Hals über Kopf

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop zum Thema „Abreisen sind immer überstürzt“. Zu diesem Thema muss ich sagen, dass das bei mir nicht der Fall ist – wenn ich irgendwohin abreise, bin ich eher zu früh als zu spät unterwegs. Aber ich kenne auch andere Leute …

Hals über Kopf

„Du verbringst dein halbes Leben mit Warten“, sagte Wolfgang gerne zu mir und bezog sich damit auf meine Angewohnheit, immer etwas zeitlichen Puffer vor Terminen oder Abreisen einzuplanen. „Und du mit Rennen“, konterte ich und war zufrieden damit. Ich warte nämlich lieber als dass ich renne – und ich mache mich nicht gerne zum Affen. Das passiert nämlich unweigerlich, wenn man ständig zu spät dran ist.

Gerne denke ich zurück an den Abend, an dem Wolfgang, mit dem ich damals das Büro teilte, mal wieder besonders gelassen herumwurschtelte, obwohl er an diesem Abend noch nach Wien fliegen wollte. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und machte ihn auf die Uhrzeit aufmerksam. „Ja, Kruzifix!“, entfuhr es dem Österreicher. Hektisch begann er, durch das Büro zu turnen. Zuerst riss er sich das Sakko vom Leib, dann das Hemd und die Hosen. Den Anblick seiner Schlüpfer – zumeist in fröhlich-bunten Farben mit dunklerem Rand – kannte ich schon und auch die magere Brust brachte mich weder zum Erbleichen noch zum Erröten. Er schmiss sich in den Freizeit-Dress (Jeans und T-Shirt), knallte seinen Koffer auf den Tisch und stopfte den armen Anzug hinein. Koffer schließen und losrennen war das nächste. Fünf Minuten später kam er wieder: Laptop vergessen. „Weißt du, wo die Tasche dafür ist?“ Nö, das wusste ich nicht. Ehrlich gesagt interessierte mich das auch nicht. Also wurde das Spiel mit dem Koffer wiederholt: Auf den Tisch knallen, Laptop reinstopfen. Irgendetwas fiel ihm noch ein, er wühlte im Schreibtisch, fand nicht, was er suchte. Egal. Er griff sich seinen Koffer, rannte wieder los, das Gepäckstück schwungvoll durch den Raum schleudernd.

Er hatte vergessen, den Koffer richtig zu schließen.

Der ganze Inhalt ergoss sich auf den Fußboden, einschließlich des Laptops und der schmutzigen Socken vergangener Tage. „So eine damische …“ Wolfgang tauchte unter den Schreibtisch und raffte seine Utensilien zusammen. Ich saß derweil mit angezogenen Beinen auf meinem Stuhl, um bloß nicht zu stören. Um mich irgendwie nützlich zu machen, fragte ich: „Soll ich dir ein Taxi rufen?“, und er grunzte. Er hatte sich gerade hörbar den Schädel an der Tischkannte angeschlagen, das schien Auswirkungen auf sein Sprachzentrum gehabt zu haben. Ich telefonierte, er kämpfte, wühlte, schwitzte. Endlich war der Koffer wieder gefüllt und wurde mühsam verschlossen. Wolfgang raste los, nicht ohne sich in der Tür nochmal umzudrehen: „Danke, dass du nicht gelacht hast!“ Damit verschwand er.

Und er hatte Recht, ich hatte bei dem ganzen Theater nicht eine Mine verzogen. Und auch nicht gelacht. Das tat ich erst, als mein Blick auf das fiel, das er in der Eile nicht wieder in den Koffer gequetscht hatte: Auf seinem Schreibtisch stand einsam und verlassen der Laptop. Ich schloss ihn in den Schrank – nicht, dass das gute Stück noch wegkam.

Alltagsdemenz

Heute wurde ich mal wieder ein Opfer der gemeinen Alltagsdemenz. Damit meine ich diesen Zustand, der verursacht, dass man sich hinterher völlig verwirrt mit der Hand vor die Stirn klatscht und sich fragt, ob man eigentlich völlig durch den Wind ist.

Gurken

Gurken – Bild zur Verfügung gestellt von Q.pictures / http://www.pixelio.de

Zum Glück bin ich mit diesem Zustand nicht allein. Alltagsdemenz bewirkt, dass Leute am Mittwoch nicht zur Arbeit kommen, weil sie denken, dass Sonntag ist – oder am Abend zur Arbeit fahren, weil sie denken, dass Morgen ist. Sie macht, dass eine Kollegin sinnlos im Gang herumsteht und fragt: „Warum stehe ich hier? Irgendwas wollte ich doch, sonst hätte ich mich hier doch nicht hingestellt.“ Und sie bewirkt, dass mich ein Kollege versetzt, mit dem ich zum Mittagessen verabredet bin – um sich wenig später bei meinem Anblick daran zu erinnern und sich fürchterlich zu grämen (zurecht, mein Lieber, zurecht!).

Mich verließ mein Verstand heute auf dem Wochenmarkt: Schon heute Morgen hatte ich beschlossen, früh genug Feierabend zu machen, um auf dem Wochenmarkt am Südbahnhof noch einkaufen zu können. Ich wollte Kartoffeln kaufen, außerdem hatte ich Gelüste auf Senfgurken. Das habe ich etwa einmal im Jahr, und dann kaufe ich gerne bei dem Gurkenmann am Südbahnhof.

Ich eilte also gegen fünf im Büro los und fuhr mit dem Bus zum Südbahnhof. Gerade zur rechten Zeit: Das erste Obst gab es schon günstiger, wie immer kurz vor Feierabend. Ich kaufte eine sehr großzügig gefüllte Schale Erdbeeren – gewiss die letzten der Saison. Der Fischstand hatte noch Brötchen – schnell das letzte Matjesbrötchen fürs Abendessen sichern. Das würde prima zu meiner Senfgurke passen! Außerdem kaufte ich ein Sonnenblumenbrot, etwas Aufschnitt für obendrauf und was von der guten Schafskäsecreme. Oliven brauchte ich auch noch, mit Knoblauch und Mandeln. Und zu guter Letzt einen schönen Strauß Gladiolen – wahrscheinlich auch die letzten der Saison. Dann ab in die Straßenbahn und ab nach Hause. Was ich vergaß, waren die Kartoffeln und die Senfgurke.

Natürlich habe ich mir beim Auspacken des Rucksacks die Hand vor die Stirn geklatscht und mich gegrämt. Wie schusselig kann man denn eigentlich sein? Jetzt muss ich eine volle Woche warten, bis ich wieder die Chance auf diese besondere Gurke habe. Wer weiß, vielleicht habe ich dann gar keinen Appetit mehr darauf. Dann hätte ich die Chance auf meine Jahresgurke verpasst – und das wäre doch schade.