Raum-Zeit-Verschiebung

Dieses Mal gab es im Schreibworkshop als Inspiration ein Zitat eines kleinen Mädchens, das unsere Dozentin in der Straßenbahn aufgeschnappt hatte: „Heute wär‘ morgen, das ist so bei mir“, sagte das Kind. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Raum-Zeit-Verschiebung

„Wie jetzt, das verstehe ich nicht!“ Lara strich sich verwirrt über die Stirn. Jochen versuchte es noch einmal.

„Pass auf, das ist doch ganz einfach: Du schreibst deine Doktorarbeit in New York, das ist, von hier aus gesehen, etwa sechs Stunden zurück. Können auch sieben sein, irgendwie so um den Dreh. Und ich gehe für zwei Jahre nach Melbourne, das ist etwa sieben Stunden vor uns, im Sommer sogar acht. Du weißt doch, die haben da immer als erstes ihr Silvesterfeuerwerk. Du reist zurück, ich nach vorne. Und zu bestimmten Uhrzeiten ist bei dir heute, bei mir morgen.“

Uhr, Zeit, Dampfwalze, Deformation

Bild zur Verfügung gestellt von Rainer Sturm, http://www.pixelio.de

„Oder umgekehrt?“, fragte Lara verunsichert und zog ein Gesicht. „Kann bei dir auch heute sein, wenn bei mir schon gestern ist?“

Jochen nickte beifällig – endlich hatte sie es verstanden. „Genau das, meine Süße. Wir trennen uns also nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich voneinander.“

„Eine Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum – dass es sowas tatsächlich gibt, habe ich nicht gewusst. Darüber muss ich nochmal nachdenken.“

Jochen schmunzelte. Wenn seine Freundin über etwas nachdachte, kam zumeist etwas Wirres dabei heraus. Aber was sollte man auch erwarten von einer Frau, die bald ihren Doktor in angewandter Philosophie schreiben würde? Süß war sie, und lieb noch dazu, das reichte ihm.

Lara grübelte. Irgendetwas stimmte nicht. „Du, Jochen? Wenn bei dir heute ist und bei mir gestern, heißt das dann: Bei mir ist noch gestern oder bei mir ist schon gestern?“

Jochen stutzte. Das war in der Tat einen Gedanken wert. Er analysierte das Problem mit dem kühlen Verstand eines Wissenschaftlers und kam zu dem Schluss, dass es „noch“ heißen müsste – der Wochentage wegen. Aber das würde er Lara jetzt nicht erklären – das war ihm zu anstrengend.

Eine unglaubliche Geschichte

Brautpaar, Heuballen

Auf jeden Fall schön genug! Bild zur Verfügung gestellt von Jens Bredehorn, http://www.pixelio.de

Seit einiger Zeit habe ich auf meinem Handy eine weitere „Nachrichtenapp“: die von der Gala. Das ist dieses Klatschblatt, dass ich früher nur beim Arzt oder Friseur gelesen habe. Nun kann ich mich immer und überall über die gesellschaftlich wichtigen Leute informieren, beziehungsweise ich erfahre so überhaupt erst von deren Existenz und Relevanz. Bei den meisten Leuten weiß ich nicht so genau, was die machen, und deshalb freue ich mich immer über die Royals, weil deren Tätigkeitsfeld klar umrissen ist: Die sind König, oder Prinzessin, oder zumindest die Cousine von irgendwem, der dazu gehört.

Unter dem Eindruck all dieser bahnbrechenden Nachrichten über Prinzens und Prinzessinens kam mir der Geschichtsanfang, der uns im Schreibkurs vorgegeben wurde, gerade recht für

Eine unglaubliche Geschichte

„Passen Sie auf, was ich Ihnen jetzt erzählen werde! Es ist unglaublich, eine schier unfassbare Geschichte, und doch ist sie wahr – so wahr, wie ich hier vor Ihnen stehe.

Es war vor einigen Jahren, in einem gänzlich unbekannten Land. Ein Land, so klein und unbedeutend und versteckt, dass niemand darüber berichtet. Es gibt auch nicht viel zu berichten, denn es passiert dort nicht viel. Die Menschen sind nicht arm und nicht reich, sie leben von ihrer Hände Arbeit und haben ihr Auskommen. In diesem Land gibt es keine große Politik, dafür ist es viel zu klein. Kein fremder Außenminister kommt jemals dorthin, und das ist gut so, denn er würde sich langweilen. Keine Konflikte zu bewältigen, nicht mal Handelsabkommen zu erwarten, denn bis auf zwölf gemusterte Teppiche wurde aus diesem Land niemals etwas exportiert. Es gibt auch kein Parlament, dass den fremden Außenminister empfangen könnte. Einzige einen etwas unscheinbaren König gibt es da, und der regiert so ruhig und besonnen, dass alle zufrieden sind und niemand sich mit Umsturzgedanken trägt. Sogar seine Kinder sind wohlgeraten und machen allen Freude, auch wenn sie nicht schön genug sind für die Gazetten dieser Welt. Niemand schreibt über dieses Königshaus, die Bunte nicht, die Gala nicht und schon gar nicht die Bild-Zeitung. Nur das kleine Lokalblättchen berichtet ab und zu über diese Royals, und auch nur dann, wenn es etwas zu berichten gibt.

Und neulich war es tatsächlich soweit, es geschah etwas Berichtenswertes, und das war so unglaublich, dass ich es Ihnen erzählen muss: Der älteste Sohn des Königs, der Kronprinz, wenn Sie so wollen, hat geheiratet. Mit 29 Jahren ist das nicht weiter spektakulär, aufregend war jedoch für mich, was geschah, als er dem Land seine Braut vorstellte: Ein Mädchen aus der Kleinstadt, also eigentlich vom Dorf, klug und warmherzig, so erzählt man sich. Sie ist nicht besonders hübsch, groß, sehr kräftig, und mit einem wuchtigen Oberkiefer, der besonders auffällt, wenn sie lacht. Die einzige Zeitung des Landes zeigte sie in ihrem Hochzeitskleid und alle fanden sie schön. Man zeigte sie in der Nacht, mit einem Fleck auf dem weißen Kleid, herunterhängendem Dutt und einer Laufmasche, und alle fanden sie schön. Man zeigte sie an der Seite ihres unscheinbaren Gatten, und alle sahen die beiden lächeln und fanden sie schön. Und das fand ich so unglaublich, dass ich es Ihnen erzählen musste.