Die Überraschung

Manchmal macht es Spaß, aus einem Set von fünf vorgegebenen Worten eine Geschichte zu schreiben. Unsere Grundlage lautete: Fenster, Stolz, Gold, Kellner, unbeeindruckt

Die Überraschung

Unbeeindruckt vom Schneegestöber sah Ulrike mit leerem Blick aus dem Fenster. Sie hätte genauso gut eine Betonwand oder eine Vogelspinne anstarren können, so weit weg war sie mit ihren Gedanken. In ihrem Kopf kreisten immer noch die Geschehnisse des gestrigen Abends: Das schöne Restaurant, die festliche Kleidung, der Kellner, der ihr galant den Mantel abgenommen hatte. Und natürlich Peter, der ihr ganz gentlemanlike den Arm geboten und sie zu ihrem Tisch geführt hatte. Dabei hatte er sie angesehen mit diesem besonderen Blick, einer Mischung aus Stolz und Liebe. Wenn dieser Blick sie traf, fühlte sie sich immer als etwas ganz Besonderes.

Sie war aufgeregt gewesen. Etwas Wichtiges lag in der Luft, das spürte sie. Ob er sie endlich fragen würde, ob sie ihn heiraten wollte? Schließlich wohnten sie jetzt schon drei Jahre zusammen. Die Art, wie er sie ansah, verhieß etwas Gutes, so schaute er immer, wenn er eine Überraschung für sie hatte. Oder wenn er etwas ausgefressen hat, flüsterte der ewige Zweifler in ihrem Ohr. Doch sie schob ihn beiseite – heute nicht. Heute würde es passieren, das spürte sie. Ob er dabei auf die Knie gehen würde? Fast schon spürte sie einen imaginären Ring aus kühlem Gold an ihrem Finger – Weißgold mit einem glitzernden Stein.

„Ich habe es getan, Ulli“, hörte sie ihren Freund da sagen. „Ich habe uns was gekauft!“ „Ringe?“, platzte es aus Ulrike heraus und er wirkte verblüfft. „Ringe? Ääähh, ne, keine Ringe. Möchtest du einen? Dann schenke ich dir einen zu Weihnachten, dann weiß ich schon mal was. Aber heute habe ich uns was Besseres gekauft!“ Er hob sein Glas und strahlte sie an. „Was Besseres?“, fragte Ulrike zögernd. „Was denn?“ „Einen Hühnerstall!“, verkündete Peter voller Stolz und so laut, dass einige der anderen Gäste sich nach ihm umdrehten. „Einen Stall mit fünf Hennen. Sowas wollte ich schon immer mal haben. Nach Weihnachten wird er geliefert.“ Ulrike nahm es zur Kenntnis.

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Der Schatz in der Pflanze

Diese kleine Geschichte ist in Teilen basiert auf einer Aufgabe im Workshop (Ihr findet einen Schatz in eurer Topfpflanze), der andere Teil ist autobiographisch. Ich habe nämlich mal versucht, Sukkulenten zu züchten – mit den unten beschriebenen Erfolgen.

Der Schatz in der Pflanze

Die blöde Sukkulente will schon wieder eingehen. Seit zwei Jahren bemühe ich mich darum, Sukkulenten zu züchten. Heraus kommt immer nur ein tabakähnlicher Bröselkram. Doch immer, wenn ich mich gerade dazu durchgerungen habe, das Elend zu entsorgen, kommen wieder einige grüne Triebe und ich gebe der Sache nochmal eine Chance. Es ist doch verrückt: Diese Dinger wachsen auf Steinen und in Wüsten, wuchern in Gärten und Kübeln. Nur bei mir passt ihnen irgendetwas nicht und sie verweigern die Zusammenarbeit. Aber jetzt ist Schluss! Ich werde das jetzt weg und kaufe mir morgen ein Alpenveilchen.

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Bild zur Verfügung gestellt von Pixabay

Mit Schwung kippe ich den Inhalt meines grünen Blumentopfes in den Mülleimer. Als ich den gerade zuhauen will, sehe ich inmitten der brauen Erde etwas glitzern. Ich tauche hinab ins Universum meines Hausmülls – wie gut, dass ich das nicht in die Biotonne geschmissen habe. Meine Finger finden in all dem Gekrümel etwas Festes und zu meiner großen Überraschung ziehe ich einen goldenen Ring mit allerhand Blingbling daran aus dem Müll. So ein richtig dickes Teil wie aus den Kronjuwelen der Lisbeth Battenberg, nur in dreckig.

Fassungslos betrachte ich meinen Fund. Ist das der Grund, warum meine Sukkulentenzucht gescheitert ist? Und noch viel wichtiger, wie kommt der Ring in meinen Blumentopf? Will mir jemand etwas sagen? Hat etwa der komische Vogel, den ich vor zwei Jahren aus einer Jazzbar abgeschleppt habe, irgendwelche ernst-romantischen Absichten mir gegenüber gehabt? Zeitlich käme das mit der Sukkulentenpflanzung in etwa hin. Aber nein, der Typ hatte nie im Leben einen Ring in der Tasche, der war total pleite und so romantisch wie eine Salatgurke gewesen.

Was dann? Lebte auf meiner Fensterbank ein Zwerg, der aus mir Aschenputtel unbedingt eine Prinzessin machen wollte? Hatte der mit seiner winzigen Schaufel … Nein, den weiteren Gedanken verbiete ich mir. Ich bin zweifellos eine schlechte Gärtnerin, aber deshalb doch nicht völlig verblödet.

Ich wasche das Schmuckstück in meiner Spüle. Vorsichtig löse ich den Dreck aus den Fassungen der Edelsteine. In meinen Ohren höre ich die Stimme der Expertin von „Bares für Rares“ – die mit dem komischen Namen. „Müsste dringend gereinigt werden.“ Ach ne, nicht möglich, darauf wäre ich gar nicht gekommen. Ich schiebe meine Gleitsichtbrille zurecht und schalte das Licht über dem Herd ein, um das Schmuckstück genauer zu untersuchen. Ein dicker blauer Glitzerstein in der Mitte, kleinere helle Steinchen drumherum. „Hoch aufgebaut“, tönt die Expertin in meinem Kopf. Ich suche nach einer Punze und finde stattdessen eine Gravur: Ilona und Wilfried. Na toll, von mir steht da mal wieder nichts. Ohne Zweifel, irgendwer, wahrscheinlich diese Ilona, hat diesen Ring verloren. Wie er in meine Blumenerde gekommen ist, erschließt sich mir zwar nicht, aber das geht mich auch nichts an.

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Nach ein wenig Grübelei entschließe ich mich zur Ehrlichkeit. Der Ring gehört mir nicht und Ilona vermisst ihn vielleicht. Ich mache Fotos für Social Media – wer vermisst diesen Ring? Bitte teilen, teilen, teilen! Dann bringe ich ihn zum Fundamt. Wenn Ilona oder Wilfried sich melden, sollen sie ihn sich dort abholen. Und wenn sich keiner meldet, gehört er ganz offiziell mir. Dann gehe ich damit zu „Bares für Rares“ und erzähle dort von meinem Unglück mit den Sukkulenten. Wer weiß, vielleicht hat da ja jemand einen Tipp für mich.

Späte Gerechtigkeit

Der alte Klamottenladen hat geschlossen. Endlich, denkt Tanja, als sie die Straße ihres Heimatortes entlangläuft. In diesem Geschäft hat es schon seit mindestens 10 Jahren nichts Modernes mehr gegeben, es hat sie immer gewundert, wie dieser Saftladen überleben konnte.

Sie lässt ihren Blick über die heruntergekommene Fassade des Hauses schweifen, bemerkt das verblichene alte Schild und die dreckigen Fenster. Armselig sieht das aus, schmuddelig und aus der Zeit gefallen.

Wäre es ein anderes Geschäft, würde es Tanja vielleicht ein wenig leid darum tun. Eigentlich mag sie kleine Läden und sie läuft auch nicht jeder Mode hinterher. Auch hängt sie an ihrem alten Dorf und möchte eigentlich keinen Leerstand direkt hier am Marktplatz. Doch dieses alte Textilgeschäft mochte sie noch nie. Auch nicht, als es noch gut lief und das erste Haus am Platze war. Denn der Inhaber war schon immer unglaublich arrogant gewesen. Er hatte geglaubt, dass dieser kleine Dorfladen ihn über den Rest der Einheimischen erhob und ihn zum Patriarchen des Dorfes machte.

„Ich weiß nicht, ob wir hier etwas für Sie haben“, hatte er zu Tanjas Mutter gesagt, die mit ihr an der Hand den Laden betreten hatte. „Wir haben hier eher hochwertige Ware.“ Und die Mutter hatte diese Unverschämtheit hingenommen, geschluckt und den Laden wieder verlassen. Denn Teures konnten sie sich selten leisten, sie gehörten zu den kleinen Leuten. Das hatte Tanjas Mutter ihr damals erklärt, und die hatte ihre Jugend damit verbracht, diesen Laden zu hassen und dem Inhaber nachts Müll in den Garten zu schmeißen. Das hatte er sich redlich verdient, genau wie den langsamen Niedergang seines Geschäftes in den letzten Jahren.

Tanja wirft einen letzten Blick auf das „zu vermieten“-Schild in der Tür und lächelte. Sie ist zufrieden.

Kraft

Ich habe vor einer Weile einen kleinen Workshop gemacht, in dem es um Tiere ging. Sicht auf das Tier, Sicht des Tieres auf den Menschen – solche Perspektivwechsel machen immer viel Spaß. Die Schreibaufgabe, die wir dieses Mal in Blitzgeschwindigkeit – ich glaube, es waren 20 Minuten – bearbeiten sollten, hatte mit den Bildern in der berühmten Höhle von Lascaux zu tun: Welchen Blick hatte wohl der Maler, der vor vielen Jahren die Tiere auf den Stein malte? Was hat er gedacht, während er dort malte?

Vorbemerkung: Ich habe keine Ahnung von Höhlenmalerei oder den Menschen, die in dieser Zeit lebten. Kann sein, dass dieser Gedankengang völliger Käse ist. Dann sei es so.

Kraft!

Kraft. Was ich ausdrücken muss, ist pure Kraft. Wie mache ich das sichtbar? Schwarz ist zu dunkel, Ocker zu hell. Ihre Kraft muss leuchten.

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Bild aus den Wikipedia Commons, Prof saxx, gemeinfrei

Sie sind so viel stärker als wir. Schon ein halb ausgewachsenes Tier rennt unsereinen einfach so über den Haufen, einer von uns alleine kann es mit keinem von ihnen aufnehmen. Eigentlich ist es eine Schande, dass wir sie töten. Aber wir können nicht anders. Denn wir sind schwach und brauchen ihre Kraft.

Wenn sie in der Herde laufen, bebt der Boden und der Staub über der Steppe verfinstert den Himmel. Ich weiß noch, wie viel Angst ich als Kind hatte, als ich das erste Mal eine Herde rennender Büffel sah und hörte. Meine Mutter nahm mich hoch, damit ich mich sicher fühlen und besser sehen konnte. Sie erklärte mir, dass wir nur durch die Kraft dieser Tiere leben würden, denn ihr Fleisch hält uns am Leben und ihre Haut schützt uns und hält uns warm. Kein Jäger kann so viele kleine Tiere fangen, dass es die Büffel ersetzt. In dem Jahr nach dem großen Steinschlag, nachdem die Herde ausblieb, haben viele von uns den Winter nicht überlebt und wir mussten uns eine neue Höhle suchen. Diese Höhle. Hier haben wir es bislang gut gehabt, es gibt Wasser, die Frauen finden Beeren, die Kinder sind sicher und es gibt genug, was wir jagen können. Kleine Tiere und große Tiere. Und genügend Büffel ziehen auf ihrer Wanderung an uns vorbei. Wohin sie wohl gehen?

Niemand weiß, woher die Büffel kommen und wohin sie ziehen. Niemand, der ihnen folgte, kam jemals zurück. Sie verschwanden, so wie der weiße Büffel, den unser Urahn einst sah, im Nebel verschwand und nie mehr gesehen wurde. Vielleicht sind sie gestorben, die jungen Männer, die auszogen, um zu sehen, wohin die Büffel gehen. Oder sie haben andere Orte gefunden, an denen sie leben wollten, so wir auch wir nach unserer langen Wanderung diesen Ort gefunden haben. Es soll viele Menschen geben hier auf der Erde, vielleicht so viele wie die Fische im Teich oder Büffel in einer Herde. Man weiß nicht, wie viele es sind. Niemand kann sie zählen, auch wenn man weiß, dass sie da sind. Wir haben auf unserer Wanderung ihre Spuren gesehen und ein paar von ihnen getroffen. Es ist gut, Menschen zu treffen, aber es ist nicht gut, wenn zu viele an einem Ort leben.

Wir haben es gut hier, wo wir jetzt sind. Das verdanken wir den Büffeln. Sie geben uns die Kraft zum Leben und ihr Fernbleiben, damals in diesem schicksalhaften Jahr, zeigte uns, dass wir uns bewegen mussten. Fort von dort, wo unsere Kinder hungerten, hin zu einem besseren Ort. Unser Stamm ist gewachsen in den letzten Jahren. Die Kinder sind gesund und andere Stämme verbinden sich gerne mit uns. Zwei junge Frauen sind im letzten Jahr zu uns gekommen, und eine unserer Töchter fand einen guten Mann, dem sie in seine Höhle folgte. Bald werden neue Kinder geboren werden. Die Büffel werden über sie wachen, auch meine Büffel, die ich hier an die Wände bringe. Meine Farben spiegeln ihre Kraft, ihre Wärme, all das, was sie für uns sind. Sie sind unser Totem, denn wir sind der Stamm des Büffels.

Ihr größter Wunsch

Ein Märchen sollten wir schreiben im Schreibworkshop. Darin sollte einer unserer eigenen Glücksmomente vorkommen. Nun denn – ist klar, dass meine Prinzessin nicht ganz dürre ist, oder?

Ihr größter Wunsch

Es war einmal eine pummelige Prinzessin, die lebte in einem wohlgeordneten Land. Dort war alles gut für sie und sie hatte nicht zu klagen. Sie wohnte in einem Schloss mit Garten, hatte edle Speisen und schöne Kleider. Ein Dutzend Hofdamen waren um sie herum und gaben acht, dass sie sich nicht langweilte. Sie gingen mit ihr spazieren, lasen ihr vor, spielten heitere Spiele mit ihr oder sangen. Ihr heiteres Geplaudere ließ die Tage wie im Flug vergehen.

War die Prinzessin müde, brachte man sie in ihre Kemenate, wo eine Zofe ihr die Kleider abnahm, eine andere ihr den vorgewärmten Schlafanzug brachte und eine dritte ihr die Haare kämmte und unter die Nachmütze schob. Dann sangen die drei Mädchen mit ihren engelsgleichen Stimmen so lange, bis die Prinzessin eingeschlafen war. Der gleiche Gesang war es, der sie morgens weckte.

Die heitere Schar der Hofdamen

An einem Tag im Mai, als die Prinzessin gerade von ihren Damen mit Blumen bekränzt wurde, kam ein altes Weiblein des Weges. Es ging gebeugt und hatte sichtlich zu kämpfen, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Prinzessin, die von guter Art war, erhob sich von ihrem Thron und ging zu der alten Frau.

„Kommt mit mir, gute Frau, und ruht euch ein wenig aus“, sagte sie und stützte die Greisin mit ihrem rosigen Arm. Die Hofdamen waren entsetzt: „Aber Prinzessin, lasst doch die Alte. Seht ihr nicht, wie schmutzig sie ist?“ Und sie hat hier in den königlichen Gärten doch gar nichts zu suchen!“

Die freundliche Prinzessin aber hörte nicht auf sie, half der Alten auf ihren eigenen Lehnstuhl und labte sie mit Früchten und Käsewürfeln. Auch einen Kelch mit Zitronenbrause bekam die alte Frau serviert, und weil sie in ihrem fadenscheinigen Gewand fror, legte die Prinzessin ihr ihre eigene rosa Stola um die mageren Schultern.

„Ich danke dir, mein Kind. Du bist ein gutes Mädchen.“ Die Prinzessin lächelte nur und bot der Alten ein warmes Lager für die Nacht an. Das lehnte diese aber ab. „Hab Dank, mein Kind, das ist lieb gemeint. Ich habe aber noch Hund, Katz und Esel in meiner Hütte, um die ich mich kümmern muss. Deshalb will ich gleich weitergehen. Du aber nimm dieses Fläschchen von mir. Es enthält einem Kräutertrank. Wenn du den trinkst, wird dein größter Wunsch in Erfüllung gehen.“ Mit diesen Worten erhob die Greisin sich ächzend, nickte den Umstehenden zu und ging langsam, aber stetig über den königlichen Rasen. Obwohl die Prinzessin ihr mit den Augen folgte, hätte sie nicht sagen können, wohin sie schließlich verschwand.

„Die war ja merkwürdig“, fand eine der Hofdamen und eine andere meinte, dass es ja wohl unmöglich sei, dass so eine alte, schmutzige und stinkende Frau Wünsche erfüllen könnte. „Gießt das Gift lieber weg“, empfahlen sie der Prinzessin und ein Diener kam, um ihr das Fläschchen abzunehmen. Die Prinzessin hielt es jedoch fest in ihrer kleinen Hand. Sie war sehr nachdenklich.

„Wisst ihr was, Mädchen? Ich weiß gar nicht genau, was ich mir wünsche. Ich habe doch alles.“ Da wurden die Hofdamen munter und machten eine Menge Vorschläge: „Ein rosa Kleid!“, rief eine und die nächste „ein großes Diadem mit Brillanten, so groß wie Enteneier“. „Einen Prinzen hoch zu Pferde“, schlug eine vor“, ein andere rief „eine bessere Figur“, und die jüngste zwitscherte „rote Haare wären doch toll!“

Ihr größter Wunsch

Die Prinzessin saß da und betrachtete das Fläschchen. Ihre Hofdamen standen um sie herum und auch die Zofen und Diener liefen herbei, um zu helfen. Alle wollten wie sie beraten und redeten deshalb auf sie ein. Das Fläschchen, klein und unschuldig, schien zu lächeln und die Prinzessin dachte plötzlich: Es wird wissen, was mein größter Wunsch ist.

Sie zog den Stöpsel aus der Flasche, schnupperte kurz und trank dann vertrauensvoll die aromatische Essenz, die nach Kräutern, Mineralien und Beeren schmeckte. Der Hofstaat verfolgte ihr Tun mit ängstlichem Blick. Dann machte es Poff und die Prinzessin verschwand.

Sie tauchte auf einer Düne am Strand einer Insel wieder auf. Um sie herum waren kaum Menschen, und die, die da waren, nahmen keinerlei Notiz von ihr. Es gab keine Hofdamen, keine Diener, keine Zofen. In der Ferne sah sie ein kleines reetgedecktes Häuschen und wusste, dass sie dort schlafen konnte und das Nötigste vorfinden würde.

Sie blickte aufs Meer und was sie sah, gefiel ihr. Sie war noch nie an einem Strand gewesen. Dann aber horchte sie auf – einmal, zweimal, dreimal. Die einzigen Stimmen, die sie hörte, waren die der Möwen am Himmel. Es sangen nur der Wind und das Meer. Niemand redete, es gab keine Lieder. Sie setzte sich zurecht und atmete tief aus – Stille. Das war das, was sie sich wünschte, schon immer gewünscht hatte. Heute Abend würde niemand sie bedienen, niemand würde sie in den Schlaf singen. Sie war allein mit ihren Gedanken und genoss es aus vollem Herzen.

Nicht nachgedacht

Mal wieder durfte ich mich in ein Tier verwandeln. Das Problem dieses Mal: ich hatte zu wenig Zeit, um ordentlich darüber nachzudenken, und hadere deshalb mit meiner Entscheidung. Und das aus gutem Grund!

Das Reitschulpferd

Boah, diese dumme Trulla! Sitzt auf mir wie ein Sack Kartoffeln, schwankt wie ein Fähnchen im Wind und beschwert sich noch, dass es ihr nicht geschmeidig genug geht. Ist doch nicht zu fassen – dafür bin ich nicht zum Pferd geworden!

Friesenpferd mit Reiterin

„Ein edles schwarzes Friesenpferd“, hatte ich gesagt, als die Hexe mich nach meinem Verwandlungswunsch gefragt hatte. Wie blöde kann man denn nur sein? Warum hatte ich nicht Zebra gesagt, oder Dülmener Wildpferd? Nein, ich musste mich unbedingt für ein domestiziertes Zuchttier entscheiden. Gut, dass mir nicht Milchkuh als erstes eingefallen ist, oder Legehenne. Jetzt bin ich ein Reittier in einer Reitschule, und auf mir hockt die 17-jährige, hoffnungslos untalentierte Pamela und heult rum. Ich geb‘ der gleich ‘nen Grund zum Heulen!

So, einfach mal angaloppieren. Galloppel, gallopel – und jetzt bremsen. Huch, da liegt sie – so ein Pech aber auch. Der Reitlehrer schimpft, anscheinend hat Pamela was falsch gemacht. Ja, festhalten wäre halt gut gewesen. Er scheucht sie wieder rauf – aufstehen und weitermachen ist seine Devise. Am Zaun streife ich sie ab. Eigentlich ganz lustig. Trotzdem bedaure ich, dass ich mir kein anderes Tier ausgesucht habe. Eine Forelle vielleicht, die fröhlich in einem Teich wohnt und ab und zu die umliegenden Bäche erkundet. Wäre nur doof, wenn man in blau auf irgendeinem Teller landet. Brunnenkröte wäre auch hübsch gewesen, die isst zumindest keiner. Oder ein Vogel, fröhlich flatternd im kalten Wind, da kriegt man was zu sehen. Oder – auch schön – ein Meerschweinchen. Die sind niedlich, kriegen Gurke und dürfen ununterbrochen essen. Das, was sie oben reinstopfen, kacken sie unten wieder aus. Stopfmagen nennt sich das. Das kommt mir ja eigentlich entgegen. Aber ich musste mich ja für einen Pferdemagen entscheiden. Immerhin werde ich regelmäßig gebürstet, wenngleich ich glaube, dass Pamela nach dieser Unterrichtseinheit wenig Lust darauf haben wird. Ob ich sie einmal in das Matschloch im hinteren Teil der Koppel schmeißen sollte? Man muss ja das beste draus machen, aus so einem Pferdeleben. Einfach nochmal angaloppieren … Fliiiieg, Pamela, flieg!

Visibile – alles ist möglich

Im Schreibworkshop ging es mal wieder märchenhaft zu. Die Aufgabe war etwas merkwürdig: Man sollte ein Fläschchen finden mit der Aufschrift „Visibile“, dass den Finder sichtbarer machen könne. Mir fiel dazu nichts ein, und da es wie immer sehr schnell gehen musste, modifizierte ich die enthaltene Substanz etwas und ließ sie das Gegenteil bewirken. Als Model diente mir meine Freundin Maike, die in einem Labor arbeitet und dort kürzlich einmal aufgeräumt hat. Auch sie fand abenteuerliche Altbestände, wenngleich nichts ganz so Wundersames dabei war wie in dieser kleinen Geschichte.

Visibile

Geheimnisvolles Fläschchen

Maria betrachtete das Fläschchen mit der merkwürdigen Aufschrift nachdenklich. Das Etikett war kaum lesbar, „Visibile“ meinte sie entziffern zu können. Es sah uralt aus. In einer anderen Umgebung hätte sie einfach den altmodischen Stöpsel aus der Flasche gezogen und einmal an dem Inhalt  geschnuppert, aber hier, beim Aufräumen des Chemikalienschrankes im biotechnischen Labor der Universität, schien ihr das nicht angeraten. Schon gestern war sie sich vorgekommen wie das personifizierte Giftstoffräumkommando, mehr als eine Dose oder Flasche hatte sie in einen sicheren, fest verschraubten Behälter gelegt und nach einem bürokratischen, festgelegten Verfahren zur Entsorgung gegeben. Und nur als das hier – Visibile.

Ihr Fund passte so gar nicht zu den ansonsten hier vorrätigen Stoffen. Die anderen Substanzen waren in nüchternen, rein praktischen Verpackungen. Dieses hier sah aus wie ein altmodischer Parfümflakon, war aus schwerem, facettiert geschliffenem Glas. Kurz dachte sie an die Professorin, die das Büro am Ende des Ganges hatte. Die roch immer nach einer Mischung aus Uralt-Lavendel und Mottenkugeln, vielleicht war das ihr Parfümflakon. Kurzzeitig war Maria versucht, es ihr einfach auf den Schreibtisch zu stellen – dann wäre sie das Problem los gewesen. Aber das war nicht ihre Art zu arbeiten. Sie sah in sämtlichen Datenbanken nach, blieb jedoch erfolglos. Also entschloss sie sich leise seufzend, noch einmal bei Jochen anzurufen, dem Spezialisten für merkwürdige Fälle. Er war es auch, der die Giftstoffe von ihr übernahm und sie fachmännisch entsorgte. Böse Zungen behaupteten, er würde die Flaschen einfach leertrinken. Das würde sein merkwürdiges Äußeres gewiss erklären, erschien Maria aber doch unwahrscheinlich.

Sie griff also zum Telefonhörer und schilderte Jochen ihren Fund. Zu ihrer Überraschung schien er sofort zu wissen, um was es sich handelte. „Das hatte ich schon vermisst“, erklärte er. „Warte, ich hole es ab.“ Nur wenige Minuten später stand der über zwei Meter lange Schlaks mit der Zottelfrisur und den düsteren Augenbrauen vor ihr. „Willst du wissen, was das ist?“, fragte er, und Maria nickte neugierig. „Komm, dafür müssen wir unter uns sein!“ Er zog sie ganz ungalant am Ärmel hinter sich her. Die Augen der Kolleginnen folgten ihnen amüsiert, denn so eifrig sah man den ansonsten immer etwas verlangsamt wirkenden Jochen selten. Er zog sie in eine Besenkammer. „Du, Jochen, halt mal, was soll das denn werden hier?“, protestierte Maria, aber er hielt den Finger an die Lippen. „Psssst, das ist geheim! Wir machen uns jetzt eine lustige Stunde!“ Geschwind öffnete er die Flasche und ehe Maria sich versah, tropfte er ihr eine winzige Menge der öligen Flüssigkeit mitten auf den Scheitel. Das Gleiche tat er bei sich selbst. Zu ihrer Verblüffung verschwand der große Mann in der Sekunde, in der „Visibile“ ihn berührte. „Häää, was ist das denn?“, fragte Maria verblüfft, und Jochen lachte. „Cool, oder? Eigentlich soll das Zeug einen zum Leuchten bringen, aber wenn man es mit Olivenöl, Arsen, Schwefel und Manukka-Honig mischt, dreht man die Wirkung quasi um und es macht unsichtbar. Ist ein altes Familienrezept, wir benutzen seit dreihundert Jahren diese Flasche und füllen immer nur nach. Und nun komm, lass uns etwas Schabernack machen!“ Jochen huschte durch die Labore und Büros und machte Unsinn. Hier plapperte er in ein Telefongespräch, dort füllte er einen Farbstoff in eine Versuchsanordnung, und in der Personalabteilung änderte er Marias Akte dergestalt ab, dass man ihr wohl demnächst den Titel „Heldin der Arbeit“ verleihen würde. Maria war hin- und hergerissen zwischen Fremdscham und Faszination, und irgendwann ließ sie sich hinreißen und füllte den Inhalt von Hildegards Locher in den automatischen Regenschirm von Doktor Wilmenroth, den sie danach sorgfältig wieder schloss. Niemals hätte sie gedacht, dass unsichtbar zu sein so einen Spaß machen konnte. Und während sie herumalberten, merkte Maria, wie zwischen ihr und Jochen ein erstes zartes Band wuchs. Sie waren Partners in Crime, und das schien ihr zumindest eine gute Basis für eine tiefe Freundschaft zu sein. 

Der weite Weg zum Elternabend

Im Schreibworkshop sollten wir das Stilmittel der Übertreibung nutzen. Nun, Übertreiben konnte ich schon immer gut, besonders, wenn es ums Essen oder Shoppen geht. Es war aber auch noch der erste Satz vorgegeben, sodass meine Gedanken andere Wege gingen. 20 Minuten waren Zeit, das heißt, ich hatte es eilig!

Der weite Weg zum Elternabend

Dass ich heute hier bin, hatte ich bis eben selbst nicht mehr erwartet. Es war nicht nur das Bein, dass ich mir am Morgen bei einem Sturz über den Einkaufstrolley meiner Nachbarin Frau Lösekann gebrochen habe. So einen glatten Schienbeinbruch steckt eine echte Niedersächsin in der Regel ganz gut weg, sind wir ja sturmfest und erdverwachsen. Auch der mehr als merkwürdige Krankenhausaufenthalt schreckte mich nicht – ich diente einer Gruppe von Medizinstudentin als Testkörper für ihre ersten Gipsversuche. Das war für mich völlig in Ordnung, irgendwie müssen diese jungen Leute ihr Handwerk ja lernen. Dass einer jedoch anfing zu schreien, als ich mich bewegte und etwas zu ihm sagte, war schon ein wenig skurril. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann auf dem Klo gewesen war, als man mich vorgestellt und die Aufgabe erklärt hatte. Er war also davon ausgegangen, es mit einer Leiche zu tun zu haben, rannte schreiend zum Behandlungszimmer hinaus und polterte über den Rollstuhl, den ein netter Pfleger soeben für mich aus dem Lager geholt hatte. Er fiel auf den Kopf, besser gesagt auf die Nase, und ich hegte die vage Hoffnung, dass ihn das ein wenig wieder zurechtrütteln würde.

Rollstuhl

All dies genügte jedoch nicht, um diesen Tag zu einem der merkwürdigsten meines Lebens zu machen. Es war der Rollstuhl, den man mir geholt hatte, der so richtig Schwung in den Tag brachte. Denn auch hier hatte man mich wieder gebeten, als Testperson zu fungieren: Der Stuhl fuhr elektrisch und ließ sich durch Gedanken lenken. Meine Gedanken. Man hatte mir wohl angesehen, dass ich mich für jeden technischen Blödsinn begeistern kann. Außerdem wurde die Teilnahme an dem Test gut bezahlt. Man pappte mir also einen Saugnapf mit einer winzigen Antenne an jede Schläfe, und dann ging es los: Zuerst nach Hause. Das ging prima. Küche, Bad, der Stuhl erriet sofort, wo ich hin wollte, und brachte mich zuverlässig ans Ziel. Dann fuhr ich einkaufen – das ging auch gut. Aus irgendeinem Grund hielt der Rollstuhl vor dem Süßwarenregal und startete erst wieder, als ich mir eine Schachtel Weinbrandbohnen genommen hatte. Rein aus Neugier beschloss ich also, zum Elternabend der Klasse 2c zu fahren – meine jüngste Tochter ist dort Schülerin. Eigentlich hasse ich Elternabende und ein Beinbruch wäre eine gute Möglichkeit gewesen, meinen Mann dorthin zu schicken. Aber mein Spieltrieb siegte und ich fuhr mehr als pünktlich los. Und das war gut so. Denn der Stuhl ahnte, dass ich eigentlich keine Lust auf einen faden Abend unter Helikoptereltern hatte. Er fuhr mich zunächst zur Eisdiele – na gut, das muss man mir nicht zweimal sagen. Dann donnerte er zweimal in einem Affenzahn mit mir am Schultor vorbei, schwenkte am Südfriedhof ein, fuhr jeden kleinen Weg einmal ab und hielt schließlich an einer Tanke, wo ich mir ein Bier gönnte. Und dann noch eines. Derartig entspannt, schlich sich der Elternabend wieder in mein Bewusstsein und endlich klappte es: Nach einem Umweg über die Zeil, einem Schlenker durch die Fressgass und einem letzten Bier kam ich schließlich an, gerade als Frau Rubenhorst-Plöttkin die Veranstaltung schloss und sich noch mit der Mutter von Kimberly-Sophie und dem Vater von Paul-Korbinian zu Einzelgesprächen zurückzog. So ein Pech aber auch.

Chatbotten

Man stelle sich Folgendes vor: Hubert M. hat es eilig. Er hätte den Geburtstag seiner Frau beinahe vergessen und möchte nun auf die Schnelle noch ein Geschenk besorgen. Seine Holde klagt seit einer Weile über ihren verblichenen Lampenschirm, diesem Kummer möchte Hubert abhelfen. Doch der Webshop, der das ersehnte Stück per Express liefern soll, ist nicht erreichbar. Hubert lässt sich deshalb auf ein Gespräch mit einem Chatbot ein.

1 Chatbot

Dir, na, die sind ja modern hier. Ich lass mich doch nicht von jeder Lisa duzen!

2 Chatbot

Du, Herr Meier, sagt sie. Na, das ist ja ein Benehmen. Und lesen kann sie auch nicht.

3 Chatbot

Und neugierig ist sie auch noch. Aber schadet ja nichts.

4 Chatbot

Hä, ist die deppert?

5 Chatbot

Stöbern, stöbern, na, die ist ja gut, die Lisa. Erst mal können vor Lachen! Das Mädel ist bestimmt Studentin, angewandte Anemonenphilosophie oder so.

6 Chatbot

Neeiiin! Wie dumm ist die denn?7 Chatbot

Die Königin und die Konferenz

Eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Die Eiskönigin kommentiert die Weltklimakonferenz. Sagen wir mal so: Sie ist nicht zufrieden.

Wer nicht hören will, muss fühlen

So. Nun streiten sie also wieder. Lauter hochbezahlte Menschen aus verschiedensten Ländern, angeblich die Elite. Sollte man zumindest annehmen – wenn man sein Land auf einer internationalen Konferenz vertreten darf, sollte man doch zur Elite gehören, oder?

Eiskönigin

Leider hat man oft das Gefühl, dass die wichtigsten Themen von den dümmsten Menschen diskutiert werden. Vielleicht sieht nicht jeder die Erderwärmung so kritisch wie ich – mir schmilzt mein Zuhause ja buchstäblich unter dem Arsch weg, hier und da sieht man schon braune Erde durchkommen, wo hundert Jahre lang herrlich glitzerndes, weißes Eis war. Aber auch, wenn man nicht so direkt betroffen ist, sollte einem doch klar sein, dass es so wie jetzt nicht weiter gehen kann. Aber nein, der handelsübliche, von der Autoindustrie geschmierte europäische Durchschnittspolitiker fürchtet um seine Nebeneinnahmen und sein tägliches Schnitzel und gibt sich hartleibig. Vollmundige Bekenntnisse auf Pressekonferenzen, mehr ist mal wieder nicht dabei rausgekommen. Also gut, wie ihr wollt – muss ich halt mal wieder ein bisschen Wasser schicken. Hab‘ ja genug in meinem Schmelzwasserreservoir. Vielleicht jage ich die Welle dieses Mal die Ruhr herunter – muss sich ja lohnen.

Es sind allerdings nicht nur die Europäer, die mich so ankäsen. Die Nordamerikaner sind genau der gleiche Schlag. Und in anderen Ländern, deren Vertreter furchtbar jammern, könnten sich auch mal an die eigene Nase fassen. Entwicklungshilfen versaufen oder für goldene Wasserhähne im Präsidentenpalast ausgeben ist wirklich nicht hilfreich, und auch die Überbevölkerung kommt nicht von ungefähr. Da sind die Deutschen ja vorbildlich, die reproduzieren sich kaum noch. Gut so, diese nörgeligen Gesichter gehen mir ohnehin schon lange auf den Wecker. Sollen sie doch aussterben. Diese Zeitung regt mich heute echt auf. Wenn mir nicht schon so warm wäre, könnte man sie verfeuern.

Draußen schneit es. Kein schöner Pulverschnee, sondern weiches, pappiges Zeug. Ich habe meine Leute angewiesen, trotzdem so viel wie möglich davon aufzufangen und aufzubereiten. Einmal in den Schockfroster, dann in den Eisschredderer und zu feinen Eiskristallen vermahlen. Davon dann reichlich auf das Dach, das isoliert und sieht gut aus. Den Fußboden können sie mir auch gleich damit ausstreuen, diese braunen Flecken überall sehen aus, als wären meine Huskies inkontinent. Unglaublich, um was man sich heute alles kümmern muss – früher musste man nur alle paar Jahre mal am Schloss herumreparieren. Inzwischen ist das ein laufender Prozess, wenn es nicht aussehen soll wie bei den Flodders. Danke, Merkel!