Kleine Flieger

Im Zuge meiner großen Fotowut in den letzten Tagen habe ich auch zwei kleine Flieger erwischt. Ich habe sie ja wirklich nicht gerne in der Wohnung, aber auf irgendwelchen Blättern finde ich sie ausgesprochen fotogen.

Wespen gab es kaum noch, als ich Anfang September mit meiner Schwester unterwegs war. Ich habe sie auch in diesem Sommer nicht so als Plage empfunden wie in den letzten Jahren. Das mag natürlich auch daran liegen, dass ich nicht so viel draußen war.

Kleine Flieger und zwei Krabbelviecher

Der Sommer verschwindet allmählich und die kleinen Flieger, die manchmal so lästig und doch so nützlich sind, werden langsamer und irgendwie müde. Ich gestehe ja ehrlich, dass ich gerade im Spätsommer gut auf die kleinen Kerlchen verzichten könnte – besonders, wenn sie penetrant um mich herumsurren und sich unbedingt in meinem Glas ertränken wollen.

Biene, Blüte

Ich verstehe das gar nicht – Blüten sind doch viel attraktiver. Und ungefährlicher auch, nicht zuletzt, weil man als Fluginsekt da deutlich weniger Gefahr läuft, einen Schuh auf den Kopf zu kriegen. Kaffeetische sollten für nicht eingeladene Gäste generell tabu sein.

Die beiden Wespen oben fand ich auf meinem Weg von der Arbeit zum Bus. Der ganze lila Strauch scheint ein Wespenparadies zu sein, es wimmelt direkt von ihnen. Die Blüten waren so interessant, dass ich ziemlich in Ruhe knipsen konnte. Das war bei dieser Biene, beheimatet im norddeutschen Greetsiel, schon schwieriger.

Und zu guter Letzt noch etwas anderes: Aus irgendeinem Grund erinnert mich diese Hibiscusblüte an ein Karussell – ein Ameisenkarussell. Ich hoffe, die Mädels hatten Spaß – man kann ja nicht immer nur arbeiten.

Keine Gefangenen

Diese Geschichte ist nicht autobiografisch – zum Glück, denn sonst hieße ich Lydia. Alle Figuren sind erfunden. Der zugrunde liegende Vorfall passierte jedoch einer Kollegin, die uns vor Jahren genau beschrieben hat, wie sie sich dabei gefühlt hat. Mich hat das damals tief beeindruckt und ich hoffe, meine Wiedergabe ist annähernd realistisch.

Keine Gefangenen

Biene oder Wespe? Fragend betrachte ich den Gast, der sich in meiner Topf-Gerbera auf dem Fensterbrett tummelt. Pelzig und schwarz-gelb. Bienen sind Nutztiere, Wespen Feinde. Hinterhältig und gemein. Und lebensgefährlich, zumindest für mich. Ihre bloße Anwesenheit ist eine Bedrohung, die mich zwingt, in den Sommermonaten stets aufmerksam zu sein und niemals ohne mein Notfallset das Haus zu verlassen. Und die mich seit zwei Jahren dazu bringt, regelmäßig ein stark abgeschwächtes Gift in meinen Körper pumpen zu lassen. Die Spritzen tun weh, sorgen für Schwellungen und sollen mein Überleben wahrscheinlicher machen, sollte ich wieder einmal von so einem stechwütigen Biest angegriffen werden. Denn nicht immer hat man so viel Glück, wie ich es damals vor zwei Jahren hatte.

"Wespe", Bild von Baldhur aus den Wikipedia Commons

„Wespe“, Bild von Baldhur aus den Wikipedia Commons

Wir waren in heiterer Stimmung gewesen an diesem Sommernachmittag. Kaffee und Pflaumenkuchen, dazu muntere Mädchengespräche. Vier Freundinnen sind wir und treffen uns regelmäßig einmal im Monat zum Kaffeeklatsch. An jenem Sonntag war Tanja dran, was günstig war, denn sie war die einzige von uns, die einen kleinen Garten hatte. So konnten wir das milde Spätsommerwetter richtig schön nutzen. Die Laune war gut, es wurde viel gelacht und gealbert. Es war ganz wie früher, als wir zusammen zur Schule gegangen waren. Und dann spürte ich ein Krabbeln, griff mir unbefangen an die Wade und ein Schmerz schoss mir in den Finger.

„Aua, verdammt, was ist das denn?“ Mit zusammengebissenen Zähnen betrachtete ich meinen Zeigefinger. „Oje,hat dich eine Wespe gestochen?“ Tanja sprang auf und hinderte mich daran, den Stachel mit den Fingern herauszuziehen. „Komm ins Bad, da habe ich eine Salbe. Was Kaltes bekommst du drinnen auch.“ Getröstet durch ihre Fürsorge sowie die lautstarken Mitleidsbekundungen von Ulla und Nadine ließ ich mich ins Haus führen und bemuttern. Der Schreck saß mir in den Gliedern und ließ mich zittern. Es war erst mein zweiter Wespenstich – hatte der erste auch so weh getan? Ich wusste es nicht mehr.

„Was hast du da denn?“ fragte Tanja mich, nachdem sie mich mit einem Kühlpäckchen versorgt hatte und wir gerade wieder hinaus gehen wollten. „Weiß nicht.“ Fasziniert und ein bisschen träge betrachtete ich die komischen Bläschen, die sich an meinen Händen bildeten. „Das war vorhin noch nicht da.“ Die Blasen juckten und ich kratzte ein wenig. An den Beinen juckte es auch. „Im Gesicht kommen auch Blasen“, bemerkte Tanja und ich hörte Besorgnis in ihrer Stimme. Ich aber wusste, woran es lag: „Das kommt von der Hitze hier drinnen. Lass uns wieder rausgehen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nicht heiß hier. Mit dir stimmt etwas nicht. Du hast auch eine ganz seltsame Farbe.  Ich rufe einen Notarzt.“ Amüsiert wollte ich protestieren, aber sie hatte schon die 112 gewählt. Ruhig und bestimmt sprach sie ins Telefon und mir wurde es zu bunt. Ich nahm den Hörer. „Hören Sie, mir fehlt nichts. Es juckt nur und die Haut wirft Blasen. Wir kommen ins Krankenhaus, dort kann man mir eine Creme geben.“ Die Stimme am anderen Ende klang energisch: „Sie bleiben, wo Sie sind. Sonst finden wir Sie nicht rechtzeitig!“ Komischer Vogel, was meinte der wohl damit? Ich wollte doch nicht Verstecken mit diesen Leuten spielen. Ich wollte lachen, aber mein Gesicht war so eigenartig hart. Der Hörer fiel auf den Boden, ich hinterher. Kurz hörte ich noch Tanjas Stimme, sie rief nach Ulla und Nadine. Dann war es leise.

Es war eine eigenartige Stille, die mich umgab. Es fühlte sich an wie ein Schweben in warmem Wasser, nein, unter Wasser. Wenige Töne drangen gedämpft an meine Ohren, sie klangen dumpf und beruhigend wie die Schläge eines sehr großen Gongs. War das mein Puls, den ich da hörte? Ich konnte es nicht einordnen, aber es war mir auch egal.  Zum Nachdenken war später noch Zeit, jetzt wollte ich mich entspannen und ausruhen. Zufrieden ließ ich alles, was mich sonst immer beschäftigte, los.

Es ist schon seltsam, welche Wege das Leben nehmen kann. An diesem Sonntag im August war ich fröhlich und voller Zuversicht aus dem Haus gegangen, nur um drei Stunden später willig dem Tod entgegenzugleiten. Mit noch nicht einmal 26 Jahren – was für ein unglaublicher Gedanke. Zum Glück hatten nicht alle so bereitwillig mein Leben losgelassen wie ich: Tanja hatte meine Beine hochgelegt, Luft in meine Nase geblasen und zusammen mit Ulla mein Herz massiert, so wie wir es einige Jahre zuvor gemeinsam im Erste-Hilfe-Kurs gelernt hatten. Und Nadine hatte auf der Straße gestanden und den Notarzt hereingeführt, der mich mit Medikamenten versorgte und mein Herz wieder in Gang brachte. Sie hatten geschrien, erzählte Ulla mir später, allesamt laut und hysterisch geschrien, aber dann doch das Richtige getan.

Das dumpfe Geräusch in meinem Kopf blieb eine Weile ruhig und gleichmäßig bestehen. Doch dann störte mich etwas. Lärm, hier unter Wasser? Jemand rief meinen Namen, immer wieder: „Lydia! Lydia, hören Sie mich? Lydia!“ Lydia, ein blöder Name. Was meine Eltern sich dabei nur gedacht hatten. Und warum rief man mich hier? Konnten die nicht einen Moment ohne mich auskommen? Ich wollte meine Ruhe haben! „Lydia!“ Jemand patschte mit den Händen in mein Gesicht. Ich konnte es noch nie leiden, wenn mir jemand ins Gesicht fasst. Mühsam öffnete ich die Augen und sah verschwommen einen älteren Mann, der mich begeistert anlächelte. Wer war das? Und wo war ich? „Alles in Ordnung!“, behauptete der Fremde und nickte vertrauenserweckend.  Weitere Nachforschungen waren mir zu anstrengend und ich schlief ein.

Ich musste vier Tage im Krankenhaus bleiben, davon einen auf der Intensivstation. Man erklärte mir, dass ich hochallergisch auf Wespengift sei und es hauptsächlich meinen Freundinnen zu verdanken sei, dass ich diesen Wespenstich überlebt hatte. Und man sagte mir sehr deutlich, dass es beim nächsten Mal schlimmer werden würde. „Dann sind wir vielleicht nicht mehr schnell genug bei Ihnen.“ Ich bekam ein Notfallset und ein Merkblatt mit Verhaltensregeln für eben jenen Notfall sowie die Adresse einer Fachklinik, in der eine Desensibilisierung durchgeführt werden sollte. Damit sie mich künftig nicht mehr so überrumpeln konnten, diese heimtückischen Biester. Denn genau das war doch geschehen an diesem Nachmittag: Völlig unvorbereitet war ich angegriffen worden. Nur deshalb war ich bereit gewesen, mein Leben, mein schönes, liebes Leben so schnell aus der Hand zu geben. Das war nun anders: Die Tage der Unschuld waren vorbei. Inzwischen war ich gewarnt, ging mit offeneren Augen durch die Welt, geschützt durch Notfallset und Notrufnummer. Und ich war bewaffnet!

Biene oder Wespe, Freund oder Feind? Ich kann es nicht erkennen. Und so beschließe ich, mich nicht auf weitere Verhandlungen einzulassen. Entschlossen drücke ich den Knopf des Insektensprays und sprühe auf das pelzige Tierchen ein. Als es tot vor der Gerbera liegt, kann ich es näher betrachten. Tatsächlich, eine Wespe. Zufrieden nicke ich, wobei ich wahrscheinlich dämonisch die Zähne blecke. Das hat dieses Luder nun davon, dass es sich in meine Wohnung eingeschlichen hat. Ich bin nicht mehr so hilflos wie noch vor zwei Jahren. Ich bin gerüstet und hänge am Leben. Kampflos ergebe ich mich ihnen nicht!