Ein Wochenende in Fulda

„Fulda? Was wollt ihr denn in Fulda?“ So verständnislos klang der Kollege, der, aufgewachsen in der Nähe dieser kleinen Stadt, erst einmal keinen Sinn in dem von Kerstin und mir gewählten Wochenendziel sah. Das hielt ihn aber nicht davon ab, uns emsig Vorschläge zu machen für Hotels, Restaurants und Ziele in der Stadt. Dermaßen sehr gut mit Insights versorgt, starteten Kerstin und ich als am späten Donnerstag Nachmittag in unser Abenteuer Fulda. Kerstin reiste per ICE an, ich fuhr gemütlich mit dem Bummelzug. Kaffeesieren stand natürlich auch auf dem Plan.

Wir hatten uns für das große Esperanto-Hotel direkt am Bahnhof entschieden. Zum einen sollte es dort gute Restaurants geben, außerdem war alles Wichtige zu Fuß erreichbar. Und, für uns auch nicht unwichtig, große Hotels sind oft barrierefreier als kleine Pensionen. Kerstin bekam also ein rolligerechtes Zimmer und ich ein Einzelzimmer direkt daneben.

Am Ende des Wochenendes wusste ich wieder, warum ich nur mit grundsätzlich optimistischen Leuten in den Urlaub fahre. Denn die ewig positive Kerstin erläuterte mir, dass das Wetter „So mittel“ gewesen sei. Schließlich hätte es NOCH mehr regnen können. Und sie hatte Recht: Es war zwar das ganze Wochenende über grau und regnerisch, richtig nass wurden wir aber nicht – mal abgesehen vom hoteleigenen Solebad.

Nachdem wir die ganz dicken Regenschauer am Freitag abgewartt hatten, machten wir uns auf zum Schloss. Dort wurde gerade umgebaut, die Außenanlagen samt Innenhof waren ziemlich umgewühlt. Man war sehr bemüht um uns, erläuterte uns ausführlich, wo der Lift sei, welche Ebenen wir problemlos angucken könnten und was uns dort alles erwartete. Das Schöne am Fuldaer Schloss ist, dass es tatsächlich genutzt wird: Es dient nicht nur als Rathaus, sondern auch als Veranstaltungsort. Dementsprechend war dort alles gut in Schuss und es liefen nicht nur Touristen darin herum, sondern auch Menschen, die ganz normalen Verrichtungen nachgingen.

Man hatte Kerstin und mich telefonisch angekündigt, was bedeutete, dass eine nette Dame uns im ersten Stock in Empfang nahm und uns beinahe eine Führung angedeihen ließ. Besonderes Augenmerk sollten wir auf die Porzellansammlung legen. In meinen Augen war das eine ziemliche Ansammlung von Scheußlichkeiten, aber das mochte ich nicht so offen sagen. Schöner fand ich die großen Säle und Hochzeitszimmer. Einen netten Hausmeister lernten wir auch noch kennen, denn als wir die ehrwürdigen Hallen verlassen wollten, hatte der Lift seinen Dienst quittiert.

Am nächsten Tag stand der Dom auf unserem Kulturprogramm. Ich hatte nämlich gelesen, dass es dort an jedem Samstag eine Orgelmatinee geben sollte. Wir zuckelten also zeitig los, denn wir wollten den Dom ausgiebig angucken, bevor das Georgel losging.

Zu unserer Verblüffung stolperten wir direkt in einen Gottestdienst, mit Chor, Bischof und großem Personalaufgebot. Das war so nicht geplant und für uns auch nicht ersichtlich, weil wir uns ja mal wieder unseren Weg ins Gebäude suchen mussten, um die Stufen zu vermeiden. Wir schlüpften also seitlich in den sehr schönen Dom und merkten erst, dass dort mehr los war als nur eine Chorprobe, als wir schon mitten drin waren. Wir dückten uns also leise in die Ecke und warteten ab. Später erfuhren wir, dass das ein sogenannter Aussendungsgottestdienst gewesen war – aha. Wir lernten, dass man dafür sehr viel Weihrauch benötigt.

Die Orgel kann wirklich was. Der Link führt zu einem Stück von Bach, gespielt auf diesem Instrument.

Die anschließende Orgelmatinee fand ich recht beeindruckend. Die Orgel, gespielt vom Gastorganisten Fabien Chabrot, hat einen enormen Klang und durfte auch mal so richtig zeigen, was sie kann. Man spürte die Schwingungen durch den Boden und das Gestühl – toll.

Die späteren Nachmittage und den Abend verbrachten wir jeweils im Hotel. Auch in der Wellness-Anlage lernten wir einen netten Hausmeister kennen, denn auch hier bockte der Lift. Dann aber badeten wir uns schön und gingen anschließend in jedem der drei Hotelrestaurants einmal essen, um diese Pracht zu erhalten. Dass es auch noch eine Cocktailbar gab, verbuchten wir ebenfalls als Plus.

Alles in allem war es ein tolles, entspanntes Wochenende, wenngleich Fulda es einem nicht immer leicht macht, was die Barrierefreiheit angeht. Das ist leider oft so in alten Städten: Viele Lokale haben Stufen vor der Tür, die mit einem Elektrorollstuhl einfach nicht zu bewältigen sind. Zum Glück gab es immer Alternativen, als Wohnsitz wählen wird Kerstin dieses Städtchen aber sicherlich nicht.

Mitternachtsmusik

Noch ein Ergebnis aus dem Gruselworkshop. Ich finde, es wird schon schauriger 🙂

Mitternachtsmusik

Bild „Tastsinn“, zur Verfügung gestellt von Friedhold Matthes / http://www.pixelio.de

Wie in jeder Nacht höre ich die Orgel. Sie ist weit weg und doch so nah, dass sie deutlich in meinem Zimmer zu hören ist. Mutter sagt, ich träume, es gibt keine Orgel bei uns im Haus und auch nicht hier in der Nähe. Wo soll sie denn auch sein, diese Orgel, fragt sie mich, wenn ich darauf beharre, dass da diese Musik ist. Es ist keine Kirche in der Nähe, nicht mal ein anderes Haus gibt es hier in den Hügeln. Sie hat ja recht, und doch höre ich die Orgel in jeder Nacht, in der ich wachliege. Also in jeder Nacht, seitdem wir hier wohnen. Seit drei Monaten jetzt, auf den Tag genau.

Opa sagt, das ist die Pubertät. Junge Mädchen sind überreizt, haben viel Fantasie, das liegt an den Hormonen, meint er und guckt dabei allwissend. Opa weiß wirklich viel, aber von jungen Mädchen und Hormonen hat er keine Ahnung. Und von Orgelmusik auch nicht.

Heute Nacht werde ich sie suchen, die laute Orgel in den Hügeln. Ich liege angezogen im Bett, die warmen Schuhe stehen bereit und Jasper, der Stallbursche, wird mich begleiten. Leise gleite ich aus dem Bett, ziehe mich fertig an und gehe zu unserem Treffpunkt im großen Stall. Ich bin zu früh und muss warten, zehn Minuten lang bis ein Uhr. Die Zeit zieht sich, doch nie war die Musik so laut und so schön. Der Organist ist ein wahrer Künstler.

Viertel nach eins, noch immer bin ich allein. Jasper kommt nicht mehr, verstehe ich und hole mir die große Taschenlampe hinten aus der großen Kiste. Dann gehe ich eben allein, das ist besser, als Nacht für Nacht wachzuliegen und nicht zu wissen, woher dieser Klang kommt.

Die Musik wird immer lauter, heute dreht der Musiker richtig auf. Ob dem gar nicht bewusst ist, dass sowas nachts um halb zwei störend ist? Ich nehme den Weg direkt auf die Musik zu und klettere über den Zaun. Gut, dass ich Stiefel anhabe, die Wiese ist ganz schön feucht. Ich schreite flott aus, die Lampe zeigt mir den weg. Geradeaus, geradeaus, immer weiter geradeaus. Über den umgestürzten Baum, durch das flache Moor, einmal quer durch ein kleines Wäldchen. Ich glaube, hier war ich noch nie. Ich überlege, umzukehren, es wird gewiss schon bald hell, doch dann sehe ich ein Licht. Ich laufe darauf zu und sehe das Haus, aus dem die Musik zu kommen scheint. Es ist ein schönes Haus, weiß mit einer großen Veranda, und in allen Fenstern scheint Licht. Sie haben dort ein Fest, begreife ich. Ob ich da so erscheinen kann, in meinen schmutzigen Stiefeln? Ich gehe weiter und komme an einen See. Ich sehe noch immer das weiße Haue, es steht auf einer Insel mitten im See. Da kann ich nicht hin, denke ich, und bleibe stehen.

„Die warten dort auf uns, wie sind eingeladen“, höre ich eine Stimme direkt neben mir. Es ist Jasper. Ich ziehe die schmutzigen Stiefel aus und nehme seine Hand. Das Wasser ist tief und eiskalt.