Fundstücke 53: Chef sein

Bild „Starker Trinker“ zur Verfügung gestellt von Rike, http://www.pixelio.de

Dieses Fundstück war mal wieder ein eher Akustisches: Ich saß in einem Restaurant, am Nachbartisch saßen ein Vater und sein etwa vierjähriger Sohn. Der Kleine langweilte sich, hampelte herum und nörgelte.

Vater: „Sohn, nun setz dich mal ordentlich hin. Unser Essen kommt gleich.“

Sohn: hampelt und nörgelt weiter.

Vater: „Nun benimm dich mal. Wer ist hier der Chef?“

Sohn: „Mama!“

Vater: „Wenn Mama nicht da ist, bin ich der Chef.“

Sohn: ist nicht überzeugt. „Ich will auch mal Chef sein.“

Vater: „Um Chef zu sein, muss man ein bisschen größer sein. Irgendwann wirst du auch mal der Chef.“

Sohn: guckt unglücklich, ist sichtbar unzufrieden.

Vater, versöhnlich: „Sag doch mal, wenn du mal Chef bist: Was willst du dann denn machen?“

Sohn, entschlossen: „DANN TRINKE ICH DEINE COLA!“

Der Feingeist

Diese Miniatur entstand mal in einem Schreibworkshop als Übung „zum Warmwerden“. Die ganz sanften Gemüter möchte ich vorwarnen, denn sie ist nicht unbedingt etwas für Feingeister.

Der Feingeist

Bernhard sah seinen toten Vater lange an. Er konnte es kaum glauben, dass der Alte endlich für immer den Arsch zugekniffen hatte. „Den Arsch zukneifen“ – was für ein ordinärer Ausdruck. Bernhard wunderte sich selbst darüber, dass dieser Gedanke durch sein müdes Gehirn hatte ziehen dürfen. Er war nicht ordinär, ganz im Gegenteil: Bernhard war ein Feingeist, von sanftem Gemüt, allem Schönen zugetan, ein großer Freund der Künste. Doch sein machthungriger, bis zum Schluss boshafter Vater hatte selbst in ihm die primitivsten Instinkte geweckt. Wie oft hatte er ihn in Gedanken umgebracht? Hunderte, nein, tausende von Malen hatte er sich und die Welt in seiner Vorstellung von diesem menschlichen Giftpilz befreit. Mal mit Schlangengift, dann wieder Macheten, Panzerfäusten oder einem zufällig im richtigen Augenblick von der Straße abgekommenen Lastwagen. Diese Träume hatten ihn jahrelang am Leben gehalten, hatten bewirkt, dass er nicht den Verstand verloren hatte wie seine arme Schwester und sich nicht zu Tode gesoffen hatte wie sein Bruder und ihrer aller Mutter. Er, Bernhard, hatte überlebt, hatte es zu etwas gebracht trotz der tristen Kindheit hinter bürgerlicher Fassade und einem Erwachsenenleben, das geprägt war von düsteren Erinnerungen und immer neuen familiären Katastrophen. Er war der Überlebende, und der Tyrann war tot.

Wie klein der Vater plötzlich war. Bernhard widerstand der Versuchung, dem Toten wüste Beschimpfungen auf dem Weg in die Hölle hinterherzurufen. Statt dessen zog er dem Alten das weiße Leinentuch über das Gesicht und legte ihm einen kleinen Blumenstrauß auf die Brust. Keine Trauerblumen, sondern fröhliche Frühlingsblumen. Der Vater hatte Blumen gehasst. Seine Grabstätte würde ein Meer von Blumen sein, dafür hatte Bernhard heute schon gesorgt. Den besten Gärtner der Stadt hatte er damit beauftragt, bunte Blumen zu pflanzen, so viele wie nur auf die kleine Grabstätte passten. Das war seine Rache, albern zwar, aber schön. Bernhard lächelte sanft. Er war ein Feingeist, auch wenn er gestern seinen alten Vater mit einem Kissen erstickt hatte.

Tulpen rot weiß