Ihr größter Wunsch

Ein Märchen sollten wir schreiben im Schreibworkshop. Darin sollte einer unserer eigenen Glücksmomente vorkommen. Nun denn – ist klar, dass meine Prinzessin nicht ganz dürre ist, oder?

Ihr größter Wunsch

Es war einmal eine pummelige Prinzessin, die lebte in einem wohlgeordneten Land. Dort war alles gut für sie und sie hatte nicht zu klagen. Sie wohnte in einem Schloss mit Garten, hatte edle Speisen und schöne Kleider. Ein Dutzend Hofdamen waren um sie herum und gaben acht, dass sie sich nicht langweilte. Sie gingen mit ihr spazieren, lasen ihr vor, spielten heitere Spiele mit ihr oder sangen. Ihr heiteres Geplaudere ließ die Tage wie im Flug vergehen.

War die Prinzessin müde, brachte man sie in ihre Kemenate, wo eine Zofe ihr die Kleider abnahm, eine andere ihr den vorgewärmten Schlafanzug brachte und eine dritte ihr die Haare kämmte und unter die Nachmütze schob. Dann sangen die drei Mädchen mit ihren engelsgleichen Stimmen so lange, bis die Prinzessin eingeschlafen war. Der gleiche Gesang war es, der sie morgens weckte.

Die heitere Schar der Hofdamen

An einem Tag im Mai, als die Prinzessin gerade von ihren Damen mit Blumen bekränzt wurde, kam ein altes Weiblein des Weges. Es ging gebeugt und hatte sichtlich zu kämpfen, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Prinzessin, die von guter Art war, erhob sich von ihrem Thron und ging zu der alten Frau.

„Kommt mit mir, gute Frau, und ruht euch ein wenig aus“, sagte sie und stützte die Greisin mit ihrem rosigen Arm. Die Hofdamen waren entsetzt: „Aber Prinzessin, lasst doch die Alte. Seht ihr nicht, wie schmutzig sie ist?“ Und sie hat hier in den königlichen Gärten doch gar nichts zu suchen!“

Die freundliche Prinzessin aber hörte nicht auf sie, half der Alten auf ihren eigenen Lehnstuhl und labte sie mit Früchten und Käsewürfeln. Auch einen Kelch mit Zitronenbrause bekam die alte Frau serviert, und weil sie in ihrem fadenscheinigen Gewand fror, legte die Prinzessin ihr ihre eigene rosa Stola um die mageren Schultern.

„Ich danke dir, mein Kind. Du bist ein gutes Mädchen.“ Die Prinzessin lächelte nur und bot der Alten ein warmes Lager für die Nacht an. Das lehnte diese aber ab. „Hab Dank, mein Kind, das ist lieb gemeint. Ich habe aber noch Hund, Katz und Esel in meiner Hütte, um die ich mich kümmern muss. Deshalb will ich gleich weitergehen. Du aber nimm dieses Fläschchen von mir. Es enthält einem Kräutertrank. Wenn du den trinkst, wird dein größter Wunsch in Erfüllung gehen.“ Mit diesen Worten erhob die Greisin sich ächzend, nickte den Umstehenden zu und ging langsam, aber stetig über den königlichen Rasen. Obwohl die Prinzessin ihr mit den Augen folgte, hätte sie nicht sagen können, wohin sie schließlich verschwand.

„Die war ja merkwürdig“, fand eine der Hofdamen und eine andere meinte, dass es ja wohl unmöglich sei, dass so eine alte, schmutzige und stinkende Frau Wünsche erfüllen könnte. „Gießt das Gift lieber weg“, empfahlen sie der Prinzessin und ein Diener kam, um ihr das Fläschchen abzunehmen. Die Prinzessin hielt es jedoch fest in ihrer kleinen Hand. Sie war sehr nachdenklich.

„Wisst ihr was, Mädchen? Ich weiß gar nicht genau, was ich mir wünsche. Ich habe doch alles.“ Da wurden die Hofdamen munter und machten eine Menge Vorschläge: „Ein rosa Kleid!“, rief eine und die nächste „ein großes Diadem mit Brillanten, so groß wie Enteneier“. „Einen Prinzen hoch zu Pferde“, schlug eine vor“, ein andere rief „eine bessere Figur“, und die jüngste zwitscherte „rote Haare wären doch toll!“

Ihr größter Wunsch

Die Prinzessin saß da und betrachtete das Fläschchen. Ihre Hofdamen standen um sie herum und auch die Zofen und Diener liefen herbei, um zu helfen. Alle wollten wie sie beraten und redeten deshalb auf sie ein. Das Fläschchen, klein und unschuldig, schien zu lächeln und die Prinzessin dachte plötzlich: Es wird wissen, was mein größter Wunsch ist.

Sie zog den Stöpsel aus der Flasche, schnupperte kurz und trank dann vertrauensvoll die aromatische Essenz, die nach Kräutern, Mineralien und Beeren schmeckte. Der Hofstaat verfolgte ihr Tun mit ängstlichem Blick. Dann machte es Poff und die Prinzessin verschwand.

Sie tauchte auf einer Düne am Strand einer Insel wieder auf. Um sie herum waren kaum Menschen, und die, die da waren, nahmen keinerlei Notiz von ihr. Es gab keine Hofdamen, keine Diener, keine Zofen. In der Ferne sah sie ein kleines reetgedecktes Häuschen und wusste, dass sie dort schlafen konnte und das Nötigste vorfinden würde.

Sie blickte aufs Meer und was sie sah, gefiel ihr. Sie war noch nie an einem Strand gewesen. Dann aber horchte sie auf – einmal, zweimal, dreimal. Die einzigen Stimmen, die sie hörte, waren die der Möwen am Himmel. Es sangen nur der Wind und das Meer. Niemand redete, es gab keine Lieder. Sie setzte sich zurecht und atmete tief aus – Stille. Das war das, was sie sich wünschte, schon immer gewünscht hatte. Heute Abend würde niemand sie bedienen, niemand würde sie in den Schlaf singen. Sie war allein mit ihren Gedanken und genoss es aus vollem Herzen.

Der Mann im Garten

Distel mit drei Köpfen

Am Rande der kleinen Stadt lag ein alter, verwahrloster Garten. Er war wild und verwuchert, lud aber trotzdem zum Verweilen ein. Denn es roch verheißungsvoll, nach Lavendel und Kräutern, nach Gewürzen, Zitrusfrüchten und Cannabis. Das Letzte allerdings wuchs nicht dort, zumindest nicht an einer Stelle, die frei begehbar gewesen wäre. Der Geruch kam aus den Zigaretten von Josh, dem der Garten gehörte.

Josh war schon alt, genau genommen uralt. Er lebte in einem kleinen Holzhaus direkt im Garten. Eigentlich war es wohl mal ein Sommerhaus gewesen, doch Josh hatte es winterfest zurechtgemacht, eine Heizung und ein kleines Bad eingebaut und einen Keller mit UV-Licht, in dem er seine Rauchwaren anbaute. Jeder wusste davon, auch die Polizei. Doch mal ließ ihn gewähren, denn zum einen handelte Josh nicht mit seinem Gras und zum anderen hatte der alte Mann etwas Respekteinflößendes. Niemand in der kleinen Stadt hätte sich getraut, ihm etwas wegzunehmen oder gar ihn zu verhaften. Stattdessen ging so mancher an lauen Sommerabenden mal bei dem Alten vorbei, tauschte Bier oder einen Rest vom Sonntagskuchen gegen ein paar Züge aus einem exzellenten Joint und schwatzte über Gott und die Welt. Bei Josh konnte man entspannen, er fragte nicht woher und wohin, hörte zu, wenn man ihm etwas erzählte und schwieg kameradschaftlich, wenn man nicht reden wollte.

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Es wusste keiner, woher er gekommen war, dieser merkwürdige alte Mann mit dem weißen Bart. Er war halt einfach irgendwann da gewesen. Niemand wusste mehr genau, wann er aufgetaucht war. Man wusste nicht, wovon er lebte, aber er hatte sein Auskommen. Also hatte er wohl auch ein Einkommen. Eine Rente wahrscheinlich, vermutete man, oder ein Erbe. Manch einer glaubte, Josh sei ein Millionär – wurden die nicht manchmal komisch? Aber komisch oder nicht, man mochte Josh, auch wenn er manchmal so bekifft war, dass er sich im Adamskostüm auf seiner Gartenbank zum Schlafen niederlegte. Die schamhaften alten Damen sahen weg, meistens, oder deckten ihn mit einer Häkeldecke zu, wenn sie befürchteten, er könne sich verkühlen. Die eine oder andere war ein bisschen verknallt in ihn, war er doch auf seine geheimnisvolle Art deutlich spannender als Karl-Heinz und Frieder aus dem Altenheim. Josh war zu allen gleichbleibend, aber nicht übermäßig freundlich. Er hatte kein Interesse an einem Flirt, und da war es ihm auch egal, ob die Flirtende 17 oder 70 war.

An einem Tag im Mai schließlich verstarb Josh einfach auf seiner Gartenbank. Mit ihm verschwanden der Dorfpsychologe und Beichtvater, der Mutmacher und Womanizer des Ortes. All das war er gewesen. Das Einzige, was von ihm blieb, waren sein Garten und die Cannabiszucht im Keller. Er fehlte.

Nachbemerkung: Wie so oft handelt es sich bei diesem Text um eine kleine Aufgabe aus dem Schreibworkshop. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wie dieses Mal sogar 20 Minuten Zeit. Der erste Satz war vorgegeben, der Rest kam einfach so angeflogen.

Küstenurlaub

Eine Miniatur aus dem Schreibworkshop: Zuerst sollten wir uns fünf Wörter ausdenken, die für uns mit dem Paradies zu tun haben. Dann zu jedem Wort einen Satz schreiben. Und zu guter Letzt gab es sieben Minuten Zeit, um einen kleinen Text zu Schreiben, in denen zwei dieser Sätze vorkamen. Nun gut …

Küstenurlaub

Der überarbeitete Büromensch erreicht die Küste. Er wollte eigentlich nie an die Nordsee. Er fuhr lieber nach Afrika, Indien, Südostasien. Aber nicht jetzt, zu Corona-Zeiten – ganz bestimmt nicht. Am Ende vielleicht in einem verwanzten Krankenhaus liegen und nach Luft schnappen, nein, das war es ihm nicht wert. Dann halt einmal an die Nordsee, in eine Ferienwohnung im Haus Seestern. Er lässt sich darauf ein, macht das, was man da halt so macht, an der Nordsee. Drei Wochen lang.

Hafeneinfahrt Westeraccumersiel

Nach dem Urlaub wird der Büromensch wieder mit seinen Kollegen sprechen, Er wird vom Urlaub erzählen, davon, dass es schön war und dass er etwas gelernt hat. „Was denn“, werden sie ihn fragen und er wird es ihnen erklären: „Kühle erfrischt mich und lässt mich Wärme genießen. Das wird einem ja sonst gar nicht so bewusst. Und der Wind bläst den Mist aus dem Hirn. Das war wirklich mal nötig.“

Abendstimmung auf Borkum