Sein Kind abgeben

Postkarte

Gruß aus Laos – jedes Jahr zur „Greeting Season“

Es war wieder soweit: Die Ferien waren rum und an meiner „Lieblingsschule“, an der ich morgen immer mit dem Bus vorbeifahre, tobte der zu Schuljahresbeginn übliche „Knutsch-Heul-ich-vermiss-dich-so-Terror“. Dabei sind es nicht die Kinder, die mich in fasziniertem Grauen immer wieder zum Schultor starren lassen, sondern die gramgebeugten Eltern. Ich habe mich darüber schon ausgiebig ausgelassen, meinen Einstellung zu diesen Knutsch-Orgien vor der Schule sollte bekannt sein. Es gibt jedoch etwas, das mich immer mal wieder daran zurückdenken und Vergleiche ziehen lässt.

Wie ich schonmal erwähnt habe, habe ich zwei SOS-Patenkinder in Laos, einen Jungen im Grundschulalter und ein kleineres Mädchen. Jedes Jahr erhalte ich zwei Mal für jedes der Kinder einen kleinen Bericht sowie ein Foto, oft von den Kindern zusammen mit ihrer Kinderdorffamilie oder in ihrer Klasse. Beide Kinder haben Glück, dass sie im Kinderdorf aufgenommen werden konnten und dort eine solide Ausbildung bekommen werden, was in Laos alles andere als üblich ist – viele lernen dort nicht einmal lesen. Glück im Unglück also, denn der kleine Junge ist Vollwaise, das Mädchen Halbwaise. Es hat noch seine Mutter – und das ist es, was mich schon oft nachdenklich werden ließ.

Als ich Bescheid bekam, dass dieses kleine Mädchen als Patenkind für mich ausgesucht wurde, erhielt ich ein etwas längeres Schreiben über die Umstände, durch die das Kind in das Kinderdorf kam: Der Vater war verstorben und die Mutter, die anscheinend sehr viele Kinder hatte, konnte diese nicht mehr alle ernähren. Sie entschied sich also, einen Teil der Kinder abzugeben, um sie versorgt zu wissen und sich besser um die bei ihr bleibenden Kinder kümmern zu können. Eine rationale Entscheidung also? Getrieben von Liebe, Fürsorge, Überlebensinstinkt? Ich habe selber keine Kinder, aber immer wieder habe ich mich gefragt, wie man das macht: Einen Teil seiner Kinder abgeben. Wie entscheidet man sich denn dafür, welche man abgibt? Nimmt man die Kleinsten, weil sie sich vielleicht noch am besten an eine neue Familie gewöhnen können? Nimmt man die Großen, weil man denen schon erklären kann, warum dieser Schritt notwendig ist? Oder behält man gerade die Großen bei sich, weil die schon aus dem Gröbsten raus sind? Was macht man mit dem Lieblingskind – und niemand möge mir nun erklären, dass es das nicht gibt – behält man es bei sich, um es um sich zu haben, oder gibt man es ab, weil es im Kinderdorf vielleicht die bessere Ausbildung bekommen kann? Wie teilt eine Mutter ihre Kinder auf?

Mein kleines Patenkind war noch nicht mal vier, als es ins Kinderdorf kam. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das war, es die Mutter mit dem Kind und vielleicht noch einigen Geschwistern an der Hand im Kinderdorf ankam und alleine wieder ging. Ich habe vollstes Verständnis für jede Träne, die an diesem Tag geflossen ist. „Sie weint noch viel“, stand über mein Patenkind im Einführungsbrief. Inzwischen wird die Kleine als fröhliches Kind beschrieben und sieht auch so aus. Ich hoffe, dass ihre Mutter das weiß.

Weihnachtsmärkte: Die Qual der Wahl

Leider haben wir dieses Jahr eine kurze Adventszeit – wie immer, wenn der vierte Advent auf den Heiligabend fällt. Die verbliebenen drei Adventswochenenden sind übervoll mit Aktivitäten, sodass man sich kaum entscheiden kann, wo man denn nun teilnehmen möchte. So war es auch an diesem Wochenende: Ich wollte gerne auf einen Weihnachtsmarkt gehen. Nicht unbedingt auf den ganz großen auf dem Frankfuerter Römer, der ist mir meistens zu voll. Der in Oberursel war letztes Jahr besonders schön, aber auch der in Höchst interessierte mich, da es einen Mittelaltermarkt rund ums Schloss geben sollte. Und auch vom schwedischen Weihnachtsmarkt hatte ich schon viel Gutes gehört. Leider, leider finden dieses Jahr alle drei Märkte zur gleichen Zeit statt, nämlich am ersten Adventswochenende. So musste ich eine Entscheidung treffen.

Misteln, Mistelzweige

Misteln, Fackeln und geheimnisvolle Symbole am Eingang des Mittelaltermarktes

Da das Wetter für den Samstag besser sein wollte, entschlossen meine Freundin Maike und ich uns, diesen Tag für einen Ausflug nach Oberursel zu nutzen. In dickem Nebel fuhr ich in Oberrad los, in schönstem Sonnenschein kamen wir in Oberursel an. Das zeigte mir mal wieder, dass das Wetter meistens besser ist als gedacht und dass es sich lohnt, sich einfach mal aufzuraffen, auch wenn es draußen fies aussieht. Angezogen mit allerlei Strickwerk, habe ich nicht mal gefroren – mal wieder hat mein fummeliges Hobby sich gelohnt. Und auch der Besuch des Weihnachtsmarktes in Oberursel lohnt sich: Es gibt dort eine Menge Stände, die mal etwas anderes bieten als das übliche Weihnachtsmarktsortiment.

Dieser Stand gefiel mir schon im letzten Jahr: große Flaschen mit verheißungsvollen Substanzen

Allerdings musste ich mal wieder feststellen, dass ich eigentlich nichts brauche: Schals, Schmuck und Windlicher habe ich im Überfluss, auch an Dekorationsartikeln mangelt es mir nicht. Ich habe keine kleinen Kinder mehr in meinem Umfeld, sodass ich auch an dem Stand mit den entzückenden und ganz besonderen Stofftieren nichts kaufen musste/durfte/konnte. Handgestrickte Strümpfe scheinen in Mode zu kommen, zumindest konnte man sie an diversen Marktständen kaufen – doch die mache ich mir inzwischen selbst. Und so entschied ich mich lediglich für zwei kleine runde Käselaibe sowie ein schönes Stück Schinken für meine Brotzeiten – sowas esse ich für mein Leben gerne, es verbraucht sich und liegt nicht rum.

Käse und Schinken

Meine Ausbeute, festlich illuminiert

Denn auch das ist mir inzwischen wichtig: In meiner Wohnung liegt ohnehin schon bannig viel rum, da brauche ich keine weitere Anreicherung mit Kram. Denn auch davon gab es auf diesem Weihnachtsmarkt wieder etliches. Ich habe ja eine tiefe Hochachtung vor Leuten, die handwerklich was können und schöne Sachen herstellen. Es muss natürlich nicht immer alles meinem Geschmack entsprechen. Aber eine gefilzte Schwarzwälder Kirschtorte oder – noch schlimmer – gefilztes Sushi, das erschließt sich mir wirklich nicht. So gutes Material und dazu die ganze Arbeit – aber wer braucht sowas? Das fusselt doch im Mund!

Ich genieße heute also meinen freien Sonntag, sehe aus dem Fenster auf das unwirtliche Wetter und stricke vor mich hin – nicht für den Verkauf, sondern für den Eigenbedarf. Es mag auch Leute geben, die finden, dass man keine Strickstrümpfe braucht, aber ichtrage die gerne. Euch wünsche ich einen schönen Adventssonntag, lasst es euch gut gehen!

 

Nachtrag: Ein sprachliches Problem konnte ich heute nicht lösen: Heißt es „zwei kleine runde Käse“ oder „zwei kleine runde Käses“? Weiß das jemand?

Englisches Teegebäck – Original und Fälschung

Seit vielen, vielen Jahren besitze ich ein Backbuch: Das legendäre „Backen macht Freude“ von Dr. Oetker, Auflage 1987. Und schon fast genauso lange wollte ich einmal dieses wunderbare Englische Teegebäck backen, dass dort so appetitlich abgebildet war. Fast schon kann man beim Betrachten der Seite einen zarten Buttergeruch spüren, zusammen mit dem verlockenden Aroma von Ostfriesentee. Hier haben wir das Original von Dr. Oetker:

Am Freitag ist es nun endlich soweit: Ich habe alles eingekauft und fülle es wie vorgeschrieben nach und nach in meine Rührschüssel ein. Der Knethaken knetet. Und der Teig klebt. Ihhh bah – was nun? Ah ja, zur Rolle formen und kalt stellen. Das mache ich so. Der Teig wird zum Stein, der sich unverbrüchlich mit dem Teller, auf dem er liegt, verbunden hat. Das schreit nach Werkzeugeinsatz. Ich säbele eine Portion Teig heraus und gehe in die Detailverarbeitung: ausrollen, Stäbchen formen, die auf das Blech legen, mit einer Gabel ein Muster hineindrücken und mit Zucker bestreuen. Ich werkele emsig. Die Stäbchen sollen 6 mal 1,5 Zentimeter haben – ausgemessen wird das nicht, sondern halt mal so frei Schnauze gemacht. Und dieses Muster mit der Gabel – leichter gesagt als getan. Der Keks bleibt gerne in der Gabel hängen – also die Gabel vor dem Reindrücken einmehlen. Was soll das überhaupt mit diesem Muster? In Schönheit gestorben sind schon andere vor mir – habe ich das nötig? Eigentlich ja eher nicht, aber es soll ja hübsch aussehen. Also werden alle Stäbchen bemustert, man gönnt sich ja sonst nichts.

Dann in den Ofen und backen. Als die Stäbchen die Farbe haben, die im Backbuch zu sehen ist, sind sie schlicht nicht gar – also wieder rein. Komisch sehen sie aus, meine Stäbchen: unregelmäßig ist noch freundlich gesprochen. Einige sind aus der Form gegangen, gerne so um die Mitte herum. Andere haben sich mit dem Nachbarn verbündet und bilden eine Art siamesische Zwillinge, die ich vorsichtig operativ trenne. Meine Kekse sind ein wahres Abbild unserer Gesellschaft: Es gibt große und kleine, dicke und dünne, helle und dunkle Kekse. Hier ein Tellerchen meiner bunten Kekswelt:

Geschmacklich sind meine Teekekse wirklich gut, aber optisch lassen sie etwas zu wünschen übrig. Ich glaube, sollte ich sie nochmal backen, forme ich einfach kleine Kugeln und drücke die platt – das ist sicher einfacher und sieht mindestens so schön aus.

Und wieder einmal muss ich an den armen Mann denken, der vor vielen Jahren mit meiner Berufsberatung befasst war: Nach der Auswertung meiner Tests bescheinigte er mir gute Fähigkeiten in allen sprachlichen und logischen Bereichen. Nur die Geschicklichkeit und die soggenannte „Hand-Augen-Koordination“ ließ deutlich zu wünschen übrig. er sagte dazu: „Im Grunde können Sie fast alles werden, was Sie möchten. Aber bitte machen Sie nichts Handwerkliches.“ Wie recht er hatte 🙂

Fachpersonal

Diese wunderbaren, einfachen Dinge des Lebens – in Szene gesetzt von Tim Reckmann, http://www.pixelio.de

Überall ist es zu lesen: Der Fachkräftemangel kommt über uns, oder er ist sogar schon da. Zumeist bezieht man sich bei diesen düsteren Prognosen auf technische oder pflegerische Berufe, dabei gibt es doch eine Branche, da ist der Fachkräftemangel offensichtlich schon da: Bei den Bäckereiverkäufern! Also zumindest da, wo ich meine Backwaren kaufe.

Ich kaufe mein Brot und – seltener – meinen Kuchen gerne in Bio-Qualität beim Händler meines Vertrauens. Die Sachen dort sind immer lecker, halten lange (bei einem Single ja nicht unwichtig) und stellen mich rundum zufrieden. Gerade der Kuchen schmeckt zumeist deutlich besser, als er aussieht – das ist bei anderen Bäckereien leider oft andersrum. Aber manchmal frage ich mich doch, ob es da auch mal warenkundliche Schulungen gibt. Oder zumindest irgendwelche Dokumente, in denen die Mitarbeiter mal nachgucken können, was sie da überhaupt verkaufen und wie man das macht.

Natürlich ist nicht jeder Kaufakt dort merkwürdig und gerade meine „Frühmorgens-Frischkäse-Kresse-Bagel-Verkäuferin“ weiß offensichtlich, was sie da tut. Amüsant fand ich aber die Dame, die mir statt einem Rhabarberkuchen einen Apfelkuchen auflud (kann mal passieren) und dann, als ich so ein Dauergebäck mit Erdnüssen orderte, dieses nicht finden konnte. „Meinen Sie dieses?“, wies sie auf etwas mit Walnüssen. „Nein, das mit den Erdnüssen, etwas dahinter.“ Sie suchte herum: „Das da?“ „Nein, das sind ja Mandeln, warten Sie mal …“ Ich machte mich lang und zeigte ganz genau, was ich gerne haben wollte. „Ach das meinen Sie! Das sind Peanuts!“ Sie hielt das Ding hoch und nickte nachsichtig: keine Erdnüsse, Peanuts. Also gut, von mir aus auch Peanuts.

Das nächste Mal beölte ich mich, als ein Mann den jungen Verkäufer fragte, was das denn Rötliches in dem Brot da sei. Das sei ein Roggenbrot, erklärte die Fachkraft hinter der Theke, das Rote sei ein besonderer Roggen. Der Mann wirkte wenig überzeugt und ich half aus: Ich habe dieses Brot nämlich sehr oft daheim, es ist lecker und bleibt lange frisch, was unter anderem an den verarbeiteten Karotten liegt. Der gleiche Verkäufer gab einer Dame, die nach den Inhaltsstoffen eines Brotes fragte, ebenfalls vollumfänglich Auskunft: Das sei aus Getreide, verkündete er – aha.

Das riecht richtig frisch – Bild zur Verfügung gestellt von birgitH., http://www.pixelio.de

Die größte Verwunderung überkam mich jedoch, als ich kürzlich fröhlich mit meinem frischen Brot nach Hause kam und mir damit mein Abendbrot richten wollte. Ich hatte es schneiden lassen – eine Schneidemaschine gibt es nämlich auch. Ich nahm das oberste Brot raus – den Kanten (oder Knust, oder wie auch immer) und dachte „Der ist aber dick“. Naja, dicke Endstücken sind ja keine Seltenheit, aber da ich zwei Brote essen wollte, griff ich noch eines aus der Tüte. Auch so dick – mehrere Zentimeter. Stirnrunzelnd nahm ich das ganze Brot aus der Tüte und zählte fasziniert nach: Sieben Scheiben, oder besser: sieben Klafter. Der begabte junge Mann hatte mein Brot mit der schönen Schneidemaschine gleichmäßig in sieben Teile zersägt. Wahrscheinlich sehe ich so aus, als müsse ich Auflage sparen. Ich versuchte, die Brocken nochmal zu spalten und entschied mich für Querstreifen. So konnte man es zumindest essen, ohne eine Maulsperre zu riskieren. Auf meine morgendliche Klappstulle verzichtete ich jedoch, das war mir zu viel Gefummel. Stattdessen kaufte ich bei eben jenem Laden mal wieder einen Kresse-Frischkäse-Bagel und bat die kompetente Morgenkraft dabei gleich, ihren Kollegen nochmal in die Benutzung der Schneidemaschine einzuweisen. Sieben Scheiben pro Brot ist zwar irgendwie lustig, isst sich aber echt nicht gut.

Ein Sturm kommt

Manchmal muss man auch Glück haben: Ich bin von meinem Usedom-Urlaub schon am Samstag zurückgekehrt, konnte also noch problemlos mit der Bahn fahren. Nur einen Tag später wäre ich spätestens in Berlin gestrandet. So aber konnte ich das Heraufziehen des Unwetters beobachten, und zwar schon am Freitag. Dieser Tag war vom Wetter her nur was für echte Küsten-Fans – ungemütlich ist noch freundlich formuliert.

Ich wagte mich tatsächlich für ein Weilchen an den Strand. Dort wurde man regelrecht verblasen, die Kaputze flog vom Kopf, das Zopfband hinterher. Richtig viel Spaß hatte dort unten wohl nur noch dieser Hund, der die für Ostseeverhältnisse hohen Wellen sichtlich genoss. Ich hoffe nur, er hat sich keinen Schnupfen geholt, so nass wie er irgendwann war.

Ich verzog mich nach einer Weile auf die etwas windgeschütztere Promenade und spazierte von Heringsdorf nach Ahlbeck. Keine große Wanderung, das gebe ich zu, aber an diesem Tag reichte es mir. Es schauerte immer mal wieder gar schauerlich, und ich wollte gerne in der Nähe der zahlreich vorhandenen Gastronomie bleiben, um notfalls unterschlüpfen zu können.

Viele Leute waren wahrlich nicht unterwegs bei diesem Schietwetter, aber die, die man traf, waren alle gut gelaunt. Es waren die Wetter-Enthusiasten, die genau wissen, was sie bekommen können, wenn sie zu dieser Jahreszeit an die Küste fahren. Und da die Tage zuvor beinahe windstill gewesen waren, war dies der gerechte Ausgleich dafür. Sogar einige wenige Kite-Surfer sah man, die den heraufziehenden Sturm nutzten. Ich fror schon, wenn ich ihnen nur zusah.

Reichlich durchgepustet und mit echter Trümmerlotten-Frisur kam ich ein paar Stunden später wieder in meinem Hotel an und belohnte mich mit heißer Suppe. Zum ersten Mal in meinem Leben aß ich diese merkwürdige Reste-Komposition namens „Soljanka“. Hat gut geschmeckt, ist aber ein bisschen merkwürdig. Besonders zu loben war aber das wunderbare Brot, dass es in diesem Hotel gab. Das schmeckte deutlich besser als das olle Baguette, das Suppen ansonsten gerne komplettieren soll.

Am Freitag blies es also schon kräftig und am Samstag war es so unfreundlich, dass ich darauf verzichtete, vor meiner Abreise gegen Mittag noch einmal an den Strand zu gehen. Das Wetter machte mir die Abfahrt dieses Mal recht leicht.

Herbstfarben

Ja, ohne Zweifel, der Herbst ist da, und mit ihm kam – zumindest zu mir – eine fette Erkältung. Die ist nun auf dem Rückzug und ich kann wieder gucken. Und so konnte ich die Fotos sichten, die ich in den letzten Tagen geschossen habe, wenn ich, dick eingemummelt und mitleiderregend hustend, herumspazierte, um zu genesen. Es sind erstaunlich bunte Bilder dabei, und damit meine ich nicht nur die typischen Herbstblätter.

Herbstblüte

Ich muss gestehen, gleich das erste Bild ist geschummelt, das stammt nämlich noch aus dem September und wurde in Wien geschossen. Alle anderen Bilder stammen aus dieser Woche.

Diese bunten Blätter gefielen mir besonders, weil sich die drei vorlauten Hagebutten dazwischen gemogelt hatten. Dunkelrot, glänzend und irgendwie allein auf weiter Flur, hatten sie sich tapfer ans Licht gekämpft.

Große „Haufen“ Pilze zieren die Grünflächen der Usedomer Strandpromenade. Viele sind vor lauter Feuchtigkeit schon „überreif“ und sehen irgendwie geplatzt aus. Zumindest kommt es mir so vor. Ich verstehe allerdings überhaupt nichts von Pilzen, die einzige Sorte, die mir bekannt ist, ist der Fliegenpilz.

Auch einige Dahlien trauen sich noch ans Licht. Ich mag diese Blumen sehr, auch wenn sie dazu neigen, in der Vase bei zu seltenem Wasserwechsel wie ein sehr aktiver Komposthaufen zu riechen.

Was dieses für eine blaue Blüte ist, weiß ich gar nicht. Sie hat was von einer Anemone, doch die sind meines Wissens nach deutlich früher dran. Egal – sie fiel mir auf und war mir spontan sympathisch.

Und ja, doch, natürlich gibt es auch hier an der Ostsee die klassischen bunten Blätter. Dieses hier guckte mir so nett entgegen …

Diese kleine rosa Blütendolde wirkte irgendwie „schaumig“, weil sie winzige weiße Fortsätze hat. Auch dieses Gewächs ist mir leider unbekannt, kommt hier auf Usedom aber öfter mal vor.

Alles in allem macht mir die Flora hier noch viel Freude, auch wenn das Wetter schon recht herbstlich ist. Ich mag das goldene Oktoberlicht – und meine Wetterapp hat sich hier in den letzten Tagen als deutlich zu pessimistisch herausgestellt. So eine Miesmacherin …

Fundstück 52: das Wertstoffgemisch

Mülltonne, WertstofftonneDa begegnete uns doch kürzlich auf einem Straßenfest diese wunderbare Tonne: „Wertstoffgemisch“ stand darauf zu lesen. Hinein kam allerhand Abfall, von der ketchupverschmierten Pommespappe über den Kaffeebecher bis hin zum vollgeschnaubten Papiertaschentuch war alles dabei. Es war also wirklich eine wilde Mischung, über deren Werthaltigkeit ich ehrlich gesagt nicht gerne nachdenken möchte.

Früher stand auf diesen Tonnen doch etwas anderes, nämlich „Müll“. Und ganz früher noch der Zusatz „Keine heiße Asche einfüllen“ – so auch auf dem kleinen mülltonnenförmigen Bleistiftanspitzer, den ich als Grundschulkind besaß. Das war nicht zu Kaisers Zeiten, sondern in den 70er Jahren – aber ich schweife ab.

Wann aus dem guten alten Müll das Wertstoffgemisch wurde, kann ich gar nicht genau sagen, aber dieser Ausdruck kam mir in der letzten Zeit des Öfteren unter. So auch in irgendeinem Druckerzeugnis, aus dem ich damals den schönen Satz „Die Wertstoffe werden der thermischen Verwertung zugeführt“ abgeschrieben habe. Das klingt natürlich deutlich schöner, wissenschaftlicher und vor allem umweltfreundlicher als der simple Satz“ „Der Müll wird verbrannt“. Ich habe ja immer die Sorge, dass auch meine schönen, liebevoll sortierten Tüten mit grüner-Punkt-Müll, die ich wöchentlich in die gelbe Tonne trage, nicht receycelt, sondern thermisch verwertet werden. Wahrscheinlich liege ich damit gar nicht so falsch, denn die Wiederverwertungsquote ist dem Vernehmen nach eher gering. Da hilft wohl doch nur die Wertstoffgemischvermeidung – egal, um was es sich dabei handelt. Wenn das nur nicht so schwierig wäre …

So schnell kann es gehen …

Manchmal geht es überraschend schnell: von himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, vom Glück besoffen und unglücklich verkatert. Oder von der gefeierten Fachfrau zur größten Idiotin aller Zeiten.

So ging es mir an einem Tag im Sommer: Vormittags hatte ich einen Vortrag gehalten vor einem großen Publikum, das mit Lob nicht sparte. Ich fühlte mich anerkannt und gefeiert, die Fachfrau, die man alles fragen kann und die auf fast alles eine Antwort hat. Dieses Gefühl hatte mich durch den Tag getragen – was kam ich mir wichtig vor! Und so klug!

Auch abends war ich noch ausgesprochen guter Dinge, als ich nach irgendeiner Veranstaltung gegen halb elf am Südbahnhof auf meinen Anschlussbus wartete. Ich war klug und wichtig, gewiss sah man mir das an. Also, so dachte ich zumindest. Als ich jedoch gerade auf meinem Smartphone etwas nachgucken wollte, attackierte mich plötzlich eine ältere Frau: Ich sei auch so eine, deren Hirn nur so groß sei wie der Speicher des Handys, oder so ähnlich drückte sie sich aus. Ich, völlig verwirrt: „Hä?“ Die Dame schimpfte nochmal. Ohne Handy könnten solche Leute wie ich ja überhaupt nichts mehr, ich sei völlig verblödet und sähe auch so aus.

Wie, Trümmerlotte, ich? Kann gar nicht sein! Hauptsache, ich finde mich schön!

Mit dem Aussehen hatte sie wahrscheinlich recht, denn ich habe angesichts dieses unerwarteten Angriffs bestimmt dümmlich aus der Wäsche geguckt. Eine andere Frau klärte mich auf: „Die spinnt irgendwie, die hat mich eben auch schon beschimpft.“ Ja, klar, jemand der uns beide beschimpft, muss spinnen, das sah ich ein. Ich mustere die schimpfende Frau: Die sah ganz normal aus. Zwischen 60 und 70 Jahre alt, schätzte ich. Weder wirkte sie runtergekommen noch betrunken, Hätte sie nicht ununterbrochen herumgezetert (in meine Richtung, man stelle sich das vor!), hätte man sie wohl als „Dame“ bezeichnet. Sie war gepflegt, gut gekleidet, trug eine Tüte eines ganz und gar nicht billigen Ladens in der Hand – und benahm sich äußerst merkwürdig. Noch immer fand sie Dinge an mir, die ihr nicht gefielen: Aussehen, Kleidung, Frisur und Figur – „guck dich doch mal an, du Schlampe!“ Ich guckte an mir runter und fand mich schön wie immer. „Bei dir sieht man gleich, wie blöd du bist!“ Was, ich? Nein, ich bin die Heldin des heutigen Arbeitstages, Expertin in allen Fragen des täglichen Lebens, wussten Sie das nicht? Ich machte mir einen Spaß daraus, dumm nachzufragen, was sie denn genau meint, kriegte aber keine konkreten Antworten. Immer diese schwammigen Aussagen, diese populistischen Phrasen ohne belastbare Quellen, und dann noch gegen mich gerichtet – das prangere ich an!

Ich hörte mir die Litanei an, bis mein Bus kam. Kurzfristig überlegte ich, ihr einfach ganz trocken eine reinzuhauen – ob dann wohl Ruhe gewesen wäre? Ich probierte es nicht aus, sondern stieg in den Bus. Eigentlich hatte ich gedacht, dass die schimpfende Dame ebenfalls einsteigen wollte, denn das ist der einzige, der dort fährt – worauf hatte die denn sonst gewartet? Sie war ja sogar schon vor mir da gewesen, es war nicht nur mein heutiger Glanz gewesen, der sie an diese abgelegene Ecke in der Bruchstraße gelockt hatte. Irgendwie hatte sie wohl völlig ihren Weg verloren.

Und das war es, was mich unterwegs ein wenig nachdenklich werden ließ: Ich war so fasziniert von diesem Verbalausbruch gewesen, dass ich überhaupt nicht daran gedacht hatte, dass die Frau vielleicht Hilfe benötigen könnte. Irgendwas war an der kaputt – die sah einfach nicht so aus, als würde sie sich gewohnheitsmäßig so benehmen und dann nach Hause zu ihrem Hans-Herbert fahren. Psychose, Wahnvorstellungen, was Falsches geraucht? Oder vielleicht mit dem Damenkränzchen ein paar Stößchen auf irgendwelche Alzheimer-Pillen draufgekippt? Wahrscheinlich wäre es gut gewesen, bei der Polizei Bescheid zu geben, dass jemand in der Bruchstraße herumtobt und offensichtlich nichts mehr mit sich anzufangen weiß. Darauf bin ich in der Situation leider nicht gekommen – ganz unrecht hatte die Dame mit dem „blöd“ also nicht.

Literaturnobelpreis 2017 – gut gemacht!

Ich muss gestehen, dass ich keine große Freundin der Literaturnobelpreisträger der letzten Jahre bin. Gut, nicht von allen habe ich etwas gelesen. Einige habe ich gelesen und fand sie … merkwürdig. Andere … schaurig. Den Preis für Bob Dylan im letzten Jahr fand ich mutig – immerhin. Und seit vielen Jahren sagte ich immer mal wieder: „Ich würde den Preis Kazuo Ishiguro geben.“ Nun haben sie also auf mich gehört – geht doch. Es wurde wirklich Zeit, dass dieser wunderbare Autor, dieser Zauberer der Sprache und mächtige Prosa-Poet entsprechend gewürdigt wird.

Nun will ich mich aber nicht nur der groupiehaften Schwärmerei hingeben, sondern auch ein Buch von Kazuo Ishiguro vorstellen. Ich glaube, dass ich alle seine Bücher, die auf Deutsch erschienen sind, gelesen habe. Bereits besprochen habe ich vor einer Weile das schöne „Was vom Tage übrig blieb“. Etwas ganz anderes ist die Nummer zwei auf meiner Ishiguro-Favoritenliste, das noch recht neue Buch

Der begrabene Riese

Dieses Buch habe ich mir tatsächlich mal als Hardcover gekauft

Darum geht es: Es ist nicht so einfach, diesen Roman zu beschreiben, ohne allzu viel zu spoilern. Die Handlung ist im 6. Jahrhundert angesiedelt, einem ohnehin schon dunklen Zeitalter, in dem zu allem Überfluss auch noch ein alles verwischender Nebel über den Erinnerungen der Menschen liegt. Aberglaube und Dämonenangst beherrschen die Gedanken der einfachen Leute. Auch Axl und Beatrice, zwei alte Bauern, die sich irgendwann aus ihrem Dorf aufmachen, um den Sohn zu besuchen, unterliegen vielen Ängsten und vor allem Unsicherheit: Wann ging der Sohn fort und warum? Wohnt er wirklich in einem der Nachbardörfer, kennen sie den Weg dorthin? Und haben sie überhaupt einen Sohn gehabt? Sie wissen es nicht genau, die Vergangenheit liegt im Dunklen.

Nicht nur die beiden Alten scheinen viel vergessen zu haben. Auch bei allen anderen Menschen, die sie treffen, liegt vieles im Nebel. Einig sind sie sich nur darüber, dass sie vorsichtig sein müssen, leise – bloß den Drachen nicht wecken.

Auf dem Weg, dessen Ziel sie nicht kennen, entdecken Axl und Beatrice einander neu, ohne sich der Bedeutung dessen, was sie erfahren, wirklich bewusst zu sein. Kennen sie einander wirklich? Lieben sie einander überhaupt? Wer ist Axl, der klapprige Alte, den fremde Menschen so furchtsam ansehen? Bedeckt der Nebel mehr als nur die feuchtkalte Landschaft? Und ist er Fluch oder Segen?

Das ist das Besondere: Eine ganze Weile weiß man nicht, was dieses Buch eigentlich ist: Märchen, Historienschmöker mit Fantasyeinschlag, oder was? Der Nebel des Vergessens liegt über allem, und man begreift, dass er nichts anderes bedeutet als die Verdrängung einer furchtbaren Vergangenheit. Nur durch Vergessen ist es den Menschen möglich, weiterzuleben und einen brüchigen Frieden aufrecht zu erhalten. Furchtbare Dinge sind passiert, sie wurden begraben und niemand möchte sie wirklich wieder ans Licht zerren. Dieses Leben im Nebel und in ständiger Ungewissheit ist zwar nicht schön, aber die Angst vor dem, was zum Vorschein kommt, wenn er sich lichtet, packt auch den Leser irgendwann.

Die Sprache des Romans ist in vielen Teilen den beiden Alten angemessen, viele Wiederholungen bringen schnell einen gewissen Rhythmus. Auf poetische Weise befasst Kazuo Ishiguro sich mit dem Grauen, dem Überleben und der Frage nach den Tätern – sollten sie tatsächlich ganz harmlos aussehende Menschen sein? Aufarbeiten oder besser verdrängen und weiterwandern? Axl und Beatrice wandern – bis es nicht mehr weitergeht. 

Was gibt es noch? Ich fand das Buch nicht ganz einfach zu lesen. Zum einen ist das Thema keine leichte Kost, zum anderen gingen mir die beiden schusseligen, starrköpfigen Alten am Anfang ein wenig auf die Nerven. Trotzdem entwickelte der Roman für mich eine enorme Sogwirkung – ich wollte einfach wissen, was da los ist. Es hat sich gelohnt.

Schön ausgedrückt: Die Hohlhippe

Jeder kennt sie, die wenigsten aber können sie korrekt benennen: Diese komische kleine Keksrolle, die es oft zum Kaffee gibt oder die im Eisbecher steckt. Auch ich lernte erst durch meine Freundin Maike, dass es sich bei diesen Röllchen um sogenannte „Hohlhippen“ handelt. Das hatte ich noch nie zuvor gehört.

Meine Recherche im gelben Duden brachte hervor, dass der Begriff „Hippe“ aus dem Spätmittelhochdeutschen stammt und für ein rundes, flaches Gebäck verwendet wird, dass in noch warmem Zustand gerollt oder geformt wird. Die Verwendung ist nicht übertrieben häufig, aber auch nicht so selten, wie ich es gedacht hatte.

Deutlich ergiebiger noch ist der Artikel auf Wikipedia, den ich sehr lesenswert fand: Für die „Hippenmasse“ gibt es unzählige Rezepte, die jeweils zumindest Eiweiß und Zucker enthalten und immer ein mürbes und splittriges Gebäck ergeben. Dieses Gebäck wird erst nach dem Abkühlen fest, so dass es gebogen werden kann. Es gibt allerhand Hilfsmittel dazu, zum Beispiel Hippeneisen zum Backen und Formen zum Rollen.

Sehr oft werden Hippen gefüllt (deshalb sind sie zumeist hohl) oder zum Dekorieren verwendet. Manche sind auch Traditionsgebäcke wie Neujahrshörnchen, an die ich mich gut erinnere: Bei uns hießen sie Krüllkuchen, hatten die Form von Eiswaffeln und wurden mit Anis gewürzt, was ich nie besonders mochte. Wo unser Krüllkucheneisen geblieben ist, weiß ich gar nicht, wahrscheinlich wurde es mangels Fangemeinde entsorgt.

Interessant fand ich auch die sehr vielen regionalen Varianten dieses Gebäcks, die natürlich mit vielen regionalen Begriffen einhergeht. So werden die nüchternen (Hohl-)Hippen manchmal zu Klemmkuchen, Piepkuchen oder Cigarette russes, und auch in der Schweiz gibt es „Hüppen“.

Nachdem ich mich nun so ausgiebig mit den Hohlhippen beschäftigt habe, bekomme ich beinahe Lust, welche zu backen. Ohne doofen Anis natürlich – lieber mit Zimt oder Vanille. Ich glaube, die ewige Antje hat so ein Gerät, vielleicht sollte ich das einmal ausleihen.

 

Nachtrag 1: Von Helge Schneider gibt es noch einen Roman mit dem feingeistigen Titel: „Zieh‘ dich aus, du alte Hippe“. Ich habe das Werk nicht gelesen, gehe jedoch nicht davon aus, dass der Roman von Keksen handelt. Im Duden gibt es noch zwei weitere Bedeutungen für die Hippe: Zum einen ein Werkzeug, zum anderen eine Ziege oder streitsüchtige Frau. Das sollte es in diesem Zusammenhang wohl treffen.

Nachtrag 2: In meiner Kindheit hatten wir tatsächlich so ein Klemmeisen zuhause. Es war von meinem Vater selbst gefertigt worden und hing im Treppenhaus, ich wusste nie so recht, was das eigentlich ist. Zum Backen haben wir es nie benutzt, wir hatten ein elektrisches Krüllkucheneisen.