Good Vibrations

Das Chorkonzert gestern stand unter dem Oberthema „Liebe“. Es war thematisch unterteilt in Lieder, die von Freundschaft, erfüllter oder unerfüllter Liebe oder humorvoller Liebe handelten.

Kirche Harheim

Unser Veranstaltungsort – Bild von Meddi Müller

Wir Autoren waren gebeten worden, Texte zu lesen, die zum jeweiligen Thema passten. Ich hatte das Glück, dass in meinem „Liederblock“ das Lied „Good Vibrations“ von den Beachboys dabei war, auf das ich einmal durch den biografischen Film „Love and Mercy“ aufmerksam wurde – für was so eine Sneak Preview doch alles gut ist. Ich nahm mir also diesen Titel als Grundlage für meinen kleinen Text.

Wie um mir einen Gefallen zu tun, war dieses Lied das Einzige, bei denen der Chor sich versang und es zu einem kleinen Durcheinander kam, so dass kurzerhand noch einmal von vorne angefangen wurde. Das passte wunderbar zu meiner Einleitung, denn dieses war mein Text:

Good Vibrations – Phasen der Liebe

„Good Vibrations“ ist einer der komplexesten Pop-Songs, die jemals geschrieben wurden. Jede Menge Instrumente, Stimmen und Harmonien. Es hat ewig gedauert, diesen Titel aufzunehmen. Kein Wunder, bei diesem schwierigen Thema.

Erinnern Sie sich daran, wie das war mit der Verliebtheit? „Good Vibrations“ nennen das die Beachboys, positive Schwingungen. Man bringt einander in Schwung – das ist ja schon mal gut. Man hat Schmetterlinge im Bauch. Naja, wahrscheinlich eher Motten – ist ja dunkel da drin.

Ob das gesund ist?

Schmetterlinge im Bauch zu haben ist anstrengend schön. Aufregung, Luftnot, ein roter Kopf. Appetitlosigkeit und widersprüchliche Gedanken: Hoffentlich falle ich ihm auf, wie sehe ich eigentlich aus, ach du liebe Güte, hoffentlich bemerkt er mich nicht. Ich will ihn sehen, heute, jetzt gleich – oh mein Gott, da kommt er, ich muss weg! Er liebt mich, er liebt mich nicht – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

Glückselige Verzweiflung.

Die Zeit der schwingenden Schmetterlinge ist die Zeit des Kennenlernens. Wer bist du, wie bin ich? Die Zeit der Überraschungen – oha, wie wohnt der denn? Dieses Sofa – ist das sein Ernst? Der ist aber unordentlich! Aber kochen kann er! Ich könnte ihn stundenlang ansehen. Wie der wohl nackig aussieht? Und was denkt er, wenn er mich ohne alles sieht? Lieber schnell das Licht ausmachen – aber wo ist hier der Schalter? Alles neu, alles spannend – Good Vibrations bis kurz vor’m Herzinfarkt.

Dieses ewige Geflatter im Leib hält auf Dauer niemand aus. Es beruhigt sich, weicht einer wohligen Wärme und Zuversicht. Es folgt die Zeit der Kompromisse – meckerst du nicht an meiner Figur herum, sage ich nichts zu deiner Aufräumtechnik. Und auch nichts zu deiner Leidenschaft für das Sammeln von Streichholzbriefchen. Ich gehe mit dir wandern, auch wenn es viel rationaler wäre, den Bus zu nehmen. Kommst du mit ins Theater? Ach, da warst du noch nie? Komm, ich zeig’s dir. Ich nehme dich mit in mein Leben.

Mein Leben, dein Leben – unser Leben?

Buntglasfenster

Wie ist das mit den Schwingungen, wenn aus der Verliebtheit Liebe wird? Viele schwingen dann im Takt, gleichmäßig aufeinander eingespielt. Einige schwingen auch gegeneinander, so nach dem Motto „Reibung erzeugt Wärme“.

Es gibt auch diese Paare, bei denen man sich fragt, was die eigentlich zusammenhält – die schwingen in so gegensätzliche Richtungen, dass das „auf jeden Topf passt ein Deckel-Prinzip“ zu einem lauten Geklapper führt. Manchmal führen diese gegensätzlichen Schwingungen auch zu einem Unfall, dann kracht es richtig. Die emotionale Frontalkollision. Aber davon wollen wir heute nicht sprechen – wir reden hier ja über die Liebe, nicht über den Krieg.

Wenn man lange zusammen ist, weichen die heftigen Schwingungen einem leiseren, konstanten Summen. Gewohnheit, Vertrauen, ein gemütliches Sich-miteinander-gehen-lassen. Er treibt nur noch Fernsehsport, ich schlafe dabei an seiner Seite. Er hatte mal Haare, ich eine Taille. Unsere Freunde sehen plötzlich so aus wie die Freunde unserer Eltern – damals. Auf einmal trägt er Cordhosen – und ich entdecke ihn ganz neu, meinen alten Mann. Immer wieder entdecken wir uns, finden neue Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Immer wieder geben wir einander neuen Schwung.

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Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Sänger und Vorlesende, die mit viel Engagement bei der Sache waren, über 150 hochzufriedene Gäste. Das Konzept mit den Liedern und den Texten ging auf, alles fügte sich wunderbar zusammen. Es hat Spaß gemacht und ich bin froh, dass ich mich von meinen ARS-Kollegen zu diesem Experiment habe überreden lassen.

Nachtrag:

Ach ja, eine drollige Sache passierte mir noch: Ich bekam die Rückmeldung, dass ich den Verlauf einer langjährigen Beziehung sehr gut beschrieben hätte und dass sich viele in dem Text wiedererkannt hätten. Nun bin ich ja in Beziehungsdingen nicht so geübt – aber es freut mich, dass ich durch reines Beobachten wohl einigermaßen das Thema getroffen habe

Frankfurter Liebe

Heute gibt es bei mir mal wieder eine etwas längere Geschichte. Geschrieben wurde sie für eine Lesung zum Thema „Frankfurt“. Sie beschreibt eigentlich ziemlich genau, was mir hier in Frankfurt passiert ist und immer noch passiert. Ich mag diese Stadt einfach ❤

Frankfurter Liebe

Der letzte laue Schluck Apfelwein schmeckte immer ein wenig nach wässrigem Essig. Melanie setzte ihr Glas ab, sah auf den Main und seufzte zufrieden. Sie war angekommen in Frankfurt – so nannte man das wohl. Hier saß sie nun, mit ihrem Mann sowie ihrer Schwester und dem Schwager aus Berlin. Um sie herum tobte das Leben auf dem Flohmarkt am Untermainkai und die Frühlingssonne wärmte ihren Nacken. Sie war zufrieden mit allem, was das Leben ihr aktuell bot.

Apfelwein

Äppler mit Deggelsche

Dabei hatte sie eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben wollen – maximal. Genau genommen hatte sie überhaupt nicht in diese Stadt gewollt, es hatte sie einfach erwischt, so wie so vieles im Leben sie einfach erwischt hatte. Melanie plante nicht, ihr passierten die Dinge einfach. Als es darum ging, eine neue Filiale in Frankfurt zu eröffnen, war sie die Einzige gewesen, die weder Kinder noch pflegebedürftige Angehörige vorweisen konnte. „Das machst du schon, Melanie“, hatte es geheißen. „Dort gibt es ein tolles Team, die brauchen nur ein paar Monate Unterstützung von einem alten Hasen wie dir.“

Na gut, dann also Frankfurt. Melanie, pragmatisch wie immer, kündigte ihre kleine Wohnung in Berlin, lagerte die Möbel ein und den Freund, ein fragwürdiges Subjekt namens Wolfgang, im gleichen Zuge aus. Für was so eine sechsmonatige Abwesenheit doch gut sein konnte. Er war zunächst furchtbar beleidigt, zog jedoch zurück zu seiner Mutter und vergaß Melanie am Sonntag in der gleichen Woche, als er Mamas Gulasch aß – die Welt war wieder in Ordnung. Und für Melanie auch: Sie brauchte es einfach, dass das Leben ihr dann und wann einen kleinen Tritt gab.

An einem regnerischen Freitagabend war sie in Frankfurt angekommen, beladen mit zwei Koffern und einem dicken Rucksack. Ein Taxi hatte sie zu dem möblierten Appartement gebracht, das die Firma für sie gemietet hatte. „Großer Hasenpfad“ hieß die Straße im Stadtteil Sachensenhausen, und schon vom Taxifahrer, einem gesprächigen Mann, der jeden zweiten Satz mit „Ai“, begann, hatte sie erfahren, dass es auch noch einen mittleren und einen letzten Hasenpfad gab. Wie passend für einen alten Hasen wie mich, hatte Melanie gedacht und ein wenig gekichert.

Das Lachen ihr allerdings vergangen, als sie ihr Appartement in Augenschein genommen hatte: „Tristesse“ war ein viel zu farbiger Ausdruck für diese Malaise in grau, beige und braun. Ganz offensichtlich stammte zumindest das Mobiliar aus den 70er Jahren, und auch der abgetretene Fußboden war nicht viel jünger. Vor den Fenstern hingen dicke Stores und Schalgardinen – wann hatte sie sowas zuletzt gesehen? Sie hatte es nicht lassen können und einen der beige-braun gemusterten Vorhänge ein wenig angehoben. Tatsächlich, da war sie: die berühmte Goldkante von Ado. Hier war vor langer Zeit Qualität gekauft worden, und die musste nun 50 Jahre halten.

Natürlich hatte Melanie sich auf Frankfurt vorbereitet – so, wie man das halt so machte. Sie hatte sich einen Reiseführer gekauft und im Nachtprogramm einige unglaublich langweilige Folgen vom Tatort mit dem biederen Kommissar Brinkmann geguckt. Ihre Kollegen schenkten ihr zusätzlich noch einige DVD von „Ein Fall für zwei“ mit dem gemütlichen Anwalt Renz und seinem Partner Matula. Auch das war seeeehr ruhig inszeniert. Wenn es in dieser Stadt dermaßen beschaulich zuging, dachte Melanie, würde sie sich dort mal so richtig erholen können.

Main mit Skyline

Doch schon am nächsten Morgen änderte sich ihr Bild von Frankfurt ein wenig: Sie hatte sich umsehen und frühstücken gehen wollen. Auf den Rat der Hausmeisterin hin, die sie beim Putzen des Treppenhauses vorgefunden hatte, war sie zuerst zum Südbahnhof gelaufen und von dort in die Stadt gefahren. Dann hatte sie sich auf dem quirligen Markt an der Konstabler Wache nach etwas zu essen umgesehen. Was sie irritierte, waren die kleinen karierten Gläser, die fast auf allen Tischen auf dem Markt standen. Wenn sie sich die Informationen aus dem Reiseführer richtig gemerkt hatte, war in dieses Gläsern Apfelwein, aber trank man den schon vormittags? Zur Bratwurst und zur Waffel? Anscheinend passte das Getränk zu allem. Sie wollte es zu versuchen, hatte sich eine Wurst und ein Glas Apfelwein geholt und einen tüchtigen Schluck genommen.

Man kann Melanies allerersten Versuch mit Frankfurter Apfelwein nicht unbedingt als Erfolg bezeichnen, aber immerhin hatte sie es damals geschafft, den unerwartet herben Speierling nicht auszuspucken. Oh Himmel, hatte sie gedacht, was ist das denn für eine Stadt, in der alle Leute dieses Gesöff trinken! Sie würde diese Frankfurter Spezialität erst langsam lieben lernen.

Nicht erst lieben lernen musste sie allerdings den Main, die Skyline und das interessant-skurrile Bild, das die Stadt manchmal bot. Als sie an diesem ersten Wochenende zum ersten Mal über den Eisernen Steg ging, war sie sofort fasziniert von der Aussicht und murmelte unwillkürlich: „Wie schön!“. Auf der einen Seite die Hochhäuser mit ihren blinkenden Fassaden, auf der anderen der Blick auf den Dom, die Dreikönigs-Kirche und das Main-Plaza-Hotel mit seinen goldenen Spitzen. Wenige Tage später fotografierte sie den uralten Eschenheimer Turm, hinter dem sich ein glänzendes Hochhaus abzeichnete. Diese Gegensätze begeisterten sie noch heute.

Blick über die Oberräder Kräuterfelder

Auch die Arbeit in der neu eröffneten Firmenfiliale erwies sich als angenehm: Zwar funktionierte noch nicht viel, als sie ankam, aber alle Kollegen waren mit Feuereifer bei der Sache. Gleich am ersten Freitag zeigte man der Neuen aus Berlin die Gastronomie der Stadt: In einer Apfelweinkneipe mit dem merkwürdigen Namen „Kanonesteppel“ bekam sie das erste Mal grüne Soße zu essen, die ihr im Gegensatz zum faulig riechenden Handkäs hervorragend schmeckte. Später zeigte man ihr Alt-Sachsenhausen, von dessen Fachwerkhäusern sie zunächst begeistert, von der Ballermann-Atmosphäre jedoch abgestoßen war. Der Abend endet in einer Kneipe in der Nähe des Bahnhofs, dem Moseleck, wo sich allerhand bunte Überbleibsel der Nacht trafen und miteinander feierten. Melanie fühlte sich unerwartet wohl.

Am nächsten Morgen erwachte sie neben einem Kollegen, mit dem sie bislang noch kaum zu tun gehabt hatte. Er hieß Mischael, mit dem weischen hessischen sch, das sie so drollig fand. Mischael hatte eine winzige Wohnung in der Mailänder Straße, im elften Stock eines riesigen Wohnsilos. Dass Melanie dieses Appartement später so oft besuchen sollte, lag nicht nur am fantastischen Skylineblick.

Melanie hatte nie eine Beziehung zu einem Kollegen haben wollen, sowas brachte nur Unheil. „Never fuck the company“, lautete ihr Motto. Es war ihre Schwester, die sie schließlich darauf aufmerksam machte, dass ihre Beziehungen außerhalb des Kollegenkreises allesamt auch nicht von Erfolg gekrönt gewesen waren – das Muttersöhnchen Wolfgang war nur einer aus einer ganzen Reihe von Fehlgriffen gewesen. Es hatte noch einen Bernd gegeben, der frei nach der Devise lebte: „Hauptsache gesund und die Frau hat Arbeit.“ Und dann war sie mit Jonas zusammen gewesen, der irgendwann fand, dass er zu jung für sie sei – und dabei war er 12 Jahre älter als sie. Und Thomas, Heiko, Wieslaw … alles Abenteuer, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Agonie endeten. Nun also „Mischael“, der Kollege – na gut.

Blick vom Euro-Tower

Melanie lebte sich ein. Nach wenigen Monaten war sie öfter in der Mailänder Straße als am Hasenpfad, und irgendwann stand der Abschied im Raum. Dabei war ihr Aufenthalt in Frankfurt schon um volle sechs Monate verlängert worden. Sie fühlte sich zerrissen. Sie wollte nicht in Frankfurt bleiben, dass hatte sie doch nie gewollt. Aber eine Fernbeziehung hatte sie auch nie gewollt. Das Einzige, was sie aktuell wirklich gerne loswerden wollte, war diese Läusebude im Hasenpfad. Was also tun?

Wieder war es ihre Schwester, die ihr einen Tritt gab: „Suche dir halt einen neuen Job, wenn du anders nicht bleiben kannst. Es gibt doch genug da!“ Kündigen, etwas Anderes machen? Melanie hatte noch nie woanders gearbeitet. Aber die Schwester hatte recht: Eine neue Stelle würde alle ihre Probleme lösen. Sie ließ sich also überzeugen.

Genau ein Jahr, nachdem Melanie in Frankfurt angekommen war, nahm sie morgens einen anderen Weg zur Arbeit: Sie fuhr nicht mehr in die Bürostadt in Niederrad, sondern ins Bankenviertel, stieg an der Taunusanlage aus und lief den Rest bis zu einem silberglänzenden Bürogebäude, wo sie jetzt bei einer Versicherung arbeitete. Sie lernte unglaublich viel, genoss jeden Tag die Aussicht aus ihrem Büro und merkte, dass ihre Erinnerung an Berlin blasser wurde.

Sie suchte sich eine neue Wohnung. Und ohne, dass sie zuvor lange darüber gesprochen hatten, zog Michael mit ihr dort ein. Wieder war es ein großes Haus, dieses Mal mit Blick auf die Oberräder Kräuterfelder auf der einen und den Stadtwald auf der anderen Seite. Frankfurt war eine grüne Stadt, das hatte sie früher nicht gewusst. Der Stadtwald war so groß, dass man von Offenbach bis zum Flughafen laufen konnte. Und auch andere Stadtteile hatten viel Grün zu bieten: Im Günthersburgpark fand alljährlich ein buntes Kulturfestival statt, das Stoffel, und selbst im Palmengarten gab es ein großes Kulturangebot. Frankfurt und Kultur – auch das hatte sie früher nicht miteinander verbunden.

Schloss Höchst, Frankfurt

Was hatte sie denn überhaupt gewusst, als sie hierherkam, oder was erwartet? Eine Betonwüste, in der man auf jedem Meter über einen am Boden liegenden Junkie oder Bettler stolperte, und dass man beklaut wurde, sobald man das Haus verließ, das war ihre Vorstellung von Frankfurt gewesen. Und ganz von der Hand zu weisen war das natürlich auch nicht: Als sie und Michael gestern am Bahnhof auf den Zug gewartet hatten, der ihre Gäste aus Berlin bringen sollte, waren sie allein am Bahnsteig vier Mal angebettelt worden. Im Untergeschoss des Bahnhofs roch es wie in einem schlecht gepflegten Männerklo und abends vermied Melanie es, am Hauptbahnhof umzusteigen. Längst hatte sie es sich angewöhnt, Handy und Geldbeutel verborgen unter etlichen Schichten Kleidung direkt am Körper zu tragen, und an ihrer Wohnungstür waren zwei Schlösser, die sie beide immer gewissenhaft verriegelten. Nicht alles war schön in Frankfurt, aber wo war es das schon?

Sie hörte, dass jemand energisch ein leeres Apfelweinglas auf den Tisch stellte, und erwachte aus ihren Gedanken. Ihre Schwester war es, die auffordernd in die Runde blickte: „Also ich würde noch einen nehmen. Noch jemand?“ Alle wollten, und so gingen die Schwester und der Schwager gemeinsam los, um nochmal vier große sauer Gespritzte und zwei Brezel zum Teilen zu holen.

Michael grinste Melanie an. „Weißt du, woran ich die ganze Zeit denken muss?“ Sie schüttelte den Kopf. Er zeigte auf den Flohmarktstand direkt hinter der letzten Bierbank. „Der schäbige Sessel da hinten sieht aus wie deiner damals am Hasenpfad. Erinnerst du dich noch an deine schauerliche kleine Wohnung da?“ Sie drehte sich um und fand den Sessel. „Oh ja, stimmt. Drollig – ich habe auch gerade an diese Zeit gedacht. Acht Jahre ist das her, dass ich da eingezogen bin.“ „Ja, und du wolltest nur ein paar Monate bleiben. Vielleicht sollten wir den Sessel kaufen, als Symbol für die Frankfurter Beständigkeit.“ „Untersteh dich, dieses hässliche Teil in unsere Wohnung zu stellen! Der ist selbst für den Keller zu alt. Dann lieber ein paar Ado-Gardinen!“

Jemand setzte ein volles Glas vor Melanie ab, und nach einem kurzen „Prost“ in die Runde nach Melanie den ersten Schluck. Ach ja, kalt war er und so erfrischend säuerlich – was war das doch gut. Inzwischen liebte sie Apfelwein. Nur die hässlichen Bembel dazu, die sie noch immer an den Blauen Bock mit Heinz Schenk erinnerten, die kamen ihr nicht ins Haus.

„Frankfurter Pfännchen“ in der Hesse-Wirtschaft – eine typische Frankfurter Untertreibung

Ablesetag

Diese Geschichte entstand im „Schauerkurs“, also einem Kurs über Schauerliteratur, den ich Ende Februar gemacht habe. Sie ist in Teilen autobiografisch, genau genommen bis zur ersten Hornisse. Und da in der letzten Woche wieder der Ableser zu mir kam, scheint mir der Zeitpunkt passend.

Ablesetag

Jahrelang wohnte ich am Goldbergweg. Es war eine schöne kleine Wohnung, von den Vermietern liebevoll gewartet und in Schuss gehalten. Die Nachbarschaft war in Ordnung, die zumeist älteren Leute lebten größtenteils für sich. Dennoch reichte es immer zu einem kleinen Schwatz im Treppenhaus, die Atmosphäre war distanziert, aber freundlich.

Es passierte nicht viel Aufregendes in diesem Haus. Es galt schon als Skandal, wenn jemand die Mülltonnen falsch befüllte – Papier in den Restmüll oder Bio zum grünen Punkt. Dann wurde der Hausmeister tätig und hängte Zettel auf, mit denen das korrekte Vorgehen nochmal erklärt wurde. Ähnliche Zettel kündigten auch die gemeinsamen Sperrmülltermine an, die Sanierung des Aufzuges oder den alljährlichen Besuch des Heizungsablesers.

Der nette Herr von unserem Ablesedienst kam immer kurz vor Weihnachten, gerne zu solch unkommoden Zeiten wie „Montag zwischen 11 und 13 Uhr“, also so, dass es einem Berufstätigen unheimlich schlecht passte. So war es auch in jenem Jahr, dem letzten, in dem ich in dieser Wohnung wohnte.

Ich hatte mir den Nachmittag freigenommen, um den Ableser empfangen zu können. Er war pünktlich, wirkte aber angeschlagen und irgendwie nicht gesund. Ich bot ihm einen Stuhl und eine Tasse Kaffee an, was er beides dankend annahm. Und er hatte offensichtlich Gesprächsbedarf: „Ach, Frau M., wenn doch nur alle Kunden so wie Sie wären! Dann wäre ich so dankbar!“

Ich guckte wohl etwas dumm , denn für eine Tasse Kaffee und einen Sitzplatz erwarte ich in der Regel keine besonderen Dankesbezeugungen. Und sonst hatte ich in den vergangenen acht Jahren diesem Mann gegenüber nichts Besonderes geleistet. Ich fragte deshalb nach: „Mussten Sie sich heute ärgern?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ärgern nicht direkt. Aber dieser Zustand. Bei Ihnen ist immer alles so schön sauber und ganz normal, bei anderen dagegen – ach, ach!“

Er nahm einen Schluck Kaffee, während ich mich zweifelnd in meiner nur semi-aufgeräumten und schon lange nicht mehr entstaubten Wohnung umsah. „Finden Sie es so ordentlich hier?“ Er zuckte die Schultern. „Naja, so ganz normal halt, eine normal genutzte, gemütliche Wohnung. Guter Durchschnitt, würde ich sagen. Bei Ihrem Nachbarn dagegen – ach du je! Aber das darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen.“

Nun war ich natürlich neugierig geworden. Es wohnten nur drei Parteien auf unserem Flur, ein älterer Flur links, ich in der Mitte, ein altes Ehepaar rechts. Bei den beiden war alles wie geleckt, es konnte sich also nur um den Herrn zur Linken handeln. „Bei Herrn F?“, fragte ich. „Was ist denn da?“ Der Heizungsmann hatte scheinbar nur auf diese Frage gewartet, denn er legte sofort los: „Da wird es von Jahr zu Jahr schlimmer! Zuerst war es nur unaufgeräumt, jetzt habe ich schon Angst, irgendwo anzustoßen – nicht, dass da Tiere rauslaufen!“ Er trank den Rest vom Kaffee, während er unbewusst mit den Beinen strampelte, so als müsse er Ratten abschütteln.

Ich war verblüfft. Ja, der alte Mann neben mir war kein Muster an Pflege und wirkte stets etwas ungewaschen, aber für verlaust hielt ich ihn nicht gerade. Trotzdem setzte sich der Gedanke in mir fest und ich träumte von allerlei Ungeziefer. Am nächsten Tag kam ich von der Arbeit heim und hatte ein riesiges Fluginsekt in meinem Badezimmer. Ich schlug mit dem Schlappen drauf und erforschte die zoologische Zugehörigkeit des Tieres: Wikipedia stellte mir den geflügelten Genossen als Hornisse vor. Der Größe nach zu urteilen war es eine Königin, wenn nicht sogar eine Kaiserin. Seltsam, sollte die nun nicht im Winterschlaf liegen? Egal, nun war sie hin.

Hornisse, Bild aus den Wikipedia Commons, zur Verfügung gestellt von Christian Olsen

Am nächsten Abend hatte ich noch zwei Hornissen, wieder im Bad. Außerdem ein paar seltsame Kriechkäfer, die sich nur in der Gruppe fortbewegten. Ich ermordete die Hornissen und saugte die Käfer weg. Während ich das tat, fiel mein Blick immer wieder auf die Lüftungsschlitze, die auf einen gemauerten Schacht hinausführten und dafür sorgen sollten, dass mein kleines, fensterloses Innenbad nicht schimmelte. Wie war das wohl mit der Nachbarwohnung, führten da wohl genau solche Schlitze auf eben jenen Schacht? Nach einigen Überlegungen klebte ich mit braunem Paketklebeband ein Handtuch über meine Lüftung.

In dieser Nacht wurde ich wach und wollte auf die Toilette. Schon im Flur hörte ich ein seltsames Knacken und Rascheln. Ich riss die Tür auf und machte gleichzeitig das Licht an. In dieser Sekunde sah ich unzählige winzige Wesen in den Ecken und unter den Schränken verschwinden. Mein rosa Handtuch hing sackartig ausgebeult vor dem Luftschacht, oben war das Klebeband abgerissen und einige haarige Beine drängten energisch nach draußen. Ich knallte die Tür zu, verstopfte die Ritzen mit meiner Bettdecke, rannte zu meinen Nachbarn zur Rechten und alarmierte von dort die Feuerwehr. Zuerst nahm man mich dort nicht ernst, aber ein hysterischer Anfall bewirkte, dass sie doch anrückten und gleich einen Notarzt mitbrachten.

Das war die letzte Nacht, in der ich in dieser Wohnung schlief. Angeblich räumte die Feuerwehr mit Hilfe mehrerer Kammerjäger den Ungezieferherd im Schacht schon am nächsten Tag komplett aus und räumte auch die Wohnung meines Nachbarn, doch nachdem ich die Traumabehandlung in der psychiatrischen Klinik überstanden hatte, zog ich in eine andere Wohnung: Eine ohne Schacht und ohne älteren Herrn in der Nachbarschaft.

Ein Weihnachtsgedicht

Dieses Gedicht fand ich vor einer Weile in den Tiefen meines Computers, anscheinend schrieb ich es 2005. Nun ist Posie nicht meine Stärke, ich bin so poetisch veranlagt wie ein Schmiedehammer. Es hat auch eher was von einer Büttenrede, aber es reimt sich – immerhin!  🙂

Das Weihnachtsmännlein

Ein Männlein lief einst durch den Wald,
weil’s Winter war, war es ihm kalt,
ganz hungrig war es auch, wie immer,
und es brach aus in ein Gewimmer.

Das hörte eine dicke Fee,
sie kam und fragte „Tut was weh?“,
worauf das Männlein, wie erwartet,
ein lautes Jammern hat gestartet.

Die Fee floss bald vor Mitleid über,
sie sagte „Kleiner, komm mal rüber!“
Sie nahm das Männlein in den Arm,
und davon wurde es ihm warm.

Um es auch künftig zu erhitzen
ließ die Fee den Stab schnell flitzen
und zauberte ganz ohne Not
Mantel, Mütze, Schal in rot.

Das Männlein sah nun aus wie’n Wichtel,
ganz rosa war nun sein sein Gesichtel,
es war nun aufgewärmt, und doch
quälte es der Hunger noch.

Der Zauberstab der Fee, er kreiste,
und aus dem Wald, der grad vereiste,
da kam ein Sack herangeflogen
und ward am Bande aufgezogen.

WeihnachtskugelIm Sack, da waren gute Sachen,
die bei Hunger Freude machen:
Apfel, Nüsse, Marzipan,
und Käsebrot mit Ketchup dran.

Das Männlein, das war gleich ganz froh,
es lachte und schrie „Hohoho!“
Es mampfte fröhlich, schmatzte kräftig,
sein kleines Bäuchlein wuchs ganz heftig.

Es sprach die Fee: „Das waren zwei,
doch Du hast der Wünsche drei,
drum sage mir, Du kleiner Kerle,
was willst Du noch, Geld oder Perle?“

Das Männlein grübelte ’ne Weile,
und sprach dann langsam, ohne Eile:
„Oh ach, Du gute alte Fee,
wär’ ich nur groß, das wäre schee!“

Die brave Fee hat nicht gefackelt
und mit dem Stab herumgewackelt.
Das Knirpslein wurde groß und mächtig,
mit Bauch und einem Bart, sehr prächtig.

Nun kann man oft das Männlein hören,
es ist sein „Hohoho“ am röhren,
es schleppt den Sack mit Gutem drin
denn nach Verschenken steht sein Sinn.

Die olle Fee aber, die Gute,
bläst dazu auf der Weihnachts-Tute,
sie trötet lautstark „Stille Nacht“ –
ein Schelm ist es, wer dabei lacht!

Die Weihnachtszwölfe

15. November, Arbeitsamt

„Was, sagten Sie, haben Sie für eine Qualifikation?“ Arbeitsberater Schlüter sah etwas befremdet über den Rand seiner Lesebrille hinweg auf die Kundin mit der wilden roten Lockenfrisur. Der Tag war lang gewesen, nur Verrückte unterwegs, allmählich glaubte er selbst schon fast an Wahrsagerei und das fliegende Spagettimonster. „Ich habe einen guten Abschluss von der Hochschule für Wunder und Magie. Ich bin zwar Berufsanfängerin, aber hoch motiviert, innovativ und teamfähig.“ Schlüter räusperte sich. „Und, ähem, wo, glaube Sie, können Sie ihre Fähigkeiten am besten einsetzen? Nur, dass ich weiß, was ich bei der Stellensuche einsetzen muss.“ Die große, füllige Frau ihm gegenüber sah ihn selbstbewusst an, eigentlich wirkte sie nicht durchgeknallt, sondern nett und vernünftig. „Nun, ich kann kleine Wunder vollbringen, große auch, aber das dauert etwas länger. Ich kann Menschen glücklich machen, einzeln oder in der Gruppe, und ich kann auf Einhörnern reiten.“ Schlüter seufzte. „Auf Einhörnern, aha, soso. Ja, das sind ja sehr kräftige Tiere. Dann wollen wir mal gucken …“

Bild zur Verfügung gestellt von Gerhard Frassa / http://www.pixelio.de

Nur, um der Dame das Gefühl zu geben, er nähme sie ernst, tippte er etwas in den Computer. Diese arme Frau war eine Kandidatin für die Nervenheilanstalt, das merkte man schnell. Doch er wollte ihr die Würde nicht nehmen und bemühte sich daher nach Kräften, höflich zu sein. Umso erstaunter war er, als er das Ergebnis auf seine eigentlich sinnlose Suchworteingabe sah: Es wurde tatsächlich eine Stelle angeboten. Befristet auf einige Wochen zwar, aber man brauchte einen Nachweis für magische Fähigkeiten, und bei guter Leistung winkte eine Dauerstellung. Ein Kollege hatte das Angebot geprüft und als seriös eingestuft. „Da habe ich was für Sie“, rief Schlüter aufgeregt, riss das Papier aus dem Drucker und knallte einen Stempel darauf. „Dort können Sie sich morgen vorstellen!“

16. November, Arbeitszimmer vom Weihnachtsmann

Die drei Herren sahen irritiert auf die Frau vor ihnen. Sie brauchten dringend Personal, sehr dringend sogar, doch die einzige Bewerberin entsprach so gar nicht dem, was sie erwartet hatten. „Ähhh, ja, und Sie, ääähhhh, Sie wollen sich also bei uns als Weihnachtselfe bewerben. Wie ich sehe, haben Sie ausgezeichnete magische Fähigkeiten und können auf Einhörnern reiten – da sollten Rentiere für Sie auch kein Problem sein. Ich weiß allerdings nicht so recht … wie soll ich das sagen … Sie sehen so gar nicht wie eine Weihnachtselfe aus.“ Die Bewerberin lachte mit lauter, tiefer Stimme. „Ja, das stimmt. Optisch bin ich keine Elfe, da bin ich mindestens eine Zwölfe. Aber es kommt doch auf die inneren Werte an, nicht auf die Optik, nicht wahr, meine Herren?“ Der Weihnachtsmann sah zweifelnd von der Frau zu seinem Kollegen, dem Nikolaus, und wieder zurück. „Ja, ich weiß nicht so recht … es gibt wahrscheinlich ein Problem mit der Arbeitskleidung … Was meinst du, Niko?“ Der Nikolaus zuckte die Schultern. „Naja, die Zeugnisse sind gut. Vielleicht können wir das Kleidchen sechs Nummern größer bestellen? Das sollte doch gehen.“ Krampus an seiner Seite sagte nichts, er starrte gierig auf das voluminöse Dekolletee vor sich. Was für eine Wuchtbrumme! Diese Weihnachtszwölfe gefiel ihm ausnehmend gut, er hatte schon immer von einer Frau mit riesiger Oberweite geträumt. Nikolaus nah ihn etwas beiseite. „Hör auf zu sabbern, Krampus“, flüsterte er ganz leise. „Wenn du diese Dame belästigst, haut sie dich um!“ „Ganz gewiss tut sie das“, antwortete die Zwölfe gelassen. Sie hatte nämlich auch eine Zusatzausbildung im Gedankenlesen.

Man einigte sich darauf, es zu versuchen. Die Zwölfe sollte sofort anfangen, der Job war bis zum 06. Januar befristet. „Aber bis zum zweiten Weihnachtstag sollten Sie nach Möglichkeit schon irgendein Wunder vorweisen, Frau Zwölfe“, erklärte der Weihnachtsmann. „Die Öffentlichkeit hat hohe Erwartungen in unsere Arbeit. Und wegen der Einkleidung …“ „Keine Sorge, Chef, da besorge ich mir irgendwas. Diese kurzen pastellfarbigen Kleidchen stehen mir ohnehin nicht, die tragen furchtbar auf. Ich finde auch, dass diese Dinger furchtbar sexistisch sind – darüber sollten Sie vielleicht einmal nachdenken.“ „Hmmm, ja, meinen Sie? Ja, vielleicht.“ Dem Weihnachtsmann kam der Verdacht, dass diese Weihnachtszwölfe ganz schön Unruhe in seinen Laden bringen würde.

01.  Dezember, Geschenkwerkstatt

„Sie hat tatsächlich einen Betriebsrat gegründet, diese Verrückte?“ Krampus lachte laut und dröhnend. „Ich sag’s euch, die hat wirklich Pfeffer. Sogar, wenn sie einem eine runterhaut, tut das irgendwie gut!“ Er knurrte wohlig. Nikolaus und der Weihnachtsmann sahen sich an, sie wussten nicht so recht, was sie von der Begeisterung des ewigen Rüpels halten sollten. „Sie ist wirklich tüchtig“, räumte Nikolaus ein und berichtete von den Wundern, die die Zwölfe schon alle vollbracht hatte: Sie hatte in einigen Familien Streit geschlichtet, so dass diese Menschen einer schönen Weihnachtszeit entgegensahen. Einer einsamen alten Dame hatte sie einen Dackel zulaufen lassen und sie anschließend mit einem kultivierten Herrn bekannt gemacht, der ebenfalls einen kleinen Hund hatte. Und vier hartherzige Geizhälse hatte sie überredet, Arbeitslosen gut bezahlte Jobs zu geben, so das auch diese Menschen sich ein paar Freuden zu Weihnachten würden leisten können. Wie sie das genau gemacht hatte, wollte der Weihnachtsmann lieber gar nicht wissen, aber Krampus war von den durchschlagenden Methoden der Zwölfe begeistert. Sie wies tatsächlich schon nach zwei Wochen die höchste Wunderdichte des Elfenschwarms auf und war zudem allgemein beliebt. Das lag auch daran, dass sie die Arbeitsabläufe der Wichtel in der Geschenkwerkstatt neu durchstrukturiert und die Ställe der Rentiere durch pure Magie so richtig aufgemotzt hatte. Und für die Elfen hatte sie die freie Kleiderwahl durchgesetzt. Man sah ihr Wirken an jeder Stelle.

Die dicke Dame als Weihnachtszwölfe

„Wir sollten ihren Vertrag schon jetzt verlängern“, fand Nikolaus und Krampus hüpfte begeistert auf und ab. Der Weihnachtsmann stöhnte. „Hast du schon mal auf dem Schlitten gesessen, wenn sie am Zügel ist? Ich sage dir, das ist kein Spaß. Ich musste Tabletten gegen Übelkeit nehmen!“ „Memme!“, schimpfte Krampus und Nikolaus lachte. „Jaja, ich weiß, du leidest. Am meisten aber am Verlust deiner absoluten Autorität, stimmt‘s, alter Freund?“ Der Weihnachtsmann schmunzelte. Wie gut Niko ihn doch kannte. Ja, es stimmte, er war ein paar Mal mit dieser impertinenten Person aneinandergeraten. Er mochte es nicht, wenn man ihn kritisierte oder ihm in seine Arbeit hineinredete, und noch weniger mochte er es, wenn man ihm mit einem Ruck die rote Mütze über das Gesicht zog, um ihn zum Schweigen zu bringen. Andererseits hatten die anderen wirklich recht, diese Zwölfe war enorm fleißig. Ein echtes Arbeitspferd, innerlich und äußerlich.

„Also gut, wir werden den Vertrag verlängern. Ich denke auch, dass wir damit schnell sein sollten – es sind schon einige andere auf sie aufmerksam geworden. St. Martin hat nach ihr gefragt, und sogar der Osterhase hat sie kürzlich zum Rührei eingeladen.“

2. Dezember, Arbeitszimmer Weihnachtsmann

„Gut, Frau Zwölfe, dann sind wir uns also einig. Sie bleiben bei uns beschäftig, das freut mich sehr. Und wie ich von den Elfen gehört habe, sind die ganz begeistert davon, dass Sie die Abteilungsleitung übernehmen wollen. Nur mit Ihrer Bitte, ausgerechnet am Heiligabend frei haben zu wollen, bin ich nicht so recht glücklich …“ Die Zwölfe nickte verständnisvoll. „Ja, ich weiß, und ich kann Sie auch gut verstehen. Der Termin ist alles andere als günstig. Aber ich habe eine dringende private Verrichtung, die leider keinen Aufschub duldet, und das ist mein einziger freier Tag im Dezember.“ Der Weihnachtsmann nickte. „Also gut, dann sei es so. Nehmen Sie sich am besten alle drei Weihnachtstage frei – Sie haben es sich verdient.“

Heiligabend, Stadtcafe

Schlüter rührte nachdenklich in seinem Milchkaffee. Er ging Heiligabend immer frühstücken, das hatte Tradition. Früher war er mit seiner Frau gegangen, doch sie hatte ihn vor drei Jahren verlassen. Weil er langweilig war, ernst und pflichtbewusst, und weil sie sich das Leben anders vorstellte als er. Er war halt wie er war, ein Beamter ohne besondere Ambitionen. Noch während er seinen trüben Gedanken nachhing, hörte er, wie der zweite Stuhl an seinem Tisch hervorgezogen wurde. „Ist hier noch frei?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, plumpste eine dicke rothaarige Frau mit unordentlicher Frisur ihm gegenüber nieder. Er sah sie verblüfft an – das war doch die mit der magischen Macke und den Einhörnern? Sie lachte ihn an, das Lachen machte ihr rundes Gesicht hübsch.

„Erinnern Sie sich noch an mich? Sie haben mir einen Job vermittelt, als Weihnachtselfe. Und das, obwohl Sie dachten, dass ich spinne.“ Schlüter war verlegen. Offenbar hatte die Frau ihm seine Gedanken damals ansehen können. „Nein, ich kann Gedanken lesen“, korrigierte sie seine nicht ausgesprochenen Worte. „Und ihre Gedanken waren das Netteste und Fürsorglichste, das mir seit langer Zeit passiert ist. Wissen Sie, es ist nicht schön, mit einem Diplom in Magie vor einem Sachbearbeiter zu sitzen und ausgelacht zu werden. Da fühlt man sich irgendwie schutzlos, fast nackt. Sie aber haben mich mit Respekt behandelt und haben sich ehrlich über das Stellenangebot gefreut. Das habe ich nicht vergessen.“ „Ich habe Sie auch nicht vergessen“, entfuhr es ihm, bevor er darüber nachdenken konnte. Aber warum hätte er auch schweigen sollen, wenn sie ohnehin seine Gedanken lesen konnte? „Stimmt, verheimlichen können Sie mir nichts. Und deshalb weiß ich auch, dass Sie gar keine Lust haben, für heute Abend die traditionelle Weihnachtsgans in den Ofen zu schieben, weil Sie keine Lust haben, sie alleine zu essen. Was halten Sie denn davon, sie mit mir zu essen?“ Schlüter war verwirrt. Was passierte denn hier gerade? Er, der langweiligste Mensch der Welt, wurde angebaggert, aber wie. Und das von einer richtigen Wuchtbrumme! Er musste lächeln. „Das scheint mir eine gute Alternative zu einem Abend mit Dosenravioli zu sein.“ Die Weihnachtszwölfe lachte rau und herzlich. „Das ist zwar nicht das tollste Kompliment, das ich jemals bekommen habe, aber es ist ein Anfang.“

Der Seewolf – eine andere Geschichte

Die Aufgabe war, einen bekannten Buchtitel zu klauen und dazu eine Geschichte zu schreiben. Nun, ich war kurz zuvor im Aquarium und landete mal wieder beim Seewolf. Wolf Larsen würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er denn eines hätte …

Der Seewolf – eine andere Geschichte

Gelangweilt schwamm Horst zwischen den Felsen auf und ab. Es war aber auch gar nichts los heute. Kein Alarm, keine tauchenden Touristen, nicht mal ein klecksender Tintenfisch. Nur ein paar Heringe schwärmten hin und her, das taten sie immer ohne irgendeinen Grund. Diese tumben Gesellen hatten selbst in der Masse noch einen IQ unter dem eines Bündels Seetang. Dann aber sah er plötzlich einen Neuen. Der war kräftig gebaut und hatte einen mächtigen Unterbiss.

Horst, der Knurrhahn

„Moin! Wer bist du denn?“ Der Neue wirkte etwas irritiert ob dieser forschen Ansprache, antwortete aber sehr höflich. „Ich bin Dieter, der Seewolf“, antwortete er leicht blubbernd. „Ich bin auf der Durchreise.“ Horst lachte schallend. Hätte er Arme und Beine gehabt, hätte er sich wohl auf die Schenkel geklopft. „Du, ein Wolf? Ich glaube, ich spinne! Wölfe haben vier Beine und einen grauen Pelz, das sind nicht so runde, schuppige Klumpen wie du! Der Wolf, das ist doch immer der Böse, der die Omma und die kleinen Ziegen frisst!“

Sein Gegenüber sah ihn mitleidig an. ‚Was ist denn das für ein Doofbeutel‘, schien er zu denken, bewahrte aber die Contenance. „Und du, wer bist du“, fragte er und schien zu lächeln. „Ich bin Horst, der Knurrhahn!“ „Soso“, antwortete der Seewolf, „du bist also ein Hahn, ja? Hähne, das sind dich die mit den Federn und dem langen Schwanz, die morgens die Leute aus dem Bett krähen. Das sind keine herumgründelnden Blubberfischlein. Hähne stehen immer ganz oben, über Esel, Hund und Katze!“

Horst war beeindruckt. Dieser Seewolf war anscheinend doch recht belesen, auch wenn er einen etwas bräsigen Eindruck machte. Horst sah seinen Freund Ingo vorbeischwimmen und rief ihn dazu. „Ingo, Ingo, Ingo, komm mal her hier! Guck dir den hier mal an, der sagt, er ist ein Wolf! Ein Seewolf!“ „Moin“, sagte Dieter, der Seewolf, und Ingo grüßte zurück: „Selber Moin!“ An Horst gewandt, fragte Ingo nach: „Und was ist nun der Skandal an der Sache?“ Aufgeregt blubberte Horst: „Ja, guck doch mal, der sagt, er ist ein Wolf. Dabei hat der gar keine Beine und keinen Pelz!“ „Ja, und?“, fragte Ingo zurück und warf sich etwas in die Brust. „Ich bin ein Katzenhai und habe auch keinen puscheligen Schwanz. Und mit Mäusen musst du mir auch nicht kommen. Stiefel brauche ich übrigens auch keine, falls du mir wieder mit deinen ollen Märchen kommen willst!“ Horst schwieg nachdenklich. „Was hast du denn gegen Märchen?“, wollte er schließlich wissen. „Wenn es die nicht gäbe, wären wir doch alle literarisch gar nicht existent!“ Der Seewolf schüttelte traurig den Kopf. „Ich schon. Oder habt ihr noch nie was von Jack London gehört?“

Happy Halloween

Es kam die Zeit, die die Fischer fürchteten. Die Zeit, in der der Himmel sich verdunkelte, Nebel um die Sonne kreisten und das Meer schwarz wurde. Und viele, besonders die Alten, wussten von einer Gestalt zu berichten, die über dem Meer aufstieg – einer Gestalt, wie sie unheimlicher nicht hätte sein können. Es sei ein Gesicht, erzählten die, die es gesehen hatten, und wer es sah, war von dortan verflucht.

Gruselclown, designed by Meike

„Was heißt denn verflucht?“, fragte Jonas, der ewige Zweifler. „Naja, verflucht eben. Man hat dann Pech, unheimliches Pech, und kann froh sein, wenn man das überlebt“, antwortete der alte Petro, der Älteste unter den Fischern. „Was denn für ein Pech“, wollte Jonas wissen? „Was genau ist bei dir denn passiert?“ Petro atmete tief ein, nur ungern erinnerte er sich zurück. „Das war so“, begann er: „Am 31.10. habe ich dieses Gesicht gesehen. Drei Tage später starb mein Vater.“ Jonas nickte betroffen, fragte aber nach: „Ist es nicht so, dass dein Vater das gesegnete Alter von 94 Jahren erreicht hat und schon seit drei Jahren bettlägerig war? Hattet ihr nicht schon zu Ostern einen Sarg gekauft?“ „Ja, so war es“, gab Petro zu, „aber damit hörte es ja nicht auf. Ich hatte eine richtige Pechsträhne danach! Schon auf der Beerdigung meines Vaters ging es weiter – beinahe wäre ich hinter dem Sarg her in die Grube gestürzt.“ Die umstehenden Männer blickten ernst, einer jedoch lachte ein wenig: „Ja, aber doch nur, weil du vor lauter Gram, mit 65 Jahren ein Waisenkind zu sein, schon am frühen Morgen mit deinen Freunden ein Gelage veranstaltet hast, mit Rotwein und ein paar Grappa auf den letzten Weg deines alten Herrn!“ Petro murmelte etwas, kam aber nicht weiter zu Wort, denn ein anderer Mann schaltete sich ein.

„Auch ich habe die Gestalt gesehen, Männer, und auch mir ist es danach nicht gut ergangen. Ich sah das Gesicht am Himmel am 31.10. vor genau zwei Jahren, und wenige Tage danach hat meine Alte mich verlassen!“ „Wenn mir jemand dauernd die Augen blau schlagen würde, würde ich den auch verlassen! Aber vorher gäbe es was mit dem Nudelholz“, rief eine weibliche Stimme in die Männerrunde hinein. Es war Lisa, die Kellnerin, die eine neue Runde Wein brachte. „Also von dir hatte meine Olle diese blöde Idee“, motzte der Verlassene und rieb sich gedankenverloren die rechte Schulter. „Das Schlüsselbein hat sie mir gebrochen, die dumme Kuh – ich kann nur dankbar sein, dass sie nicht meinen Kopf getroffen hat.“ „Glaub mir, junger Freund, das hätte in deinem Fall nicht viel Unterschied gemacht. Nur ein hohles Knacken, sonst nichts.“ Lisa knallte das letzte Glas auf den Tisch und verließ die Runde ohne ein weiteres Wort.

Auch weitere Männer wussten von dem Ungemach zu berichten, das die sonderbare Gestalt am Himmel ihnen bereitet hatte. Dem einen war das Boot leck geschlagen, der zweite hatte Ärger mit dem pubertierenden Sohn und dem dritten, besonders bedauerlichen Kameraden war auf seiner eigenen Silberhochzeit die Hose geplatzt – Sapperlott. Die Männer kamen aus dem Staunen nicht heraus und nur einer – natürlich der unbelehrbare Jonas – wollte auch in diesem Jahr am 31.10. wieder auf das Meer hinaus fahren. „Da sieh‘ dich nur vor, dass dir danach nicht das Haus abbrennt!“, befürchtete einer, und „Pass auf, dass deine Alte dir danach kein Kuckuckskind ins Nest legt!“, riet ein anderer. Jonas lachte. „Meine „Alte“ ist erst 25, und unser Nest ist warm und groß. Wir nehmen, was kommt.“ Die Männer schüttelten den Kopf über so viel Unverstand, doch Jonas ließ sich nicht beirren. Ganz allein fuhr er hinaus an diesem letzten Tag im Oktober.

Das Wetter war ruhig und Jonas machte einen guten Fang. „Alle Fische sind für mich, alle sind für mich“, sang er leise, während er die Netze einholte. Kein einziges Schiff war weit und breit zu sehen, und dabei war das Meer glatt wie ein Spiegel. Erst gegen Abend, als er überlegte, allmählich nach Hause zu fahren, wurde der Himmel dunkler und irgendwie trüb. Und als Jonas sich gerade anschickte, zum letzten Mal das Netz an Bord zu ziehen, sah er, wie sich die kalte Sonne in ein Gesicht verwandelte. Es war … seltsam.

„Huuuu!“, machte das Gesicht, und „Huhu!“, sagte Jonas. „Wer bist du denn?“ Das Gesicht runzelte die Stirn. „Wer ich bin? Das sieht man ja wohl: Ich bin ein Gruselclown!“ „Ach was?“, sagte Jonas und guckte dumm. Er fand das Gesicht nicht besonders gruselig. Das sagte er auch: „Bitte nimm es mir nicht übel, aber ich finde dich nicht gruselig. Du siehst aus, als hätte mein Neffe dich gemalt, und der ist fünf.“ „Wie, ich sehe auch wie gemalt? Ich bin ein Gruselclown, ich bin schrecklich, und du musst dich fürchten.“ „Aha.“ Jonas war nicht überzeugt. „Warum?“ „Ja weil …“, der Clown war etwas verwirrt und stammelte herum. „Weil ich sonst mit einem Hammer hinter dir herrenne.“ Das stimmte Jonas nachdenklich. Er war ein logisch denkenden Mann und fand einen Haken an der Sache. „Wie willst du denn mit einem Hammer hinter mir herrennen? Du hast gar keine Arme, um den Hammer zu halten, und keine Füße, um hinter mir her zu sein.“ Der Clown sah ein bisschen beleidigt aus. „Es ist nicht schön von dir, dass du mir meine Schwächen so vorhältst.“ „Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht kränken. Du musst aber zugeben, dass es auch nicht schön von dir ist, dass du die Leute hier alle Jahre wieder erschreckst.“ Der Clown wirkte nachdenklich. „Es tut mir leid, dass du so empfindest. Aber das ist ein alter amerikanischer Brauch, und da ihr Europäer nach allem verlangt, was amerikanisch ist, erschien mir mein Verhalten angemessen.“ Jonas musste lachen. „Aber Gruselclown, da irrst du dich. Halloween ist kein amerikanischer Brauch, die machen das nur nach. Eigentlich kommt diese Sitte aus Irland und wurde von irischen Einwanderern in die USA gebracht. Wusstest du das nicht?“ Das Gesicht am Himmel wirkte entsetzt. Langsam, wie in Zeitlupe, schüttelte der Gruselclown den Kopf. Mehr hatte er ja auch nicht zum Schütteln. „Nein, das wusste ich nicht. Bist du dir da sicher?“ „Ganz sicher!“, antwortete Jonas. „Guck mal auf Wikipedia!“ Der Gruselclown stöhnte. „Dann ist also alles, was ich hier Jahr für Jahr gemacht habe, völlig sinnlos. Mein ganzes Leben hat seinen Sinn verloren.“ „Ich weiß nicht recht, aber du solltest nicht gleich alles in Frage stellen. Du könntest in dich gehen und darüber nachdenken, wie du jetzt weitermachst. Vielleicht solltest du zuerst mal nach deinen Wurzeln suchen.“ Die Gestalt am Himmel straffte sich und wirkte gleich ein bisschen weniger verzweifelt. „Ja, das werde ich tun. Vielen Dank für deinen weisen Rat.“ Mit diesen Worten verschwand das unheimliche Gesicht am Himmel und ward nie wieder gesehen.

 

Happy Halloween allen, die Spaß daran haben. Und allen anderen einen schönen 31. Oktober.

Der Großstadtjäger

Nach einer unheimlich langen Sommerpause haben endlich meine Schreibworkshops in der VHS Frankfurt wieder angefangen. Montags und donnerstags versuche ich mich also jetzt wieder regelmäßig in Sachen Kreativität, auch wenn manchmal nichts dabei herauskommt. Am vorletzten Donnerstag gab es als Inspiration einige wenige Zeilen vom Anfang des Textes „Eine Unbekannte“ von Botho Strauß. Von dem habe ich zwar noch nie was gelesen, aber als Ideengeber taugte er mir durchaus.

Der Großstadtjäger

Rose apricot

Manche Rose macht es wie Harald und schummelt ein bisschen …

Manchmal – aber gar nicht mal so selten – klappte es tatsächlich: Die angesprochene Frau trug den von ihm für sie gewählten Namen. Er war inzwischen gut darin, Namen zuzuweisen: Petra waren die kleinen Mädchen Ende der 60er Jahre genannt worden, oder Anja oder Heike. Zehn Jahre zuvor nannte man sie Karin oder Monika, oder auch Barbara. Und Mitte der 70er hießen sie Tanja, Claudia oder Kerstin. Frauen in anderen Altersklassen interessierten ihn nicht, weder suchte er junges Gemüse noch hatte er einen Ödipus-Komplex.

Er traf sie auf der Straße, im Museum, im Supermarkt oder auch im Krankenhaus, diese schönen, vitalen Frauen mit den lachenden Augen und dem warmherzigen Lächeln. Er liebte sie vollschlank, fraulich und mit vollem, langen Haar. Er sah sie kommen, taxierte sie, ordnete ihnen einen Namen zu. „Barbara!“, rief er dann, begeistert, fast enthusiastisch, streckte ihr dabei die Hand entgegen. Sein Händedruck war fest, männlich und vielversprechend. „Barbara, wie schön! Ist das lange her!“ Zumeist waren die Unbekannten verwirrt, hießen sie doch nicht Barbara, sondern Marion oder Ulla. Doch wenn er Glück hatte, ließ sich was drehen. Dann war die Unbekannte zwar nicht Barbara, hatte aber in der Schule eine beste Freundin dieses Namens gehabt. Das stellte sie dann richtig und sie lachten miteinander: „Ja, richtig, du bist die Ulla, ja klar, die Freche mit den roten Haaren! Erkennst du mich denn auch? Ich bin Harald!“ Natürlich erkannten sie ihn, nach etwas Schützenhilfe – alle erkannten sie ihn: „Ja, natürlich, Harald, wer denn sonst – du hast dich aber gut gehalten!“ Das hatte er wirklich, er tat schließlich auch genug dafür. All die Cremes und Tönungen, die handgemachten Schuhe und das Fitnessstudio waren nicht billig, aber die Sache lohnte sich.

Kaum hatten sie einander erkannt, Harald und die schöne Fremde, kamen sie einander näher: zuerst im Café, dann im Separée, zum Schluss fiel das Negligé. Immer gingen sie in die Wohnung der Dame, niemals zu ihm – Harald liebte es unkompliziert und genoss das unbekannte Terrain. Es war der Reiz des Neuen, der ihn dazu brachte, wieder und wieder auf die Jagd zu gehen. Er war ein Großstadtjäger der charmanten Art.

… erst wenn man ganz nah ist, zeigt sie ihr wahres Alter.

 

Nachbemerkung: Es gibt hier gewisse Parallelen zu einer mir einst bekannten Person. Den fand ich trotz seines schürzenjägerischen Übereifers ausgesprochen nett. Kommt vor, sowas.

Ist doch wahr!

Mal wieder eine Miniatur aus dem Schreibworkshop. Gegeben war ein Sprichwort aus Frankfurt: „Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal.“ Diese Weisheit passt gut zu mir und Folgendes kam dabei heraus:

Ist doch wahr!

Begegnung am Automaten für Heißgetränke:

Teetasse„Was guckst du denn so knurrig?“

„Ach, das willst du gar nicht wissen!“

„Dann würde ich nicht fragen.“

„Auch wieder wahr.“

„Und, was ist los? Hat dich wer geärgert?“

„Ach, das ist doch alles Mist hier.“

„Was ist Mist?“

„Ja, alles! Die Projekte, die Technik, das ganze Durcheinander hier. Da kann man doch nix mit anfangen, das kannst‘e doch alles aus dem Fenster schmeißen.“

„Jo. Pass aber auf, dass’te keinen triffst.“

„Ist doch wahr! Wenn ich mir das hier angucke, eins wie das andere, wo du hinfasst, stinkt es.“

„Jaja, man muss aufpassen, wo man hinlangt.“

„Und diese Software! Da hat keiner mal drüber nachgedacht, und nun wundern sich alle, wenn es kracht.“

„Ja, Krach finde ich auch lästig.“

„Und damit sollst’e dann arbeiten. Damit kannst’e aber nicht arbeiten. Echt, dass kannst’e alles inne Tonne kloppen und den Deckel draufhauen.

„Deckel zu, Affe tot.“

„Das Timing ist auch nicht zu halten, nicht unter diesen Bedingungen! Die ganze Planung ist Schrott. Und das nennt sich dann Projektmanagement …“

„Jaja, das ist wie immer: Das Management ist schuld.“

„Ja, ist doch so. Alles fliegt aus’m Fenster und du sollst es dann wieder einfangen. Kannst’e doch nicht.“

„Ich fange ohnehin nichts ein, mich muss man zum Jagen tragen.“

„Ach, du wieder. Dass du immer so ruhig bleiben kannst …“

„Ach ja, wenn ich mich uffresche, nützt das dann was?“

„Ja, ne, natürlich nicht. Aber du, ganz ehrlich …“

„Was denn?“

„Deine Ruhe regt mich auf!“

„Mich nicht.“

Wer von den beiden Dialogteilnehmern ich bin, überlasse ich der Einschätzung der Leser.

Stürmische Jahre

Humphrey Bogart soll gesagt haben: „Frauen, die lange ein Auge zudrücken, tun es am Ende nur noch, um zu zielen.“ Das Zitat ließ mich an die Sache mit dem Veilchen denken, die passierte, als ich vielleicht sieben Jahre alt war:

Stürmische Jahre

Sie haben sich nichts geschenkt, die beiden alten Leute. Im Alter nicht, und auch nicht in den vielen Jahren zuvor. Sie galt als zänkisch und nachtragend wie ein Elefant. Zumindest in der Zeit, als ich sie kannte, legte man sich besser nicht mit ihr an. Als sie jung war, war sie hübsch, ein bisschen kess vielleicht, und voller Hoffnung. Er war der mit den viel zu großen Ohren, der gescheit war und mehr aus Zufall an diese temperamentvolle Frau geriet. Und dann war er viele Jahre damit beschäftigt, dieses fürchterliche Temperament herauszufordern: Ein dummer Spruch zur falschen Zeit war da noch das Geringste. Schwerer wogen seine wirtschaftlichen Verfehlungen, die sie immer wieder in helle Aufregung versetzten. Wäre er doch nur nüchtern geblieben, wenn er Geschäfte machte – dann hätte sie es viel leichter gehabt.

Dass die drei gemeinsamen Kinder gesund groß wurden, verdankten sie dem klugen Wirtschaften der Mutter. Dass sie, die Mutter, nicht lange vor der Zeit an einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einer anderen aufregungsbedingten Krankheit verstarb, verdankte die ihrer robusten Konstitution. Und dass er, der Familienvater, nicht von einer herumfliegenden Konservendose erschlagen wurde, verdankte er seiner Wendigkeit und ihrem schlechten Augenmaß.

Als Kind habe ich mich immer gefragt, wie jemand so schlecht zielen kann. Drei Meter Abstand nur, und doch krachte das Wurfgeschoss an die Wand statt an den Mann. Und dann flog auch noch das Veilchen in die Mülltonne, mit Topf – schade drum. Und dann habe ich mich gefragt, was mit ihm los ist, dass er sich nach einem solchen Sturm das Einkaufsnetz und fünf Mark in die Hand drücken ließ und lostrabte, um ein neues Veilchen zu kaufen. Er versorgte sie mit neuen Wurfgeschossen – warum?

Heute kenne ich die Antwort. Sie fiel mir schon ein, als beide noch lebten und ich sie irgendwann eng aneinander gedrückt auf dem Sofa sitzen sah: Sie haben sich einfach geliebt.