Es muss seine Ordnung haben!

Ich gönne mir – und euch – derzeit ein wenig Internet-Ruhe. Ich fand, das sei mal nötig: Zeit haben für anderes, wieder mal was lesen oder einfach nur dumm gucken. Das kann ich ja besonders gut. Es sind aber noch immer reichtlich Texte vorhanden, und so gibt es heute etwas ganz Altes aus einem meiner ersten Schreibworkshops. Denn es muss seine Ordnung haben. Überall, nur nicht bei mir 🙂

Es muss seine Ordnung haben

Kaum zu glauben, dass schon wieder Dienstag ist. Dienstag ist ein Friedhofstag, ein Tag, an dem ich dich besuche. Immer scheint Friedhofstag zu sein, dabei ist es nur zweimal die Woche. An den anderen fünf Tagen bin ich frei von dir. Von deiner Anwesenheit und deinem Geruch, deiner Penetranz und deinem Gemecker. Trotzdem komme ich regelmäßig zu dir, Peter: Ich sammle Blättchen von deinem erdigen Deckel, zupfe Unkraut und harke. Damit du es schön hast und keine Unordnung deine Ruhe stört. Nicht, dass du da noch wieder raus kommst.

Weißt du, was lustig ist, Peter? Die Friedhofsverwaltung hat mir geschrieben, wegen dem „pietätlosen“ Grabschmuck. Eine nachgemachte Eingangstür sei nicht angemessen und störe das ruhige Bild. Ich habe versucht, ihnen das zu erklären: Dass du es gerne gehabt hast, so wie wir es für dich gemacht haben. Eine ordentliche, übersichtliche Eingangstür, mit Namensschild und Briefschlitz, so dass der Briefträger weiß, wohin mit der Post. Eine Klingel muss auch da sein, für die Einschreiben. Es muss ja alles seine Ordnung haben, immer und überall.

Ich habe denen von der Friedhofsverwaltung das geschrieben und ihnen deinen Fall erklärt. Ich weiß nicht, ob sie das verstanden haben. Zumindest habe ich das gute Briefpapier genommen, das mit dem aufgedruckten Namen und der Adresse. Es ist übrigens neu, du bist ja nun nicht mehr, was soll da noch dein Name auf dem Briefpapier? Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Aber gefällt dir denn eigentlich dein Grabstein? Oder stört dich die Zeitung? Die war Sabines Idee. Sie sagte, dass dein Gejammere über die Gratiszeitungen, die die Postkästen anständiger Leute verstopfen, deine hervorstechendste Eigenschaft gewesen sei. Ich glaube, sie hat nicht ganz recht, es gab auch noch anderes, was dich ausgemacht hat. Aber wir konnten dir ja schlecht Cordpantoffeln aufs Grab stellen. Und ein gelbes Postfahrrad wäre sicherlich bald geklaut worden. Nein, Peter, dass mit der Tür entspricht dir schon, und die Zeitung auch.

So, ich bin fertig. Nun ist hier wieder alles schön sauber, Peter. Schau, Blumen habe ich dir auch gebracht, aus unserem Garten. Denn für Blumen gibt man doch kein Geld aus! Sie werden bis Samstag halten, dann komme ich wieder und mache Ordnung. Und schaue nach, ob du noch da drin bist.

Irgendeiner räumt das schon weg

Schild MüllkippeWie schon ab und zu mal erwähnt, bin ich kein ordentlicher Mensch. In meiner Wohnung liegt oft Kram herum und wenn man einen schlechten Tag erwischt, kann man in meinem Flur durchaus über riesenhafte Wollmäuse stolpern. Das ist für mich kein Drama, denn das ist meine Wohnung, die muss nur mir gefallen. Genauso ist es mir egal, wie es in anderer Leut’s Wohnung aussieht.

Was mich jedoch ärgert – und da weiß ich nicht, ob das am zunehmenden Alter liegt oder doch in einer Art tief verwurzelten Ordnungssinn – sind Leute, die außerhalb ihrer eigenen vier Wände alles hinschmeißen, liegen lassen, von anderen wegmachen lassen. Und dabei ist es in Deutschland sogar schon sauberer geworden als früher, zumindest kommt es mir so vor, wenn ich die heutige Realität mit meinen Kindheitserinnerungen vergleiche. Damals lagen überall Zigarettenschachteln und Eisstängel herum, von massenweise Hundehaufen ganz zu schweigen.

Trotzdem kann ich mich über Vieles nur wundern oder auch ärgern: Zum Beispiel über die Stehtische auf irgendwelchen Festchen, die allesamt immer voll sind mit Müll, obwohl es ausreichend Mülleimer gibt, in denen man die Pommespappen oder Kaffeebecher entsorgen könnte. Ein wildes Beispiel war der Sachsenhäuser Weihnachtsmarkt: Gerade hatte die ewige Antje, die sehr ordnungsliebend ist, unseren Tisch entmüllt, kam eine Frau heran, stellte ihren Dreck vor uns ab und schickte sich an, wieder zu gehen. Nach einer Sekunde der Verblüffung griff ich mir das Zeug und die Frau und gab ihr den Unrat mit einigen kernigen Worten wieder mit – ich glaub‘ es hackt. Im Restaurant stelle ich doch meine Schmutzteller auch nicht auf den Tisch vor die Nasen anderer Leute, die da gerade essen. Warum sie den Tisch mit einem Mülleimer verwechselt hatte, konnte mir die Gute auf Nachfrage gar nicht sagen, aber offensichtlich ging sie davon aus, dass irgendwer das schon wegmachen würde. Ich habe sie wohl einigermaßen beeindruckt, ihrem verschreckten Gesichtsausdruck zufolge überlegt sie sich künftig zweimal, ob sie andere Leute zumüllt.

Erstaunlich finde ich, dass es nicht immer nur die viel geschimpften Jugendlichen sind, die ihren Kram unachtsam in der Bahn liegen lassen oder neben der Mülltonne entsorgen. Immer öfter fallen mir auch Menschen in meinem Alter auf, die keine Hemmungen haben, ihren Kram einfach auf Tischen stehen zu lassen oder im Zug in eine Ecke zu drücken. Mich wundert diese extreme Gegenbewegung zum Trend des „Achtsam seins“, das ja furchtbar in ist, genau wie der Ausdruck „Respekt“.  Wahrscheinlich ist es etwas Anderes, ob man von Trends redet oder sie lebt. Oder ob man Achtsamkeit und Respekt für sich einfordert oder gleiches anderen gewährt. Ich frage mich, woher das kommt. Erzogen wurden wir doch wahrscheinlich fast alle anders.

Das textile Trennungs-Trauma

Grundsätzlich bin ich ja recht zufrieden mit mir und meinen Fähigkeiten. Es gibt aber auch Dinge, bei denen ich ganz selbstkritisch einräumen muss, dass ich sie gar nicht gut kann. Und damit meine ich gar nicht so abgehobene Dinge wie Spitzen klöppeln oder das perfekte Abend-Make-up auflegen, und auch keine sportlichen Höchstleistungen. Nein, mir geht es eher um so profane Dinge wie „Ordnung halten“ und, sicherlich eng damit verbunden, „was wegschmeißen“. Das kann ich gar nicht gut. Besonders schwer fällt mir das bei Kleidung.

Zu meinem Unglück habe ich einen großen Kleiderschrank – einen sehr großen. Tief, mit vier breiten Schiebetüren. Als ich den kaufte – er war fest in meine neue Wohnung eingebaut – dachte ich, das Ding wird nie voll. Also stellte ich noch meine Wäschebehälter und die Koffer hinein und fand das alles sehr ordentlich und übersichtlich so. Jetzt, fast fünf Jahre später, sieht das mit der Übersicht irgendwie anders aus – die Kiste ist voll. Bis unter’n Deckel, sozusagen. Und doch habe ich oft nichts anzuziehen. Sollte da etwa der Überblick fehlen?

Aus diesem Grund beginne ich vor etlichen Tagen damit, die Schätze in meinem Schrank zu sichten. Da sind allerhand seltsame Sachen drin. Und ich frage mich, ab wann eine Klamotte zu abgetragen ist, um sie auch nur auf der Couch zu tragen. Da ist die komische Jacke von dem Twinset, das ich damals in München gekauft habe. Das muss in etwa 15 Jahre her sein. Der Pulli dazu ist schon lange weg, und die Jacke schlabbert und geht immer auf. Knopflöcher können nämlich auch ausleiern. Also auf den Haufen „weg“. Da war die übrigens schon mal, diese Jacke, aber nachdem ich sie zum Abschmutzen nochmal angezogen hatte, wanderte sie auf wundersame Weise doch wieder in den Schrank. Komisch, wie sowas immer passiert.

Den grün-beigen Strickpulli hatte ich auch schon lange nicht mehr an – wieso eigentlich? Passt, sitzt gut und sieht gut aus. Kratzt aber wie Sau. Ja, das ist ein Nachteil – ein echter Nachteil. Ob den noch jemand haben will? Der ist doch noch gut. Und Arbeit habe ich mir mit dem auch gemacht, damals, in München. Also irgendwann vor 2003. Weg!

Nach und nach arbeite ich mich durch die Stapel. Einer heißt „weg“ und bleibt ziemlich klein, daneben liegt „nur noch zuhause“ und dann das, was ganz normal wieder einsortiert werden soll. Dabei finde ich unglaubliche Dinge – unter anderem ein schwarzes Sommershirt, das ich noch niemals gesehen habe. Wer hat das wohl gekauft und in meinen Schrank gestopft, und dann auch noch in meiner Größe? Seltsam!

Immerhin passt alles, was ich auf jeden Fall weitertragen will, nach dem ersten Durchsortieren gut wieder in den Schrank. Ich muss keine Gewalt mehr anwenden, wenn ich die Türen schließen will. Und es fallen keine drei Teile mehr hinterher, wenn ich ein Teil rausnehmen will – das ist ja schon mal was. Und durch den kleinen „Weg!“-Stapel ist ein Fach freigeworden für „Nur noch zuhause!“. Doof nur, dass das da nicht alles reinpasst. Das ist schon viel, was ich noch behalten möchte, obwohl man sich damit nicht mehr auf der Straße sehen lassen kann. Und brauche ich wirklich 20 Teile für zuhause? Mit einigem würde ich wohl nicht mal mehr zur Mülltonne gehen wollen. Unter Schmerzen lege ich noch ein paar Sachen auf den „Weg!“-Stapel. Hach, ist das schwierig! Hat doch alles mal Geld gekostet …

Im Moment trage ich eines der Shirts, die ich zum Wegschmeißen vorgesehen habe. Es ist so kurz, dass es gerade noch auf den Hosenbund geht – bauchfrei würde ich ja nicht mal meinem Spiegel zumuten wollen, geschweige denn meinen Mitmenschen. Das kommt morgen in den Sack, der in meinem Flur hängt, und eine große Ladung nasse, färbende Teeblätter kippe ich oben drauf. Sonst komme ich noch auf die Idee, das olle Ding da wieder rauszuholen.

 

Nachtrag: Ich glaube ja, dass mir diese Sammelleidenschaft genetisch vererbt wurde. Mein Vater trennte sich auch nur unter Protest von Kleidung, er trug seine Hemden mit Dackelohrkragen bis man sie ihm wegnahm und hatte noch einen Mantel aus seiner Junggesellenzeit in Düsseldorf („der Ulster“). Warf ich früher ein Paar durchgelatschte Schuhe weg, tauchte mein Vater denen in die Mülltonne hinterher und rettete zumindest die Schnürsenkel, um mit denen nochmal Tomatenpflanzen hochzubinden. Dieses Verhalten ist mir also angeboten – ich kann gar nichts dafür!