Du kannst einfach nicht widerstehen …

Sooo, diese Aufgabe ist ja einfach. Die Frage lautet, wo kannst du einfach nicht widerstehen. Also du, das bin in diesem Falle ich. Nun ja, Schokolade halt. Zumindest, wenn sie vor mir liegt. Wenn ich dafür aufstehen muss, ist das schon etwas anderes, weil faul bin ich ja auch. Also kann ich doch widerstehen, zumindest manchmal.

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Und dann sind da noch Notizbücher. Die sind schon wirklich etwas, was mich anmacht. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht hunderte davon zu kaufen. Ich habe eh schon mehr, als ich in den nächsten 10 Jahren vollschreiben kann. Apropos vollschreiben – dafür habe ich jede Menge Stifte, vor allem Bleistifte und Füller. Und diverse Tinten natürlich, ist ja klar, denn ohne Tinte kann ein Füller nicht schreiben. Rein aus Nachhaltigkeitsgründen und keinesfalls aus lauter Spieltrieb nutze ich keine Plastikpatronen, sondern Tinte im Gläschen, teils mit Glitzer oder zweifarbigem Shading. Für die nächsten 20 Jahre habe ich wohl genug Vorrat. Ist ja auch wichtig, vielleicht wird Tinte irgendwann mal knapp. Kann ja überall mal Not ausbrechen, Lieferengpässe, Lockdowns, was auch immer. Zumindest bezogen auf Notizbücher, Stifte und Tinte bin ich auf alles vorbereitet.

Jaaaa, und dann ist da noch die Wolle. Dieser besondere Stoff, der wächst – mal am Schaf, mal am Strunk – manchmal aber auch künstlich hergestellt oder irgendwie gemixt wird. Je nachdem, was man hat, kann man sie filzen oder stricken. Gut, ja, oder damit häkeln, wenn man denn häkeln kann. Ich habe in der Grundschule mal einen schiefen Topflappen produziert, weitere Erfolge habe ich in Sachen Häkelarbeiten leider nicht vorzuweisen. Denn ich stricke lieber.

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Stricken hilft mir in unruhigen Zeiten, zur Ruhe zu kommen. Tausend Mal die gleiche Bewegung, das hat etwas sehr Meditatives. Ich kann dabei die Gedanken ziehen lassen, mir Geschichten ausdenken oder fernsehen. Ja, genau, Fernsehen, das geht natürlich auch. Muss ja nicht immer alles intellektuell anspruchsvoll sein. Einen Strumpf zu stricken, ist wenig anspruchsvoll, aber man hat hinterher was Warmes am Fuß – sowas Sinnstiftendes kriegt man mit vielen vermeintlich anspruchsvolleren Tätigkeiten nicht zuwege. Wenig Verständnis habe ich hingegen für denn Trend, Bäume oder Laternenpfähle einzustricken. Urban Knitting nennt sich das, oder auch Guerilla Knitting, so als wäre man ein großer Revoluzzer, wenn man einem Brückenpfeiler einen Nierenwärmer umlegt. Das ist irgendwie in Mode und in meinen Augen die Krönung der Sinnlosigkeit. Pure Materialverschwendung. Und Wolle verschwendet man nicht.

Für mich ist es immer etwas ganz Besonderes, Wolle auszusuchen. Damit meine ich nicht nur das in einen Laden gehen und Material zu kaufen, wenngleich das natürlich immer etwas ganz Wunderbares ist. Nein, es ist auch das Auspacken von bestellter Ware. Oder das Untersuchen eines mir völlig unbekannten Wollvorkommens. Zwei Mal schon erbte ich große Bestände an Wolle, für die jemand anderes keine Verwendung hatte. Zwei ganze Säcke voller wunderbarer Überraschungen! Gut, es war auch ein bisschen Gelerch dabei, aber irgendwas ist ja immer.

Stundenlang könnte ich Wolle sortieren, zueinander passende Häufchen zusammenlegen und überlegen, was daraus wohl werden könnte. Und dann eben dieses Auswählen, dieser finale Moment, wenn aus den Plastikkisten im Gästezimmer etwas herausgeholt wird, um zum nächsten Projekt zu werden. Mal ist es ein Knäuel, dann wieder sind es ganz viele, doch egal wie, es ist immer wieder etwas Feierliches, dieser Umzug der der Wolle aus dem Gästezimmer in die Strickarena, mein Wohnzimmer. Ich freue mich dann auf das Kommende, fasse das Material an, freue mich daran.

Ob so ein Wollknäuel auch Gefühle hat? Ob es die Erhabenheit dieses Augenblicks spürt? Es wäre ihm zu wünschen, schon allein damit es die Metamorphose von einem sachlichen, zum Knäuel gewickelten Faden in ein strukturiertes Geflecht aus ineinander verschlungenen, einander liebenden Maschen richtig genießen kann. Vom simplen Bindfaden zur Socke, das ist ein ungeheurer Aufstieg für so eine profane Faser.

Sogar Reste werden bei mir nicht verstoßen, sondern lange Jahre aufgehoben, immer wieder sortiert und kombiniert, bis eines Tages ein neues Modell daraus entsteht. Reste sind doch das Beste, meine Strickjacke könnte ein Lied davon singen, wenn sie denn singen könnte. Und auch, wenn ich für eine Wollsorte bei mir wirklich keine Zukunft mehr sehe, wird sie nicht etwa entsorgt, sondern zur Adoption freigegeben – Wolle sucht ein Zuhause. Über 20 Jahre dauerte es zuletzt, bis ich mich dazu entschließen konnte, einige große Reste weiterzugeben. Kürzlich erst war es soweit, zwei Taschen Wolle gingen zu einem Sozialprojekt, bei dem ein für Menschen stricken, die es nötig haben. Auf diese Weise wird also auch meine Restwolle noch einmal zu Ruhm und Ehre kommen. Das macht mich wirklich froh.

Gespräch auf der Parkbank

Der foilgende Text entstand als Hausaufgabe in einem Schreibworkshop. Wir sollten ein Gespräch auf einer Parkbank führen, mit einem Menschen oder ener Figur, die einem persönlich wichtig ist. Wie so oft war mir diese Aufgabe zu persönlich, ich kehre mein Inneres nicht so gerne nach außen. Und so löste ich die Aufgange einfach anders, aus purer Lust am Quatsch …

Parkbankgespräch

„Liebe Zuhörer:innen, herzlich willkommen zu einer ganz besonderen Ausgabe unserer Parkbankgespräche. Nicht nur haben wir einen ganz besonderen Gast, zusätzlich findet unser heutiges Gespräch nicht wie sonst auf einer Bank im Frankfurter Palmengarten statt, sondern wird von einem kleinen Rettungsboot mitten im Atlantik aus geführt. Vielen Dank übrigens an die Besatzung der „Rainbow Warrior“, die eine halbe Seemeile von hier bereitliegt, um uns nach Abschluss unseres Gesprächs wieder an Bord zu nehmen und sicher in den nächsten Hafen zu bringen. Und nun begrüße ich, zugegebenermaßen ein wenig aufgeregt, unseren Gast: Hallo und guten Tag, Moby Dick!“

„Guten Tag!“

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„Herr Dick, Sie erfreuen sich seit vielen Jahrzehnten einer ungebremsten Berühmtheit, Umfragen zufolge kennen über 80% der europäischen Bevölkerung Ihren Namen und würden Sie erkennen, wenn sie Sie auf der Straße treffen würden. Ihre Lebensgeschichte wurde gleich mehrfach verfilmt. Wie gehen Sie damit um?“

„Ach wissen Sie, wenn man so aussieht wie ich, wird man auch ohne Film und Fernsehen immer erkannt. Ich habe mich damit abgefunden, mich nie ohne großes Aufsehen im Meer bewegen zu können. Mit dem Alter kommt da eine gewisse Gelassenheit. Und ich gönne es allen Kulturschaffenden, dass sie mit Hilfe meiner Geschichte ihr Brot verdienen können.“

„Erhalten Sie denn einen gerechten Anteil an den Erlösen? Wie ist das mit den Tantiemen?“

„Geld interessiert mich nicht. Ich habe ja nicht einmal Taschen, die ich mir damit vollstopfen könnte. Insofern – geschenkt!“

„Hmmm, ja, interessanter Punkt, das mit den Taschen. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Denken Sie denn, dass die Anteilnahme an Ihrem Leben dazu beigetragen hat, dass die Menschen Wale inzwischen mit anderen Augen sehen?“

„Nein, das glaube ich eher nicht. Dieser Erfolg ist sicherlich mehr auf romantische Darstellungen von Walen zurückzuführen, z. B. in Star Trek oder Free Willy. Auch Umweltschutzorganisationen haben dazu beigetragen. Hinzu kommt, dass Waltran inzwischen nicht mehr so gefragt ist. Rapsöl ist viel billiger, und für Ambra gibt es Alternativen aus dem Labor. Meine Geschichte lehrte die Menschen vielmehr das Gruseln und zeigte, dass jedes Handeln irgendwann Konsequenzen hat.“

„Wie meinen Sie das genau?“

„Naja, Käptn Ahab hat mich jahrelang mit seinem sinnlosen Hass verfolgt. Viele Narben, die Sie hier sehen, verdanke ich ihm. Zuerst habe ich versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Als dass nichts half, habe ich ihm als kleine Warnung ein halbes Bein abgerissen. Sie müssen zugeben, dass das als Äußerung meines Unmuts durchaus hätte verstanden werden können. Aber auch das hat ihn nicht gebremst, ganz im Gegenteil. Der Mann war ja regelrecht besessen von mir.“

Nicht der Atlantik, sondern Borkum

„Ja, er scheint eine gewisse Wahnhaftigkeit an den Tag gelegt zu haben, das ist in der Tat belegt und anerkannt. Aber tat es wirklich Not, gleich sein ganzes Schiff mit Mann und Maus zu versenken?“

„Jaja, ich weiß, die ewige Frage nach der Verhältnismäßigkeit und den unschuldigen Opfern. Darüber habe ich später oft nachgedacht. Gab es Unschuldige auf diesem Schiff? Haben sie sich nicht alle mit diesem wahnsinnigen Mörder gemein und sein Anliegen zu ihrem gemacht? Ich weiß es nicht. Und wenn man jahrelang verfolgt wird, nicht nur mit Kameras, wie heute, sondern lebensbedrohlich, dann liegen natürlich irgendwann auch die Nerven blank. Und dann denkt man halt, jetze isses mal grad gut und schlägt zurück. Und wenn man meine Kraft und Statur hat, geht dabei leicht was kaputt. Manchmal sogar mehr, als man erst denken würde.“

„Herr Dick, nach der Aktion mit dem versenkten Schiff hatten Sie viel negative Presse. Von Untier war die Rede, und noch andere unschöne Begriffe sind gefallen. Hat Sie das verletzt?“

„Ja, natürlich hat mich das getroffen, was für eine Frage! Man müsste ja ein Herz aus Stein haben, wenn einen das ungerührt ließe. Aber das ist Vergangenheit, Ich sehe inzwischen lieber nach vorn. Heute sind es nur noch die Kälber, die sich über mich lustig machen, genauer gesagt, über meinen Namen. Aber da sage ich immer, lieber Dick als Doof.“

„Also ein optimistischer und durchaus humorvoller Blick in die Zukunft, da freut mich. Kommen wir also zu unserer letzten Frage. Wie immer geht es dabei um einen persönlichen Wunsch. Wenn Sie also frei von allen Zwängen wären, was würden Sie gerne einmal tun?“

„Oh, das ist aber eine intime Frage. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Schon seit ich ein Kalb war, würde ich gerne einmal Kettenkarussell fahren. Das steht neben vielen anderen Dingen ganz oben auf meiner Bucket List.“

„Oh ja, das habe ich auch immer geliebt. Wir werden sehen, ob wir vom Sender Ihnen dabei behilflich sein können. Lieber Herr Dick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch, heute von unserer aufblasbaren Parkbank mitten im Atlantik.“

Mein erster Raglan-Pullover

In Pandemie-Zeiten stricke ich deutlich mehr als sonst und neben den üblichen Socken laufen noch immer die Projekte „Bestandsabbau“ und „Resteverwertung“. Dazu wollte ich etwas Neues lernen und mich mal an einem Raglan-Pulli versuchen. Das sind diese Oberteile, die nicht aus vier mehr oder minder rechteckigen Teilen bestehen, sondern die mit Schrägungen gearbeitet werden, sodass das Muster „eckig um die Schultern läuft“. Man kann das von oben oder von unten machen, alle Teile einzeln stricken oder alles in einem Stück.

Als Material suchte ich mir einen meiner merkwürdigen Restbestände aus: Vier Einzelknäule einer jeweils einfarbigen Schachenmayr Sockenwolle mit Baumwolle und Stretch, die eigentlich mal ein Kinderpulli hatten werden sollen. Bei der Größe, die das Kind inzwischen hat, hätte das jetzt nur noch für Ohrenwärmer gereicht. Hinzu kamen jeweils zwei Knäule in gelb-bunt und rot-bunt der Marke Bärengarne. Das sollten mal Schals werden. Diese Karriere blieb der Wolle verwehrt, sodass sie hier ebenfalls ihren großen Auftritt haben sollte. Als Muster wählte ich einfache Streifen, denn wenn ich mir schon mit einer unbekannten Stricktechnik die Finger brechen würde, sollte nicht unbedingt noch ein schwieriges Muster dazukommen.

Ich entschied mich für eine Raglan-Mischform, strickte zunächst Vorder und Rückenteil bis zum Beginn des Armausschnitts sowie zwei kurze Ärmelchen (ich trage gerne Dreiviertelärmel, die passen zu fast jedem Wetter). Dann hängte ich alles zusammen auf eine lange Rundnadel. Puh, was ein Geschlacker – 580 Maschen waren das insgesamt. Und dann kämpfte ich mich durch diese unendlich langen Reihen und nahm schön gleichmäßig in jeder zweiten Reihe 8 Maschen ab. Das war eigentlich nicht schwierig. Trotzdem wird das eher nicht meine Lieblingstechnik, denn obwohl die Wolle fein und entsprechend leicht war, lag das ganze Gedöns doch irgendwie schwer auf der Nadel.

Etwas geärgert hat mich zum Schluss der Halsauschnitt: Zuerst war er viel zu groß. Ich musste beim Anprobieren an eine Verwandte denken, die grundsätzlich nichts, was mal fertig war, wieder aufgeribbelt und neu gemacht hat, wenn es nicht saß. Sie zog es vor, eine Kordel durch derartige Ausschnitte zu ziehen und das Werk mit einer Schleife auf die richtige Größe zurechtzuschnüren. „Kannst ja ein Band durchziehen“, war bei uns zuhause ein geflügeltes Wort, und das war nie als ernstzunehmender Ratschlag gemeint. Also ribbelte ich zum ersten Mal, strickte noch drei Streifen, kettete nochmal ab. Gut, es passte besser, aber der Ausschnitt klappte sich irgendwie ein. Ich vernähte den Faden trotzdem und redete mir ein, dass sich das am Hals schon zurechthängen würde. Die Tatsache, dass ich den Pulli im Wohnzimmer liegen ließ und auch den Rest der rot-bunten Wolle nicht wegräumte, zeigte mir deutlich, dass das noch nicht das Ende dieser Geschichte war. Heute morgen fummelte ich also die Blende nochmal auf und strickte sie mit einigen Abnahmen neu. Und ja, jetzt passt es. Die Fäden sind vernäht, heute Nachmittag ziehe ich ihn an.

Nachtrag: Das gute Stück kratzt übrigens. Das hätte ich von der Wollmischung nicht erwartet, aber ich bin es gewohnt, dass meine empfindliche Haut bei Strickzeug gerne meckert. Es gibt also man wieder hochgeschlossenes Unterzeug drunter – ist ja genug davon im Schrank.

Nachtrag 2: Ich habe natürlich auch darüber nachgedacht, ob ein Ringelmuster das richtige ist für meine Pummelfigur. Man sagt ja, das sei nicht so. Egal – ich mag Ringel. Und ich finde, mein Pulli kleidet mich gut.

Kampf dem Lotterleben 2

Vor einigen Monaten schrieb ich den Beitrag „Kampf dem Lotterleben“, in dem ich all meine guten Vorsätze für die Zeit der Pandemiebekämpfung aufgelistet hatte. Sport wollte ich treiben, mich immer ordentlich anziehen und, und, und …

Rund zehn Monate später sieht die Sache schon wieder anders aus. Teile des Beitrages könnte man inzwischen umschreiben in „Chronik eines Verfalls“. Anderes hat ganz gut geklappt.

vegetarischer Brotaufstrich

Selbst gemachter Brotaufstrich – rote Bete-Walnuss und Karotte-Champignon. Auch für so etwas war in diesem Jahr plötzlich Zeit.

Fangen wir positiv an: Zum Beispiel die Sache mit den Kontakten. Ich habe meine persönlichen Treffen sehr weit runtergefahren, bin aber trotzdem nicht vereinsamt. Im Sommer nutzten wir mit einigen Freunden ab und zu die Gelegenheit, uns draußen zu treffen, außerdem ging ich da schwimmen und bekam so ein gewisses Maß an Bewegung.

Viele Dinge haben auch online wunderbar geklappt. Ich war noch nie so fleißig, was Schreibworkshops angeht – nach zögerlichem Anfang wurde da irgendwann richtig viel angeboten. Das strukturierte die Abende oder sogar die ganze Woche, schließlich musste man am Wochenende Hausaufgaben machen. Online-Spieleabende, gemeinsam Distanz-Fernsehen (und per WhatsApp das Gesehene diskutieren) oder einfach nur mal wieder lange telefonieren, all diese Dinge halfen mir, die Zeit nicht nur rumzubringen, sondern sie gut zu verbringen. Neues gelernt habe ich ebenfalls – so filzte ich erst kürzlich ein adipöses Seepferdchen.

Auch das Arbeiten im Homeoffice hat gut funktioniert. Ich fand schnell meinen Rhythmus – früh anfangen, recht lange Mittagspause, gerne mal zusammen mit Kollegen via Skype, und wenn Feierabend war, war Feierabend. Nur das regelmäßige Wegräumen des ganzen Gedönses zum Wochenende hat genau zwei Mal geklappt, ansonsten steht es im Weg herum. Nun ja – da die Wohnung auch sonst unaufgeräumt ist, kommt es darauf auch nicht mehr an.

Seepferdchen

Gefilztes Seepferdchen. Ein echtes Kaltblut-Seepferd – anders lässt sich diese robuste Figur nicht erklären.

Soweit, so gut also. Nun zu den Dingen, die weniger gut gelaufen sind: Sport. Ach, ach. Anfangs nutzte ich mein Ergometer mehrmals täglich, dann immer weniger. Inzwischen hängen meine ganzen Masken daran, und ein kleines Säckchen für die, die gewaschen werden müssen. Natürlich latsche ich ab und zu draußen herum und die Schwimmbäder nutzte ich, bis sie wieder schlossen, aber fitter bin ich ganz bestimmt nicht geworden.

Und auch ganz bestimmt nicht besser angezogen. Heil und sauber, diese Devise gibt es zwar immer noch, aber ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich rumlaufe wie die letzte Trümmerlotte. Noch halte ich dagegen, aber es ist nicht immer leicht. So passierte es mir nach Weihnachten, dass plötzlich keine reine Jogginghose mehr im Schrank war. Alle in der Wäsche oder besser gesagt, feucht auf dem Wäscheständer. Ich tastete alle Modelle ab – vielleicht konnte man eine am Leib trocknen lassen? Doch da ich meinen Arbeitstag nicht mit nassem Hintern verbringen wollte, sah ich von der Möglichkeit ab. Kurzfristig überlegte ich, ob ich einfach die Schlafanzugshose anlassen sollte. Sieht ja keiner im Homeoffice. Dann rief ich mich zur Ordnung und spähte nochmal in den Schrank. Schließlich hatte ich Schlafanzugstage gleich zu Beginn des Corona-Desasters explizit ausgeschlossen. Schweren Herzens beschloss ich, eine Jeans anzuziehen – schließlich wollte ich auch noch einkaufen. So gab es also auch noch einen BH sowie statt der üblichen Wollstrümpfe Socken, mit denen ich in die Schuhe passe. Und ein Shirt, das nicht aussieht, wie schon drei Jahre in der Wüste getragen. Ich muss da wirklich mal aussortieren, denn ich trage jetzt seit fast einem Jahr immer nur die Klamotten, die vorher eigentlich schon reif für den Altkleidersack waren.

Ich ging also gestern ordentlich angezogen einkaufen und brachte auch „vernünftige“ Sachen mit. Also Obst, Gemüse, was Frisches halt. Denn ich ertappte mich in der letzten Zeit auch schon ein paar Mal dabei, dass ich zu faul zum Kochen war und eigentlich gerne eine Dose aufgerissen hätte. Zum Glück habe ich immer nur sehr wenig Fertiggerichte im Vorratsschrank, sodass das im Moment nicht mehr möglich ist – Dosenessen ist alle und wird auch erst mal nicht nachgekauft. Und so kommen wir wieder zu den Sachen zurück, die gut gelaufen sind in der Pandemie: Ich habe ganz viele neue Dinge gekocht und gebacken. Nichts war misslungen, alles lecker und sicher auch leidlich gesund, mal abgesehen von der Schokoladen-Sahnetorte. Die war nur lecker. Und das ist ja auch schon was.

gefüllte Champignons

Gefüllte Champignons im Kartoffelnest – das beste Resteessen des Jahres 2020.

Nachtrag: Ich habe aus der Misere gelernt und heute neue Jogginghosen bestellt. Dafür werfe ich die, die man beim Laufen immer festhalten muss, endgültig weg. Auch das Shirt mit dem hautfarbenen Fleck (= Loch auf dem Bauch) darf endlich gehen – es hat seine Schuldigkeit getan.

Christrosen

Im Schreibworkshop sollten wir eine (weihnachtliche?) Geschichte über eine Winterpflanze schreiben. Ich entschied mich aus diversen Gründen für die Christrose …

Christrosen

Geliebte Christrosen

So, Herbert, das war’s. Das war das letzte Mal, dass ich Heide auf dich draufgepflanzt habe. Im März sind es 20 Jahre, die du hier liegst, dann machen wir das Grab weg. Man muss die Sache ja nicht unnötig in die Länge ziehen, und nochmal so viel Geld für dieses kleine Stück Acker bezahlen, wollte ich auch nicht. Wer weiß denn auch, wie lange ich es noch mache? Am Ende kommen die noch auf die Idee und legen mich nach meinem Ableben neben dich. Nein, nein, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, lieber lasse ich dein Grab planieren und fahre von dem gesparten Geld nach Bad Gögging zur Kur. Tanztee und Thermalbad, das wär‘ doch mal was. Seitdem du nicht mehr bist, kann ich mir ja ab und zu mal etwas gönnen.

Die Christrosen sehen schon gut aus in diesem Jahr, die blühen zu Weihnachten bestimmt wieder schön. Christrosen hast du geliebt früher, die hatten wir damals schon im Garten. Seitdem du hier liegst, hast du jedes Jahr diese eleganten weißen Blumen auf deinem Grab, direkt vor dem Stein, eingerahmt von etwas lila oder dunkelroter Heide. Die mochtest du nicht so gerne, aber das ist egal, schließlich muss ich mir das angucken und nicht du. Ich mag es bunt. Ja, ich weiß, fröhliche Farben mochtest du nie, du fandest alles Bunte ordinär und hättest mich am liebsten immer nur in Grau gesehen, aber ich sehnte mich schon damals nach Farben und Freude in meinem Leben. Freude, das war dir leider ein Fremdwort, zumindest, wenn jemand anderes etwas Freude haben wollte. Bei dir selbst sahst du das nicht so kritisch, du warst den Genüssen nicht so abgeneigt. Egal, ob es ums Essen oder Trinken, um Kleidung oder hübsche Sekretärinnen ging: Für den Herrn bitte nur das Beste. Die Kinder und ich hingegen sollten bescheiden sein, anständig, diszipliniert und vor allem leise.

Christrosen

Aber ich will nicht bitter klingen. Es war schon in Ordnung für mich, dir die letzten 20 Jahre deine Lieblingsblumen zu bringen und zu pflegen. Ich mag sie ja auch, die Christrosen, und das nicht nur, weil sie so rein und weiß sind, sondern vor allem wegen ihrer anderen Eigenschaften. Sie sind so herrlich giftig, Wurzeln, Blätter, Blüten, einfach alles an ihnen. Das kam mir gelegen, hatten wir doch reichlich von ihnen im Garten. Nur fünf von ihnen habe ich verarbeitet, nicht wissend, was wohl das beste Rezept sein könnte. Deshalb habe ich sie getrocknet, gestampft, gemörsert, Teile von ihnen gekocht, andere eingelegt und destilliert. Und so habe ich den herrlichsten Kräuterschnaps hergestellt, den man sich denken kann.

Ich wusste, dass du dir gar nichts aus Kräuterschnaps machst. Ich wusste aber auch, dass du niemand anderem etwas gönnst. Also habe ich meinen Schnaps in kleine Flaschen gefüllt und gesagt, er wäre für die alten Leute im Heim. Für die, die arm sind und nie Besuch bekommen. Also für jemand anderen als für dich. Als du das verstanden hast, gab es für mich ein blaues Auge – übrigens das letzte meines Lebens. Und dann hast du dir, rein aus Trotz, gleich drei Fläschchen meines wunderbaren Christrosenschnapses reingelötet, ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann ging es schneller, als ich gedacht hätte: Du bist einfach tot umgefallen. Mit dem Kopf bist du im Glastisch im Wohnzimmer gelandet, sodass ich das hässliche Ding auch gleich entsorgen konnte.

„Herzinfarkt“, hat Doktor Wolter auf den Totenschein geschrieben und mir was zum Kühlen für mein Auge gegeben. Den Rest vom Christrosenschnaps hat er mitgenommen und wahrscheinlich entsorgt, wir haben zumindest nie mehr davon gesprochen- Aber er lobt immer wieder die geschmackvolle Bepflanzung deines Grabes. Ich glaube, er mag auch Christrosen.

Weihnachtsmann gesucht

„Himmelherrgottnochmal, was ist denn das alles hier? Wer hat denn das sortiert? Ist das der Ausschuss, oder was soll das sein? Sören! Sööören!“

Endlich erscheint mein Assistent. Er kennt mich, wenn ich schlechte Laune habe, und streckt entsprechend vorsichtig seine Nase durch einen schmalen Türspalt.

„Was is?“

„Was is? Was is? Mehr fällt Ihnen nicht ein? Was ist denn das hier? Haben Sie mir die Bewerbungen auf den Tisch gelegt? Als was bewerben diese Leute sich denn, als Luftpumpen? Oder als Geburtshelfer, wegen der besonders kleinen Hände? Wir suchen Weihnachtsmänner, Himmelnochmal, Weihnachtsmänner, Nikoläuse, wie auch immer Sie das nennen wollen. Diese Leute hier taugen noch nicht einmal als Engel im kurzen weißen Hemd! Geben Sie es zu, Sie haben die Stapel verwechselt – die echten Bewerbungen sind noch in Ihrem Büro!“

Weihnachtslandschaft

Sören wirkt erschüttert, aber das kenne ich schon von ihm. Er ist ein echter Sören, von Helikoptereltern mit Bio-Nahrung liebevoll aufgepäppelt, Waldorf-beschult und immer wieder verblüfft darüber, dass das wahre Leben nicht auf ihn wartet. Auch jetzt steht echtes Unverständnis in seinen seelenvollen Kinderaugen – dabei ist der Bengel schon 26.

„Nein, ich habe nicht den falschen Stapel genommen. Es sind alle. Mehr Bewerbungen gab es nicht.“

Fast habe ich das befürchtet, trotzdem bin ich einer Ohnmacht nahe. „Wie, das sind alle? Das kann doch nicht sein. Das sind nur junge Burschen, von der Figur her 60-90-60, wahrscheinlich singen die alle noch im Sopran. Sogar drei Weiber sind dabei – Frau-en! Die sind vom Foto her noch das männlichste im ganzen Sortiment. Haben Sie nichts anderes zu bieten? Ist das wirklich alles? Letztes Jahr haben Sie mir schon Heringe präsentiert, dieses Jahr reicht es gerade noch für Ölsardinen. Das kann nicht ihr Ernst sein!“

Sören zuckt die Schultern. „Doch, mehr ist nicht. Wir haben das angebotene Gehalt erhöht und die Anforderungen sehr genau in die Ausschreibung geschrieben: Groß, von stattlicher Gestalt, mit dunkler Stimme und am liebsten mit Naturbart. Und wir haben tatsächlich acht Bewerbungen mehr als letztes Jahr.“

Ich stöhne – acht Nieten mehr im Lostopf. Wenn man nicht alles selber macht! Ich bin verantwortlich für die Beweihnachtung des größten Möbelhauses im Schwarzwald, und alles, was man mir liefert, sind magere Studenten und drei größenwahnsinnige Weiber! Ich bin echt in Not! Meine Gedanken rasen, ich brauche einen Ausweg.

„Rufen Sie Liechtenstein an, sofort!“, herrsche ich Sören, diesen Ausgangspunkt allen Ungemachs an. Der nickt und schließt eilig die Tür hinter sich zu. Während ich angestrengt über weitere Alternativen nachdenke, öffnet sich die Tür wieder. Dieses Mal ist der Spalt noch schmaler. „Was ist?“, maule ich und überlege, theatralisch mit meinem Locher zu werfen. Schon wieder Sören.

„Ähhh, Entschuldigung, wen soll ich denn anrufen?“

Hat der mir etwa nicht zugehört? „Liechtenstein!“, belle ich und er nickt. Dann zuckt er, wenn ich das durch die schmale Türöffnung richtig sehe, wieder mit den schmalen Schultern.

„Ähh, ja, und wen da genau?“

„Wie, genau?“

„Ja, in Lichtenstein. Wen genau soll ich da anrufen?“

Himmel, ist der Junge blöd. „Sie sollen nicht in Lichtenstein anrufen, sondern den Liechtenstein. Friedrich Liechtenstein, den aus der Werbung, mit Bauch und Bart und Bass. Supergeil, sagt er da immer. Den will ich haben!“

Sören scheint ein Licht aufzugehen. „Ach sooo, den meinen Sie. Ja, der passt gut. Aber da müssen wir sicher die Gage nochmal erhöhen, für 10 Euro die Stunde macht der das bestimmt nicht.“

Verdammt, da könnte er Recht haben. Egal, entscheide ich, ich brauche vernünftige Weihnachtsmänner. „Geld spielt keine Rolle“, behaupte ich also großmütig. „Rufen Sie seine Agentur an, die müssen doch wissen, ob er im Dezember frei ist.“

Während Sören im Nebenzimmer telefoniert, sehe ich den Stapel der Bewerbungen nochmal durch. Das ist nichts, aber auch wirklich gar nichts dabei. Unruhig warte ich darauf, dass mein Assistent zurückkommt, und überlege mir schon, was ich ihm alles an den Kopf werfen könnte für den Fall, dass Liechtenstein keine Zeit hat. Es dauert ewig, bis er wiederkommt, aber da ich ihn ununterbrochen telefonieren höre, warte ich ab. Hab ja schließlich auch noch anderes zu tun. Glühweinstände buchen, zum Beispiel. Glühwein ist unglaublich wichtig für die deutsche Seele.

Endlich geht die Tür wieder auf. Ich sehe knurrig in Sörens Richtung. Dieses Mal ist er deutlich mutiger und tritt ganz in mein Büro. Er wirkt zufrieden mit sich.

„Herr Liechtenstein ist im fraglichen Zeitraum leider nicht frei, er ist auf Kur. Ansonsten würde er gerne den Weihnachtsmann für uns geben. Ich habe ihn für das nächste Jahr vorgemerkt!“, verkündet er fast eine Spur stolz. „Aber ich habe drei weitere Männer gefunden, die auf unser Anforderungsprofil passen und zur Weihnachtszeit gerne nach Deutschland kommen werden. Wir müssen Ihnen nur noch eine Unterkunft mieten, zusätzlich zur Gage natürlich. Und ihre Familien wollen sie mitbringen.“

Irgendetwas klingelt warnend in meinem Kopf. Unterbringung, Familien, Gage – hieß das nicht sonst immer Stundenlohn? Doch ich nicke – ich brauche Weihnachtsmänner. „Wer denn?“, frage ich und klinge wider Willens neugieriger, als gut für mich ist. Triumphierend sieht Sören mich an: „Da sind zum einen Dusty Hill und Billy Gibbons.“

„Wer?“, unterbreche ich verwirrt.

„Dusty Hill und Billy Gibbons. Das sind die beiden irren Typen von ZZ Top. Bessere Bärte gibt es nicht. Alt genug sind sie auch, beide 71. Deutsch können sie nicht, aber für „Ho, ho, ho“ wird es reichen. Und sie bringen ihre Instrumente und ein paar Musiker mit.“

Na bravo, Weihnachten mit Bluesrock. Ich weiß nicht recht, wie gut mir das gefällt, aber die Idee ist unzweifelhaft ganz neu und wird nicht so schnell Nachahmer finden. Die Frage, was die beiden alten Recken nebst Gefolge mich denn wohl kosten werden, verkneife ich mir. „Und wer ist der Dritte?“, frage ich deshalb und bemühe mich, sachlich distanziert zu wirken.

„Tom Kaulitz!“, kräht Sören zu meinem Entsetzen. „Der ist zwar weder dick noch alt, aber dafür bringt er seine entzückende Frau und alle Kinder mit. Die Frau habe ich als Engel und die Kinder als Elfen engagiert!“

Na bravo. Weihnachten mit Germanys first Waldschrat und der Mutter aller Topmodels, und das Ganze begleitet von Bluesrock. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber eines steht fest – die Sache wird Publikum anziehen. Und das werden wir dringend brauchen, bei dem was uns die Sache kosten wird. Trotz des zu erwartenden finanziellen Fiaskos bin ich merkwürdigerweise weihnachtlich-milde gestimmt und entschließe mich, meinem Assistenten eine Gehaltserhöhung zu genehmigen. Die hat er sich wirklich redlich verdient.

Zeit zum Teilen

Das Jahr ist irgendwie dahingeglitten, ohne Highlights, mit viel Pandemie-Gerede, Krankheit und Sorgen für Viele. Der Alltag eines jeden hat sich wohl irgendwie geändert. Und ehe man sich versieht, ist plötzlich Vorweihnachtszeit. Dekoration, Backen, Geschenke aussuchen und liebevoll einwickeln.

Und da sind sie wieder, die Sorgen für Viele. Denn nicht jeder hat das Geld für Geschenke. Nun könnte man natürlich sagen, was soll’s, schenkt man einander eben nichts, ist sowieso alles verschwenderischer Schwachsinn und Konsumterror. Aber erklärt das mal einem Fünfjährigen, dass der Weihnachtsmann nur zu den Nachbarn kommt. Oder einer Zwölfjährigen, die zwar schon gelernt hat, dass das Geld zuhause knapp ist, die aber trotzdem hofft.

Auch in diesem Jahr bemüht sich das Frankfurter Kinderbüro darum, dass möglichst jedes Kind zumindest ein schönes Geschenk bekommt. Trotz Corona-Einschränkungen und all den dazugehörigen logistischen Schwierigkeiten, die diese mit sich bringen, wurde eine Möglichkeit gefunden, Kinder zu beschenken. Wieder stehen Weihnachtsbäume oder Körbe mit Geschenkkärtchen in Geschäften und warten darauf, dass jemand sie mitnimmt und einen Kinderwunsch erfüllt. Dieses Jahr muss es etwas anders laufen, die Wünsche sind nicht so individuell wie in den letzten Jahren, doch alle Kinder sollen mit Spielen oder Büchern beschenkt werden können.

Auch in anderen Städten gibt es derartige Aktionen. Sogar in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gibt es inzwischen so einen Baum, der hilft, Kinderwünsche zu erfüllen. Ich würde mich freuen, wenn jeder, der es kann, sich eine oder auch mehr Karten vom Baum pflückt und mithilft, Kindern aus finanziell schwachen Kindern ein schönes Fest zu bereiten. Denn Weihnachten sollte auch ein Anlass zum Teilen sein.

Ich war heute in meiner Mittagspause unterwegs und habe Kärtchen gepflückt. Weil ich’s kann und weil es Freude macht.

Klein sein – Freiheit

„Abendrot gift Water in’n Sod!“ Diese Bauernregel brachte mein Vater jedes Mal an, wenn wir im Sommer über der Weide hinter unserem Haus einen besonders schönen Sonnenuntergang sahen. Schon mit etwa sieben Jahren wusste ich, dass mein Vater diese alten Weisheiten liebte und dass sie manchmal sogar zutrafen. Sie gehörten zu ihm wie sein Fleiß, das laute Lachen, seine Pfeife, die großen Hände und sein Talent als Handwerker.

Mit Papa am Sandkasten

Mein Vater war ein gelernter Schmied. Auch wenn er später als Lokführer unser Brot verdiente, hat er sich die Leidenschaft für das Bearbeiten von Metall doch stets bewahrt. Unseren Garten hatte er so in ein wahres Kinderparadies verwandelt, mit Klettergerüst und Rutsche, Schaukel und Turnstange, Wippe und Sandkasten. Für die Großen gab es auch etwas: Eine Bank und eine große, breite Hollywoodschaukel mit Verdeck. In unserem Garten konnte man also spielen, schaukeln, klettern oder einfach nur müßig herumhängen.

Ich liebte es, dort draußen zu sein. Mal mit der ganzen Meute der Nachbarskinder, aber genauso gerne alleine. Stundenlang konnte ich oben auf dem bunten Klettergerüst sitzen, den Kühen beim Grasen zusehen und meine Gedanken ziehen lassen. Oder ich schaukelte – auf und ab, auf und ab. Die monotone Bewegung beflügelte meine Fantasie und ich war ganz woanders. Stundenlang hielt ich es auf der Schaukel mit den quietschenden Ketten aus – dass davon keiner verrückt geworden ist, ist eigentlich ein Wunder.

Mutter und Tochter auf der Rutsche – man beachte die Strümpfe!

Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit und Jugend, waren die ersten Grundschuljahre eigentlich die allerbeste Zeit. Ständig lernte man etwas Neues und erschloss sich lesend ganze Welten. Die Schule war leicht, fraß nicht zu viel Zeit und störte nicht. Man war schon selbständig genug, um mit den Freunden auf Erkundung zu gehen – und bei uns gab es so viel zu entdecken! Man hatte noch lange nicht alle Abenteuer erlebt und das Leben war aufregend.

Unsere Eltern ließen uns laufen – das war wohl das Wichtigste. Freiheit, Spaß und Abenteuer – wenn ich das nochmal bekommen könnte, würde ich es nehmen. Und eine große, quietschende Schaukel noch dazu.

Wippend mit der Cousine. Im Hintergrund die Baustelle für die „Bude“

Klein sein – ganz grundsätzlich

Ich habe mich ja schon öfter darüber verbreitet, dass ich die Glorifizierung der Kindheit nicht so recht verstehe. Ja, sie war schön, aber manches war auch doof. Essen, was auf den Tisch kommt, zum Beispiel. Und als wir vor einer Weile im Schreibworkshop ganz wenig Zeit hatten, uns zu diesem Thema zu äußern, mopperte ich mal wieder herum 😊

Klein sein

Klein sein war nicht nur gut. Zwar hatte ich nur kleine Sorgen, aber auch nur wenige Mittel, um damit umzugehen. Und die Marschrichtung bestimmten immer die Großen. Ungerecht!, fand ich, und mopperte herum. Aber gut, ohne Verantwortung lässt es sich ja auch gut meutern.

„Diese Welt ist nicht kindgerecht!“, diese Klage gab es damals und es gibt sie noch heute. Für mich allerdings mit dem Unterschied, dass ich der Sache heutzutage durchaus etwas Positives abgewinnen kann. Denn, rein logisch betrachtet, ist man viel länger groß als klein, sodass es nur vernünftig ist, dass die Welt sich eher nach den Erwachsenen richtet. Diese Meinung ist oft nicht populär, aber ich bin inzwischen ein sehr rationaler Mensch.

Als kleines Kind sah ich das natürlich anders. Ich träumte davon, Kinder zu haben, die ich dann herumkommandieren könnte. Nicht mehr in die Schule gehen, sondern einfach zuhause bleiben – das schien mir für eine Weile durchaus erstrebenswert. Ich wollte Hausfrau werden. Ist aber nicht so gekommen, zum Glück. Denn mit den Jahren wurde ich nicht nur größer, sondern erweiterte auch meinen Horizont. Und an dem erschien etwas ganz anderes, als die kleine Meike sich jemals hätte vorstellen können. Die gewünschten Kinder wurden ersatzlos von der Wunschliste gestrichen, das Hausfrauendasein erschien wirtschaftlich unattraktiv. Nur das moppern, das kann ich mir noch immer nicht abgewöhnen.