Fundstück 73 – Das Rührei

20210707_174823Immer mal wieder stoße ich auf Produkte, die in mir pures Unverständnis auslösen. So wie dieses Rührei im Tetra-Pack. Es gibt kaum etwas, das so praktisch naturverpackt ist wie ein Ei, und die schlichten Pappschachteln, in denen sie verkauft sind, sind – im Gegensatz zum Tetra-Pack – wiederverwendbar und receyclingfähig. Ich frage mich, wer diese fünf Portionen Ei wohl kauft.

Als ich meine Zweifel an dem Produkt in einem bekannten sozialen Netzwerk mit Tw… anmerkte, war gleich ein sehr aufgeklärter Mensch zur Stelle, der mir erklärte, dass diese Rühreier für behinderte Menschen quasi unabdingbar seien und ich mal über den Tellerrand gucken solle. Ich konnte da nur müde lächeln, denn natürlich gibt es Produkte, die für alte oder eingeschränkte Personen nützlich sind: Zum Beispiel geschälte Kartoffeln, vielleicht sogar portioniertes Obst, wenngleich mich bei in Plastik verpackten geschälten Orangen immer das kalte Grausen packt. Aber nicht diese Eier – das kann mir keiner erzählen. Denn in der Zeit, in der meine Mutter so unbeweglich wurde, dass sie nicht mal mehr ein Ei aufschlagen konnte, konnte sie erst recht keine heiße Pfanne mehr benutzen. Schon gar nicht für fünf Portionen Rührei. Und da wird sie kein Einzelfall gewesen sein.

Natürlich weiß ich, dass es derartige Dinge nicht gäbe, wenn man nicht einen Markt dafür hätte. Ich wünsche mir also, dass so etwas niemand mehr kauft. Ist natürlich schlecht für die Firma. Aber nun – irgend etwas ist ja immer.

Spätsommergrüße aus dem Dahliengarten

Der Herbst ist da. Pflaumenzeit, Kürbiszeit, Dahlienzeit. Die heutigen Exemplare habe ich größtenteils im Klostergarten in Seligenstadt geknipst.

Diese schönen Blumen erinnern mich immer daran, dass ich vor rund 20 Jahren in der Nähe von München wohnte. Direkt gegenüber von meinem Haus war ein Feld mit Blumen zum Selber schneiden: Gladiolen, Sonnenblumen und zuletzt Dahlien. Das habe ich oft genutzt und mir ein paar Stengel dort abgeschnitten (und natürlich bezahlt!). Seit ich 2003 dort weggezogen bin, habe ich kein derartiges Feld mehr besucht.

Rein aus Neugier habe ich kürzlich gegoogelt und festgestellt, dass da, wo das Feld war, jetzt ein Supermarkt mit Parkplatz ist. Nun ja, wäre ich die Besitzerin dieses Ackers gewesen, hätte ich das wohl auch gemacht – einen Blumenacker nahe München zu haben ist nett, ein Baugrundstück aber netter.

Ein Tag im Opel-Zoo

In der Zeit, in der meine Schwester mich besucht hat, konnten wir dank Prachtwetter auch einmal in den Opel-Zoo in Kronberg fahren. Das ging früher mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so gut, sodass es auch für mich das erste Mal war. Es hat sich aber in jeder Hinsicht gelohnt – der Zoo ist wunderschön angelegt und die Tiere haben viel Platz.

Im Gegensatz zum kleinen Frankfurter Stadtzoo sind die Gehege hier sehr großzügig geschnitten und schön in die Natur eingebettet. Man trabt, dem Rundweg folgend, hügelauf, hügelab, ist mal in der Sonne, mal im Schatten. An vielen Stellen kann man von oben in die Gehege hineinsehen, was wirklich schön ist.

Die Häuser im Zoo hatten coronabedingt noch geschlossen, was nicht schlimm war: Die meisten großen Tiere waren wohl draußen, und das, was uns an Kleingetier oder nachtaktiven Geschöpfen entging, können wir das nächste Mal angucken. Uns war viel mehr danach, das schöne Wetter zu genießen. Da es recht warm war, mussten wir ab und zu was trinken und das geht gut dort: Überall im Zoo gibt es Kioske oder kleine gastronomische Angebote. Wir wählten die mit der schönsten Aussicht und dem meisten Schatten. Trotzdem verbrannte ich mir die Nase.

Die Erdmännchen hatten ein Baby und wieder musste ich feststellen, dass es fast nichts so Niedliches gibt wie Tierkinder. Auch kleine Ziegen und junge Hirsche gab es zu sehen. Ich bin da immer komisch gerührt, obwohl mir die Mutterinstinkte ansonsten ja völlig abgehen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis fand ich alles in allem angemessen, man bekommt schöne Stunden für das Eintrittsgeld von 15,50 € (Kinder zahlen 8,50 €) und auch die Gastronomie fand ich nicht zu teuer. Behinderte ab 80% GdB sind ganz frei (eine evtl. benötigte Begleitperson ebenfalls).  Das finde ich grundsätzlich gut, bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich mit Rollstuhl oder Rollator wirklich gerne durch diesen Zoo laufen möchte: An einigen Stellen geht es schon recht steil rauf und runter. Ich habe beim Runterlaufen manchmal die Stimme meiner Mutter im Ohr gehabt: „Ne! Da könnt ihr machen, was ihr wollt – da fahre ich nicht runter!“

Eine Schweinebauch-Romanze

Ich muss irgendwie meine Pandemie-Lethargie loswerden und habe mich deshalb recht spontan zu einem Schreibkurs angemeldet – eigentlich wollte ich bis Oktober Sommerpause machen. Aber das Thema „Liebe“ ist schon gut für drei vergnügliche Abende.

Dieses Mal bekamen wir 20 Minuten Zeit für eine Mini-Geschichte. Der Eingangssatz war vorgegeben, außerdem gab es alle zwei Minuten ein weiteres Wort, das eingebaut werden sollte. Die schienen sich mir dieses Mal recht gut einzufügen – ich habe sie rot markiert.

Eine Schweinebauch-Romanze

beer-839865_640 3

Alle Bilder ier im Beitrag sind von Pixabay

Erwin K. hatte sich nie für einen Romantiker gehalten. Und auch als er sie traf, diese Frau, die sein Leben künftig durcheinanderwirbeln würde, gab es in seinem Herzen gerade keinerlei poetisches Gedankengut. Ganz im Gegenteil, der erste Satz, den er an sie richtete, hätte prosaischer nicht sein können: „Ich hätte gerne ein Pfund geräucherten Schweinebauch!“, sagte er zu der Frau hinter der Metzgerstheke und diese nickte nur. Was hätte sie sonst auch tun sollen? Er beobachtete, wie ihre geschickten Hände ein Stück fettes Fleisch, in Form und Größe nicht unähnlich einer kleinen Zigarrenschachtel, von einem langen Strang abschnitten. „Ist’s so recht?“, hatte sie gefragt und beim Klang ihrer Stimme war ihm ein leichter Schauer über den Rücken gefahren. Sie hatte eine Stimme wie seine Oma Margarethe, und das war immer seine liebste Verwandte gewesen, natürlich abgesehen von seiner Mutter. Oma Maggie war seine Vertraute gewesen, die Frau, die ihn, das empfindliche Kind, wegen seiner zahlreichen Allergien zum Arzt begleitet, ihm bei den Hausaufgaben geholfen und ausschließlich seine Lieblingsgerichte gekocht hatte. Unter anderem auch Birnen, Bohnen und Speck, das Gericht, dass er sich auch heute kochen wollte und für das er ebendiesen Schweinebauch benötigte. Wenn das kein Omen war!

„Mögen Sie Eintöpfe?“, fragte er deshalb die nicht mehr ganz junge Frau und sie errötete ein wenig, was gut zu ihrem himmelblauen Verkäuferinnenkittel passte. „Oh ja“, antwortete sie, „wer mag die denn nicht?“ „Auch Birnen, Bohnen und Speck?“ Als sie bejahte, hatte er ihr einfach nur eine Karte mit seiner Adresse gereicht und sie für 19 Uhr zum Essen eingeladen. „Ich bin hier von Person bekannt“, hatte er noch gesagt und einmal auf die anderen Verkäuferinnen gedeutet, die kichernd ihr Gespräch verfolgt hatten. „Nicht, dass Sie sich vor mir fürchten. Ich bin kein Lüstling!“ Sie nickte wieder und es war abgemacht. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Digitalanzeige seiner Uhr und eilte los – wenn er noch von den winzigen Birnen kaufen wollte, die es nur am Stand auf dem Rathausplatz gab, musste er sich beeilen.

Einem Instinkt folgend kaufte er auch noch einen 6er-Träger Bier – das schien ihm besser zu dem rustikalen Gericht zu passen als der leichte Weißwein, den er zuhause hatte. Er lief so beschwingt nach Hause, dass er sogar vergaß, die Maske abzunehmen, die seit etwa anderthalb Jahren im Getränkehandel vorgeschrieben war. Er dachte an die Frau, deren Namen er nicht kannte, die weder besonders schlank noch jugendlich aussah und ihm trotz ihres schlecht gefärbten Haaransatzes doch vorkam wie die Frau, auf die er immer gewartet hatte. Das müssen die Pheromone sein, dachte er und ertappte sich bei der Überlegung, ob man diese Lockstoffe in einer Metzgerei überhaupt riechen könne. Vielleicht war er auch schlicht auf die Mischung aus Räuchergeruch und Krautsalat hereingefallen, überlegte er. Doch dann schlugen seine Gedanken wieder die Brücke zu seiner Großmutter und er ahnte, dass es die Stimme gewesen war. Sie hatte nach Geborgenheit geklungen, nach Ruhe und Zuverlässigkeit. Das war es, was er, der Dauersingle, wohl unterschwellig vermisst hatte.

plate-6281740_640

Der Strom seiner Gedanken floss unablässig hin und her – von ihr zu ihm zu Oma zu dem Essen, das er kochen wollte. Er hatte noch nie für jemanden gekocht. Hatte er überhaupt zwei zusammenpassende Teller, die nicht angeschlagen waren? Er wusste es nicht genau. Er machte sich nichts aus Küchenkram, seine Küche enthielt nur das Notwendigste. Anders sah es im Wohnzimmer aus: Das quoll über vor Büchern, Schallplatten, CDs und Erinnerungsstücken an vergangene Kulturereignisse. Die an einer Pinnwand befestigten Konzertkarten waren Zeugen, die seine große Musikleidenschaft in die Welt hinausriefen – eine Welt, in der die Nachbarn kein Verständnis dafür hatten, wenn er seine Musikanlage einmal voll aufdrehte. Es gab noch eine weitere energische Demonstrantin gegen seine Neigung für zu viel Lautstärke: Seine Katze Mörtel, die ihm immer, wenn er es übertrieb, beleidigt die kalte Schulter zeigte. Mörtel war bislang seine einzige Liebe gewesen. Wie würde sie auf eine Konkurrentin reagieren?

Nachtrag:

Das oben erwähnte Gericht „Birnen, Bohnen und Speck“ habe ich in meinem Leben nur einmal gegessen, bei meiner Tante Hilde. Sagen wir mal so: Es wurde kein Favorit. Meine Tante kochte das Gericht nicht so wie in dem Wikipedia-Artikel, sondern eher als Eintopf. Ich glaube, die kleinen Birnen hatte sie im Garten. Diese Variante ist durchaus üblich, hier gibt es ein Rezept dafür:

Lieblingsgedicht

Vor einigen Tagen wurde darüber berichtet, dass sich der Vorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, in einem Interview mit einem Kinder-Reporter der Kindernachrichtensendung „Logo“ nicht mit Ruhm bekleckert habe. Er erklärte dem Jungen, dass in den Schulken wieder mehr über deutsches Kulturgut, insbesondere auch Volkslieder und Gedichte gelehrt werden solle. Als der aufgeweckte Junge dann nach seinem Lieblingsgedicht fragte, fiel ihm keines ein. Also gar keines. Immerhin benannte er als Lieblingsdichter dann Heinrich Heine, was ebenfalls zu Erheiterung in den sozialen Netzwerken führte. Ich habe mich zwar mit Heine noch nicht sooo sehr beschäftigt, weiß über ihn aber genug, um einem Politiker dieser grässlichen Partei gerade diese Neigung nicht so recht abzunehmen.

sutterlin-4984882_640

Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen. Diese Debatte brachte mich selber dazu, darüber nachzudenken, welches Gedicht und welchen Dichter ich eigentlich gesagt hätte. So einfach finde ich das gar nicht. Ohne dass ich diesen Politiker verteidigen möchte, wäre mir zuerst wahrscheinlich auch nichts Gescheites eingefallen, außer vielleicht die fade Made von Heinz Erhard oder „Ein kleiner Hund mit Namen Fips“ von Christian Morgenstern. Das war das erste Gedicht, das wir in der Schule gelesen haben, in der 2. Klasse. Damit hätte ich mich in der Öffentlichkeit sicherlich zum Affen gemacht.

Nach einigen Sekunden des Nachdenkens wäre bei mir aber wohl ein bisschen was gekommen. Mein liebster Dichter ist Rilke, und als erstes Gedicht von ihm fiel mir spontan „Der Panther“ ein. Das haben wir früh in der Schule gelesen und schon damals fand ich, dass da viel drinsteckt. Als ich heute jedoch in meinem Rilke herumwühlte, fand ich eines, dass mir eigentlich schon immer besonders gut gefallen hat – dieses hier:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Das Gedicht ist inzwischen rund 120 Jahre alt, die Zeiten und die relevanten Diskussionen haben sich natürlich geändert. Doch derzeit entbrennen täglich viele tausend Diskussionen um Sprache und darum, was die Sprache bewirkt. Mir begegnen zunehmend Personen, die meinen, alles zu wissen, und sich anderen gegenüber als Sprachpolizei aufführen. Ich gebe mich da ja immer recht hartleibig, weil ich der Einschätzung Einzelner, die zu wissen glauben, wie alle anderen empfinden (müssen), nicht so recht traue. Rilkes altes Gedicht scheint mir nach wie vor aktuell zu sein, wenngleich es inzwischen vielleicht weniger um die Entzauberung der Dinge als um die Definition von Zuständen geht.

Dieses Gedicht wurde übrigens auch im von mir so geliebten „Rilke-Projekt“ der Musiker Richard Schönherz und Angelica Fleer interpretiert. Das macht ausgerechnet der unselige Xavier Naidoo. Nun, noch kann ich Kunst vom Künstler trennen und finde, das ist wirklich gut gemacht.

Schippertour nach Seligenstadt

Alle paar Jahre mache ich mit Freunden oder Verwandten gerne mal eine Tagestour mit der Primus-Linie. Man kann in zwei Richtungen fahren: Nach Rüdesheim und von da weiter zur Loreley, oder an Offenbach und Hanau vorbei nach Seligenstadt und dann Aschaffenburg. Dieses Mal sollte es eigentlich Aschaffenburg werden, die Rückfahrt war mit dem Zug geplant. Doch weil die Lokführer streikten, entschlossen wir uns, noch einmal nach Seligenstadt zu fahren. Los ging es am Eisernen Steg in Frankfurt.

Dieses Mal war ich ganz entspannt mit meiner lieben Schwester unterwegs. Beide mussten wir daran denken, dass wir vor etwa 15 Jahren die gleiche Tour einmal mit unserer Mutter gemacht hatten. Das war schön, aber auch sehr mühsam, denn unsere Mutter saß damals schon im Rollstuhl und die Tour ist nicht barrierefrei. Daran ändert auch die super-steile Rampe nichts, die es inzwischen in Frankfurt gibt: Das wäre mit etwas Mühe und Überlegung deutlich besser gegangen (ich denke, unsere Mutter hätte sich schlicht geweigert, sich diesem Mordgerät auch nur zu nähern, und auch meine rollifahrende Freundin hatte dafür kürzlich nur ein befremdetes Kopfschütteln übrig). Am Anleger hatten wir damals also jeweils eine Menge Mühe mit dem Ein- bzw. Aussteigen. Auch im altertümlichen Seligenstadt tut man sich eher schwer, wenn man nicht mehr beweglich ist. Das alles war dieses Mal natürlich kein Thema.

Wir hatten einen Tag mit wunderbarem Spätsommerwetter erwischt, sodass wir uns die ganze Fahrt über draußen aufhalten konnten und hinterher nach einem Spaziergang durch die Altstadt recht froh über ein bisschen Schatten und kalte Getränke waren. Sonnencreme hatten wir natürlich zuhause vergessen, da habe ich ja auch nur drei Flaschen davon. Sagen wir mal so – wir haben kräftig Farbe bekommen, und inzwischen pellt sich meine Nase.

Nach dem Kaffee liefen wir ausgiebig im Klostergarten herum. Zuerst kam der Kräutergarten. Überall roch es besonders. Wir schnüffelten an allerlei Kraut herum, ich nieste trotz eingenommener Allergiepille viel und beide genossen wir die Vielfalt. Wir kannten lange nicht alles von dem, was da wuchs. Putzig fand ich die Kennzeichnung der Giftpflanzen, die jeweils einen kleinen Totenkopf ☠ auf dem Schild hatten. Viele sind auch als Heilpflanzen bekannt, aber man sollte sowas wohl nur zu sich nehmen, wenn man sich wirklich gut damit auskennt.

Es gab neben diversen Blühpflanzen auch Zierkohlarten, Obstbäume (die fast immer beschriftet waren – bis auf das Ding, was uns wirklich unbekannt war) und – tatsächlich – blühende Artischocken. Die fand ich recht dekorativ, solange sie kräftig blühten, aber eher gruselig, wenn diese Phase vorbei war.

Und gegen Abend schipperten wir sonnenverbrannt zurück. Wir gönnten uns gespritzen Apfelwein und, weil man ja den Salzverlust durch das Schwitzen ausgleichen muss, eine Currywurst mit Pommes. Und dann kam das, worauf ich mich schon den ganzen Tag heimlich ein bisschen gefreut hatte: Wir tuckerten der Frankfurter Skyline entgegen.

20210902_194714 (4)

Nach all den Jahren habe ich mich noch immer nicht an dieser Aussichet über den Main sattgesehen. Es ist fast egal, bei welchem Wetter ich die Skyline sehe – ich finde sie einfach schön.

20210902_202622

Fundstücke 72 – Barbarei im Kurpark!

Wie schon erwähnt, habe ich in Bad Salzschlirf einen Kurzurlaub gemacht. Ich lief auch die meisten Ecken des Kurparks ab und fand an einer Stelle diesen kleinen Teich mit Seerosen und Fischen.

Dort gab es einen Weg und eine Bank. Und es gab dieses Schild – Angeln verboten. Und ich habe mich gefragt, ob es wirklich Menschen gibt, die in einem Kurpark eine Angel herausholen und sich hinhocken, um Goldfische zu fangen. Ich nehme an, dass sowas schon passiert ist, denn ansonsten würde man dieses Schild ja nicht aufstellen. Ganz schön bekloppt …

 

Nachtrag: Die Rechtschreibung auf dem Schild ist natürlich auch eine Sache für sich. Ich weiß eines: Sollte ich mal durch Zufall einen Schilder-Herstell-Betrieb erben, werden die Dinger vor dem Druck kontrolliert. Versprochen!

Schietwetter im Kurort

20210830_164704

Trübe Aussichten

Wie immer habe ich mich auch dieses Jahr dazu entschlossen, meinen zweiwöchigen Sommerurlaub erst nach Ende der hessischen Sommerferien anzutreten. „Richtig groß“ wegfahren wollte ich nicht, denn zu Corona-Zeiten habe ich auf das Gedöns nicht recht Lust, im Herbst wartet die Ostsee auf mich und meine liebe Schwester wollte für ein paar Tage kommen. Also entschloss ich mich, nur ein langes „Wellness-Wochenende“ zu machen. Ich googelte also nach Wellness-Hotels in Hessen und fand den Badehof – ein wunderschönes altes Hotel mit Schwimmbad und schöner Hotelbar. Mehr brauche ich im Allgemeinen nicht zum Glücklichsein. Der Ort meiner Wahl war also das überaus verschlafene Bad Salzschlirf.

Schon bei der ersten Information über den Ort dachte ich mir, dass man da wohl nicht recht viel machen kann. Ein Nachbarort versprach altes Gemäuer und eine Destillerie zum Besichtigen, und da der Aufenhalt nur für wenige Tage geplant war, schien mir das ausreichend zu sein. Im Endeffekt erwies es sich sogar als zu viel, denn ich hatte allerscheußlichstes Wetter. Es goss die meiste Zeit wie aus dem Eimer, sodass ich nicht das Gefühl haben musste, etwas zu verpassen, während ich im Bademantel auf der Liege lag und Hörbücher hörte.

Allerdings war es jeden Tag für eine kurze Zeit trocken, sodass ich mir den zerzaust wirkenden Kurgarten angucken und kaffeesieren gehen konnte. Es gab Eiskaffees und nette ältere Damen, deren Lebensgeschichte ich erfuhr und mich dabei durchaus gut unterhalten fühlte. Allzu lange dauerten diese kleinen Plaudereien allerdings nicht, denn ich nutzte die Regenpausen, um von einem Unterstand zum nächsten zu huschen. Auf diese Weise unmrundete ich das Örtchen so ziemlich.

Alles in allem habe ich mich gut erholt in meinen drei Tagen in Bad Salzschlirf. Das Wetter hätte besser sein können, aber das hat man ja nicht in der Hand. Für einen längeren Aufenthalt taugt der Ort aber nicht so recht – es sei denn, man ich so kurbedürftig, dass einem reicht, den Regen fallen und die Blätter rascheln zu hören. Das habe ich dort nämlich auch für eine Weile getan. Das ist für ein halbes Stündchen wirklich mal zu empfehlen.

Eine Rose braucht Wasser

Eine Schreibkursübung: Drei Musikstücke – ein orientalisch anmutendes Gedudel mit viel Tröte, ein kühler, entspannter Barjazz und ein klassisches Stück mit Cello. Wir sollten entweder eines als Grundlage für unseren Text auswählen oder etwas aus allen dreien machen. Ich entschied mich für die „Vollvariante“ und hangelte mich an den Stücken entlang.

Eine Rose braucht Wasser

Rose fühlte sich unwohl auf dem bunten Basar in der orientalischen Stadt. Alles war ihr zu laut und zu hektisch. Außerdem vertrug sie die Hitze nicht gut. Ihr Vater hatte sie immer sein Röslein genannt, weil sie ihn von Geburt an eine englische Rose erinnert hatte – zart und verheißungsvoll. Rosen wachsen leider nicht in der Wüste, dachte sie jetzt deprimiert, und sah sich nach den Mitgliedern ihrer Reisegruppe um. Dort war Mr. Cameron, der Reiseleiter.

„Gefällt es Ihnen, Miss Rose?“, fragte der große, kräftige Mann und lächelte sie dabei so freundlich an, dass sie sich fast ein wenig ihres Unbehagens schämte. Doch sie war ehrlich: „Mir ist nicht recht wohl. Vielleicht könnte einer der Fahrer mich zum Hotel begleiten?“ Eilfertig nickte der Reiseleiter. „Oh ja, gewiss. Sie haben Glück, da vorne ist ein Bekannter von mir. Er ist mit dem Wagen da und wird sie sicher gerne mitnehmen.“ Bevor Rose sich versah, wurde sie von einem äußerst attraktiven Geschäftsmann in einer Limousine zum Hotel gefahren. Wenig später fand sie sich in der Hotelbar wieder.

„Eigentlich wollte ich mich etwas hinlegen“, hatte sie schwach protestiert, als der nette Mittdreißiger, der sich ihr als Paul McMurphy vorgestellt hatte, sie eingeladen hatte. Er hatte gelächelt und ihr den Arm geboten. „Ja, Sie sollten sich hinlegen, später. Zuerst sollten Sie sich abkühlen. Die Bar ist der kühlste Ort hier im Hotel, vielleicht sogar in der ganzen Stadt. Und Sie sollten etwas trinken: Viel Wasser und einen kleinen Mokka, das wird Sie wieder auf die Füße bringen.“ Das alles klang recht vernünftig und so hatte sie nachgegeben.

Kurze Zeit später musste Rose zugeben, dass Pauls Methode gegen Unwohlsein und Schwäche genau das Richtige gewesen war. Bald schon unterhielten sie sich angeregt und als der Kellner fragte: „Champagner für die Dame?“ und Paul ihr auffordernd zunickte, sagte sie nicht nein. Genauso wenig lehnte er es ab, als sie ihn zwei Stunden später, ermutigt durch noch mehr Champagner, fast unverschämt fragte: „Wollen Sie tanzen?“ Er wollte, und sie wollte, und so verbrachten sie die Nacht unter den wachsamen Augen der Kellner in der verlockenden Kühle der Hotelbar.

Acht Monate später genossen sie eher eine klassische Kühle in einer Kirche im englischen Coventry. Aus Rose Miller wurde Rose McMurphy, und Paul an ihrer Seite sah besser aus denn je. Roses Vater führte sie in die Kirche und übergab sie seinem zukünftigen Schwiegersohn, nicht ohne diesen leicht drohend anzusehen. Die Mutter weinte, eine Cousine spielte Cello und es regnete. Alles was genauso, wie es sein musste, wenn eine englische Rose wachsen und gedeihen sollte.

Bärlauchzeit

Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran mit dieser Geschichte. Ist ja auch nur eine Übung – gegeben waren der grün markierte Anfang sowie 12 Minuten Zeit. Es begann ein Höllenritt durch die große Küche eines langjährig verehelichten Paares:

pesto-2152234_640_Pixabay

Liebevoll angerichtete Bärlauch-Leckerei

Bärlauchzeit

Das letzte Mal hatte er sie am letzten Freitag verlassen wollen. Aber als er in die Küche kam, hatte er es nicht über das Herz gebracht: Es war nicht etwa ihr knackig-appetitlicher Busen gewesen, der sich wie zwei sauber aufgespritzte Windbeutel wohlgeformt unter ihrem Kleid abzeichnete, der ihn gehalten hatte. Auch ihr wunderschöner, feminin-breiter Po, geformt wie eine Birne der Sorte Abate Fetel war es nicht gewesen, der ihn ihre offensichtlichen Mängel hatte vergessen lassen. Ihr Kirschmund, an guten Tagen zum Anbeißen wie eine schnapsgetränkte Piemontkirsche, hatte ihn früher angezogen. Inzwischen, da er zumeist nur Beschimpfungen in seine Richtung ausstieß, war er weniger ein Grund, sie zu lieben. Und ihre Haare, früher entzückende goldgelbe Spiralnüdelchen, waren im Laufe der Jahre länger und etwas stumpf geworden. Sie erinnerten ihn jetzt eher an ein würziges Hausmacher-Sauerkraut.

All diese Eigenschaften seiner Frau, die ihn früher so entzückt hatten, waren es nicht, die ihn bei seiner Frau hielten. Ihr Charakter, der ihn in seiner früheren Verliebtheit an die Reinheit eines Osterlämmchens hatten denken lassen, erwies sich im Laufe der Zeit als so anrüchig wie ein kalter Hammelbraten. Ohne Zweifel, er wäre diesen ihm ehelich verbundenen Knollenblätterpilz gerne früher als später losgeworden. Wäre da nur nicht diese Küche gewesen!

Es war ihre Küche. Groß, schön gefliest, mit altmodischen Einbauten im Stile einer Gutsküche, war um sie herum ein entsprechen herrschaftliches Haus gebaut worden. Ihre Küche, ihr Haus, ihr Geld, ihr Mann. Ihr Wunsch war Befehl. Seit 25 Jahren schon. Es kam nicht in Frage, sich von ihr zu trennen – er hätte sich selbst um die Belohnung für langjährige Schwerstarbeit gebracht. Denn Schwerstarbeit war es wirklich, die Ehe mit dieser menschlichen Stinkmorchel aufrecht zu erhalten. Doch im Falle einer Trennung bekäme er nichts für all diese Mühen.

Es half nichts, er musste weiter durchhalten. Oder sich anderweitig helfen. Heute würde er erst einmal spazieren gehen – es war Bärlauchzeit. Vielleicht hatte er ja Glück und fand genug für ein schönes Pesto. Und ganz vielleicht waren auch ein paar Herbstzeitlose dabei. Es würde wie ein bedauerliches Versehen wirken.