Klein-Meikes Leseschätze – Lotta

Die dreibändige Reihe um Lotta ist für mich heute die Geschichte eines großen Betruges, fast eines Skandals, aber davon später.

Ich bekam die Bücher mit etwa 12 Jahren von unserer Nachbarin Angela geschenkt. Sie hütete ihre eigenen Mädchenbücher sowie die ihrer Schwester Gunda, und da die beiden Schwestern selber nur Jungs hatten, kam ich in den Genuss mehrere Kartons mit Büchern. Einige fand ich Anfang der 80er Jahre schon irgendwie verflossen, andere aber habe ich geliebt. Und Lotta habe ich bis heute aufgehoben und jetzt mal wieder gelesen.

Lotta, von Merri Vik

Darum geht es: Der erste Band der schwedischen Mädchenbuchreihe rund um das Mädchen Marie-Sofie Monsson, genannt Lotta, erschien 1959 und wurde 1963 auch auf Deutsch veröffentlicht. Lotta ist 13 Jahre alt, ein ganz normaler Teenager und die jüngste von vier Geschwistern. Sie ist schlampig, schlecht in der Schule und hat immer Pech. Sie ist diejenige, die kopfüber im Kohlenhaufen landet und immer wieder mit dem Klassenlehrer, dem „Lockenheini“, aneinandergerät. Und sie ist die, die ihrer Freundin in der Schule von ihrer Verknalltheit in den Geschichtslehrer erzählt, während die Sprechanlage eingeschaltet ist und diese Beichte live in alle Klassenzimmer überträgt. Lotta zieht das Unglück an wie die Motten das Licht.

Und doch hat sie manchmal auch das Glück der Tüchtigen, denn ihr Optimismus und ihr natürlicher Antrieb, anderen Gutes zu tun, trägt erstaunliche Früchte. So kann sie die ältliche Tante, die allen auf die Nerven geht, mit dem „Physikonkel“ verkuppeln. Sie wird fast von einer herunterfallenden Aktentasche getroffen und erhält dafür einen Finderlohn, der sie, die ewig bankrotte Schülerin, für einen Augenblick vor den Geschwistern dastehen lässt wie Krösus. Sie ist gutartig und hilfsbereit, sodass man ihr ihre kleinen und größeren Schwächen gerne nachsieht.

Das ist das Besondere: Lotta und ihre Familie sind erfrischend normal. Auch wenn die Handlung eher seicht ist und man inzwischen ein anderes Frauenbild hat, erkennt man sich in den Büchern wieder. Ich selbst war Lotta, lange Jahre: Wissend, dass man besser Hausaufgaben machen sollte, aber doch lieber interessiert ist an allem anderen. Immer in Gefahr, nicht versetzt zu werden, und dann eine Hau-Ruck-Aktion vor den Ferien. Lieber zwei Stunden lang suchen, anstatt einmal ordentlich aufzuräumen. Und immer wieder Gezanke unter den Geschwistern, obwohl man eigentlich wie Pech und Schwefel aneinander klebt.

Und das ist der Skandal: Auf Deutsch erschienen aus der Reihe die folgenden Bände:

  • Natürlich wieder Lotta
  • Jaja, unsere Lotta
  • Aufgepasst, Lotta

In der Vorbereitung dieses kleinen Beitrages musste ich aber auf Wikipedia erfahren, dass es auf Schwedisch – haltet euch fest – insgesamt 47 (siebenundvierzig!) Bände aus dieser Reihe gibt. Die Reihe wurde bis 1991 fortgesetzt, man kann Lottas Werdegang verfolgen, bis sie selber eine Tochter im Lotta-Alter hat. Und das empfinde ich wirklich als ungerecht. Ich habe diese Geschichte geliebt, ich will wissen, wie es weiterging mit Lotta. Was hat sie gelernt, und was wurde aus dem unschuldigen Flirt mit Jonas, der genauso einen Mathe-Niete war wie sie selber? Ich will das wissen, kann aber kein Schwedisch. Warum hat man mir das vorenthalten?