Du kannst einfach nicht widerstehen …

Sooo, diese Aufgabe ist ja einfach. Die Frage lautet, wo kannst du einfach nicht widerstehen. Also du, das bin in diesem Falle ich. Nun ja, Schokolade halt. Zumindest, wenn sie vor mir liegt. Wenn ich dafür aufstehen muss, ist das schon etwas anderes, weil faul bin ich ja auch. Also kann ich doch widerstehen, zumindest manchmal.

sheep-2592305_640

Bild von Pixabay

Und dann sind da noch Notizbücher. Die sind schon wirklich etwas, was mich anmacht. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht hunderte davon zu kaufen. Ich habe eh schon mehr, als ich in den nächsten 10 Jahren vollschreiben kann. Apropos vollschreiben – dafür habe ich jede Menge Stifte, vor allem Bleistifte und Füller. Und diverse Tinten natürlich, ist ja klar, denn ohne Tinte kann ein Füller nicht schreiben. Rein aus Nachhaltigkeitsgründen und keinesfalls aus lauter Spieltrieb nutze ich keine Plastikpatronen, sondern Tinte im Gläschen, teils mit Glitzer oder zweifarbigem Shading. Für die nächsten 20 Jahre habe ich wohl genug Vorrat. Ist ja auch wichtig, vielleicht wird Tinte irgendwann mal knapp. Kann ja überall mal Not ausbrechen, Lieferengpässe, Lockdowns, was auch immer. Zumindest bezogen auf Notizbücher, Stifte und Tinte bin ich auf alles vorbereitet.

Jaaaa, und dann ist da noch die Wolle. Dieser besondere Stoff, der wächst – mal am Schaf, mal am Strunk – manchmal aber auch künstlich hergestellt oder irgendwie gemixt wird. Je nachdem, was man hat, kann man sie filzen oder stricken. Gut, ja, oder damit häkeln, wenn man denn häkeln kann. Ich habe in der Grundschule mal einen schiefen Topflappen produziert, weitere Erfolge habe ich in Sachen Häkelarbeiten leider nicht vorzuweisen. Denn ich stricke lieber.

wool-2197757_640

Bild von Pixabay

Stricken hilft mir in unruhigen Zeiten, zur Ruhe zu kommen. Tausend Mal die gleiche Bewegung, das hat etwas sehr Meditatives. Ich kann dabei die Gedanken ziehen lassen, mir Geschichten ausdenken oder fernsehen. Ja, genau, Fernsehen, das geht natürlich auch. Muss ja nicht immer alles intellektuell anspruchsvoll sein. Einen Strumpf zu stricken, ist wenig anspruchsvoll, aber man hat hinterher was Warmes am Fuß – sowas Sinnstiftendes kriegt man mit vielen vermeintlich anspruchsvolleren Tätigkeiten nicht zuwege. Wenig Verständnis habe ich hingegen für denn Trend, Bäume oder Laternenpfähle einzustricken. Urban Knitting nennt sich das, oder auch Guerilla Knitting, so als wäre man ein großer Revoluzzer, wenn man einem Brückenpfeiler einen Nierenwärmer umlegt. Das ist irgendwie in Mode und in meinen Augen die Krönung der Sinnlosigkeit. Pure Materialverschwendung. Und Wolle verschwendet man nicht.

Für mich ist es immer etwas ganz Besonderes, Wolle auszusuchen. Damit meine ich nicht nur das in einen Laden gehen und Material zu kaufen, wenngleich das natürlich immer etwas ganz Wunderbares ist. Nein, es ist auch das Auspacken von bestellter Ware. Oder das Untersuchen eines mir völlig unbekannten Wollvorkommens. Zwei Mal schon erbte ich große Bestände an Wolle, für die jemand anderes keine Verwendung hatte. Zwei ganze Säcke voller wunderbarer Überraschungen! Gut, es war auch ein bisschen Gelerch dabei, aber irgendwas ist ja immer.

Stundenlang könnte ich Wolle sortieren, zueinander passende Häufchen zusammenlegen und überlegen, was daraus wohl werden könnte. Und dann eben dieses Auswählen, dieser finale Moment, wenn aus den Plastikkisten im Gästezimmer etwas herausgeholt wird, um zum nächsten Projekt zu werden. Mal ist es ein Knäuel, dann wieder sind es ganz viele, doch egal wie, es ist immer wieder etwas Feierliches, dieser Umzug der der Wolle aus dem Gästezimmer in die Strickarena, mein Wohnzimmer. Ich freue mich dann auf das Kommende, fasse das Material an, freue mich daran.

Ob so ein Wollknäuel auch Gefühle hat? Ob es die Erhabenheit dieses Augenblicks spürt? Es wäre ihm zu wünschen, schon allein damit es die Metamorphose von einem sachlichen, zum Knäuel gewickelten Faden in ein strukturiertes Geflecht aus ineinander verschlungenen, einander liebenden Maschen richtig genießen kann. Vom simplen Bindfaden zur Socke, das ist ein ungeheurer Aufstieg für so eine profane Faser.

Sogar Reste werden bei mir nicht verstoßen, sondern lange Jahre aufgehoben, immer wieder sortiert und kombiniert, bis eines Tages ein neues Modell daraus entsteht. Reste sind doch das Beste, meine Strickjacke könnte ein Lied davon singen, wenn sie denn singen könnte. Und auch, wenn ich für eine Wollsorte bei mir wirklich keine Zukunft mehr sehe, wird sie nicht etwa entsorgt, sondern zur Adoption freigegeben – Wolle sucht ein Zuhause. Über 20 Jahre dauerte es zuletzt, bis ich mich dazu entschließen konnte, einige große Reste weiterzugeben. Kürzlich erst war es soweit, zwei Taschen Wolle gingen zu einem Sozialprojekt, bei dem ein für Menschen stricken, die es nötig haben. Auf diese Weise wird also auch meine Restwolle noch einmal zu Ruhm und Ehre kommen. Das macht mich wirklich froh.

Mein erster Raglan-Pullover

In Pandemie-Zeiten stricke ich deutlich mehr als sonst und neben den üblichen Socken laufen noch immer die Projekte „Bestandsabbau“ und „Resteverwertung“. Dazu wollte ich etwas Neues lernen und mich mal an einem Raglan-Pulli versuchen. Das sind diese Oberteile, die nicht aus vier mehr oder minder rechteckigen Teilen bestehen, sondern die mit Schrägungen gearbeitet werden, sodass das Muster „eckig um die Schultern läuft“. Man kann das von oben oder von unten machen, alle Teile einzeln stricken oder alles in einem Stück.

Als Material suchte ich mir einen meiner merkwürdigen Restbestände aus: Vier Einzelknäule einer jeweils einfarbigen Schachenmayr Sockenwolle mit Baumwolle und Stretch, die eigentlich mal ein Kinderpulli hatten werden sollen. Bei der Größe, die das Kind inzwischen hat, hätte das jetzt nur noch für Ohrenwärmer gereicht. Hinzu kamen jeweils zwei Knäule in gelb-bunt und rot-bunt der Marke Bärengarne. Das sollten mal Schals werden. Diese Karriere blieb der Wolle verwehrt, sodass sie hier ebenfalls ihren großen Auftritt haben sollte. Als Muster wählte ich einfache Streifen, denn wenn ich mir schon mit einer unbekannten Stricktechnik die Finger brechen würde, sollte nicht unbedingt noch ein schwieriges Muster dazukommen.

Ich entschied mich für eine Raglan-Mischform, strickte zunächst Vorder und Rückenteil bis zum Beginn des Armausschnitts sowie zwei kurze Ärmelchen (ich trage gerne Dreiviertelärmel, die passen zu fast jedem Wetter). Dann hängte ich alles zusammen auf eine lange Rundnadel. Puh, was ein Geschlacker – 580 Maschen waren das insgesamt. Und dann kämpfte ich mich durch diese unendlich langen Reihen und nahm schön gleichmäßig in jeder zweiten Reihe 8 Maschen ab. Das war eigentlich nicht schwierig. Trotzdem wird das eher nicht meine Lieblingstechnik, denn obwohl die Wolle fein und entsprechend leicht war, lag das ganze Gedöns doch irgendwie schwer auf der Nadel.

Etwas geärgert hat mich zum Schluss der Halsauschnitt: Zuerst war er viel zu groß. Ich musste beim Anprobieren an eine Verwandte denken, die grundsätzlich nichts, was mal fertig war, wieder aufgeribbelt und neu gemacht hat, wenn es nicht saß. Sie zog es vor, eine Kordel durch derartige Ausschnitte zu ziehen und das Werk mit einer Schleife auf die richtige Größe zurechtzuschnüren. „Kannst ja ein Band durchziehen“, war bei uns zuhause ein geflügeltes Wort, und das war nie als ernstzunehmender Ratschlag gemeint. Also ribbelte ich zum ersten Mal, strickte noch drei Streifen, kettete nochmal ab. Gut, es passte besser, aber der Ausschnitt klappte sich irgendwie ein. Ich vernähte den Faden trotzdem und redete mir ein, dass sich das am Hals schon zurechthängen würde. Die Tatsache, dass ich den Pulli im Wohnzimmer liegen ließ und auch den Rest der rot-bunten Wolle nicht wegräumte, zeigte mir deutlich, dass das noch nicht das Ende dieser Geschichte war. Heute morgen fummelte ich also die Blende nochmal auf und strickte sie mit einigen Abnahmen neu. Und ja, jetzt passt es. Die Fäden sind vernäht, heute Nachmittag ziehe ich ihn an.

Nachtrag: Das gute Stück kratzt übrigens. Das hätte ich von der Wollmischung nicht erwartet, aber ich bin es gewohnt, dass meine empfindliche Haut bei Strickzeug gerne meckert. Es gibt also man wieder hochgeschlossenes Unterzeug drunter – ist ja genug davon im Schrank.

Nachtrag 2: Ich habe natürlich auch darüber nachgedacht, ob ein Ringelmuster das richtige ist für meine Pummelfigur. Man sagt ja, das sei nicht so. Egal – ich mag Ringel. Und ich finde, mein Pulli kleidet mich gut.

Kampf dem Lotterleben 2

Vor einigen Monaten schrieb ich den Beitrag „Kampf dem Lotterleben“, in dem ich all meine guten Vorsätze für die Zeit der Pandemiebekämpfung aufgelistet hatte. Sport wollte ich treiben, mich immer ordentlich anziehen und, und, und …

Rund zehn Monate später sieht die Sache schon wieder anders aus. Teile des Beitrages könnte man inzwischen umschreiben in „Chronik eines Verfalls“. Anderes hat ganz gut geklappt.

vegetarischer Brotaufstrich

Selbst gemachter Brotaufstrich – rote Bete-Walnuss und Karotte-Champignon. Auch für so etwas war in diesem Jahr plötzlich Zeit.

Fangen wir positiv an: Zum Beispiel die Sache mit den Kontakten. Ich habe meine persönlichen Treffen sehr weit runtergefahren, bin aber trotzdem nicht vereinsamt. Im Sommer nutzten wir mit einigen Freunden ab und zu die Gelegenheit, uns draußen zu treffen, außerdem ging ich da schwimmen und bekam so ein gewisses Maß an Bewegung.

Viele Dinge haben auch online wunderbar geklappt. Ich war noch nie so fleißig, was Schreibworkshops angeht – nach zögerlichem Anfang wurde da irgendwann richtig viel angeboten. Das strukturierte die Abende oder sogar die ganze Woche, schließlich musste man am Wochenende Hausaufgaben machen. Online-Spieleabende, gemeinsam Distanz-Fernsehen (und per WhatsApp das Gesehene diskutieren) oder einfach nur mal wieder lange telefonieren, all diese Dinge halfen mir, die Zeit nicht nur rumzubringen, sondern sie gut zu verbringen. Neues gelernt habe ich ebenfalls – so filzte ich erst kürzlich ein adipöses Seepferdchen.

Auch das Arbeiten im Homeoffice hat gut funktioniert. Ich fand schnell meinen Rhythmus – früh anfangen, recht lange Mittagspause, gerne mal zusammen mit Kollegen via Skype, und wenn Feierabend war, war Feierabend. Nur das regelmäßige Wegräumen des ganzen Gedönses zum Wochenende hat genau zwei Mal geklappt, ansonsten steht es im Weg herum. Nun ja – da die Wohnung auch sonst unaufgeräumt ist, kommt es darauf auch nicht mehr an.

Seepferdchen

Gefilztes Seepferdchen. Ein echtes Kaltblut-Seepferd – anders lässt sich diese robuste Figur nicht erklären.

Soweit, so gut also. Nun zu den Dingen, die weniger gut gelaufen sind: Sport. Ach, ach. Anfangs nutzte ich mein Ergometer mehrmals täglich, dann immer weniger. Inzwischen hängen meine ganzen Masken daran, und ein kleines Säckchen für die, die gewaschen werden müssen. Natürlich latsche ich ab und zu draußen herum und die Schwimmbäder nutzte ich, bis sie wieder schlossen, aber fitter bin ich ganz bestimmt nicht geworden.

Und auch ganz bestimmt nicht besser angezogen. Heil und sauber, diese Devise gibt es zwar immer noch, aber ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich rumlaufe wie die letzte Trümmerlotte. Noch halte ich dagegen, aber es ist nicht immer leicht. So passierte es mir nach Weihnachten, dass plötzlich keine reine Jogginghose mehr im Schrank war. Alle in der Wäsche oder besser gesagt, feucht auf dem Wäscheständer. Ich tastete alle Modelle ab – vielleicht konnte man eine am Leib trocknen lassen? Doch da ich meinen Arbeitstag nicht mit nassem Hintern verbringen wollte, sah ich von der Möglichkeit ab. Kurzfristig überlegte ich, ob ich einfach die Schlafanzugshose anlassen sollte. Sieht ja keiner im Homeoffice. Dann rief ich mich zur Ordnung und spähte nochmal in den Schrank. Schließlich hatte ich Schlafanzugstage gleich zu Beginn des Corona-Desasters explizit ausgeschlossen. Schweren Herzens beschloss ich, eine Jeans anzuziehen – schließlich wollte ich auch noch einkaufen. So gab es also auch noch einen BH sowie statt der üblichen Wollstrümpfe Socken, mit denen ich in die Schuhe passe. Und ein Shirt, das nicht aussieht, wie schon drei Jahre in der Wüste getragen. Ich muss da wirklich mal aussortieren, denn ich trage jetzt seit fast einem Jahr immer nur die Klamotten, die vorher eigentlich schon reif für den Altkleidersack waren.

Ich ging also gestern ordentlich angezogen einkaufen und brachte auch „vernünftige“ Sachen mit. Also Obst, Gemüse, was Frisches halt. Denn ich ertappte mich in der letzten Zeit auch schon ein paar Mal dabei, dass ich zu faul zum Kochen war und eigentlich gerne eine Dose aufgerissen hätte. Zum Glück habe ich immer nur sehr wenig Fertiggerichte im Vorratsschrank, sodass das im Moment nicht mehr möglich ist – Dosenessen ist alle und wird auch erst mal nicht nachgekauft. Und so kommen wir wieder zu den Sachen zurück, die gut gelaufen sind in der Pandemie: Ich habe ganz viele neue Dinge gekocht und gebacken. Nichts war misslungen, alles lecker und sicher auch leidlich gesund, mal abgesehen von der Schokoladen-Sahnetorte. Die war nur lecker. Und das ist ja auch schon was.

gefüllte Champignons

Gefüllte Champignons im Kartoffelnest – das beste Resteessen des Jahres 2020.

Nachtrag: Ich habe aus der Misere gelernt und heute neue Jogginghosen bestellt. Dafür werfe ich die, die man beim Laufen immer festhalten muss, endgültig weg. Auch das Shirt mit dem hautfarbenen Fleck (= Loch auf dem Bauch) darf endlich gehen – es hat seine Schuldigkeit getan.

Christrosen

Im Schreibworkshop sollten wir eine (weihnachtliche?) Geschichte über eine Winterpflanze schreiben. Ich entschied mich aus diversen Gründen für die Christrose …

Christrosen

Geliebte Christrosen

So, Herbert, das war’s. Das war das letzte Mal, dass ich Heide auf dich draufgepflanzt habe. Im März sind es 20 Jahre, die du hier liegst, dann machen wir das Grab weg. Man muss die Sache ja nicht unnötig in die Länge ziehen, und nochmal so viel Geld für dieses kleine Stück Acker bezahlen, wollte ich auch nicht. Wer weiß denn auch, wie lange ich es noch mache? Am Ende kommen die noch auf die Idee und legen mich nach meinem Ableben neben dich. Nein, nein, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, lieber lasse ich dein Grab planieren und fahre von dem gesparten Geld nach Bad Gögging zur Kur. Tanztee und Thermalbad, das wär‘ doch mal was. Seitdem du nicht mehr bist, kann ich mir ja ab und zu mal etwas gönnen.

Die Christrosen sehen schon gut aus in diesem Jahr, die blühen zu Weihnachten bestimmt wieder schön. Christrosen hast du geliebt früher, die hatten wir damals schon im Garten. Seitdem du hier liegst, hast du jedes Jahr diese eleganten weißen Blumen auf deinem Grab, direkt vor dem Stein, eingerahmt von etwas lila oder dunkelroter Heide. Die mochtest du nicht so gerne, aber das ist egal, schließlich muss ich mir das angucken und nicht du. Ich mag es bunt. Ja, ich weiß, fröhliche Farben mochtest du nie, du fandest alles Bunte ordinär und hättest mich am liebsten immer nur in Grau gesehen, aber ich sehnte mich schon damals nach Farben und Freude in meinem Leben. Freude, das war dir leider ein Fremdwort, zumindest, wenn jemand anderes etwas Freude haben wollte. Bei dir selbst sahst du das nicht so kritisch, du warst den Genüssen nicht so abgeneigt. Egal, ob es ums Essen oder Trinken, um Kleidung oder hübsche Sekretärinnen ging: Für den Herrn bitte nur das Beste. Die Kinder und ich hingegen sollten bescheiden sein, anständig, diszipliniert und vor allem leise.

Christrosen

Aber ich will nicht bitter klingen. Es war schon in Ordnung für mich, dir die letzten 20 Jahre deine Lieblingsblumen zu bringen und zu pflegen. Ich mag sie ja auch, die Christrosen, und das nicht nur, weil sie so rein und weiß sind, sondern vor allem wegen ihrer anderen Eigenschaften. Sie sind so herrlich giftig, Wurzeln, Blätter, Blüten, einfach alles an ihnen. Das kam mir gelegen, hatten wir doch reichlich von ihnen im Garten. Nur fünf von ihnen habe ich verarbeitet, nicht wissend, was wohl das beste Rezept sein könnte. Deshalb habe ich sie getrocknet, gestampft, gemörsert, Teile von ihnen gekocht, andere eingelegt und destilliert. Und so habe ich den herrlichsten Kräuterschnaps hergestellt, den man sich denken kann.

Ich wusste, dass du dir gar nichts aus Kräuterschnaps machst. Ich wusste aber auch, dass du niemand anderem etwas gönnst. Also habe ich meinen Schnaps in kleine Flaschen gefüllt und gesagt, er wäre für die alten Leute im Heim. Für die, die arm sind und nie Besuch bekommen. Also für jemand anderen als für dich. Als du das verstanden hast, gab es für mich ein blaues Auge – übrigens das letzte meines Lebens. Und dann hast du dir, rein aus Trotz, gleich drei Fläschchen meines wunderbaren Christrosenschnapses reingelötet, ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann ging es schneller, als ich gedacht hätte: Du bist einfach tot umgefallen. Mit dem Kopf bist du im Glastisch im Wohnzimmer gelandet, sodass ich das hässliche Ding auch gleich entsorgen konnte.

„Herzinfarkt“, hat Doktor Wolter auf den Totenschein geschrieben und mir was zum Kühlen für mein Auge gegeben. Den Rest vom Christrosenschnaps hat er mitgenommen und wahrscheinlich entsorgt, wir haben zumindest nie mehr davon gesprochen- Aber er lobt immer wieder die geschmackvolle Bepflanzung deines Grabes. Ich glaube, er mag auch Christrosen.

Weihnachtsmann gesucht

„Himmelherrgottnochmal, was ist denn das alles hier? Wer hat denn das sortiert? Ist das der Ausschuss, oder was soll das sein? Sören! Sööören!“

Endlich erscheint mein Assistent. Er kennt mich, wenn ich schlechte Laune habe, und streckt entsprechend vorsichtig seine Nase durch einen schmalen Türspalt.

„Was is?“

„Was is? Was is? Mehr fällt Ihnen nicht ein? Was ist denn das hier? Haben Sie mir die Bewerbungen auf den Tisch gelegt? Als was bewerben diese Leute sich denn, als Luftpumpen? Oder als Geburtshelfer, wegen der besonders kleinen Hände? Wir suchen Weihnachtsmänner, Himmelnochmal, Weihnachtsmänner, Nikoläuse, wie auch immer Sie das nennen wollen. Diese Leute hier taugen noch nicht einmal als Engel im kurzen weißen Hemd! Geben Sie es zu, Sie haben die Stapel verwechselt – die echten Bewerbungen sind noch in Ihrem Büro!“

Weihnachtslandschaft

Sören wirkt erschüttert, aber das kenne ich schon von ihm. Er ist ein echter Sören, von Helikoptereltern mit Bio-Nahrung liebevoll aufgepäppelt, Waldorf-beschult und immer wieder verblüfft darüber, dass das wahre Leben nicht auf ihn wartet. Auch jetzt steht echtes Unverständnis in seinen seelenvollen Kinderaugen – dabei ist der Bengel schon 26.

„Nein, ich habe nicht den falschen Stapel genommen. Es sind alle. Mehr Bewerbungen gab es nicht.“

Fast habe ich das befürchtet, trotzdem bin ich einer Ohnmacht nahe. „Wie, das sind alle? Das kann doch nicht sein. Das sind nur junge Burschen, von der Figur her 60-90-60, wahrscheinlich singen die alle noch im Sopran. Sogar drei Weiber sind dabei – Frau-en! Die sind vom Foto her noch das männlichste im ganzen Sortiment. Haben Sie nichts anderes zu bieten? Ist das wirklich alles? Letztes Jahr haben Sie mir schon Heringe präsentiert, dieses Jahr reicht es gerade noch für Ölsardinen. Das kann nicht ihr Ernst sein!“

Sören zuckt die Schultern. „Doch, mehr ist nicht. Wir haben das angebotene Gehalt erhöht und die Anforderungen sehr genau in die Ausschreibung geschrieben: Groß, von stattlicher Gestalt, mit dunkler Stimme und am liebsten mit Naturbart. Und wir haben tatsächlich acht Bewerbungen mehr als letztes Jahr.“

Ich stöhne – acht Nieten mehr im Lostopf. Wenn man nicht alles selber macht! Ich bin verantwortlich für die Beweihnachtung des größten Möbelhauses im Schwarzwald, und alles, was man mir liefert, sind magere Studenten und drei größenwahnsinnige Weiber! Ich bin echt in Not! Meine Gedanken rasen, ich brauche einen Ausweg.

„Rufen Sie Liechtenstein an, sofort!“, herrsche ich Sören, diesen Ausgangspunkt allen Ungemachs an. Der nickt und schließt eilig die Tür hinter sich zu. Während ich angestrengt über weitere Alternativen nachdenke, öffnet sich die Tür wieder. Dieses Mal ist der Spalt noch schmaler. „Was ist?“, maule ich und überlege, theatralisch mit meinem Locher zu werfen. Schon wieder Sören.

„Ähhh, Entschuldigung, wen soll ich denn anrufen?“

Hat der mir etwa nicht zugehört? „Liechtenstein!“, belle ich und er nickt. Dann zuckt er, wenn ich das durch die schmale Türöffnung richtig sehe, wieder mit den schmalen Schultern.

„Ähh, ja, und wen da genau?“

„Wie, genau?“

„Ja, in Lichtenstein. Wen genau soll ich da anrufen?“

Himmel, ist der Junge blöd. „Sie sollen nicht in Lichtenstein anrufen, sondern den Liechtenstein. Friedrich Liechtenstein, den aus der Werbung, mit Bauch und Bart und Bass. Supergeil, sagt er da immer. Den will ich haben!“

Sören scheint ein Licht aufzugehen. „Ach sooo, den meinen Sie. Ja, der passt gut. Aber da müssen wir sicher die Gage nochmal erhöhen, für 10 Euro die Stunde macht der das bestimmt nicht.“

Verdammt, da könnte er Recht haben. Egal, entscheide ich, ich brauche vernünftige Weihnachtsmänner. „Geld spielt keine Rolle“, behaupte ich also großmütig. „Rufen Sie seine Agentur an, die müssen doch wissen, ob er im Dezember frei ist.“

Während Sören im Nebenzimmer telefoniert, sehe ich den Stapel der Bewerbungen nochmal durch. Das ist nichts, aber auch wirklich gar nichts dabei. Unruhig warte ich darauf, dass mein Assistent zurückkommt, und überlege mir schon, was ich ihm alles an den Kopf werfen könnte für den Fall, dass Liechtenstein keine Zeit hat. Es dauert ewig, bis er wiederkommt, aber da ich ihn ununterbrochen telefonieren höre, warte ich ab. Hab ja schließlich auch noch anderes zu tun. Glühweinstände buchen, zum Beispiel. Glühwein ist unglaublich wichtig für die deutsche Seele.

Endlich geht die Tür wieder auf. Ich sehe knurrig in Sörens Richtung. Dieses Mal ist er deutlich mutiger und tritt ganz in mein Büro. Er wirkt zufrieden mit sich.

„Herr Liechtenstein ist im fraglichen Zeitraum leider nicht frei, er ist auf Kur. Ansonsten würde er gerne den Weihnachtsmann für uns geben. Ich habe ihn für das nächste Jahr vorgemerkt!“, verkündet er fast eine Spur stolz. „Aber ich habe drei weitere Männer gefunden, die auf unser Anforderungsprofil passen und zur Weihnachtszeit gerne nach Deutschland kommen werden. Wir müssen Ihnen nur noch eine Unterkunft mieten, zusätzlich zur Gage natürlich. Und ihre Familien wollen sie mitbringen.“

Irgendetwas klingelt warnend in meinem Kopf. Unterbringung, Familien, Gage – hieß das nicht sonst immer Stundenlohn? Doch ich nicke – ich brauche Weihnachtsmänner. „Wer denn?“, frage ich und klinge wider Willens neugieriger, als gut für mich ist. Triumphierend sieht Sören mich an: „Da sind zum einen Dusty Hill und Billy Gibbons.“

„Wer?“, unterbreche ich verwirrt.

„Dusty Hill und Billy Gibbons. Das sind die beiden irren Typen von ZZ Top. Bessere Bärte gibt es nicht. Alt genug sind sie auch, beide 71. Deutsch können sie nicht, aber für „Ho, ho, ho“ wird es reichen. Und sie bringen ihre Instrumente und ein paar Musiker mit.“

Na bravo, Weihnachten mit Bluesrock. Ich weiß nicht recht, wie gut mir das gefällt, aber die Idee ist unzweifelhaft ganz neu und wird nicht so schnell Nachahmer finden. Die Frage, was die beiden alten Recken nebst Gefolge mich denn wohl kosten werden, verkneife ich mir. „Und wer ist der Dritte?“, frage ich deshalb und bemühe mich, sachlich distanziert zu wirken.

„Tom Kaulitz!“, kräht Sören zu meinem Entsetzen. „Der ist zwar weder dick noch alt, aber dafür bringt er seine entzückende Frau und alle Kinder mit. Die Frau habe ich als Engel und die Kinder als Elfen engagiert!“

Na bravo. Weihnachten mit Germanys first Waldschrat und der Mutter aller Topmodels, und das Ganze begleitet von Bluesrock. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber eines steht fest – die Sache wird Publikum anziehen. Und das werden wir dringend brauchen, bei dem was uns die Sache kosten wird. Trotz des zu erwartenden finanziellen Fiaskos bin ich merkwürdigerweise weihnachtlich-milde gestimmt und entschließe mich, meinem Assistenten eine Gehaltserhöhung zu genehmigen. Die hat er sich wirklich redlich verdient.

Zeit zum Teilen

Das Jahr ist irgendwie dahingeglitten, ohne Highlights, mit viel Pandemie-Gerede, Krankheit und Sorgen für Viele. Der Alltag eines jeden hat sich wohl irgendwie geändert. Und ehe man sich versieht, ist plötzlich Vorweihnachtszeit. Dekoration, Backen, Geschenke aussuchen und liebevoll einwickeln.

Und da sind sie wieder, die Sorgen für Viele. Denn nicht jeder hat das Geld für Geschenke. Nun könnte man natürlich sagen, was soll’s, schenkt man einander eben nichts, ist sowieso alles verschwenderischer Schwachsinn und Konsumterror. Aber erklärt das mal einem Fünfjährigen, dass der Weihnachtsmann nur zu den Nachbarn kommt. Oder einer Zwölfjährigen, die zwar schon gelernt hat, dass das Geld zuhause knapp ist, die aber trotzdem hofft.

Auch in diesem Jahr bemüht sich das Frankfurter Kinderbüro darum, dass möglichst jedes Kind zumindest ein schönes Geschenk bekommt. Trotz Corona-Einschränkungen und all den dazugehörigen logistischen Schwierigkeiten, die diese mit sich bringen, wurde eine Möglichkeit gefunden, Kinder zu beschenken. Wieder stehen Weihnachtsbäume oder Körbe mit Geschenkkärtchen in Geschäften und warten darauf, dass jemand sie mitnimmt und einen Kinderwunsch erfüllt. Dieses Jahr muss es etwas anders laufen, die Wünsche sind nicht so individuell wie in den letzten Jahren, doch alle Kinder sollen mit Spielen oder Büchern beschenkt werden können.

Auch in anderen Städten gibt es derartige Aktionen. Sogar in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gibt es inzwischen so einen Baum, der hilft, Kinderwünsche zu erfüllen. Ich würde mich freuen, wenn jeder, der es kann, sich eine oder auch mehr Karten vom Baum pflückt und mithilft, Kindern aus finanziell schwachen Kindern ein schönes Fest zu bereiten. Denn Weihnachten sollte auch ein Anlass zum Teilen sein.

Ich war heute in meiner Mittagspause unterwegs und habe Kärtchen gepflückt. Weil ich’s kann und weil es Freude macht.

Herbstküche oder: Mein Kürbis und ich

Letzte Woche habe ich mal wieder gekocht. Das tue ich öfter, also soweit, so unspektakulär. Ich habe mich aber mal an etwas versucht, das ich noch nie zuvor getan habe, oder zumindest nicht so: Ich habe einen Kürbis verarbeitet.

Gartenkürbis
Bild von Pixabay.

Ich hatte nicht zum ersten Mal in meinem Leben mit so einem Gemüse zu tun. Zuhause hatten wir Kürbisse im Garten und ich habe meiner Mutter ab und zu bei deren Verarbeitung geholfen. Damals hatten wir „gelbe Riesen“ im Garten, enorm dicke Kürbisse ohne Riffelung, die mit der Schubkarre ins Haus geschleppt und von meinem Vater teilweise mit grobem Werkzeug gespalten wurden. Ich wusste also, dass Kürbisse steinhart sind und sich gegen die Verarbeitung gerne wehren.

Ich wollte aber ja keinen gelben Riesen verwerkeln, sondern erwarb einen Hokkaido-Kürbis, der etwa 2 Kilo Gewicht hatte. Einen herbstlichen Gemüsekuchen wollte ich backen, mit einigen anderen Gemüsen dazu, und den Rest in eine Kartoffel-Kürbissuppe verkochen.

Herbstgemüse: rote Bete, Kürbis, Pilze, Zwiebeln, Zucchini

Ich begann also fröhlich zu werkeln. Zwei rote Beten hatte ich noch gekauft, Pilze und eine Zucchini für die Farbvielfalt. Zwiebeln sollten auch rein, wie immer. Ich legte mein Blech mit fertigem Pizzateig aus und schnippelte alles „Kleingemüse“. Sah schon mal gut aus, aber noch fehlte natürlich mein Kürbis. Ich wählte mein Messer und säbelte ihn an. Und säbelte. Und säbelte. Hmpf …

Die Sache erwies sich als schwierig. Nach und nach probierte ich all meine Messer durch, sägte mir mit der Juister Brötchensäge wieder einmal in den Finger, blutete dramatisch und werkelte weiter. Zwischendurch dachte ich an den Ausspruch meiner Mutter: „Diese Messer sind allesamt so stumpf, auf denen kann’ste mit’m nackten Arsch nach Bremen reiten!“ Zuhause kam in diesen Fällen immer mein Vater zu Hülf, der einen professionellen Schleifstein besaß und immer schnell Abhilfe schaffte. Mir half niemand ab. Aber nach und nach arbeitete ich mich vor und zerlegte einen halben Hokkaido in kleine Stückchen. Ich zweifelte übrigens an, dass man diese harte, pockige Schale tatsächlich mitessen kann, und schälte meinen Kürbis. Das ging mit einem einfachen Gurkenschäler überraschend gut. So vervollständigte ich also mein Gemüse für den Gemüsekuchen.

Herbstgemüse

Über das Gemüse kam eine Frei-Schnauze-Mischung aus Eiern, Schmand, Joghurt und Sahne – von Letzterem aber nur ein ganz bisschen, das war ein Rest und musste weg. Gewürzt wurde auch – mit einer Grundlage aus Gemüsebrühe sowie ein bisschen Dit und Dat. Das kam über das Gemüse. Und dann noch geriebener Cheddar – Käse ist für sowas ja immer sehr nützlich. Dann backen und immer wieder misstrauisch durch die Scheibe gucken, ob das wohl was wird.

Nach fast einer Stunde Backzeit kam mein Gemüsekuchen aus dem Ofen und war ziemlich genau so, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Ich aber war total erschossen vom Kampf mit dem Kürbis und vertagte das Suppekochen auf den nächsten Tag.

Und, was soll ich sagen, auch die Suppe gelang. Der Kürbis war erfolgreich verkocht und ich beschloss trotzdem, so ein Ding nie wieder zu kaufen. Viel zu viel Arbeit, da lobe ich mir doch den Blumenkohl! Und dann sah ich diese Woche im Fernsehen, dass man diese kleinen Kürbisse einfach vor dem Verarbeiten ein paar Minuten kochen soll, damit man sie besser schneiden kann – ach was? Wirklich? Warum hat mir das denn vorher keiner gesagt? Wenn das so ist, versuche ich das irgendwann nochmal – vielleicht nicht in diesem Herbst, aber im nächsten …

Ach so, und bevor ihr euch über meinen enormen Appetit wundert: Ich bin ja immer noch im Homeoffice, habe folglich keine Kantine mehr. Deshalb koche ich gerne etwas, das man gut einfrieren kann, sodass ich mir Mittags flott einen kleinen Snack nehmen kann und abends was koche oder aufwärme. So ein Stück Gemüsekuchen ist ein prima Mittagessen und eine Schüssel Herbsteintopf sättigt abends und macht die Seele schön warm. Das ist in diesen komischen Zeiten ja auch nicht unwichtig.

Kleine Flieger

Im Zuge meiner großen Fotowut in den letzten Tagen habe ich auch zwei kleine Flieger erwischt. Ich habe sie ja wirklich nicht gerne in der Wohnung, aber auf irgendwelchen Blättern finde ich sie ausgesprochen fotogen.

Wespen gab es kaum noch, als ich Anfang September mit meiner Schwester unterwegs war. Ich habe sie auch in diesem Sommer nicht so als Plage empfunden wie in den letzten Jahren. Das mag natürlich auch daran liegen, dass ich nicht so viel draußen war.

12 Quadratmeter

Im Schreibworkshop ging es um Erinnerungen. An irgendein Zimmer oder eine Örtlichkeit sollten wir zurückdenken. Nun ja – kein Problem:

12 Quadratmeter

12 Quadratmeter mitten im Haus. Wenn ich ins Bett musste, stand die Tür einen Spalt breit offen, ließ Licht und Geräusche hinein. Das Licht fiel auf Spielzeug auf dem braungemusterten Teppich, auf den kleinen Spieltisch und die winzigen, von den Cousinen geerbten Stühle. Die Geräusche kamen von meinen Eltern, meiner großen Schwester oder dem Fernseher. So wusste ich, dass sie da sind und brauchte mich nicht zu fürchten in meinem gelben 70er-Jahre-Bett.

Ach ja, das alte Bett. Es gehörte zu einem weiß-gelben Set an Möbeln: Kleiderschrank, Utensilienschrank mit Schreibklappe, Bett mit Bettkasten. Es war ein sogenanntes Jugendzimmer, nur dass es von so minderer Qualität war, dass es mein Jugendalter gar nicht erreichte. Die irrwitzige Mischung aus Sperrholz mit Plastikauflage hing bald schon an allen Ecken und Enden durch, brach und wackelte. Dabei war ich doch damals noch ein Fliegengewicht.

Im Kinderzimmer – sogar noch vor der Zeit der gelben Möbel. Der Puppenkoffer lud dazu ein, sich einfach platzsparend hineinzusetzen.

Als die dicken Schrauben, die mein Vater hineindrehte, nichts mehr halfen, wurde zuerst das Bett gegen eine grüngestreifte Liege ausgetauscht, die bei irgendjemandem übrig war. Dann wurden die Möbel ersetzt, die Liege bekam irgendjemand anderes, ich ein neues Jugendzimmer. 13 war ich da, und dieses Mal wurde ich sogar gefragt, was ich haben wollte. Es wurde rundum aussortiert: Lego und Kuscheltiere verschwanden auf dem Dachboden und das winzige Zimmer wurde mit Kiefernmöbeln vollgestellt. Größer wurde es dadurch nicht, und noch immer lag es mitten im Haus, im Erdgeschoss, in unmittelbarer Nähe zu meinen Eltern.

Selten blieb die Tür jetzt noch geöffnet, ich hatte sie lieber zu, sodass niemanden die Musik aus meinem Radiorecorder störte. Zwei Korbsessel hatte ich ebenfalls, nicht bequem, aber unheimlich erwachsen, mit Blick aus dem Fenster. Hier saß ich beim Lesen oder Stricken, sah ab und zu hinaus, wenn einer der Nachbarssöhne den großen Rasen gegenüber mähte oder wenn dort Fußball gespielt wurde. Irgendwann wurde auf diesem Grundstück ein Haus gebaut. Aber da war ich schon älter, meine ältere Schwester war ausgezogen und ich bekam ihr großes Zimmer im ersten Stock.

Mein kleines Zimmer, die 12 Quadratmeter mitten im Haus, wurden zum Büro und Gästezimmer. Damit war es eigentlich auch völlig ausgelastet.

Nachbemerkung: Ich habe tatsächlich – auch im Album meiner Schwester – kein Foto dieses weiß-gelben Kinderzimmer-Ungetüms finden können. Schade …