Makkaroni mit Mockturtle – in Omas Küche

Wieder mal eine Hausaufgabe, dieses Mal aus dem Kulinarik-Workshop: Es ging um ein Lebensmittel, das für uns untrennbar mit etwas verbunden ist. Einige Schreibkollegen entwickelten hier fantasievolle Geschichten, ich blieb irgendwie in meiner Erinnerung hängen und musste im Nachhinein feststellen, dass ich über dieses Essen tatsächlich schon mal geschrieben habe – wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Das war im Jahr 2013! Nun ja – ich mag es halt einfach gerne 🙂

Makkaroni mit Mockturtle – in Omas Küche

Ich bin hoch im Norden aufgewachsen, genau genommen im Ammerland. Kulinarisch geht es dort deftig zu, Grünkohl mit Pinkel ist wohl das Bekannteste, was dort auf den Speiseplan gehört. Ebenfalls wichtig sind Kartoffeln – wenn es in den 70er Jahren zwei Tage nacheinander keine Kartoffeln zu essen gab, startete der typische Ammerländer einen Protestfeldzug und klagte gar fürchterlich. Nudeln, von uns Kindern schon damals heiß geliebt, galten allgemein als ungesunde Dickmacher und Reis war etwas, von dem man generell nicht leben konnte. Nun ja – die Milliarden von Asiaten hatte man dazu wohl nicht befragt.

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Kartoffeln – Bild von Pixabay

Es gab zuhause also nur selten Nudeln zu essen. Oma war da offener. Bei ihr gab es selbst an hohen Feiertagen schon mal Spiralnudeln zum Gulasch, und weil sie von aufbrausendem Temperament war, wagte es nicht mal mein Vater, dagegen aufzumucken. Und wenn wir Kinder bei Oma waren, was relativ oft der Fall war, gab es sogar Spaghetti oder, noch häufiger, lange Makkaroni. Und zu diesen Makkaroni gab es eine Ammerländer Spezialität, die eher schwierig zu beschreiben ist. „Dat is wat Kleinfleisch in Soße“, so beschrieb es einmal eine Touristin, die den Mut besessen hatte, dieses eigentlich als Suppe gedachte Gericht zu bestellen und nun ratlos vor dem dicken, dunkelbraunen Zeug saß. Ursprünglich ein Seefahrergericht und als Ersatz für Schildkrötensuppe gedacht, gab es diese Suppe in meiner Kindheit oft auf Familienfeiern, dann mit einem dreieckig halbierten Toastbrot. Was genau drin ist, habe ich nie erforscht, und ich will es auch eigentlich gar nicht wissen. Was ich aber weiß ist, dass Makkaroni mit Mockturtle für mich für immer untrennbar mit Omas Küche und viel Spaß verbunden sein wird.

Omas Küche war alt, der Boden bewegte sich ein bisschen, wenn man über das Linoleum lief. Jeder hatte seinen festen Platz – Oma saß vor dem Küchenbuffet, Opa links davon, meine Schwester vor der Spüle und ich auf der kleinen Bank mit dem Kunstlederbezug, der eine karierte Prägung hatte, die ich unzählige Male mit meinen Fingern nachgemalt habe.

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Aus den Wikipedia Commons: Mockturtle_Wilfried Wittkowsky. Irritierenderweise mit Klößen …

In Omas Küche sah es immer mal wieder anders aus als bei uns, wo es immer pingelig sauber war. Wenn sie kochte, arbeitete sie schwungvoll und „mit weiter Streuung“, wie mein Vater zu sagen pflegte. Das bedeutete nichts anderes, als dass von einem geschnittenen Kohl ein nicht unerheblicher Teil auf dem Boden landete, Mehl seinen Weg über Tisch und Schränke fand und sich je nach zubereiteter Speise überall ominöse Fingerabdrücke wiederfanden. Sie trug stets eine Kittelschürze, und die zeigte jedem aufmerksamen Beobachter genau das Menü des Tages.

Bei Oma zu essen war anders als zuhause, denn bei ihr ging es deutlich weniger streng zu, was die Tischmanieren anging. Sie war halt auch nicht dazu verpflichtet, uns zu erziehen – Omas haben eine andere Rolle. Bei ihr durfte man Tee aus der Untertasse trinken und die Makkaroni mit der Soße einschlürfen. Selbst, wenn man versuchte, diese Nudeln ordentlich zu essen, saute man sich unweigerlich ein. Es gibt eigentlich keinen logischen Grund dafür, ausgerechnet diese unpraktischsten aller Nudeln zu kaufen. Es war wohl so, dass Oma selbst Spaß an diesen unförmigen Dingern hatte, und Opa machte stoisch mit und schnitt sich seine Portion in mundgerechte Stückchen. Das tat Oma bei uns übrigens irgendwann auch, aber immer erst, wenn wir schon alles vollgesaut hatten.

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Es hätte durchaus praktischere Alternativen zu den Makkaroni gegeben – Bild von Pixabay

Natürlich ferkelten wir nicht bei jeder Mahlzeit so herum, aber es gab immer wieder übermütige Stunden, in denen wir in Omas Küche Dinge taten, die wir zuhause niemals gedurft hätten. Kirschkernspucken zum Beispiel – eine Beschäftigung, bei dem Omas ausladendes Dekolletee das Ziel darstellte. Oder Kaugummiblasen machen, bei dem beide Großeltern mitmachten und sich dabei ganz fürchterlich an einem Konglomerat aus Hubba Bubba und dritten Zähnen verschluckten. Dabei wurde viel geschimpft, viel gelacht und irgendwann, wenn man erschöpft zur Ruhe kam, wurde der alte Boiler über der Spüle angeschaltet und nochmal Tee gemacht, um wieder zu Kräften zu kommen.

Kirschkernzielspucken habe ich schon lange nicht mehr gemacht und auf Hubba Bubba stehe ich auch nicht mehr so. Meinen Tee trinke ich nun brav aus der Tasse, was auch daran liegt, dass ich gar keine Untertassen mehr benutze. Aber Mockturtle kaufe ich immer noch. Ich esse sie nicht mehr mit Makkaroni, schließlich muss ich meine Kleidung inzwischen selbst waschen. Aber noch immer, wenn ich die Dose öffne und mir der leicht katzenfutterartige Geruch in die Nase steigt, fühlt sich der Boden unter meinen Füßen an wie Linoleum auf einem Holzboden und ich fühle mich sehr zuhause. Und das, obwohl mein Zuhause inzwischen schon seit vielen Jahren nicht mehr das flache, ländliche Ammerland, sondern Frankfurt am Main ist. 

Heimat in Dosen

Nach meinem Kurzausflug in die Welt der Modeblogger gibt es heute einen genau so kurzen Trip in den Bereich der Kulinarik-Spezialisten: Denn dieses Mal geht es ums Essen. Nun ist Essen natürlich viel mehr als nur bloße Nahrungsaufnahme – es vermittelt Gefühle, weckt Erinnerungen. Gerade Gerichte aus der Kindheit. Aber keine Sorge, ich will niemanden mit Pfannkuchen, Milchreis oder Nutellabrot langweilen. Ich habe mir lediglich drei norddeutsche Klassiker ausgesucht, die ich alle sehr schätze. Birnen, Bohnen und Speck ist allerdings nicht dabei – diesen Graus darf gerne jemand anderes essen!

Heimat in Dosen

Dieser Tage habe ich mal wieder ganz toll gekocht. Natürlich nicht kompliziert, das liegt mir nicht. Und auch nicht frisch – das wird total überbewertet. Aber heimatlich, es hat geschmeckt wie bei Oma. Zumindest fast. Denn bei Oma gab es Mockturtle auch immer aus der Dose.

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Aufnahme: Mockturtle von Wilfried Wittkowsky, Wikipedia Commons

Ich bin niemand, der fern der norddeutschen Heimat fürchterlich unter Heimweh leiden würde. Aber ich bemerke doch, dass ich typische norddeutsche Gerichte, die es hier nicht oder nur schwer zu kaufen gibt, inzwischen anders esse als zuvor. Und teilweise auch lieber. Das kann natürlich auch daran liegen, dass sich „im Alter“ der Geschmack verändert. Ich glaube aber eher, dass es an den Heimatgefühlen liegt, die mit Labskaus, Grünkohl und Mockturtle verbunden sind. Von Weizenkorn und Bullenschluck natürlich ganz zu schweigen. Und Fischbrötchen, natürlich …

Aber wovon rede ich hier eigentlich? Für den unbedarften nicht-nordddeutschen Leser hier einige Erläuterungen:

Genau genommen ist eine Mockturtlesuppe eine ziemlich furchtbare Angelegenheit: Einst erfunden als billiger Ersatz für Schildkrötensuppe, sieht sie aus wie eine zu dick geratene Bratensoße mit Kleinfleisch, Brätbällen und Pilzen drin. Und so schmeckt sie auch. In meiner Kindheit gab es die Suppe immer zu Familienfeiern, mit diagonal halbiertem Toastbrot dazu. Mal zum Sattessen, mal als Vorsuppe, bevor es Würste und Kartoffelsalat gab. Oder eben bei Oma, mit extra Champignons drin als Soße zu Makkaroni. Warum es unbedingt Makkaroni sein mussten, weiß ich nicht mehr, es war einfach so und machte jedes Mal eine herrliche Schweinerei. Heute koche ich kurze Nudeln dazu, denn ich müsste die Schweinerei selber wieder wegmachen. Die Suppe kaufe ich natürlich nicht in Frankfurt, denn dort gibt es Mockturtle nur in Feinkosttempeln zu absurden Preisen. Ich importiere immer mal wieder ein paar Dosen aus Niedersachsen.

Etwa einmal im Jahr habe ich auch das – manchmal etwas zweifelhafte – Vergnügen, in unserer Kantine mit dem niedersächsischen Nationalgericht Grünkohl versorgt zu werden. Das schmeckt zwar lange nicht so lecker wie bei Muttern und ist auch beinahe vegetarisch (weil ein kleines Mettende kein Ersatz für Kassler, Pinkel, Speck und Kochwurst ist), aber es ist besser als nix.

Grünkohlvergleich

Links: Kantinengrünkohl Frankfurter Art, eigene Aufnahme. Rechts: Norddeutsches Grünkohlgericht, Aufnahme Wilfried Wittkowsky, Wikipedia Commons.

Ordentlich mit Senf nachgewürzt kann man die hessische Grünkohl-Variante durchaus essen und spürt ein wenig eingebildeten Seewind um die Nase. Ein kaltes Körnchen danach wäre natürlich schön, aber das ist in unserer Kantine nicht drin.

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Aufnahme: Knipser5, pixelio.de

Was ich leider kaum einem Hessen nahe bringen kann, ist das alte Seefahrergericht Labskaus. Das sieht zugegebenermaßen auch nicht so schön aus. Und wenn man es aus der ebenfalls importierten Dose holt, zieht einem ein aromatischer Katzenfutterduft in die Nase. Trotzdem ist der Brei aus Kartoffeln, Fleisch, Zwiebeln und – je nach Rezept und Geschmack – allerlei Beiwerk einfach lecker und mit Sauergemüse, Spiegelei und Hering (Matjes, Bismarck oder Rollmops, ganz nach Gusto) nährstoffreich genug, um einen durch einen harten Winter zu bringen. Im nächsten Inselurlaub werde ich mir das gerne mal wieder gönnen.

Ich will aber nicht verschweigen, dass es auch in meiner Wahlheimat Frankfurt einiges gibt, das ich vermissen würde, sollte ich eines Tages zurück in meinen Norden ziehen. Ich müsste dann Apfelwein importieren (weil es da oben maximal den wässrigen Blauen Bock zu kaufen gibt) und mir ein Rezept für grüne Soße mitnehmen. Oder herausfinden, ob es die irgendwo in Dosen gibt.