Phönix, Drache und Lindwurm

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Flohmarktfund: ein gläserner Knopf mit Drachen

Ich habe mal wieder gestrickt. Dieses Mal habe ich mich für etwas entschieden, was in weiten Teilen NICHT fernsehtauglich war – man musste recht gut hingucken dabei. Angefangen hat das alles mit einem Flohmarktfund vor einigen Jahren: Damals kaufte ich an einem Stand vier ganz besondere Knöpfe mit Fabelwesen darauf. Ein Einhorn habe ich davon vor einigen Jahren mal als Handtaschenverschluss verarbeitet, aber drei von den kleinen Kunstwerken waren noch da.

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Ein Lindwürmchen, Bild von Pixabay

Als ich dann vor ein paar Monaten mal wieder in die Sonderangebotsfalle tappte, war die Stunde eines dieser Knöpfe gekommen: Ich kaufte einen Haufen Wolle der Sorte Schachenmayr Soft Linen in Schwarz und Orange Mix (70% Viskose, 30% Linen) und suchte nach einem Motiv. Ringel doof, Streifen doof, große Ratlosigkeit. Da stieß ich auf einer Seite mit Tattoomotiven (!) plötzlich auf diverse Phönixe und ähnliches Getier. Derartig auf den Geschmack gekommen, entschied ich mich für ein fabelhaftes Dreigestirn und werkelte los.

Zuerst der Rücken, natürlich. Ein Phönix sollte es hier sein. Ich suchte einen aus, rechnete eine Weile herum und fing an. Es war mühsam. Und so gut kann ich auch gar nicht mehr gucken. Immer wieder verrutsche ich in der Zeile meiner Zählvorlage. Mist.

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Phönix, Bild von Pixabay

Also ribbelte ich die ersten mühsam hingefrickelten Reihen des Musters noch einmal auf und begann neu, dieses Mal mit einer App als Hilfsmittel: Die Wooltasia-App läuft über das Handy und sagt einem genau, was man zu tun hat: drei schwarz, fünf orange, sieben schwarz, drei orange – so kam ich gut klar. Diese App ist wirklich gut und kann deutlich komplexere Projekte bewerkstelligen als mein zwei-Farben-Motiv: In einer entsprechenden Gruppe auf Facebook fand ich gestrickte, gehäkelte und gestickte Motive mit zig Farben. Die meisten waren nicht so mein Fall, ich stehe nicht so auf gestrickte Wandbehänge und so, doch sie waren immer kunstvoll ausgeführt.

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Drache, Bild von Pixabay

Für die Vorderteile wählte ich schmalere Motive und ließ die Tiere einander angucken. Außerdem setzte ich Drache und Lindwurm ziemlich weit nach unten, weil es mir irgendwie merkwürdig vorgekommen wäre, wenn die beiden sich auf meiner voluminösen Brust herumgeringelt hätten. Mit der Kombination bin ich recht zufrieden so.

Weniger glücklich war ich mit den gefühlt eintausend Fäden, die zu vernähen waren – dazu habe ich ja immer so gar keine Lust. Deshalb stockte das Projekt auch für fast zwei Wochen, bis ich mich irgendwann zusammengerissen habe. Gestern Abend habe ich den letzten Ärmel fertig gestrickt, heute nochmal feste genäht, zuletzt den wunderbaren Knopf angebracht – fertig.

Und so sehe ich da drin aus:

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Vor meinem Schlafzimmerspiegel.

Warum ich beim Knipsen immer nach unten gucke, weiß ich auch nicht, aber besser kriege ich das nie hin. Die Jacke fühlt sich super an, ist warm und sehr weich – aber auch sehr schwer. Hier bin ich gespannt, wie sich das Material verhalten wird – eventuell wird aus meiner langen Jacke auch ein Mantel oder gar ein Schlafsack. Wir werden sehen.

Resteverwertung – meine neue Kuscheljacke

Sooo, der Winter kann kommen – oder zumindest der Herbst. Denn gestern wurde meine neue Kuscheljacke fertig und ich habe sie am Abend auch gleich angehabt. Lange habe ich daran herumgewerkelt!

Verschiedene Wollreste in WäschewanneAlles begann damit, dass ich einmal meine ganzen Sockenwoll-Reste zusammengesammelt habe. Da kam einiges zusammen, kunterbunt und nicht unbedingt so, dass da irgendwas gut zu etwas anderem gepasst hätte. Ich wartete  also auf eine Aktion von brands-4-friends, wo es ein paar Mal im Jahr günstige Sockenwolle zu kaufen gibt. Ich ergatterte tatsächlich zwei Pakete Regia Silk in Anthrazit, die wunderbar geeignet schien, um mein buntes Sammelsurium farblich zusammenzuhalten.

Und dann werkelte ich drauflos. Natürlich wollte ich nichts Kompliziertes, ist ja klar – wie immer war „fernsehtauglich“ mein Motto. Schließlich schlafe ich ansonsten beim Fernsehen immer gleich ein, wenn ich nichts zum Werkeln habe. Frau in StrickjackeIch entschied mich mal wieder für das gute alte Ziegelmuster mit Hebemaschen – immer vier Reihen farbig, zwei Reihen dunkel, und in den farbigen Reihen jeweils die sechste Masche abheben. Das strickt sich irgendwann ganz von selber.

Auch wenn ich eine Restejacke strickte, wollte ich doch nicht, dass die Sache irgendwie „übriggeblieben“ aussieht und vorne und hinten nicht zusammenpasst. Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Körper in einem Stück zu stricken. Da ich alles andere als eine Tanne bin und das Garn zudem recht dünn war, kam ich auf die beeindruckende Zahl von 524 Maschen pro Reihe. Da waren aber immerhin die gleich mit angestrickten Blenden schon mit drin – auf das nachträgliche Anstricken von Blenden habe ich nämlich immer gar keine Lust.

Ich mühte mich also mit einem langsam wachsenden, riesigen Lappen ab, versuchte die Farben so auszusuchen, dass es nicht ganz merkwürdig ausieht und strickte viele Wochen herum. Irgendwann konnte ich Ärmellöcher machen – ein Fortschritt. Dann ein V-Ausschnitt vorne – auch gut. Natürlich ging dann das Abwiegen der Wolle wieder los, denn ich wollte nicht ein blaues und ein oranges Vorderteil haben. Ja, spießig, ich weiß. Aber irgendwann war ich fertig, verstopfte viele, viele Fäden, schloss die Schulternähte und probierte den Lappen an. Und tatsächlich, er passte! Also nur noch Ärmel und Knöpfe, und es war getan!

Insgesamt verbrauchte ich für diese Kuscheljacke knapp 400 Gramm der dunklen Wolle, 21 Knäulchen Rest-Sockenwolle sowie fünf Knöpfe aus der Knöpfekiste. Die Jacke ist gemütlich und ich bin rundum happy damit. Nur was mache ich jetzt? Das Projekt „Bestandsverarbeitung“ läuft noch immer …

Schwarz-buntes Fünfecktuch

Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr war ich krank geschrieben – ausgesprochen misslich. Der einzige Vorteil daran, vom Arzt auf das Sofa geschickt zu werden (eigentlich ins Bett, aber da halte ich es nicht lange aus) liegt darin, dass man mal ausgiebig fernsehen und dabei stricken kann. Da es mich allerdings dieses Mal heftig von den Füßen gerissen hatte, gab es mal wieder etwas ganz Einfaches. Verarbeitet wurde ein Wollbobbel, den ich letztes Jahr auf Norderney gekauft hatte – ein Baumwoll-Poly-Gemisch. Die Lauflänge weiß ich gar nicht, es war keine Banderole darum.

Ich habe ja schon öfter derartige Bobbel verarbeitet, habe aber doch auf meine alten Tage noch was gelernt: Bei diesem Knäuel handelt es sich um eine sogenannte „Tuchwicklung“, die von innen nach außen verarbeitet wird. So sind dann die bunten Streifen zumindest annähernd gleich breit, auch wenn man bei einem Dreiecks- oder Fünfeckstuch immer mehr Maschen hat. Die Wicklung war ganz gut, man konnte von innen heraus bis zum Schluss stricken, ohne dass die Wolle sich verhedderte. Allerdings waren die Übergänge etwas knubbeliger, als ich das von meiner geliebten Wolle von 100 Farbspiele gewohnt bin.

Gestrickt habe ich ein einfaches Fünfecktuch mit Zunahme von 8 Maschen in jeder zweiten Reihe (also 12 Maschen anschlagen, in der ersten Reihe Maschenmarkierer nach der 3., 6. und 9. Masche setzen und dann jeweils an den Reihenenden sowie rechts und links neben dem Maschenmarkierer zunehmen). Das Muster war absolut fernsehtauglich, jeweils sechs Reihen glatt rechts, dann glatt links und als Abschlusskante ein großes Perlmuster. Das geht auch noch mit Kopfweh und Fieber. Und wie immer bei dieser Art von Tuch dachte ich am Anfang, ich bin gleich fertig, und verzweifelte irgendwann fast ob der puren Menge der Maschen. Es waren um die 800 Maschen am Schluss – ich habe sie nicht mehr gezählt. Würden diese Tücher sich nicht so besonders gut tragen lassen, würde ich mir das nicht antun 😉

Das war jetzt das insgesamt vierte Fünfecktuch, dass ich gewerkelt habe – eines in Rot-Gelbtönen, eines aus ulkigen Resten und eines mit etwas komplizierterem Muster in Pastelltönen. Dieses Tuch bleibt bei mir!

Doubleface: die zwei Seiten der Fummelei

Beim Stricken probiere ich ja gerne mal etwas Neues aus. Zwar habe ich es am liebsten, wenn ein Muster fernsehtauglich ist, aber ab und zu darf es auch mal etwas Herausfordernderes sein. Und so beschloss ich, dass ich das Doubleface-Stricken lernen müsse. Ich hatte nämlich in einer Facebook-Gruppe einen wunderbaren Schal mit einem beidseiten Muster gesehen. Sofort wurde mir klar, sowas wollte ich auch haben. Nicht als Schal, sondern als breitere Stola. Wenn schon, denn schon.

Also suchte ich mir eine Anleitung zu dieser Technik und begann frohen Mutes zu üben. Zuerst mit einem einfachen Karomuster. Es traf sich gut, dass ich kürzlich all meine Topflappen abgefackelt hatte – da hatten also meine Karos gleich einen praktischen Nutzen.

Leider musste ich feststellen, dass ich kein Naturtalent in Sachen Doubleface bin. Es fällt mir unheimlich schwer, mich nur auf die rechten Maschen zu konzentrieren, immer wieder haute ich einen oder gleich mehrere Fehler in eine Reihe hinein. Und so beschloss ich, im Anschluss an mein grau-türkis-kariertes Topflappenpaar noch eines in blau-rot zu machen, mit einer selbst designten Teekanne drauf. Ich werkelte emsig herum, kreirte im Excel ein Strickmuster für einen Topflappen und gab diesem den schönen Namen „Herma“. Die Teekanne dekorierte ich mit einem anspruchsvollen Sternchenmuster – schließlich gehörte ich inzwischen zu den Fortgeschrittenen Doubleface-Strickerinnen, dachte ich.

Nun, was soll ich sagen? Nachdem ich mit meinem Sternchenmuster ein fürchterliches Kuddelmuddel angerichtet hatte, rebbelte ich alles wieder auf und vereinfachte meine Vorlage. Mit etwas Phantasie kann man das Gebilde auf der Kanne jetzt als Ostfriesenrose interpretieren, oder als klumpiges Kreuz. So sah das aus:

Einstrickmuster Teekanne, eigenes Excel-Design, wer sich daran versuchen möchte, ist herzlich willkommen

Ich legte also noch einmal los. Und tatsächlich, mit viel Geschimpfe, allerlei Korrekturen und Gefluche rang ich mir einen blau-roten Topflappen ab. Und ich beschloss, dass dieser eine Lappen ein Einzelstück bleiben würde, zumindest bis auf weiteres. Denn für dieses Gefummel bin ich nicht geschaffen. Ich beerdige das Projekt „Doubleface-Stola“, bevor es zum Berliner Flughafen wird.

Natürlich zeige ich mein kleines, mackiges Läppchen auch vor – es ist aus einem Baumwoll-Seiden-Gemisch, das vor Jahren vom Stricken einer Strickjacke übrig blieb. Wenn schon das Muster krumpelig aussieht, ist also zumindest das Material ganz was Feines:

Topflappen, Modell „Herma“

 

Nachbemerkung 1: Ich gebe meinen Strickmustern nur selten Namen. Dieses Mal ist es etwas anderes, weil ich bei Pottlappen immer an unser altes Kinderspiel „Pottlapott“ denken muss. Das ist eine Art Versteckspiel, bei dem man zu Beginn einen Eimer durch die Gegend schmeißen musste. Und das konnte Herma einfach am Allerbesten.

Nachbemerkung 2: Es ist noch viel Material von der Strickjacke übrig. Wer weiß irgendwann … in einem stillen Moment … versuche ich es vielleicht nochmal. Aber nicht heute – ich muss mich erst mal erholen. ICH MUSS MICH HINLEGEN!

9 Gründe, den Herbst zu lieben

Gestern war offiziell Herbstanfang. Pünktlich dazu ist es kühler geworden und es regnet endlich mal ein wenig. Ich freue mich jedes Jahr auf den Herbst und glaube, dass er meine Liebings-Jahreszeit ist. Und dafür gibt es eine Menge Gründe. Hier die für mich Wichtigsten:

1. Die Farben

Der Herbst ist für mich golden. Das liegt nicht nur an der Farbes des Laubes, das bunt leuchtet, sondern auch an dem besonderen Licht. Wenn ich mich recht erinnere, steht die Sonne im Herbst tiefer als im Sommer, der Einfallswinkel der Sonnenstrahlen ist flacher und die Farbe des Lichts daher anders.

2. Letzte Blüten

Für mich als Blumenfan sind die letzten Blüten im Herbst immer besonders schön, ich freue mich über jede, die mich anlacht. Jetzt im September gibt es ja noch richtig viele Blumen, später im Jahr muss man schon mal auf Beeren ausweichen, wenn man nach etwas Buntem zum Fotografieren sucht.

3. Rauer Wind und Sonnenschein

In diese Lieblingsjahreszeit fällt in der Regel mein jährlicher „Alleine-Urlaub“ auf einer Insel. Ich liebe es, im rauen Herbstwetter am Wasser spazieren zu gehen, fröstelnd und durchgepustet irgendwo einzukehren und mich – gerne schreibend – aufzuwärmen. In jedem dieser Urlaube erwische ich auch ein par Sonnenstunden, die ein besonderr Genuss sind.

4. Apfelzeit und Erntedank

Ich bin niemand, der das Ernetdankfest bewusst feiert, doch ich finde es gut, im Herbst einmal kurz innezuhalten und dankbar dafür zu sein, dass die Natur es mit uns hier recht gut meint. Auch wenn dieses Jahr sehr trocken war, war es doch vielerorts ein grandioses Obstjahr. Ich habe dieses Wochenende einen tollen Pflaumenkuchen gebacken, vielleicht folgt diesem bald mal wieder ein Apfelkuchen. Denn Äpfel, die ich roh leider nicht gut vertrage, gehören zu meinem liebsten Obst – sei es als Kuchen, Wein, Mus oder, oder, oder …

5. Pilze!!!

Hach, Pilzzeit! Ich liebe Pilze. Zwar habe ich noch nie selber welche gesammelt und werde das wohl auch nie tun (ich denke, es gibt weniger mühsame Methoden, sich umzubringen), doch ich liebe Pilzgerichte aller Art. Besonders Pfifferlinge, die es zuhause nie gab, sind meine Favoriten.

6. zur Ruhe kommen

Im Sommer will ich immer was machen: Schwimmen gehen, an den Main, zumindest auf den Balkon. Dieser Sommer war allerdings so heiß, dass ich mich manchmal zuhause eingeigelt habe – aber immer mit einem schlechten Gefühl dabei. Der Herbst läd dazu ein, zur Ruhe zu kommen, dem Sofa zu huldigen und einfach mal abzuhängen.

7. Teezeit

Mit der Sofazeit und dem Abhängen kommt natürlich auch der Teedurst zurück. Zwar mache ich mir auch im Sommer mal ein Kännchen Tee, aber in den kalten Monaten ist Teetrinken für mich ein Muss. Meistens gibt es kräftigen Ostfriesentee, manchmal aber auch Rotbusch- oder Kräutertee. Wie gut das schmeckt, wenn es kühl und dunkel ist!

8. Erste Weihnachtskekse

Ich fand es ja schon etwas seltsam, als ich letzte Woche aus dem Freibad kam und im Supermarkt kistenweise Weihnachtskekse sah. Ich gestehe aber, dass ich zu denjenigen gehöre, die immer schon früh im Jahr ein Päckchen davon kaufen, um es gemütlich zum Tee zu schnabulieren. Ich weiß, das finden viele blöd, aber ich stehe dazu! Es gibt bei mir übrigens bevorzugt Mandelspekulatius 🙂

9. Stricken

Mit der Chill-Tee-Keks-Sofazeit werde ich mich auch wieder mal meinen Wollhaufen widmen und ein wenig Stricken. Ich brauche noch eine Mütze, finde ich, und auch mein letztes Sockenpaar wartet noch auf die Fertigstellung.

Und damit bin ich mit meiner Liste am Ende. Wem noch etwas einfällt, der schreibe es gerne in die Kommentare – ich bin sehr neugierug darauf, was andere am Herbst mögen.

Die Miesmacher

Socken, Reste, Wollrechte, Restesocken

Restesocken – wer sie nicht mag, der möge schweigen!

Ich mag ja die sozialen Netzwerke – gerne mache ich hier und da ein bisschen mit. Viel Interessantes gibt es zu sehen, man kann sich austauschen und mit anderen seinen Hobbys nachgehen. Und gerade im Bereich eines meiner Hobbys, beim Stricken, fallen sie mir immer wieder auf: die Miesmacher. Ich denke allerdings, dass das nicht nur in den Handarbeitsgruppen so ist, sondern auch bei den Autoschraubern, den Hundebesitzern oder den Hobbyfilmern: Einige haben halt immer was zu meckern. Oder wissen es besser. Oder beides …

Natürlich geht es mir nicht darum, dass man alles toll finden sollte, was da in diesen Gruppen gezeigt wird. Manches entspricht einfach nicht dem persönlichen Geschmack. Das Schöne an diesen sozialen Netzwerken ist jedoch, dass man nicht verpflichtet ist, etwas zu einem Beitrag zu sagen – man kann sich auch mal in Schweigen hüllen. Man muss nicht mal liken – man kann die Finger einfach stillhalten.

Es geht mir auch nicht darum, dass man nichts sagen soll, wenn man gefragt wird. Wenn also in einer Strickgruppe ein Mitglied – nennen wir es „Martina“ – fragt: „Passt dieses Rot dazu oder sollte ich lieber Blau nehmen?“ kann man natürlich seine Meinung dazu sagen – sie hat ja gefragt. Immer wieder aber sagen Leute dann so etwas Aufbauendes wie „Ist eigentlich egal bei dieser billigen Polyesterwolle, das ist eh die Arbeit nicht wert“ oder „Wenn man so kräftig ist wie du, sollte man nicht auch noch so kräftige Farben tragen.“ Peng – das war bestimmt genau die Information, die Martina dringend gebraucht hat.

Oder wenn jemand ganz stolz etwas zeigt mit den Worten: „Guckt mal, mein erster Pullover“ und auf dem Bild ist eine strahlende Person in einem etwas sackartigen Gebilde zu sehen. Dann kann man natürlich schreiben, dass die Passform nicht schön ist, dass man an den Schultern hätte abnehmen können oder sollen, oder dass ein Rvo* viel schöner gewesen wäre. Man kann das aber auch lassen. Was haben denn die ewigen Miesmacher davon, irgendeiner völlig unbekannten Petra den Spaß an ihrem neuen Hobby zu verderben? Warum kann man nicht großzügig über die Macken hinwegsehen und stattdessen die schöne Farbe loben – oder eben einfach nur die Klappe halten?

Richtig gut kommt es immer, wenn die Miesmacher ihre Miesmacherei in scheinbare Höflichkeit kleiden: „Also, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber …“ Oh doch, genau das wollen sie in diesem Moment, und das wissen sie auch. Sie nehmen so richtig Anlauf, um jemandem einen Tiefschlag zu versetzen. Zack, mit Schwung, damit die andere bloß keine Freude mehr hat an dem, was sie eigentlich nur zeigen wollte. Und ich sitze dann immer da und frage mich: Warum? Wozu ist das gut?

Wie gesagt, ich erwarte nicht, dass man alles lobt und hudelt, was einem in diesen Handarbeitsgruppen gezeigt wird. Ich finde manches sogar abgrundtief scheußlich, auch wenn es vielleicht handwerklich ausgezeichnet gemacht ist. Geschmack ist verschieden, und nie würde es mir einfallen, jemandem zu erzählen, dass ich die gehäkelte grüne Küchengardine nicht leiden mag oder dass die gezeigte Mütze mich an einen Klopapierrollenüberzug erinnert. Ich muss auch nicht verkünden, dass gestrickte Wandteppiche mit Pferdemotiv für mich Staubfänger sind oder dass ich Häkelschweine für eine unnötige Erfindung halte. Über die Passformen von Kreisjacken rede ich auch nicht, auch wenn es da oft etwas dazu zu sagen gäbe. Die Leute sind mit dem, was sie mit viel Mühe hergestellt haben, glücklich, und das sollte man ihnen gönnen.

Und manchmal – ganz selten – like ich sogar etwas, das einfach nur krumm und irgendwie missraten ist. Zum Beispiel so ein windschiefer Teddybär, der rührend schielt, oder ein erstes Paar Socken, dass zwar formlos ist, aber doch der Anfang eines schönen Hobbys sein kann. Es kostet doch nicht, dann mal ein Like zu klicken – man klickt ohnehin so viel Zeug an jeden Tag.

 

*Raglan von oben