwineum und das Polarium. Im Darwineum kann man die Entwicklung allen Lebens schön verfolgen und, wenn man Lust hat, sehr, sehr viele Informationen erhalten. Wenn man keine Lust hat, so wie ich, kann man einfach herumbummeln und sich an der schönen Aufmachung freuen. Und an den ersten Quallen, die mir begegneten:

Ich mochte Quallenbecken schon immer ausgesprochen gerne, die ruhigen Bewegungen haben eine sehr entspannende Wirkung auf mich. Kein Vergleich ist es übrigens mit dem usseligen Gefühl, dass sich einstellt, wenn einem die dicken Nord- oder Ostseequallen beim Baden begegnen – dann bin ich deutlich weniger begeistert.

Nachdem ich mir im Darwineum auch noch die Menschenaffen angeguckt und auf einem schönen Spazierweg an allerlei Hufgetier und großen Laufvögeln vorbeikam, fand ich den Weg in den alten Teil des Zoos und zum Polarium. Und das hat deutlich mehr zu bieten als Eisbären: Ich begeisterte mich für die Meereswelten.

Und auch hier gab es diverse wunderschöne Quallenbecken. Unter anderem fand ich dort meine Lieblinge, die auch noch einen ganz entzückenden Namen tragen: Spiegeleiquallen. Sowas Hübsches!

Irgendwie haben diese kleinen, ruhig dahinschwebenden Dinger etwas Galaktisches. Eigentlich könnte man eine entsprechende Star Trek-Folge dazu schreiben: Die Quallen der Galaxis. Die Exemplare mit den längeren Nesseln schienen manchmal regelrecht im Becken zu turnen und waren dabei ausgesprochen elegant. Und mit den Bildern dieser Schönheiten schließe ich diesen quallenlastigen Post.

Fundstück 73 – Das Rührei

20210707_174823Immer mal wieder stoße ich auf Produkte, die in mir pures Unverständnis auslösen. So wie dieses Rührei im Tetra-Pack. Es gibt kaum etwas, das so praktisch naturverpackt ist wie ein Ei, und die schlichten Pappschachteln, in denen sie verkauft sind, sind – im Gegensatz zum Tetra-Pack – wiederverwendbar und receyclingfähig. Ich frage mich, wer diese fünf Portionen Ei wohl kauft.

Als ich meine Zweifel an dem Produkt in einem bekannten sozialen Netzwerk mit Tw… anmerkte, war gleich ein sehr aufgeklärter Mensch zur Stelle, der mir erklärte, dass diese Rühreier für behinderte Menschen quasi unabdingbar seien und ich mal über den Tellerrand gucken solle. Ich konnte da nur müde lächeln, denn natürlich gibt es Produkte, die für alte oder eingeschränkte Personen nützlich sind: Zum Beispiel geschälte Kartoffeln, vielleicht sogar portioniertes Obst, wenngleich mich bei in Plastik verpackten geschälten Orangen immer das kalte Grausen packt. Aber nicht diese Eier – das kann mir keiner erzählen. Denn in der Zeit, in der meine Mutter so unbeweglich wurde, dass sie nicht mal mehr ein Ei aufschlagen konnte, konnte sie erst recht keine heiße Pfanne mehr benutzen. Schon gar nicht für fünf Portionen Rührei. Und da wird sie kein Einzelfall gewesen sein.

Natürlich weiß ich, dass es derartige Dinge nicht gäbe, wenn man nicht einen Markt dafür hätte. Ich wünsche mir also, dass so etwas niemand mehr kauft. Ist natürlich schlecht für die Firma. Aber nun – irgend etwas ist ja immer.

Spätsommergrüße aus dem Dahliengarten

Der Herbst ist da. Pflaumenzeit, Kürbiszeit, Dahlienzeit. Die heutigen Exemplare habe ich größtenteils im Klostergarten in Seligenstadt geknipst.

Diese schönen Blumen erinnern mich immer daran, dass ich vor rund 20 Jahren in der Nähe von München wohnte. Direkt gegenüber von meinem Haus war ein Feld mit Blumen zum Selber schneiden: Gladiolen, Sonnenblumen und zuletzt Dahlien. Das habe ich oft genutzt und mir ein paar Stengel dort abgeschnitten (und natürlich bezahlt!). Seit ich 2003 dort weggezogen bin, habe ich kein derartiges Feld mehr besucht.

Rein aus Neugier habe ich kürzlich gegoogelt und festgestellt, dass da, wo das Feld war, jetzt ein Supermarkt mit Parkplatz ist. Nun ja, wäre ich die Besitzerin dieses Ackers gewesen, hätte ich das wohl auch gemacht – einen Blumenacker nahe München zu haben ist nett, ein Baugrundstück aber netter.

Ein Tag im Opel-Zoo

In der Zeit, in der meine Schwester mich besucht hat, konnten wir dank Prachtwetter auch einmal in den Opel-Zoo in Kronberg fahren. Das ging früher mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so gut, sodass es auch für mich das erste Mal war. Es hat sich aber in jeder Hinsicht gelohnt – der Zoo ist wunderschön angelegt und die Tiere haben viel Platz.

Im Gegensatz zum kleinen Frankfurter Stadtzoo sind die Gehege hier sehr großzügig geschnitten und schön in die Natur eingebettet. Man trabt, dem Rundweg folgend, hügelauf, hügelab, ist mal in der Sonne, mal im Schatten. An vielen Stellen kann man von oben in die Gehege hineinsehen, was wirklich schön ist.

Die Häuser im Zoo hatten coronabedingt noch geschlossen, was nicht schlimm war: Die meisten großen Tiere waren wohl draußen, und das, was uns an Kleingetier oder nachtaktiven Geschöpfen entging, können wir das nächste Mal angucken. Uns war viel mehr danach, das schöne Wetter zu genießen. Da es recht warm war, mussten wir ab und zu was trinken und das geht gut dort: Überall im Zoo gibt es Kioske oder kleine gastronomische Angebote. Wir wählten die mit der schönsten Aussicht und dem meisten Schatten. Trotzdem verbrannte ich mir die Nase.

Die Erdmännchen hatten ein Baby und wieder musste ich feststellen, dass es fast nichts so Niedliches gibt wie Tierkinder. Auch kleine Ziegen und junge Hirsche gab es zu sehen. Ich bin da immer komisch gerührt, obwohl mir die Mutterinstinkte ansonsten ja völlig abgehen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis fand ich alles in allem angemessen, man bekommt schöne Stunden für das Eintrittsgeld von 15,50 € (Kinder zahlen 8,50 €) und auch die Gastronomie fand ich nicht zu teuer. Behinderte ab 80% GdB sind ganz frei (eine evtl. benötigte Begleitperson ebenfalls).  Das finde ich grundsätzlich gut, bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich mit Rollstuhl oder Rollator wirklich gerne durch diesen Zoo laufen möchte: An einigen Stellen geht es schon recht steil rauf und runter. Ich habe beim Runterlaufen manchmal die Stimme meiner Mutter im Ohr gehabt: „Ne! Da könnt ihr machen, was ihr wollt – da fahre ich nicht runter!“