Klein-Meikes Leseschätze – Grischka

Das war die Ausgabe, die Tante Rita hatte.

Mit diesen wunderbaren Abenteuergeschichten des französischen Autors René Guillot kam ich zuerst in der Schule in Kontakt: In unserem Lesebuch war der Anfang oder das erste Kapitel enthalten. Ich denke, wir lasen es in der dritten Klasse. Ich war unglaublich begeistert davon und freute mich sehr, dass ich bei meiner lieben Tante Rita alle vier Bände im Regal fand.

Darum geht es: Der erste Band „Grischka und sein Bär“ erschien im Jahr 1959 – und damals berichtete sogar die renommierte „Zeit“ darüber. Drei weitere Bände folgten, die nicht nur Abenteuer mit Tieren, sondern auch Konflikte zwischen Menschen und das Hinterfragen von Traditionen und Gebräuchen thematisieren.

Die Bücher spielen in der eisigen Welt Sibiriens, in der Taiga. Der Junge Grischka und seine Freundin Jaku finden ein Bärenjunges, dass Grischka aufzieht. Als das Leben des Bären aus traditionellen bzw. rituellen Gründen bedroht ist, entscheidet der Junge sich für seinen Freund, den Bären, und verlässt das Dorf, um das Tier zu retten. Darum entspannt sich eine ungeheuer fesselnde und irgendwie stimmungsvolle Geschichte, die mich als Kind fasziniert hat und die ich auch heute noch als sehr gelungen empfinde.

Das war meine Ausgabe aus den 80er Jahren

Was ist das Besondere: Für mich waren die die Bücher spannend und irgendwie „reinziehend“. Das Setting ist ungewöhnlich – ich glaube, ich kenne sonst gar kein Buch, das in der sibirischen Natur spielt. Die Beschreibungen der Umgebung und der Lebensweisen sind so plastisch, dass es mich sehr reingezogen hat. Noch heute meine ich, ein kaltes Pusten zu merken, wenn ich an die Bücher zurückdenke.

Allerdings habe ich die Bände eins bis drei dem vierten klar vorgezogen. Das scheint auch dem Verlag so gegangen zu sein, denn als ein Sammelband herauskam, enthielt dieser kurzerhand nur die ersten drei Bände. Dieses dicke Buch bekam ich irgendwann zu Weihnachten und es steht noch heute in meinem Regal.

Das gibt es:

  • Grischka und sein Bär
  • Grischka und die Wölfe
  • Grischka und Ajoki
  • Grischkas großes Abenteuer

Wenn ich es richtig gesehen habe, werden die Bücher derzeit nicht neu angeboten. Die letzte Auflage, die ich finden konnte, war aus 1999. Schade …

 

Der Mann im Garten

Distel mit drei Köpfen

Am Rande der kleinen Stadt lag ein alter, verwahrloster Garten. Er war wild und verwuchert, lud aber trotzdem zum Verweilen ein. Denn es roch verheißungsvoll, nach Lavendel und Kräutern, nach Gewürzen, Zitrusfrüchten und Cannabis. Das Letzte allerdings wuchs nicht dort, zumindest nicht an einer Stelle, die frei begehbar gewesen wäre. Der Geruch kam aus den Zigaretten von Josh, dem der Garten gehörte.

Josh war schon alt, genau genommen uralt. Er lebte in einem kleinen Holzhaus direkt im Garten. Eigentlich war es wohl mal ein Sommerhaus gewesen, doch Josh hatte es winterfest zurechtgemacht, eine Heizung und ein kleines Bad eingebaut und einen Keller mit UV-Licht, in dem er seine Rauchwaren anbaute. Jeder wusste davon, auch die Polizei. Doch mal ließ ihn gewähren, denn zum einen handelte Josh nicht mit seinem Gras und zum anderen hatte der alte Mann etwas Respekteinflößendes. Niemand in der kleinen Stadt hätte sich getraut, ihm etwas wegzunehmen oder gar ihn zu verhaften. Stattdessen ging so mancher an lauen Sommerabenden mal bei dem Alten vorbei, tauschte Bier oder einen Rest vom Sonntagskuchen gegen ein paar Züge aus einem exzellenten Joint und schwatzte über Gott und die Welt. Bei Josh konnte man entspannen, er fragte nicht woher und wohin, hörte zu, wenn man ihm etwas erzählte und schwieg kameradschaftlich, wenn man nicht reden wollte.

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Es wusste keiner, woher er gekommen war, dieser merkwürdige alte Mann mit dem weißen Bart. Er war halt einfach irgendwann da gewesen. Niemand wusste mehr genau, wann er aufgetaucht war. Man wusste nicht, wovon er lebte, aber er hatte sein Auskommen. Also hatte er wohl auch ein Einkommen. Eine Rente wahrscheinlich, vermutete man, oder ein Erbe. Manch einer glaubte, Josh sei ein Millionär – wurden die nicht manchmal komisch? Aber komisch oder nicht, man mochte Josh, auch wenn er manchmal so bekifft war, dass er sich im Adamskostüm auf seiner Gartenbank zum Schlafen niederlegte. Die schamhaften alten Damen sahen weg, meistens, oder deckten ihn mit einer Häkeldecke zu, wenn sie befürchteten, er könne sich verkühlen. Die eine oder andere war ein bisschen verknallt in ihn, war er doch auf seine geheimnisvolle Art deutlich spannender als Karl-Heinz und Frieder aus dem Altenheim. Josh war zu allen gleichbleibend, aber nicht übermäßig freundlich. Er hatte kein Interesse an einem Flirt, und da war es ihm auch egal, ob die Flirtende 17 oder 70 war.

An einem Tag im Mai schließlich verstarb Josh einfach auf seiner Gartenbank. Mit ihm verschwanden der Dorfpsychologe und Beichtvater, der Mutmacher und Womanizer des Ortes. All das war er gewesen. Das Einzige, was von ihm blieb, waren sein Garten und die Cannabiszucht im Keller. Er fehlte.

Nachbemerkung: Wie so oft handelt es sich bei diesem Text um eine kleine Aufgabe aus dem Schreibworkshop. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wie dieses Mal sogar 20 Minuten Zeit. Der erste Satz war vorgegeben, der Rest kam einfach so angeflogen.

Der Pakt mit dem Teufel

Es war einmal eine alte Witwe, die in einem kleinen Haus in einem Dorf lebte. Ihr Mann Friedrich starb vor vielen Jahren, ihre drei Kinder zog sie allein groß und machte aus ihnen gute, anständige Menschen. Inzwischen erfreute sie sich an einer Schar von Enkeln und sogar einigen Urenkeln. Sie war nicht einsam, doch auch nach dieser langen Zeit vermisste sie ihren Mann noch schmerzlich. Und sie spürte die Last des Alters, denn sie war gebrechlich, konnte nur noch langsam laufen und hatte oftmals ein Reißen im Rücken. Sie wusste, ihre Zeit zu gehen war gekommen.

Und so war sie auch weder ängstlich noch erstaunt, als sie eines Tages, als sie auf der Bank vor ihrem Haus saß, den Tod die Straße hinunterkommen sah. „Kommst du zu mir, Schnitter?“, fragte sie, doch er schüttelte den Kopf. „Heute noch nicht, Mütterchen. Aber es wäre gut, wenn du deine Angelegenheiten schon einmal ordnen würdest.“ Sie nickte und ließ ihn ziehen.

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Am nächsten Tag überprüfte sie also ihr Testament, schrieb an jeden ihrer Lieben einen kleinen Brief und putzte noch einmal durch das Haus. Als sie mit allem fertig war, war es dunkel geworden und sie setzte sich wieder draußen auf ihren Lieblingsplatz, um noch einmal das sanfte Mondlicht und den Sternenhimmel zu genießen. Wieder sah sie eine Gestalt die Straße hinunterkommen.

„Er kommt mich holen“, dachte sie, griff nach ihrer Handtasche und sah dem Ankömmling entspannt entgegen. Doch es war nicht der Tod, der um die Ecke kam. Es war ein gutaussehender junger Mann, der sie ein wenig an ihren Friedrich erinnerte – die Gestalt, die Haare und die Farbe der Augen waren den seinen ähnlich. Und doch sah er ganz anders aus. Denn ihm fehlte die Wärme in den Augen, das Spitzbübische im Blick und die freundliche Erscheinung. „Wer bist du?“, fragte sie also und der Fremde lächelte. Dieses Lächeln veränderte sein Aussehen und er wirkte auf einmal sympathisch auf die alte Frau. „Ich bin ein Engel und ich brauche deine Hilfe.“ Ein Engel also. Die Alte hatte noch nie einen gesehen und blickte ihn neugierig an. „Ach so? Ja, wenn das so ist, gerne. Was kann ich denn für dich tun?“ Der Engel lächelte noch einmal und ihr wurde es ganz warm ums Herz. „Es ist ganz einfach: Es fehlt uns an Nachwuchs. Wie überall, ist es schwierig, geeignete junge Leute zu finden. Und dabei werden Engel so dringend gebraucht.“ Die Witwe nickte nachdenklich. Ja, Engel waren wirklich oft vonnöten, es wäre gut, mehr von ihnen zu haben. „Ja, aber wie kann ich da helfen?“, fragte sie deshalb und der hübsche junge Mann erklärte es ihr. „Wir brauchen Kinder dafür. Ich habe gehört, dass der Schnitter bei dir war. Er wird dich am Sonntag holen, sagt man. Sorge dafür, dass er mir ein paar Kinder mitbringt. Das geht ganz einfach, ich zeige dir, wie das geht.“ Die alte Frau war geschockt. Der Tod sollte Kinder mitbringen, junge, gesunde kleine Menschen, die das Leben noch vor sich hatten? Ihre Enkel und Urenkel vielleicht? Das konnte sie doch nicht wollen!

Doch der Mann beruhigte sie sogleich. „Nein, natürlich sollst du deine Liebsten nicht dem Tod mitgeben. Aber es gibt Kinder, die sind nicht so gesund und wohlgestaltet wie deine, für sie wäre es doch großartig, ein Engel zu werden. Die Kleine vom Bäcker, die mit dem schiefen Blick. Oder der verrückte Junge, der immer laut singend über den Marktplatz läuft. Oder der Freche vom Schmied, der immer allen nur Ärger macht. Für solche Kinder wäre eine Karriere als Engel etwas wirklich Gutes!“ Die Alte war nicht überzeugt. Warum sollte sie das tun? Und wie sollte sie das anstellen? Der junge Mann erklärte es ihr. „Hier habe ich ein paar kleine Knöchelchen. Die steckst du einfach einigen Kindern in die Tasche – niemand wird das bemerken. Und du musst es natürlich auch nicht umsonst tun, du bekommst eine Belohnung!“ „Eine Belohnung? Was soll ich mir denn noch wünschen?“ Wieder erschien das warme Lächeln auf dem kalten Gesicht. „Nun, es ist so, dass der Schnitter dir deine Schmerzen nimmt, wenn er dich in den Himmel führt. Aber deine Jugend kann er dir nicht zurückbringen. Du wirst also auf deinen schönen Mann treffen, Friedrich, der noch immer 28 Jahre alt ist. Und du bist 85. Wenn du mir aber hilfst, wirst du für immer 25 sein und ihr beiden könnt all das nachholen, was ihr in den letzten 60 Jahren versäumt habt. Und wer weiß …“, der Mann kam ganz nah an ihr Gesicht heran, „vielleicht kannst du dich ja doch dazu entschließen, eines deiner Enkel mitzunehmen. Dieses Mädchen vielleicht mit den langen blonden Zöpfen. Dann könntest du ihr ihren Großvater vorstellen, und ihr wäret wieder eine Familie.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte der junge Mann der alten Witwe ein kleines Säckchen in die Hand und verschwand so ruhig, wie er gekommen war. Sie sah ihm lange nach. Dann schaute sie in das Säckchen. Fünf kleine, braune Knochen lagen darin. Sie sahen unscheinbar aus, stanken aber zum Himmel. „Schwefel“, dachte sie und verschloss das Säckchen wieder.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen und auch am nächsten Tag war sie sehr unruhig. Sie wollte jung sein, wenn sie Friedrich wiedertraf, jung und schön wie vor 60 Jahren. Sie ging durch das Dorf und sah die Kinder spielen. Sie sah die Hübschen und Klugen, aber auch zwei, die nicht gesund waren und einige, die frech und unerzogen waren. Eine Plage, dachte sie. Dann fasste sie einen Entschluss, ging noch kurz zum Metzger und zum Bäcker und dann nach Hause.

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Am Nachmittag kam ihre Lieblingsenkelin zu Besuch. Es war das Mädchen mit den blonden Zöpfen, ein liebes und folgsames Kind. Ihr zeigte sie eine große Schüssel: „Sie her, Lisa, dort habe ich etwas angerührt. Es ist Wurst und Brot vermischt mit Rattengift. Wir haben so eine Rattenplage rund ums Dorf. Bitte geh und stopfe mit diesem Löffel etwas von dem Gift in jedes Rattenloch, das du findest. Fass es nicht mit den Händen an, hörst du, und verbrenne die Schüssel und den Löffel, sobald du fertig bist.“ Das Mädchen tat, wie ihm geheißen wurde und verteilte die Masse sorgfältig im ganzen Dorf und im Wald. Danach warf es die hölzerne Schüssel und den Löffel beim Schmied ins Feuer, auch wenn der sie dafür schalt. Währenddessen versenkte ihre Großmutter den Mörser, in dem sie die Gabe des jungen Mannes zermahlen hatte, den Stößel und das Beutelchen, in dem sie die Knochen erhalten hatte, im tiefsten Teich im Dorf, wo ein paar Karpfen sogleich neugierig daran herumknabberten.

Die ihr verbleibenden Tage nutzte die alte Frau, um sich von ihrer Familie zu verabschieden. Sie verteilte ihren wenigen Schmuck, verschenkte alles, was noch jemand gebrauchen konnte, ging am Sonntagmorgen noch einmal in die Kirche und wartete am Abend auf der Bank sitzend auf den Tod. Der kam kurz vor Mitternacht. „Bist du fertig?“, fragte er, und sie nickte nur. „Hast du alles so erledigt, wie du es für richtig hältst?“, fragte er und sie nickte wieder. „Dann komm.“

Gemeinsam gingen sie ein Stück durch die Wiese, in der die ersten Nebel der Nacht waberten. Vor ihnen erschien eine Treppe. „Da hoch?“, fragte sie und wirkte auf einmal mutlos. „Ja, komm nur. Ich helfe dir, es geht ganz einfach.“ Und tatsächlich nahm er ihre Hand und führte sie. Leicht stieg sie nach oben. Trotzdem fragte sie noch einmal nach: „Man sagte mir, du kämest mit einem Boot?“ Er nickte bestätigend. „Ja, das tue ich oft auch. Aber heute habe ich es an einen Kollegen verliehen. Der Teufel bat darum. Er meinte, heute hätte er eine große Fuhre abzuholen. Sieh, dort unten ist er, mit dem Boot. Aber was macht er denn?“ Die Alte blickte in die Richtung, in die der Tod zeigte. Auf einem silbrig glänzenden Fluss sah sie den jungen Mann, der ihr die Knöchelchen gegeben hatte. Er kämpfte mit einem Kahn, der schwer beladen war und umzukippen drohte. „Was hat er denn da alles drauf?“, wunderte sich der Tod. „Das sieht mir nicht nach fünf Menschen aus.“ Die Alte lächelte etwas wehmütig. „Nun, es werden ein paar tausend verärgerte Ratten sein“, vermutete sie. In dem Moment sahen sie, wie drei dicke Karpfen auf das Boot sprangen. Einer traf den Teufel direkt mit dem Bauch im Gesicht und das Schimpfen, dass der Unterweltler ausstieß, klang hinauf bis zur Treppe. Immer mehr dicke, glibberige Fische sprangen auf das Boot und brachten es zum Kentern. Der Tod lachte, als hätte er noch nie zuvor etwas so Lustiges gesehen. „Wer auch immer das gemacht hat, hat es gut gemacht!“, prustete er und die alte Witwe war getröstet. Sie würde nicht jung und schön sein, wenn sie ihren Friedrich wiedertraf, aber sie würde für alle Zeit ein reines Gewissen haben.

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Alliteration mit S

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Mal wieder ein kleines bisschen Quatsch ohne literarischen Anspruch. Aber mit Alliteration – immerhin!

Susi und Siegfried

Siegfried sah Susi: Sooo süß, sagte sein Spürsinn. Seine Sorgen, sonst sehr stark, starben.

Sanft singend, sachte säuselnd, stimmlich sonor sprach Siegfried: „Sag, sweet Susi-Sonnenschein, Sex sofort?“

Susi spie spontan.

Siegfried seufzte. Schöne Schiete.

Im Wald des Vergessens

Dieser kleine Text entstand ebenfalls im Märchenkurs. Die Aufgabe hieß: Die Hauptfigur hat die Aufgabe, für den kranken Vater magische Nüsse zu holen. Das Problem: Diese Nüsse liegen im Wald des Vergessens. Sobald man ihn betritt, vergisst man, was man da eigentlich wollte – doof. Da muss also der Zufall ein bisschen mithelfen. und die Eule – Eulen sind nämlich auch im Wald des Vergessens klug und zuverlässig.

So sieht mein Wald des Vergessens übrigens aus:

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Im Wald des Vergessens

Ein Gefühl wie Watte im Kopf. Das Mädchen läuft nur noch, weil ihm nichts Besseres einfällt. Überall ist Wald, nur Wald. Hohe Bäume, weicher Boden. Ab und zu strauchelt sie über einen Ast. Die Geräusche sind fremd und machen ihr Angst. Da, ein großes Tier. Wie heißt es? Es will ihr nicht einfallen. Es dreht sich um und läuft vor ihr weg, anscheinend hat es auch Angst.

Ein anderes Tier kommt näher an sie heran. Es ist schwarz-weiß gestreift, wackelt beim Laufen und sieht eigentlich ganz freundlich aus. „Was willst du hier?“, fragt es und guckt sie durch eine Brille fragend an. Seine Stimme erinnert sie an jemanden, den sie vermisst. In ihrer Seele schmerzt es. „Ich weiß es nicht“, sagt sie und weint ein wenig. Der Schwarz-Weiße nickt nur und sieht dabei traurig aus. „Niemand weiß das hier so genau. Nur die Eule, die kennt sich aus, sagt man.“ „Was ist eine Eule?“, fragt das Mädchen und der Schwarz-Weiße zuckt mit den runden Schultern.

„Ich bin die Eule, glaube ich“, sagt da eine Stimme direkt zu den Füßen des Mädchens. Ein kleines rotes Pelztierchen sitzt dort, wedelt mit dem buschigen Schwanz und macht sich mächtig wichtig. „Ich weiß nicht, wer du bist, aber du bist bestimmt keine Eule“, meint der Schwarz-Weiße. „Ist doch egal“, sagt der Rote. „Wollt ihr Nüsse?“ Eifrig buddelt das kleine Tierchen im weichen Boden herum. „Irgendwo müssen welche sein, hab vergessen, wo.“ Es buddelt und buddelt. Das Mädchen und der Schwarz-Weiße sehen ihm dabei zu, weil sie nichts anderes zu tun haben. Endlich schreit der Rote freudig auf: Vor ihm liegt eine Art Nest mit braunen und goldenen Nüssen. „Hier, nehmt euch Nüsse. Aber passt mit denen da auf, die schmecken nicht.“ Verächtlich schiebt der Kleine die goldenen Nüsse zur Seite. „Die sind schön“, sagt das Mädchen. „Du kannst sie haben“, meint der Rote großzügig. „Sind eh nicht meine, glaube ich.“

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In dem Moment, als das Mädchen die goldenen Kügelchen einsteckt, hört sie über sich ein Rauschen. Sie sieht riesige gelbe Augen, die in der beginnenden Dämmerung leuchten. Angstvoll zuckt sie zusammen. „Hab keine Angst, Mädchen“, sagt der riesige Vogel mit sanfter Stimme. „Ich bin doch nur eine harmlose Eule.“ „Du bist die Eule? Du kennst dich aus, sagen sie hier. Weißt du, wo ich hingehöre?“ Die Eule nickt, schüttelt dann aber den Kopf. „Nein, nicht genau. Ich weiß aber, wo du nicht hingehörst – und das ist dieser Wald hier. Folge mir, wir gehen hier hinaus. Sobald wir auf freiem Feld sind, wird dir alles wieder einfallen.

Das Mädchen verabschiedet sich von dem Schwarz-Weißen mit der dunklen Stimme und von dem kleinen Roten, der schon wieder buddelt. Dann folgt sie der Eule, die vor ihr herfliegt und immer wieder auf sie wartet. Die großen gelben Augen leuchten dem Mädchen den Weg. Und dann endlich, als der Morgen schon dämmert, erreichen die beiden eine große Wiese. „Ich muss heim zu meinem Vater“, sagt das Mädchen. „Er ist krank.“ Die weise Eule nickt zustimmend. „Ja, das musst du. Er wartet auf dich.“

Mit den drei goldenen Nüssen in der Tasche erreicht das Mädchen den kranken Vater. Sie kommt gerade noch rechtzeitig und kann noch viele schöne Jahre mit ihrem Vater erleben.

Biografie eines Antagonisten

Vor Kurzem nahm ich an einem Workshop teil, der sich mit Märchen beschäftigete – leider waren es nur drei Abende. Mir hat der Kurs aber sehr viel Spaß gemacht, und das nicht nur, weil ich Märchen an sich gerne mag, sondern auch, weil die Aufgaben schön und etwas ungewöhnlich waren.

Unter anderem wurden wir gebeten, uns einmal von all den Heldinnen und Helden zu lösen und stattdessen – in einer Viertelstunde – die Biografie eines der Antagonisten zu verfassen. Wie wurde also die böse Stiefmutter, was sie ist, oder warum will der Wolf unbedingt Menschen fressen? Das war sehr interessant, fand ich.

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Der Antagonist – die ersten Jahre

Als er geboren wurde, hatte sich die Freude seiner Eltern in Grenzen gehalten. Schon das Gesicht der Hebamme hatte der Mutter verraten, dass etwas nicht in Ordnung war mit diesem Kind. Es war kleiner als normal, und irgendwie schief im Rücken. Obwohl sie es versuchte, fiel es der Mutter schwer, den schwächlichen, dürren und immer missmutig wirkenden Jungen zu lieben. Auch der Vater machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Dieses Kind würde auf keinen Fall einmal seine Schmiede übernehmen, soviel stand fest.

Und so kam es, wie es kommen musste: Als das nächste Kind kam, ein hübscher, wohlgestalteter Knabe, wurde der missgebildete Erstgeborene abgegeben. Die alte Kräuterfrau, die allein im Wald lebte, wollte ihn haben. Sie zog ihn auf und lehrte ihn allerlei über den Wald, die Kräuter und die magischen Kräfte, die man nicht sehen kann. Sie war es auch, die ihm endlich einen Namen gab: Sie nannte ihn Rumpelstilzchen.

Aus dem Kind wurde ein Mann, klug zwar, aber noch immer wenig ansehnlich. Freundlichkeit und ein heiteres Lächeln fielen ihm schwer, und obwohl er sich danach sehnte, mit jemandem sein Leben zu teilen, fand er keine Frau, die ihn heiraten wollte. Die ständigen Zurückweisungen machten ihn bitter und als die alte Kräuterfrau starb, zog er sich ganz von den Menschen zurück und lebte viele Jahre allein in einer Höhle im Wald. Er sprach mit Bäumen und Tieren und schloss ab mit seinem Traum von einem Leben mit einer Familie. Und doch war er im Inneren nicht ganz lieblos. In ihm wuchs der Wunsch, ein Kind zu haben. Jemanden, um den er sich kümmern könnte und der ihn lieben würde, so wie er war – klein, verwachsen, mit einer viel zu großen Nase und einem missmutigen Gesicht. Er wollte lieben und geliebt werden – um jeden Preis.  

Der Winter meines Lebens

Derzeit ist Winter – ganz eindeutig, In Frankfurt wird mal wieder mit Schnee gegeizt, aber einige Teile Deutschlands haben ordentlich was abgekriegt. Und wie so oft, wenn sich in Deutschland Schnee zeigt, wird viel über das Wetter gesprochen, es werden Vergleiche und Parallelen gezogen zur großen Schneemasse im Winter 1978/79. Ja, das war wohl für viele eine echte Katastrophe, die meisten Erwachsenen fanden es überhaupt nicht lustig und gerade in Ostdeutschland nahm dieser Wintereinbruch wohl katastrophale Ausmaße an. Ich aber empfand das damals ganz anders: Für mich war es der Winter meines Lebens.

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Ich war acht Jahre alt, als in den Weihnachtsferien 1978 das Unfassbare über uns hereinbrach. Meine Cousine Anne war zu Besuch (im Tausch war meine Schwester bei Cousine Heike) und wir wurden wach, weil irgendwelche fremd klingenden Geräusche durch das Haus klangen. Wir standen auf und guckten raus – Schnee! Und so viel! Das hatten wir komplett verschlafen! Die Geräusche kamen daher, dass meine Mutter erfolglos versuchte, irgendeine unserer Haustüren zu öffnen. Alle drei Türen – Vordertür, Terrassentür und die der Garage – waren so hoch zugeschneit, dass die Türen sich nicht öffnen ließen. Was für eine Aufregung! Mein Vater turnte also zum Küchenfenster hinaus, um eine Schaufel zu holen und zumindest eine Tür freizubuddeln. Ich wollte gleich hinterher, wahrscheinlich in Schlafanzug und Hüttenschuhen, was ich nicht durfte. Das prangere ich heute noch an, auch wenn es aus Sicht meiner Mutter natürlich verständlich war. Wir mussten frühstücken, uns waschen und anziehen, während Papa schippte. Und dann waren wir nicht mehr zu halten, wir wollten nur noch raus. Tatsächlich stapften wir durch den hohen Schnee zu Oma Erna, der wir irgendwas mitbrachten, das wir auf unseren Schlitten gelegt hatten. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber die Aufregung, den Spaß, das spüre ich noch heute.

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Die nächsten Tage waren toll. Anne durfte etwas länger bleiben, weil meine Eltern unnötige Autofahrten vermeiden wollten. Wir waren draußen, spielten, tobten, bauten. Natürlich waren auch die Nachbarskinder dabein und auch meine Schwester, die irgendwann wieder gegen die Cousine eingetauscht wurde, war noch nicht zu groß, um mitzumachen. Ich kann mich an Schneekugeln erinnern, aus denen wir Schneemänner bauen wollten, die dann aber versehentlich so dick wurden, dass keiner sie mehr aufeinander heben konnte. Die überall beim Räumen zusammengeschobenen Schneehaufen wurden erklettert, ausgehöhlt, berutscht. Wir rodelten am Bahndamm – wo auch sonst sollte man in Norddeutschland rodeln, wenn nicht am Deich oder am Damm? Der Schnee blieb in den Rippen der Cordhosen hängen und durchnässte alles, sodass man sich mehrmals am Tag umziehen musste. Abends waren wir total kaputt. Es war einfach großartig! Ich lächle nach innen und außen, wenn ich daran denke und darüber schreibe.

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Ich glaube, ein wichtiger Grund, dass ich diese tollen Erinnerungen an diesen Schneewinter habe, liegt darin, dass wir Kinder laufen gelassen wurden. Wir durften stundenlang spielen, uns vom Haus entfernen, ohne dass uns unsere Eltern immer auf den Hacken gehangen hätten. Daran musste ich heute denken, als ich irgendwo las, wie schade es doch sei, dass die Kinder gerade so viele Hausaufgaben hätten und gar keine Zeit zum Rodeln wäre. Ich saß fassungslos da und dachte nur „Hallo? Spinnt ihr? Prioritäten?“ Ganz ehrlich, Hausaufgaben können die Kinder irgendwann mal machen, dafür ist jetzt keine Zeit. Jetzt, in diesen Tagen, wenn endlich mal Schnee ist, müssen die spielen. Alle Eltern sollten ihren Kindern diese Erinnerungen gönnen – gerade in diesen Zeiten, die so schwierig sind. Es ist schon schade genug, dass die Kinder nicht wie wir damals in großen Horden herumrennen können zur Zeit. Aber mit Hausaufgaben sollte man diese wenigen wertvollen Wintertage nicht verplempern.

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Anmerkung 1: Leider gibt es keine Fotos von mir in diesen Schneemassen. Von heute habe ich auch keine Winterbilder. Ich habe aber kürzlich, als ich in meinen Fotoalben herumsuchte, die hier im Beitrag enthaltenen Bilder gefunden und sie heute kurzerhand abfotografiert. Sie entstanden in dem Gebiet, dass früher direkt hinter unserem Haus anfing, wenn man über den Graben gehüpft war: eine Menge Felder und Wiesen, ein bei Schietwetter echt matschiger Weg und ein kleines Wäldchen, „Töpkens Busch“. Als Kinder sagten wir „wir gehen ins Moor“, wenn wir mit anderen Kindern zusammen loszogen, um irgendwo dort zu spielen und Stunden später total dreckig und mit vollgelaufenen Stiefeln wieder heimzukommen. Diese Bilder entstanden allerdings nicht bei einer Gummistiefeltour, sondern bei einem Spaziergang mit meinem Vater im Januar 1996.

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Anmerkung 2: Man möge mir meine despektierlichen Äußerungen über Hausaufgaben verzeihen, ich weiß, viele Leute halten die für nützlich. Ich gehöre nicht dazu und habe selber auch ab der Mittelstufe nur noch wenige davon gemacht. Ich glaube nicht, dass es mir geschadet hat, aber darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein.

Nicht mein Körper

Mal wieder so ein Schreibworkshops-Ding: Wir sollten uns vorstellen, ein anderer zu sein. Zum Glück war es dieses Mal wenigstens ein Mensch, kein Huhn. Wieso mir dieser Kerl als erstes einfiel, weiß ich gar nicht – aber es hätte viel schlimmer kommen können.

Nicht mein Körper

Basketball auf Korb

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Mühsam werde ich wach. Es fällt mir schwer, nach dieser Nacht die Augen richtig aufzukriegen. Ganz verklebt sind sie, immer wieder fallen sie zu und ich nicke wieder ein. Die Nacht war unruhig ich habe unglaublich wirres Zeug geträumt. Mein Astral-Körper war wahrscheinlich in der ganzen Stadt unterwegs, vom Flughafen bis zum Eisernen Steg kam alles mal vor.

Es nützt nichts, ich muss mal. Mühsam rapple ich mich hoch, bleibe mit krummem Buckel auf der Bettkante hocken. Mein Blick fällt auf meine Füße – komische Latschen habe ich. Früher kamen mir die nie so groß vor. Los jetzt, hoch, das Bad ruft.

Ich trete aus dem Schlafzimmer hinaus auf dem Flur. Das ist nicht mein Flur. Meine Wohnung ist weiß gefliest, hier gibt es dunkles Parkett. Und in einer Ecke stehen mindestens sechs Paar Sportschuhe. Richtige Sportschuhe, die aussehen, als würden sie auch benutzt. Also zum Sport, meine ich. Ohne Zweifel, ich bin hier falsch. Ich versuche, den gestrigen Abend zu rekapitulieren – wie bin ich nur in diese Wohnung geraten? Gesoffen habe ich nicht, zumindest nichts Verwerfliches. Ferngesehen habe ich, „Das große Backen“ auf Sat 1, und dann bin ich ins Bett gegangen. Ob ich schlafgewandelt bin?

Ich gehe nachdenklich durch den Flur. Durch mein müdes Gehirn zuckt ein merkwürdiger Gedanke: Egal, wo das Klo hier ist, ich werde mich nicht hinsetzen. Ich wollte schon immer mal im Stehen pinkeln. Warum habe ich das nur noch nie gemacht?

Ich finde die Badezimmertür und will eintreten, doch irgendwas mache ich falsch: Mit einem „Rumms“ donnert meine Stirn an den Türrahmen. Was ist denn das für eine Tür, ist die für Zwerge gemacht?

Ich reibe mir die Stirn und krieche halb ins Badezimmer. Das immerhin ist schön groß, es gefällt mir. Mein Blick fällt in den Spiegel und schlagartig begreife ich, dass ich nicht ich bin. Ich bin ein Kerl, lang und dünn, mit kantigen Gesichtszügen. Das heißt, das ist mein Körper, oder besser nicht mein Körper. Meine Seele oder mein Geist oder was es auch immer ist, was mich ausmacht, es steckt in diesem langen Lulatsch, der mir etwas blöde aus dem Spiegel entgegenglotzt. Vor der Stirn glänzt eine riesige Beule und er nickt mir zu. „Hallo Dirk“, begrüße ich den Mann, der meinen Geist in sich trägt und noch immer auf’s Klo muss. Durch die Erledigung des dringenden Geschäfts versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Ich piesiliere jetzt übrigens doch im Sitzen, denn im Stehen wäre mir das zu intim. Ich fasse keinem fremden Mann in den Schritt. Aber ich wasche ihn, den fremden Mann, unter einer hohen Dusche mit dem Duschgel, das auf der Ablage steht. Riecht gut, finde ich. Er hat einen guten Geschmack.

Nach dem Duschen schlendere ich durch die Wohnung, sehe mir alles an. Ich finde einen Basketball – ob ich mit dem wohl was treffe? Tatsächlich, ich treffe – die Vase sollte ich wohl ersetzen. Den Ball nehme ich mit ins Schlafzimmer, wo ich mich wieder hinlege. Ich rolle den Ball auf meinem flachen Bauch herum, während ich versuche, wieder einzuschlafen. Irgendwie muss ich hier ja wieder rauskommen, aus dieser Wohnung und diesem Körper. In wachem Zustand wird das nichts. Ob Dirk Nowitzky jetzt wohl in meinem Körper steckt? Na, der wird sich wundern. Hoffentlich mag er mein Duschgel, und hoffentlich pinkelt er nicht im Stehen.

Du kannst einfach nicht widerstehen …

Sooo, diese Aufgabe ist ja einfach. Die Frage lautet, wo kannst du einfach nicht widerstehen. Also du, das bin in diesem Falle ich. Nun ja, Schokolade halt. Zumindest, wenn sie vor mir liegt. Wenn ich dafür aufstehen muss, ist das schon etwas anderes, weil faul bin ich ja auch. Also kann ich doch widerstehen, zumindest manchmal.

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Und dann sind da noch Notizbücher. Die sind schon wirklich etwas, was mich anmacht. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht hunderte davon zu kaufen. Ich habe eh schon mehr, als ich in den nächsten 10 Jahren vollschreiben kann. Apropos vollschreiben – dafür habe ich jede Menge Stifte, vor allem Bleistifte und Füller. Und diverse Tinten natürlich, ist ja klar, denn ohne Tinte kann ein Füller nicht schreiben. Rein aus Nachhaltigkeitsgründen und keinesfalls aus lauter Spieltrieb nutze ich keine Plastikpatronen, sondern Tinte im Gläschen, teils mit Glitzer oder zweifarbigem Shading. Für die nächsten 20 Jahre habe ich wohl genug Vorrat. Ist ja auch wichtig, vielleicht wird Tinte irgendwann mal knapp. Kann ja überall mal Not ausbrechen, Lieferengpässe, Lockdowns, was auch immer. Zumindest bezogen auf Notizbücher, Stifte und Tinte bin ich auf alles vorbereitet.

Jaaaa, und dann ist da noch die Wolle. Dieser besondere Stoff, der wächst – mal am Schaf, mal am Strunk – manchmal aber auch künstlich hergestellt oder irgendwie gemixt wird. Je nachdem, was man hat, kann man sie filzen oder stricken. Gut, ja, oder damit häkeln, wenn man denn häkeln kann. Ich habe in der Grundschule mal einen schiefen Topflappen produziert, weitere Erfolge habe ich in Sachen Häkelarbeiten leider nicht vorzuweisen. Denn ich stricke lieber.

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Stricken hilft mir in unruhigen Zeiten, zur Ruhe zu kommen. Tausend Mal die gleiche Bewegung, das hat etwas sehr Meditatives. Ich kann dabei die Gedanken ziehen lassen, mir Geschichten ausdenken oder fernsehen. Ja, genau, Fernsehen, das geht natürlich auch. Muss ja nicht immer alles intellektuell anspruchsvoll sein. Einen Strumpf zu stricken, ist wenig anspruchsvoll, aber man hat hinterher was Warmes am Fuß – sowas Sinnstiftendes kriegt man mit vielen vermeintlich anspruchsvolleren Tätigkeiten nicht zuwege. Wenig Verständnis habe ich hingegen für denn Trend, Bäume oder Laternenpfähle einzustricken. Urban Knitting nennt sich das, oder auch Guerilla Knitting, so als wäre man ein großer Revoluzzer, wenn man einem Brückenpfeiler einen Nierenwärmer umlegt. Das ist irgendwie in Mode und in meinen Augen die Krönung der Sinnlosigkeit. Pure Materialverschwendung. Und Wolle verschwendet man nicht.

Für mich ist es immer etwas ganz Besonderes, Wolle auszusuchen. Damit meine ich nicht nur das in einen Laden gehen und Material zu kaufen, wenngleich das natürlich immer etwas ganz Wunderbares ist. Nein, es ist auch das Auspacken von bestellter Ware. Oder das Untersuchen eines mir völlig unbekannten Wollvorkommens. Zwei Mal schon erbte ich große Bestände an Wolle, für die jemand anderes keine Verwendung hatte. Zwei ganze Säcke voller wunderbarer Überraschungen! Gut, es war auch ein bisschen Gelerch dabei, aber irgendwas ist ja immer.

Stundenlang könnte ich Wolle sortieren, zueinander passende Häufchen zusammenlegen und überlegen, was daraus wohl werden könnte. Und dann eben dieses Auswählen, dieser finale Moment, wenn aus den Plastikkisten im Gästezimmer etwas herausgeholt wird, um zum nächsten Projekt zu werden. Mal ist es ein Knäuel, dann wieder sind es ganz viele, doch egal wie, es ist immer wieder etwas Feierliches, dieser Umzug der der Wolle aus dem Gästezimmer in die Strickarena, mein Wohnzimmer. Ich freue mich dann auf das Kommende, fasse das Material an, freue mich daran.

Ob so ein Wollknäuel auch Gefühle hat? Ob es die Erhabenheit dieses Augenblicks spürt? Es wäre ihm zu wünschen, schon allein damit es die Metamorphose von einem sachlichen, zum Knäuel gewickelten Faden in ein strukturiertes Geflecht aus ineinander verschlungenen, einander liebenden Maschen richtig genießen kann. Vom simplen Bindfaden zur Socke, das ist ein ungeheurer Aufstieg für so eine profane Faser.

Sogar Reste werden bei mir nicht verstoßen, sondern lange Jahre aufgehoben, immer wieder sortiert und kombiniert, bis eines Tages ein neues Modell daraus entsteht. Reste sind doch das Beste, meine Strickjacke könnte ein Lied davon singen, wenn sie denn singen könnte. Und auch, wenn ich für eine Wollsorte bei mir wirklich keine Zukunft mehr sehe, wird sie nicht etwa entsorgt, sondern zur Adoption freigegeben – Wolle sucht ein Zuhause. Über 20 Jahre dauerte es zuletzt, bis ich mich dazu entschließen konnte, einige große Reste weiterzugeben. Kürzlich erst war es soweit, zwei Taschen Wolle gingen zu einem Sozialprojekt, bei dem ein für Menschen stricken, die es nötig haben. Auf diese Weise wird also auch meine Restwolle noch einmal zu Ruhm und Ehre kommen. Das macht mich wirklich froh.

Gespräch auf der Parkbank

Der foilgende Text entstand als Hausaufgabe in einem Schreibworkshop. Wir sollten ein Gespräch auf einer Parkbank führen, mit einem Menschen oder ener Figur, die einem persönlich wichtig ist. Wie so oft war mir diese Aufgabe zu persönlich, ich kehre mein Inneres nicht so gerne nach außen. Und so löste ich die Aufgange einfach anders, aus purer Lust am Quatsch …

Parkbankgespräch

„Liebe Zuhörer:innen, herzlich willkommen zu einer ganz besonderen Ausgabe unserer Parkbankgespräche. Nicht nur haben wir einen ganz besonderen Gast, zusätzlich findet unser heutiges Gespräch nicht wie sonst auf einer Bank im Frankfurter Palmengarten statt, sondern wird von einem kleinen Rettungsboot mitten im Atlantik aus geführt. Vielen Dank übrigens an die Besatzung der „Rainbow Warrior“, die eine halbe Seemeile von hier bereitliegt, um uns nach Abschluss unseres Gesprächs wieder an Bord zu nehmen und sicher in den nächsten Hafen zu bringen. Und nun begrüße ich, zugegebenermaßen ein wenig aufgeregt, unseren Gast: Hallo und guten Tag, Moby Dick!“

„Guten Tag!“

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„Herr Dick, Sie erfreuen sich seit vielen Jahrzehnten einer ungebremsten Berühmtheit, Umfragen zufolge kennen über 80% der europäischen Bevölkerung Ihren Namen und würden Sie erkennen, wenn sie Sie auf der Straße treffen würden. Ihre Lebensgeschichte wurde gleich mehrfach verfilmt. Wie gehen Sie damit um?“

„Ach wissen Sie, wenn man so aussieht wie ich, wird man auch ohne Film und Fernsehen immer erkannt. Ich habe mich damit abgefunden, mich nie ohne großes Aufsehen im Meer bewegen zu können. Mit dem Alter kommt da eine gewisse Gelassenheit. Und ich gönne es allen Kulturschaffenden, dass sie mit Hilfe meiner Geschichte ihr Brot verdienen können.“

„Erhalten Sie denn einen gerechten Anteil an den Erlösen? Wie ist das mit den Tantiemen?“

„Geld interessiert mich nicht. Ich habe ja nicht einmal Taschen, die ich mir damit vollstopfen könnte. Insofern – geschenkt!“

„Hmmm, ja, interessanter Punkt, das mit den Taschen. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Denken Sie denn, dass die Anteilnahme an Ihrem Leben dazu beigetragen hat, dass die Menschen Wale inzwischen mit anderen Augen sehen?“

„Nein, das glaube ich eher nicht. Dieser Erfolg ist sicherlich mehr auf romantische Darstellungen von Walen zurückzuführen, z. B. in Star Trek oder Free Willy. Auch Umweltschutzorganisationen haben dazu beigetragen. Hinzu kommt, dass Waltran inzwischen nicht mehr so gefragt ist. Rapsöl ist viel billiger, und für Ambra gibt es Alternativen aus dem Labor. Meine Geschichte lehrte die Menschen vielmehr das Gruseln und zeigte, dass jedes Handeln irgendwann Konsequenzen hat.“

„Wie meinen Sie das genau?“

„Naja, Käptn Ahab hat mich jahrelang mit seinem sinnlosen Hass verfolgt. Viele Narben, die Sie hier sehen, verdanke ich ihm. Zuerst habe ich versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Als dass nichts half, habe ich ihm als kleine Warnung ein halbes Bein abgerissen. Sie müssen zugeben, dass das als Äußerung meines Unmuts durchaus hätte verstanden werden können. Aber auch das hat ihn nicht gebremst, ganz im Gegenteil. Der Mann war ja regelrecht besessen von mir.“

Nicht der Atlantik, sondern Borkum

„Ja, er scheint eine gewisse Wahnhaftigkeit an den Tag gelegt zu haben, das ist in der Tat belegt und anerkannt. Aber tat es wirklich Not, gleich sein ganzes Schiff mit Mann und Maus zu versenken?“

„Jaja, ich weiß, die ewige Frage nach der Verhältnismäßigkeit und den unschuldigen Opfern. Darüber habe ich später oft nachgedacht. Gab es Unschuldige auf diesem Schiff? Haben sie sich nicht alle mit diesem wahnsinnigen Mörder gemein und sein Anliegen zu ihrem gemacht? Ich weiß es nicht. Und wenn man jahrelang verfolgt wird, nicht nur mit Kameras, wie heute, sondern lebensbedrohlich, dann liegen natürlich irgendwann auch die Nerven blank. Und dann denkt man halt, jetze isses mal grad gut und schlägt zurück. Und wenn man meine Kraft und Statur hat, geht dabei leicht was kaputt. Manchmal sogar mehr, als man erst denken würde.“

„Herr Dick, nach der Aktion mit dem versenkten Schiff hatten Sie viel negative Presse. Von Untier war die Rede, und noch andere unschöne Begriffe sind gefallen. Hat Sie das verletzt?“

„Ja, natürlich hat mich das getroffen, was für eine Frage! Man müsste ja ein Herz aus Stein haben, wenn einen das ungerührt ließe. Aber das ist Vergangenheit, Ich sehe inzwischen lieber nach vorn. Heute sind es nur noch die Kälber, die sich über mich lustig machen, genauer gesagt, über meinen Namen. Aber da sage ich immer, lieber Dick als Doof.“

„Also ein optimistischer und durchaus humorvoller Blick in die Zukunft, da freut mich. Kommen wir also zu unserer letzten Frage. Wie immer geht es dabei um einen persönlichen Wunsch. Wenn Sie also frei von allen Zwängen wären, was würden Sie gerne einmal tun?“

„Oh, das ist aber eine intime Frage. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Schon seit ich ein Kalb war, würde ich gerne einmal Kettenkarussell fahren. Das steht neben vielen anderen Dingen ganz oben auf meiner Bucket List.“

„Oh ja, das habe ich auch immer geliebt. Wir werden sehen, ob wir vom Sender Ihnen dabei behilflich sein können. Lieber Herr Dick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch, heute von unserer aufblasbaren Parkbank mitten im Atlantik.“