Kohlfahrtszeit ist Regenzeit

Es ist ja schon verrückt, dass man solch eine norddeutsche Kulturveranstaltung wie die traditionelle Kohlfahrt immer gerade in der kalten Jahreszeit machen muss. Allerdings hatten wir bislang – und das sind über 30 Jahre – erst selten richtige Regenkohlfahrten. Nun, der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht …

Angekündigt waren ein paar Schauer. Gut, damit kann man leben. Ausgerüstet mit guten Jacken, Schirmen und festem Schuhwerk macht einem echten Kohlfahrer so ein kleiner Schauer nichts aus. Aber was tut man, wenn aus den vereinzelten Schauern ein stundenlanges Gepladder wird? Nun, man macht … das Gleiche wie sonst auch. Laufen, trinken und komische Spiele spielen. Außerdem haben wir in diesem Jahr die Schirmkröte erfunden, eine Mensch- und Materialformation, bei der man sich zusammendrängelt (die Kleinen in die Mitte) und mithilfe der Schirme so viel Schutz wie möglich aufbaut, damit der Schnaps nicht mehr als nötig verwässert.

Geboßelt wurde natürlich auch, das gehört bei uns ja dazu. Das verlief dieses Mal recht unspektakulär, keiner fiel in den Graben, und auch die Kugel war nie zu matschig, weil man sie immer in einer Pfütze waschen konnte. Wir hatten jedoch das Glück, beim Suchen nach der Kugel mit dem Kraber in einem Graben  einen wohl mal vom Winde verwehten Herrenhut zu finden – ein erstaunlich gut erhaltenes Stück, das von Ute in einer klaren Pfütze gewaschen wurde und dann zum „Trocknen“ auf dem Bollerwagen befestigt wurde. Der Hut würde später am Tag noch richtig zu Ehren kommen.

Ich gehe ja immer gerne mit diesen alten Freunden auf Tour, aber an Tagen wie diesen mag ich meine Leute besonders gerne. Denn trotz des fiesen Wetters war die Laune hervorragend. Keiner mopperte herum, keiner gab den Piesepampel oder musste abgeholt werden. Aus irgendeinem verrückten Grund waren wir sogar länger draußen als sonst, gerade so als könnten wir gar nicht genug bekommen von nassen Füßen und kaputten Schirmen. Der eine oder andere der kleinen Helfer gab nämlich unterwegs den Geist auf – meiner auch. Es ist halt manchmal etwas windig in der norddeutschen Tiefebene …

Und ab und an, ganz selten, hörte es sogar mal auf zu regnen. Immer so für einige Minuten, gerade lange genug, dass wir unsere Schirme zugeklappt und im Bollerwagen verstaut haben. Und dann sah meine klatschnasse Heimat richtig schön aus:

Es war also mal wieder richtig gelungen – allen Wassermassen zum Trotz. Unsere Kohlkönigin hatte die Tour liebevoll organisiert und für den erkrankten Kohlkönig übernahm ein Erstzkönig, der sich den ganzen Nachmittag lautstark immer wieder für irgendwas entschuldigte: „Ich bin hier nur die Aushilfe!“ Ein neues Königspaar wurde auch gefunden und dabei – das muss noch gesagt werden – kam der olle Hut nochmal richtig zur Geltung: Das zweite Strickschwein, früher das Zepter des Königs, ging nämlich verloren, sodass nun der nasse Filzhut als Krönungsutensil herhalten musste. Nun ja – empfindlich darf man bei uns nicht sein, wenn man regieren will 🙂

Zu guter Letzt noch einen großen Dank an Sandra und Harry für die Organisation, Michael für die selbstlose Übernahme des Amten und an Günter und Anita, die uns am Futterstand mit heißen Getränken, Brot, Käse und Wurst versorgten. Was wären wir gewesen ohne euch – nichts weiter als ein Trüppchen begossener Pudel!

Eierkauf 2.0

Endlich geschafft – Feierabend! Und das am Freitag. Die Zeit reicht noch für einen Besuch des Wochenmarktes auf dem Platz am Südbahnhof. Ich will mal wieder was Gutes kochen am Wochenende, also nicht nur Milchreis oder Pfannkuchen, sondern was Richtiges. Essen wie bei Muttern, sozusagen.

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Freudig hüpfe ich aus dem Bus und greife an. Mal gucken, was es so gibt – Fisch vielleicht. Zuerst komme ich aber am Eierstand vorbei, da nehme ich sechs Bio-Eier in der Größe L und versenke die Packung in meinem großen Einkaufsrucksack.

Dann zum Fisch. Das sieht ja immer alles so gut aus, wie es da auf dem weißen, kleingehackten Eis liegt. Alaska-Seelachs – den gab es immer zuhause. Oder Heringe – das war früher ein billiges Essen. Diese Zeiten sind lange vorbei und ich bin unentschlossen. Daher nehme ich nur ein Fischbrötchen für’s Abendessen und schlendere weiter. Am Geflügelstand gibt es Suppenhühner – Huhn im Topf wäre auch mal wieder was. Kurz entschlossen kaufe ich eines. Wahnsinn, was dieses magere kleine Ding kostet. Naja, die Zeiten, in denen Omas Freundin Leni von Loy Suppenhühner in Straußengröße vorbeibrachte, sind halt auch vorbei, in der Stadt gibt es sowas nicht. Dafür passt das Hühnchen auch noch locker in den Rucksack, ebenso wie das Bund Suppengrün, die Möhren und die drei Kohlrabi, die ich noch für meine Suppe kaufe. Jetzt noch eines von den schönen, schweren Bio-Broten und mein Wochenend-Einkauf ist erledigt. Mit etwas Nachdrücken geht sogar der Reißverschluss am Rucksack noch zu.

Ich kaufe noch ein Stück Kuchen. Das geht beim besten Willen nicht mehr in die Tasche, das muss in eines der Einkaufsbeutelchen, die ich immer in der Vordertasche des Rucksacks mit mir herumtrage. Es fühlt sich ein bisschen seifig an, wahrscheinlich muss ich es mal waschen. Jetzt aber schnell in die Bahn und nach Hause, Tee kochen, Kuchen essen.

Die Bahn ist pickepacke voll, ich muss meine Taschen auf den Schoß nehmen, damit neben mir jemand sitzen kann. Irgendwas ist am Bein feucht, wahrscheinlich habe ich meinen Rucksack auf dem Markt irgendwo in eine Pfütze gestellt. Guter Dinge schleppe ich meine Einkäufe heim und mache mich daran, auszupacken. Was dabei komisch ist: Der Rucksack hinterlässt auf der Arbeitsplatte so eine komische, seifige Spur. Am Brot ist nix, aber das Suppengemüse ist auch seifig. Als ich die glibberige Tüte mit dem Suppenhuhn herausziehe, hängt daran eine Eierschale – heiliger Bimbam! Da habe ich doch glatt beim Einschlichten meines Einkaufs und dem gewaltsamen Schließen des Reißverschlusses meine Eier ganz vergessen! Vier Bio-Eier der Größe L haben sich aus der zerstörten Packung geschlichen und ihren gesamten Inhalt in den Bodensatz meines Rucksackes erbrochen. Ich ziehe einen triefenden Regenschirm heraus – wenn ich mir den jetzt versehentlich in den Leib ramme, habe ich wohl einen Eierstich. Taschentücher, Kassenbons, Hustenbonbons, aber zum Glück nicht mein Geldbeutel: Der ist in der Jackentasche.. Unten im Sack glibbert ungerührt eine Eiermasse herum, gewürzt mit Papierfetzchen, Sand und allerlei Unrat.

Ich untersuche meine Jacke – na klar, der Rücken ist , vollgeeiert. Wahrscheinlich habe ich auf dem Weg nach Hause eine Schneckenschleimspur hinter mir hergezogen, die einem Zoologen Rätsel aufgeben würde. Was für eine Schweinerei!

Ich berge die beiden verbliebenen Eichen, tüte mein Huhn sauber um und stopfe den Rucksack, die Jacke und das Einkaufsbeutelchen in die Waschmaschine. Der Schirm darf duschen – eieiei. Trotz dieses Ungemachs muss ich lachen – wie kann man nur so schusselig sein. Kuchen und Tee schmecken trotzdem und aus dem Huhn wird am Samstag eine feine Suppe. Und die beiden letzten Eier – die Überlebenden des großen Schussels – werden am Sonntag besonders feierlich gekocht.

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Nachtrag: Sollte sich jemand über den Titel wundern – Eierkauf 2.0: Es gab vor einigen Jahren schon mal einen Eierkauf. Damals blieb aber alles heil …

Spielsalat zum neuen Jahr

Manchmal machen wir im Schreibworkshop eine Übung, die den schönen Namen „Quickie“ trägt. Dabei gibt es ein Thema und extrem wenig Zeit. Meistens kommt dementsprechend nix dabei heraus. Diese komisch kleine 3-Minuten-Sache aber wurde zumindest fertig. Das Thema lautete: Überall ist anders. Und heraus kam der „Fernsehsalat“.

Natürlich gibt es auch einen Grund, warum ich dieses winzige Stück zum Jahresanfang poste: Wir haben an Silvester mal wieder unser Lieblingsspiel gespielt, „Time’s up“ oder zu Deutsch „Sag’s mir“. Das Spielprinzip ist einfach: Es gibt Zweierteams, die miteinander spielen. In der Originalversion geht es entweder um Filme/Serien oder berühmte Persönlichkeiten – von Alexander dem Großen über Albert Schweizer bis hin zu Helene Fischer. In der ersten Runde werden die gesuchten Begriffe beschrieben – mit so vielen Worten, wie es eben braucht, oder bis die Zeit um ist. In der zweiten Runde wird das gleiche Kartenset verwendet, es darf jedoch nur noch ein Wort benutzt sowie einmal geraten werden. Und in der dritten Runde wird pantomimisch beschrieben – was bei Begriffen wie „Der Doktor und das liebe Vieh“ schon mal schwierig werden kann. Auf jeden Fall ist es eine Riesengaudi und wir frönen der Sache schon einige Jahre.

Da lag aber auch genau unser Problem: Der große Spaß führte zu einem gewissen Frust, weil wir die meisten Karten schon mehrmals gespielt haben. Erweiterungssets gibt es nicht. Wir haben also aus der Not eine Tugend gemacht und uns eigene Karten gebastelt – in fünf Kategorien: Film/Serien, Persönlichkeit, Lieder, Buchtitel und Sehenswürdigkeiten/regionale Spezialitäten. In jugendlichem Übermut haben wir dann alle Karten durcheinandergerührt – man kann sie aber noch an den Farben erkennen. Und, was soll ich sagen – diese Variante ist noch viel besser und beschäftigte uns die ganze Nacht.

Auch hier kam es zu eigenartigen Salaten: aus Juliane Werdings pathetischer „Nacht voll Schatten“ wurde sehr umgangssprachlich „Voll der Nachtschatten“, der pantomimisch mit einer Tomate beschrieben wurde. Der Maler Bob Ross fusionierte mit dem Sänger und Moderator Ross Antony und wurde zu Ross Bob. Und ein Mitspieler las die Karte in der Eile falsch, beschrieb lang und breit Begrenzungsmauern und Parkplätze – und keiner kam auf „Die Mädels vom Immenhof“, die ihre vielen Ponys zum Glück nicht in einem Innenhof gehalten haben. Viele dieser lustigen Missverständnisse führten mal wieder zu einem Feuerwerk an Spaß.

Und ja, natürlich hatten wir auch hier den großen …

Fernsehsalat

„Dalli Dalli!“, rief Wim Thoelke, bevor er schon mal den Wagen holen ging. Im Fahrzeug wartete Kojak, einen Lolli rauchend und ungeduldig mit den Füßen zappelnd. „Los komm, Wim, alter Falter, wir müssen los, die Straßen von San Francisco brauchen uns!“ Wim gab Gas, überfuhr Wum und Wendelin – versehentlich natürlich – und zog den Hebel, der das Fliwatüt zum Abheben brachte. So waren sie bald flott unterwegs, Kojak und Wim, auf dem Weg ins Taka-Tuka-Land, wo alles gut war und das fesche Fräulein Rottenmeier schon auf sie wartete.

Verspätet ein gutes neues Jahr wünscht Meike!

In der Weihnachtsbäckerei

Seit ein paar Jahren kenne ich einige sehr nette Leute, mit denen ich mich regelmäßig treffe, um zu spielen oder Filme zu gucken – Bildungsfernsehen nennen wir das. Wichtiger Bestandteil unserer Treffen ist der Kaffeeklatsch: Dazu gibt es in der Regel Heißgetränke und Selbstgebackenes. Auch ich habe mich auf meine alten Tage zu einer einigermaßen emsigen Bäckerin entwickelt, und nachdem ich vor einer Weile eine wunderbare Blaubeer-Quarktorte gebacken habe, fühle ich mich auch fast zu allem befähigt. Daher wollte ich, ganz gegen meine Gewohnheit, zum Adventskaffee in der letzten Woche gleich zwei neue Rezepte ausprobieren. Nun ja – gut, dass meine Gäste nicht heikel sind.

Ich wollte eine Amerikanische Zitronentorte backen. Die hat schon meine Mutter immer gemacht und meine Schwester meinte, die sei einfach und gelinge immer. Na, dann kann ja nichts schiefgehen, schließlich bin ich die Queen der Blaubeer-Quarktorte. Und dazu etwas Weihnachtliches, einen norddeutschen Kranzkuchen mit Nüssen und Rosinen. Den kenne ich schon seit meiner Kindheit, zwar nur vom Bäcker, aber was man essen kann, kann man auch backen. Dachte ich zumindest.

Ich kaufte also ein – ordentlich dieses Mal, mit Liste – und machte einen Schlachtplan. Die Zitronentorte verlangt nach zwei Böden, da ich nur eine Form habe, musste ich die nacheinander backen. Das ging auch recht gut – ein Rührteig unten in die Form, Eischnee und Mandeln obendrauf, backen. In der Zwischenzeit bereitete ich schon mal meine Rosinen für den Kranzkuchen vor: In Rum baden, mit Nüssen, Mandeln und Honig mischen. Honig nach Geschmack, stand da – ich nahm viel. Ha, perfekt.

Die Zitronencreme soll zwischen die kalten Böden, die musste also bis zum nächsten Morgen warten. Aber während Boden zwei im Ofen war, konnte ich schon mal den Kranzkuchen angehen.

Ich mixte also genau nach Rezept einen Quark-Ölteig zusammen. Ganz schön ölig, das Zeug. Klebte alles rund um den Knethaken fest. Ich wusch mir die Pfötchen und versuchte, Mixer und Teig voneinander zu trennen. Doch die beiden hingen sehr aneinander, und also ich sie endlich auseinanderbrachte, hing der Teig an meinen Händen. Das sollte man ausrollen – das schien mir schwierig. Doch nicht umsonst habe ich in den letzten zwei Jahren immer „Das große Backen“ geguckt und dabei ein bisschen was gelernt: Ich legte den glitschigen Brocken also zwischen zwei Blätter Backpapier und begann damit, ein Rechteck auszurollen. Das ging recht gut, das Rechteck. Ich konnte auch das obere Backpapier wieder abziehen, als ich fertig war. Schick!

Nun kamen die Honig-Nuss-Rumrosinen zum Einsatz. Schön gleichmäßig auf dem Teig verteilen. Dann aufrollen. Klingt einfach, war es aber nicht. Es klebte und bappte. Das Backpapier wollte den Teig nicht mehr loslassen. Ich rollte ein bisschen und versuchte, das Papier abzuziehen. Einige Honigrosinen wurden fahnenflüchtig und schwärmten in der Küche aus. Ich kämpfte mit der Rolle, die keine werden wollte. Irgendwann hatte ich eine leidlich runde Wurst, die aber noch immer liebevoll von Backpapier umschlungen wurde. Um sie auszupellen, musste ich sie hochheben – dabei fielen schon wieder Rosinen auf den Boden. Die, die nicht abstürzten, klebten an meinen Armen. Endlich war die Teigwurst aus dem Papier gewickelt – nun musste ich sie nur noch auf das Blech bugsieren. Doch durch den Kampf mit der Teigpython war diese immer länger geworden und passte nicht mehr auf das Blech. Ich legte sie also wieder ab und stauchte sie erst einmal richtig zusammen. Endlich hatte sie eine ofengerechte Form.

Nun sollte man die Teigwurst noch längs einschneiden, damit der Kranzkuchen seine typische Form bekommen sollte. Nun, was soll ich sagen – ging nicht. Die klebrige Teig wollte sich nicht schneiden lassen. Egal – ich ritzte ein wenig und dann ab in den Ofen. Es sollte ja noch Zuckerguss darüber kommen – mit Zuckerguss kann man vieles verdecken. In der Tat sah mein Kranzkuchen nach dem Backen aus wie ein überdimensioniertes Graubrot, doch der am nächsten Morgen großzügig aufgetragene Zuckerguss verschaffte dem unbedarften Betrachter den Eindruck, dass das so sein muss.

Blieb noch die Zitronencreme. Dazu sollte man Wasser, Zucker und Zitronensaft aufkochen, Stärke rein, abkühlen lassen, Sahne rein, fertig. Dumm nur, dass ich so dumm war: Natürlich weiß ich, dass man Stärke eigentlich immer erst mit etwas kaltem Wasser anrührt oder im Schüttelbecher aufschüttelt. Aber in Mutterns altem Backbuch stand das nicht. Da steht vieles nicht, weil man das ja eigentlich weiß. Und so donnerte ich meine Stärke fröhlich singend in die kochende Flüssigkeit und produzierte so einen glibberigen Zitronen-Stärke-Brocken. Kräftig rühren – die Brocken wurden kleiner, sie waren nur noch haselnussgroß. Noch mehr rühren – der Schneebesen qualmte. Brocken in Erdnussgröße. So ging das nicht. Ich hielt also kurzerhand den Pürierstab in meine brockige Zitronencreme. Das Ergebnis wurde so „naja“. Leider hatte ich keine Zeit, neue Zitronen zu kaufen, also musste es so gehen. Ich pürierte noch ein wenig und rührte später auch lange und ausgiebig die Sahne hinein. Die Creme schmeckte, war aber eindeutig nicht ganz cremig. Zum Glück waren die vielen Mandeln auf den Tortenböden – wahrscheinlich würden die Gäste gar nicht merken, worauf sie da herumkauen. Ich baute also meine Torte zusammen und lebte das Prinzip Hoffnung.

Und, was soll ich sagen? Beide Gebäcke wurden gegessen – klaglos. Und ein Gutes hatte dieses Back-Desaster auch noch: Ich habe endlich mal wieder meine Küche gefeudelt. Rosinen in Honig sind nämlich nichts, was man einfach so aufsaugen kann. Und liegenlassen kann man die auch nicht!

Es muss seine Ordnung haben!

Ich gönne mir – und euch – derzeit ein wenig Internet-Ruhe. Ich fand, das sei mal nötig: Zeit haben für anderes, wieder mal was lesen oder einfach nur dumm gucken. Das kann ich ja besonders gut. Es sind aber noch immer reichtlich Texte vorhanden, und so gibt es heute etwas ganz Altes aus einem meiner ersten Schreibworkshops. Denn es muss seine Ordnung haben. Überall, nur nicht bei mir 🙂

Es muss seine Ordnung haben

Kaum zu glauben, dass schon wieder Dienstag ist. Dienstag ist ein Friedhofstag, ein Tag, an dem ich dich besuche. Immer scheint Friedhofstag zu sein, dabei ist es nur zweimal die Woche. An den anderen fünf Tagen bin ich frei von dir. Von deiner Anwesenheit und deinem Geruch, deiner Penetranz und deinem Gemecker. Trotzdem komme ich regelmäßig zu dir, Peter: Ich sammle Blättchen von deinem erdigen Deckel, zupfe Unkraut und harke. Damit du es schön hast und keine Unordnung deine Ruhe stört. Nicht, dass du da noch wieder raus kommst.

Weißt du, was lustig ist, Peter? Die Friedhofsverwaltung hat mir geschrieben, wegen dem „pietätlosen“ Grabschmuck. Eine nachgemachte Eingangstür sei nicht angemessen und störe das ruhige Bild. Ich habe versucht, ihnen das zu erklären: Dass du es gerne gehabt hast, so wie wir es für dich gemacht haben. Eine ordentliche, übersichtliche Eingangstür, mit Namensschild und Briefschlitz, so dass der Briefträger weiß, wohin mit der Post. Eine Klingel muss auch da sein, für die Einschreiben. Es muss ja alles seine Ordnung haben, immer und überall.

Ich habe denen von der Friedhofsverwaltung das geschrieben und ihnen deinen Fall erklärt. Ich weiß nicht, ob sie das verstanden haben. Zumindest habe ich das gute Briefpapier genommen, das mit dem aufgedruckten Namen und der Adresse. Es ist übrigens neu, du bist ja nun nicht mehr, was soll da noch dein Name auf dem Briefpapier? Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Aber gefällt dir denn eigentlich dein Grabstein? Oder stört dich die Zeitung? Die war Sabines Idee. Sie sagte, dass dein Gejammere über die Gratiszeitungen, die die Postkästen anständiger Leute verstopfen, deine hervorstechendste Eigenschaft gewesen sei. Ich glaube, sie hat nicht ganz recht, es gab auch noch anderes, was dich ausgemacht hat. Aber wir konnten dir ja schlecht Cordpantoffeln aufs Grab stellen. Und ein gelbes Postfahrrad wäre sicherlich bald geklaut worden. Nein, Peter, dass mit der Tür entspricht dir schon, und die Zeitung auch.

So, ich bin fertig. Nun ist hier wieder alles schön sauber, Peter. Schau, Blumen habe ich dir auch gebracht, aus unserem Garten. Denn für Blumen gibt man doch kein Geld aus! Sie werden bis Samstag halten, dann komme ich wieder und mache Ordnung. Und schaue nach, ob du noch da drin bist.

Musik von damals – Locomotive Breath

Es ist mal wieder Schreibworkshop-Zeit. Im Moment mache ich sogar gleich zwei Kurse, einen am Montag, einen am Dienstag. Und im Dienstags-Kurs hatten wir dieses Mal das Thema Musik und Rhythmus. Gleich die erste Aufgabe, die eigentlich „zum Warmschreiben“ gedacht ist, fand ich dieses Mal total gut. Denn wir sollten irgendetwas über ein Musikstück schreiben, das unser Leben irgendwie begleitet oder eine besondere Bedeutung hat.

Ich musste gar nicht lange nachdenken. Natürlich gab es in meiner Jugend Lieder von Künstlern, die ich teeniemäßig angeschwärmt und deren Bilder ich an meine Wand gepinnt habe. Es gibt auch eine Menge Musik, die mich jetzt begeistert. Aber es gibt wenige Lieder, die mich schon rund 40 Jahre lang begleiten. Also nahm ich den

Locomotive Breath

Das Klavier – leise zuerst, sanft. Die Gitarre – fast ein wenig hoch für meinen Geschmack. Klavier und Gitarre, zuerst melodisch, dann laut. Ich bin 15 und warte darauf, dass es endlich richtig losgeht. Ich warte auf die Stimme des Mannes, den ich nie schön fand, dessen Gesicht ich nie an meiner Wand haben wollte. Nicht mit 10, nicht mit 15. An meiner Wand hängen andere. Doch ich liebe diese Musik.

Die Stimme passt zu Klavier und Gitarre, zu Schlagzeug und Bass. Ich bin 29 und warte auf die Flöte, die die Stimme gleich ablösen wird – laut und energisch. Erst Stimme, dass Flöte – gleichzeitig singen und blasen kann nicht mal er.

Die Lokomotive nimmt Fahrt auf und rast durch mein Leben. Stimme, Flöte, Klavier und Gitarre, dazu Schlagzeug und Bass – sie machen, dass ich micch wohl fühle. Ich bin 42 und entdecke täglich alles neu. Auch dieses ewige Lieblingslied.

Inzwischen ist es ständig dabei, eine Datei auf meinem Handy. Handlich, praktisch und doch ken Stück kleiner. Stimme, Flöte und all die anderen packen mich immer wieder. Die Lokomotive ist immer noch kraftvoll unterwegs, mit ewigen Gewinnern und Verlierern. Ich lasse mich mitreißen und fühle die Kraft. Ich bin 49.

 

Nachtrag: Als vor einigen Jahren meine Freundin Birgit anrief und fragte, ob ich mit ihr und ihrem Holden zu einem Jethro Tull-Konzert gehen wolle, fragte ich erst mal ganz irritiert nach: „Leben die noch?“ Ja, es gab sie noch. Die Stimmen waren etwas dünner, das Haar ebenfalls – wobei ich letzteres jedoch ausgesprochen positiv fand.

Ein Wochenende in Fulda

„Fulda? Was wollt ihr denn in Fulda?“ So verständnislos klang der Kollege, der, aufgewachsen in der Nähe dieser kleinen Stadt, erst einmal keinen Sinn in dem von Kerstin und mir gewählten Wochenendziel sah. Das hielt ihn aber nicht davon ab, uns emsig Vorschläge zu machen für Hotels, Restaurants und Ziele in der Stadt. Dermaßen sehr gut mit Insights versorgt, starteten Kerstin und ich als am späten Donnerstag Nachmittag in unser Abenteuer Fulda. Kerstin reiste per ICE an, ich fuhr gemütlich mit dem Bummelzug. Kaffeesieren stand natürlich auch auf dem Plan.

Wir hatten uns für das große Esperanto-Hotel direkt am Bahnhof entschieden. Zum einen sollte es dort gute Restaurants geben, außerdem war alles Wichtige zu Fuß erreichbar. Und, für uns auch nicht unwichtig, große Hotels sind oft barrierefreier als kleine Pensionen. Kerstin bekam also ein rolligerechtes Zimmer und ich ein Einzelzimmer direkt daneben.

Am Ende des Wochenendes wusste ich wieder, warum ich nur mit grundsätzlich optimistischen Leuten in den Urlaub fahre. Denn die ewig positive Kerstin erläuterte mir, dass das Wetter „So mittel“ gewesen sei. Schließlich hätte es NOCH mehr regnen können. Und sie hatte Recht: Es war zwar das ganze Wochenende über grau und regnerisch, richtig nass wurden wir aber nicht – mal abgesehen vom hoteleigenen Solebad.

Nachdem wir die ganz dicken Regenschauer am Freitag abgewartt hatten, machten wir uns auf zum Schloss. Dort wurde gerade umgebaut, die Außenanlagen samt Innenhof waren ziemlich umgewühlt. Man war sehr bemüht um uns, erläuterte uns ausführlich, wo der Lift sei, welche Ebenen wir problemlos angucken könnten und was uns dort alles erwartete. Das Schöne am Fuldaer Schloss ist, dass es tatsächlich genutzt wird: Es dient nicht nur als Rathaus, sondern auch als Veranstaltungsort. Dementsprechend war dort alles gut in Schuss und es liefen nicht nur Touristen darin herum, sondern auch Menschen, die ganz normalen Verrichtungen nachgingen.

Man hatte Kerstin und mich telefonisch angekündigt, was bedeutete, dass eine nette Dame uns im ersten Stock in Empfang nahm und uns beinahe eine Führung angedeihen ließ. Besonderes Augenmerk sollten wir auf die Porzellansammlung legen. In meinen Augen war das eine ziemliche Ansammlung von Scheußlichkeiten, aber das mochte ich nicht so offen sagen. Schöner fand ich die großen Säle und Hochzeitszimmer. Einen netten Hausmeister lernten wir auch noch kennen, denn als wir die ehrwürdigen Hallen verlassen wollten, hatte der Lift seinen Dienst quittiert.

Am nächsten Tag stand der Dom auf unserem Kulturprogramm. Ich hatte nämlich gelesen, dass es dort an jedem Samstag eine Orgelmatinee geben sollte. Wir zuckelten also zeitig los, denn wir wollten den Dom ausgiebig angucken, bevor das Georgel losging.

Zu unserer Verblüffung stolperten wir direkt in einen Gottestdienst, mit Chor, Bischof und großem Personalaufgebot. Das war so nicht geplant und für uns auch nicht ersichtlich, weil wir uns ja mal wieder unseren Weg ins Gebäude suchen mussten, um die Stufen zu vermeiden. Wir schlüpften also seitlich in den sehr schönen Dom und merkten erst, dass dort mehr los war als nur eine Chorprobe, als wir schon mitten drin waren. Wir dückten uns also leise in die Ecke und warteten ab. Später erfuhren wir, dass das ein sogenannter Aussendungsgottestdienst gewesen war – aha. Wir lernten, dass man dafür sehr viel Weihrauch benötigt.

Die Orgel kann wirklich was. Der Link führt zu einem Stück von Bach, gespielt auf diesem Instrument.

Die anschließende Orgelmatinee fand ich recht beeindruckend. Die Orgel, gespielt vom Gastorganisten Fabien Chabrot, hat einen enormen Klang und durfte auch mal so richtig zeigen, was sie kann. Man spürte die Schwingungen durch den Boden und das Gestühl – toll.

Die späteren Nachmittage und den Abend verbrachten wir jeweils im Hotel. Auch in der Wellness-Anlage lernten wir einen netten Hausmeister kennen, denn auch hier bockte der Lift. Dann aber badeten wir uns schön und gingen anschließend in jedem der drei Hotelrestaurants einmal essen, um diese Pracht zu erhalten. Dass es auch noch eine Cocktailbar gab, verbuchten wir ebenfalls als Plus.

Alles in allem war es ein tolles, entspanntes Wochenende, wenngleich Fulda es einem nicht immer leicht macht, was die Barrierefreiheit angeht. Das ist leider oft so in alten Städten: Viele Lokale haben Stufen vor der Tür, die mit einem Elektrorollstuhl einfach nicht zu bewältigen sind. Zum Glück gab es immer Alternativen, als Wohnsitz wählen wird Kerstin dieses Städtchen aber sicherlich nicht.

Kindheitserinnerung: Rote Grütze mit Quark

Oftmals, wenn ich bei meiner lieben Schwester war, komme ich mit zum Leben erweckten Kindheitserinnerungen zurück nach Frankfurt. Beim letzten Besuch war es eine Nachspeise, die aus den Tiefen des Gedächtnisses an die Oberfläche kam: ganz einfache Tüten-Rote-Grütze mit Quark. Das war eines der ersten Dinge, die ich als Kind zubereitet habe: einfach ein Tütchen Rote Grütze mit Zucker und Wasser aufkochen, Quark dazu, tüchtig rühren, fertig. Superpink, superfrisch. Ja, den Geschmack wollte ich mal wieder haben.

Meine Schwester und ich diskutierten über die richtigen Mengen: ein Pfund Quark, oder nur ein halbes? Wir wussten es nicht mehr und so probierte meine Schwester es aus und schickte mir Fotos: Nicht pink genug, fand ich, also weniger Quark.

Allerdings strauchelte ich in meinen Bemühungen zunächst an einem schnöden logistischen Problem: Ich konnte nirgends die richtige Tütengrütze finden. Nun ist Rote Grütze ja ein norddeutsches Phänomen, scheinbar ist dieses einfache Pulver hier nicht so gefragt. Ich kaufte ersatzweise eine Fruchtkaltschale, die den Zweck wahrscheinlich irgendwie erfüllt hätte, wenn nicht meine treusorgende Schwester eingesprungen wäre: Tatsächlich fand ich, kaum dass ich von meinem Misserfolg berichtet hatte, ein Tütchen des richtigen Pulvers in der Post. Dazu noch eine kurze Anweisung: Dosenmilch nicht vergessen! An die hatte ich tatsächlich überhaupt nicht mehr gedacht, kaufte aber ein bisschen Kondensmilch, um bloß nichts falsch zu machen.

Und tatsächlich: Ein Päckchen rote Grütze, ein Päckchen Magerquark und ein Schuss Kondensmilch ergeben genau den Geschmack, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnert habe. Frisch, süß, quarkig und ungeheuer lecker. Für morgen und übermorgen ist noch was da – so ein Glück!

Die Farbe erscheint mir allerdings immer noch nicht so knallig zu sein wie früher. Das mag daran liegen, dass inzwischen andere Farbstoffe verwendet werden als in den 70er Jahren. Damals waren das ja irgendwelche künstlichen Farbstoffe, inzwischen steht „färbende Lebensmittel“ auf der Verpackung. Vielleicht machen die einfach nicht ganz so knallig pink.

Und dann stand noch ein drolliger Hinweis auf der Tüte – fast schon geeignet für die Kategorie „Fundststücke“:

Die Kunst zu Leben und zu Sterben

Hier noch einmal der Hinweis in eigener Sache: Es wird am 19. Oktober wieder gelesen. Facebooker können auf das Bild klicken und sich näher informieren, Nicht-Facebooker kommen einfach um 19 Uhr in den Klosterkeller Liebfrauen, Schärfengäßchen 3 in 60311 Frankfurt. Der Eintritt kostet 8 Euro.