Spiel der Farben

Lilo starrte fassungslos an die Wand: Da war es, dieses Rot, dieses ganz besondere Rot, das sie seit über 35 Jahren suchte. Die ganze Wand war damit gestrichen, was für ein Luxus. Und das Unglaublichste war, dass auch die anderen drei Wände genau die richtigen Farben hatten.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie es gewesen war, als sie sie das allererste Mal gesehen hatte, diese besonderen Farben. Dieses wunderschöne, tiefe Rot, nicht knallrot, aber auch nicht burgunderrot, sondern einfach nur rot. Und dazu ein volles Grün, nicht knallgrün, sondern sattgrün, so als können man hineinspringen wie in ein dickes, moosiges Kissen. Rot und grün harmonierten perfekt mit dem braunsten Braun, dass sie jemals gesehen hatte, etwas brauner als Kastanien, aber weniger rot. Und dann gab es noch ein tiefes Lila, das alles zusammenhielt, ein dunkles Veilchenlila, das keinesfalls fehlen durfte. Rot, Grün, Braun und Lila waberten in sich langsam verändernden Formen hin und her, wunderschön anzusehen, beruhigend durch die langsame Bewegung und durch die Wärme, die sie verströmten.

So in etwa sieht das aus. Es wabert, und die Farben sind nicht ganz perfekt. Besser habe ich es aber nicht hingekriegt.

Ja, die Farben waren warm. Sie machten warm. Als Lilo sie das erste Mal sah, war sie fünf Jahre alt. Sie hatte die Masern und Fieber.

Lilo neigte dazu, Fieber zu bekommen. „Ein temperamentvolles Immunsystem“, nannte der Hausarzt das. „Das Kind ist empfindlich“, befand die Oma und die Mutter lief ständig nach dem Thermometer. Lilo fand das überflüssig, musste sie doch nur die Augen schließen, um zu wissen, was los war: Augen zu – dunkel – alles in Ordnung. Augen zu – verführerisch bunt – Fieber.

Und nun stand sie hier in dieser kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, in der sie die sechs Monate ihres Sabbaticals verbringen wollte. Sechs Monate, um endlich ihre fast fertige Doktorarbeit zu beenden und sich von ihrer schwierigen Scheidung zu erholen. Sechs Monate, ums sich zu finden.

Hinter sich hörte sie ihren Vermieter fluchen. „Ich hatte dem Maler gesagt, er solle den Wänden etwas Farbe geben, nicht einfach nur weiß streichen. Ich weiß nicht, wie er auf diesen Albtraum gekommen ist. Wir lassen das nochmal heller streichen – so wirkt der Raum ja total dunkel und viel kleiner, als er ist.“

Er hatte Recht, das Appartement, das eine Größe von rund 30 Quadratmetern hatte, wirkte durch die tiefen, dunklen Farben fast etwas höhlenartig. Und doch fühlte Lilo sich spontan wohl und geborgen, wie nach einem langen Winterspaziergang am wärmenden Kaminfeuer. Dieses Immer war genau das, was sie brauchte; Das tiefe, lebendige Rot, das zuverlässige Grün, das duftende Braun und dazu das Lila, dass ihre Seele zusammenhielt – das war genau das, was sie seit langem suchte.

„Mir gefällt es so“, sagte sie deshalb. „Zusammen mit den hellen Möbeln sieht es sehr gemütlich aus.“ Der Vermieter sah sie an, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf, zuckte aber leidenschaftslos mit den Schultern. „Wie Sie möchten“, meinte er nur und breitete den vorgefertigten Mietvertrag auf dem kleinen Ess- und Arbeitstisch aus.

Schon eine Woche später zog Lilo in die kleine Wohnung ein. Sie blickte aus dem Fenster in den Schnee und freute sich an ihrer warmen Wohnung. Ja, hier würde sie zur Ruhe kommen und endlich arbeiten können, dessen war sie sich sicher.

Blog-Geflüster in Meddis Nähkästchen

Radio, Mikrophon, MikrofonAm Montag kam ich mir mal wieder unglaublich wichtig vor: Denn ich war im Radio! Meddi Müller, der Frankfurter Krimiautor und Moderator von Meddis Nähkästchen, hatte mich eingeladen, bei ihm in seiner Sendung zu Gast zu sein. Sehr spannend – im Radio war ich noch nie!

Radio X ist ein kleiner Frankfurter Lokalsender, der seinen Sitz in Bockenheim hat. Werbefrei, unabhängig, eigenständig, leidenschaftlich – so lautet das Credo dieses kleinen Senders. Ich fuhr also in der Mittagspause dorthin, zutiefst neugierig und gespannt.

Das Studio ist klein, aber fein. Ich wurde eingewiesen und merkte mir, dass ich gehört werde, wenn mein Mikro rot leuchtet – dann also besster kein dummes Zeug mehr babbeln. Die Sendung wurde angesagt, es kam ein bisschen Musik und dann ging es los.

Der Beitrag wurde aufgezeichnet, wer gerne einmal reinhören möchte, kann das auf der Seite von Meddis Nähkästchen tun. Ich habe das natürlich auch schon getan und finde es wie immer komisch, mich zu hören – irgendwie spreche ich durch die Nase. Ich denke aber, dass man beim Hören auch merkt, wie viel Spaß mir diese Stunde im Radio gemacht hat (danke für die Einladung, Meddi ❤ ).

 

Fundstücke 63: Werbung aus der Hölle

Franken WC, BonnAuf diese Perle des Marketings machte mich mein guter Freund Harry aufmerksam: Es gibt ja Werbung, die ist wirklich schauderhaft. Ob das jemand lustig findet oder ob genau die schauerliche Wirkung beabsichtigt ist, kann ich mir manchmal nicht erklären.

Mobiltoiletten sind ja eine sehr nützliche Erfindung. Ich denke, niemand benutzt sie wirklich gerne, aber besser, als sich in die Büsche zu schlagen, sind sie allemal. Allerdings …

Die Werbung dieses Toilettenanbieters bringt es sicherlich fertig, das jeder Mensch, der ein solches Häusel nutzt, sich dabei unwohl fühlt. Denn was geschieht nun mit seinem Geschäft? Fragen Sie Franken WC:

Geflügeltes Erwachen

weißes Huhn

Bild zur Verfügung gestellt von Simone F., http://www.pixelio.de

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Denkt doch mal an ein Tier, das euch irgendwie ähnlich ist oder zu euch passt. Nun, ich dachte nach. Gazelle? Passt nicht. Elefant? Ist mir zu grau. Ein Fisch vielleicht – ein Harung, jung und schlank? Ne, dann doch lieber die olle Flunder, die wird am Ende wenigstens reich. Aber eine olle Schrulle – ne, das passt auch nicht auf mich, gar nicht. Und so krakelte ich frohen Mutes ein Federvieh in mein Heft.

Und dann kam der nächste Teil der Aufgabe: Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens in eurer Wohnung auf und seid dieses Tier – was macht ihr dann? Tscha … was nur?

Geflügeltes Erwachen

Ich habe immer geahnt, dass es irgendwann soweit kommen würde. Nicht umsonst nennt das Jungvolk bei uns im Büro mich manchmal Mutti. Und auch ich selber nenne mich so, man stelle sich das vor. Dabei habe ich doch gar keine Kinder und wollte auch nie welche haben. Irgendwann im Laufe meines langen Berufslebens ist es einfach passiert: Ich wurde zur Glucke, achtete laut gackernd auf meine Jungen und scharrte so manches Mal ungeduldig mit den Füßen. Meinen Hühnerhof, so habe ich ihn genannt, diesen schwer zusammenhaltbaren Wimmelhaufen, mit dem ich gearbeitet habe. Und nun habe ich den Salat.

Über Nacht sind mir Federn gewachsen, weiße mit einigen braunen Sprenkeln, und um die rosa Krallenfüße habe ich einen beeindruckenden, flaumigen Kranz. Der Kamm, der mir in letzter Zeit sooft geschwollen ist, leuchtet in kräftigem Rot, der Schnabel ist spitz und lässt sich weit aufreißen. Ich sehe kritisch in den Spiegel: Ohne Zweifel, ich bin kein normales Suppenhuhn, auch keine ausrangierte Legehenne, sondern irgendeine Prachtrasse. Mit mir könnte ein ambitionierter Geflügelzüchter ganz bestimmt Preise gewinnen. Trotzdem fühle ich mich nicht so recht wohl in meiner Hühnerhaut. Denn ich habe nichts anzuziehen. Ein Federkleid, gut und schön, aber das kann doch nicht alles sein. Ganz ohne irgendetwas aus meinem Schrank fühle ich mich nackt.

Außerdem finde ich mich unpraktisch. Zu kurze Beine, ein zu dicker Po. Gut, das war vorher auch nicht anders, aber jetzt ist es schon extrem. Und was bitte soll man mit Flügeln, wenn man nicht fliegen kann? Keine Arme haben, aber auch nicht fliegen können, das ist ganz schön bitter. Pinguine können wenigstens schwimmen, ich kann nicht mal das. Keine Frage, so ein Huhn hat es nicht leicht.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

Den Kühlschrank kriege ich so auch nicht auf. Wie gut, dass der große Wandschrank immer offensteht – es leben die schlechten Gewohnheiten. Hat mal einer einen hühnergeeigneten Dosenöffner? Ich verwerfe den Gedanken an Dosenravioli und öffne eine Packung Kekse. Eigentlich bin ich ja kein Süßfrühstücker, aber es hilft ja nichts. Süßfrühstücker – ein komischer Begriff übrigens. Was soll man denn von Leuten halten, in deren Gattungsbezeichnung drei „ü“ vorkommen? Dan doch besser Prunkhuhn mit zwei „u“ – das klingt deutlich seriöser.

Diese und andere unsortierte Gedanken ziehen durch mein Hühnerhirn. Nach dem zweiten Keks fällt mir auf, dass die Zeit der gemütlichen Sonntagsfrühstücke jetzt wohl endgültig vorbei ist. Denn zu einem ordentlichen Feiertagsfrühstück gehört für mich ein Ei, oder noch besser zwei. In meinem jetzigen Zustand wage ich kaum daran zu denken.

Ein weiterer Gedanke erschüttert mich: Im Kühlschrank sind noch Eier, mindestens vier. Ob ich versuchen sollte, sie auszubrüten? Aber nein, den Kühlschrank kriege ich ja nicht auf. Sind ja auch nicht meine Eier, zumindest nicht so richtig. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Erst mal noch ein Keks, und dann mal weitersehen.

Wintertiere

Lange hatte ich nicht mehr auf die estnische Seite mit den Webcams geguckt – ich dachte, da gibt es im Winter ohnehin nichts zu sehen. Doch weit gefehlt – auch im Schnee hat Estland einiges an Getier zu bieten. Am besten gefällt mir die Kamera an der Vogelfutterstelle – da ist immer was los. Das heißt, fast immer. Manchmal verlassen alle Flatterviecher schlagartig den Platz und kommen minutenlang nicht wieder – vielleicht ist dann ein Raubvogel oder eine Katze in der Nähe?

Webcam, Vögel, Meisen, Elster, Specht, Spatzen, Tauben

Mein Liebling ist übrigens der kleine Specht. Und die Tauben sind Krawallschachteln – die können nicht abwarten und drängeln furchtbar herum. Naja, was kann man auch von jemandem erwarten, der sich mitten ins Essen setzt?

Abends ist es dunkel an der Futterstelle. Dann kann man allerdings gucken, ob bei den HIrschen was los st. Oft tut sich stundenlang nichts. Dann hört man plötzlich ein leises Klappern, weil die Herren mit ihrem Kopfschmuck nicht klarkommen und einander anstoßen. Dann wird gefressen, und manchmal auch gerangelt.

Webcam, Hirsche, Futterstelle

Wer es ganz geruhsam mag oder sich schon immer ein Aquarium gewünscht hat, kann auch bei der Forellenkamera vorbeigucken. Da passiert wirklich wenig, aber irgendwie ist es entspannend, sich das wenige anzugucken, während man Socken strickt.

Forellen, Webcam

Auf Schakale oder Luchse habe ich bislang vergeblich gewartet, die sind wohl eher nachtaktiv. Vielleicht bin ich auch zu ungeduldig. Allerdings scheint bei den Luchsen des Öfteren die Sonne – und das ist bei der derzeit tristen Wetterlage ja auch etwas Schönes.

Webcam, Wald, Sonne

 

Einfach mal nicht einkaufen gehen

In solchen kurzen Wochen wie dieser ersten Januarwoche bin ich immer irgendwie durcheinander. Ich weiß nicht, welcher Wochentag ist, vertausche Termine und fühle mich unorganisiert. Am meisten aber irritiert mich, wie schwer es mir fällt, von meinen ausgeleierten Routinen abzuweichen. Zu Beispiel der, zum Wochenende einkaufen zu gehen.

Sie lesen jetzt ein Gespräch zwischen mir und meiner Vernunft, aufgezeichnet gestern. Im Laufe des Tages wiederholte sich dieser Dialog unzählige Male mit leichten Abwandlungen.

Ach, schön, heute Nachmittag habe ich keine Termine, da mache ich früh Feierabend und gehe noch auf den Wochenmarkt.

Was willst du denn auf dem Wochenmarkt?

Ja, einkaufen halt. Dann muss ich morgen nicht los.

Freu dich, du musst gar nicht einkaufen, es ist noch von allem genug da. Juhu, Juhu!

Hä? Es ist Wochenende. Da kaufe ich immer ein.

„Ich mache das immer so“ ist kein Argument. Denk dran, du willst sparen und nichts wegwerfen.

Ja aber … ich MUSS doch Lebensmittel einkaufen …

Es ist wirklich noch genug da – du hast immer noch Reste von Silvester, frisches Obst und Tomaten sind noch da und der Tiefkühler ist auch voll! Du hast sogar Gurken, Oliven und Perlzwiebeln im Kühlschrank. Und im Bücherregal liegt eine Packung Stollenkonfekt.

Im Bücherregal? Ach was. Aber ich muss doch Brot holen. Ich kaufe gerne bei dem Bäcker auf dem Wochenmarkt.

Du hast gestern schon Brot gekauft, weil keines mehr da war. Das reicht mindestens bis Dienstag.

Hmmm … ich werde verhungern!

So siehst du aus, Moppel! *lol*

Lach nicht so blöd. Bist du dir sicher, dass alles da ist? Mittagessen?

Im Tiefkühler ist noch reichlich Eintopf. Und Nudelsoße. Erinnerst du dich, vor Weihnachten meintest du auch, du müsstest einkaufen, und dann konntest du gar nicht alles verbrauchen. Die Reste hast du zu Soße verkocht, die kann gerne irgendwann gegessen werden.

Hmmm … eigentlich wollte ich Pizza machen.

Es ist alles da für Pizza. Sogar fertig geschnittene Zwiebeln. Vom Raclette übrig, du erinnerst dich?

Hmmm … na gut. Dann spare ich ja richtig Zeit.

Siehste!

Aber vielleicht hätte ich gerne ein Fischbrötchen für heute Abend?

Na gut, Fischbrötchen zum Sofortverzehr ist erlaubt. Aber fang dann nicht an, rumzulaufen und noch Sachen zusammenzusuchen. Du BRAUCHST nichts. Auch nichts vom Feinkoststand!

Nicht mal ein Stück Kuchen zum Tee?

Zum Tee, oder zum Fischbrötchen? Wann willst du das denn alles essen? Kuchen ist gestrichen, für kulinarische Notfälle hast du noch Lebkuchen in der orangen Tupperdose. Und eine Maxipackung Gewürzspekulatius im Schrank! Und Schapspralinen …Muss ich weiterreden?

Ach, halt doch den Rand!

 

Nachtrag: Als ich am Wochenmarkt ankam, gab es keinen Fischbrötchenwagen. Da ich kein Mittagessen hatte, verfiel ich kurzfristig in Depressionen, entschied mich dann aber für Aprikosenkreppel. Außerdem gab es zwei Brezel, die ich mit den diversen Resten aus meinem Kühlschrank kombinierte. Nicht ganz perfekt vielleicht, aber ich bin zufrieden. Und heute gibt es Eintopf aus dem Tiefkühler. Hach, was bin ich vernünftig!

Weihnachtliche Strickparade

Wieder war ich in den letzten Monaten des Jahres fleißig und fummelte allerhand an Socken zusammen. Zu Weihnachten gab es vier Paare Socken – leider habe ich vergessen, das letzte zu fotografieren. Das war nämlich noch brandheiß, als es verschenkt wurde – bis nachmittags hatte ich daran gestrickt.

Insgesamt drei Mal gab es Größe 40/41, das große Paar in der Mitte ist Größe 48 – da muss man die bunte Verlaufswolle immer mit ein wenig einfarbiger Restewolle aufstocken. Das blaue Garn passt schön zur blau-grünen Opal-Wolle. Richtig verliebt habe ich mich in die kunterbunte Regia-Wolle, die mit schwarz kombiniert wirklich gut aussieht – aus ihr machte ich zwei Paare Socken und ein Paar Stulpen. Letztere für mich 🙂

Stulpen waren übrigens der Renner in dieser Wintersaison, insgesamt strickte ich bislang vier Paare, das fünfte ist in der Mache. Früher fand ich diese fingerlosen Handschuhe ja immer blöd, ihr Nutzen erschloss sich mir nicht so recht. Inzwischen trage ich sie sehr gerne, wenn es nicht ganz kalt draußen ist, der Wind einem aber unangenehm in die Jackenärmel pustet.

Aus dem dunkleren Garn entstanden zwei Paare, die sich aus einem Knäuel machen ließen – optimale Materialausnutzung. Eine Neuentdeckung sind die kleinen, silberfarbenen Stanzteile, die es wirklich für einen Appel und ein Ei im Mischbeutel bei Amazon zu kaufen gab. Mit ihnen kennzeichne ich den rechten und den linken Handschuh. Bei den ersten Modellen nahm ich dafür Knöpfe, was auch geht, aber für meinen Geschmack nicht ganz so hübsch wird.

Noch sind ein paar Tage frei, bis es wieder an die Arbeit geht. Ich bin noch voll beschäftigt und voller Pläne, was das Strickprogramm angeht. Demnächst mache ich mich mal wieder an was Größeres – irgendwie müssen die ganzen Reste ja verarbeitet werden.

 

Nachtrag: Gerade kam tatsächlich ein Tragefoto der Karosocken bei mir an 🙂 Ladies and Gentlemen, we proudly present: Petras buntbesockte Füße

 

Weihnachten kann kommen!

Es ist vollbracht: Alle Geschenke sind besorgt und größtenteils eingepackt, die Reise nach Norddeutschland ist bewältigt, der vorweihnachtliche Stresslevel durch viel zu viele Versuche, in diesem Jahr noch die Welt zu retten, sinkt allmählich. Sogar der Kartoffelsalat für Heiligabend ist schon vorbereitet. Ganz traditionell a la Mama: mit Mayonnaise, Zwiebel und viel Gurke.

Weihnachten kann also kommen. Ich wünsche allen Lesern von Meikes bunter Welt ein tolles Fest und eine erholsame Zeit. Und natürlich, dass der Weihnachtsmann euch nicht vergisst!

96 Säckchen

Adventskalender

Adventskalender, Bild zur Verfügung gestellt von Maria Bosin, http://www.pixelio.de

Tanja konnte sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben eine so schlechte Laune gehabt zu haben. Sie saß an einem Tisch, der über und über mit Kleinkram bedeckt war: Süßigkeiten, Spielzeug, Radiergummis, dazu fast 100 kleine Säckchen, Schleifenband und Papier. Das war es aber nicht, was sie so übellaunig werden ließ. Der Grund dafür lag darin, dass sie alleine davorsaß.

Schon oft hatte Tanja sich dafür verflucht, dass sie vor 12 Jahren den Übermüttern auf den Leim gegangen war: Übermütter, das waren die, die sich in Krabbelgruppen und Foren ständig darüber ausließen, was sie alles selber machten, anstatt es zu kaufen, und wie gesund sie ihre Familie ernährten, ohne auf industriell produziertes Gift zurückzugreifen. Und natürlich, wie sehr sie doch auf ihre kleinen Kinder eingingen. Kinderorientiert bis zur Selbstaufgabe, das galt als schick. Ganz hatte Tanja sich diese Philosophie nie zu eigen gemacht, doch es war für sie selbstverständlich, für ihren erstgeborenen Sohn Patrick den jährlichen Adventskalender selber zu füllen. Drei Abende hatte sie damit verbracht, 24 hübsche Säckchen zu nähen. Einen weiteren, um einen Besenstiel so auszurüsten, dass man die Säckchen daran befestigen konnte. Natürlich füllte sie nicht nur Schokolade hinein, das war ungesund und fantasielos. Nein, sie machte sich Gedanken und besorgte 24 hübsche Minigeschenke. Und es machte ihr Freude.

Drei Jahre nach Patrick kam Sophie. Auch sie bekam einen selbstgenähten, selbstgefüllten Adventskalender. Auch Alexander, noch zwei Jahre jünger, bekam solch ein Modell und ebenfalls das Nesthäkchen Isabell. 96 Säckchen galt es nun jedes Jahr zu befüllen, und nicht nur das: 96 kleine Dinge galt es zu besorgen. Sie mussten zum Alter der Kinder passen, vergleichbar sein – nicht, dass einer gefühlt mehr oder, noch schlimmer, weniger bekam. Außerdem mussten die Sachen der aktuellen Mode entsprechen und sich in die kleinen Beutelchen stecken lassen. Zu weit rausgucken sollten sie auch nicht, sonst wusste man ja schon vorher, was es an dem Tag geben würde, und das war doof, fanden die Kinder. Und das fand auch Nils, der Vater der Bande, der sich zwar beim Füllen der Adventskalender vornehm zurückhielt, aber trotzdem eine Meinung dazu hatte.

Anfang November hatte Tanja vorgeschlagen, in diesem Jahr auf die selbstgefüllten Kalender zu verzichten und stattdessen für jedes Kind das Wunschmodell zu kaufen. Diese Idee hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei Nils. Das sei doch Tradition, hatte er gemeint, und auf so eine eingeführte Familientradition könne man doch nicht einfach verzichten. Tanja hatte gemault, sie hatte so viel zu tun im Moment und es dauerte ewig, all die kleinen Geschenke zu besorgen, die hinterher ohnehin nur überall rumliegen würden. Nils aber hatte sie überredet, er würde ihr natürlich helfen. Sie würden sich ein paar nette Stunden machen mit einem schönen Glas Rotwein und guter Musik, es würde ein Abend voller Zweisamkeit werden. Jeder zwei Kalender, das war doch fix gemacht. Tanja hatte sich mal wieder breitschlagen lassen. Und nun saß sie hier alleine.

Schon gestern hatten sie sich gemeinsam an die Arbeit machen wollen. Doch da hatte Nils unbedingt bei seinem Freund Ulrich helfen müssen, der in Kürze umziehen wollte und die Wohnung noch nicht fertig hatte. Es eilte, der Umzug sollte schon Anfang Dezember sein. Tanja hatte das eingesehen, war doch Ulrich jemand, der auch immer da war, wenn man ihn brauchte. Und heute musste Nils ganz plötzlich lange arbeiten, hatte eine Schicht von einem Kollegen übernommen, von dem Tanja noch nie zuvor gehört hatte. Warum er unbedingt hatte einspringen müssen, hatte er Tanja nicht erklärt – er hatte einfach feige eine Nachricht auf ihr Handy geschickt. Und so saß sie also hier und kochte innerlich.

Als die Kinder im Bett waren, konnte sie endlich anfangen. Neun Uhr war es geworden, schließlich waren die Großen in einem Alter, in dem man sie nicht mehr einfach um acht ins Bett schicken konnte. Kurz hatte Tanja überlegt, die ganze Aktion einfach abzublasen, doch die erwartungsvollen Augen der Kleinen, die sich gegenseitig die Haken in ihren Zimmern, an denen die Kalender jedes Jahr aufgehängt wurden, gezeigt hatten, hatten sie davon abgehalten. Sie öffnete die große Flasche Rotwein, die Nils vor einigen Tagen mitgebracht hatte, und schenkte sich ein großes Burgunderglas ganz voll. Diesen Wein würde sie heute austrinken, an diesem Abend voller Einsamkeit.

Tanja begann zu werkeln. Zuerst der Kalender für Isabell. Das war der Einfachste, schließlich war ihre Kleinste erst vier. Sie liebte kleine Tiere zum Spielen, und Tanja hatte ein hübsches Sortiment Tierchen besorgt. Ab und zu packte sie auch eine Süßigkeit, ein Mini-Shampoo oder eine hübsche Zopfspange in ein Säckchen, damit es etwas Abwechslung gab. Die Giraffe und der Elefant passten nicht in einen der kleinen Beutel, sodass sie sie in Weihnachtspapier packte und so weit hineinstopfte, wie es eben ging.

Weihnachtsmarkt Mölln

Weihnachtsmarkt in Mölln am 3. Adventswochenende

Als der erste Kalender fertig war, schlich Tanja sich auf Socken ins Zimmer der schlafenden Isabell und hängte ihn vorsichtig an die vorgesehenen Haken. Beim Hinausgehen trat sie auf einen Legostein. Den Schmerzensschrei konnte sie gerade noch unterdrücken und tröstete sich damit, dass sie in die Küche humpelte und die Rotweinflasche mit ins Wohnzimmer nahm. Ihr großes Glas war fast leer, das war heute ein unhaltbarer Zustand.

Nach und nach arbeitete Tanja sich durch den Haufen an Kleinkram, füllte Säckchen um Säckchen. Sie wickelte glitzernde Stifte ein, quälte sich mit Mini-Spielen ab, die partout in keines der Säckchen passen wollten, und trat versehentlich auf eine heruntergefallene Nougatkugel, die natürlich eine Schweinerei anrichtete. Den Wein erledigte sie so nebenbei. Irgendwann hatte sie das Gefühl, dringend eine Gleitsichtbrille zu benötigen, denn die kleinen Bänder zum Verschließen der Beutel verschwammen vor ihren Augen und sie hatte ein Problem damit, hübsche Schleifen zu schnüren. Bei Patricks Kalender vergaß sie beinahe dessen Nussallergie. Rabenmutter, schalt sie sich, während sie einige Säckchen wieder auffummelte, um die Süßigkeiten auszutauschen. Sie hatte keine Lust mehr.

Als sie den letzten Kalender in Sophies Kinderzimmer aufhängte, schmerzte ihr Nacken und sie war todmüde. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es schon weit nach zwölf war. Von Nils keine Spur. „Ein Abend voller Zweisamkeit“, dachte sie bitter und ging zu Bett. Als ihr Mann zwei Stunden später kam, hörte sie ihn zwar, gönnte ihm aber keinen Gruß zur guten Nacht.

Am nächsten Morgen war Tanjas Stimmung nicht besser geworden. Der Liter Rotwein schien sich in ihrem Kopf gesammelt zu haben und schwappte dort herum. Sie war froh, als die Kinder endlich alle aus dem Haus waren und überließ es Nils, die Kleine in den Kindergarten zu bringen. Sie hatte heute frei. „Zum Glück“, dachte sie und rieb sich den schmerzenden Kopf. Das Gespräch mit ihrem Mann, der sich keiner Schuld bewusst zu sein schien, vermied sie.

Erst, als Nils sie ansprach, brach aller Zorn aus ihr heraus. „Einen schönen Abend? Ob ich einen schönen Abend hatte, fragst du mich? Spinnst du jetzt total? Ein Abend voller Zweisamkeit, ja, super, die Weinflasche und ich. Das war echt toll. Sonst noch Fragen?“ Nils wirkte aufrichtig verwirrt. „Rotwein? Gestern? Was war gestern?“ Sie sah, dass er in seinem Gedächtnis verzweifelt nach dem Anlass für ihren Ärger und ihre plötzliche Trunksucht suchte und schüttelte fassungslos den Kopf. „Na super. Du wolltest zwei Adventskalender packen, Familientradition, du erinnerst dich? Wann wolltest du das denn wohl tun, wenn nicht irgendwann Ende November? Vielleicht kurz vor Rosenmontag?“ Jetzt zeigte sein Gesicht den Ausdruck eines schlechten Gewissens. „Ach du Schande, das habe ich ja ganz vergessen. Das tut mir leid.“ Tanja schnaubte. „Ja, mir auch. Wie schön, dass du immer für alle da bist. Für Ulrich, für diesen unbekannten Kollegen, für deine Mutter und den Nachbarn von gegenüber. Nur für deine Familie, diese zufällige Zusammenrottung von einer Frau und vier Kindern, bist du nie da. Danke, ich hab’s gemerkt.“ Damit tat sie ihm unrecht, das wusste sie, aber in der letzten Zeit hatte sie sich oft allein gefühlt. Immer wieder saß sie mit den Kindern am Abend zuhause, während Nils arbeitet, zum Sport ging oder irgendwo irgendwas erledigte. Hier gab es auch allerhand zu erledigen, aber das schien er vergessen zu haben. Und Zeiten, die sie einfach als Paar verbrachten, gab es gar nicht mehr.

Nils merkte, dass er in Ungnade gefallen war, und versuchte sich dünn zu machen. Er musste erst ab mittags arbeiten und drückte sich bis dahin in der Garage herum, wo er lautstark etwas werkelte. „Er erledigt was“, dachte Tanja missgestimmt und beschloss, selber einfach nichts zu erledigen. Eigentlich kochte sie zu Mittag, wenn sie nicht arbeiten musste, doch heute würde sie für sich und die Kinder Pizza bestellen. Sollte ihr illoyaler Ehemann sich doch eine Stulle zum Mitnehmen schmieren – sie war schließlich nicht seine Köchin.

Auch am nächsten Tag war Tanja nicht versöhnt. Dieses Mal gab es etwas zu Essen, sie hatte sogar extra für Nils gekocht: Rosenkohlauflauf. Ihr Mann hasste Rosenkohl, doch er traute sich nicht, zu meckern. Tanja weidete sich an seinem angewiderten Gesichtsausdruck und genoss ihre Rache. Nils würgte sein Essen hinunter und sah aus wie ein getretener Hund.

Die nächsten Abende verbrachten beide zuhause, aber getrennt. So ein Einfamilienhaus kann sehr groß sein, wenn man einander nicht begegnen will.

Nach einigen Tagen Kälte und Schweigen schluckte Tanja ihren Ärger herunter und bemühte sich, das Verhältnis zu ihrem Mann zu normalisieren. Es war ja lächerlich, ihre Ehe wegen so einer Kleinigkeit aufs Spiel zu setzen. Und doch wusste sie, dass diese Sache keine Kleinigkeit gewesen war. Es hatte ihr gezeigt, wie verlassen sie sich oft fühlte und wie wenig ausreichte, um sie gegen ihren Mann aufzubringen. Es war nicht mehr wie früher, als sie einander alles verziehen und nach einem Streit ausgiebig Versöhnung feierten. Sie konnten ja nicht einmal mehr richtig streiten. Wie sollte das denn gehen, wenn man auf vier kleine Kinderseelen Rücksicht nehmen musste?

silberne WeihnachtskugelSie verbrachten eine Weihnachtszeit in gekünstelter Harmonie. Tanja und die Kinder backten Kekse, die Nils mit den Kleinen bunt verzierte, als er von der Arbeit kam. Sie suchten gemeinsam einen Baum aus und kauften zum ersten Mal nach 15 Jahren neuen Baumschmuck. Beim Putzen des Baumes lachten sie miteinander und es war fast ein wenig wie früher. Sogar „Der kleine Lord“ sahen sie sich an, die ganze Familie, tranken dazu einen selbstgebrauten Punsch und aßen von den selbstgebackenen Weihnachtskeksen. Es war schön und Tanja fasste wieder Hoffnung.

Die Weihnachtsfeiertage vergingen wie im Flug mit Bescherung, viel zu viel gutem Essen und Verwandtenbesuchen. Tanja freute sich an ihrer Familie, denn die Kinder waren allesamt glücklich und zufrieden, spielten mit ihren Geschenken und miteinander, stritten nicht und waren die ganze Zeit so ausgeglichen und wohlerzogen, dass es schon fast kitschig wirkte. Nils beschäftigte sich viel mit ihnen, half beim Aufbau der neuen Lego-Sachen, spielte X-Box mit Patrick und las Bücher vor. Keine Frage, er war ein guter Vater, wenn er sich die Zeit dafür nahm. Tanja liebte ihn dafür und spürte, dass noch nicht alles verloren war.

Dann, direkt nach Weihnachten, ging es wieder los: Nils verschwand des Abends mit nichts als der schwammigen Erklärung „Bin bei Ulrich“ oder „Ich gehe laufen.“ Und dann lief er fünf Stunden lang. Tanja war davon alles andere als begeistert, sagte aber nichts. Sie hatte früher eine Tante gehabt, die das Musterbeispiel einer ständig nörgelnden Ehefrau gewesen war – so wollte sie auf keinen Fall werden. Lieber biss sie die Zähne zusammen und schwieg.

Silvester verbrachten sie bei Freunden, die ebenfalls Kinder hatten. Es wurde nicht besonders spät, doch da sie früh aufgestanden war und vormittags gearbeitet hatte, war Tanja rechtschaffen müde und schlief ein, kaum dass ihr Kopf das Kissen berührte. Sie wurde wach von aufgeregten Kinderstimmen und der tieferen Stimme von Nils, die immer wieder beruhigend zu hören war. „Psst, leise, die Mama schläft noch. Finger weg, Isa, das ist nicht für dich, das ist für Mama. Aber keine Sorge, für euch ist sicher auch was dabei. Finger weg, habe ich gesagt!“

Neugierig geworden stand Tanja auf, zog den Bademantel über und trat auf den Flur. Dort blieb sie verdutzt stehen: Denn an der Wand im Flur hingen 12 Besenstiele, an denen jeweils eine Menge Päckchen hing. Darüber klebten Schilder mit Monatsnamen. Ihr Mann und die Kinder standen davor, und Nils hielt die Hände der kleinen Isabell fest, die sich wie immer die Dinge mit den Fingern ansehen wollte. Fragend sah Tanja ihren Mann an: „Was ist das denn?“ Er sah sie gleichzeitig verschämt, aber auch verschmitzt an und erklärte es ihr: „Das ist dein Adventskalender. Er geht allerdings bis Silvester. Heute darfst du das erste Päckchen aufmachen.“ Der siebenjährige Alexander mischte sich ein: „Da hinten ist der Januar“, krähte er und wies aufgeregt mit dem Finger auf einen der Besenstiele. Tanja trat davor und suchte mit den Augen die Eins. Etwas mühsam fummelte sie das kleine Päckchen ab und öffnete es. Darin war ein Zettel: „Gutschein für ein Mal essen gehen mit deinem lieben Mann am nächsten Samstag. Ulrich passt auf die Kinder auf, ein Tisch bei Pedro ist reserviert.“ Tanja strahlte und fiel ihrem Mann um den Hals. Dann blickte sie sich im Flur um. Ungläubig sah sie ihren Mann an: „Hast du all diese Päckchen gepackt?“ Er nickte. „Ja, habe ich. Bei Ulrich im neuen Hobbyraum. Er hat mich allerdings hier und da beraten.“ Tanja musste lachen, denn wie die Beratung des überzeugten Singles ausgesehen hatte, konnte sie sich gut vorstellen. Dann aber wurde sie ernst. „Danke“, sagte sie und schluckte ein wenig. „Ich danke dir“, antwortete er und guckte dabei komisch verliebt. „Können wir noch eins aufmachen?“, fragte Isabell, die auch bei ihren eigenen Adventskalendern am liebsten immer alle Säckchen am ersten Dezember geöffnet hätte.

Adventskalender, kleine Stiefel

Genau so einen Advebtskalender hatte ich früher auch! Bild zur Verfügung gestellt von Martin Schemm, http://www.pixelio.de

Im Laufe der nächsten Monate wurden alle Päckchen geöffnet. Sie enthielten kleine Süßigkeiten, Geschenke und Gutscheine, die alle pünktlich eingelöst wurden. Jeweils am Freitag, dem 13. fand Tanja eine Niete: Einmal einen grässlich schmeckenden Magenbitter und einmal eine geblümte Unterhose mit halbem Bein. Sie verzichtete darauf, diese zu tragen, drohte Nils aber damit, sich in diesem Gewand im Garten sehen zu lassen. Und auch die Kinder gingen nicht leer aus, denn immer wieder fand Tanja Gutscheine für gemeinsame Familienaktivitäten. Sie gingen zusammen ins Spaßbad und in den Zoo, lernten neue Spiele und hatten eine gute Zeit miteinander.

Schon im Sommer beschlossen Tanja und Nils, dass der Jahres-Adventskalender sich bewährt hatte. Für das nächste Jahr würden sie sich das Päckchen packen teilen: Jeder sechs Monate. Denn das, da waren sie sich sicher, war wirklich schnell gemacht und lohnte sich auf jeden Fall.

Raum-Zeit-Verschiebung

Dieses Mal gab es im Schreibworkshop als Inspiration ein Zitat eines kleinen Mädchens, das unsere Dozentin in der Straßenbahn aufgeschnappt hatte: „Heute wär‘ morgen, das ist so bei mir“, sagte das Kind. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Raum-Zeit-Verschiebung

„Wie jetzt, das verstehe ich nicht!“ Lara strich sich verwirrt über die Stirn. Jochen versuchte es noch einmal.

„Pass auf, das ist doch ganz einfach: Du schreibst deine Doktorarbeit in New York, das ist, von hier aus gesehen, etwa sechs Stunden zurück. Können auch sieben sein, irgendwie so um den Dreh. Und ich gehe für zwei Jahre nach Melbourne, das ist etwa sieben Stunden vor uns, im Sommer sogar acht. Du weißt doch, die haben da immer als erstes ihr Silvesterfeuerwerk. Du reist zurück, ich nach vorne. Und zu bestimmten Uhrzeiten ist bei dir heute, bei mir morgen.“

Uhr, Zeit, Dampfwalze, Deformation

Bild zur Verfügung gestellt von Rainer Sturm, http://www.pixelio.de

„Oder umgekehrt?“, fragte Lara verunsichert und zog ein Gesicht. „Kann bei dir auch heute sein, wenn bei mir schon gestern ist?“

Jochen nickte beifällig – endlich hatte sie es verstanden. „Genau das, meine Süße. Wir trennen uns also nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich voneinander.“

„Eine Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum – dass es sowas tatsächlich gibt, habe ich nicht gewusst. Darüber muss ich nochmal nachdenken.“

Jochen schmunzelte. Wenn seine Freundin über etwas nachdachte, kam zumeist etwas Wirres dabei heraus. Aber was sollte man auch erwarten von einer Frau, die bald ihren Doktor in angewandter Philosophie schreiben würde? Süß war sie, und lieb noch dazu, das reichte ihm.

Lara grübelte. Irgendetwas stimmte nicht. „Du, Jochen? Wenn bei dir heute ist und bei mir gestern, heißt das dann: Bei mir ist noch gestern oder bei mir ist schon gestern?“

Jochen stutzte. Das war in der Tat einen Gedanken wert. Er analysierte das Problem mit dem kühlen Verstand eines Wissenschaftlers und kam zu dem Schluss, dass es „noch“ heißen müsste – der Wochentage wegen. Aber das würde er Lara jetzt nicht erklären – das war ihm zu anstrengend.