Komische Gewohnheiten: Manchmal bin ich meine Mutter – Teil 1

Kürzlich ertappte ich mich mal wieder dabei, dass ich wie meine Mutter dachte – obwohl ich genau diese Gedanken früher immer besonders merkwürdig fand. Es ging um sowas wie „Das taugt auch alles nichts mehr“.

Meine Mutter sagte sowas manchmal, wenn eine Bratpfanne nach 3000-fachem Einsatz die Beschichtung verlor, und überlegte dazu gerne, dass es vielleicht daran liegen könne, dass ich (!) immer zu sehr in der Pfanne herumgekratzt haben könnte. Oder wenn ein Geschirrhandtuch nach jahrzehntelangem Gebrauch löchrig wurde – dann war der Stoff von Anfang an dünn gewesen. Früher habe ich sowas immer belächelt.

Doch kürzlich erwischte ich mich dabei, wie ich meinen armen, alten Gurkenschäler mit ebensolchen Gedanken bedachte: Stumpf war er nämlich, und rostig noch dazu. Taugt nichts, dachte ich, billiges Gelumpe. Und ja, billig war der wirklich gewesen. Damals, als ich den gekauft habe, musste alles billig sein, denn ich hatte kein Geld für teure Haushaltswaren. Die Domäne in Eching war mein bevorzugter Ausstatter, dazu noch Ikea und diverse 1-Euro-Läden. Und tatsächlich – einige dieser Sachen werden allmählich alt. Unfassbar, nach nur gut 20 Jahren.

Der brave Gurkenschäler war ein Multitalent: Denn er schälte nicht nur Gurken, sondern auch harte Möhren, Spargel und Kartoffeln. Er war viel im Einsatz, aber irgendwann war er so stumpf, dass er das Gemüse eher entsaftet hat, statt es zu schälen. Nun gut … es sei ihm gestattet. Nachdem ich kurzfristig über einen Ersatz der Klinge durch ein Gummiband und eine Weiterverwendung des Griffs als Kirschkernflitsche nachgedacht hatte, warf ich ihn in den Müll und kaufte einen neuen. Wenn der wieder so lange hält, bin ich über 70, bis ich wieder einen brauche. Das wird die Rente dann hoffentlich hergeben.

Und ich werde mich jetzt innerlich darauf vorbereiten, dass in meinem Haushalt mal was kaputt gehen kann. Keine Klage darüber, das nehme ich mir fest vor. Und kein Aufheben für zweifelhafte spätere Zwecke!

Freundschafts-Haiku

Skulptur HundeIm Schreibworkshop sollten wir ein Haiku zum Thema Freundschaft schreiben. Haiku ist eine japanische Gedichtform. Die Gedichte haben jeweils drei Zeilen, die erste Zeile hat fünf, die zweite sieben, die dritte wieder fünf Silben. Mein Glück ist, dass der Inhalt gerne mal etwas absurd sein darf, denn für Poesie bin ich irgendwie nicht geeignet.

Es gab wie immer bei diesen kleinen Übungen nur wenig Zeit, doch ich klimperte vier Haikus zusammen. Eines scheint mir ganz gelungen zu sein, doch der Weg dahin war weit.

1. Ein Dramolett

Rosen der Liebe
Wollte ich dir schenken.
Doch du warst nicht da.

2. Naturalistischer Kitsch

Der Specht rief leise.
Während ich an dich dachte,
hörte ich ihm zu.

3. Schlimmer geht immer

Mein Herz rief nach dir
Wie ein Elch nach seinem Kalb
Da oben am Pol.

4. So, und jetzt kommt’s, das nächste passt. So geht Freundschaft:

Wir aßen Bratwurst,
tranken dazu sechzehn Bier
und du sprachst wenig.

An meine gelbe Plastikdose

Wenn ich dich ansehe, bin ich gerührt. Einst warst du ein Werbegeschenk, trugst kleine Schachteln mit Cornflakes in dir. Alt bist du nun geworden, und müde. Deine Schrift ist schon lange abgeschabt und viele hundert Waschgänge in der Spülmaschine haben deinen früheren Glanz ermatten lassen. Und doch warst du immer loyal, pflichtbewusst und beinahe unermüdlich.

Du hast meinen Käse gehütet und den Aufschnitt. Obst war in dir sicher, egal ob Erdbeeren, Kirschen oder geviertelte Pfirsiche. Und wenn in dir mein Frühstücksbrot lag, hatten noch mindestens acht kleine Tomaten daneben Platz. Ich konnte dir immer vertrauen.

Viele Rollen Plastiktüten hast du eingespart. Hast Lebensmittel frisch und appetitlich gehalten. Und doch gibt es Stimmen, die Dosen wie dich schmähen, wegen deines Materials. Die alles, was aus Plastik ist, verdammen und verteufeln. Die völlig intakte Plastikdosen aus der Küche verbannen und stattdessen Behälter aus Glas kaufen, mit denen sie dann bei Instagram posieren. Und auf Twitter, das gibt es auch. Es ist nicht jeder so rational wie du. Du hast diese Häme nicht verdient.

Ich sehe dich an und werde traurig. Über zwanzig Jahre warst du mir treu. Und jetzt bist du kaputt. Nach vielen tausend Malen, die du auf und zugeklappt wurdest, ging dein Deckel ab. Eigentlich müsste ich dich wegschmeißen, denn was soll man mit einer Dose ohne Deckel? Wer kann denn sowas noch gebrauchen?

Die Spatzen können es! Und die Meisen! Als Vogeltränke ist so eine Dose ohne Deckel noch wunderbar zu gebrauchen, wenn es wieder so heiß wird. Warum ist mir das nur nicht gleich eingefallen?

Fundstücke 67 – Die dünnen Damen

Kürzlich war ich mal wieder im Urlaub an der Ostsee. Wie so oft wurde es beim Kofferpacken etwas hektisch und es kam, wie es kommen musste: Ich habe meine Begleiterin vergessen. Die dicke Dame stand tatsächlich bei mir im Regal – dachte ich zumindest.

Die dicke Dame bei einem früheren Aufenthalt an der Ostsee

Zu meiner großen Überraschung traf ich sie dann jedoch in Travemünde. Sie war mit einer Freundin unterwegs, die sie in der Gruppe „Radikale Clubdiät“ kennengelernt hatte und – was soll ich sagen: Beide Damen hatten es dort übertrieben.

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Ich hatte nach unserer Heimkehr ein ernstes Gespräch mit meiner langjährigen Gefährtin und sie hat mir versprochen, mit diesem Unsinn aufzuhören. Auch wird sie sich künftig nicht mehr derartig zur Schau stellen – auch nicht für 550 Euro.

Gegen die Wärme: Wasserschönheiten

Es ist unglaublich heiß in Frankfurt. Viel zu heiß. Gut, heute nicht mehr ganz so schlimm. Aber doch so, dass ich was wrfrischendes posten möchte. Eis habe ich nicht, also gibt es mal wieder Blumen:

Im Palmengarten gibt es nicht nur Rosen oder Kakteen zu bewundern, auch die wasserliebenden Pflanzen haben ihren Platz. Da es auch schon sehr warm war, als wir den Garten besuchten, freuten Kerstin und ich uns über ein Schattenplätzchen an einem Wasserlauf. Hier gab es Wasser- oder Sumpflilien:

Der dazugehörige Graben ließ mich lächelnd daran zurückdenken, wie gerne ich als Kind an solchen Gewässern gespielt habe. Das kam im Palmengarten natürlich nicht in Frage – ich hatte ja auch keine Gummistiefel dabei.

Später fanden wir in einem großen Wasserbecken auch Seerosen – die mag ich besonders gerne. Sie zeigtne sich auch mal freundlich und ließen sich fotografieren: Sonst haben sie sich oft schon in uneinsehbare Ecken verkrochen, wenn ich um die Kurve kam, gerade so als hätten sie keine Wurzeln, sondern Paddelfüße.

Interessant finde ich auch, wie diese Pflanzen Wasser auf ihre Blätter laden und mit sich herumtragen. Es sieht schön aus, wenn sich das Wasser in glitzernden Pfützen sammelt.

Ich war übrigens auch dieses Jahr im Palmengarten fast nur im Außenbereich unterwegs. Die Palmen- und Kakteenhäuser, die Wüsten und all die anderen spannenden Sachen habe ich wieder einmal links liegen gelassen. Das Wetter war einfach zu schön.

Fundstücke 66 – Fakten über das Sterben

Kürzlich sah ich auf einem kleinen Markt in Köln diese freundliche Warnung, die an einem Stand mit Lederwaren hing:

Ganz abgesehen davon, dass es ein Jammer ist, dass solche Schilder überhaupt nötig sind, finde ich diese Botschaft sehr logisch. Denn wer da klaut, stirbt. Und wer da nicht klaut, auch. Irgendwann auf jeden Fall.

Graubrot

Manchmal löst ein Bild etwas in einem aus – ein Gefühl oder eine Erinnerung. Bei mir war es kürzlich das Regal in einer norddeutschen Bäckerei, dass beides in mir bewirkte: Eine Erinnerung an meine Kindheit und ein glückliches Gefühl. Denn in der Bäckerei gab es Graubrot – Massen von Graubrot. So wie früher bei uns.

Aus irgendeinem Grund hatte meine Mutter früher einen Hang zu dieser unspektakulären Speise. Graubrot war bei uns, sogar noch vor den Kartoffeln, das Nahrungsmittel Nummer eins. Morgens und abends gab es Brot. Größtenteils mit Wurst oder Käse, aber auch mit Marmelade und Nutella. Manchmal gab es als Ergänzung Schwarzbrot oder Toast, immer gab es Graubrot. Jeden Tag. Die Brotmahlzeiten habe ich als Kind nie hinterfragt und mache es jetzt zuhause ähnlich – ich liebe Brot. Doch eines gibt es jetzt bei mir nie: simples Graubrot.

Es ging so in etwas mit zehn Jahren los, dass mir das öde Zeug zum Hals raushing. Ich begann zu nörgeln, fragte nach Dreikornbrot, ganz verwegen auch mal nach Fünfkorn – welch Revolution. Wenn ich lange genug genölt hatte, wurde mal eines dieser modernen Brote gekauft und wenn das aufgegessen war, gab es wieder … jaaa, genau, richtig – Graubrot! Also aß ich verstärkt Schwarzbrot und nörgelte erfolglos weiter. Erst in späteren Jahren begannen meine Eltern, andere Brote auszuprobieren, und da meine Schwester in einer Bäckerei arbeitet, wurde meine Mutter irgendwann richtiggehend mutig. Da war ich aber längst zuhause ausgezogen.

Die Bäckerei mit dem vielen Graubrot löste in mir also diese Erinnerung aus – an unzählige Frühstücke und Abendbrote zuhause in der Küche. Ich hörte wieder unser Radio dudeln – Radio Bremen 1 Hansawelle, sah die Aufschnittdose mit der alten Wurstgabel, das Käsemesser, den Brotbehälter von Tupperware. Ich erinnerte mich an unsere Brotbrettchen und an die Bretter in Form von Tomate und Paprika, die als Dekoration immer an der Küchenwand hingen. Und ich hatte den Geschmack von trockenem Graubrot im Mund.

Gerade die Erinnerung an diesen Geschmack war es, der das Glücksgefühl in mir beflügelte: Denn zum einen hatte ich eine gute Kindheit mit einer wunderbaren Familie, vielen gemeinsamen Mahlzeiten und Tischgesprächen. Und zum anderen kann ich mir inzwischen mein Brot selber aussuchen. Heute hatte ich den Rest einer Kornecke – mit ganz vielen Körnern und Karotten. Was es morgen gibt, weiß ich noch nicht – auf jeden Fall kein Graubrot.

Schön ausgedrückt: Hummel, Hummel!

Kürzlich fiel mir dieser alte Schlachtruf der Hamburger wieder ein: „Hummel, Hummel!“ brüllte mein Vater, wenn wir mit dem Zug bei meiner Tante in Hamburg ankamen, und „Mors, Mors!“ lautete die Antwort. Schon als kleines Kind habe ich darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeuten soll. Natürlch weiß ich, was ein Mors ist – das ist schlicht die plattdeutsche Bezeichnung für ein Hinterteil. Weiter verfolgt habe ich das aber nicht. Erst am letzten Wochenende fiel mir diese Frage wieder ein, und zwar aufgrund dieses Fotos aus dem Palmengarten:

Pfingstrose mit Hummel

Und so habe ich die allwissende Wikipedia befragt und die Auskunft bekommen, dass dieser sog. „Hamburger Gruß“ auf Johann Wilhelm Bentz, genannt Hans Hummel, zurückging. Dieser war wohl ein eher mürrischer Geselle und wurde häufig von Kindern gefoppt, die ihm „Hummel, Hummel!“ hinterherriefen. Seine Antwort „Mors, Mors“ würde heute wohl so viel wie „Am Arsch, ey!“ bedeuten. Der „Hamburger Gruß“ ist heute nicht mehr gebräuchlich, an ihm erkennt man den bemühten Touristen. Der normale Hamburger grüßt anständig mit „Moin“ – womit auch sonst?

Hans Hummel hatte übrigens den schweren Beruf des Wasserträgers, war in seinen letzten Jahren arbeitslos und starb 1854 verarmt mit 67 Jahren. Er lebt jedoch in zahlreichen Denkmälern weiter, außerdem existieren 100 bemalte Skulpturen von ihm, die 2006 zugunsten von Obdachlosen versteigert wurden. Wenn ich das lese, würde ich mir wünschen, dass die Hamburger ihm zu Lebzeiten genauso viel Respekt entgegengebracht hätten wie nach seinem Tod.

Schöne Pfingsten 2019

Auch in diesem Jahr habe ich zu Pfingsten ein paar Pfingstrosen für euch – diese prächtigen Exemplare fand ich im Palmengarten.

Es gibt seit einigen Jahren tatsächlich einen Pfingstrosengarten dort im Palmengarten, wo es verschiedenste Arten dieser wunderbaren Blumen gibt. Einge Sorten waren schon fast verblüht, andere kamen gerade so richtig in Schwung.

Pfingstrose Lachs

Natürlich ist der Palmengarten nicht nur wegen der Pfingstrosen zu dieser Jahreszeit einen Besuch wert, aber sie sie sind schon ein echtes Hightlight für mich. Einige weitere Aufnahmen kommen in den nächsten Tagen – bin halt eine Blumenknipserin.

Und wer von meinen Frankfurter Lesern dieser Tage noch Zeit und Muße hat, der möge einfach mal selber gucken gehen. Ein Bummel durch einen botanischen Garten ist doch eine schöne Art, einen Feiertag zu verbringen.

Lebendiges Frankfurt

Aus irgendeinem Grunde hat mein geliebtes Frankfurt innerhalb Deutschlands den Ruf, dass es hier nur Banken und einen Flughafen gibt. Bekomme ich Besuch, der erstmals für länger in der Stadt ist, bemerke ich immer großes Erstaunen darüber, dass es hier an vielen Stellen doch sehr grün ist. Ich weiß, wovon ich rede – wohne ich doch hier in Oberrade quasi eingeklemmt zwischen Käuterfeldern und Stadtwald.

Brombeerblüte mit Pinselkäfer

Nachdem es letztes Wochenende so unerwartet warm geworden war, bummelte ich mit meiner Freundin Kerstin durch die Felder hinunter zum Main – natürlich zur Aufnahme einer kleinen, bescheidenen Mahlzeit. Hier fanden wir allerhand Lebendiges aus Flora und Fauna. Eine meiner Lieblingsblumen ist schon immer der rote Mohn. Ich bin froh, dass er derzeit wieder überall ausgesät wird und hoffe, dass das hilft und er wieder Fuß fasst.

Mohnblume mit Kapseln

Sicherlich gibt es in Frankfurt auch die tristen, zubetonierten Ecken – wer einmal in Sossenheim war, weiß, was ich meine. Hier unterhalb des Maines gibt es aber wirklich nichts zu meckern. Sogar Fliegen, mit denen meine Kindheit so überreichlich gesegnet war, gibt es hier.

Brombeerblüte mit Fliege