Es muss seine Ordnung haben!

Ich gönne mir – und euch – derzeit ein wenig Internet-Ruhe. Ich fand, das sei mal nötig: Zeit haben für anderes, wieder mal was lesen oder einfach nur dumm gucken. Das kann ich ja besonders gut. Es sind aber noch immer reichtlich Texte vorhanden, und so gibt es heute etwas ganz Altes aus einem meiner ersten Schreibworkshops. Denn es muss seine Ordnung haben. Überall, nur nicht bei mir 🙂

Es muss seine Ordnung haben

Kaum zu glauben, dass schon wieder Dienstag ist. Dienstag ist ein Friedhofstag, ein Tag, an dem ich dich besuche. Immer scheint Friedhofstag zu sein, dabei ist es nur zweimal die Woche. An den anderen fünf Tagen bin ich frei von dir. Von deiner Anwesenheit und deinem Geruch, deiner Penetranz und deinem Gemecker. Trotzdem komme ich regelmäßig zu dir, Peter: Ich sammle Blättchen von deinem erdigen Deckel, zupfe Unkraut und harke. Damit du es schön hast und keine Unordnung deine Ruhe stört. Nicht, dass du da noch wieder raus kommst.

Weißt du, was lustig ist, Peter? Die Friedhofsverwaltung hat mir geschrieben, wegen dem „pietätlosen“ Grabschmuck. Eine nachgemachte Eingangstür sei nicht angemessen und störe das ruhige Bild. Ich habe versucht, ihnen das zu erklären: Dass du es gerne gehabt hast, so wie wir es für dich gemacht haben. Eine ordentliche, übersichtliche Eingangstür, mit Namensschild und Briefschlitz, so dass der Briefträger weiß, wohin mit der Post. Eine Klingel muss auch da sein, für die Einschreiben. Es muss ja alles seine Ordnung haben, immer und überall.

Ich habe denen von der Friedhofsverwaltung das geschrieben und ihnen deinen Fall erklärt. Ich weiß nicht, ob sie das verstanden haben. Zumindest habe ich das gute Briefpapier genommen, das mit dem aufgedruckten Namen und der Adresse. Es ist übrigens neu, du bist ja nun nicht mehr, was soll da noch dein Name auf dem Briefpapier? Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Aber gefällt dir denn eigentlich dein Grabstein? Oder stört dich die Zeitung? Die war Sabines Idee. Sie sagte, dass dein Gejammere über die Gratiszeitungen, die die Postkästen anständiger Leute verstopfen, deine hervorstechendste Eigenschaft gewesen sei. Ich glaube, sie hat nicht ganz recht, es gab auch noch anderes, was dich ausgemacht hat. Aber wir konnten dir ja schlecht Cordpantoffeln aufs Grab stellen. Und ein gelbes Postfahrrad wäre sicherlich bald geklaut worden. Nein, Peter, dass mit der Tür entspricht dir schon, und die Zeitung auch.

So, ich bin fertig. Nun ist hier wieder alles schön sauber, Peter. Schau, Blumen habe ich dir auch gebracht, aus unserem Garten. Denn für Blumen gibt man doch kein Geld aus! Sie werden bis Samstag halten, dann komme ich wieder und mache Ordnung. Und schaue nach, ob du noch da drin bist.

Im Verließ

Wo ich schon mal auf dem Grusel-Trip bin, hier gleich noch eine Miniatur, die letztes Frühjahr im Schreibworkshop bei der wunderbaren Barbara Brüning entstand:

 

Im Verließ

Seit Jahren schon quälte Sibylle der gleiche Albtraum: Sie war gefangen. Gefangen in einem Verließ tief unter der Erde. Nur eine kleine Kerze in einer staubigen Laterne spendete etwas Licht und gab den Blick frei auf die triste Umgebung: Ein schmaler Raum, nur etwa acht Quadratmeter groß, mit einem Strohsack, einem Eimer und einem Blechnapf, mehr gab es nicht zu sehen. Das Schlimmste aber war, dass Sibylle wusste, dass der Schlüssel zur Tür irgendwo in dieser kleinen Kammer sein musste. Die Tür ließ sich nur von innen öffnen, dass hatte der unheimliche Mann ihr gesagt, der sie hier hereingebracht hatte. Dieser Mann war Onkel Karl, auch wenn der schon lange tot war. Sibylle wusste, dass er tot war, aber nur, wenn sie selber wacht war. Jetzt im Moment schlief sie, und Onkel Karl lebte.

Brennende Kerze

Bild zur Verfügung gestellt von Robert Köhn, http://www.pixelio.de

Sie wusste, dass sie träumte. Sie wusste sogar, wie der Traum ausgehen würde: Verzweifelt würde sie sein, das war immer so. Erschöpft und verzweifelt von den vielen Versuchen, den Schlüssel zu finden. Unter dem Strohsack und im Stroh, im Eimer, der voller Fäkalien war und natürlich in den dunklen Ritzen der Wände. Da war kein Schlüssel, nirgends. Sie verausgabte sich bei den Versuchen, die Wände hochzuklettern, wühlte immer wieder im Strohsack. Am Morgen würden ihre Arme zerkratzt sein, weil das Stroh so stach und sie juckte. Ihre Hände würden auch zerkratzt sein, weil der Fäkalieneimer sie so ekelte. Und irgendwann, wenn die Kerze fast heruntergebrannt war, würde ihre Angst sich ins Unermessliche steigern. Erst wenn es in ihrem Traum dunkel wurde, wachte sie auf, schwitzend und zerkratzt, zum Umfallen müde.

Heute aber würde sie nicht so lange warten. Sie würde sich nicht an diesem Traum abarbeiten bis zur Erschöpfung. Sie hatte einen Plan, heute würde sie sich wehren. Nicht gegen Onkel Karl, gegen den konnte sie nichts ausrichten, aber gegen das, was danach kam. Sie würde den Schlüssel nicht suchen.

Kaum hatte die Tür sich hinter Sibylle geschlossen, nahm sie allen Mut zusammen. Sie eilte sie zur Laterne und blies die Kerze aus. Sie wurde wach. Es war vorbei.

Novemberschatten

„Ich gehe mit meiner Latereeerne … rabimmel-rabammel-rabumm …“ Anja hörte die Stimmen der Kinder wie aus weiter Ferne, obwohl die warme, etwas klebrige Hand ihres laut mitsingenden Patenkindes sich fest an ihre klammerte. Sie selbst sang nicht, zu sehr waren ihre Gedanken mit einem Laternenumzug beschäftigt, der nun schon fast 30 Jahre zurück lag. Acht Jahre war sie damals alt gewesen und hatte schon zu „den Großen“ gehört, die damals mit einer selbst gemachten Laterne hinter Sankt Martin auf seinem großen weißen Pferd hergelaufen waren. Eigentlich war dieser Umzug für Kindergartenkinder gedacht, doch die Mutter hatte sie nicht allein zuhause lassen mögen und so musste sie mit. Natürlich war das eigentlich unter ihrer Würde gewesen, doch sie wusste, dass am Ende alle Kinder eine kleine Tüte mit Süßigkeiten ausgehändigt bekamen. Sie war nicht das einzige große Geschwisterkind gewesen, dass den Umzug mitmachte, auch ihre Schulkameradin Nicole war mit von der Partie.

Bild zur Verfügung gestellt von Rike, http://www.pixelio.de

Ein Windstoß ließ die Laternen der Kinder hin und her schwingen und blies Anja die Haare ins Gesicht. Zusätzlich setzte ein leichter Sprühregen ein. So ein Sauwetter aber auch. Was hatte man sich nur dabei gedacht, diese Laternenumzüge ausgerechnet in die unwirtlichste Zeit des Jahres zu verlegen? Sie beneidete Antonia fast ein wenig um die rote Matschhose, in die das Kind eingepackt war.

„Darf ich mit Frau Löhr gehen?“, hörte sie da die helle Stimme Antonias und folgte dem ausgestreckten Zeigefinger des Kindes mit ihrem Blick. Was sie sah, ließ sie schmunzeln: Frau Löhr, die Direktorin des Kindergartens, hatte einen riesigen Schirm ausgepackt, unter dem sich einige der Kindergartenzwerge zusammendrängten. Wie sie den bei diesem Wind festhalten wollte, war Anja unklar, aber das sollte nicht ihr Problem sein. „Klar, geh nur.“ Sie ging alleine weiter.

„Hat mein illoyales Kind dich allein gelassen?“, hörte Anja kurze Zeit später die Stimme ihrer Freundin Lena, Antonias Mutter. Sie musste lachen. „Ja, der große Schirm wirkte verlockender, als neben der alten Patentante nass zu werden.“ Sie grinste, aber es wirkte etwas wehmütig. Lena deutete die Grimasse richtig. „Das ist dein erster Laternenumzug seit damals, oder?“ Ja, das war es. Anja war nie wieder in einer Novembernacht mit einem kleinen Licht herumgelaufen, und sie war nie wieder auf einem Friedhof gewesen. Seit 28 Jahren nicht. Sie mied diese Orte wie der Teufel das Weihwasser.

Damals, vor 28 Jahren, hatten sich „die Großen“ nach und nach zusammengefunden und ein eigenes Grüppchen gebildet. Zu fünft waren sie gewesen, sie und Nicole, deren 10-jähriger Bruder und zwei Jungen, die Anja aus dem Sportverein kannte. Natürlich hatten sie keine Kinderlieder gesungen, sondern waren lachend und schwatzend hinter den anderen her gebummelt. Ab und zu hatte sich einer der Erwachsenen nach ihnen umgedreht und kurz durchgezählt, ob noch alle da waren. Und sie, „die Großen“, hatten versucht, einander mit Schauergeschichten zu erschrecken. Wer auf die Idee gekommen war, auf dem alten Friedhof herumzulaufen, konnten sie hinterher nicht mehr sagen.

Das große Haupttor des Friedhofs war bereits abgeschlossen gewesen, als der Laternenumzug daran vorbeiging. Deshalb hatten die Kinder sich gegenseitig über die Mauer geholfen. Anja erinnerte sich noch immer daran, wie Nicoles Bruder sie am Hintern angeschoben hatte, damit sie, die Kleinste, es auch über die alte Steinmauer schaffte. Auf diese Weise waren sie alle auf dem Friedhof angekommen, dreckig von der alten, bemoosen Mauer und einer der Jungen mit einem Loch in der Hose. Sie hatten aufgeregt gekichert und mit ihren Laternen, die damals noch von Teelichten beleuchtet wurden, neugierig die Ecken ausgeleuchtet. Zwischendurch hatten sie versucht, einander zu erschrecken, waren hinter Grabsteinen hervorgesprungen und hatten „Buuuhuhuuu!“ gerufen, gekreischt und gekichert. Einige der Erwachsenen gaben später an, den Lärm der Kinder vom Friedhof gehört zu haben. Man hatte den Kindern aber nicht den Spaß verderben wollen.

„Denkst du noch viel an damals?“, wollte Lena wissen und Anja nickte. „Ja. Jeden Tag. Eigentlich wollte ich auch nicht mitgehen heute.“ Lena nickte verstehend. Sie wusste, dass der Herbst für die Freundin eine schwere Zeit war. Sie hatten oft darüber geredet, über den Laternenumzug, die Vorfälle auf dem Friedhof und vor allem über die Zeit danach. Aber all das Reden, Überlegen und Spekulieren hatte nichts geholfen. Sie wussten einfach nicht, was damals geschehen war. Niemand wusste das.

„Weißt du“, redete Anja weiter, „das Schlimmste war wohl, dass uns damals keiner geglaubt hat. Sie haben uns befragt, wieder und wieder, und keiner hat uns geglaubt, was wir dort gesehen haben.“

Sie hatten Spaß gehabt auf dem Friedhof, und natürlich auch ein bisschen Angst. Es war genau das Maß an Grusel, das ausreicht, um sich so richtig wohl zu fühlen – wie in einer klapprigen alten Geisterbahn. Ab und zu waren sie auseinandergelaufen, hatten sich versteckt, hatten wieder zuammengefunden und einander die schönsten Grabsteine gezeigt. Und dann, als Anja und einer der Jungen gerade versuchten, einen uralten Grabstein zu entziffern, hatten sie die weiße Gestalt gesehen. Zuerst war sie mehr ein Schatten gewesen, dann war sie immer deutlicher geworden, war über den Friedhof geflogen und hatte die Kinder dazu gebracht, laut schreiend in Richtung Ausgang zu laufen. Zu dem Teil der Mauer, der niedrig genug war, um zu flüchten. Anjas Laterne war erloschen, sie rannte nur hinter dem zuckenden Licht her, das die Kerze des Jungen warf. Als sie an der Mauer ankamen, waren sie nur zu dritt. Von irgendwoher hörten sie eine Stimme rufen – einer der Jungen fand den Ausgang nicht. „Hierher“, riefen die Kinder, „hier sind wir!“ Sie waren wieder losgelaufen, auf den Rufer zu, hatten einander dabei fest an den Händen gehalten. Und wieder hatten sie die weiße Frau gesehen. Sie war auf sie zugeschwebt, in raschem Tempo, und sie hatten einander losgelassen und waren hinter die Grabsteine gesprungen, schreiend zuerst, dann ganz still. Erst, als sie ein paar männliche Stimmen hörten, die nach ihnen riefen, hatten sie sich heraus getraut. Anja erinnerte sich, wie sie auf das Licht einer großen Taschenlampe zugelaufen war, die ein junger Mann von der freiwilligen Feuerwehr geschwenkt hatte. Weinend war sie ihm in die Arme gefallen. „Nana“, hatte er gesagt und gelacht, genau wie all die anderen Erwachsenen gelacht hatten. Aber da wussten sie ja auch noch nicht, was geschehen waren. Sie wussten nicht, dass Nicole nicht zurückkam.

Bild zur Verfügung gestellt von Meltis, http://www.pixelio.de

Die achtjährige Nicole verschwand an diesem Novemberabend auf dem Westfriedhof, und sie tauchte nicht wieder auf. Man suchte sie, und man befragte die Kinder – hatten sie etwas gesehen? Alle vier Kinder sprachen von der unheimlichen weißen Frau, doch niemand glaubte ihnen. Eine weiße Frau, was sollte das sein? Wahrscheinlich war das irgendein Schatten gewesen, oder eine herumflatternde Plastiktüte. Es gab gewiss einen natürlichen Grund, der die Panik bei den überreizten Kindern ausgelöst hatte.

Nicole blieb verschwunden, ihr Platz in der Klasse leer. Irgendwann begannen die Kinder, Blumen auf diesen Platz zu legen. Als das neue Schuljahr anfing, wurden die Plätze neu vergeben und es gab keinen Tisch mit Blumen mehr. Die meisten Kinder vergaßen Nicole.

Anja hingegen hatte sie nie vergessen. Immer wieder hatte sie versucht, jemanden von dem Vorhandensein der weißen Frau zu überzeugen, jedoch erfolglos. Als sie 12 war, schickten ihre Eltern sie zu einer Psychotherapeutin. Diese half ihr, das Erlebnis zumindest soweit zu verarbeiten, dass sie damit weiterleben konnte. Und doch, es war immer noch in ihr. Es nagte an ihr. Noch immer wachte sie nachts deswegen auf, denn noch immer erschien ihr im Traum die weiße Frau.

An diesem Abend beschloss Anja, dass es genug wäre. Sie würde sich ihren Ängsten stellen und auf diesen Friedhof gehen. Nicht irgendwann, sondern jetzt sofort. Oder besser gesagt, gleich im Anschluss an den Laternenumzug.

„Leihst du mir mal deine Laterne?“, fragte sie Antonia und diese, bereits eifrig beschäftigt mit der Süßigkeitentüte von St. Martin, nickte großzügig. Anja nahm die Laterne und verließ die Gruppe, ohne sich lange zu verabschieden. Die Kapuze tief im Gesicht stapfte sie gegen den Wind und den feinen Regen an. Sie wusste nicht, was sie auf dem Friedhof finden würde – wahrscheinlich gar nichts. Oder zumindest nichts Interessantes. Aber sie war es leid, sich von diesem Ereignis in der Kindheit ihr Leben vermiesen zu lassen. Heute Abend hatte sie schon einen Laternenumzug überstanden, sie würde auch einen Friedhofsbesuch überstehen.

Wieder war das Friedhofstor verschlossen. Anja suchte nach der niedrigen Stelle in der Mauer – da war sie. Obwohl sie inzwischen ausgewachsen war merkte sie, dass sie sich beim Überklettern der Mauer wieder richtig dreckig machte. Sie fluchte halblaut, knipste dann aber ihre Laterne an und leuchtete damit herum. Alles ruhig. Anja kicherte nervös – was hatte sie denn erwartet? Sie machte ein paar Schritte von der Mauer weg, ging auf den Hauptweg. Sie erkannte nichts wieder. In ihrer Erinnerung hatte es immer nur die weiße Frau gegeben. Jetzt hingegen war es hier völlig unspektakulär. Langweilig fast.

Und dann sah sie sie: die weiße Frau. Sie erschien direkt vor ihr und schwebte auf sie zu, langsam dieses Mal. Anja wollte schreien und weglaufen, so wie damals. Doch sie zwang sich, zu bleiben. Als die unheimliche Gestalt näherkam, sah Anja sie zum ersten Mal richtig: Es war eine Frau in altmodischer Kleidung, mit einer komplizierten Flechtfrisur und zarten Gesichtszügen.

„Was willst du von mir?“, fragte Anja zittrig und hob abwehrend die Hände. „Du muss mich nicht fürchten, Kind“, säuselte die weiße Frau leise, und ihre Stimme verschwand fast im Wind. „Ich bin froh, dass du zurückgekommen bist. Denn es ist nicht recht, so wie es ist!“ Anja schüttelte den Kopf. „Was hast du mit Nicole gemacht?“, wollte sie wissen und die Frau sah sie traurig an. „Nicht ich habe dem Kind Schlechtes getan. Ich wollte helfen, doch ich bin ein Geist. Mich sieht nur, wer an mich glaubt. Kinder, oder solche, die von mir wissen. Alle anderen können mich nicht sehen oder fühlen. Und so konnte ich die Kleine nicht retten.“ Anja stockte fast der Atem, doch sie fragte weiter: „Was ist passiert?“ „Er war es“, erklärte die weiße Frau. „Der Mann mit dem Schlüssel zum Tor. Er hat ihr aufgelauert und als sie mit ihrer Laterne an ihm vorbeitanzte, hat er sie geschnappt und mit in sein großes Auto gezogen. Ich konnte es nicht verhindern.“

Bild zur Verfügung gestellt von Rike, http://www.pixelio.de

Anja konnte es immer noch nicht begreifen. „Du meinst, da war ein Mann mit Schlüssel? Er hat sie mitgenommen? Und dann, was hat er mit ihr gemacht?“ Die weiße Frau begann zu weinen. „Er hat sie zurückgebracht. Kalt und tot war sie da, und das ist nicht recht. Er hat sie in ein frisches Grab gelegt und zusammen mit einem alten Mann bestattet. Dort …“ Sie wies auf ein Grab, das tatsächlich seit 28 Jahren bestand. Albert Wagner lautete die Inschrift auf dem Grabstein. Obwohl November war, blühten auf diesem Grab unzählige bunte Blumen. „Ich pflege das Grab“, erklärte die weiße Frau. „Das ist alles, was ich für die Kleine tun kann. Aber es ist nicht recht, so wie es ist. Sie muss ein eigenes Grab haben, damit ihre Familie trauern kann.“ „Ich kümmere mich darum“, versprach Anja. „Aber sag mir: Wer bist du?“ Die weiße Frau lächelte ein wenig. „Mein Name ist Adele von Zitzewitz. Ich kam nicht zur Ruhe, weil ich nach meinem Kindlein sehen wollte. Ich habe die Geburt nicht überlebt und wollte doch sehen, wie es Klara geht.“ Ihre Miene wurde traurig. „Leider starb sie mit drei Jahren an den Masern.“ „Oh…“, war alles, was Anja betroffen sagen konnte. Die weiße Frau sah aus, als wolle sie sich von Anja verabschieden. „Du musst jetzt gehen, Kind. Es ist nicht gut, in diesem Novemberwetter draußen zu sein. Pass auf, dass es dir nicht auf die Lunge schlägt. Am besten, du nimmst einen heißen Stein mit ins Bett.“ Mit diesem guten Ratschlag verschwand die weiße Frau so leise, wie sie gekommen war. Anja blieb zurück, mit einer durchweichten Laterne in der Hand und vielen Zweifeln. War sie nun völlig verrückt geworden?

Sie fand keinen Schlaf in dieser Nacht. Sie wollte sich darum kümmern, dass Nicole gefunden und ordentlich beerdigt wurde, und sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihr Leichnam sich in dem Grab befand, das die weiße Frau so hingebungsvoll pflegte. Doch wie sollte sie das der Polizei begreiflich machen, ohne in die Psychiatrie eingewiesen zu werden?

Sie beschloss, die Flucht nach vorn anzutreten. Bei der Arbeit meldete sie sich krank – elend genug ging es ihr dafür. Und dann ging sie zur Polizei. Tatsächlich gab es einen älteren Beamten, der sich noch gut an die Sache erinnern konnte. „Ja, das kleine Mädchen“, sagte er nachdenklich. „Möchte gerne wissen, wo das hingekommen ist.“ „Ich weiß es“, sagte Anja und straffte die Schultern. „Ich weiß es und ich sage es Ihnen – aber nur, wenn Sie mir versprechen, dann auch da nachzugucken und mich nicht einfach nur für verrückt zu erklären.“ Nach einigem Zögern versprach der Polizist es ihr. „Wir haben ja nichts zu verlieren bei diesem Fall“, meinte er. Und Anja erzählte.

Es dauerte noch einige Tage, bis das Grab Albert Wagners geöffnet wurde. Seine Angehörigen waren damit einverstanden, wurde es doch ohnehin allmählich Zeit, das Grab des Großvaters aufzulösen. Tatsächlich fand man in der Grabstätte zwei Skelette – ein großes und ein kleines. Und da Anja mit ihren Informationen Recht gehabt hatte, glaubte man ihr jetzt auch, dass es ein Mann mit einem Schlüssel zum Friedhof gewesen war, der das Mädchen entführt hatte. Es gab deren nur drei, und nur einer hatte damals ein großes Auto gehabt. Er leugnete es nicht.

Anja nahm an der offiziellen Beerdigung Nicoles teil. Die Eltern und der Bruder, die allesamt die Ereignisse noch immer nicht richtig verarbeitet hatten, bedankten sich bei ihr. Und auf dem Grab erschienen, kaum dass es geschlossen war, unzählige bunte Blumen, obwohl es November war und schon leicht schneite.

Bild zur Verfügung gestellt von Lilo Kapp, http://www.pixelio.de. Eine ganz ähnliche Laterne hatte ich übrigens früher.

Es war einmal

In meiner Wohnung ist es immer noch warm und in meinem Köpfchen ist Watte. Also muss mein Blog von Altbeständen leben 🙂 Es gibt also wieder mal eine Schreibkursübung – es ging um Beziehungen. Die Anfangsbuchstaben der Sätze sollten das Wort BEZIEHUNG ergeben, die Zeit war knapp. Also los …

Es war einmal …

Beinahe hätten sie einander nicht erkannt.

Einst waren sie ein Paar gewesen.

Zwei lange Monate, beinahe.

Im Sommer war es gewesen – Schwimmbadzeit.

Etwas hatte die Harmonie gestört.

Heulerei und Anschuldigungen, dramatische Trennung.

Und jetzt sahen sie sich wieder, nach 32 Jahren.

Nichts war von der früheren Anziehungskraft geblieben.

Gar nichts.

Nachbemerkung: Ich sortiere das mal ganz optimistisch unter „Gedichte“ ein. Bin ja sonst nicht so für Poesie …

Immer wieder Sonntag

„Komm, wir machen es uns richtig gemütlich!“ Wie Astrid diesen Satz hasste! Es sich gemütlich zu machen, war gemeinsam mit Horst schon im Winter nicht leicht, aber da ging es noch. Bei schlechtem Wetter blieb man ja drinnen. Im Sommer hingegen machten sie es sich im Garten gemütlich, und das war schwere Arbeit.

Zuerst wurde die schwere Persenning von den Gartenmöbeln genommen, Abschütteln, falten, in der dazugehörigen Kiste verstauen. Tisch und Stühle zurechtrücken, den großen Sonnenschirm aus dem Schuppen holen, auf den Fuß wuchten und aufspannen. Die Tischdecke rausholen, auf den Tisch legen und sorgfältig einnorden – Horst mochte es nicht, wenn die vier Zipfel ungleichmäßig herunterhingen.

„Hast du Kuchen?“ Wenn Astrid keinen gebacken hatte, rannte sie zum Bäcker und holte welchen. Horst probierte derweil schon mal den Kaffee, und wenn er sich vor lauter Kraft nicht halten konnte, deckte er den Tisch.

Beim Kaffeesieren sprachen sie zumeist über die Temperatur. War es zu kühl, holte Astrid Jacken raus, war es zu warm, drehte sie den Schirm. Das tat sie auch, wenn es blendete. Bei großer Hitze blies sie das kleine orangefarbene Planschbecken auf und füllte es mit dem Gartenschlauch, damit Horst seine dampfenden Füße hineinstellen und so überschüssige Wärme abgeben konnte. Manchmal bat er sie sogar um Eiswürfel für sein Fußbad.

Am Ende eines gemütlichen Nachmittages hatte Astrid in der Regel Rückenschmerzen und plattgelaufene Füße. Ihre Energie reichte gerade noch dazu, den ganzen Kram wieder aufzuräumen, die Stühle zusammenzuschieben und die Persenning wieder aufzulegen. Beim abschließenden Geschirrspülen half Horst ihr manchmal, aber nicht immer. Schließlich hatte er heute frei. Es war ja Sonntag.

Freundschafts-Haiku

Skulptur HundeIm Schreibworkshop sollten wir ein Haiku zum Thema Freundschaft schreiben. Haiku ist eine japanische Gedichtform. Die Gedichte haben jeweils drei Zeilen, die erste Zeile hat fünf, die zweite sieben, die dritte wieder fünf Silben. Mein Glück ist, dass der Inhalt gerne mal etwas absurd sein darf, denn für Poesie bin ich irgendwie nicht geeignet.

Es gab wie immer bei diesen kleinen Übungen nur wenig Zeit, doch ich klimperte vier Haikus zusammen. Eines scheint mir ganz gelungen zu sein, doch der Weg dahin war weit.

1. Ein Dramolett

Rosen der Liebe
Wollte ich dir schenken.
Doch du warst nicht da.

2. Naturalistischer Kitsch

Der Specht rief leise.
Während ich an dich dachte,
hörte ich ihm zu.

3. Schlimmer geht immer

Mein Herz rief nach dir
Wie ein Elch nach seinem Kalb
Da oben am Pol.

4. So, und jetzt kommt’s, das nächste passt. So geht Freundschaft:

Wir aßen Bratwurst,
tranken dazu sechzehn Bier
und du sprachst wenig.

Anita 2: Der nette Nachbar

Hier nun also der zweite Teil der Anita-Geschichte. Manchmal ist es ja sehr interessant, auch die Gegenseite zu befragen.

Anita 2: Der nette Nachbar

Türkranz mit EngelClaudia war außer sich. Sie nannte mich geschmacklos und gemein und ich wusste zunächst gar nicht, wovon sie eigentlich sprach. Erst als sie wieder zur Tür hinausrannte, dort den scheußlichen Türkranz abriss und ihn mir vor die Füße warf, sah ich den Engel. Eine kleine, erhängte Figur, die meiner süßen Claudia verblüffend ähnlichsah. Sie hatte sogar das gleiche Kleid an wie das, das Claudia im Sommer so gerne trug.

Ich wusste sofort, wer dieses garstige Teil an meine Tür gehängt hatte: Anita war es gewesen. Seit Wochen stellte sie mir nach, stalkte mich, verlangte nach Zuneigung. Als ob man jemanden mögen könnte, der einen so übel bedrängt. Sie machte mir ständig Vorwürfe und redete schlecht über meine Freundin. Ich habe versucht, sie anzuzeigen, aber bei der Polizei hat man mir nicht geglaubt. Es ist ja auch absurd: Ein Mann von 22, der von einer 55-jährigen Frau verfolgt wird, die nicht seine Mutter ist: Sowas ist verrückt.

Zum Glück konnte ich Claudia beruhigen. Sie kennt Anita ja, weiß, dass die mich verfolgt. Sie hat mich nur ein einziges Mal gefragt: „Hattest du wirklich Sex mit ihr?“ und hat es akzeptiert, dass ich „Nein“ sagte. Anita hingegen hat das nie akzeptiert, ein „Nein“ zählte für sie nicht. Als sie mich das erste Mal anbaggerte, glaubte ich an ein Missverständnis. Als sie mich aber wieder und wieder zu sich einlud, wurde sie mir unheimlich. Ich grüßte sie zwar noch, blieb aber nicht mehr zum Schwatzen stehen. Trotzdem habe ich sie nun am Hals.

Ich denke, ich werde umziehen. Denn diese Frau hat eine Meise, so groß wie ein Schwan, und wirkt dabei nach außen völlig normal. Man wird mir nie glauben, was sie mit uns tut. Und dass sie nicht gefährlich ist, glaube ich nach der Aktion mit dem erhängten Engel nicht mehr.

Anita 1: Weiberabend

Heute mache ich mal etwas, was ich noch nie gemacht habe – einen Mehrteiler 🙂 Na gut, genau genommen sind es zwei Teile. Den zweiten gibt es in den nächsten Tagen. Heute aber lernt ihr erst mal Anita kennen.

Anita 1: Weiberabend

Damenhand, Cocktailglas, Glitzernder RingIch nahm meine Tasche und überprüfte wie immer, ob ich alles dabeihatte: Handy, Geldbörse und Schlüssel, außerdem das kleine blaue Kosmetiktäschchen, in dem ich immer allerhand weibliche Utensilien mit mir herumtrug. Mein „Beischlaftäschchen“ nannte mein Mann das, weil ich in unserer ersten gemeinsamen Nacht ein Kondom daraus hervorgeholt hatte. Kondome hatte ich jetzt nicht mehr darin, wohl aber einen Lippenstift und die kühlende Creme zum Abschwellen der Augenlider.

Wie immer war meine Ausrüstung komplett, ich vergaß selten etwas. Also lief ich los. Etwas hektisch, denn ich komme ungern zu spät. Trotzdem hatten meine Mädels schon Platz genommen und den ersten Sekt bestellt, als ich in das Lokal kam. Zum Glück hatten sie mich nicht vergessen, mein Glas wartete bereits auf mich. Das war gut, denn sonst wäre ich gleich hintendran gewesen. Und so albern, wie wir auf unseren Weiberabenden immer wurden, half ein kleiner Glimmer mir wirklich: Schließlich bin ich eigentlich ein vernünftiger Mensch.

Auch dieses Mal blödelten wir munter herum. Meine Freundin Anita hatte einen Adventskranz, den sie stolz herumzeigte. Es war keiner mit Kerzen, den man auf den Tischstellen sollte, sondern einer zum an die Tür hängen. Wir schwiegen zunächst verblüfft, denn Anita hatte eigentlich einen ausgezeichneten Geschmack. Dieser Türkranz aber war von einer monströsen Hässlichkeit, dekoriert in Orange und Pink, geziert von einem Engel in einem wabernden Spitzengewand.

„Was willst du da denn mit?“ fragte schließlich Vera und schubste den blöde grinsenden Engel angewidert mit einem Finger an.

„Den schenke ich meinem Ex!“ verkündete Anita fröhlich. Wir waren erstaunt – seit wann hatte sie einen „Ex“? Sie war seit fast 25 Jahren geschieden und erwähnte diesen Mann kaum einmal. Sie sah uns die Verwirrung an und klärte uns auf: „Ich hatte Sex mit meinem Nachbarn, dem Netten aus Nummer fünf. Vier Monate lang. Nun hat er eine Neue, die ist viel jünger als ich und sieht aus wie dieses Ding da.“ Sie wackelte kräftig mit dem pausbackigen Engel und nun erst sahen wir es: Die kitschige Figur war nicht etwa vorsichtig in dem Kranz befestigt worden. Man hatte sie mit Paketschnur am Hals aufgehängt.

Als erstes erholte Vera sich von ihrer Verblüffung. „Mehr Sekt!“ rief sie einem vorbeieilenden Kellner nach.

Schön ausgedrückt – das Geschoss

Ich mag Begriffe mit zwei Bedeutungen. Das Geschoss ist besonders schön – damit kann man so richtig Blödsinn machen.

Geschosse geschossen

Panzer mit Blumen im Rohr

Hier wird nicht geschossen!

Fridolin wohnte im zweiten Geschoss eines großen Mehrfamilienhauses. Er achtete auf Recht und Ordnung, hatte den Eingang des Hauses immer im Blick und notierte akribisch, wer wann das Haus verließ oder betrat. Als vor einigen Jahren sehr zweifelhafte Subjekte an den Mülltonnen herumlungerten und dort ganz offensichtlich noch zweifelhaftere Substanzen an junge Leute verkauften, hatte Fridolin durchgegriffen und wie früher im Schützenverein von seiner ruhigen Hand und dem sicheren Auge profitiert.

„Nichts bringt diese Kriminellen so schnell zum Verschwinden wie ein warnendes Kleinkalibergeschoss in den Allerwertesten“, pflegte er zu sagen und dabei bestimmt zu nicken. Auch, als in der kleinen Gartenparzelle die Hanfpflanzen in die Höhe geschossen waren, brachte ein Geschoss aus dem zweiten Geschoss den Gärtner zum Aufgeben. Und als Gerüchte über eine angebliche Liaison des Hausmeisters mit der jungen Frau aus dem Erdgeschoss ins Kraut geschossen waren, wurde wieder zielgerichtet geschossen: ein Geschoss in seinen, eines in ihren Hintern.

Irgendwann fand man Fridolin tot auf seinem Balkon. Ein Neun-Millimeter-Geschoss hatte seine Stirn getroffen und so der Schießerei aus dem zweiten Geschoss ein Ende bereitet. Denn – bei aller Liebe zu Recht und Ordnung – irgendwann war Fridolin doch über das Ziel hinausgeschossen.

Einst im Mai

Mal wieder ein Schreibkurs-Quickie – und ich versuchte mich an einer Art stümperhafter Poesie. Nun ja – ich bin keine große Poetin. Aber es ist Mai und die Sonne scheint, daher darf es hier heute erscheinen.

Wie einst im Mai

Pfingsten im Grünen in der hellen Maibuxe.
Der Sandkasten wird aufgefüllt.
Reinrennen, Wasser holen.
Die Rutsche ist kleiner geworden.
Pfingstrosen und Maiglöckchen.
Muttertag: mit Flieder zu Oma.
Sandalen, Eiswagen und Zitroneneis.
Kühe auf der Wiese. Reingetreten – uh, das stinkt!
Baden gehen! Nein, noch zu kalt.
In acht Wochen sind Ferien.
Warten auf den Sommer.

Meine Schwester und ich. Das Bild hat leider seine Farbe verloren – mein Kleid war rosa, das meiner Schwester, wenn ich mich richtig erinnere, lila.