Fundstück 73 – Das Rührei

20210707_174823Immer mal wieder stoße ich auf Produkte, die in mir pures Unverständnis auslösen. So wie dieses Rührei im Tetra-Pack. Es gibt kaum etwas, das so praktisch naturverpackt ist wie ein Ei, und die schlichten Pappschachteln, in denen sie verkauft sind, sind – im Gegensatz zum Tetra-Pack – wiederverwendbar und receyclingfähig. Ich frage mich, wer diese fünf Portionen Ei wohl kauft.

Als ich meine Zweifel an dem Produkt in einem bekannten sozialen Netzwerk mit Tw… anmerkte, war gleich ein sehr aufgeklärter Mensch zur Stelle, der mir erklärte, dass diese Rühreier für behinderte Menschen quasi unabdingbar seien und ich mal über den Tellerrand gucken solle. Ich konnte da nur müde lächeln, denn natürlich gibt es Produkte, die für alte oder eingeschränkte Personen nützlich sind: Zum Beispiel geschälte Kartoffeln, vielleicht sogar portioniertes Obst, wenngleich mich bei in Plastik verpackten geschälten Orangen immer das kalte Grausen packt. Aber nicht diese Eier – das kann mir keiner erzählen. Denn in der Zeit, in der meine Mutter so unbeweglich wurde, dass sie nicht mal mehr ein Ei aufschlagen konnte, konnte sie erst recht keine heiße Pfanne mehr benutzen. Schon gar nicht für fünf Portionen Rührei. Und da wird sie kein Einzelfall gewesen sein.

Natürlich weiß ich, dass es derartige Dinge nicht gäbe, wenn man nicht einen Markt dafür hätte. Ich wünsche mir also, dass so etwas niemand mehr kauft. Ist natürlich schlecht für die Firma. Aber nun – irgend etwas ist ja immer.

Spätsommergrüße aus dem Dahliengarten

Der Herbst ist da. Pflaumenzeit, Kürbiszeit, Dahlienzeit. Die heutigen Exemplare habe ich größtenteils im Klostergarten in Seligenstadt geknipst.

Diese schönen Blumen erinnern mich immer daran, dass ich vor rund 20 Jahren in der Nähe von München wohnte. Direkt gegenüber von meinem Haus war ein Feld mit Blumen zum Selber schneiden: Gladiolen, Sonnenblumen und zuletzt Dahlien. Das habe ich oft genutzt und mir ein paar Stengel dort abgeschnitten (und natürlich bezahlt!). Seit ich 2003 dort weggezogen bin, habe ich kein derartiges Feld mehr besucht.

Rein aus Neugier habe ich kürzlich gegoogelt und festgestellt, dass da, wo das Feld war, jetzt ein Supermarkt mit Parkplatz ist. Nun ja, wäre ich die Besitzerin dieses Ackers gewesen, hätte ich das wohl auch gemacht – einen Blumenacker nahe München zu haben ist nett, ein Baugrundstück aber netter.

Ein Tag im Opel-Zoo

In der Zeit, in der meine Schwester mich besucht hat, konnten wir dank Prachtwetter auch einmal in den Opel-Zoo in Kronberg fahren. Das ging früher mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so gut, sodass es auch für mich das erste Mal war. Es hat sich aber in jeder Hinsicht gelohnt – der Zoo ist wunderschön angelegt und die Tiere haben viel Platz.

Im Gegensatz zum kleinen Frankfurter Stadtzoo sind die Gehege hier sehr großzügig geschnitten und schön in die Natur eingebettet. Man trabt, dem Rundweg folgend, hügelauf, hügelab, ist mal in der Sonne, mal im Schatten. An vielen Stellen kann man von oben in die Gehege hineinsehen, was wirklich schön ist.

Die Häuser im Zoo hatten coronabedingt noch geschlossen, was nicht schlimm war: Die meisten großen Tiere waren wohl draußen, und das, was uns an Kleingetier oder nachtaktiven Geschöpfen entging, können wir das nächste Mal angucken. Uns war viel mehr danach, das schöne Wetter zu genießen. Da es recht warm war, mussten wir ab und zu was trinken und das geht gut dort: Überall im Zoo gibt es Kioske oder kleine gastronomische Angebote. Wir wählten die mit der schönsten Aussicht und dem meisten Schatten. Trotzdem verbrannte ich mir die Nase.

Die Erdmännchen hatten ein Baby und wieder musste ich feststellen, dass es fast nichts so Niedliches gibt wie Tierkinder. Auch kleine Ziegen und junge Hirsche gab es zu sehen. Ich bin da immer komisch gerührt, obwohl mir die Mutterinstinkte ansonsten ja völlig abgehen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis fand ich alles in allem angemessen, man bekommt schöne Stunden für das Eintrittsgeld von 15,50 € (Kinder zahlen 8,50 €) und auch die Gastronomie fand ich nicht zu teuer. Behinderte ab 80% GdB sind ganz frei (eine evtl. benötigte Begleitperson ebenfalls).  Das finde ich grundsätzlich gut, bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich mit Rollstuhl oder Rollator wirklich gerne durch diesen Zoo laufen möchte: An einigen Stellen geht es schon recht steil rauf und runter. Ich habe beim Runterlaufen manchmal die Stimme meiner Mutter im Ohr gehabt: „Ne! Da könnt ihr machen, was ihr wollt – da fahre ich nicht runter!“

Lieblingsgedicht

Vor einigen Tagen wurde darüber berichtet, dass sich der Vorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, in einem Interview mit einem Kinder-Reporter der Kindernachrichtensendung „Logo“ nicht mit Ruhm bekleckert habe. Er erklärte dem Jungen, dass in den Schulken wieder mehr über deutsches Kulturgut, insbesondere auch Volkslieder und Gedichte gelehrt werden solle. Als der aufgeweckte Junge dann nach seinem Lieblingsgedicht fragte, fiel ihm keines ein. Also gar keines. Immerhin benannte er als Lieblingsdichter dann Heinrich Heine, was ebenfalls zu Erheiterung in den sozialen Netzwerken führte. Ich habe mich zwar mit Heine noch nicht sooo sehr beschäftigt, weiß über ihn aber genug, um einem Politiker dieser grässlichen Partei gerade diese Neigung nicht so recht abzunehmen.

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Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Diese Debatte brachte mich selber dazu, darüber nachzudenken, welches Gedicht und welchen Dichter ich eigentlich gesagt hätte. So einfach finde ich das gar nicht. Ohne dass ich diesen Politiker verteidigen möchte, wäre mir zuerst wahrscheinlich auch nichts Gescheites eingefallen, außer vielleicht die fade Made von Heinz Erhard oder „Ein kleiner Hund mit Namen Fips“ von Christian Morgenstern. Das war das erste Gedicht, das wir in der Schule gelesen haben, in der 2. Klasse. Damit hätte ich mich in der Öffentlichkeit sicherlich zum Affen gemacht.

Nach einigen Sekunden des Nachdenkens wäre bei mir aber wohl ein bisschen was gekommen. Mein liebster Dichter ist Rilke, und als erstes Gedicht von ihm fiel mir spontan „Der Panther“ ein. Das haben wir früh in der Schule gelesen und schon damals fand ich, dass da viel drinsteckt. Als ich heute jedoch in meinem Rilke herumwühlte, fand ich eines, dass mir eigentlich schon immer besonders gut gefallen hat – dieses hier:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Das Gedicht ist inzwischen rund 120 Jahre alt, die Zeiten und die relevanten Diskussionen haben sich natürlich geändert. Doch derzeit entbrennen täglich viele tausend Diskussionen um Sprache und darum, was die Sprache bewirkt. Mir begegnen zunehmend Personen, die meinen, alles zu wissen, und sich anderen gegenüber als Sprachpolizei aufführen. Ich gebe mich da ja immer recht hartleibig, weil ich der Einschätzung Einzelner, die zu wissen glauben, wie alle anderen empfinden (müssen), nicht so recht traue. Rilkes altes Gedicht scheint mir nach wie vor aktuell zu sein, wenngleich es inzwischen vielleicht weniger um die Entzauberung der Dinge als um die Definition von Zuständen geht.

Dieses Gedicht wurde übrigens auch im von mir so geliebten „Rilke-Projekt“ der Musiker Richard Schönherz und Angelica Fleer interpretiert. Das macht ausgerechnet der unselige Xavier Naidoo. Nun, noch kann ich Kunst vom Künstler trennen und finde, das ist wirklich gut gemacht.

Schippertour nach Seligenstadt

Alle paar Jahre mache ich mit Freunden oder Verwandten gerne mal eine Tagestour mit der Primus-Linie. Man kann in zwei Richtungen fahren: Nach Rüdesheim und von da weiter zur Loreley, oder an Offenbach und Hanau vorbei nach Seligenstadt und dann Aschaffenburg. Dieses Mal sollte es eigentlich Aschaffenburg werden, die Rückfahrt war mit dem Zug geplant. Doch weil die Lokführer streikten, entschlossen wir uns, noch einmal nach Seligenstadt zu fahren. Los ging es am Eisernen Steg in Frankfurt.

Dieses Mal war ich ganz entspannt mit meiner lieben Schwester unterwegs. Beide mussten wir daran denken, dass wir vor etwa 15 Jahren die gleiche Tour einmal mit unserer Mutter gemacht hatten. Das war schön, aber auch sehr mühsam, denn unsere Mutter saß damals schon im Rollstuhl und die Tour ist nicht barrierefrei. Daran ändert auch die super-steile Rampe nichts, die es inzwischen in Frankfurt gibt: Das wäre mit etwas Mühe und Überlegung deutlich besser gegangen (ich denke, unsere Mutter hätte sich schlicht geweigert, sich diesem Mordgerät auch nur zu nähern, und auch meine rollifahrende Freundin hatte dafür kürzlich nur ein befremdetes Kopfschütteln übrig). Am Anleger hatten wir damals also jeweils eine Menge Mühe mit dem Ein- bzw. Aussteigen. Auch im altertümlichen Seligenstadt tut man sich eher schwer, wenn man nicht mehr beweglich ist. Das alles war dieses Mal natürlich kein Thema.

Wir hatten einen Tag mit wunderbarem Spätsommerwetter erwischt, sodass wir uns die ganze Fahrt über draußen aufhalten konnten und hinterher nach einem Spaziergang durch die Altstadt recht froh über ein bisschen Schatten und kalte Getränke waren. Sonnencreme hatten wir natürlich zuhause vergessen, da habe ich ja auch nur drei Flaschen davon. Sagen wir mal so – wir haben kräftig Farbe bekommen, und inzwischen pellt sich meine Nase.

Nach dem Kaffee liefen wir ausgiebig im Klostergarten herum. Zuerst kam der Kräutergarten. Überall roch es besonders. Wir schnüffelten an allerlei Kraut herum, ich nieste trotz eingenommener Allergiepille viel und beide genossen wir die Vielfalt. Wir kannten lange nicht alles von dem, was da wuchs. Putzig fand ich die Kennzeichnung der Giftpflanzen, die jeweils einen kleinen Totenkopf ☠ auf dem Schild hatten. Viele sind auch als Heilpflanzen bekannt, aber man sollte sowas wohl nur zu sich nehmen, wenn man sich wirklich gut damit auskennt.

Es gab neben diversen Blühpflanzen auch Zierkohlarten, Obstbäume (die fast immer beschriftet waren – bis auf das Ding, was uns wirklich unbekannt war) und – tatsächlich – blühende Artischocken. Die fand ich recht dekorativ, solange sie kräftig blühten, aber eher gruselig, wenn diese Phase vorbei war.

Und gegen Abend schipperten wir sonnenverbrannt zurück. Wir gönnten uns gespritzen Apfelwein und, weil man ja den Salzverlust durch das Schwitzen ausgleichen muss, eine Currywurst mit Pommes. Und dann kam das, worauf ich mich schon den ganzen Tag heimlich ein bisschen gefreut hatte: Wir tuckerten der Frankfurter Skyline entgegen.

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Nach all den Jahren habe ich mich noch immer nicht an dieser Aussichet über den Main sattgesehen. Es ist fast egal, bei welchem Wetter ich die Skyline sehe – ich finde sie einfach schön.

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Fundstücke 72 – Barbarei im Kurpark!

Wie schon erwähnt, habe ich in Bad Salzschlirf einen Kurzurlaub gemacht. Ich lief auch die meisten Ecken des Kurparks ab und fand an einer Stelle diesen kleinen Teich mit Seerosen und Fischen.

Dort gab es einen Weg und eine Bank. Und es gab dieses Schild – Angeln verboten. Und ich habe mich gefragt, ob es wirklich Menschen gibt, die in einem Kurpark eine Angel herausholen und sich hinhocken, um Goldfische zu fangen. Ich nehme an, dass sowas schon passiert ist, denn ansonsten würde man dieses Schild ja nicht aufstellen. Ganz schön bekloppt …

 

Nachtrag: Die Rechtschreibung auf dem Schild ist natürlich auch eine Sache für sich. Ich weiß eines: Sollte ich mal durch Zufall einen Schilder-Herstell-Betrieb erben, werden die Dinger vor dem Druck kontrolliert. Versprochen!

Schietwetter im Kurort

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Trübe Aussichten

Wie immer habe ich mich auch dieses Jahr dazu entschlossen, meinen zweiwöchigen Sommerurlaub erst nach Ende der hessischen Sommerferien anzutreten. „Richtig groß“ wegfahren wollte ich nicht, denn zu Corona-Zeiten habe ich auf das Gedöns nicht recht Lust, im Herbst wartet die Ostsee auf mich und meine liebe Schwester wollte für ein paar Tage kommen. Also entschloss ich mich, nur ein langes „Wellness-Wochenende“ zu machen. Ich googelte also nach Wellness-Hotels in Hessen und fand den Badehof – ein wunderschönes altes Hotel mit Schwimmbad und schöner Hotelbar. Mehr brauche ich im Allgemeinen nicht zum Glücklichsein. Der Ort meiner Wahl war also das überaus verschlafene Bad Salzschlirf.

Schon bei der ersten Information über den Ort dachte ich mir, dass man da wohl nicht recht viel machen kann. Ein Nachbarort versprach altes Gemäuer und eine Destillerie zum Besichtigen, und da der Aufenhalt nur für wenige Tage geplant war, schien mir das ausreichend zu sein. Im Endeffekt erwies es sich sogar als zu viel, denn ich hatte allerscheußlichstes Wetter. Es goss die meiste Zeit wie aus dem Eimer, sodass ich nicht das Gefühl haben musste, etwas zu verpassen, während ich im Bademantel auf der Liege lag und Hörbücher hörte.

Allerdings war es jeden Tag für eine kurze Zeit trocken, sodass ich mir den zerzaust wirkenden Kurgarten angucken und kaffeesieren gehen konnte. Es gab Eiskaffees und nette ältere Damen, deren Lebensgeschichte ich erfuhr und mich dabei durchaus gut unterhalten fühlte. Allzu lange dauerten diese kleinen Plaudereien allerdings nicht, denn ich nutzte die Regenpausen, um von einem Unterstand zum nächsten zu huschen. Auf diese Weise unmrundete ich das Örtchen so ziemlich.

Alles in allem habe ich mich gut erholt in meinen drei Tagen in Bad Salzschlirf. Das Wetter hätte besser sein können, aber das hat man ja nicht in der Hand. Für einen längeren Aufenthalt taugt der Ort aber nicht so recht – es sei denn, man ich so kurbedürftig, dass einem reicht, den Regen fallen und die Blätter rascheln zu hören. Das habe ich dort nämlich auch für eine Weile getan. Das ist für ein halbes Stündchen wirklich mal zu empfehlen.

11 Flieger und ein Hüpfer

Hier war eine Weile Ruhe. Ich musste ein bisschen bei meiner Schwester sein, dann ein paar Tage den Sommer genießen, endlich wieder schwimmen gehen. Aber wie es so ist: Wenn man viel draußen herumläuft, drängen sich einem ganz automatisch Dinge auf, die man gerne zeigen möchte – also gibt es mal wieder etwas Kleingetier, und in den nächsten Tagen auch noch ein paar andere Bilder. Jetzt aber wird es erst mal bunt:

Die Sonnenblumenbilder entstanden auf der Dachterrasse meiner Freundin Maike. Sie hat sich dort ein kleines blühendes Paradies eingerichtet und achtet darauf, dass alles, was sie mit großer Begeisterung und viel Sachkenntnis einpflanzt, auch insektenfreundlich ist. Hier traf ich auch diesen kleinen grünen Gesellen:

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Auch diese Hummel auf lila Blühkraut habe ich dort geknipst – vor lauter Jagdeifer hätten mir die anderen fast den Kuchen weggegessen. Aber es hat sich gelohnt:

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Und ganz zum Schluss noch etwas, dass ich so gar nicht auf dem Schirm hatte: Nämlich wie hübsch blühende Ackerdisteln sein können. Sie begegneten mir auf diversen Blühstreifen in Oberursel und scheinen aus Sicht der Hummeln wirklich der Hit zu sein – es summte und brummte, dass es eine wahre Freude war. Ich hoffe, dass diese Blühstreifen künftig an noch viel mehr Stellen mitten in der Stadt oder in irgendwelchen Gewerbegebieten zu finden sind – die werten das Gelände für Mensch und Tier deutlich auf.

Ich freue mich auf dich!

„Backen ist Liebe“, so begann einmal der Slogan einer Margarine-Firma. Ich fand und finde den großartig, kann sich doch jeder genau vorstellen, wie es ist, nach Hause zu kommen und den Duft von frisch gebackenem Kuchen in die Nase zu kriegen. Die Küche, wohlig warm durch einen eingeschalteten Backofen, auf dem Tisch ein frischer, gut geratener Napfkuchen und eine Kanne heißer Tee – einladender kann eine Szenerie kaum sein. Ohne Zweifel, Gerüche und Geschmack schaffen Geborgenheit.

Dieses Gefühl lässt sich auch bewusst hervorrufen: Zum Beispiel, wenn man allein und ein bisschen kränklich zuhause abhängt, sich selbst ein wenig bemitleidet und einem plötzlich wieder einfällt, dass es an solchen Tagen zuhause oft Milchsuppe gab – Nudeln in Vanillemilch. Der cremige Geschmack und der vertraute Geruch bewirken, dass man sich gleich ein bisschen besser fühlt, nicht mehr so alleine ist. Oder die Hühnersuppe, die es immer bei Erkältungen gab. Die Variante aus der Tüte ist sicher nicht so lecker wie die der Mutter, taugt aber zur Sinnestäuschung und zum Anregen der positiven Erinnerungen. Zumindest bei mir funktioniert das immer noch.

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So in etwa sehen die Frikadellen meiner Schwester aus. Bild von Pixabay

Mit einem Lächeln denke ich an die Zeit gleich nach meinem Auszug von zuhause zurück: Es hatte mich von Norddeutschland nach München verschlagen. Dementsprechend selten konnte ich meine Eltern besuchen. Die Anfahrt lohnte sich nicht für ein Wochenende und war auch viel zu teuer. Wenn ich dann aber anrief und mein Kommen ankündigte, kam immer die gleiche Frage von meiner Mutter: „Was möchtest du denn dann gerne essen?“ Das war ihre Art, mir zu sagen, dass sie sich auf mich freut und mir etwas Gutes tun möchte. Ich wünschte mir dann immer Dinge, die ich nicht so wie sie kochen konnte und wahrscheinlich auch nie kochen können werde: Ihre unvergleichlich guten, fluffig-würzige Frikadellen, das Hühnerfrikassee mit Spargel in der Soße und Suppe vorweg oder Heringsstipp mit Pellkartoffeln, den ich so, wie sie ihn machte, nie wieder irgendwo gefunden habe. Es gab so viel, was nur meine Mutter so besonders gut kochen konnte. Und wenn ich dann kam, verbrachten wir alle miteinander schöne Stunden in der vertrauten Küche, in der es nach Kindheit roch. Im Radio dudelte NDR 1, Verkehrsmeldungen warnten vor dem Stau auf der A1 Heide Richtung Hamburg, es gab Tee und es wurde viel gelacht. Diese Zeiten sind lange vorbei, aber die guten Erinnerungen daran bleiben und werden immer wieder reaktiviert, wenn ich Zwiebeln anbrate, viel zu heiße Kartoffeln pelle, Ostfriesentee trinke oder irgendwo einen alten Schlager höre.

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Napfkuchen von Pixabay

Inzwischen kann ich selber recht gut Hühnerfrikassee machen, aber die Frikadellen meiner Schwester schmecken um Klassen besser als meine und halten vor allem auch besser zusammen. In ein paar Wochen sind wir alle geimpft, dann werde ich sie endlich wieder besuchen. Wir haben schon darüber gesprochen, was wir dann essen wollen: Vielleicht Milchnudeln. Oder einen traditionellen Eintopf. Vielleicht backe ich auch mal was. Denn Backen ist Liebe.

Makkaroni mit Mockturtle – in Omas Küche

Wieder mal eine Hausaufgabe, dieses Mal aus dem Kulinarik-Workshop: Es ging um ein Lebensmittel, das für uns untrennbar mit etwas verbunden ist. Einige Schreibkollegen entwickelten hier fantasievolle Geschichten, ich blieb irgendwie in meiner Erinnerung hängen und musste im Nachhinein feststellen, dass ich über dieses Essen tatsächlich schon mal geschrieben habe – wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Das war im Jahr 2013! Nun ja – ich mag es halt einfach gerne 🙂

Makkaroni mit Mockturtle – in Omas Küche

Ich bin hoch im Norden aufgewachsen, genau genommen im Ammerland. Kulinarisch geht es dort deftig zu, Grünkohl mit Pinkel ist wohl das Bekannteste, was dort auf den Speiseplan gehört. Ebenfalls wichtig sind Kartoffeln – wenn es in den 70er Jahren zwei Tage nacheinander keine Kartoffeln zu essen gab, startete der typische Ammerländer einen Protestfeldzug und klagte gar fürchterlich. Nudeln, von uns Kindern schon damals heiß geliebt, galten allgemein als ungesunde Dickmacher und Reis war etwas, von dem man generell nicht leben konnte. Nun ja – die Milliarden von Asiaten hatte man dazu wohl nicht befragt.

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Kartoffeln – Bild von Pixabay

Es gab zuhause also nur selten Nudeln zu essen. Oma war da offener. Bei ihr gab es selbst an hohen Feiertagen schon mal Spiralnudeln zum Gulasch, und weil sie von aufbrausendem Temperament war, wagte es nicht mal mein Vater, dagegen aufzumucken. Und wenn wir Kinder bei Oma waren, was relativ oft der Fall war, gab es sogar Spaghetti oder, noch häufiger, lange Makkaroni. Und zu diesen Makkaroni gab es eine Ammerländer Spezialität, die eher schwierig zu beschreiben ist. „Dat is wat Kleinfleisch in Soße“, so beschrieb es einmal eine Touristin, die den Mut besessen hatte, dieses eigentlich als Suppe gedachte Gericht zu bestellen und nun ratlos vor dem dicken, dunkelbraunen Zeug saß. Ursprünglich ein Seefahrergericht und als Ersatz für Schildkrötensuppe gedacht, gab es diese Suppe in meiner Kindheit oft auf Familienfeiern, dann mit einem dreieckig halbierten Toastbrot. Was genau drin ist, habe ich nie erforscht, und ich will es auch eigentlich gar nicht wissen. Was ich aber weiß ist, dass Makkaroni mit Mockturtle für mich für immer untrennbar mit Omas Küche und viel Spaß verbunden sein wird.

Omas Küche war alt, der Boden bewegte sich ein bisschen, wenn man über das Linoleum lief. Jeder hatte seinen festen Platz – Oma saß vor dem Küchenbuffet, Opa links davon, meine Schwester vor der Spüle und ich auf der kleinen Bank mit dem Kunstlederbezug, der eine karierte Prägung hatte, die ich unzählige Male mit meinen Fingern nachgemalt habe.

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Aus den Wikipedia Commons: Mockturtle_Wilfried Wittkowsky. Irritierenderweise mit Klößen …

In Omas Küche sah es immer mal wieder anders aus als bei uns, wo es immer pingelig sauber war. Wenn sie kochte, arbeitete sie schwungvoll und „mit weiter Streuung“, wie mein Vater zu sagen pflegte. Das bedeutete nichts anderes, als dass von einem geschnittenen Kohl ein nicht unerheblicher Teil auf dem Boden landete, Mehl seinen Weg über Tisch und Schränke fand und sich je nach zubereiteter Speise überall ominöse Fingerabdrücke wiederfanden. Sie trug stets eine Kittelschürze, und die zeigte jedem aufmerksamen Beobachter genau das Menü des Tages.

Bei Oma zu essen war anders als zuhause, denn bei ihr ging es deutlich weniger streng zu, was die Tischmanieren anging. Sie war halt auch nicht dazu verpflichtet, uns zu erziehen – Omas haben eine andere Rolle. Bei ihr durfte man Tee aus der Untertasse trinken und die Makkaroni mit der Soße einschlürfen. Selbst, wenn man versuchte, diese Nudeln ordentlich zu essen, saute man sich unweigerlich ein. Es gibt eigentlich keinen logischen Grund dafür, ausgerechnet diese unpraktischsten aller Nudeln zu kaufen. Es war wohl so, dass Oma selbst Spaß an diesen unförmigen Dingern hatte, und Opa machte stoisch mit und schnitt sich seine Portion in mundgerechte Stückchen. Das tat Oma bei uns übrigens irgendwann auch, aber immer erst, wenn wir schon alles vollgesaut hatten.

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Es hätte durchaus praktischere Alternativen zu den Makkaroni gegeben – Bild von Pixabay

Natürlich ferkelten wir nicht bei jeder Mahlzeit so herum, aber es gab immer wieder übermütige Stunden, in denen wir in Omas Küche Dinge taten, die wir zuhause niemals gedurft hätten. Kirschkernspucken zum Beispiel – eine Beschäftigung, bei dem Omas ausladendes Dekolletee das Ziel darstellte. Oder Kaugummiblasen machen, bei dem beide Großeltern mitmachten und sich dabei ganz fürchterlich an einem Konglomerat aus Hubba Bubba und dritten Zähnen verschluckten. Dabei wurde viel geschimpft, viel gelacht und irgendwann, wenn man erschöpft zur Ruhe kam, wurde der alte Boiler über der Spüle angeschaltet und nochmal Tee gemacht, um wieder zu Kräften zu kommen.

Kirschkernzielspucken habe ich schon lange nicht mehr gemacht und auf Hubba Bubba stehe ich auch nicht mehr so. Meinen Tee trinke ich nun brav aus der Tasse, was auch daran liegt, dass ich gar keine Untertassen mehr benutze. Aber Mockturtle kaufe ich immer noch. Ich esse sie nicht mehr mit Makkaroni, schließlich muss ich meine Kleidung inzwischen selbst waschen. Aber noch immer, wenn ich die Dose öffne und mir der leicht katzenfutterartige Geruch in die Nase steigt, fühlt sich der Boden unter meinen Füßen an wie Linoleum auf einem Holzboden und ich fühle mich sehr zuhause. Und das, obwohl mein Zuhause inzwischen schon seit vielen Jahren nicht mehr das flache, ländliche Ammerland, sondern Frankfurt am Main ist.