96 Säckchen

Adventskalender

Adventskalender, Bild zur Verfügung gestellt von Maria Bosin, http://www.pixelio.de

Tanja konnte sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben eine so schlechte Laune gehabt zu haben. Sie saß an einem Tisch, der über und über mit Kleinkram bedeckt war: Süßigkeiten, Spielzeug, Radiergummis, dazu fast 100 kleine Säckchen, Schleifenband und Papier. Das war es aber nicht, was sie so übellaunig werden ließ. Der Grund dafür lag darin, dass sie alleine davorsaß.

Schon oft hatte Tanja sich dafür verflucht, dass sie vor 12 Jahren den Übermüttern auf den Leim gegangen war: Übermütter, das waren die, die sich in Krabbelgruppen und Foren ständig darüber ausließen, was sie alles selber machten, anstatt es zu kaufen, und wie gesund sie ihre Familie ernährten, ohne auf industriell produziertes Gift zurückzugreifen. Und natürlich, wie sehr sie doch auf ihre kleinen Kinder eingingen. Kinderorientiert bis zur Selbstaufgabe, das galt als schick. Ganz hatte Tanja sich diese Philosophie nie zu eigen gemacht, doch es war für sie selbstverständlich, für ihren erstgeborenen Sohn Patrick den jährlichen Adventskalender selber zu füllen. Drei Abende hatte sie damit verbracht, 24 hübsche Säckchen zu nähen. Einen weiteren, um einen Besenstiel so auszurüsten, dass man die Säckchen daran befestigen konnte. Natürlich füllte sie nicht nur Schokolade hinein, das war ungesund und fantasielos. Nein, sie machte sich Gedanken und besorgte 24 hübsche Minigeschenke. Und es machte ihr Freude.

Drei Jahre nach Patrick kam Sophie. Auch sie bekam einen selbstgenähten, selbstgefüllten Adventskalender. Auch Alexander, noch zwei Jahre jünger, bekam solch ein Modell und ebenfalls das Nesthäkchen Isabell. 96 Säckchen galt es nun jedes Jahr zu befüllen, und nicht nur das: 96 kleine Dinge galt es zu besorgen. Sie mussten zum Alter der Kinder passen, vergleichbar sein – nicht, dass einer gefühlt mehr oder, noch schlimmer, weniger bekam. Außerdem mussten die Sachen der aktuellen Mode entsprechen und sich in die kleinen Beutelchen stecken lassen. Zu weit rausgucken sollten sie auch nicht, sonst wusste man ja schon vorher, was es an dem Tag geben würde, und das war doof, fanden die Kinder. Und das fand auch Nils, der Vater der Bande, der sich zwar beim Füllen der Adventskalender vornehm zurückhielt, aber trotzdem eine Meinung dazu hatte.

Anfang November hatte Tanja vorgeschlagen, in diesem Jahr auf die selbstgefüllten Kalender zu verzichten und stattdessen für jedes Kind das Wunschmodell zu kaufen. Diese Idee hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei Nils. Das sei doch Tradition, hatte er gemeint, und auf so eine eingeführte Familientradition könne man doch nicht einfach verzichten. Tanja hatte gemault, sie hatte so viel zu tun im Moment und es dauerte ewig, all die kleinen Geschenke zu besorgen, die hinterher ohnehin nur überall rumliegen würden. Nils aber hatte sie überredet, er würde ihr natürlich helfen. Sie würden sich ein paar nette Stunden machen mit einem schönen Glas Rotwein und guter Musik, es würde ein Abend voller Zweisamkeit werden. Jeder zwei Kalender, das war doch fix gemacht. Tanja hatte sich mal wieder breitschlagen lassen. Und nun saß sie hier alleine.

Schon gestern hatten sie sich gemeinsam an die Arbeit machen wollen. Doch da hatte Nils unbedingt bei seinem Freund Ulrich helfen müssen, der in Kürze umziehen wollte und die Wohnung noch nicht fertig hatte. Es eilte, der Umzug sollte schon Anfang Dezember sein. Tanja hatte das eingesehen, war doch Ulrich jemand, der auch immer da war, wenn man ihn brauchte. Und heute musste Nils ganz plötzlich lange arbeiten, hatte eine Schicht von einem Kollegen übernommen, von dem Tanja noch nie zuvor gehört hatte. Warum er unbedingt hatte einspringen müssen, hatte er Tanja nicht erklärt – er hatte einfach feige eine Nachricht auf ihr Handy geschickt. Und so saß sie also hier und kochte innerlich.

Als die Kinder im Bett waren, konnte sie endlich anfangen. Neun Uhr war es geworden, schließlich waren die Großen in einem Alter, in dem man sie nicht mehr einfach um acht ins Bett schicken konnte. Kurz hatte Tanja überlegt, die ganze Aktion einfach abzublasen, doch die erwartungsvollen Augen der Kleinen, die sich gegenseitig die Haken in ihren Zimmern, an denen die Kalender jedes Jahr aufgehängt wurden, gezeigt hatten, hatten sie davon abgehalten. Sie öffnete die große Flasche Rotwein, die Nils vor einigen Tagen mitgebracht hatte, und schenkte sich ein großes Burgunderglas ganz voll. Diesen Wein würde sie heute austrinken, an diesem Abend voller Einsamkeit.

Tanja begann zu werkeln. Zuerst der Kalender für Isabell. Das war der Einfachste, schließlich war ihre Kleinste erst vier. Sie liebte kleine Tiere zum Spielen, und Tanja hatte ein hübsches Sortiment Tierchen besorgt. Ab und zu packte sie auch eine Süßigkeit, ein Mini-Shampoo oder eine hübsche Zopfspange in ein Säckchen, damit es etwas Abwechslung gab. Die Giraffe und der Elefant passten nicht in einen der kleinen Beutel, sodass sie sie in Weihnachtspapier packte und so weit hineinstopfte, wie es eben ging.

Weihnachtsmarkt Mölln

Weihnachtsmarkt in Mölln am 3. Adventswochenende

Als der erste Kalender fertig war, schlich Tanja sich auf Socken ins Zimmer der schlafenden Isabell und hängte ihn vorsichtig an die vorgesehenen Haken. Beim Hinausgehen trat sie auf einen Legostein. Den Schmerzensschrei konnte sie gerade noch unterdrücken und tröstete sich damit, dass sie in die Küche humpelte und die Rotweinflasche mit ins Wohnzimmer nahm. Ihr großes Glas war fast leer, das war heute ein unhaltbarer Zustand.

Nach und nach arbeitete Tanja sich durch den Haufen an Kleinkram, füllte Säckchen um Säckchen. Sie wickelte glitzernde Stifte ein, quälte sich mit Mini-Spielen ab, die partout in keines der Säckchen passen wollten, und trat versehentlich auf eine heruntergefallene Nougatkugel, die natürlich eine Schweinerei anrichtete. Den Wein erledigte sie so nebenbei. Irgendwann hatte sie das Gefühl, dringend eine Gleitsichtbrille zu benötigen, denn die kleinen Bänder zum Verschließen der Beutel verschwammen vor ihren Augen und sie hatte ein Problem damit, hübsche Schleifen zu schnüren. Bei Patricks Kalender vergaß sie beinahe dessen Nussallergie. Rabenmutter, schalt sie sich, während sie einige Säckchen wieder auffummelte, um die Süßigkeiten auszutauschen. Sie hatte keine Lust mehr.

Als sie den letzten Kalender in Sophies Kinderzimmer aufhängte, schmerzte ihr Nacken und sie war todmüde. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es schon weit nach zwölf war. Von Nils keine Spur. „Ein Abend voller Zweisamkeit“, dachte sie bitter und ging zu Bett. Als ihr Mann zwei Stunden später kam, hörte sie ihn zwar, gönnte ihm aber keinen Gruß zur guten Nacht.

Am nächsten Morgen war Tanjas Stimmung nicht besser geworden. Der Liter Rotwein schien sich in ihrem Kopf gesammelt zu haben und schwappte dort herum. Sie war froh, als die Kinder endlich alle aus dem Haus waren und überließ es Nils, die Kleine in den Kindergarten zu bringen. Sie hatte heute frei. „Zum Glück“, dachte sie und rieb sich den schmerzenden Kopf. Das Gespräch mit ihrem Mann, der sich keiner Schuld bewusst zu sein schien, vermied sie.

Erst, als Nils sie ansprach, brach aller Zorn aus ihr heraus. „Einen schönen Abend? Ob ich einen schönen Abend hatte, fragst du mich? Spinnst du jetzt total? Ein Abend voller Zweisamkeit, ja, super, die Weinflasche und ich. Das war echt toll. Sonst noch Fragen?“ Nils wirkte aufrichtig verwirrt. „Rotwein? Gestern? Was war gestern?“ Sie sah, dass er in seinem Gedächtnis verzweifelt nach dem Anlass für ihren Ärger und ihre plötzliche Trunksucht suchte und schüttelte fassungslos den Kopf. „Na super. Du wolltest zwei Adventskalender packen, Familientradition, du erinnerst dich? Wann wolltest du das denn wohl tun, wenn nicht irgendwann Ende November? Vielleicht kurz vor Rosenmontag?“ Jetzt zeigte sein Gesicht den Ausdruck eines schlechten Gewissens. „Ach du Schande, das habe ich ja ganz vergessen. Das tut mir leid.“ Tanja schnaubte. „Ja, mir auch. Wie schön, dass du immer für alle da bist. Für Ulrich, für diesen unbekannten Kollegen, für deine Mutter und den Nachbarn von gegenüber. Nur für deine Familie, diese zufällige Zusammenrottung von einer Frau und vier Kindern, bist du nie da. Danke, ich hab’s gemerkt.“ Damit tat sie ihm unrecht, das wusste sie, aber in der letzten Zeit hatte sie sich oft allein gefühlt. Immer wieder saß sie mit den Kindern am Abend zuhause, während Nils arbeitet, zum Sport ging oder irgendwo irgendwas erledigte. Hier gab es auch allerhand zu erledigen, aber das schien er vergessen zu haben. Und Zeiten, die sie einfach als Paar verbrachten, gab es gar nicht mehr.

Nils merkte, dass er in Ungnade gefallen war, und versuchte sich dünn zu machen. Er musste erst ab mittags arbeiten und drückte sich bis dahin in der Garage herum, wo er lautstark etwas werkelte. „Er erledigt was“, dachte Tanja missgestimmt und beschloss, selber einfach nichts zu erledigen. Eigentlich kochte sie zu Mittag, wenn sie nicht arbeiten musste, doch heute würde sie für sich und die Kinder Pizza bestellen. Sollte ihr illoyaler Ehemann sich doch eine Stulle zum Mitnehmen schmieren – sie war schließlich nicht seine Köchin.

Auch am nächsten Tag war Tanja nicht versöhnt. Dieses Mal gab es etwas zu Essen, sie hatte sogar extra für Nils gekocht: Rosenkohlauflauf. Ihr Mann hasste Rosenkohl, doch er traute sich nicht, zu meckern. Tanja weidete sich an seinem angewiderten Gesichtsausdruck und genoss ihre Rache. Nils würgte sein Essen hinunter und sah aus wie ein getretener Hund.

Die nächsten Abende verbrachten beide zuhause, aber getrennt. So ein Einfamilienhaus kann sehr groß sein, wenn man einander nicht begegnen will.

Nach einigen Tagen Kälte und Schweigen schluckte Tanja ihren Ärger herunter und bemühte sich, das Verhältnis zu ihrem Mann zu normalisieren. Es war ja lächerlich, ihre Ehe wegen so einer Kleinigkeit aufs Spiel zu setzen. Und doch wusste sie, dass diese Sache keine Kleinigkeit gewesen war. Es hatte ihr gezeigt, wie verlassen sie sich oft fühlte und wie wenig ausreichte, um sie gegen ihren Mann aufzubringen. Es war nicht mehr wie früher, als sie einander alles verziehen und nach einem Streit ausgiebig Versöhnung feierten. Sie konnten ja nicht einmal mehr richtig streiten. Wie sollte das denn gehen, wenn man auf vier kleine Kinderseelen Rücksicht nehmen musste?

silberne WeihnachtskugelSie verbrachten eine Weihnachtszeit in gekünstelter Harmonie. Tanja und die Kinder backten Kekse, die Nils mit den Kleinen bunt verzierte, als er von der Arbeit kam. Sie suchten gemeinsam einen Baum aus und kauften zum ersten Mal nach 15 Jahren neuen Baumschmuck. Beim Putzen des Baumes lachten sie miteinander und es war fast ein wenig wie früher. Sogar „Der kleine Lord“ sahen sie sich an, die ganze Familie, tranken dazu einen selbstgebrauten Punsch und aßen von den selbstgebackenen Weihnachtskeksen. Es war schön und Tanja fasste wieder Hoffnung.

Die Weihnachtsfeiertage vergingen wie im Flug mit Bescherung, viel zu viel gutem Essen und Verwandtenbesuchen. Tanja freute sich an ihrer Familie, denn die Kinder waren allesamt glücklich und zufrieden, spielten mit ihren Geschenken und miteinander, stritten nicht und waren die ganze Zeit so ausgeglichen und wohlerzogen, dass es schon fast kitschig wirkte. Nils beschäftigte sich viel mit ihnen, half beim Aufbau der neuen Lego-Sachen, spielte X-Box mit Patrick und las Bücher vor. Keine Frage, er war ein guter Vater, wenn er sich die Zeit dafür nahm. Tanja liebte ihn dafür und spürte, dass noch nicht alles verloren war.

Dann, direkt nach Weihnachten, ging es wieder los: Nils verschwand des Abends mit nichts als der schwammigen Erklärung „Bin bei Ulrich“ oder „Ich gehe laufen.“ Und dann lief er fünf Stunden lang. Tanja war davon alles andere als begeistert, sagte aber nichts. Sie hatte früher eine Tante gehabt, die das Musterbeispiel einer ständig nörgelnden Ehefrau gewesen war – so wollte sie auf keinen Fall werden. Lieber biss sie die Zähne zusammen und schwieg.

Silvester verbrachten sie bei Freunden, die ebenfalls Kinder hatten. Es wurde nicht besonders spät, doch da sie früh aufgestanden war und vormittags gearbeitet hatte, war Tanja rechtschaffen müde und schlief ein, kaum dass ihr Kopf das Kissen berührte. Sie wurde wach von aufgeregten Kinderstimmen und der tieferen Stimme von Nils, die immer wieder beruhigend zu hören war. „Psst, leise, die Mama schläft noch. Finger weg, Isa, das ist nicht für dich, das ist für Mama. Aber keine Sorge, für euch ist sicher auch was dabei. Finger weg, habe ich gesagt!“

Neugierig geworden stand Tanja auf, zog den Bademantel über und trat auf den Flur. Dort blieb sie verdutzt stehen: Denn an der Wand im Flur hingen 12 Besenstiele, an denen jeweils eine Menge Päckchen hing. Darüber klebten Schilder mit Monatsnamen. Ihr Mann und die Kinder standen davor, und Nils hielt die Hände der kleinen Isabell fest, die sich wie immer die Dinge mit den Fingern ansehen wollte. Fragend sah Tanja ihren Mann an: „Was ist das denn?“ Er sah sie gleichzeitig verschämt, aber auch verschmitzt an und erklärte es ihr: „Das ist dein Adventskalender. Er geht allerdings bis Silvester. Heute darfst du das erste Päckchen aufmachen.“ Der siebenjährige Alexander mischte sich ein: „Da hinten ist der Januar“, krähte er und wies aufgeregt mit dem Finger auf einen der Besenstiele. Tanja trat davor und suchte mit den Augen die Eins. Etwas mühsam fummelte sie das kleine Päckchen ab und öffnete es. Darin war ein Zettel: „Gutschein für ein Mal essen gehen mit deinem lieben Mann am nächsten Samstag. Ulrich passt auf die Kinder auf, ein Tisch bei Pedro ist reserviert.“ Tanja strahlte und fiel ihrem Mann um den Hals. Dann blickte sie sich im Flur um. Ungläubig sah sie ihren Mann an: „Hast du all diese Päckchen gepackt?“ Er nickte. „Ja, habe ich. Bei Ulrich im neuen Hobbyraum. Er hat mich allerdings hier und da beraten.“ Tanja musste lachen, denn wie die Beratung des überzeugten Singles ausgesehen hatte, konnte sie sich gut vorstellen. Dann aber wurde sie ernst. „Danke“, sagte sie und schluckte ein wenig. „Ich danke dir“, antwortete er und guckte dabei komisch verliebt. „Können wir noch eins aufmachen?“, fragte Isabell, die auch bei ihren eigenen Adventskalendern am liebsten immer alle Säckchen am ersten Dezember geöffnet hätte.

Adventskalender, kleine Stiefel

Genau so einen Advebtskalender hatte ich früher auch! Bild zur Verfügung gestellt von Martin Schemm, http://www.pixelio.de

Im Laufe der nächsten Monate wurden alle Päckchen geöffnet. Sie enthielten kleine Süßigkeiten, Geschenke und Gutscheine, die alle pünktlich eingelöst wurden. Jeweils am Freitag, dem 13. fand Tanja eine Niete: Einmal einen grässlich schmeckenden Magenbitter und einmal eine geblümte Unterhose mit halbem Bein. Sie verzichtete darauf, diese zu tragen, drohte Nils aber damit, sich in diesem Gewand im Garten sehen zu lassen. Und auch die Kinder gingen nicht leer aus, denn immer wieder fand Tanja Gutscheine für gemeinsame Familienaktivitäten. Sie gingen zusammen ins Spaßbad und in den Zoo, lernten neue Spiele und hatten eine gute Zeit miteinander.

Schon im Sommer beschlossen Tanja und Nils, dass der Jahres-Adventskalender sich bewährt hatte. Für das nächste Jahr würden sie sich das Päckchen packen teilen: Jeder sechs Monate. Denn das, da waren sie sich sicher, war wirklich schnell gemacht und lohnte sich auf jeden Fall.

Raum-Zeit-Verschiebung

Dieses Mal gab es im Schreibworkshop als Inspiration ein Zitat eines kleinen Mädchens, das unsere Dozentin in der Straßenbahn aufgeschnappt hatte: „Heute wär‘ morgen, das ist so bei mir“, sagte das Kind. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Raum-Zeit-Verschiebung

„Wie jetzt, das verstehe ich nicht!“ Lara strich sich verwirrt über die Stirn. Jochen versuchte es noch einmal.

„Pass auf, das ist doch ganz einfach: Du schreibst deine Doktorarbeit in New York, das ist, von hier aus gesehen, etwa sechs Stunden zurück. Können auch sieben sein, irgendwie so um den Dreh. Und ich gehe für zwei Jahre nach Melbourne, das ist etwa sieben Stunden vor uns, im Sommer sogar acht. Du weißt doch, die haben da immer als erstes ihr Silvesterfeuerwerk. Du reist zurück, ich nach vorne. Und zu bestimmten Uhrzeiten ist bei dir heute, bei mir morgen.“

Uhr, Zeit, Dampfwalze, Deformation

Bild zur Verfügung gestellt von Rainer Sturm, http://www.pixelio.de

„Oder umgekehrt?“, fragte Lara verunsichert und zog ein Gesicht. „Kann bei dir auch heute sein, wenn bei mir schon gestern ist?“

Jochen nickte beifällig – endlich hatte sie es verstanden. „Genau das, meine Süße. Wir trennen uns also nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich voneinander.“

„Eine Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum – dass es sowas tatsächlich gibt, habe ich nicht gewusst. Darüber muss ich nochmal nachdenken.“

Jochen schmunzelte. Wenn seine Freundin über etwas nachdachte, kam zumeist etwas Wirres dabei heraus. Aber was sollte man auch erwarten von einer Frau, die bald ihren Doktor in angewandter Philosophie schreiben würde? Süß war sie, und lieb noch dazu, das reichte ihm.

Lara grübelte. Irgendetwas stimmte nicht. „Du, Jochen? Wenn bei dir heute ist und bei mir gestern, heißt das dann: Bei mir ist noch gestern oder bei mir ist schon gestern?“

Jochen stutzte. Das war in der Tat einen Gedanken wert. Er analysierte das Problem mit dem kühlen Verstand eines Wissenschaftlers und kam zu dem Schluss, dass es „noch“ heißen müsste – der Wochentage wegen. Aber das würde er Lara jetzt nicht erklären – das war ihm zu anstrengend.

Paul nimmt sich Zeit

Kürzlich habe ich mal meine Geschichtensammlung auf dem Laptop angeguckt und durchsortiert. Es gibt tatsächlich noch einige Schätzchen dort, die ich mal für irgendeinen Zweck geschrieben habe, die aber trotzdem nie hier auf dem Blog erschienen sind. Hier ist eine davon …

Paul nimmt sich Zeit

Es ist immer das Gleiche mit den Erwachsenen: Wenn man etwas von ihnen will, haben sie keine Zeit. Und wenn Paul etwas will, schon gar nicht. Deshalb sitzt er mürrisch in seinem Zimmer, spielt mit der X-Box und pflegt seine schlechte Laune.

Eigentlich sollte Mama ihn mit dem Auto zu Finn fahren, wo sie mit den anderen Jungs aus der Klasse Fußball spielen wollten. Aber Mama hat mal wieder keine Zeit, Papa ist sowieso arbeiten und überhaupt ist alles doof, seit vor einem Jahr die Drillinge geboren wurden. Dass sie letzten Monat auch noch in dieses Dorf am Ende der Welt gezogen sind, macht die ganze Sache noch schlimmer. Sie wohnen jetzt bei Opa, in seinem großen Haus. Das ist für Paul eigentlich okay, Opa ist ja nett und das Haus auch ganz schön, aber dieses Dorf! Hinterwald ist eine Metropole dagegen!

Gattertor, Wiese, Weide, Feld, Herbst

Bild zur Verfügung gestellt von Bernd Kasper / http://www.pixelio.de

Jeden Trag wird Paul nun mit dem Auto in die Schule gebracht und auch wieder abgeholt. Das ist natürlich toll, wenn es regnet, aber total doof, wenn er nachmittags noch etwas vorhat.

„Ich kann nicht immer den Fahrdienst spielen!“, sagt Mama oftmals, und dann guckt Paul in die Röhre. Als ob er etwas dafür könnte, dass er drei kleine Geschwister hat, die dauernd krank sind, zum Turnen müssen oder in die Krabbelgruppe. An solchen Tagen wünscht Paul sich, älter zu sein als elf. Einen eigenen Führerschein zu haben, wäre toll. Und natürlich ein Auto dazu. Aber es ist, wie es ist, und so hat er Finn absagen müssen. Der denkt jetzt bestimmt sonstwas von ihm – schließlich kennen sie sich noch nicht so lange.

Opa kommt rein und stört Paul in seinen finsteren Gedanken. „Kommst du mit zum Landhandel?“ fragt er und Paul guckt erstaunt. Im Landhandel war er erst einmal, vor drei Wochen, das ist der langweiligste Laden der Welt. Nur Gartengeräte, Düngemittel und Hundeleinen. Und irgendwo eine kleine Eistruhe und ein Kaffeeautomat. „Was soll ich denn da?“ fragt er und Opa zuckt die Schultern. „Mir Gesellschaft leisten.“ Paul seufzt. „Eigentlich habe ich keine Zeit“, erklärt er. „Ich will zu Finn zum Fußball.“ Aber weil das mit Finn sowieso nicht klappt und Opa bestimmt auch einsam ist, seitdem Oma gestorben ist, beschließt Paul, großzügig zu sein und sich die Zeit für Opa zu nehmen. Er rappelt sich hoch. „Dauert ja nicht lange“, redet er sich selbst gut zu.

Paul zieht sich seine Sneakers an und folgt Opa nach draußen. Zu seiner Überraschung hat der alte Mann nicht das Auto aus der Garage geholt, sondern die Fahrräder. An seines montiert er gerade einen Anhänger, er hat eine richtige kleine Anhängerkupplung dafür. „Du willst mit dem Rad fahren?“ japst Paul entsetzt. „Das dauert ja ewig!“ Opa lacht. „Macht doch nichts. Wir haben doch Zeit. Außerdem braucht deine Mutter das Auto, sie fährt mit den Kleinen zum Arzt.“ Als ob Paul das nicht wüsste! Stöhnend schwingt er sich auf sein Rad und trampelt hinter Opa her. Der ist ganz schön flott unterwegs, trotz des fast leeren Anhängers und der steifen Brise, die ihnen entgegen bläst. Gegenwind, auch das noch!

Paul gerät langsam ins Schwitzen. „Opa, wie alt bist du nun eigentlich?“ fragt er, nur, um etwas zu sagen. „Zweisiebzig“, antwortet Opa. ‚Also doppelt so alt wie Papa‘, rechnet Paul, ‚und dreimal so fit.‘ „Du bist ganz schön schnell für dein Alter“, räumt er ein und bemüht sich, mit dem alten Mann mitzuhalten. Der nickt und fährt etwas langsamer. „Ja, ich bin mit einer guten Gesundheit gesegnet und sehr dankbar dafür. Aber ich tue auch einiges, damit das so bleibt: Viel Radfahren und Gartenarbeit – das hält fit.“ Paul gibt ihm recht. Ja, Bewegung ist gut, das versteht er sofort. Deshalb spielt er ja so gerne Fußball.

„Aber dass du auch bei diesem Wind mit dem Rad zum Landhandel fährst, Opa … Hättest du da nicht einfach morgen hinfahren können? Oder brauchst du so dringend irgendwas?“ Opa lacht. „Nein, so dringend ist das nicht, ich will nur einen Sack Torf holen. Aber ich hatte Lust, es heute zu tun. Außerdem ist es viel gesünder, zu radeln. Für die Umwelt ist es auch besser. Und das Wetter ist prima.“ Paul ächzt hörbar. Tolles Wetter: Sturm in die falsche Richtung und vielleicht fünfzehn Grad. Und dann die Umwelt! Immer diese blöde Umwelt! Er weiß gar nicht, was die Leute immer haben mit ihrer Umwelt: Das Wasser, das hier aus dem Hahn kommt, ist klar, das Gras ist grün, die Bäume auch, und durch die Luft kann man ordnungsgemäß hindurchsehen. Alles schick und so, wie es sein soll. Er weist Opa darauf hin und der nickt verständnisvoll. „Ja, das stimmt schon, Paul. Aber weißt du auch, warum das so ist?“ Paul guckt nur fragend und Opa erklärt es ihm: „Es ist so, weil es Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir nicht im Schmutz versinken. Inzwischen gibt es Gesetze, die verbieten, dass Fabriken ihren Dreck ungefiltert in die Luft pusten oder ihr Abwasser einfach ins Meer leiten. Rohstoffe werden seit Jahren wiederverwendet und wer dabei erwischt wird, wie er seinen Müll in den Wald schmeißt, wird bestraft. Früher galt sowas als Kavaliersdelikt, viele haben ihren Abfall einfach aus dem Autofenster geschmissen. Es ist schon viel sauberer hier als noch vor dreißig Jahren, aber es geht noch besser. Und jeder kann mithelfen!“ Paul tut so, als hätte er Opa verstanden, rollt aber innerlich mit den Augen. Dass alte Leute immer aus allem eine Oper machen müssen! Wahrscheinlich haben sie einfach zu viel Zeit!

An einer Wegkreuzung hält Opa an. Paul wundert sich darüber, denn hier ist nichts Spannendes. Nur grüne Wiesen und ein paar Stoppelfelder. Der alte Mann steigt vom Rad und nimmt das schmale Päckchen aus dem Anhänger, das er kurz vor der Abfahrt dort hinein gelegt hat. „Komm“, sagt er ruhig und stapft vor Paul her zu einem Gattertor. Er schwingt sich darüber hinweg und springt in die Weide, auf der immerhin keine Kühe mehr stehen. „Was willst du denn hier?“, fragt Paul verblüfft und klettert ebenfalls über das Gatter. „Drachen steigen lassen“, erklärt Opa. „Darauf freue ich mich, seitdem ihr bei mir eingezogen seid.“ Er öffnet das Päckchen und zu Pauls Freude kommt ein ganz moderner Lenkdrachen zum Vorschein, bunt und mit einem langen Schweif. So einen hat Paul sich schon immer gewünscht. In der Stadt hatte er nur keinen Platz, ihn steigen zu lassen. Gemeinsam mit Opa ist der Drachen schnell zusammengebaut.

Drachen, Lenkdrachen

Bild zur Verfügung gestellt von Ralph Karow / http://www.pixelio.de

Zu Pauls Überraschung ist es gar nicht so einfach, den Drachen steigen zu lassen. Er fliegt gut, aber der frische Wind zerrt an ihm und Paul kann ihn kaum festhalten, geschweige denn lenken. Fast fürchtet er, abzuheben. Aber wäre das so schlecht gewesen? Oft hat er sich in den letzten Monaten gewünscht, einfach wegfliegen zu können, fort von seinem unruhigen Zuhause, in dem es nur noch um die Babys geht. Paul sieht zu dem Drachen hoch und verliert sich einen Moment in seinen Gedanken. Ein Windstoß lässt ihn voran stolpern. In dem Moment fühlt er Opa hinter sich. „Hoppla, Kleiner – du bleibst hier!“ Opas Hände legen sich über Pauls und helfen mit, den Drachen zu halten. Schöne Hände hat Opa: groß, fest und warm. Paul bleibt am Boden. Gemeinsam gelingt es ihnen, den Drachen zum Kreisen zu bringen und ein paar schöne Manöver zu fliegen. Zweimal stürzt er auch ab, bleibt aber heil. Gemeinsam bringen sie ihn wieder zum Fliegen und Paul merkt kaum, wie die Zeit vergeht. Dann mahnt Opa zum Aufbruch. „Wir wollen doch noch einkaufen.“ Paul ist es recht, denn seine Arme sind inzwischen vom Drachenhalten müde und fühlen sich an wie aus Gummi.

Kurze Zeit später kommen sie beim Landhandel an. Opa geht hinein, kommt mit dem Verkäufer heraus und lädt mit ihm gemeinsam einen großen Sack Torf auf den Anhänger. Der Platz reicht so gerade, Opa wird sich auf dem Rückweg sicher arg anstrengen müssen mit dem Gewicht am Rad. Er geht noch einmal in den Laden, um zu bezahlen, und kommt mit einer Eistüte für Paul und einem Kaffee für sich selber wieder heraus. „Komm, da hinten ist eine Bank im Schatten!“ Gemeinsam setzen sie sich nieder. „Weißt du, wovon ich das Eis und den Kaffee bezahlt habe?“ fragt Opa. Paul findet die Frage komisch und antwortet: „Na, von deiner Rente.“ Opa grinst. „Punkt für dich. Du hast natürlich Recht. Aber die 2 Euro hätte es wohl in etwa gekostet, wenn wir mit dem Auto gefahren wären.“ Paul ist nur ein ganz bisschen genervt davon, dass Opa schon wieder von den Segnungen des Radfahrens anfängt. Er denkt trotzdem nach. Jede kleine Fahrt kostet so viel Geld? Das hätte er nicht gedacht. Er weiß, dass Geld bei ihnen knapp ist, seitdem die Drillinge da sind. Anscheinend ist Radfahren doch vorteilhafter als gedacht. Während er an seinem Eis lutscht, lässt er den Gedanken kreisen. Und allmählich reift eine Idee in ihm. Eine Idee, die zu tun hat mit dem Radfahren, der Umwelt, gespartem Geld und … Freiheit!

„Du, Opa, meinst du, dass es zu Finn weiter ist als zum Landhandel?“ Opa überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf. „Nein, bestimmt nicht. Das ist eher etwas kürzer.“ Paul wird eifrig. „Dann könnte ich doch künftig mit dem Rad da hinfahren. Und auch mal zur Schule!“ „Klar“, sagt Opa nur und nickt. Paul ist ganz aufgeregt. Dann aber wird er still. „Was ist?“ fragt Opa. „Das erlaubt Mama nie!“ Opa lächelt. „Das lass mal meine Sorge sein“, meint er dann. „Die ersten Male können wir ja zusammen fahren. Und wenn es dunkel ist, kann ich dich abholen. Das kriegen wir schon hin.“ Paul sieht Opa mit großen Augen an. „Das würdest du machen? „Klar.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit ist Paul richtig glücklich. Er versteht, dass Opa sich seiner Sache ganz sicher ist und dass sein ruhiges „Klar“ so etwas wie ein richtiges, unbrechbares Versprechen ist. Zufrieden lehnt Paul sich an den alten Mann und knabbert die Reste seiner Eiswaffel.

Wenig später strampeln Opa und Enkel den langen Weg nach Hause. Paul wundert sich darüber, dass sie schon wieder Gegenwind haben. „Der müsste doch jetzt eigentlich von hinten kommen“, stellt er fest und Opa lacht. „Ja, das müsste er wohl. Aber er dreht hier gerne alle paar Stunden. Ich habe mich darüber als Kind auch oft geärgert. Inzwischen nehme ich es einfach hin, denn ich kann es nicht ändern. Unser Wind ist zuverlässig unzuverlässig – gewöhne dich daran.“ Paul nickt ergeben und lächelt ein wenig. Denn ohne den Wind, so lästig er auch sein mag, hätte er heute nicht so viel Spaß gehabt. Es war ein schönes Tag. Wie gut, dass er sich heute für Opa Zeit genommen hat!

Das Steißproblem

Jeder, der mal richtig unglücklich auf den Hintern geknallt ist, weiß, was ein angeschlagener Steiß bedeutet. Mir widerfuhr es als Kind sogar mehrmals, dass ich mir meinen unteren Wirbel anschlug: Mal stürzte ich vom Klettergerüst, dann schleuderte es mich auf einer Kippe von den Rollschuhen. Und in der Pubertät kam eine Wachstumsstörung in diesem Bereich hinzu – ein Gefühl wie Weihnachten. Ich kann Eberhards Problem also vollumfänglich nachvollziehen. Und so fiel es mir überhaupt nicht schwer, diese Aufgabe aus dem Schreibworkshop zu bearbeiten.

Das Steißproblem

Eberhard war auf den Steiß geknallt. Es war ein Arbeitsunfall gewesen. Nichts Spektakuläres, halt sowas, was mal passiert, wenn man auf dem Bau arbeitet: Ein unvorsichtiger Schritt zurück, mit dem Fuß an herumliegendem Baumaterial hängen geblieben und schon ging es abwärts.

Obwohl Eberhard hintenrum recht gut gepolstert war, erwies sich der Sturz als schmerzhaft. Nachdem er im ersten Schrecken aufgejault hatte wie ein getretener Welpe, hatte er sich von seinen Kollegen aufhelfen lassen. Einen fürsorglich angebotenen Sitzplatz hatte er jedoch dankend abgelehnt: Sitzen ging mit diesem angeschlagenen Hinterteil erst mal gar nicht.

Eberhard wurde krankgeschrieben. Er aß im Stehen, las im Stehen, sah im Stehen fern. Irgenwann meldete sich sein Fersensporn und erinnerte ihn daran, dass er keine 20 mehr war und dass dauerhaftes Stehen auch keine Lösung war – Steiß hin oder her. Darum bat er seinen Sohn Olaf um Unterstützung. Olaf war zwar leider nur so helle wie eine Flasche Dunkelbier, aber um einen Stuhl mit Schaumstoff auszupolstern, sollte sein Intellekt schon ausreichen. So dachte zumindest Eberhard, der liebende Vater.

Olaf, beflissen wie immer, fragte nach: „Wie soll ich den Stuhl denn polstern?“

Eberhard zuckte die Schultern. „Naja, so dass es hinten schön weich ist. Schneide den Schaumstoff einfach so zu, dass er gut auf den Stuhl passt.“

Im Schreibworkshop hatten wir ein ähnlich gestaltetes „Kunstwerk“ als Inspiration. Um keine Urheberrechtsverletzung zu begehen, habe ich das Werk am Computer nachgebastelt.

Olaf nickte verständig und ging zu Werke. Er schnitt ein schönes rechtwinkliges Dreieck zurecht, das sich perfekt zwischen Lehne und Sitzfläche einpassen ließ. Ein hervorragendes Stück Handwerksarbeit, wenn man darüber hinweg sah, dass die Sitzfläche nun extrem schräg war.

„Schau, Papa, sieht das nicht gut aus? Hinten schön weich! Probier‘ mal aus!“

Eberhard sah zweifelnd auf den schiefen Sitz. Sollte das wirklich funktionieren? Aber er wollte seinen Sohn, der trotz seiner theoretischen Limitierungen im Praktischen manchmal ganz gut war, nicht enttäuschen. Also ließ er sich vorsichtig nieder.

Er saß. Es tat weh. Und er rutschte. Dann fiel er auf das Knie. Natürlich auf das Rechte, das ohnehin schon seit Jahren schmerzte.

Die nächsten zwei Wochen verbrachte Eberhard im Liegen.

Der Tod trägt einen bunten Kittel

Wir waren mal wieder lesen, mein Schreibgrüppchen und ich. Der Titel lautete „Kischalarm“ und wir waren mit viel Spaß bei der Sache. Ich beschäftigte mich mit unbekanntem Terrain – und glaube nun endlch verstanden zu haben wie das läuft mit Leben und Sterben. Denn:

 

Der Tod trägt einen bunten Kittel

Tod, Sensenmann

Bild zur Verfügung gestellt von Manwalk (Manfred Walker), http://www.pixelio.de

Klaus räkelte sich wohlig in seinem Fernsehsessel. Er hatte Lust, sich eine Zigarette anzuzünden, doch da er vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte, waren keine da. Er griff stattdessen zur fast leeren Weinflasche und ließ den kleinen Rest in sein Glas tröpfeln. Immerhin zwei Schlucke würden es noch sein, dachte er und hielt das Glas so, dass die wunderbare dunkelrote Farbe des edlen Tropfens im Licht der Stehlampe leuchtete. Aaaahhhh, was für ein Genuss.

Es klopfte an der Tür. Klaus sah verwundert auf die Uhr – halb elf. Wahrscheinlich wieder ein Nachbar, dessen Parkplatz in der Tiefgarage zugeparkt war – das passierte ständig. Und fast genauso häufig rannte der um seinen Parkplatz Betrogene dann durchs Haus und klingelte bei allen Nachbarn, um den Übeltäter zu finden und das fehlgeparkte Auto entfernen zu lassen. Klaus sollte sich ein Schild an die Tür hängen: „Isch ‘abe gar kein Auto!“ Das wäre zwar gelogen, aber immerhin wäre dann Ruhe.

Es klopfte nochmal. Zusätzlich drückte jemand langanhaltend die Klingel. Völlig entnervt rappelte Klaus sich hoch und tappte in seinen braunen Cordpantoffeln zur Tür. „Jajaja, ich komme ja schon. Was ist denn los?“ Er riss die Tür auf und starrte verblüfft auf die merkwürdige Gestalt, die davorstand. Das war keine Nachbarin, das war auch nicht der Hausmeister, das war eine gesichtslose Gestalt in einem geblümten Kaputzenumhang. Noch nie hatte Klaus ein solches Gewand gesehen, und doch kam es ihm seltsam vertraut vor. Dieses Muster – so etwas hatte seine Oma getragen. Immer, wenn sie zuhause war, trug sie diese eigenartigen Hauskittel mit dem Blumenmuster, im Sommer sogar fast ohne etwas darunter. Der Anblick ließ Klaus vergessen, dass der Mensch ihm gegenüber kein Gesicht hatte. Er öffnete die Tür weit und ließ den Mann eintreten. Es musste ein Mann sein, denn die Gestalt war sehr groß und trug außerdem eine schwere Sense mit sich herum. Sensen sind bei Frauen ein eher unübliches Accessoire, dachte Klaus, bei Männern in der Großstadt aber auch. Er kombinierte die Sense mit dem fehlenden Gesicht und folgerte erschrocken, dass er soeben den Tod in seine Wohnung gelassen hatte. Den Sensenmann, der sich als Oma Lotte getarnt hatte.

„Ähem …“ stammelte er, „ähem, das war ein Irrtum, junger Mann. Ich kenne Sie gar nicht, könnten Sie bitte meine Wohnung wieder verlassen?“ Der Tod drehte sich zu ihm um, das leere Gesicht schien ihn anzusehen. Langsam schüttelte der Hüne den Kopf. „Ach so, Sie wollten tatsächlich zu mir? Mein Name ist Klaus Fischer, sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?“ Der Tod nickte, auch dies geschah quälend langsam. Klaus erwartete, dass jeden Moment die Sense auf ihn herniedersausen und ihn von den Füßen säbeln würde. Doch nichts geschah. Der Tod stand ruhig im Flur, sah sich um, schob mit dem Fuß ein paar herumliegende Turnschuhe ordentlich unter das Schuhregal. Klaus schluckte.

„Ja, Sie sehen, es ist gerade gar nicht aufgeräumt, ich bin gar nicht auf sie eingestellt. Eigentlich müsste ich erst putzen, was sollen denn sonst die Nachbarn sagen, wenn sie mich hier finden und es sieht hier so aus …“ Die große Gestalt schien zu lächeln, sicherlich hörte sie diese Art von Argumentation häufiger. „Darf ich eintreten?“ fragte der Tod höflich und wies auf die offenstehende Wohnzimmertür. „Es redet sich doch besser im Sitzen.“ Was heißt hier reden, dachte Klaus hektisch, der will bestimmt nicht reden, der will mich niedermachen. Mir einen Herzinfarkt schicken, Schlaganfall, mich mit einem Schlag seiner Sense ins Jenseits schicken. Er überlegte, dem Tod nochmal die Tür nach draußen zu weisen, doch der war schon unterwegs in sein Wohnzimmer, legte eine Jazz-CD ein und setzte sich gemütlich in den alten Schaukelstuhl. Das sah komisch aus.

„Der Stuhl da“, erklärte Klaus, „der hat meiner Oma gehört. Meiner Oma Lotte. Sie hat immer in dem Stuhl gesessen früher.“ „Ich weiß“, erwiderte der Tod. „Ich habe sie dort abgeholt.“ Klaus spürte ein dumpfes Gefühl im Magen. Seine Oma war erst vor zehn Jahren verstorben, im gesegneten Alter von 87 Jahren. Er fühlte einen Anflug von Trauer, aber auch Angst. Er war doch erst 46, was wollte der Tod denn bei ihm?

Rose, Blüte, Knospe, TauDer Sensenmann schaukelte ein wenig. Er sah recht harmlos aus in seinem bunten Kittel, denn die Sense hatte er lässig ans Bücherregal gelehnt. In der Hand hielt er die leere Weinflasche, studierte ihr Etikett und schnüffelte an ihr herum. „Riecht gut“, befand er dann. „Aber das Zeug bringt dich um. Das und dein ganzer Lebenswandel. Gutes Essen, viel Alkohol, literweise Kaffee und dann diese Raucherei. Natürlich kaum Bewegung – jeder Meter muss mit dem Auto gefahren werden. Fettleber, Herzschwäche … brauchst du noch mehr?“ Klaus schüttelte den Kopf. „Aber ich bin doch ganz gesund. Zumindest merke ich nicht, dass ich krank bin. Und zu dick bin ich auch nicht. Naja, zumindest nicht viel.“ Er versuchte, sein kleines Wohlstandsbäuchlein einzuziehen und kniff die Hinterbacken zusammen, um eine bessere Haltung anzudeuten. Der Tod nickte. „Jaja, so kann es manchmal kommen. Das Leben ist eine Lotterie, da kann doch der Tod nicht stur nach Reihenfolge vorgehen.“ Klaus sah das anders. „Doch, das kann und sollte der Tod. Es muss doch seine Ordnung haben, das Leben, der Tod, einfach alles!“ Die Gestalt im Schaukelstuhl sah sich in Klaus‘ unaufgeräumtem Wohnzimmer um. „Ja, es muss seine Ordnung haben – das sehe ich.“ Er schien tatsächlich zu schmunzeln. Dann aber straffte er sich und wurde geschäftlich: „Hast du besondere Wünsche? Bett, Sessel oder lieber hochdramatisch unter der laufenden Dusche?“ Klaus schüttelte den Kopf. Was sollte er denn hier Entscheidungen treffen? Und überhaupt, für ihn war noch lange nicht alles geklärt.

„Wieso haben Sie Omas Kittel an? Oder zumindest etwas, das so tut, als sei es Omas Kittel?“ Der Seufzer, der aus dem Schaukelstuhl zu hören war, klang wirklich herzzerreißend. Klaus ging auf Konfrontation. „Ja, nun sagen Sie doch mal. Was soll das mit diesen rosa Karos und dem Blumenmuster? Wollten Sie sich damit tarnen? Als sensentragende Großmutti?“ Der Tod zuckte die Schultern. „Warum nicht? Hat doch funktioniert, oder? Das ist mein Berufsgeheimnis: Wenn ich einen Kunden hole, der vielleicht Probleme machen könnte, bemühe ich mich um ein vertrauenerweckendes Auftreten. Man sieht dann in die Akte des Kunden und sucht nach etwas, von dem man weiß, dass es dem Kunden immer viel bedeutet und Vertrauen eingeflößt hat. Bei dir war das Einfachste Omas alter Kittel, bei anderen sind es die langen roten Haare der Mutter oder die Busfahreruniform des Vaters. Folglich bemühe ich mich um diese Erscheinung – das geht einfach bei mir, ist quasi virtuell – und werde so viel leichter eingelassen. Nur in den seltensten Fällen klappt das nicht, dann wird es manchmal etwas unästhetisch. Wenn der Kunde versucht abzuhauen und ich mit der Sense mehrmals ranmuss, oder wenn er gar aggressiv mir gegenüber wird. Dann wird es natürlich nichts mit dem friedlichen Sterben im Bett.“ Klaus hörte die nur schwach versteckte Drohung in diesen Worten. Er hatte auch nicht vor, abzuhauen. Der Sensenmann war selbst im Sitzen noch größer als er selber. Und flüchten, in seinen alten Cordpantoffeln, konnte er ebenfalls vergessen. Das sah er alles ein. Doch sterben wollte er auch nicht.

Klaus setzte sich nun ebenfalls. Er musste nachdenken. Er war Gebrauchtwagenhändler, geübt im Schachern und Verhandeln. Es musste sich doch irgendetwas finden lassen, was er dem Tod anbieten konnte, etwas, das sinnvoller war, als ihm, Klaus Fischer, das Leben zu nehmen.

„Bist du es nicht leid, immer nur destruktiv zu wirken?“, fragte er schließlich und sah den Tod ehrlich interessiert an. Der zuckte die Schultern. „Muss ja gemacht werden, der Job. Die Kollegen sind nett, ich habe Gleitzeit und bin weitgehend frei in meinen Entscheidungen. Das ist schon in Ordnung so. Oder denkst du, Gebrauchtwagenhändler braucht diese Welt dringender?“ Dazu hatte Klaus keine Meinung, deshalb antwortete er nicht darauf. „Aber ist es denn nicht schöner, ein gutes Werk zu tun? Es gibt doch Leute, die wollen gerne sterben und können nicht.“

schwarzer EngelEr dachte an die Mutter eines Freundes, deren schwere, schmerzhafte Krankheit sich jetzt schon seit Jahren hinzog – hier würde Gevatter Tod sicherlich mehr als willkommen sein. Wieder schien der Tod zu schmunzeln. „Du willst mir also ein Geschäft anbieten? Ein altes krankes Weiblein gegen einen Kerl in den besten Jahren. Na, da muss schon ein bisschen mehr kommen. Was hast du noch für mich?“ Klaus überlegte eine Weile. Das Einzige, was ihm einfiel, war der alte Hund Schnüffel aus dem Erdgeschoss. Der war uralt und lahmte stark, der war auf jeden Fall richtig auf der Liste. „Jetzt willst du mich aber verarschen, oder?“, lautete die Antwort seines unheimlichen Besuchers auf Klaus Vorschlag hin. „Nein, nein, nein, ganz bestimmt nicht. Ich dachte einzig an das Wohl des Tieres.“ Klaus schwitzte. Er dachte an seinen Job – zu verkaufende Autos immer in den rosigsten Farben darstellen, bei anzukaufenden Modellen die Fehler finden. Und er fand einen Fehler. „Weißt du, eigentlich kannst du gar nicht so viel fordern. Du hast nämlich einen Fehler gemacht!“ „Ich, einen Fehler?“ Der Sensenmann lachte. Er hatte eine tiefe Stimme, eigentlich klang es ganz angenehm, wenn er lachte. Doch Klaus spürte, dass der Hüne nicht amüsiert war. „Ich mache nie Fehler – zumindest hat sich noch nie jemand von meinen Kunden darüber beschwert. Was für einen Fehler soll ich denn gemacht haben?“ Klaus fürchtete sich, wagte sich aber doch weiter in die Offensive. „Deine Akten stimmen nicht. Du hast gesagt, das viele Rauchen macht mich krank. Ich habe aber schon vor zwei Jahren aufgehört!“ Der Tod lehnte sich verblüfft in Oma Lottes Schaukelstuhl zurück. Es fehlte nicht viel und Klaus hätte sich ihn mit einem Strickzeug in der Hand vorstellen können. „Soooo, du rauchst also nicht mehr. Und das schon seit zwei Jahren. Hmmm … stimmt, das war bei mir nicht vermerkt. Was machen wir denn da?“ Klaus wagte kaum zu atmen, während der Sensenmann grübelte. Es war nicht unbedingt beruhigend, dass er dazu sein Werkzeug in die Hand nahm, es vor sich auf den Boden stellte und sich zum Schaukeln damit abstieß.

Dann endlich traf die Gestalt im bunten Kittel eine Entscheidung. „Gut, ich schlage dir ein Geschäft vor: Ich nehme die Oma und auch den alten Köter, die sollen beide nicht mehr länger warten. Und du…“, er wies mit einem großen, klobigen Finger auf Klaus, „du hörst auf der Stelle auf zu saufen und wirst Vegetarier!“ Klaus stöhnte innerlich, nickte aber. Bevor dem Tod noch die Idee kommen konnte, seinem Gesundheitsprogramm irgendwelchen Sport hinzuzufügen, ergriff er dessen Hand und schüttelte sie kräftig. „So machen wir das!“ Klaus eilte in den Flur, um seinen ungebetenen Gast hinauszubegleiten, doch der Riese lehnte ab. „So geht das nicht. Du musst mir deine Tauschsubjekte schon zeigen. Oder denkst du, ich habe Google Maps mit dabei?“ Klaus grauste es, denn er wollt Gevatter Tod nicht bei dessen schauerlichen Geschäft beobachten. Trotzdem griff er nach seinen Schlüsseln und einer Jacke. „Schuhe! Oder willst du in diesen Latschen auf der Treppe zu liegen kommen und dir das Genick brechen?“ Der Tod lachte heiser wie über einen gelungenen Witz und Klaus beeilte sich, die Pantoffeln gegen ein Paar solide Turnschuhe zu tauschen. Dann folgte er seinem Begleiter hinaus in den Hausflur.

Den Hund fanden sie schnell. Fasziniert sah Klaus zu, wie der Tod geschickt die Tür zu der kleinen Erdgeschosswohnung öffnete, sich in den Türrahmen hockte und ein leises Geräusch machte. Sein Äußeres hatte sich verändert, er war nun gekleidet wie Metzgermeister Köster, wo das alte Hundefrauchen immer einkaufte. Gewiss gab es dort für den betagten Rüden immer ein Scheibchen Wurst. Tatsächlich kam der Hund an die Tür. Er schien zu lächeln, drängte sich an die Beine der großen Gestalt, legte sich dann lang in den Flur und schlief einfach ein. Eine Art Feder schwebte empor, die der Tod auffing und mit seinen großen Händen behutsam in einem kleinen Beutel verstaute. „Hundeseelen sind leicht“, erklärte er und Klaus nickte, als hätte er verstanden.

Dann führte er den Sensenmann einmal durch die halbe Stadt. Er kam sich komisch vor mit seinem Begleiter in der U-Bahn zu stehen, doch außer ihm schien niemand den Tod zu bemerken. Nur einmal kam es jedoch zu einer brenzlichen Situation, als einige junge Männer an einer Hauptstraße ein Autorennen veranstalteten. Sie hingen dabei lebensgefährlich weit aus ihren alten Autos und plötzlich raste einer der Wagen auf eine Litfasssäule zu. Es krachte fürchterlich und der Tod schien wie elektrisiert zu sein. „Komm, wir wollen doch zu dem Pflegeheim!“, flüsterte Klaus, doch die jetzt dunkle Gestalt schien ihn nicht zu hören. Dann nickte der Tod kurz und beruhigte sich. „Der Kollege ist schon vor Ort“, meinte er und Klaus schauderte es.

Gemeinsam erreichten sie das St. Anna-Stift und gelangten unbehelligt an die Rezeption. Die war verlassen, man hörte jedoch aus dem Nebenzimmer zwei Frauenstimmen. „Gut so“, flüsterte der Tod, schlich sich hinter den Tresen und sah am Computer nach, in welchem Zimmer Frau Meta Burmeister lag. Er nickte Klaus zu und gemeinsam fuhren sie in den dritten Stock.

Die Mutter von Klaus Freund schlief nicht, als die beiden das Zimmer betraten. Sie konnte schon lange nicht mehr richtig schlafen, der Krebs hatte sie ausgezehrt und auch starke Schmerzmittel halfen immer nur für eine kurze Zeit. Sie sah zur Tür und blickte fragend. „Klaus! Das ist ja schön, dass du mich mal besuchen kommst. Aber eine komische Zeit hast du dir ausgesucht.“ Sie bemerkte seinen Begleiter und ihre Züge entspannten sich. Sie lächelte. „Oh, ich sehe, du hast mir jemanden mitgebracht. Schnitter, du bist es – das ist ja schön! Spät kommst du, aber besser spät, als nie.“ Der Tod sah jetzt genau so aus, wie Klaus ihn sich immer vorgestellt hatte, keine Verkleidung entstellte ihn. Klaus hörte, wie er leise mit der alten Frau sprach, aber was sie sagten, konnte er nicht verstehen. Dann aber sah er eine Feder emporsteigen, größer dieses Mal, und auch sie wurde aufgefangen und sorgfältig eingepackt. Meta Burmeister war tot und Klaus lebte. Das Geschäft war erledigt.

Auf der Straße trennten sich Klaus und der Tod ohne ein weiteres Wort. Klaus verbrachte den Rest der Nacht auf einer Bank in der Nähe des Friedhofs. Gerne hätte er sich so richtig betrunken, aber das durfte er ja nicht. Und so weinte er ein bisschen, um Frau Burmeister, den Hund Schnüffel, den jungen Idioten aus dem Unfallwagen und all die Jägerschnitzel, die er nun nie mehr essen würde.

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Dieses Mal lautete die Schreibaufgabe, einen inneren Monolog zu verfassen. Inspiration war ein bekanntes Bild von Loriot.

Die Werbung

Glück muss der Mensch haben. Frau Annerose ist wirklich ein ganz bezauberndes Wesen! Der Abend war ein Genuss: Der Wein, die Musik, Frau Annerose im schlichten burgunderfarbenen Kleid – perfekt. Sie trug ihre Rose in der Hand, genau passend zum Farbton ihres Kleides, und sieh sah mich sofort. Dieses Lächeln!

Wie gut, dass der Anzug frisch gereinigt war. Auch der Friseur hat ganze Arbeit geleistet. Sogar das Eau de Toilette war noch gut. Wie hätte ich sonst auch dagestanden, neben so einer tollen Frau. Ich glaube, ich habe einen guten Eindruck hinterlassen.

Wie interessiert sie wirkte, und wie zugewandt. Niemand interessiert sich sonst für mein Steckenpferd. Und dabei sind Nacktschnecken so vielseitig, und pflegeleicht noch dazu.

Frau Annerose. Wie wunderbar sie ist. Hoffentlich ruft sie mal an. Wie schade, dass wir uns verpasst haben, nachdem sie auf „Für Damen“ war. Wohin sie wohl plötzlich verschwunden ist? Hoffentlich hat sie sich nicht verlaufen.

Eine unglaubliche Geschichte

Brautpaar, Heuballen

Auf jeden Fall schön genug! Bild zur Verfügung gestellt von Jens Bredehorn, http://www.pixelio.de

Seit einiger Zeit habe ich auf meinem Handy eine weitere „Nachrichtenapp“: die von der Gala. Das ist dieses Klatschblatt, dass ich früher nur beim Arzt oder Friseur gelesen habe. Nun kann ich mich immer und überall über die gesellschaftlich wichtigen Leute informieren, beziehungsweise ich erfahre so überhaupt erst von deren Existenz und Relevanz. Bei den meisten Leuten weiß ich nicht so genau, was die machen, und deshalb freue ich mich immer über die Royals, weil deren Tätigkeitsfeld klar umrissen ist: Die sind König, oder Prinzessin, oder zumindest die Cousine von irgendwem, der dazu gehört.

Unter dem Eindruck all dieser bahnbrechenden Nachrichten über Prinzens und Prinzessinens kam mir der Geschichtsanfang, der uns im Schreibkurs vorgegeben wurde, gerade recht für

Eine unglaubliche Geschichte

„Passen Sie auf, was ich Ihnen jetzt erzählen werde! Es ist unglaublich, eine schier unfassbare Geschichte, und doch ist sie wahr – so wahr, wie ich hier vor Ihnen stehe.

Es war vor einigen Jahren, in einem gänzlich unbekannten Land. Ein Land, so klein und unbedeutend und versteckt, dass niemand darüber berichtet. Es gibt auch nicht viel zu berichten, denn es passiert dort nicht viel. Die Menschen sind nicht arm und nicht reich, sie leben von ihrer Hände Arbeit und haben ihr Auskommen. In diesem Land gibt es keine große Politik, dafür ist es viel zu klein. Kein fremder Außenminister kommt jemals dorthin, und das ist gut so, denn er würde sich langweilen. Keine Konflikte zu bewältigen, nicht mal Handelsabkommen zu erwarten, denn bis auf zwölf gemusterte Teppiche wurde aus diesem Land niemals etwas exportiert. Es gibt auch kein Parlament, dass den fremden Außenminister empfangen könnte. Einzige einen etwas unscheinbaren König gibt es da, und der regiert so ruhig und besonnen, dass alle zufrieden sind und niemand sich mit Umsturzgedanken trägt. Sogar seine Kinder sind wohlgeraten und machen allen Freude, auch wenn sie nicht schön genug sind für die Gazetten dieser Welt. Niemand schreibt über dieses Königshaus, die Bunte nicht, die Gala nicht und schon gar nicht die Bild-Zeitung. Nur das kleine Lokalblättchen berichtet ab und zu über diese Royals, und auch nur dann, wenn es etwas zu berichten gibt.

Und neulich war es tatsächlich soweit, es geschah etwas Berichtenswertes, und das war so unglaublich, dass ich es Ihnen erzählen muss: Der älteste Sohn des Königs, der Kronprinz, wenn Sie so wollen, hat geheiratet. Mit 29 Jahren ist das nicht weiter spektakulär, aufregend war jedoch für mich, was geschah, als er dem Land seine Braut vorstellte: Ein Mädchen aus der Kleinstadt, also eigentlich vom Dorf, klug und warmherzig, so erzählt man sich. Sie ist nicht besonders hübsch, groß, sehr kräftig, und mit einem wuchtigen Oberkiefer, der besonders auffällt, wenn sie lacht. Die einzige Zeitung des Landes zeigte sie in ihrem Hochzeitskleid und alle fanden sie schön. Man zeigte sie in der Nacht, mit einem Fleck auf dem weißen Kleid, herunterhängendem Dutt und einer Laufmasche, und alle fanden sie schön. Man zeigte sie an der Seite ihres unscheinbaren Gatten, und alle sahen die beiden lächeln und fanden sie schön. Und das fand ich so unglaublich, dass ich es Ihnen erzählen musste.

Paulas Traum

Derzeit nehme ich an einer Schreibwerkstatt teil – drei Abende jeweils drei Stunden. Mal eine ganz neue Runde, eine neue Dozentin und jede Menge neue Ideen für mich. Diese Woche lernte ich mein „Schatten-Ich“ kennen, also eine Figur, die etliche Eigenschaften besitzt, die genau gegensätzlich sind von meinen. Angeblich soll etwas von ihr auch in mir sein. Ich kann mir das ja nicht vorstellen, aber da ich schon immer mal „Paula“ heißen wollte, habe ich ihr diesen Namen gegeben.

Paulas Traum

NonnePaulas Morgenritual war seit Jahren das Gleiche: Aufstehen, waschen, anziehen, zwei Knäckebrote mit Frischkäse verzehren, ein Becher Kaffee dazu. Das gebrauchte Geschirr in die Maschine stellen, noch einmal durch die Wohnung gehen und Liegengebliebenes aufräumen. Sie ging dabei methodisch vor und ließ sich nicht ablenken. Dann fuhr sie zur Arbeit. Kurz grüßen, den Rechner hochfahren und arbeiten. An den Gesprächen der Kolleginnen, die gerade morgens munter drauflos schnatterten, beteiligte sie sich selten.

Heute war das etwas anders. Gisela, die Kollegin Paula direkt gegenüber, hatte abends zur Tupperparty geladen. In einem Anfall von Schwäche hatte Paula zugesagt, diese Abmachung musste sie loswerden. Sie entschuldigte sich damit, dass überraschender Besuch sich angekündigt habe. Gisela zeigte sich verständnisvoll, wenngleich enttäuscht. „Da kann man nichts machen“, meinte sie, „Verwandtschaft geht vor.“ Paula lächelte und nickte. Erst, als Gisela das Büro verlassen hatte, raunte sie der anderen Kollegin ein leises „Ich habe keine Lust auf diesen Mist“ zu. Das war dann auch das Letzte, was sie an diesem Tag willentlich zur Unterhaltung der Kolleginnen beitrug.

Allerdings sorgte sie durchaus für Erheiterung, als sie ein paar Stunden später mit einem besonders begriffsstutzigen Kunden telefonierte. Sie wurde ungehalten, laut, wies den Mann mehrfach zurecht. In der Sache hatte sie zwar recht, doch es gelang ihr nicht, dem Mann das klar zu machen. Erst, als sie richtig energisch wurde, ließ er sich zwar nicht überzeugen, aber zumindest abwimmeln. Paula schimpfte noch, als sie den Hörer längst aufgelegt hatte.

Pünktlich um 16:30 machte Paula Feierabend. Sie räumte den Schreibtisch auf, stellte alles an seinen angestammten Platz, grüßte knapp und ging. Während des Feierabends kam Paula zur Ruhe. Abendessen gab es bei ihr spätestens um 19 Uhr, im Laufe des Abends vielleicht noch einen Apfel. Beim Fernsehen häkelte sie streng nach Muster: Kleine Karos, die sie später gemäß der Anleitung aus einer Zeitschrift zu einer Decke zusammensetzen wollte. Jeden Abend schaffte sie ein Kästchen, 512 brauchte sie insgesamt.

Um 22:15 ging Paula schlafen, direkt nach dem heute journal. Sie hielt nichts davon, später ins Bett zu gehen. Sie ging auch nur selten aus, die stillen Abende zuhause waren ihr wichtig.

Auch an diesem Abend folgte sie streng ihrem üblichen Vorgehen: Erst ins Bad, dann ausziehen, die Kleider sorgfältig über einen Stuhl hängen oder direkt in die Wäsche geben. Alles war wie immer und doch war irgendetwas heute anders: Denn Paula konnte nicht einschlafen. Das passierte ihr selten.

Unruhig wälzte Paula sich von einer Seite auf die andere. Das Gewicht ihres eigenen Körpers störte sie, obwohl sie keine 60 Kilo wog. Ständig rekapitulierte sie im Geist das Gespräch mit diesem sonderbaren, störrischen Kunden vom Nachmittag, der sie so aufgeregt hatte. Oder hatte er sie gar angeregt?

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, wer dieser Kunde gewesen war. Vor wenigen Stunden noch hatte ihr der Name, mit dem er sich gemeldet hatte, gar nichts gesagt, doch jetzt plötzlich wusste sie es ganz genau: Es war Henning Christiani gewesen. Henning Christiani aus ihrem Abiturjahrgang, der jetzt vor ihr stand und sie frech angrinste. Er griente genau wie früher, und doch sah er ganz anders aus.

„Hast mich also doch erkannt, was?“ Sie hatte das Gefühl, ihn blöde anzugucken. Dabei war er doch immer der Blöde gewesen, der Schlechteste aus dem Physik-Leistungskurs. „Ja, klar“, meinte sie, „natürlich habe ich dich erkannt.“ Er sah aus wie George Clooney oder vielleicht auch wie Brad Pitt oder irgendein anderer von diesen Hollywood-Schönlingen. Aber halt – war Brad Pitt nicht so unerfreulich gealtert? Also dann eher nicht der, vielleicht doch eher … sie wusste es nicht. Und sie schämte sich ihrer Gedanken, denn seit wann verglich sie reale Personen mit amerikanischen Schauspielern? Das konnte ja wohl nicht ihr Niveau sein.

Noch während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, fragte der unverschämt gut aussehende Henning Christiani: „Wollen wir knutschen?“ Ja, das wollte sie. Das hatte sie doch immer gerne gewollt, seit der 7. Klasse schon. Sie ließ sich matt in seine Arme fallen und war sich dabei schmerzlich ihres verwaschenen rosa Schafanzuges bewusst. Doch es half nichts – diese Chance musste sie ergreifen, jetzt oder nie.

Hennings Kuss war nass, sein Schnauzbart kratzte ein wenig. Wo kam der denn eigentlich her? George Clooney hatte keinen Schnauzbart. Paula schob Henning ein bisschen von sich weg, um ihn genauer zu betrachten. Er sah aus wie David Hasselhoff mit Bart. Seit wann hatte Henning denn Locken, war das eine Dauerwelle? Es war ihr egal, sie wollte jetzt knutschen, wollte Henning Christiani. Früher hatte der ausgesehen wie Quasimodo, erinnerte sie sich, als sie sich erneut in seine starken Arme kuschelte. Seine Brust war behaart, war ja klar, schließlich trug er jetzt mitten im Winter nur eine rote Badehose, und irgendwie musste der Mann ja warm bleiben.

Paula jedenfalls war es warm in seinen Armen. Sie räkelte sich wohlig – so gut war es ihr noch nie gegangen. Sie versuchte, ihn anzusehen, doch sein Gesicht war verschwommen. Warum hatte er sie nochmal angerufen heute Nachmittag? Sie fragte nach. „Ich habe dich nicht angerufen“, sagte er, „das muss ein Irrtum sein.“ Wieder sah sie ihn an und jetzt erst erkannte sie ihn richtig. Die Haare, der Bart: Er sah aus wie Horst Schlämmer. Und sie liebte ihn dafür, wollte ihn küssen, ihre Wange an seinen Trenchcoat schmiegen. Doch er wehrte ab. „Ich habe dich nicht angerufen. Aber hör doch, gerade jetzt ruft jemand an.“

Es war der Wecker, der penetrant klingelte. Paula blieb ganz gegen ihre Gewohnheit einfach liegen, verschwitzt und verstört. Henning Christiani – was wollte das Unterbewusstsein ihr denn damit sagen? Sie meldete sich krank, zum ersten Mal seit über fünf Jahren.

Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Mit dem Schreibgrüppchen hatten wir mal wieder eine Lesung, und zwar in der schönen Buchhandlung „Weltenleser“. Das Thema lautete „Reisen“ und wie immer waren unsere sieben Geschichten ganz unterschiedlich, was den etwa dreißig Zuhörern sichtlich gefiel. Ich stelle euch daher heute Frau Uschi vor:

Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Sie konnte es nicht fassen: Kaum hatte sie Erich, den größten Fehler ihres Lebens und Bremsklotz gigantischen Ausmaßes, endlich aus ihrem Leben entfernt, war es ihr erwachsener Sohn Robert, der Rechenschaft von ihr forderte und sie aufhalten wollte. Wütend schnaufte sie ins Telefon.

„Ich weiß gar nicht, was du eigentlich willst! Traust du mir das nicht zu? Ich bin doch nicht debil!“

Uschi Gerke war ganz Empörung, sie glaubte, sich in ihrem ganzen 68-jährigen Leben noch nicht so aufgeregt zu haben. Robert versuchte sie zu beschwichtigen:

„Ich sage doch nur, dass du es mit dem Reisen nicht übertreiben sollst, Muddi. Du warst noch nie weiter weg als fünfzig Kilometer um deinen Heimatort herum. Du bist es nicht gewohnt, dich an fremden Orten zurecht zu finden. Warte ein paar Wochen, dann nehme ich ein paar Tage frei und wir fahren in ein schönes Hotel in den Harz. Oder an die Ostsee – du wolltest doch immer gerne ans Meer. Oder wenn du mit mir nicht unterwegs willst, mach‘ diese Tour mit den Landfrauen – fünf Tage mit dem Bus ins Sauerland, mit einer netten Reiseleiterin. Die haben bestimmt noch freie Plätze.“

Uschi schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht unter Aufsicht fahren – sie war doch kein kleines Kind mehr. Und es war ja auch nicht so, dass sie eine Rucksacktour durch Nicaragua plante. Nein, sie hatte vor, einfach mit dem Zug in ein paar deutsche Städte zu fahren und sich dort etwas anzusehen. Alleine, nur mit ihrem Rollköfferchen und ohne jemanden neben sich, der immer nur dem Untergang des christlichen Abendlandes entgegensah oder glaubte, jenseits von Bremen-Lilienthal sei die Welt zu Ende.

Geld hatte sie mehr als genug: Sie hatte immer fleißig in der Firma mitgearbeitet, sich nie Urlaub gegönnt und nebenher noch die Kinder großgezogen. Als ihr Mann Ulrich plötzlich und viel zu früh einen Schlaganfall erlitt, hatte sie das Ruder übernommen, bis sie die Firma günstig verkaufen konnte, und sich dann jahrelang um die Pflege ihres Mannes gekümmert. Und dann hatte sie geglaubt, in Erich, einem langjährigen Freund der Familie, einen neuen Partner zu finden. Er war bei ihr eingezogen und hatte sie fünf Jahre lang mit seinen zahlreichen eingebildeten Krankheiten auf Trab gehalten. Mal hatte er ganz bestimmt einen Herzinfarkt, dann ganz plötzlich Darmkrebs, und dann wieder stand er kurz vor einer Beinamputation aufgrund von Knochenkrebs. Der freilich erwies sich als eingewachsener Fußnagel und brachte das Fass zum Überlaufen. Uschi hatte den drei Jahre jüngeren Mann in die Obhut seiner Familie gegeben und beschlossen, jetzt endlich zu reisen. Ihr Koffer war gepackt, morgen wollte sie los.

„Nein, ich will nicht warten. Ich fahre morgen los. Ich brauche auch niemanden, der auf mich aufpasst. Ich kann mir überall ein Zimmer nehmen, und wenn ich mein Hotel zu Fuß nicht wiederfinde, nehme ich mir halt ein Taxi!“

Robert seufzte. Seit seine Mutter auf diesem Freiheits-Trip war, war mit ihr nicht mehr zu reden. Er musste seine Schwester Sandra informieren – vielleicht hörte seine Mutter besser auf sie.

„Pass auf, Muddi, ich rede mit Sandra und ihr beiden Frauen könnt zusammen einen Plan ausarbeiten, was deinen Urlaub angeht. Und dann vielleicht ein bisschen was vorbuchen. Ich habe einfach Sorge, dass du irgendwo strandest.“

„Wenn ich strande, saufe ich mir einfach einen an und warte auf den nächsten Tag!“, entgegnete Uschi und knallte den Hörer ihres altmodischen Tastentelefons auf die Gabel. Sie war sauer. Gewiss würde Robert ihr jetzt Sandra auf den Hals hetzen, die solange mit ölig besorgtem Gesichtsausdruck an ihrem Küchentisch sitzen würde, bis Uschi irgendwelche faulen Kompromisse einging, nur um sie loszuwerden. Dem musste sie entgehen!

Kurz entschlossen rief Uschi sich ein Taxi, griff nach ihrem Koffer und schloss die Haustür hinter sich ab. Für die Tochter hängte sie einen Zettel mit einer dramatischen Botschaft an den Postkasten: „Ich bin weg, bitte sucht mich nicht. Die Orchideen brauchen einmal die Woche Wasser, die Begonien zweimal. Gruß, Mutter.“ Als das Taxi die Straße herunterfuhr, sah Uschi in der Ferne Sandras grünen Polo heranrollen. Na, der war sie ja gerade noch entkommen!

Am Bahnhof beschloss Uschi, einfach in den Zug einzusteigen, der als nächstes fuhr. Richtung Hamburg sollte es gehen. Na gut, dann also Hamburg. Sie stieg ein, ohne eine Fahrkarte zu kaufen, das konnte sie immer noch im Zug tun. Sie setzte sich in ein Abteil zu zwei Männern: Einer stank nach Bier und schlief, der andere sah mit seiner Irokesenfrisur und den vielen Tätowierungen zum Fürchten aus, war aber wach. Uschi war nicht danach, sich zu fürchten. Sie suchte das Gespräch: „Ist das hier ein erster-Klasse-Wagen?“ Der dünne Mann ihr gegenüber lachte, so dass sich das viele Metall in seinem Gesicht auf und nieder bewegte. „Erster Klasse? Gnädigste, sehen wir beiden aus, als würden wir erster Klasse fahren?“ Er tippte den schnarchenden Mitreisenden kurz an und dieser grunzte. Uschi nickte – also war dies ein zweiter-Klasse-Wagen. Schick, fand sie. Sie war vor über dreißig Jahren zum letzten Mal Zug gefahren, da hatten die Wagen noch ganz anders ausgesehen: mit schmuddeligen, gelb gepolsterten Sitzen und einer braun lackierten Heizung.

Uschi wies auf den Schnarcher: „Gehört der Herr zu Ihnen?“ Der Mann schüttelte energisch den Kopf. „Ne, der Penner saß hier schon, als ich kam. Wer weiß, wie lange der hier schon mitfährt. Den ham’se hier vergessen und nun steigt er da aus, wo er wach wird.“ Uschi nickte. „Das habe ich auch vor.“ Ihr Gegenüber runzelte die Stirn. „Sie? Wo woll’n se denn hin?“ „Keine Ahnung“, sagte Uschi, „erst mal nach Hamburg. Und dann mal weitersehen.“ Der dürre Mann zog fragend eine durchlöcherte, grün gefärbte Augenbraue hoch. „Sind’se wo abgehauen?“ Uschi zuckte die Schultern, und ohne lange darüber nachzudenken, erzählte sie diesem Fremden den ganzen Ärger der letzten Tage, Jahre, Jahrzehnte. „Jo“, sagte der Mann, als sie fertig war, „da müssen se dringend mal anne Luft, dat seh ich ein. Aber ihr Sohn hat schon recht, ganz alleine sollten se heute Nacht nicht auffe Reeperbahn rumstrumpeln, das is nix für ne Dame wie sie. Aber wenn’se neugierich sind, kommt Onkel Ralph einfach mit.“ „Onkel Ralph? Wer soll das denn sein?“, fragte Uschi irritiert. „Na, ich! Ich wohn‘ schon seit zehn Jahren auf Pauli, hab nur meine Omma hier in Brem besucht. Wenn’se wolln, geh’n wa heute Nacht zusamme auffe Piste, und pennen könn’se auch bei mir. Dat is mir lieber, als wenn’se mir verloren gehen!“ Also schien selbst dieser wüst aussehende Mittdreißiger der Ansicht zu sein, dass sie alleine nicht zurechtkam – na, danke für das Kompliment, dachte Uschi. Aber das Angebot, mit Ralph Hamburg zu erkunden, fand sie verlockend und stimmt zu ihrer eigenen Überraschung zu.

Hamburg, alte Liebe, Elbphilharmonie

Hamburg mit alter Liebe und Elphi

In Hamburg angekommen, fuhren sie mit dem Bus zu Ralphs Wohnung. Die war weit aufgeräumter, als Uschi gedacht hatte. Nur der schwere, seltsame Geruch irritierte sie ein wenig, sie hatte aber das Gefühl, dass dieser sie auf dem alten, etwas durchgesessenen Sofa gut würde schlafen lassen. Sie tranken eine Kanne Tee zusammen und aßen Tiefkühlpizza, dann zogen sie los. Ralph zeigt ihr sein Viertel, dann gingen sie in seine Stammkneipe.

„Hey Ralph, hast du deine Omma gleich mitgebracht?“, fragte der große Wirt hinter der Theke. „Ich geb‘ dir gleich die Omma, du Schandmaul! Dat is Frau Uschi, meine neue Bekannte, die’n büschen wat vonne Welt sehn will. Mach uns bloß keine Schande und benimm dich, sonst fährt’se gleich wieder wech!“ Der Wirt nickte und stellte unaufgefordert ein Astra vor Ralph auf die Theke. „Die Dame?“, fragte er und sah Uschi auffordernd an. „Das Gleiche“, bestellte Uschi, und trank zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bier aus der Flasche. Mit Ralphs Hilfe setzte sie sich bequem auf dem hohen Thekenhocker zurecht und ehe sie sich versah, war sie Mittelpunkt einer lustigen Runde, die Bier trank, Nüsse knabberte und über Gott und die Welt schwatzte. „Die Omi ist ja süß!“, hörte Uschi eine junge Frau sagen, die aussah, als sei sie Ralphs kleine Schwester.

Tief in der Nacht brachen sie auf. Uschi konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so einen lustigen Abend erlebt hatte – das musste vor Ulrichs Erkrankung gewesen sein. Kurz vor der Wohnung sah Ralph noch einen Lichtschein in einer Kneipe und zog Uschi über die Straße. „Lass uns hier noch eben Moin sagen!“ Uschi war es recht. Sie war beschwingt und betrunken, sie hätte auch zwei Zuhältern mit Kampfhunden „Moin“ gesagt, wenn die ihr gerade begegnet wären. Und die Leute, die in der winzigen Kneipe im Souterrain saßen, machten einen zwar müden, aber doch freundlichen Eindruck. „Mensch Kuddel!“, rief Ralph erfreut und schlug einem älteren Herrn auf die Schulter. „Seit wann bist du denn wieder an Bord hier?“ Der pummelige Mann mit dem gutmütigen Gesicht einer verschlafenen Bulldogge grinste ihn an. „Bin nur auf der Durchreise. Morgen geht‘s weiter – nach Dänemark. Will’ste mal wieder mit?“ Ralph schüttelte den Kopf. „Geht nicht, hab‘ viel zu tun auf Arbeit zurzeit.“ Uschi bemerkte, dass sie überrascht war: Sie war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass jemand wie Ralph einer geregelten Arbeit nachgehen könnte. Dann aber wurde sie hellhörig.

„Ich hab‘ hier die Frau Uschi, die will wat vonne Welt sehen. Nimm‘ste die mit? Dir würd‘ ich se anvertraun.“ Kuddel sah skeptisch zu Uschi rüber. „Ich weiß nicht. Haben Sie schon mal Urlaub in ‘nem Wohnmobil gemacht?“ Uschi schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe noch nie Urlaub gemacht.“ Das breite Gesicht drückte pures Erstaunen aus. „Noch nie? Immer nur Arbeit und Pflicht? Na, dann wird’s ja Zeit. Gut, Frau Uschi, Sie kriegen eine Koje bei mir. Aber eins muss ganz klar sein: Wer meckert, fliegt raus!“ Uschi nickte. Ja, das schien ihr fair zu sein.

Kuddel holte Uschi um elf Uhr am nächsten Morgen ab. Ralph, ihr Gastgeber in dieser denkwürdigen Nacht in Hamburg, hatte sie fürsorglich mit einem riesigen Stullenpaket und zwei Flaschen Cola versorgt. Sie umarmten sich zum Abschied so herzlich, als würden sie sich schon viel länger als 18 Stunden kennen. Ralph versprach, irgendwann man auf Kuddels Handy anzurufen und nachzufragen, wie es so ginge. Vielleicht würde er auch vorbeikommen, irgendwann, wenn es sich gerade so traf. Schließlich traf man sich immer zweimal im Leben.

Und dann fuhren sie los. Uschi saß vorne neben Kuddel und sah die Landschaft an sich vorbeiziehen. Sie fühlte sich wie aus einem Gefängnis entlassen. Auf der Fähre stand sie draußen und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Kuddel stand hinter ihr und sah sie neugierig an. Dass in seinem Alter nochmal so’ne schmucke Deern bei ihm einsteigen würde, hätte er nicht gedacht. Sie schien ganz patent zu sein. Wenn die nicht irgendwann anfing zu drinsen*, konnte das vielleicht was werden mit ihm und Frau Uschi.

Und so gab er sich viel Mühe an diesem ersten Abend in Dänemark: Er suchte einen Strandplatz mit schöner Aussicht, kramte ein Windlicht mit erst halb abgebrannter Kerze aus seinem Wohnmobil und köpfte für sie seine letzte Flasche Rotwein. Als sie schlafen gingen, sorgte er für ihre Bequemlichkeit und dafür, dass sie es warm hatte. Früher hatte er das anders gemacht mit den Mädels, doch dieses Mal schien es ihm angemessen zu sein, mit einer Wolldecke für Wärme zu sorgen. Er plante, weiter hochzufahren Richtung Norwegen, vielleicht auch nach Island. Wenn sie es so lange miteinander aushielten, konnten sie sich immer noch aneinander kuscheln, um sich zu wärmen – Eile mit Weile.

Und Uschi – Frau Uschi, wie sie jetzt hieß – hatte ein seltsames Gefühl, als sie einschlief. Sie war voller neuer Eindrücke, so dass ihr der Kopf schwirrte. Von Norwegen und Island hatte dieser seltsame Mann gesprochen, der schon seit vielen Jahren mit seinem alten Wohnmobil unterwegs war. Darin roch es etwas komisch, nach Zigaretten, Dosenessen und schmutzigen Socken, und doch fühlte sie sich seltsam wohl. Irgendwann würde sie ihrer Familie eine Postkarte schreiben, morgen vielleicht oder übermorgen. Sie sollten sich nicht sorgen. Und so schrieb sie einige Tage später von einem Rastplatz auf Bornholm je eine Postkarte an Robert und Sandra:

Ihr Lieben,

sorgt euch nicht um mich. Ich bin mit Herrn Kuddel unterwegs, einem echten Vagabunden und Kapitän der Landstraße. Kennengelernt habe ich ihn auf St. Pauli in einer Kneipe, die mir Ralph gezeigt hat. Bei dem habe ich auch übernachtet, und zum ersten Mal in meinem Leben geraucht – eine ganz dicke Zigarette. So schön habe ich noch nie geträumt, sage ich euch. Ihr seht, alles ist gut.

Viele Grüße

Mutter

 

*drinsen: Norddeutsch für quengeln

Festhalten – Loslassen

Mal wieder eine Miniatur aus dem Schreibworkshop. Festhalten – loslassen lautete das Motto und wie immer war wenig Zeit. Die Geschichte ist übrigens ganz und gar fiktiv, könnte sich aber wohl so abgespielt haben. Und die Sache mit der Spucke – die meine ich ganz ernst!

Festhalten – Loslassen

„Pass auf, dass du nicht fällst, Fabian, halt dich fest!“ Fabian, etwa fünf Jahre alt, balancierte auf einem breiten Balken auf dem Kinderspielplatz. Er wirkte ganz zufrieden. Nicht so seine Mutter: „Guck, wo du hintrittst!“ Fabian, eben noch sicher unterwegs, drehte sich irritiert nach seiner ununterbrochen herumplärrenden Mutter um, verpasste den nächsten Schritt und fiel vom Balken. Sein Gesicht landete im weichen Sand, doch bis ihn seine aufgeregt lamentierende Mutter daran hinderte, sich alleine hochzurappeln, weinte er nicht. Erst, als sie ihn aus dem Sand gezogen und auf ein Bänkchen verfrachtet hatte, wo sie ihm den Sand abklopfte, begann er zu jammern. Wahrscheinlich wusste er, was nun kommen würde: Frau Mama, wohlmeinend vom Scheitel bis zur Sohle, zückte ein Taschentuch und feuchtete es an – mit Spucke. Zeit zum Eingreifen!

Spielplatz in Travemünde

Spielplatz für kleine Piraten in Travemünde

„Wenn Sie das machen, zeige ich Sie beim Jugendamt an!“, sagte ich laut und energisch. „Was?“, fragte sie und sah mich mit einem breiten „Hääää?“ im Gesicht an. „Es ist mein Ernst: Wenn Sie jetzt Ihrem Sohn Ihren Sabber ins Gesicht reiben, zeige ich Sie an. Das ist Kindesmisshandlung! Lassen Sie ihn sofort los und schicken Sie ihn wieder auf den Balken – das bekommt ihm besser als diese eklige Speichelputzerei!“

Fabian hatte aufgehört zu schluchzen und sah neugierig von seiner Mutter zu mir. Offenbar war er es nicht gewohnt, dass jemand nicht mit ihm, sondern mit seiner Mutter schimpfte. Weil die mich immer noch fassungslos anstarrte und dabei wie eine gestrandete Scholle nach Luft schnappte, ergriff er seine Chance und ging spielen – nicht auf dem Balken, aber auf der Rutsche. Ohne Zweifel, der kleine Kerl hatte Mumm. Seine Mutter hingegen meinte, sich empören zu müssen. „Ja hören Sie mal, was geht denn Sie das an?“ Ich zuckte die Schultern. „Vielleicht nichts. Aber würden Sie mich das auch fragen, wenn ich Sie daran gehindert hätte, Ihrem Sohne eine runterzuhauen?“ „Natürlich nicht! Aber das ist doch etwas ganz Anderes!“ Ich schüttelte den Kopf. „Ist es nicht. Ich habe die Spucke eines anderen noch weniger gern in meinem Gesicht als seine Hand. Das mag Geschmacksache sein. Aber gut gemeint ist in diesem Fall extrem schlecht gemacht.“ Sie wirkte nachdenklich, aber nur drei Sekunden lang. Dann brüllte sie unvermittelt los: „Pass auf, Fabian – halt dich fest!“ Vor Schreck wäre der Junge fast von der Rutsche gekippt.