Fire and Salt – ein unerwarteter Spaß

Am Mittwoch war also mal wieder Sneak Preview mit Maike. Vor der Vorstellung überlegten wir, was wir wohl zu sehen bekämen. Wie fast immer waren wir uninformiert darüber, was überhaupt in den nächsten Wochen anlaufen würde, so dass wir es einfach auf uns zukommen ließen. Und das war gut so, denn von der Perle, die man uns dann präsentierte, habe ich noch nie zuvor gehört.

Ich habe übrigens vor, hemmungslos zu spoilern und meine Meinung kundzutun – wer den Film also noch sehen möchte, möge sich gut überlegen, ob es nicht besser wäre, hier mit dem Lesen aufzuhören.

Kakteen spielten auch eine kleine Rolle. Bild zur Verfügung gestellt worden von Axel Schwalke / http://www.pixelio.de

Der Vorstellung ging auch dieses Mal nach einigem Vorgeplänkel los und wir guckten neugierig auf die eingeblendete Filmfirma. Unbekannt. Verdächtig erschienen allerdings die ganzen „Filmförderungs-Logos“ – das roch nach Kunst. Und dann die Aufklärung: „Ein Werner Herzog-Film“. Drehbuch und Regie Werner Herzog – aha. Das ist doch ein ganz Bekannter, dachte ich, und war gespannt, was nun kommen würde. „Thriller“, stand auf der Leinwand, und dann „Veronika Ferres“. Nochmal aha.

Um ehrlich zu sein, sehe ich Veronika Ferres recht gerne, wenn sie ein gutes Drehbuch hat, ist sie in meinen Augen eine wirklich gute Schauspielerin. Die Zuschauer sahen das offenbar anders, der Name löste keine Begeisterungsstürme, sondern eher allgemeines Stöhnen aus. Ich stöhnte auch, hinterher, was allerdings weniger an Frau Ferres lag als vielmehr an den unglaublich dümmlichen Texten und Handlungen, die man ihr auferlegt hat. Dagegen konnte sie nicht anspielen – niemand hätte das gekonnt.

Aber fangen wir von vorne an: Die Grundidee des Films fand ich wirklich gut. Eine internationale Delegation von drei Wissenschaftlern reist in ein südamerikanisches Land, um über eine Umweltkatastrophe zu berichten, und wird schon am Flughafen entführt. Das war soweit alles recht schlüssig, auch wenn die Personen einigermaßen blauäugig in ihr Verderben stolperten: Gepäck verschwunden, der abholende Partner war ein ganz anderer als angekündigt, der Tagungsort war plötzlich auch ganz woanders, bitte steigen Sie in diese Maschine – ja, klar, warum nicht. Kann man so machen, sollte man aber nicht. Aber gut, Film ist Film, wir nahmen das so hin. Dann wurde es jedoch langsam, aber sicher, völlig absurd.

Nach einem wilden Kampf in der Flughafenhalle – besonders tat sich Herr Doktor Meier hervor – wurde die Gruppe getrennt und in Autos verfrachtet. Man fuhr mit mehreren Fahrzeugen zu einer Villa. Die beiden Herren der Delegation waren für den Fortgang der Geschichte ganz offensichtlich überflüssig, die hatte man nur gebraucht, um den Anfang des Films ein wenig auszupolstern. Folglich speiste man die beiden Doktoren mit vergifteten Fladen und in der Zeit, die Frau Doktor Sommerfeld benötigte, um unter Protest – „Ich verlange sofort freigelassen zu werden!“ – eine Tasse Tee zu trinken, bekamen ihre Begleiter den Durchfall des Jahrhunderts und verschwanden in den sanitären Anlagen ihres Gefängnisses. Frau Doktor wurde in ein gemütliches Zimmer gesperrt, spähte aus den vergitterten Fenstern, fand sich gut bewacht und machte erst mal ein Selfie – denn ihr Tablet hatte sie immer dabei. Diese Selfie-Leidenschaft der bedauernswerten Geisel sorgte selbst bei den größtenteils jungen Zuschauern immer wieder für Lacher.

Der Thriller nahm seinen Lauf: Frau Doktor unterhielt sich mit einem maskierten Geiselnehmer, offenbar dem Boss der Entführung. Der nahm recht früh die Maske ab und gab sich als Chef der Firma zu erkennen, die die Umweltkatastrophe verursacht hatte – natürlich vor seiner Zeit. Trotzdem wurde der arme Mann, dem man die Seelenqualen im gemarterten Gesicht in jeder Szene ansah, von seinem Gewissen geplagt. Was das mit der Entführung sollte, erschloss sich mir trotzdem nicht, und auch Frau Sommerfeld musste immer wieder nachfragen: „Was wollen Sie von mir?“ Ja, das hätten wir auch gerne gewusst.

Die ersten Zuschauer verließen das Kino, wir nicht. Dafür war die Sache in ihrer Absurdität viel zu lustig. Immer wieder lag man vor Lachen fast lang, es wurde eifrig geschwätzt, auch wenn man seine Nachbarn gar nicht kannte. Einige googleten – worum sollte es da gehen? Wo liefen die da rum? Aha, Bolivien – dann wussten wir das schon mal.

Es passierte so allerhand. Es ging in den quälend hölzernen Dialogen um Gerichtsprozesse gegen Tiere und einen römischen Faltenwurf, Frau Doktor machte auf dem Rücken liegend Gymnastik und ein Rollstuhlfahrer erhob sich, um – martialisch das Maschinengewehr schwenkend – auf seinen eigenen zwei Beinen herumzulaufen. Das hatte alles keinerlei Spannung, war aber lustig.

Irgendwann gingen Entführer und Entführte zusammen auf einen Ausflug, besichtigten einen Friedhof für Lokomotiven, einen Vulkan und einen gigantischen Salzsee – der sollte die Katastrophe darstellen. Giftig und aggressiv, außerdem in seiner Ausdehnung ständig zunehmend. Das war wiederum recht gut ausgedacht, zumal der nahe Vulkan die Gemengelage wohl noch verschärfte. Frau Doktor hatte neben dem ewigen Tablet noch eine Art Opernglas dabei, informierte sich eifrig und trug dabei ein Sonnenhütchen, dass ihr das Aussehen einer Brockenhexe verlieh. Damit hätte Frau Ferres auch bei Harry Potter mitspielen können. Und während endlose Plattitüden ausgetauscht wurden, luden fleißige Helfer Wasserflaschen und Campingmaterial aus.

Salzwüste – so sah das da aus. Bild zur Vefrügung gestellt von qayyaq / http://www.pixelio.de

Der Film lief gnadenlos seinem Höhepunkt entgegen. Frau Doktor wurde in der Wüste ausgesetzt, zusammen mit zwei blinden Kindern, deren Sprache sie nicht sprach. Wo die herkamen, blieb erst mal im Verborgenen, sie standen halt einfach da herum, nachdem die Autos abgefahren waren. Man sah dieser ungewöhnlichen Patchworkfamilie also beim Budenbauen zu, sah, wie ein Kind an einer Zwiebel roch und ein anderes notdürftig gewaschen wurde. Des nachts sang Frau Doktor „Der Mond ist aufgegangen“, zwei Strophen lang, und das Publikum explodierte fast. Am nächsten Tag wurde Ludo gespielt, das scheint das optimale Spiel für blinde Kinder zu sein. Die Jungen haben geschummelt und Frau Doktor würfelte eine Sechs.

Irgendwann schien doch noch ein wenig Spannung in die Sache zu kommen – das Wasser ging zur Neige. Doch dann hörte eines der Kinder ein Auto. „Ich höre nichts!“, sagte Frau Doktor und setzte eine Brille auf. Die trug sie dann, als sie abgeholt wurden und noch ein wenig mit dem Tablet herumspielten: Es wurden Fotos gemacht mit interessanter Perspektive – ein Stoffdino in der Wüste und so. „Diese Fotos werden mich ins Gefängnis begleiten“, hauchte der Geiselnehmer und schenkte Frau Doktor ein Flugticket zum römischen Faltenwurf, und man dachte, dass er und seine Geisel nun endlich mal ein wenig Sex haben würden. Aber auch das blieb uns versagt. Das letzte, was wir sahen, war ein einsamer Rollstuhl in der Salzwüste – Hurz!

Natürlich kann man mir nachsagen, dass mir für diese Art von Film der intellektuelle Zugang fehlt – das ist ganz wahrscheinlich richtig. Trotzdem scheute ich mich nicht, meinen Bewertungszettel in die Abstimmbox mit dem Daumen runter zu stecken. Dort befanden sich etwa 95% der Zettelchen, wenngleich das vielfach diskutiert wurde. Viele Zuschauer fanden, dass der Film das eigentlich nicht verdient hätte, denn so viel hätte man schon lange nicht mehr gelacht. Aber ob es dafür unbedingt einen Thriller braucht? Und in der Produktion haben auch Arte und das ZDF mitgewirkt – ich will ja nicht hoffen, dass die dafür meine Gebühren verwendet haben!

Sneak Preview

Seit einer Weile gehe ich mit einer Freundin – und manchmal auch in einem größeren Grüppchen – mehr oder minder regelmäßig in die Sneak Preview der Frankfurter E-Kinos. Etwas Ähnliches wird natürlich auch anderswo angeboten, aber Tag, Uhrzeit und Erreichbarkeit passen uns hier gut.

Das Wort Sneak Preview wird auf Wikipedia mit „Überraschungspremiere“ übersetzt, was es für mich ganz gut beschreibt. Man geht für kleines Geld ins Kino (bei uns sind es 4 Euro), ohne zu wissen, welchen Film man sich dort anschauen darf. Oder muss, das kommt ganz drauf an. Drumherum gibt es noch ein wenig Gedöns, man kann etwas gewinnen, wird mit Süßigkeiten beworfen und es gibt ein bisschen Gerede. Und hinterher darf man den Film bewerten – das gefällt mir besonders gut. Das System ist allerdings äußerst schlicht, es gibt gut, mittel und schlecht.

Nun fragt man sich natürlich, warum voll erwachsene Menschen wie meine Freunde und ich sich das antun – schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, etwas wirklich Furchtbares zu erwischen, genauso hoch wie die, etwas wirklich Gutes zu bekommen. Und wir könnten es uns natürlich leisten, ganz gezielt ins Kino zu gehen und das zu gucken, was wir gucken wollen. Genau das aber ist die Krux.

Die Erweiterung des Horizonts stellt das Weltbild manchmal auf den Kopf

Zum einen haben wir alle einen recht unterschiedlichen Geschmack: Ich stehe ja so gar nicht auf diese typischen „Frauenfilme“, in denen viel hysterisch gelacht und geweint wird. Filme „mit viel Bumm“ kann ich schon mal gucken, wenn es außer dem Actiongetöse noch irgendeine nachvollziehbare Handlung gibt. Horrorfilme finde ich meistens richtig blöd, begeistern kann ich mich aber für kleine, künstlerische Filme mit schönen Dialogen, wo von rechts oben noch irgendwo ein Vogel piept. Christine hingegen liebt die Frauenfilme, ihr Freund Uwe aus naheliegendem Anlass nicht, und Maike mit ai guckt tatsächlich mal gerne einen Horrorfilm. Und viel Bumm. Aber keine Frauenfilme. Die Sneak Preview vereint uns alle, denn wir werden nicht gefragt.

Außerdem hat das bewusste Auswählen von Filmen den Nachteil, dass man nur auswählen kann, was man auch kennt. Auf viele Perlen abseits des Mainstreams werde ich gar nicht aufmerksam, ich bin immer wieder erstaunt, was es alles so gibt. Und so genoss ich den halbdokumentarischen Film über die Beach Boys in vollen Zügen, denn dass der gedreht wurde, hatte ich nicht mitbekommen. Und den Science Fiction-Film Ex Machina hätte ich mir freiwillig nie angeguckt, zu fern ist mir dieses Thema. Und doch war das wohl einer der klügsten Filme, die ich je gesehen habe.

Natürlich erwischt man auch Filme aus der Rubrik „Schauerlich und Quark“, aber auch das hat durchaus seinen Reiz. Der Film „When animals dream“ verfolgt mich noch heute und lässt mich grinsen und die vielen belanglosen Komödien haben mir zumindest nicht geschadet. So auch nicht der Film „Bad Moms“, bei dem ich innerlich und äußerlich lautstark stöhnte, als er losfuhr, bei dem ich mich dann aber wider Erwarten recht gut amüsierte und ein „mittel“ an der Bewertungsbox vergab. Ich habe mich einfach darauf eingelassen – es half ja ohnehin nichts.

Die Sneak Preview erweitert also meinen Horizont, sie lässt mich Filme ansehen, die ich ansonsten nicht mit der visuellen Zange anfassen würde. Ob man das unbedingt braucht, weiß ich nicht, aber es gibt bestimmt schlechtere Methoden der Bewusstseinserweiterung.

Und was für eine echte Perle wir uns gestern ansehen durften, verrate ich euch morgen.