Heimtelefonie

Wählscheibe, Telefon, Wählscheibentelefon

„Wer die Wahl hat …“, zur Verfügung gestellt von R. B. / http://www.pixelio.de

Kürzlich kam ich dazu, einmal über Telefone nachzudenken. Denn die Chefin meiner Schreibworkshops, eine über 80-jährige Dame, schimpfte darüber, dass sie ein neues Telefon bräuchte und das eigentlich gar nicht einsehen würde, weil das Ihrige noch voll funktionsfähig sei. Auf unsere Frage, wieso sie denn dann ein Neues kaufen wolle, erklärte sie es uns ganz einfach:

„Ich rufe sehr oft bei diesem Institut an. Da heißt es immer: „Wenn Sie mit einem Sachbearbeiter sprechen wollen, drücken Sie bitte die 1.“ Und ich habe ein Wählscheibentelefon.“

Wir waren verblüfft. Zum einen darüber, dass jemand immer noch ein Wählscheibentelefon hat. Und zum anderen darüber, dass dieses komische Problem damit tatsächlich nicht zu lösen ist.

Es ist schon eigenartig, wie viele Erinnerungen mit dem Wählscheibentelefon verbunden sind. Unterhält man sich mit „Kindern“ der 60er und 70er Jahre darüber, bekommen sie einen verklärten Blick, machen „drrrrr“ und sehen dabei aus, als würden sie dieses seltsame Geräusch, das ein Wählscheibentelefon nun mal gemacht hat, tatsächlich vermissen. Es gibt auch Worte, die unmittelbar mit diesen alten Telefonen verbunden sind: So sagt zum Beispiel heute kaum noch jemand „Auf Wiederhören“, und auch „fernmündlich“ ist sehr selten geworden. Als es kürzlich ein junger Kollege benutzte, hätte ich mich vor Verblüffung fast verschluckt.

Unser altes Wählscheibentelefon war grau und stand im Flur. Das Kabel war zu kurz, um sich zum Telefonieren an einen gemütlicheren Ort zurückziehen zu können. Also saß man bei Dauertelefonaten im zugigen Flur und verrenkte sich wegen des kurzen Kabels ein wenig den Hals – bequemes Sitzen war nicht möglich. Das hat die Telefonzeiten im Rahmen gehalten und sicher richtig Geld gespart. Schließlich war Telefonieren damals noch ziemlich teuer, Gespräche liefen im 8-Minuten-Takt und erst ab 18 Uhr wurde es günstiger. Nach 21 Uhr nochmal, aber dann musste ich ins Bett.

Besonders direkt merkte man die Kosten natürlich, wenn man aus einer gelben Telefonzelle telefonierte. Im Urlaub etwa oder auf Klassenfahrt. „Ruf an, wenn du da bist!“, war ja eine sehr beliebte Anweisung von Eltern an ihre Kinder. Mit zwei Groschen kam man bei Ferngesprächen nicht weit, ständig klickte und klackerte es, wenn die Münzen durchfielen, und man musste hektisch Kleingeld nachstecken. So manches Gespräch endete abrupt, kein Gruß, kein Kuss. Etwas besser wurde das mit der Erfindung der Telefonkarten, die in etwa gleichzeitig mit den magentafarbenen Telefonzellen erfunden wurden. Die Karten waren jahrelang ein beliebtes Werbegeschenk und flogen überall rum. Wie viele Millionen Mark in irgendwelchen Schubladen und Brieftaschen verfielen, will ich lieber nicht wissen. Ich selbst habe beim Umzug vor drei Jahren noch zwei abgelaufene Karten zu je sechs Mark gefunden und entsorgt.

Zuhause hielt bei uns irgendwann ein beigefarbenes Tastentelefon Einzug. Das hatte ein längeres Kabel und stand nach dem Auszug meiner Schwester in meinem alten Kinderzimmer, das zum Arbeits- und Gästezimmer umfunktioniert worden war. Dort zu telefonieren war etwas ganz anderes als es im Flur zu tun: Man konnte bequem sitzen und dabei wichtig aus dem Fenster gucken. Das habe ich sehr genossen. Noch mehr allerdings genoss ich das Telefon mit mobilem Handgerät, das angeschafft wurde, kurz bevor ich auszog. Damit konnte ich in meinem Zimmer telefonieren, unbeobachtet und vor allem unbelauscht von der Welt da draußen. Das tat ich gerne, bis das Handgerät leer war und den Geist aufgab, sehr zum Verdruss meiner Eltern.

Auch ich habe inzwischen ein mobiles Festnetztelefon, mit zwei Handgeräten und zwei Ladestationen, damit ich immer telefonieren kann. Ein Smartphone habe ich natürlich auch noch, und eines dieser unverwüstlichen alten Nokia-Handys, das wahrscheinlich auch immer noch funktionieren würde, wenn es denn Strom und eine SIM-Karte hätte.

Das Paradoxe ist jedoch, dass ich inzwischen nicht mehr so viel telefoniere. Ich habe einfach keine Lust dazu. Natürlich spreche ich noch regelmäßig mit der Familie und mit Freunden, aber nicht mehr so stundenlang wie früher. Von anderen weiß ich, dass es bei ihnen genauso ist. Verrückt eigentlich: Da könnten wir nun ununterbrochen miteinander schwatzen, sogar mit mehreren Geräten gleichzeitig, ohne dass die Leitungen besetzt sind und man „nicht durchkommt“. Und jetzt tun wir das einfach nicht. Ist das nun Undankbarkeit oder Überdruss?

Die Glorifizierung des Bandsalats

WählscheibentelefonManchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich verhalte wie meine Großeltern: Früher war alles besser, und wisst ihr noch, wie schön das damals alles war? Dann bemitleide ich andere Menschen für die Last der späten Geburt: Weil sie nicht mit dem „Drrrr“ der Wählscheibentelefone aufgewachsen sind und im Urlaub nie vor einer Telefonzelle („Fasse dich kurz!“) warten mussten. Wenn man es genau betrachtet, ist das genauso absurd wie die Litanei meiner Oma, die fand, dass die jungen Leute früher viel adretter daherkamen.

Die Glorifizierung des Bandsalats

Nostalgie ist in. Und meine Jugendzeit ist in. Es gibt 80er-Jahre-Partys, Wiederholungen alter Folgen von „Formel 1“ und „Hitparade“ und die unsäglichen Leggins sind auch wieder da (Meikes bunte Welt berichtete!). Auf Facebook gibt es große Gruppen, die sich der „Früher war alles besser – Schwärmerei“ hingeben, und was da oft verklärt wird, lässt mich ebenfalls gerührt lächeln. Obwohl es natürlich völlig absurd ist, was da alles als schön hingestellt wird.

Die alten schwarz-weiß-Fernseher, ja, sowas hatten wir auch. Wenn beim Fußball eine Mannschaft gelb, die andere hellblau trug, liefen 20 graue Männchen ebenso unübersichtlich wie langweilig durcheinander. Man musste zum Umschalten aufstehen, das hielt schlank, zumindest konnte man sich das einbilden. Gab ja eh nur drei Programme, eigentlich nur zweieinhalb, weil das Dritte erst um 18 Uhr begann. So oft wurde also nicht umgeschaltet. Die allerschönste Erinnerung an dieses Fernsehgerät ist jedoch die an den Moment, in dem man nach Hause kam und beglückt feststellen durfte, dass ein neuer Farbfernseher Einzug gehalten hatte. Mit Fernbedienung!

Ähnlich erging es mir mit dem wunderbaren grauen drrrr-Wählscheibentelefon. Das nachfolgende Tastentelefon (in modischem beige!) ließ einen nicht nur schneller wählen, sondern hatte ein viel längeres Kabel. Man musste beim Telefonieren also nicht im zugigen Flur herumstehen, sondern konnte sich gemütlich irgendwo niedersetzen, was Dauergespräche deutlich angenehmer machte.

Und dann die Radiorecorder. Viele waren und sind unkaputtbar – soweit ich weiß steht der, den ich zum dreizehnten Geburtstag bekam, noch bei meinem Schwager in der Werkstatt. Man konnte mit ihm natürlich aus dem Radio aufnehmen. Dazu musste man nur gleichzeitig zwei Tasten drücken, was oft nicht so recht gelang. „Schlurps“ machte es dann auf der Kassette, bevor das aufgenommene Lied losdudelte. Und wenn zwischendrin das Verkehrsstudio kam, hatte man die acht Kilometer Stop-and-go von Heide Richtung Hamburg für die Ewigkeit auf Tape gebannt. Toll!

Wenn man jedoch den zahlreichen Foristen und Facebookern Glauben schenken darf, war es die Krönung, wenn man einen 200-Meter-Bandsalat mit einem Bleistift aufwickeln durfte. Das ging natürlich nur mit einem sechseckigen Bleistift, hatte man nur einen runden, war man verloren. Auch mit einem eckigen Stift fand ich diese Aufgabe nicht besonders toll, denn man wickelte, wickelte und wickelte. Oft tat man diese Arbeit nur, um feststellen zu müssen, dass das Band beim nächsten Abspielen an genau der gleichen Stelle wieder Skandal machte und einen Bandsalat allererster Kategorie aus dem Radiorecorder quellen ließ. In diesem Fall habe ich mich im Zorn so manches Mal dazu hinreißen lassen, den Rest des Bandes auch noch aus der Kassette zu zerren. Wer das noch nie gemacht hat, sollte sich irgendwo eine Kassette besorgen und es ausprobieren: Man glaubt nämlich gar nicht, wie viel Band in so einer einzigen 90-Minuten-Kassette ist!

Bandsalat

Ich gestehe: Für diese Aufnahme habe ich eine Jethro Tull-Kassette geschlachtet, die mir seinerzeit mein Klassenkamerad Sören aufgenommen hat. Das macht aber nichts – denn diese Musik habe ich inzwischen auf CD und MP3. Und wenn ich Sören mal treffe, dann schwatzen wir immer ein wenig.

Natürlich werden auch andere Unannehmlichkeiten gerne glorifiziert. Ich erinnere mich an meinen Opa, der immer richtig stolz klang, wenn er von seinen frühen Motorradausflügen erzählte: „Von neun Motorrädern hatten sechs eine Panne. Meins war auch dabei!“ Super, Opa, echt! Daumen hoch!

Und auch Jugendsünden – oder sollte ich hier lieber das altmodische Wort „Torheiten“ verwenden? – werden gerne als wunderbar gelungen dargestellt. Bei mir im Bekanntenkreis sind das zum Beispiel die frühen Kohlfahrtsbesäufnisse, die uns im nachhinein als reiner Genuss erscheinen. Dass man am nächsten Tag regelmäßig sterben wollte, haben wir allesamt verdrängt. Und auch über den Bollerwagen, der uns einfach abhaute und in den Graben donnerte, müssen wir inzwischen lachen. Wie peinlich war es doch, den geliehenen (!) Wagen mit der abgebrochenen Deichsel wieder zurückzugeben. Jahrelang bekamen wir deshalb nur noch den „alten“ Wagen ausgeliehen, der Sonntagswagen blieb in der Garage, wenn wir Chaoten auf Kohltour gingen. Ob wir inzwischen rehabilitiert sind, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht.

Auch die Techtelmechtel, auf die man sich im Suff eingelassen hat, sind mit dem Abstand von zwanzig Jahren eher lustig als grausig – der kalte Schrecken beim Erwachen am nächsten Morgen ist erfolgreich verdrängt. Und wenn man heute einen dieser männlichen Bandsalate auf der Straße trifft, was bei mir dank des Umzuges nach Frankfurt nur noch selten passiert, grüßt man freundlich und läuft schnell weiter. War doch schön, eigentlich.