Der Pakt mit dem Teufel

Es war einmal eine alte Witwe, die in einem kleinen Haus in einem Dorf lebte. Ihr Mann Friedrich starb vor vielen Jahren, ihre drei Kinder zog sie allein groß und machte aus ihnen gute, anständige Menschen. Inzwischen erfreute sie sich an einer Schar von Enkeln und sogar einigen Urenkeln. Sie war nicht einsam, doch auch nach dieser langen Zeit vermisste sie ihren Mann noch schmerzlich. Und sie spürte die Last des Alters, denn sie war gebrechlich, konnte nur noch langsam laufen und hatte oftmals ein Reißen im Rücken. Sie wusste, ihre Zeit zu gehen war gekommen.

Und so war sie auch weder ängstlich noch erstaunt, als sie eines Tages, als sie auf der Bank vor ihrem Haus saß, den Tod die Straße hinunterkommen sah. „Kommst du zu mir, Schnitter?“, fragte sie, doch er schüttelte den Kopf. „Heute noch nicht, Mütterchen. Aber es wäre gut, wenn du deine Angelegenheiten schon einmal ordnen würdest.“ Sie nickte und ließ ihn ziehen.

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Am nächsten Tag überprüfte sie also ihr Testament, schrieb an jeden ihrer Lieben einen kleinen Brief und putzte noch einmal durch das Haus. Als sie mit allem fertig war, war es dunkel geworden und sie setzte sich wieder draußen auf ihren Lieblingsplatz, um noch einmal das sanfte Mondlicht und den Sternenhimmel zu genießen. Wieder sah sie eine Gestalt die Straße hinunterkommen.

„Er kommt mich holen“, dachte sie, griff nach ihrer Handtasche und sah dem Ankömmling entspannt entgegen. Doch es war nicht der Tod, der um die Ecke kam. Es war ein gutaussehender junger Mann, der sie ein wenig an ihren Friedrich erinnerte – die Gestalt, die Haare und die Farbe der Augen waren den seinen ähnlich. Und doch sah er ganz anders aus. Denn ihm fehlte die Wärme in den Augen, das Spitzbübische im Blick und die freundliche Erscheinung. „Wer bist du?“, fragte sie also und der Fremde lächelte. Dieses Lächeln veränderte sein Aussehen und er wirkte auf einmal sympathisch auf die alte Frau. „Ich bin ein Engel und ich brauche deine Hilfe.“ Ein Engel also. Die Alte hatte noch nie einen gesehen und blickte ihn neugierig an. „Ach so? Ja, wenn das so ist, gerne. Was kann ich denn für dich tun?“ Der Engel lächelte noch einmal und ihr wurde es ganz warm ums Herz. „Es ist ganz einfach: Es fehlt uns an Nachwuchs. Wie überall, ist es schwierig, geeignete junge Leute zu finden. Und dabei werden Engel so dringend gebraucht.“ Die Witwe nickte nachdenklich. Ja, Engel waren wirklich oft vonnöten, es wäre gut, mehr von ihnen zu haben. „Ja, aber wie kann ich da helfen?“, fragte sie deshalb und der hübsche junge Mann erklärte es ihr. „Wir brauchen Kinder dafür. Ich habe gehört, dass der Schnitter bei dir war. Er wird dich am Sonntag holen, sagt man. Sorge dafür, dass er mir ein paar Kinder mitbringt. Das geht ganz einfach, ich zeige dir, wie das geht.“ Die alte Frau war geschockt. Der Tod sollte Kinder mitbringen, junge, gesunde kleine Menschen, die das Leben noch vor sich hatten? Ihre Enkel und Urenkel vielleicht? Das konnte sie doch nicht wollen!

Doch der Mann beruhigte sie sogleich. „Nein, natürlich sollst du deine Liebsten nicht dem Tod mitgeben. Aber es gibt Kinder, die sind nicht so gesund und wohlgestaltet wie deine, für sie wäre es doch großartig, ein Engel zu werden. Die Kleine vom Bäcker, die mit dem schiefen Blick. Oder der verrückte Junge, der immer laut singend über den Marktplatz läuft. Oder der Freche vom Schmied, der immer allen nur Ärger macht. Für solche Kinder wäre eine Karriere als Engel etwas wirklich Gutes!“ Die Alte war nicht überzeugt. Warum sollte sie das tun? Und wie sollte sie das anstellen? Der junge Mann erklärte es ihr. „Hier habe ich ein paar kleine Knöchelchen. Die steckst du einfach einigen Kindern in die Tasche – niemand wird das bemerken. Und du musst es natürlich auch nicht umsonst tun, du bekommst eine Belohnung!“ „Eine Belohnung? Was soll ich mir denn noch wünschen?“ Wieder erschien das warme Lächeln auf dem kalten Gesicht. „Nun, es ist so, dass der Schnitter dir deine Schmerzen nimmt, wenn er dich in den Himmel führt. Aber deine Jugend kann er dir nicht zurückbringen. Du wirst also auf deinen schönen Mann treffen, Friedrich, der noch immer 28 Jahre alt ist. Und du bist 85. Wenn du mir aber hilfst, wirst du für immer 25 sein und ihr beiden könnt all das nachholen, was ihr in den letzten 60 Jahren versäumt habt. Und wer weiß …“, der Mann kam ganz nah an ihr Gesicht heran, „vielleicht kannst du dich ja doch dazu entschließen, eines deiner Enkel mitzunehmen. Dieses Mädchen vielleicht mit den langen blonden Zöpfen. Dann könntest du ihr ihren Großvater vorstellen, und ihr wäret wieder eine Familie.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte der junge Mann der alten Witwe ein kleines Säckchen in die Hand und verschwand so ruhig, wie er gekommen war. Sie sah ihm lange nach. Dann schaute sie in das Säckchen. Fünf kleine, braune Knochen lagen darin. Sie sahen unscheinbar aus, stanken aber zum Himmel. „Schwefel“, dachte sie und verschloss das Säckchen wieder.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen und auch am nächsten Tag war sie sehr unruhig. Sie wollte jung sein, wenn sie Friedrich wiedertraf, jung und schön wie vor 60 Jahren. Sie ging durch das Dorf und sah die Kinder spielen. Sie sah die Hübschen und Klugen, aber auch zwei, die nicht gesund waren und einige, die frech und unerzogen waren. Eine Plage, dachte sie. Dann fasste sie einen Entschluss, ging noch kurz zum Metzger und zum Bäcker und dann nach Hause.

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Am Nachmittag kam ihre Lieblingsenkelin zu Besuch. Es war das Mädchen mit den blonden Zöpfen, ein liebes und folgsames Kind. Ihr zeigte sie eine große Schüssel: „Sie her, Lisa, dort habe ich etwas angerührt. Es ist Wurst und Brot vermischt mit Rattengift. Wir haben so eine Rattenplage rund ums Dorf. Bitte geh und stopfe mit diesem Löffel etwas von dem Gift in jedes Rattenloch, das du findest. Fass es nicht mit den Händen an, hörst du, und verbrenne die Schüssel und den Löffel, sobald du fertig bist.“ Das Mädchen tat, wie ihm geheißen wurde und verteilte die Masse sorgfältig im ganzen Dorf und im Wald. Danach warf es die hölzerne Schüssel und den Löffel beim Schmied ins Feuer, auch wenn der sie dafür schalt. Währenddessen versenkte ihre Großmutter den Mörser, in dem sie die Gabe des jungen Mannes zermahlen hatte, den Stößel und das Beutelchen, in dem sie die Knochen erhalten hatte, im tiefsten Teich im Dorf, wo ein paar Karpfen sogleich neugierig daran herumknabberten.

Die ihr verbleibenden Tage nutzte die alte Frau, um sich von ihrer Familie zu verabschieden. Sie verteilte ihren wenigen Schmuck, verschenkte alles, was noch jemand gebrauchen konnte, ging am Sonntagmorgen noch einmal in die Kirche und wartete am Abend auf der Bank sitzend auf den Tod. Der kam kurz vor Mitternacht. „Bist du fertig?“, fragte er, und sie nickte nur. „Hast du alles so erledigt, wie du es für richtig hältst?“, fragte er und sie nickte wieder. „Dann komm.“

Gemeinsam gingen sie ein Stück durch die Wiese, in der die ersten Nebel der Nacht waberten. Vor ihnen erschien eine Treppe. „Da hoch?“, fragte sie und wirkte auf einmal mutlos. „Ja, komm nur. Ich helfe dir, es geht ganz einfach.“ Und tatsächlich nahm er ihre Hand und führte sie. Leicht stieg sie nach oben. Trotzdem fragte sie noch einmal nach: „Man sagte mir, du kämest mit einem Boot?“ Er nickte bestätigend. „Ja, das tue ich oft auch. Aber heute habe ich es an einen Kollegen verliehen. Der Teufel bat darum. Er meinte, heute hätte er eine große Fuhre abzuholen. Sieh, dort unten ist er, mit dem Boot. Aber was macht er denn?“ Die Alte blickte in die Richtung, in die der Tod zeigte. Auf einem silbrig glänzenden Fluss sah sie den jungen Mann, der ihr die Knöchelchen gegeben hatte. Er kämpfte mit einem Kahn, der schwer beladen war und umzukippen drohte. „Was hat er denn da alles drauf?“, wunderte sich der Tod. „Das sieht mir nicht nach fünf Menschen aus.“ Die Alte lächelte etwas wehmütig. „Nun, es werden ein paar tausend verärgerte Ratten sein“, vermutete sie. In dem Moment sahen sie, wie drei dicke Karpfen auf das Boot sprangen. Einer traf den Teufel direkt mit dem Bauch im Gesicht und das Schimpfen, dass der Unterweltler ausstieß, klang hinauf bis zur Treppe. Immer mehr dicke, glibberige Fische sprangen auf das Boot und brachten es zum Kentern. Der Tod lachte, als hätte er noch nie zuvor etwas so Lustiges gesehen. „Wer auch immer das gemacht hat, hat es gut gemacht!“, prustete er und die alte Witwe war getröstet. Sie würde nicht jung und schön sein, wenn sie ihren Friedrich wiedertraf, aber sie würde für alle Zeit ein reines Gewissen haben.

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Der kleine Tod

Die Idee zu dieser Geschichte kam mir in einem Schreibworkshop, in dem wir als Inspiration ein Bild von einem Kind ohne Gesicht erhielten. Merkwürdig, sowas – warum stellt man so ein Bild in eine Bilddatenbank ein, wenn man nicht will, dass das Kind gesehen wird? Weil die Jacke so schön ist? Egal, bei mir kam eine kleine, absurde Geschichte dabei heraus. Und heute zu Halloween – eine Veranstaltung, von der ich selber überhaupt nichts halte – erscheint sie mir passend.

Der kleine Tod – Lehrjahre

Als der Tod ein Kind war, sah er fast aus wie andere Kinder: Er war klein, pummelig und machte sich gerne schmutzig. Statt der schwarzen Kutte trug er eine bunte Jacke mit Kapuze. Eine Sense hatte er auch noch nicht, was er ungerecht fand. Doch es gab keine Kindersensen und sein Vater, der auch ein Tod war, fürchtete sich davor, seinem Sohn allzu früh ein solches Gerät in die Hand zu geben. Ihm selber, Tod Senior, war damals an seinem allerersten Tag in der Lehre das schwere Werkzeug aus der Hand geglitten und in einer Konditorei in ein Damenkränzchen gefahren. Jahre später sollte dieser Vorfall den Schlagersänger Udo Jürgens zu seinem Hit „Aber bitte mit Sahne“ inspirieren, aber in erster Linie war die Sache doch eher peinlich.

Bild unbearbeitet von Pixabay. Das mit dem fehlenden Gesicht war nicht meine Idee.

Dem kleinen Tod blieb also nichts weiter übrig, als sich im Spiel auf seine spätere Rolle vorzubereiten. Da war gar nicht so einfach. Andere Kinder fanden ihn trotz seines niedlichen Äußeren ein wenig unheimlich, was daran liegen mochte, dass ihm ein Gesicht fehlte. Vielleicht lag es aber auch an seiner Angewohnheit, mit einer Fantasiesense, zumeist bestehend aus Maisstängeln oder Birkenreisig, herumzufuchteln und dabei „Ich mäh dich um“ oder „Warte nur, bis ich groß bin!“ zu rufen. Er fand also auf gewöhnlichen Spielplätzen nur schwer Anschluss und bevorzugte deshalb, wie alle jungen Tode vor ihm, den Wald. Dort traf er auf allerhand andere Gestalten, die ebenfalls noch zu klein waren, um ihrer Bestimmung nachzukommen, und zu merkwürdig, um in einem normalen Kindergarten aufgenommen zu werden.

Eine besondere Freundschaft verband den kleinen Tod mit einer guten und einer bösen Fee sowie einem jungen Vampir, der sehr darunter litt, noch keine spitzen Vampirzähne zu haben. Ein Vampir mit Milchzähnen ist in etwa so furchteinflößend wie Gevatter Tod mit Maisstängel. So waren die beiden Jungen Leidensgenossen, die damit leben mussten von den Hasen und Rehen im Wald ausgelacht zu werden.

Die beiden Feen waren da anders, irgendwie anstrengender. Mädchen halt. Die eine, die eine gute Fee werden wollte, redete gerne auf die Jungen ein. Niemanden ganz aussaugen sollte der Vampir später, immer nur ein bisschen anbeißen und probieren. Und der Tod sollte nur die holen, die ohnehin schon alt und klapprig wären. „Sei kein Böser, sei ein Erlöser“, flötete sie immer wieder und erlaubte ihm, ihre rosa Haarschleife zu lösen und mit ihren goldenen Locken zu spielen.

Ihre böse Schwester hingegen hielt nichts von diesen wohltätigen Gedanken. Sie führte bereits jetzt eine schwarze Liste mit Leuten, die sie würde verfluchen wollen, wenn sie das verfluchte Fluchen denn endlich gelernt hatte. Sie ließ niemanden mit ihren Haaren spielen, was gut war, denn wegen ihrer ständigen Überspanntheit sprühten die drahtigen grünen Borsten immer mal wieder Funken.

So wuchs der kleine Tod heran, spielte mit seinen Kameraden und ließ sich von seinem Vater Schritt für Schritt in das Familiengeschäft einführen. Ihr Slogan lautete: „Keine halben Sachen, einer muss es ja machen!“ Mit zehn bekam der kleine Tod seine erste schwarze Kutte. Als er zwölf war, hörten die Tiere im Wald auf, ihn zu hänseln, und mit fünfzehn bekam er endlich eine eigene Sense. Zunächst widmete er sich damit nur den Wildtieren und wandte sich dann dem Nutzvieh zu. Unter anderem verbreitete er diskret die Maul- und Klauenseuche. Dann wurde er unter der umsichtigen Führung seines Vaters auf die Menschheit losgelassen. Und er musste sich entscheiden: Böser oder Erlöser?

Glücklicherweise hatte das Spiel mit den Locken der guten Fee den kleinen Tod so geprägt, dass ihm als großem Tod die Antwort auf diese Frage leichtfiel: Er wollte ein guter Tod sein. Aufträge in Kriegsgebieten, Morde sowie Verkehrsunfälle lehnte er ab und spezialisierte sich stattdessen auf die Arbeit in Altenheimen und Hospizen. Das machte ihn glücklich und hatte auch einen ganz praktischen Vorteil: Denn für diese Klientel benötigte er die große, schwere Sense gar nicht. Hier reichte ihm ein Buttermesser. Vielleicht wäre sogar ein Maisstängel ausreichend gewesen.

Der Tod trägt einen bunten Kittel

Wir waren mal wieder lesen, mein Schreibgrüppchen und ich. Der Titel lautete „Kischalarm“ und wir waren mit viel Spaß bei der Sache. Ich beschäftigte mich mit unbekanntem Terrain – und glaube nun endlch verstanden zu haben wie das läuft mit Leben und Sterben. Denn:

 

Der Tod trägt einen bunten Kittel

Tod, Sensenmann

Bild zur Verfügung gestellt von Manwalk (Manfred Walker), http://www.pixelio.de

Klaus räkelte sich wohlig in seinem Fernsehsessel. Er hatte Lust, sich eine Zigarette anzuzünden, doch da er vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte, waren keine da. Er griff stattdessen zur fast leeren Weinflasche und ließ den kleinen Rest in sein Glas tröpfeln. Immerhin zwei Schlucke würden es noch sein, dachte er und hielt das Glas so, dass die wunderbare dunkelrote Farbe des edlen Tropfens im Licht der Stehlampe leuchtete. Aaaahhhh, was für ein Genuss.

Es klopfte an der Tür. Klaus sah verwundert auf die Uhr – halb elf. Wahrscheinlich wieder ein Nachbar, dessen Parkplatz in der Tiefgarage zugeparkt war – das passierte ständig. Und fast genauso häufig rannte der um seinen Parkplatz Betrogene dann durchs Haus und klingelte bei allen Nachbarn, um den Übeltäter zu finden und das fehlgeparkte Auto entfernen zu lassen. Klaus sollte sich ein Schild an die Tür hängen: „Isch ‘abe gar kein Auto!“ Das wäre zwar gelogen, aber immerhin wäre dann Ruhe.

Es klopfte nochmal. Zusätzlich drückte jemand langanhaltend die Klingel. Völlig entnervt rappelte Klaus sich hoch und tappte in seinen braunen Cordpantoffeln zur Tür. „Jajaja, ich komme ja schon. Was ist denn los?“ Er riss die Tür auf und starrte verblüfft auf die merkwürdige Gestalt, die davorstand. Das war keine Nachbarin, das war auch nicht der Hausmeister, das war eine gesichtslose Gestalt in einem geblümten Kaputzenumhang. Noch nie hatte Klaus ein solches Gewand gesehen, und doch kam es ihm seltsam vertraut vor. Dieses Muster – so etwas hatte seine Oma getragen. Immer, wenn sie zuhause war, trug sie diese eigenartigen Hauskittel mit dem Blumenmuster, im Sommer sogar fast ohne etwas darunter. Der Anblick ließ Klaus vergessen, dass der Mensch ihm gegenüber kein Gesicht hatte. Er öffnete die Tür weit und ließ den Mann eintreten. Es musste ein Mann sein, denn die Gestalt war sehr groß und trug außerdem eine schwere Sense mit sich herum. Sensen sind bei Frauen ein eher unübliches Accessoire, dachte Klaus, bei Männern in der Großstadt aber auch. Er kombinierte die Sense mit dem fehlenden Gesicht und folgerte erschrocken, dass er soeben den Tod in seine Wohnung gelassen hatte. Den Sensenmann, der sich als Oma Lotte getarnt hatte.

„Ähem …“ stammelte er, „ähem, das war ein Irrtum, junger Mann. Ich kenne Sie gar nicht, könnten Sie bitte meine Wohnung wieder verlassen?“ Der Tod drehte sich zu ihm um, das leere Gesicht schien ihn anzusehen. Langsam schüttelte der Hüne den Kopf. „Ach so, Sie wollten tatsächlich zu mir? Mein Name ist Klaus Fischer, sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?“ Der Tod nickte, auch dies geschah quälend langsam. Klaus erwartete, dass jeden Moment die Sense auf ihn herniedersausen und ihn von den Füßen säbeln würde. Doch nichts geschah. Der Tod stand ruhig im Flur, sah sich um, schob mit dem Fuß ein paar herumliegende Turnschuhe ordentlich unter das Schuhregal. Klaus schluckte.

„Ja, Sie sehen, es ist gerade gar nicht aufgeräumt, ich bin gar nicht auf sie eingestellt. Eigentlich müsste ich erst putzen, was sollen denn sonst die Nachbarn sagen, wenn sie mich hier finden und es sieht hier so aus …“ Die große Gestalt schien zu lächeln, sicherlich hörte sie diese Art von Argumentation häufiger. „Darf ich eintreten?“ fragte der Tod höflich und wies auf die offenstehende Wohnzimmertür. „Es redet sich doch besser im Sitzen.“ Was heißt hier reden, dachte Klaus hektisch, der will bestimmt nicht reden, der will mich niedermachen. Mir einen Herzinfarkt schicken, Schlaganfall, mich mit einem Schlag seiner Sense ins Jenseits schicken. Er überlegte, dem Tod nochmal die Tür nach draußen zu weisen, doch der war schon unterwegs in sein Wohnzimmer, legte eine Jazz-CD ein und setzte sich gemütlich in den alten Schaukelstuhl. Das sah komisch aus.

„Der Stuhl da“, erklärte Klaus, „der hat meiner Oma gehört. Meiner Oma Lotte. Sie hat immer in dem Stuhl gesessen früher.“ „Ich weiß“, erwiderte der Tod. „Ich habe sie dort abgeholt.“ Klaus spürte ein dumpfes Gefühl im Magen. Seine Oma war erst vor zehn Jahren verstorben, im gesegneten Alter von 87 Jahren. Er fühlte einen Anflug von Trauer, aber auch Angst. Er war doch erst 46, was wollte der Tod denn bei ihm?

Rose, Blüte, Knospe, TauDer Sensenmann schaukelte ein wenig. Er sah recht harmlos aus in seinem bunten Kittel, denn die Sense hatte er lässig ans Bücherregal gelehnt. In der Hand hielt er die leere Weinflasche, studierte ihr Etikett und schnüffelte an ihr herum. „Riecht gut“, befand er dann. „Aber das Zeug bringt dich um. Das und dein ganzer Lebenswandel. Gutes Essen, viel Alkohol, literweise Kaffee und dann diese Raucherei. Natürlich kaum Bewegung – jeder Meter muss mit dem Auto gefahren werden. Fettleber, Herzschwäche … brauchst du noch mehr?“ Klaus schüttelte den Kopf. „Aber ich bin doch ganz gesund. Zumindest merke ich nicht, dass ich krank bin. Und zu dick bin ich auch nicht. Naja, zumindest nicht viel.“ Er versuchte, sein kleines Wohlstandsbäuchlein einzuziehen und kniff die Hinterbacken zusammen, um eine bessere Haltung anzudeuten. Der Tod nickte. „Jaja, so kann es manchmal kommen. Das Leben ist eine Lotterie, da kann doch der Tod nicht stur nach Reihenfolge vorgehen.“ Klaus sah das anders. „Doch, das kann und sollte der Tod. Es muss doch seine Ordnung haben, das Leben, der Tod, einfach alles!“ Die Gestalt im Schaukelstuhl sah sich in Klaus‘ unaufgeräumtem Wohnzimmer um. „Ja, es muss seine Ordnung haben – das sehe ich.“ Er schien tatsächlich zu schmunzeln. Dann aber straffte er sich und wurde geschäftlich: „Hast du besondere Wünsche? Bett, Sessel oder lieber hochdramatisch unter der laufenden Dusche?“ Klaus schüttelte den Kopf. Was sollte er denn hier Entscheidungen treffen? Und überhaupt, für ihn war noch lange nicht alles geklärt.

„Wieso haben Sie Omas Kittel an? Oder zumindest etwas, das so tut, als sei es Omas Kittel?“ Der Seufzer, der aus dem Schaukelstuhl zu hören war, klang wirklich herzzerreißend. Klaus ging auf Konfrontation. „Ja, nun sagen Sie doch mal. Was soll das mit diesen rosa Karos und dem Blumenmuster? Wollten Sie sich damit tarnen? Als sensentragende Großmutti?“ Der Tod zuckte die Schultern. „Warum nicht? Hat doch funktioniert, oder? Das ist mein Berufsgeheimnis: Wenn ich einen Kunden hole, der vielleicht Probleme machen könnte, bemühe ich mich um ein vertrauenerweckendes Auftreten. Man sieht dann in die Akte des Kunden und sucht nach etwas, von dem man weiß, dass es dem Kunden immer viel bedeutet und Vertrauen eingeflößt hat. Bei dir war das Einfachste Omas alter Kittel, bei anderen sind es die langen roten Haare der Mutter oder die Busfahreruniform des Vaters. Folglich bemühe ich mich um diese Erscheinung – das geht einfach bei mir, ist quasi virtuell – und werde so viel leichter eingelassen. Nur in den seltensten Fällen klappt das nicht, dann wird es manchmal etwas unästhetisch. Wenn der Kunde versucht abzuhauen und ich mit der Sense mehrmals ranmuss, oder wenn er gar aggressiv mir gegenüber wird. Dann wird es natürlich nichts mit dem friedlichen Sterben im Bett.“ Klaus hörte die nur schwach versteckte Drohung in diesen Worten. Er hatte auch nicht vor, abzuhauen. Der Sensenmann war selbst im Sitzen noch größer als er selber. Und flüchten, in seinen alten Cordpantoffeln, konnte er ebenfalls vergessen. Das sah er alles ein. Doch sterben wollte er auch nicht.

Klaus setzte sich nun ebenfalls. Er musste nachdenken. Er war Gebrauchtwagenhändler, geübt im Schachern und Verhandeln. Es musste sich doch irgendetwas finden lassen, was er dem Tod anbieten konnte, etwas, das sinnvoller war, als ihm, Klaus Fischer, das Leben zu nehmen.

„Bist du es nicht leid, immer nur destruktiv zu wirken?“, fragte er schließlich und sah den Tod ehrlich interessiert an. Der zuckte die Schultern. „Muss ja gemacht werden, der Job. Die Kollegen sind nett, ich habe Gleitzeit und bin weitgehend frei in meinen Entscheidungen. Das ist schon in Ordnung so. Oder denkst du, Gebrauchtwagenhändler braucht diese Welt dringender?“ Dazu hatte Klaus keine Meinung, deshalb antwortete er nicht darauf. „Aber ist es denn nicht schöner, ein gutes Werk zu tun? Es gibt doch Leute, die wollen gerne sterben und können nicht.“

schwarzer EngelEr dachte an die Mutter eines Freundes, deren schwere, schmerzhafte Krankheit sich jetzt schon seit Jahren hinzog – hier würde Gevatter Tod sicherlich mehr als willkommen sein. Wieder schien der Tod zu schmunzeln. „Du willst mir also ein Geschäft anbieten? Ein altes krankes Weiblein gegen einen Kerl in den besten Jahren. Na, da muss schon ein bisschen mehr kommen. Was hast du noch für mich?“ Klaus überlegte eine Weile. Das Einzige, was ihm einfiel, war der alte Hund Schnüffel aus dem Erdgeschoss. Der war uralt und lahmte stark, der war auf jeden Fall richtig auf der Liste. „Jetzt willst du mich aber verarschen, oder?“, lautete die Antwort seines unheimlichen Besuchers auf Klaus Vorschlag hin. „Nein, nein, nein, ganz bestimmt nicht. Ich dachte einzig an das Wohl des Tieres.“ Klaus schwitzte. Er dachte an seinen Job – zu verkaufende Autos immer in den rosigsten Farben darstellen, bei anzukaufenden Modellen die Fehler finden. Und er fand einen Fehler. „Weißt du, eigentlich kannst du gar nicht so viel fordern. Du hast nämlich einen Fehler gemacht!“ „Ich, einen Fehler?“ Der Sensenmann lachte. Er hatte eine tiefe Stimme, eigentlich klang es ganz angenehm, wenn er lachte. Doch Klaus spürte, dass der Hüne nicht amüsiert war. „Ich mache nie Fehler – zumindest hat sich noch nie jemand von meinen Kunden darüber beschwert. Was für einen Fehler soll ich denn gemacht haben?“ Klaus fürchtete sich, wagte sich aber doch weiter in die Offensive. „Deine Akten stimmen nicht. Du hast gesagt, das viele Rauchen macht mich krank. Ich habe aber schon vor zwei Jahren aufgehört!“ Der Tod lehnte sich verblüfft in Oma Lottes Schaukelstuhl zurück. Es fehlte nicht viel und Klaus hätte sich ihn mit einem Strickzeug in der Hand vorstellen können. „Soooo, du rauchst also nicht mehr. Und das schon seit zwei Jahren. Hmmm … stimmt, das war bei mir nicht vermerkt. Was machen wir denn da?“ Klaus wagte kaum zu atmen, während der Sensenmann grübelte. Es war nicht unbedingt beruhigend, dass er dazu sein Werkzeug in die Hand nahm, es vor sich auf den Boden stellte und sich zum Schaukeln damit abstieß.

Dann endlich traf die Gestalt im bunten Kittel eine Entscheidung. „Gut, ich schlage dir ein Geschäft vor: Ich nehme die Oma und auch den alten Köter, die sollen beide nicht mehr länger warten. Und du…“, er wies mit einem großen, klobigen Finger auf Klaus, „du hörst auf der Stelle auf zu saufen und wirst Vegetarier!“ Klaus stöhnte innerlich, nickte aber. Bevor dem Tod noch die Idee kommen konnte, seinem Gesundheitsprogramm irgendwelchen Sport hinzuzufügen, ergriff er dessen Hand und schüttelte sie kräftig. „So machen wir das!“ Klaus eilte in den Flur, um seinen ungebetenen Gast hinauszubegleiten, doch der Riese lehnte ab. „So geht das nicht. Du musst mir deine Tauschsubjekte schon zeigen. Oder denkst du, ich habe Google Maps mit dabei?“ Klaus grauste es, denn er wollt Gevatter Tod nicht bei dessen schauerlichen Geschäft beobachten. Trotzdem griff er nach seinen Schlüsseln und einer Jacke. „Schuhe! Oder willst du in diesen Latschen auf der Treppe zu liegen kommen und dir das Genick brechen?“ Der Tod lachte heiser wie über einen gelungenen Witz und Klaus beeilte sich, die Pantoffeln gegen ein Paar solide Turnschuhe zu tauschen. Dann folgte er seinem Begleiter hinaus in den Hausflur.

Den Hund fanden sie schnell. Fasziniert sah Klaus zu, wie der Tod geschickt die Tür zu der kleinen Erdgeschosswohnung öffnete, sich in den Türrahmen hockte und ein leises Geräusch machte. Sein Äußeres hatte sich verändert, er war nun gekleidet wie Metzgermeister Köster, wo das alte Hundefrauchen immer einkaufte. Gewiss gab es dort für den betagten Rüden immer ein Scheibchen Wurst. Tatsächlich kam der Hund an die Tür. Er schien zu lächeln, drängte sich an die Beine der großen Gestalt, legte sich dann lang in den Flur und schlief einfach ein. Eine Art Feder schwebte empor, die der Tod auffing und mit seinen großen Händen behutsam in einem kleinen Beutel verstaute. „Hundeseelen sind leicht“, erklärte er und Klaus nickte, als hätte er verstanden.

Dann führte er den Sensenmann einmal durch die halbe Stadt. Er kam sich komisch vor mit seinem Begleiter in der U-Bahn zu stehen, doch außer ihm schien niemand den Tod zu bemerken. Nur einmal kam es jedoch zu einer brenzlichen Situation, als einige junge Männer an einer Hauptstraße ein Autorennen veranstalteten. Sie hingen dabei lebensgefährlich weit aus ihren alten Autos und plötzlich raste einer der Wagen auf eine Litfasssäule zu. Es krachte fürchterlich und der Tod schien wie elektrisiert zu sein. „Komm, wir wollen doch zu dem Pflegeheim!“, flüsterte Klaus, doch die jetzt dunkle Gestalt schien ihn nicht zu hören. Dann nickte der Tod kurz und beruhigte sich. „Der Kollege ist schon vor Ort“, meinte er und Klaus schauderte es.

Gemeinsam erreichten sie das St. Anna-Stift und gelangten unbehelligt an die Rezeption. Die war verlassen, man hörte jedoch aus dem Nebenzimmer zwei Frauenstimmen. „Gut so“, flüsterte der Tod, schlich sich hinter den Tresen und sah am Computer nach, in welchem Zimmer Frau Meta Burmeister lag. Er nickte Klaus zu und gemeinsam fuhren sie in den dritten Stock.

Die Mutter von Klaus Freund schlief nicht, als die beiden das Zimmer betraten. Sie konnte schon lange nicht mehr richtig schlafen, der Krebs hatte sie ausgezehrt und auch starke Schmerzmittel halfen immer nur für eine kurze Zeit. Sie sah zur Tür und blickte fragend. „Klaus! Das ist ja schön, dass du mich mal besuchen kommst. Aber eine komische Zeit hast du dir ausgesucht.“ Sie bemerkte seinen Begleiter und ihre Züge entspannten sich. Sie lächelte. „Oh, ich sehe, du hast mir jemanden mitgebracht. Schnitter, du bist es – das ist ja schön! Spät kommst du, aber besser spät, als nie.“ Der Tod sah jetzt genau so aus, wie Klaus ihn sich immer vorgestellt hatte, keine Verkleidung entstellte ihn. Klaus hörte, wie er leise mit der alten Frau sprach, aber was sie sagten, konnte er nicht verstehen. Dann aber sah er eine Feder emporsteigen, größer dieses Mal, und auch sie wurde aufgefangen und sorgfältig eingepackt. Meta Burmeister war tot und Klaus lebte. Das Geschäft war erledigt.

Auf der Straße trennten sich Klaus und der Tod ohne ein weiteres Wort. Klaus verbrachte den Rest der Nacht auf einer Bank in der Nähe des Friedhofs. Gerne hätte er sich so richtig betrunken, aber das durfte er ja nicht. Und so weinte er ein bisschen, um Frau Burmeister, den Hund Schnüffel, den jungen Idioten aus dem Unfallwagen und all die Jägerschnitzel, die er nun nie mehr essen würde.

Komische Gewohnheiten: Nach dem Googlen zum Sterben hinlegen

Diese Gewohnheit beobachte ich immer mal wieder bei mir. Ich weiß aber, dass ich mit der Marotte nicht allein bin, und nehme sie deshalb hier mit auf.

Komische Gewohnheiten: Schon mal zum Sterben hinlegen

Wie schon hin und wieder einmal erwähnt, leide ich des Öfteren unter lebensbedrohlicher Hypochondrie. Nicht nur, dass ich weiß, dass meine Lebenserwartung aufgrund meines Lebenswandels gemindert ist. Nein, ich suche auch aktiv nach weiteren Risikofaktoren in meinem Leben, um deren Folgen dann intensiv auszuleben. So lese ich zum Beispiel die Packungsbeilagen aller Medikamente sehr aufmerksam, damit ich sämtliche Nebenwirkungen richtig zuordnen kann, sobald sie beginnen. Selbstverständlich bekomme ich die auch immer fast alle. Sogar das Zucken der Oberlippe, das irgendwo einmal als äußerst selten angegeben wurde, beschäftigte mich tagelang. Da ich eine grundsätzlich robuste Konstitution besitze, überlebe ich zumeist, fühle mich aber in meinem Wohlbefinden manchmal eingeschränkt.

Aufgrund der Überzeugung, dass Ärzte etwas Schlimmes finden, sobald man um die Ecke kommt, meide ich den Besuch bei einem Mediziner, so gut es geht. Unglücklicherweise brauche ich hin und wieder ein Rezept, sodass ich mich doch in eine Praxis hineinschleichen muss, aber wann immer es geht, schnappe ich nur das wichtige Zettelchen und eile wieder hinaus. Im Falle von tatsächlich auftretenden Beschwerden bevorzuge ich Doktor Google.

Und so passierte es mir kürzlich, dass ich mich nicht wohl fühlte. Eigentlich ging es mir schon länger nicht ganz richtig gut, aber die Symptome waren diffus. Irgendwann raffte ich mich auf und tippte meine Malaisen bei Google ein, um festzustellen, was ich alles Schlimmes habe. Das erste, was auftauchte, war „Herzinsuffizienz“. Heiliges Kanonenrohr!

Ich fühlte nach meinem Puls und betastete meinen Brustkorb: Alles noch da. Und doch war da die Gewissheit, dass ich wohl in Kürze verbleichen würde. In einer Mischung aus Resignation und würdevollem Trotz legte ich mich auf mein Sofa und wartete auf den Tod. Er würde kommen, in Kürze schon, und ich wollte dem alten Schnitter seinen Job nicht unnötig erschweren. Der macht schließlich auch nur seine Arbeit. Und da ich nie im Bett sterben wollte, wurde halt das Sofa der Ort meiner Wahl.

TodesengelDa lag ich also, und wartete ab.

Die Sache zog sich hin.

Irgendwann machte ich den Fernseher an. Es steht ja nirgends, dass man sich beim Sterben langweilen muss. Ich guckte ein wenig. Dann machte ich ein Nickerchen.

Schließlich bremste eine ganz gewöhnliche körperliche Regung meinen Willen zur Mitarbeit beim problemlosen Hinscheiden: Ich musste mal auf’s Klo. Leicht genervt rappelte ich mich wieder hoch. Also ehrlich, eine gewisse Pünktlichkeit kann man doch auch von Gevatter Tod erwarten, oder etwa nicht?

Ich erledigte zügig meine Geschäfte, denn auf keinen Fall wollte ich mit runtergelassenen Hosen im Bad niedergestreckt werden. Und dann kam ich zurück zum Sofa. Der Laptop war noch an. Ich aktivierte ihn wieder, um mein Todesurteil nochmal zu betrachten, und las ein wenig weiter. Vielleicht stand ich ja gar nicht kurz vor dem Herztod, sondern würde wegen etwas anderem mein kleines Leben aushauchen. Und tatsächlich, es gab noch ein paar Dinge zur Auswahl. Und wieder dachte ich sowas wie ‚Ach du grüne Neune!‘, als ich etwas las, das mir bekannt vorkam. Ich schluckte und beschloss, dass sich ein Arztbesuch vielleicht doch noch lohnen könnte. Denn es gibt Sachen, die will man nicht haben, an denen stirbt man aber nicht. Nicht mal ich …

Und so war ich tatsächlich innerhalb von einer Woche bei zwei Medizinern, die mir eine im Grunde recht gute Gesundheit bestätigten. Pillen gab es trotzdem, und zwar welche ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Der Sensenmann wird sich noch eine Weile gedulden müssen, es sei denn, ich renne vor einen Bus oder so. Das hat er nun davon, dass er die Gelegenheit, als ich bereit zum Abflug auf meinem Sofa lag, nicht beim Schopf ergriffen hat.

 

Nachbemerkung: Ich muss übrigens gestehen, dass es mich erleichterte, über dieses Thema mit einer Freundin sprechen zu können, die bei sich an manchen Tagen ein ähnliches Verhalten beobachtet. So stand sie einmal des Nachts auf, überzeugt davon, in den nächsten Stunden dahinzuscheiden, und zog sich ein „ordentliches“ Nachthemd an. Denn in einem alten verwaschenen Ding wollte sie nicht tot aufgefunden werden. Verständlich, oder?