Mein Lieblingsbuch – Der Seewolf

Der Seewolf, TaschenbuchBeim ARS-Stammtisch sprachen wir über unsere Lieblingsbücher. Gar nicht so einfach, sich da für eines zu entscheiden. Ich schwankte zwischen dem Klassiker „Schachnovelle“, dem kunterbunten Indienroman „Palast der Winde“ und meinem geliebten „Es begann im Regen“, einer kitschigen Liebesschnulze, die ich immer lese, wenn ich krank bin. Doch dann landete ich bei Jack Londons „Der Seewolf“.

Dieses schon 1904 erschienene Buch übt auf mich eine ungeheure Faszination aus. Ich mochte es schon in der Jugendausgabe, die fast bis zur Unkenntlichkeit gekürzt und so auf ein reines Seefahrtsabenteuer reduziert wurde. Als ich dann das erste Mal die Gesamtausgabe las, mit all ihren philosophischen Gedanken, war ich wie erschlagen. Und das liegt nicht nur an der Geschichte, die zwar spannend, aber nicht ungewöhnlich ist, sondern an der Figur des Kapitäns: Wolf Larsen, der Seewolf. Man spürt die Angst, die dieser Kapitän unter seiner Mannschaft verbreitet, auf jeder Seite. Nach jedem Lesen begleiten mich seine Gedanken, so roh und unmenschlich sie auch sein mögen, tagelang. Daneben verblasst der Ich-Erzähler Humphrey, obwohl er um ein Vielfaches gebildeter und menschenfreundlicher ist als der Seewolf. Auch wenn Humphrey am Ende überlebt und der Seewolf an einer Krankheit stirbt, also bei Weitem nicht so unverletzlich ist, wie er erscheinen möchte, ist es doch der böse Charakter, der mich in seinen Bann zieht. Dieses Buch wirkt lange nach und bietet bei jedem Lesen nochmal etwas Neues.

Der Seewolf, DVDAnmerken möchte ich noch, dass es von dieser Geschichte sehr viele Ausgaben und Versionen gibt: Bücher, Hörbücher und Verfilmungen in unterschiedlichster Werkstreue und Qualität. Die für mich interessanteste Verfilmung – wenngleich meilenweit von der Buchvorlage entfernt – ist die aus den 70er Jahren mit dem wunderbaren Raimund Harmstorf als Wolf Larsen. Denn so, genau so stelle ich mir den Seewolf vor. Und das liegt nicht nur an der legendären Kartoffel!

(Dieser Artikel erschien vor einiger Zeit bereits sehr ähnlich auf dem Blog von ARS (Autoren Rhein-Main Szene) – schaut doch mal rein)

Die Kommissar-Stave-Reihe von Cay Rademacher

Die drei historischen Krimis rund um den Kriminalkommissar Frank Stave spielen im zerstören Hamburg der frühen Nachkriegszeit. Der Autor Cay Rademacher ist Historiker, das merkt man den Krimis deutlich an. Fundiert recherchiert und lebendig geschrieben – ich habe alle drei Bände sehr gerne gelesen.

Darum geht es: Die Reihe beginnt mit dem 2011 erschienenen Roman „Der Trümmermörder“, der im Hungerwinter 1946/47 spielt. Das tägliche Leben in Hamburg ist aufgrund der Zerstörung, des allgegenwärtigen Mangels und einer arktischen Kälte nahezu zum Erliegen gekommen. Und doch passieren Morde, und die müssen geklärt werden. Kommissar Frank Stave hat im Krieg fast alles mitgenommen: Er wurde ausgebombt, seine Frau starb, der Sohn ist in Russland verschollen. Und doch rafft Stave sich auf und macht irgendwie weiter. Er sucht: Nach dem Mörder, seinem Sohn und einer neuen Lebensperspektive. Umgeben von Altnazis, britschen Besatzungskräften, Not und Elend findet er seinen Weg durch das unwirtliche Hamburg – zumeist zu Fuß.

Im zweiten Band „Der Schieber“ (2012) ist es warm, Hamburg wird durch eine Hitzewelle niedergedrückt. Stave gerät durch einen Mord ins Schwarzmarkt- und Schiebermilieu. Der Leser begegnet guten alten Bekannten aus dem ersten Band, viele von ihnen trifft man auch im dritten Band „Der Fälscher“ (2013). Dieser spielt unmittelbar vor dem „Tag X“, also der ängstlich und sehnsüchtig erwarteten Währungsreform.

Was ist das Besondere: Die Bücher sind sehr gut geschrieben, die täglichen Unbillen und historischen Fakten werden geschickt eingewoben, ohne dass es lästig wäre. Frank Stave ist sympathisch, ohne die Kriegsfolgen wäre er wohl ein ganz normaler Beamter, der engagiert seinem Job nachgeht und ansonsten nicht besonders auffällt. Nun ist er gezwungen, ab und zu ein Held zu sein, Farbe zu bekennen. Und immer wieder findet er sich auch persönlich im Spannungsfeld zwischen legal und „illegal, aber nötig“ wieder, etwa wenn er selber über den Schwarzmarkt schleicht, um ein dringend benötigtes Paar Schuhe zu ergattern oder wenn er eine nicht ganz rechtmäßig erworbene Schreibmaschine gegen ein sicherlich unrechtmäßig erworbenes Fahrrad eintauscht.

Ich habe diese Bücher als sehr intensiv und nahe gehend empfunden. Besonders das Erste verfolgte mich geradezu: Denn ich las es im Urlaub, oft schon ein Stückchen vor dem Frühstück. Wenn ich dann am üppigen Buffet stand und überlegte, ob eine Waffel mit Kirschen oder doch lieber ein Pfannkuchen mit Obst mein unbescheidenes Frühstück abrunden sollte, dachte ich unwillkürlich immer wieder an den frierenden Stave, der überlegte, ob er den letzten Klecks Magerquark sofort essen oder doch lieber bis zum Abendbrot aufheben sollte.

Was gibt es noch: Ich bin über diese Buchreihe im Grunde gestolpert, weil mich der Name des Autors ansprach. Seit vielen Jahren lese ich Geo Epoche, die schwarzen Geschichtsmagazine der Geo-Reihe. Aus diesen Heften war mir der Name Cay Rademacher bekannt – er schreibt dokumentarisch genau so spannend wie fiktiv. Geschichtlich interessierten Menschen möchte ich die Geo Epoche-Hefte gerne ans Herz legen – auch wenn ich meine nicht immer sofort lese und einen Stapel ungelesener Hefte vor mir her schiebe.

Der Verdacht des Mr. Whicher, von Kate Summerscale

Der Verdacht der Mr. WhicherDieses 2009 in Deutschland erschienene und mit dem Samuel-Johnson-Prize ausgezeichnete Buch habe ich mehr oder weniger durch Zufall gekauft: Auf dem Flohmarkt, bei einer „Kauf drei, zahl zwei“-Aktion. Zwei Bücher hatte ich schon, verschenken wollte ich nichts, und fischte aus dem riesigen Angebot diesen ungewöhnlichen Krimi von Kate Summerscale heraus. Glück gehabt!

Darum geht es: Jack Whicher, der Zauberer, ist einer der ersten Kriminalpolizisten in England. Er wird im Jahr 1860 damit beauftragt, den Mord an einem vierjährigen Kind aus gutbürgerlicher Familie aufzuklären. Er wird erst zwei Wochen nach dem Mord gerufen – die Spuren sind verwischt, Gerüchte überlagern die Fakten. Die kriminalistischen Methoden sind in dieser Zeit noch reichlich eigen: Zuerst wird ein Verdächtiger ausgeguckt, danach versucht, Beweise für dessen Schuld zu bringen. Whichers Idee, das einfach einmal andersrum zu versuchen und von den Fakten ausgehen auf einen Verdächtigen zu schließen, wird als dreister Versuch eines Emporkömmlings gesehen, die gesellschaftlich höher gestellte Familie Kent zu diskreditieren. Außerdem wird es als gesellschaftlich unmöglich angesehen, den Mörder nicht nur innerhalb der Dienstbotenschaft, sondern auch unter den Familienmitgliedern zu suchen.

Whicher ermittelt stur auf seine eigene Weise und ist sich bald sicher, die Mörderin identifiziert zu haben. Er kann dies vor Gericht aber nicht beweisen, Hohn und Spott sind ihm gewiss. Erst Jahre später kommt die Wahrheit ans Licht.

Was ist das Besondere: Dieser Krimi ist nicht wirklich ein Roman, auch wenn er so beschrieben und verkauft wurde. Er beruht auf einem wahren Fall, der Stil ist dokumentarisch, die Fakten sind durch unzählige Quellen und Zitate belegt. Es liest sich wie eine mehrere hundert Seiten starke Reportage. Illustriert wird das Ganze durch viele historische Fotos, Stammbäume und Grundrisszeichnungen. Trotzdem fand ich das Buch spannend, auch weil es mit der Entlarvung der Täterin nicht endet, sondern das Schicksal der Familie Kent weiterhin wiedergibt. Es wird sehr deutlich, wie nachhaltig dieses sinnlose Verbrechen die ganze Familie beeinflusst hat. Auch scheinbar Unwichtiges – z. B. das Schicksal der ersten Mrs. Kent, die zum Zeitpunkt des Verbrechens längst verstorben ist, wird beleuchtet. Obwohl einige der Erklärungen auf Mutmaßungen, logischen Kombinationen und nicht belegten, aber wahrscheinlichen Vorgängen beruhen, helfen sie, sich ein umfassendes Bild von den Geschehnissen zu machen.

Was gibt es noch: Für mich als geschichtsbegeisterte Faktensortiererin war dieses Buch ein Glückgriff. Es ist aber keine ganz leichte Kost und durch die vielen Fußnoten und Anmerkungen (die ich übrigens nicht alle studiert habe) nicht ganz leicht zu lesen. Wer diesen dokumentarischen Stil nicht mag, sollte die Finger von diesem Buch lassen.

Königstöchter, von Carla Berling

Bislang habe ich mich noch nicht dazu hinreißen lassen, ein Buch einer Selfpublisherin im Blog zu empfehlen, mit der ich auch noch auf Facebook „bekannt“ bin. Sowas hat ja immer ein bisschen ein Geschmäckle, dachte ich, und ließ trotz diverser Anfragen meine Finger davon. Doch schon das Buch „Sonntags Tod“ von Carla Berling fand ich wirklich gut und auch meine Mutter und meine Schwester haben es ausgesprochen gerne gelesen. Also musste mehr dran sein als nur persönliche Sympathie. Folglich kaufte ich mir kürzlich den zweiten Band der Reihe um die Journalistin Ira Wittekind. Es heißt:

Königstöchter

Darum geht es: Ira Wittekind bekommt den Auftrag, einen Artikel über einen Unfall zu schreiben: Eine demente alte Dame ist in einem unbeaufsichtigten Moment vor eine Kehrmaschine gelaufen und zu Tode gekommen. Ein Unglück, grausam und tragisch, aber im Grunde nichts Besonderes. Doch dieser Vorfall ist der Auftakt zu einer Mordserie an alten Frauen, die allesamt mit einer Stiftung zu tun haben, die sich um alte Frauen und ledige Mütter kümmert. Ira recherchiert und muss weit zurückgehen, um den roten Faden der Geschichte zu finden. Was sie aufdeckt, ist ein grausiges Verbrechen, das noch Jahre später Leben zerstört und immer weiteres Unheil nach sich zieht. Und sie stellt fest, dass sich immer die Falschen schuldig fühlen, während die wahren Schuldigen ungehemmt weiter machen – solange man sie lässt.

Was ist das Besondere: Wie schon im Vorgängerroman „Sonntags Tod“ gefällt mir der Detailreichtum und die liebevolle Schilderung der Szenen und der Umgebung. Die Beschreibung ist unheimlich lebendig, was nicht nur an dem drolligen Dialekt liegt, den die beiden zigarrepaffenden Originale „Tante Friedchen“ und „Tante Sophie“ sprechen. Die Figuren sind stimmig, ihre Handlungsweise, so absurd sie vielleicht auch mit klarem Kopf erscheinen mag, lässt sich aus der Sicht der Betroffenen heraus immer nachvollziehen.

Die Figur der Ira mit ihrem Lebensgefährten Andi ist sympathisch, wenn sie es auch mit den Tränen vielleicht manchmal ein wenig übertreibt. Mit diesem Personal (wozu ich die beiden drolligen Tanten ebenfalls zähle) hat Carla Berling durchaus Potential für weitere Geschichten.

Paragraf 301, von Wilfried Eggers

Paragraf 301, Wilfried EggersAuf diesen im Jahr 2008 erschienenen und 2009 für den Glauser-Preis nominierten Roman wurde ich im Rahmen des Juister Krimifestivals aufmerksam – einer übrigens immer sehr schönen und unterhaltsamen Veranstaltung. Wilfried Eggers war als Gastautor geladen, es gab eine Lesung sowie interessante Gespräche mit dem 1951 geborenen Autor, der „im wahren Leben“ übrigens wie sein Protagonist Schlüter Rechtsanwalt ist. Auf das Thema kam Eggers wohl, weil er einen Aleviten in der Verwandtschaft hat – ich glaube, es war der Schwiegersohn. Seit der Lesung auf Juist stand das Buch ganz oben auf meiner langen „muss-ich-lesen-Liste“ und in diesem Frühjahr war es endlich soweit.

Darum geht es: Der Paragraf 301 des türkischen Strafgesetzbuchs behandelt etwas schwammig die Beleidigung des türkischen Staates und stellt diese unter Strafe. Diese Tatsache ist dem alternden norddeutschen Rechtsanwalt Schlüter allerdings zu Beginn dieses Romans unbekannt – und wäre ihm wahrscheinlich auch herzlich egal. Schlüter ist seines Berufes ein wenig überdrüssig, er hadert mit seinen Fällen, die sich um so wichtige Dinge wie Erbstreitereien und Grabsteine drehen, und will nach einem missglückten Strafverfahren nie wieder als Strafverteidiger arbeiten. Mehr durch Zufall gerät Schlüter an mehrere Fälle mit türkischer Beteiligung: Ein türkischer Restaurantbesitzer bittet ihn darum, die Auslieferung seines Neffen an die türkische Justiz zu verhindern – aus diesem Fall erwachsen sich später noch interessante Verwicklungen hinsichtlich einer arrangierten Eheschließung. Und der illegal in Deutschland lebende Alevit Heyder Cengi stößt versehentlich einen Kontrolleur vom Arbeitsamt von einem Baugerüst und ist wegen Mordes angeklagt – auch hier bleibt es nicht bei diesem einen Vorwurf. Langsam, aber sicher, erfährt der Leser, dass es einen gewissen politisch-historischen Zusammenhang zwischen diesen beiden Fällen gibt. Der eher widerwillig an diesen Fällen arbeitende Schlüter steht irgendwann vor dem Problem, dass die Fakten von Deutschland aus nicht zu klären beziehungsweise zu beweisen sind. Er entschließt sich zu einer Reise in die Türkei, genau genommen ins Dersim, dem von den Aleviten bewohnten und durch die Türken unterdrückten Landesteil. Unterstützt wird er dabei durch einen lebensmüden Kleinkriminellen sowie eine entlaufene türkische Braut, die als Dolmetscherin dient.

Das ist das Besondere: Das Thema des Buches hat mich tief berührt, gerade weil es mir nahezu unbekannt war. Natürlich weiß ich, dass in der Türkei unterschiedliche Volksgruppen leben, denen es offensichtlich nicht allen gut geht. Schließlich hat jeder schon mal von den Kurden gehört. Aber die Aleviten kamen mir bislang kaum unter – anscheinend funktioniert die Unterdrückung ihrer kulturellen Identität sehr gut. Ich habe beim Lesen dieses Buches, das sicherlich nicht objektiv ist, sondern Partei ergreift, sehr viel gelernt. Und es hat mich wütend gemacht, sodass das Weiterlesen manchmal schwierig wurde. Natürlich kann man bei diesem Plot hinterfragen, wie realistisch es ist, dass sich die vielen Zufälle so zu einem Ganzen fügen. Wahrscheinlich arg unwahrscheinlich. Das hat mich in diesem Fall aber nicht gestört, weil ich das Buch weniger als Krimi und mehr als informativen Roman mit historischem und politischem Hintergrund gelesen habe.

Was gibt es noch: Wilfried Eggers hat drei weitere Krimis geschrieben. Ich denke, ich werde mir den Gefallen tun und die Serie um Rechtsanwalt Schlüter komplett lesen. Paragraf 301 ist der dritte Band, sodass ich schon einiges weiß – es scheint sich zu lohnen.

Schachnovelle

Gerade habe ich festgestellt, dass „Welttag des Buches“ ist – das ist mir dieses Jahr völlig durch die Lappen gegangen. Nun bin ich ja auch keine Freundin großer Zeremonien, möchte aber die Gelegenheit nutzen, euch eines meiner Lieblingsbücher vorzustellen:

Die Schachnovelle, von Stefan Zweig

Schachnovelle Steefan Zweig

Schachnovelle von Stefan Zweig, meine zerlesene Ausgabe von 1990

Irgendwie habe ich jetzt beim Schreiben des Titels schon das leise Stöhnen einiger Leser gehört: Puuuh, Schulliteratur! Ein Klassiker, pfui Teufel! So was taugt doch immer nur zum Schiffchen falten. Hey, Leute, kommt, lasst euch darauf ein!

Ja, es stimmt, die „Schachnovelle“ des 1881 geborenen und 1942 verstorbenen Stefan Zweig ist klassische Schulliteratur. Ich hatte allerdings das Glück, dieses Buch ganz allein für mich entdecken zu können – ohne, dass ich auf irgendetwas achten sollte, das mich nicht interessierte, oder langweilige Inhaltsangaben verfassen musste. Meine liebe Tante Rita lieh mir das Buch irgendwann in den späten 80er Jahren. Und ich, die lesebegeisterte Teenagerin, las das kleine Büchlein in einem Rutsch und fing, als es zu Ende war, gleich wieder von vorne an. Es gab so viel zu entdecken auf diesen paar Seiten! Inzwischen habe ich das Buch noch öfter gelesen, alle paar Jahre muss es mal wieder sein.

Darum geht es: Die Schachnovelle beinhaltet im Grunde zwei Erzählungen, die geschickt ineinander verwoben sind. Die Rahmenhandlung, erzählt von einem Ich-Erzähler, der lediglich die Rolle des Reporters inne hat, spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. Hier trifft sich eine bunte Gesellschaft und rein zufällig ist auch der amtierende Schachweltmeister an Bord. Dieser ist ein bäuerlicher junger Mann mit eher begrenzten Fähigkeiten, was alles außerhalb des Schachspiels angeht. Er erklärt sich bereit, gegen Honorar zur Unterhaltung beizutragen und eine Partie gegen die anderen Gäste zu spielen. Diese Partie ist eine einseitige Sache, der Meister schickt sich an, die Herausforderer kurz und knapp abzufertigen. An dieser Stelle kommt Dr. B. ins Spiel, der die Gruppe der Spieler nach langem Zögern unterstützt.

Dr. B. erweist sich als herausragender Schachspieler. Allerdings ist es für ihn kein Spiel: Er reagiert stark auf das Spiel, fiebert auf ungesunde Weise mit und erweist sich als geistig geschädigt. Seine Geschichte beinhaltet den zweiten Strang der Novelle, denn Dr. B. wurde durch die Gestapo lange Zeit in Einzelhaft ohne Kontakt zur Außenwelt gehalten. Einzige Ablenkung und Beschäftigung war ein gestohlenes Schachbuch, das er auswendig lernte und immer wieder repetierte. Diese Zeit in der Haft hat ihn mental versehrt und ihm wurde abgeraten, jemals wieder Schach zu spielen.

Was ist das Besondere? Die „Schachnovelle“ ist unglaublich spannend geschrieben. Das ist umso erstaunlicher, als das eigentlich nichts passiert – keine Action, keine Toten, nichts, was sonst das typische Beiwerk zu einem spannenden Buch ist. Die beiden Hauptfiguren – der tumbe, arrogante Schachweltmeister und der freundliche, aber angeschlagene Dr. B. – könnten gegensätzlicher nicht sein. Dabei geraten beide Charaktere durchaus glaubwürdig: Derartige Inselbegabungen wie bei dem Schachweltmeister Czentovic sind bekannt und selbstherrliche Promis gibt es zuhauf. Und auch die Not und das Verhalten des Dr. B. sind einleuchtend. Die Handlungsstränge finden ganz natürlich zueinander. Hinzu kommt die hohe sprachliche Qualität des Buches – ein Markenzeichen Stefan Zweigs, der besonders für seine niveauvollen Novellen und kurzen Erzählungen bekannt ist.

Was gibt es noch? Vor einigen Jahren (es wird 2011 gewesen sein) sah ich die „Schachnovelle“ als Theaterstück im Fritz-Remond-Theater in Frankfurt. Ich war im Vorfeld ein wenig skeptisch, denn wie wollte man diesen Stoff auf einer Bühne darstellen? Ich konnte es mir nicht so recht vorstellen, ließ es auf mich zukommen und wurde überaus positiv überrascht: Die Inszenierung mit Siemen Rühaak in der Rolle des Dr. B. war genau so packend wie das Buch. Ein toller Abend, der mir gezeigt hat, dass modernes Theater wirklich ansprechend sein kann – leider ist das nicht immer der Fall. Und hätte mir ein Theatermensch meine geliebte Schachnovelle verhunzt, hätte ich ihm das wohl ganz schön übel genommen.

Das fünfte Kind, von Doris Lessing

Das fünfte Kind von Doris Lessing

Ausgabe von 1991

Dieses Buch habe ich vor rund 20 Jahren zum ersten Mal gelesen und seitdem immer mal wieder reingeguckt. Es ist allerdings bislang das Einzige, was ich von Doris Lessing ( geb. 1919, gest. 2013), der Literaturnobelpreisträgerin von 2007, gelesen habe.

Worum geht es: Die Familie Lovatt lebt in einer scheinbar heilen Welt: David und Harriet sind ein nettes, glückliches Paar mit vier gut geratenen Kindern. Damit entspricht sie nicht ganz dem Zeitgeist der späten 60er Jahre, ihr Kinderreichtum wird nicht überall gerne gesehen. Als Harriet zum fünften Mal schwanger wird, runzelt manch Verwandter skeptisch die Stirn. Und so hält sich die allgemeine Hilfsbereitschaft auch sehr in Grenzen, als die Schwangerschaft ungewöhnlich anstrengend und schmerzhaft verläuft. Harriet spürt, dass dieses Kind, dass sie in sich trägt, auf ungute Art anders ist als seine Geschwister.

Als der kleine Ben auf der Welt ist, zeigt sich schnell, dass er körperlich und auch vom Wesen her anders ist als andere Kinder: Er ist ein ungewöhnlich kräftiges Baby mit groben Gesichtszügen, ist fordernd, nicht anschmiegsam und liebebedürftig, sondern unruhig und regelrecht bissig. Ihn zu stillen, ist für die Mutter eine Qual, und schon früh fürchten sich die älteren Geschwister vor ihm.

Mit den Jahren verstärkt sich die Unruhe, die Ben in das Familienleben bringt. Und so gibt Harriet dem Druck der Familie irgendwann nach und lässt den Jungen in ein Heim bringen. Sie ahnt jedoch, dass es ihm dort nicht gut geht, denn das Behindertenheim ist mehr eine Verwahranstalt als eine Pflegeeinrichtung. Gegen den Willen der restlichen Familie holt sie Ben zurück. Die Familie zerbricht.

Ben entwickelt sich zu einem primitiven Kraftpaket. Früh verlässt er die Familie und schließt sich einer Jugendbande an. Wann immer Harriet von Gewaltverbrechen in der Zeitung liest, ordnet sie diese in Gedanken ihrem fünften Kind zu. Sie ahnt, dass von Ben Gefahr, wenn nicht sogar das Grauen ausgeht. Trotzdem wünscht sie ihm, dass es ihm gelingen möge, sich nicht erwischen zu lassen.

Was ist das Besondere? Das Buch hat etwas unglaublich Faszinierendes, obwohl es vieles nicht ist: Es ist keine heitere Geschichte, kein Krimi und auch keine reine Gruselgeschichte. Es gibt kein Happy End und keine befriedigende Auflösung. Aber es bewirkt, zumindest bei mir, dass ich tagelang daran denken muss und mich immer mal wieder gedanklich damit beschäftige. Also ist es für mich ein gutes Buch.

Spannend finde ich die Ausweglosigkeit, in der Harriet sich befindet: Sie weiß, dass dieses Kind für ihre Familie das Verderben bedeutet. Trotzdem kann sie es als Mutter nicht zulassen, dass er in der Klinik eingesperrt und ruhiggestellt wird. Sie entscheidet sich für ihr fünftes Kind und damit, ohne es zu wollen, gegen ihre vier anderen Kinder. Wie realistisch ist das? Würde eine Mutter das so machen? Ich würde es nicht ausschließen.

Auch die Beschreibung, wie andere Menschen auf Ben reagieren, fand ich sehr realistisch: Die Krankenschwestern in der Entbindungsklinik, die kurz hin- und dann schnell wieder wegsehen.  Die Verwandten, die das Kind zwar nicht so richtig in Ordnung finden, aber vorsichtshalber mal keine Hilfe anbieten und mit der Unterbringung des Kindes in irgendeiner Anstalt zufrieden sind. Aus den Augen, aus dem Sinn – und doch wird die Welt nicht wieder heil.

Heute habe ich wieder in dem Buch herumgelesen. Es hat nichts von seiner Faszination auf mich verloren.

Danke, Enid Blyton

Kürzlich hatte ich ja krankheitsbedingt ein bisschen mehr Zeit und habe diese strickend auf dem Sofa verbracht. Um mich dabei nicht zu langweilen, gab es nebenher ein bisschen Fernsehprogramm oder auch DVD. Zu meinen großen Leidenschaften gehören dabei auch Kinderfilme. Und das bringt mich zu dem Ausruf:

„Danke, liebe Enid Blyton!“

Enid Blyton

Ein Bild von Enid Blyton im Innenteil der Fünf-Freunde-DVD

Die 1897 geborene Kinderbuchautorin Enid Blyton gehörte wohl mit zu den produktivsten Autoren aller Zeiten. Ob ihre Bücher etwas taugen, ist durchaus umstritten: Oftmals liest man in Kritiken etwas von schematischer Darstellung, Schwarz-Weiß-Malerei und ständiger Wiederholung. Trotzdem wird sie noch heute eifrig gelesen – irgendetwas muss sie also richtig gemacht haben.

Laut Wikipedia schrieb Enid Blyton über 750 Bücher und 10.000 Kurzgeschichten – eine beeindruckende Zahl. Diese Masse ist wohl der Grund für die Stärken und Schwächen im Werk von Enid Blyton. Denn die Bücher sind gewiss Massenware, schematisch geschrieben und nicht unbedingt literarische Meisterwerke. Das ist mir durchaus klar. Andererseits war aufgrund der schieren Masse wohl wirklich für jeden jungen Leser etwas dabei: Geschichten aus dem Internat für zickige kleine Mädchen oder spannende Geschichten für Kinder auf der Suche nach großen Abenteuern. Da kaum ein Kind es schafft, sich durch das Gesamtwerk zu buchstabieren, fallen Wiederholungen nicht besonders auf.

Bei uns zuhause waren wir gespalten in der Wahl unserer Enid Blyton-Bücher: Meine Schwester sammelte „Dolly“, die Bücher über das gescheite, aber leider jähzornige Mädchen, das ins Internat Burg Möwenfels geschickt wurde und sich dort bis ins Erwachsenenalter hinein jugend- und jungenfrei bei Mitternachtspartys, Sportwettkämpfen und Kochunterricht amüsierte. Ich las das auch, fand es aber nicht sonderlich spannend. Und die etwas dümmlichen Zwillinge Hanni und Nanni, die auch mit wenigen Bänden in unserem Bücherschrank vertreten waren, mochten wir beide nicht.

Ich war ja immer ein Fan der Fünf Freunde und der Abenteuer-Reihe. Gerade an diesen beiden Serien sieht man als erwachsener Leser, dass sie sich sehr ähneln: Zwei Jungs, zwei Mädchen, ein kluges Tier – fertig ist die Optimal-Crew zum Erleben großer Abenteuer. Als Kind hat mich das überhaupt nicht gestört. Auch, dass der arme Philipp in Band vier der Abenteuer-Serie schon zum zweiten Mal die Masern hat, fiel mir erst beim Wiederentdecken der Bücher im letzten Jahr auf. Und den kaum versteckten Rassismus in den Büchern verstand ich nicht. Ich wunderte mich nur ein wenig darüber, warum der kriminelle Neger sich nicht traute, das schöne Hotel zu betreten. Und auch die vielen Zigeuner, die entweder klauten und ihre Kinder misshandelten oder aber des Abends lachend ums Feuer tanzten, erschienen mir lediglich ein bisschen fremd. Lese ich die Bücher heute, fallen mir diese Dinge natürlich auf, aber angesichts der Tatsache, dass z. B. die Abenteuer-Reihe schon rund sechzig Jahre alt ist, sind politische Unkorrektheiten nicht wirklich erstaunlich.

Fünf Freunde und die Abenteuer-Serie

Fünf Freunde-DVD und die komplette Abenteuer-Serie

Ich tauchte also ein in die erfundenen Welten, freute mich darüber, dass an jeder Kurve ein Wanderzirkus oder ein geheimnisvolles Schloss auftauchte und übernahm diese spannenden Szenerien in mein tägliches Leben. So zog ich mit meinen Freundinnen los, um ein verschüttetes Römerlager zu suchen und auszubuddeln – so etwas gab es schließlich überall. Und wir fanden unsere historische Ausgrabungsstätte auf einer Weide an Töpkens Busch. Dort gruben wir mit unseren Strandspaten und legten römische Artefakte frei – das Schönste war eine gut erhaltene Tasse aus weißem Porzellan mit der berühmten Ostfriesenrose drauf, außerdem ein paar leere Konservendosen. Was die alles hatten da im alten Rom! Tagelang waren wir mit unseren Funden beschäftigt, die wahrscheinlich aus einem vor vielen Jahren über den Zaun geschleuderten Müllsack stammten. In unserer Fantasie aber legten wir gerade Pompejis Partnerstadt frei.

Nach den Ausgrabungen gab Enid Blyton unserer Fantasie Stoff genug für weitere Abenteuer. Wir observierten Verbrecher, die sich auffällig auf unserem Spielplatz herumgedrückt und dort den Drehpilz benutzt hatten, obwohl sie erwachsen waren. Was hatten die da gemacht? War die Drehpilzbenutzung ein geheimnisvolles Bandenzeichen? Kichernd schlichen wir hinter ihnen her, natürlich jede Deckung ausnutzend. Enid Blyton hatte uns gelehrt, dass man in allen Ferien das Recht auf ein vernünftiges Abenteuer hatte, und wir besorgten es uns auf unsere Weise.

Als ich nun vor einigen Wochen viel Zeit zum DVD-Gucken hatte, gönnte ich mir eine kleine Reise zurück in meine Kindheit: Ich guckte alle Folgen der Fünf Freunde-Verfilmung aus den siebziger Jahren. Die ist im Grunde ein ziemliches Durcheinander: Die Verfilmung zeigt die typischen 70er-Jahre-Kinder mit Schlaghose und Bonanzarad. Trotzdem muss Julian irgendwo ein Kurbeltelefon bedienen. Auch ist eigentlich immer Sommer, und Anne steht oftmals mit verzweifeltem Gesicht sinnlos in der Gegend herum. Über Logik sollte man sich einfach keine Gedanken machen. Trotzdem hat mir das Gucken viel Spaß gemacht, denn ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind von Folge zu Folge gefiebert und mir die Serie immer wieder angeguckt habe.

Und deshalb legte ich bei meinem DVD-Marathon noch die Verfilmung der Abenteuer-Serie aus den 90er Jahren obendrauf. Die kannte ich bislang nicht, schließlich war ich bei deren Erstausstrahlung schon Mitte 20 und hatte andere Interessen als Kinderfilme. So auf den ersten Blick empfand ich die Verfilmung jedoch als durchaus gelungen: Der Transport der Geschichten in die Neuzeit erscheint sinnvoll und recht gut gemacht, die Figuren entsprechen (bis auf der viel zu gut aussehende Bill Cunningham) der Beschreibung und die kindgerechte Spannung kann einen auch als Erwachsenen noch ganz gut fesseln. Folglich hat Enid Blyton es mal wieder geschafft, mir ein paar schöne Stunden zu verschaffen.

Der Doktor und das liebe Vieh – in Wort und Bild

Einer meiner Favoriten seit Kindertagen sind die heiteren Tierarztgeschichten von James Herriot. Und obwohl ich eigentlich lieber lese als Filme zu gucken, kann ich mich in diesem Fall nicht entscheiden, was mir besser gefällt: Die Bücher oder die Verfilmung.

Darum geht es:

England, Ende der 30er Jahre: Der junge James ist glücklich über das Angebot, in Yorkshire in der Praxis eines Landtierarztes arbeiten zu dürfen. Engagiert stürzt er sich in jedes Abenteuer, das dieser Job für ihn bereithält. Dabei unterstützt ihn sein Chef und späterer Partner Siegfried auf eine eigentümliche Weise. Denn Siegfried ist launisch und unberechenbar, auf sympathische Weise chaotisch und dabei doch der zuverlässigste Freund, den ein Mensch sich wünschen kann. Außerdem ist da noch Tristan, Siegfrieds viel jüngerer Bruder, der trotz brillanter Fähigkeiten jedes Examen versenkt, emsig und erfolglos hinter jedem Rock herläuft und die örtlichen Wirtshäuser vor dem Bankrott bewahrt. Zu dritt kümmern sie sich um jedes Vieh, dass ihnen vor die Nase kommt – um wilde Stiere genauso wie um Schoßhunde und altersschwache Wellensittiche.

Die Geschichte beginnt vor dem 2. Weltkrieg, macht in den Kriegsjahren eine kleine Pause, weil die drei Tierärzte die Praxis ruhen lassen und in der Armee dienen, und setzt unmittelbar nach dem Krieg wieder ein. Sie zeichnet ein genaues Bild des Lebens im ländlichen Yorkshire zu dieser Zeit.

Die größtenteils autobiografischen Geschichten des Tierarztes James Alfred Wight (1916 – 1995) erschienen in diversen Bänden, die in der deutschen Ausgabe eigenartigerweise anders zusammengestellt wurden als im englischen Original. Verfilmt wurden die Erzählungen in insgesamt sieben Staffeln und drei Spielfilmen (den „Weihnachtsspecials“).

Der Doktor und das liebe Vieh

Das ist das Besondere:

Hier möchte ich mit den Büchern beginnen, obwohl ich als Kind zuerst die erste Staffel der Verfilmung sah, bevor wir das erste Buch bekamen: Denn diese Bücher habe ich immer wieder gelesen in den letzten 30 Jahren. Sie sind treue Begleiter für trübe Tage, wenn ich Schnupfen habe oder aus anderen Gründen trostbedürftig bin. Geschrieben in einer wunderschönen Sprache (sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch), beschreiben sie detailreich und liebevoll den tierärztlichen Alltag zu einer Zeit, in der es noch keine wirksamen Antibiotika, dafür aber pannenanfällige Autos gab. Man merkt dem Autor seine Begeisterung an: für seine Arbeit, die Landschaft, in die es ihn verschlagen hat, und die eigenartige Bevölkerung, mit der er es zu tun bekommt. Man nimmt es ihm ab, dass er vor Sorge um ein Tier, das nicht einmal sein eigenes ist, manchmal nicht schlafen kann. In mir weckten diese Bücher damals den Wunsch, Tierärztin zu werden. Als ich wenige Jahre später noch mal hineinsah, nahm ich aufgrund der Bücher dann Abstand von diesem Berufswunsch – mir wurde nämlich klar, dass das kein Job für jemanden ist, der sich nicht gerne schmutzig macht. Denn trotz der schönen Beschreibungen, die das Buch beinhaltet, wird doch nichts verklärt: Tiere können sterben und Scheiße stinkt.

Die Filme stehen für mich den Büchern in nichts nach: Detailreich und genau in der Ausstattung, mit schönen Landschaftsaufnahmen und herrlichen alten Autos. Die Besetzung könnte treffender nicht sein.  Das ist umso erstaunlicher, als dass der Film-Siegfried dem Buch-Siegfried äußerlich sehr unähnlich ist: Wird der Praxischef im Buch als groß und hager beschrieben, mit Schnauzbart und nachlässig gekleidet, ist der Schauspieler Robert Hardy eher klein, kräftig, glattrasiert und immer akkurat gekämmt. Und doch könnte es keinen Besseren geben, um den cholerischen Siegfried darzustellen. Wenn Robert Hardy die Stirn runzelt, sich die Brille von der Nase reißt und einen der absurd-komischen Vorträge hält, die Siegfried auszeichnen, fürchtet man um seine Gesundheit. Glücklicherweise haben diese Anstrengungen Robert Hardy nicht geschadet, so dass er mit 82 Jahren noch den Zaubereiminister Cornelius Fudge geben konnte. Chapeau, Mr. Hardy. Die Rolle des unerfahrenen und oftmals etwas unbeholfenen James übernahm passend Christopher Timothy. Auch die vielen anderen Figuren passen genau in das Bild, das man sich beim Lesen von ihnen macht.

Was gibt es noch:

Schmunzeln musste ich immer wieder über die Rolle, die den Frauen in der Serie zugebilligt wurde. Ich gehe davon aus, dass diese Darstellung sehr realistisch ist. Aber jemand wie ich, die am liebsten einen weiten Bogen um jedes Staubtuch macht, kann sich einfach nur schwer vorstellen, dass sich jemand mit einer solchen Verve in die Hausarbeit werfen kann wie James Ehefrau Helen.

Weder die Bücher noch die Filme sind für Antialkoholiker geeignet, es wird gesoffen, dass sich die Balken biegen. Und dann ab ins Auto und rein in die Kuh – ein Wunder, dass das alle überlebt haben.

Und ein Detail, das mich immer wieder erfreut, sind die Pullover. Ja, die Pullover. Denn die Tierärzte tragen in den Filmen immer wieder Pullover in Fair Isle-Mustern und den alten, „auf Figur“ gestrickten Schnitten. Für mich, die ich selber gerne stricke, ist das einfach schön anzugucken und ich habe mich ein paar Mal dabei ertappt, wie ich mit der Nase ganz nah an den Bildschirm gerückt bin, um mir das einmal ganz genau anzugucken. Ein weiteres Zeichen für die grandiose Arbeit der Ausstatter.

Was vom Tage übrig blieb

Ein Weilchen musste ich überlegen, welches der vielen Lieblingsbücher die ich habe, hier bei meinen Empfehlungen den Anfang machen darf. Die Wahl fiel auf:

„Was vom Tage übrig blieb“ von Kazuo Ishiguro

Der Roman „Was vom Tage übrig blieb“ erschien im Jahr 1989 unter dem Originaltitel „The Remains of the Day“ und wurde im gleichen Jahr mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Darum geht es:

Der Butler Stevens, der sein ganzes Leben seiner Arbeit und dem Dienst an seinen Lordschaften gewidmet hat, bekommt unerwartet frei. Sogar ein Auto hat er zur Verfügung. Er ist es nicht gewohnt, Urlaub zu machen und Zeit für sich zu haben, er hat im Grunde kein Privatleben. Zögernd beschließt er, nach Cornwall zu fahren und seiner früheren Kollegin, der Hausdame Miss Kenton, einen Besuch abzustatten. Mit ihr verband ihn eine vorsichtige Liebe, der er jedoch niemals nachgegeben hat, da ihm das als nicht passend und nicht mit seinen Pflichten vereinbar erschien.

Während der Fahrt nach Cornwall lässt Stevens sein Leben Revue passieren und erinnert sich an viele Gelegenheiten, an denen er sich zurückgenommen hat und immer nur der Butler war. Er konnte sich nicht einmal die Zeit nehmen, seinen sterbenden Vater zu verabschieden. Jetzt ist er alt und es ist nicht viel, was er noch vom Leben erwarten kann. Seine Gedanken kreisen um Miss Kenton und die vergebenen Chancen. Lässt sich hier vielleicht noch etwas retten?

Das ist das Besondere:

Der Roman ist sprachlich sehr schön, weich und elegant, was natürlich auch an der gelungenen Übersetzung von Herrmann Stiehl liegt. Beim ersten Lesen hatte ich den Eindruck, als wäre die Geschichte tatsächlich von einem sehr alten Mann erzählt worden, so einfühlsam und nachvollziehbar wird die Geschichte geschildert. Dass der Autor bei Erscheinen des Romans gerade einmal 35 Jahre alt war, hätte ich nicht erwartet. Die Story an sich hat mich mitgenommen, mehr als einmal hätte ich den steifen Butler schütteln mögen. Eine berührende Geschichte vor einem dichten Hintergrund.

Was gibt es noch?

1993 wurde das Buch erfolgreich verfilmt. Regie führte James Ivory, die Rolle des spröden Butlers übernahm Anthony Hopkins, die der verliebten Hausdame Emma Thompson.  Obwohl der Film sehr gelobt wurde, habe ich es nie gewagt, ihn anzusehen. Ich fürchte ein bisschen, dass er dem Buch nicht gerecht werden kann, obwohl das mit hoher Wahrscheinlichkeit ungerecht ist.

Was vom Tage übrig blieb