Ich, ein Tier?

Die Aufgabe, aus der Sicht eines Tieres zu schreiben, ist ja recht beliebt. Zumeist soll man dann das nehmen, das einem als erstes einfällt. Beim letzten Mal war es eine Glucke. Dieses Mal war es etwas anderes – warum, kann ich mir gar nicht erklären …

Frei im Meer, und keiner stört mich

Ich, die alte Blauwal-Kuh, bin wieder auf meiner Wanderung. Ich habe es nicht mehr eilig, weder will ich bestimmte Gewässer erreichen, um dort ein Kalb zur Welt zu bringen, noch reizt es mich, auf eines der Paarungsangebote der stattlichen Bullen einzugehen, die ab und zu meinen Weg kreuzen. All das habe ich hinter mir. Stattdessen bin ich im Genießer-Modus, tauche mal ab in die kühlen Tiefen, komme dann wieder hoch, um mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Gerne würde ich mich auch einmal sonnen und gleichzeitig von Wind und Wellen schaukeln lassen wie die kleinen Boote, die ich ab und zu sehe, aber da steht mir mein Gewicht ein bisschen im Wege. Zum Schaukeln braucht es schon ordentlich Sturm. Hat halt alles Vor- und Nachteile, so auch das mit dem Gewicht – mich zieht keiner mit so einer lächerlichen Angel aus dem Wasser wie einen Dorsch.

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Foto von Daniel Ross von Pexels

Das Wasser ist kalt, da wo ich heute bin. Ich liebe Wasser und könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Die Menschen auf ihren kleinen Booten tun mir leid, die können ja gar nichts. Nicht richtig schwimmen, nicht fliegen wie die Möwen und Albatrosse. Laufen, ja, gut, aber das bringt doch nichts. Für alles brauchen sie Hilfsmittel, nichts können sie alleine, immer müssen sie einander helfen. Ich komme auch alleine klar und genieße das sehr. Ab und an begleiten mich schwärmeweise kleine Fische: Putzerfische oder auch Haie. Ich dulde sie, brauche sich aber nicht unbedingt. Spannender finde ich die unheimlichen Kreaturen der Tiefsee, was einem da manchmal begegnet, ist wirklich interessant. Leider sind sie nur dort unten zuhause, gerne würde ich auch ihnen einmal die Sonne zeigen. Aber vielleicht wären sie dann traurig, weil ihnen klar werden würde, was ihnen entgeht.

Gespräch auf der Parkbank

Der foilgende Text entstand als Hausaufgabe in einem Schreibworkshop. Wir sollten ein Gespräch auf einer Parkbank führen, mit einem Menschen oder ener Figur, die einem persönlich wichtig ist. Wie so oft war mir diese Aufgabe zu persönlich, ich kehre mein Inneres nicht so gerne nach außen. Und so löste ich die Aufgange einfach anders, aus purer Lust am Quatsch …

Parkbankgespräch

„Liebe Zuhörer:innen, herzlich willkommen zu einer ganz besonderen Ausgabe unserer Parkbankgespräche. Nicht nur haben wir einen ganz besonderen Gast, zusätzlich findet unser heutiges Gespräch nicht wie sonst auf einer Bank im Frankfurter Palmengarten statt, sondern wird von einem kleinen Rettungsboot mitten im Atlantik aus geführt. Vielen Dank übrigens an die Besatzung der „Rainbow Warrior“, die eine halbe Seemeile von hier bereitliegt, um uns nach Abschluss unseres Gesprächs wieder an Bord zu nehmen und sicher in den nächsten Hafen zu bringen. Und nun begrüße ich, zugegebenermaßen ein wenig aufgeregt, unseren Gast: Hallo und guten Tag, Moby Dick!“

„Guten Tag!“

Bild von Pixabay

„Herr Dick, Sie erfreuen sich seit vielen Jahrzehnten einer ungebremsten Berühmtheit, Umfragen zufolge kennen über 80% der europäischen Bevölkerung Ihren Namen und würden Sie erkennen, wenn sie Sie auf der Straße treffen würden. Ihre Lebensgeschichte wurde gleich mehrfach verfilmt. Wie gehen Sie damit um?“

„Ach wissen Sie, wenn man so aussieht wie ich, wird man auch ohne Film und Fernsehen immer erkannt. Ich habe mich damit abgefunden, mich nie ohne großes Aufsehen im Meer bewegen zu können. Mit dem Alter kommt da eine gewisse Gelassenheit. Und ich gönne es allen Kulturschaffenden, dass sie mit Hilfe meiner Geschichte ihr Brot verdienen können.“

„Erhalten Sie denn einen gerechten Anteil an den Erlösen? Wie ist das mit den Tantiemen?“

„Geld interessiert mich nicht. Ich habe ja nicht einmal Taschen, die ich mir damit vollstopfen könnte. Insofern – geschenkt!“

„Hmmm, ja, interessanter Punkt, das mit den Taschen. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Denken Sie denn, dass die Anteilnahme an Ihrem Leben dazu beigetragen hat, dass die Menschen Wale inzwischen mit anderen Augen sehen?“

„Nein, das glaube ich eher nicht. Dieser Erfolg ist sicherlich mehr auf romantische Darstellungen von Walen zurückzuführen, z. B. in Star Trek oder Free Willy. Auch Umweltschutzorganisationen haben dazu beigetragen. Hinzu kommt, dass Waltran inzwischen nicht mehr so gefragt ist. Rapsöl ist viel billiger, und für Ambra gibt es Alternativen aus dem Labor. Meine Geschichte lehrte die Menschen vielmehr das Gruseln und zeigte, dass jedes Handeln irgendwann Konsequenzen hat.“

„Wie meinen Sie das genau?“

„Naja, Käptn Ahab hat mich jahrelang mit seinem sinnlosen Hass verfolgt. Viele Narben, die Sie hier sehen, verdanke ich ihm. Zuerst habe ich versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. Als dass nichts half, habe ich ihm als kleine Warnung ein halbes Bein abgerissen. Sie müssen zugeben, dass das als Äußerung meines Unmuts durchaus hätte verstanden werden können. Aber auch das hat ihn nicht gebremst, ganz im Gegenteil. Der Mann war ja regelrecht besessen von mir.“

Nicht der Atlantik, sondern Borkum

„Ja, er scheint eine gewisse Wahnhaftigkeit an den Tag gelegt zu haben, das ist in der Tat belegt und anerkannt. Aber tat es wirklich Not, gleich sein ganzes Schiff mit Mann und Maus zu versenken?“

„Jaja, ich weiß, die ewige Frage nach der Verhältnismäßigkeit und den unschuldigen Opfern. Darüber habe ich später oft nachgedacht. Gab es Unschuldige auf diesem Schiff? Haben sie sich nicht alle mit diesem wahnsinnigen Mörder gemein und sein Anliegen zu ihrem gemacht? Ich weiß es nicht. Und wenn man jahrelang verfolgt wird, nicht nur mit Kameras, wie heute, sondern lebensbedrohlich, dann liegen natürlich irgendwann auch die Nerven blank. Und dann denkt man halt, jetze isses mal grad gut und schlägt zurück. Und wenn man meine Kraft und Statur hat, geht dabei leicht was kaputt. Manchmal sogar mehr, als man erst denken würde.“

„Herr Dick, nach der Aktion mit dem versenkten Schiff hatten Sie viel negative Presse. Von Untier war die Rede, und noch andere unschöne Begriffe sind gefallen. Hat Sie das verletzt?“

„Ja, natürlich hat mich das getroffen, was für eine Frage! Man müsste ja ein Herz aus Stein haben, wenn einen das ungerührt ließe. Aber das ist Vergangenheit, Ich sehe inzwischen lieber nach vorn. Heute sind es nur noch die Kälber, die sich über mich lustig machen, genauer gesagt, über meinen Namen. Aber da sage ich immer, lieber Dick als Doof.“

„Also ein optimistischer und durchaus humorvoller Blick in die Zukunft, da freut mich. Kommen wir also zu unserer letzten Frage. Wie immer geht es dabei um einen persönlichen Wunsch. Wenn Sie also frei von allen Zwängen wären, was würden Sie gerne einmal tun?“

„Oh, das ist aber eine intime Frage. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Schon seit ich ein Kalb war, würde ich gerne einmal Kettenkarussell fahren. Das steht neben vielen anderen Dingen ganz oben auf meiner Bucket List.“

„Oh ja, das habe ich auch immer geliebt. Wir werden sehen, ob wir vom Sender Ihnen dabei behilflich sein können. Lieber Herr Dick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch, heute von unserer aufblasbaren Parkbank mitten im Atlantik.“