Die Kunst zu Leben und zu Sterben

Hier noch einmal der Hinweis in eigener Sache: Es wird am 19. Oktober wieder gelesen. Facebooker können auf das Bild klicken und sich näher informieren, Nicht-Facebooker kommen einfach um 19 Uhr in den Klosterkeller Liebfrauen, Schärfengäßchen 3 in 60311 Frankfurt. Der Eintritt kostet 8 Euro.

 

Von der Kunst zu leben und zu sterben

Es wird mal wieder gelesen. Dieses Mal gibt es ein Thema, das einigen Angst einjagt – das Sterben. Ein trübes Thema? Schaurig-traurig und nicht wert, dass man ihm einen Abend widmet? Hmmm … das sehe ich nicht so. Lasst euch einfach drauf ein und kommt uns besuchen.

Los geht es am 19.10.2019 um 19 Uhr im Klosterkeller Liebfrauen, Schärfengäßchen 3 in 60311 Frankfurt, der Eintritt kostet 8 Euro.

Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Mit dem Schreibgrüppchen hatten wir mal wieder eine Lesung, und zwar in der schönen Buchhandlung „Weltenleser“. Das Thema lautete „Reisen“ und wie immer waren unsere sieben Geschichten ganz unterschiedlich, was den etwa dreißig Zuhörern sichtlich gefiel. Ich stelle euch daher heute Frau Uschi vor:

Frau Uschi ist nicht zu bremsen

Sie konnte es nicht fassen: Kaum hatte sie Erich, den größten Fehler ihres Lebens und Bremsklotz gigantischen Ausmaßes, endlich aus ihrem Leben entfernt, war es ihr erwachsener Sohn Robert, der Rechenschaft von ihr forderte und sie aufhalten wollte. Wütend schnaufte sie ins Telefon.

„Ich weiß gar nicht, was du eigentlich willst! Traust du mir das nicht zu? Ich bin doch nicht debil!“

Uschi Gerke war ganz Empörung, sie glaubte, sich in ihrem ganzen 68-jährigen Leben noch nicht so aufgeregt zu haben. Robert versuchte sie zu beschwichtigen:

„Ich sage doch nur, dass du es mit dem Reisen nicht übertreiben sollst, Muddi. Du warst noch nie weiter weg als fünfzig Kilometer um deinen Heimatort herum. Du bist es nicht gewohnt, dich an fremden Orten zurecht zu finden. Warte ein paar Wochen, dann nehme ich ein paar Tage frei und wir fahren in ein schönes Hotel in den Harz. Oder an die Ostsee – du wolltest doch immer gerne ans Meer. Oder wenn du mit mir nicht unterwegs willst, mach‘ diese Tour mit den Landfrauen – fünf Tage mit dem Bus ins Sauerland, mit einer netten Reiseleiterin. Die haben bestimmt noch freie Plätze.“

Uschi schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht unter Aufsicht fahren – sie war doch kein kleines Kind mehr. Und es war ja auch nicht so, dass sie eine Rucksacktour durch Nicaragua plante. Nein, sie hatte vor, einfach mit dem Zug in ein paar deutsche Städte zu fahren und sich dort etwas anzusehen. Alleine, nur mit ihrem Rollköfferchen und ohne jemanden neben sich, der immer nur dem Untergang des christlichen Abendlandes entgegensah oder glaubte, jenseits von Bremen-Lilienthal sei die Welt zu Ende.

Geld hatte sie mehr als genug: Sie hatte immer fleißig in der Firma mitgearbeitet, sich nie Urlaub gegönnt und nebenher noch die Kinder großgezogen. Als ihr Mann Ulrich plötzlich und viel zu früh einen Schlaganfall erlitt, hatte sie das Ruder übernommen, bis sie die Firma günstig verkaufen konnte, und sich dann jahrelang um die Pflege ihres Mannes gekümmert. Und dann hatte sie geglaubt, in Erich, einem langjährigen Freund der Familie, einen neuen Partner zu finden. Er war bei ihr eingezogen und hatte sie fünf Jahre lang mit seinen zahlreichen eingebildeten Krankheiten auf Trab gehalten. Mal hatte er ganz bestimmt einen Herzinfarkt, dann ganz plötzlich Darmkrebs, und dann wieder stand er kurz vor einer Beinamputation aufgrund von Knochenkrebs. Der freilich erwies sich als eingewachsener Fußnagel und brachte das Fass zum Überlaufen. Uschi hatte den drei Jahre jüngeren Mann in die Obhut seiner Familie gegeben und beschlossen, jetzt endlich zu reisen. Ihr Koffer war gepackt, morgen wollte sie los.

„Nein, ich will nicht warten. Ich fahre morgen los. Ich brauche auch niemanden, der auf mich aufpasst. Ich kann mir überall ein Zimmer nehmen, und wenn ich mein Hotel zu Fuß nicht wiederfinde, nehme ich mir halt ein Taxi!“

Robert seufzte. Seit seine Mutter auf diesem Freiheits-Trip war, war mit ihr nicht mehr zu reden. Er musste seine Schwester Sandra informieren – vielleicht hörte seine Mutter besser auf sie.

„Pass auf, Muddi, ich rede mit Sandra und ihr beiden Frauen könnt zusammen einen Plan ausarbeiten, was deinen Urlaub angeht. Und dann vielleicht ein bisschen was vorbuchen. Ich habe einfach Sorge, dass du irgendwo strandest.“

„Wenn ich strande, saufe ich mir einfach einen an und warte auf den nächsten Tag!“, entgegnete Uschi und knallte den Hörer ihres altmodischen Tastentelefons auf die Gabel. Sie war sauer. Gewiss würde Robert ihr jetzt Sandra auf den Hals hetzen, die solange mit ölig besorgtem Gesichtsausdruck an ihrem Küchentisch sitzen würde, bis Uschi irgendwelche faulen Kompromisse einging, nur um sie loszuwerden. Dem musste sie entgehen!

Kurz entschlossen rief Uschi sich ein Taxi, griff nach ihrem Koffer und schloss die Haustür hinter sich ab. Für die Tochter hängte sie einen Zettel mit einer dramatischen Botschaft an den Postkasten: „Ich bin weg, bitte sucht mich nicht. Die Orchideen brauchen einmal die Woche Wasser, die Begonien zweimal. Gruß, Mutter.“ Als das Taxi die Straße herunterfuhr, sah Uschi in der Ferne Sandras grünen Polo heranrollen. Na, der war sie ja gerade noch entkommen!

Am Bahnhof beschloss Uschi, einfach in den Zug einzusteigen, der als nächstes fuhr. Richtung Hamburg sollte es gehen. Na gut, dann also Hamburg. Sie stieg ein, ohne eine Fahrkarte zu kaufen, das konnte sie immer noch im Zug tun. Sie setzte sich in ein Abteil zu zwei Männern: Einer stank nach Bier und schlief, der andere sah mit seiner Irokesenfrisur und den vielen Tätowierungen zum Fürchten aus, war aber wach. Uschi war nicht danach, sich zu fürchten. Sie suchte das Gespräch: „Ist das hier ein erster-Klasse-Wagen?“ Der dünne Mann ihr gegenüber lachte, so dass sich das viele Metall in seinem Gesicht auf und nieder bewegte. „Erster Klasse? Gnädigste, sehen wir beiden aus, als würden wir erster Klasse fahren?“ Er tippte den schnarchenden Mitreisenden kurz an und dieser grunzte. Uschi nickte – also war dies ein zweiter-Klasse-Wagen. Schick, fand sie. Sie war vor über dreißig Jahren zum letzten Mal Zug gefahren, da hatten die Wagen noch ganz anders ausgesehen: mit schmuddeligen, gelb gepolsterten Sitzen und einer braun lackierten Heizung.

Uschi wies auf den Schnarcher: „Gehört der Herr zu Ihnen?“ Der Mann schüttelte energisch den Kopf. „Ne, der Penner saß hier schon, als ich kam. Wer weiß, wie lange der hier schon mitfährt. Den ham’se hier vergessen und nun steigt er da aus, wo er wach wird.“ Uschi nickte. „Das habe ich auch vor.“ Ihr Gegenüber runzelte die Stirn. „Sie? Wo woll’n se denn hin?“ „Keine Ahnung“, sagte Uschi, „erst mal nach Hamburg. Und dann mal weitersehen.“ Der dürre Mann zog fragend eine durchlöcherte, grün gefärbte Augenbraue hoch. „Sind’se wo abgehauen?“ Uschi zuckte die Schultern, und ohne lange darüber nachzudenken, erzählte sie diesem Fremden den ganzen Ärger der letzten Tage, Jahre, Jahrzehnte. „Jo“, sagte der Mann, als sie fertig war, „da müssen se dringend mal anne Luft, dat seh ich ein. Aber ihr Sohn hat schon recht, ganz alleine sollten se heute Nacht nicht auffe Reeperbahn rumstrumpeln, das is nix für ne Dame wie sie. Aber wenn’se neugierich sind, kommt Onkel Ralph einfach mit.“ „Onkel Ralph? Wer soll das denn sein?“, fragte Uschi irritiert. „Na, ich! Ich wohn‘ schon seit zehn Jahren auf Pauli, hab nur meine Omma hier in Brem besucht. Wenn’se wolln, geh’n wa heute Nacht zusamme auffe Piste, und pennen könn’se auch bei mir. Dat is mir lieber, als wenn’se mir verloren gehen!“ Also schien selbst dieser wüst aussehende Mittdreißiger der Ansicht zu sein, dass sie alleine nicht zurechtkam – na, danke für das Kompliment, dachte Uschi. Aber das Angebot, mit Ralph Hamburg zu erkunden, fand sie verlockend und stimmt zu ihrer eigenen Überraschung zu.

Hamburg, alte Liebe, Elbphilharmonie

Hamburg mit alter Liebe und Elphi

In Hamburg angekommen, fuhren sie mit dem Bus zu Ralphs Wohnung. Die war weit aufgeräumter, als Uschi gedacht hatte. Nur der schwere, seltsame Geruch irritierte sie ein wenig, sie hatte aber das Gefühl, dass dieser sie auf dem alten, etwas durchgesessenen Sofa gut würde schlafen lassen. Sie tranken eine Kanne Tee zusammen und aßen Tiefkühlpizza, dann zogen sie los. Ralph zeigt ihr sein Viertel, dann gingen sie in seine Stammkneipe.

„Hey Ralph, hast du deine Omma gleich mitgebracht?“, fragte der große Wirt hinter der Theke. „Ich geb‘ dir gleich die Omma, du Schandmaul! Dat is Frau Uschi, meine neue Bekannte, die’n büschen wat vonne Welt sehn will. Mach uns bloß keine Schande und benimm dich, sonst fährt’se gleich wieder wech!“ Der Wirt nickte und stellte unaufgefordert ein Astra vor Ralph auf die Theke. „Die Dame?“, fragte er und sah Uschi auffordernd an. „Das Gleiche“, bestellte Uschi, und trank zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bier aus der Flasche. Mit Ralphs Hilfe setzte sie sich bequem auf dem hohen Thekenhocker zurecht und ehe sie sich versah, war sie Mittelpunkt einer lustigen Runde, die Bier trank, Nüsse knabberte und über Gott und die Welt schwatzte. „Die Omi ist ja süß!“, hörte Uschi eine junge Frau sagen, die aussah, als sei sie Ralphs kleine Schwester.

Tief in der Nacht brachen sie auf. Uschi konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so einen lustigen Abend erlebt hatte – das musste vor Ulrichs Erkrankung gewesen sein. Kurz vor der Wohnung sah Ralph noch einen Lichtschein in einer Kneipe und zog Uschi über die Straße. „Lass uns hier noch eben Moin sagen!“ Uschi war es recht. Sie war beschwingt und betrunken, sie hätte auch zwei Zuhältern mit Kampfhunden „Moin“ gesagt, wenn die ihr gerade begegnet wären. Und die Leute, die in der winzigen Kneipe im Souterrain saßen, machten einen zwar müden, aber doch freundlichen Eindruck. „Mensch Kuddel!“, rief Ralph erfreut und schlug einem älteren Herrn auf die Schulter. „Seit wann bist du denn wieder an Bord hier?“ Der pummelige Mann mit dem gutmütigen Gesicht einer verschlafenen Bulldogge grinste ihn an. „Bin nur auf der Durchreise. Morgen geht‘s weiter – nach Dänemark. Will’ste mal wieder mit?“ Ralph schüttelte den Kopf. „Geht nicht, hab‘ viel zu tun auf Arbeit zurzeit.“ Uschi bemerkte, dass sie überrascht war: Sie war gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass jemand wie Ralph einer geregelten Arbeit nachgehen könnte. Dann aber wurde sie hellhörig.

„Ich hab‘ hier die Frau Uschi, die will wat vonne Welt sehen. Nimm‘ste die mit? Dir würd‘ ich se anvertraun.“ Kuddel sah skeptisch zu Uschi rüber. „Ich weiß nicht. Haben Sie schon mal Urlaub in ‘nem Wohnmobil gemacht?“ Uschi schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe noch nie Urlaub gemacht.“ Das breite Gesicht drückte pures Erstaunen aus. „Noch nie? Immer nur Arbeit und Pflicht? Na, dann wird’s ja Zeit. Gut, Frau Uschi, Sie kriegen eine Koje bei mir. Aber eins muss ganz klar sein: Wer meckert, fliegt raus!“ Uschi nickte. Ja, das schien ihr fair zu sein.

Kuddel holte Uschi um elf Uhr am nächsten Morgen ab. Ralph, ihr Gastgeber in dieser denkwürdigen Nacht in Hamburg, hatte sie fürsorglich mit einem riesigen Stullenpaket und zwei Flaschen Cola versorgt. Sie umarmten sich zum Abschied so herzlich, als würden sie sich schon viel länger als 18 Stunden kennen. Ralph versprach, irgendwann man auf Kuddels Handy anzurufen und nachzufragen, wie es so ginge. Vielleicht würde er auch vorbeikommen, irgendwann, wenn es sich gerade so traf. Schließlich traf man sich immer zweimal im Leben.

Und dann fuhren sie los. Uschi saß vorne neben Kuddel und sah die Landschaft an sich vorbeiziehen. Sie fühlte sich wie aus einem Gefängnis entlassen. Auf der Fähre stand sie draußen und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Kuddel stand hinter ihr und sah sie neugierig an. Dass in seinem Alter nochmal so’ne schmucke Deern bei ihm einsteigen würde, hätte er nicht gedacht. Sie schien ganz patent zu sein. Wenn die nicht irgendwann anfing zu drinsen*, konnte das vielleicht was werden mit ihm und Frau Uschi.

Und so gab er sich viel Mühe an diesem ersten Abend in Dänemark: Er suchte einen Strandplatz mit schöner Aussicht, kramte ein Windlicht mit erst halb abgebrannter Kerze aus seinem Wohnmobil und köpfte für sie seine letzte Flasche Rotwein. Als sie schlafen gingen, sorgte er für ihre Bequemlichkeit und dafür, dass sie es warm hatte. Früher hatte er das anders gemacht mit den Mädels, doch dieses Mal schien es ihm angemessen zu sein, mit einer Wolldecke für Wärme zu sorgen. Er plante, weiter hochzufahren Richtung Norwegen, vielleicht auch nach Island. Wenn sie es so lange miteinander aushielten, konnten sie sich immer noch aneinander kuscheln, um sich zu wärmen – Eile mit Weile.

Und Uschi – Frau Uschi, wie sie jetzt hieß – hatte ein seltsames Gefühl, als sie einschlief. Sie war voller neuer Eindrücke, so dass ihr der Kopf schwirrte. Von Norwegen und Island hatte dieser seltsame Mann gesprochen, der schon seit vielen Jahren mit seinem alten Wohnmobil unterwegs war. Darin roch es etwas komisch, nach Zigaretten, Dosenessen und schmutzigen Socken, und doch fühlte sie sich seltsam wohl. Irgendwann würde sie ihrer Familie eine Postkarte schreiben, morgen vielleicht oder übermorgen. Sie sollten sich nicht sorgen. Und so schrieb sie einige Tage später von einem Rastplatz auf Bornholm je eine Postkarte an Robert und Sandra:

Ihr Lieben,

sorgt euch nicht um mich. Ich bin mit Herrn Kuddel unterwegs, einem echten Vagabunden und Kapitän der Landstraße. Kennengelernt habe ich ihn auf St. Pauli in einer Kneipe, die mir Ralph gezeigt hat. Bei dem habe ich auch übernachtet, und zum ersten Mal in meinem Leben geraucht – eine ganz dicke Zigarette. So schön habe ich noch nie geträumt, sage ich euch. Ihr seht, alles ist gut.

Viele Grüße

Mutter

 

*drinsen: Norddeutsch für quengeln

Lesung in Wiesbaden

Erstmals in meinem Autorenleben habe ich eine Lesung außerhalb von Frankfurt: In Wiesbaden lese ich zusammen mit meinem Autorenkollegen Robert Maier ein buntes Programm aus Kurzgeschichten und Erinnerungen. Zusätzlich gibt es noch einen Auszug aus Roberts Roman „Pankfurt“. Ich bin sehr gespannt auf den Abend!

Lesung Wiesbaden, Robert Maier, Meike Möhle

Die 7-Kräuter-Lesung: Schnittlauch

Grüne Soße

Grüne Soße mit Kartoffeln und Eiern – Frankfurts Nationalgericht. Bild zur Verfügung gestellt von Antje Witgen.

Wie schon berichtet, durfte ich am Samstag an der 7-Kräuter-Lesung der ARS Autorengruppe teilnehmen. Die fand in Frankfurt-Oberrad im Lokal Grüne Soße und Mehr statt, wo Kai und sein Team mal wieder mit viel Schwung und guter Stimmung dafür sorgten, dass es allen – Autoren und Zuhörern – so richtig gutging. Damit hatten sie allerhand zu tun, denn die Hütte war voll – toll!

Jeder von uns hatte ein Kräutlein aus der grünen Soße zugeteilt bekommen und durfte dazu ganz frei eine Geschichte erfinden. Was gab es nicht alles für unterschiedliche Erzählungen: Von der Petersilie auf dem Mars über die skorbutverhindernde Wirkung von Sauerampfer bis hin zu einem Kresseherz war alles dabei. Auch einen traurigen Waschbären gab es, ein ältliches Fräulein mit einem Koffer voller Geld und einen Parforceritt durch die Grimmsche Märchenwelt, bei dem der Kerbel zum allgemeinen Gaudium breitestes Hessisch sprach.

Ich hatte den Schnittlauch und entschied mich für eine Art Liebesgeschichte. Muss auch mal sein. Sie hat den dramatschen Titel:

Der Schnittlauch war ihr Schicksal

Lesung, Meike Möhle

Lesung in der Grünen Soße – aufgenommen von Susanne Reichert

Schneckenfraß im 3. Stock – konnte das wirklich sein? Ungläubig sah Anja auf ihre Balkonpflanzen, die aussahen, als sei ein ganzes Bataillon gieriger, schleimiger Schädlinge darüber hergefallen. Alle waren hinüber – bis auf der Schnittlauch. Der stand aufrecht wie immer, ein großes grünes Büschel mit einigen lila Blüten. Die anderen Kräutertöpfe konnte sie wohl wegschmeißen, und die zwei Hängeschalen mit den Frühjahrsblumen sahen ebenfalls trist aus. Nun ja, genau genommen wirkten die, als hätte sie sie versehentlich mit Essigessenz gegossen. Das schloss sie zwar aus, nahm aber an, dass sie trotzdem für das Siechtum auf ihrem Balkon verantwortlich war. Anja hatte keinen grünen Daumen, hatte noch nie einen gehabt. Alles, was bei ihr wuchs, war Schnittlauch. Sowohl auf dem Balkon, als auch auf ihrem Kopf. Früher fand sie das ungerecht.

„Anja hat Schnittlauchlocken!“, hatte ihre große Schwester Simone immer gelästert und dabei abfällig mit dem Finger auf das dünne, glatte Haar ihrer Schwester gezeigt.

„Ach, das wächst sich aus und wird noch fester“, hatte die Mutter tröstend gemeint und Bruder Bernd hatte irgendwann wenig sensibel vorgeschlagen, Anja könne sich ja eine Zweitfrisur im Kaufhof besorgen, diese einfach überstülpen und fertig sei die Laube.

Anja hatten diese Neckereien immer frustriert, denn sie stammte aus einer Familie, in der alle – wirklich alle von der Oma bis zum Hund – festes Haar und zumindest Wellen, wenn nicht sogar Locken hatten. Nur sie hatte diese weichen, flaumigen Haare, die sie in ihrer Jugend mit Hilfe von allerlei Chemie in Form zu bringen versuchte. „Volumen“ lautete das Zauberwort, Volumen war das, was eine jede Frau sich nicht nur wünschte, sondern auch dringend brauchte. „Spannkraft im Haar“ versprach die Werbung, doch egal, was Anja probierte, ihre Haare zeigten immer nur ganz entspannt nach unten. Fönwellen hielten zwei Stunden, Wasserwellen zwei Tage und die teuren Dauerwellen zwei Wochen. Irgendwann entschloss sie sich für die Atombombe und ließ einen Minipli machen: Das war eine dieser kleinkringeligen Dauerwellen, die wirkten, als hätte man einen gehäkelten Kaffeewärmer auf dem Kopf. Zum Gaudium ihrer Geschwister sah die damals 17-jährige Anja damit eine Woche lang aus wie Bernhard Brink und die nächsten zwei Wochen immerhin noch wie Rudi Völler. Danach sank die Pracht in sich zusammen und erinnerte an braunes Sauerkraut.

Seit einigen Jahren jedoch hatte Anja sich mit ihren Haaren abgefunden. Sie war zufrieden, denn wenn sie vor dem Spiegel stand, sah sie eine durchaus attraktive Frau. Sie war schlank, aber weiblich geformt, hatte auch jenseits der vierzig nur einige wenige Fältchen im Gesicht und das Haar war – wenn auch dünn – noch immer kastanienbraun. Zusammen mit ihren grünen Augen und den hübschen kleinen Sommersprossen gab das ein harmonisches Bild, und Anja hatte aufgehört, den Idealen aus der Werbung hinterherzulaufen. Sie mochte sich und ihr Leben. Ihr Beruf machte Spaß, die Wohnung war schön und sie hatte einen tollen Freundeskreis. Gut, ein bisschen mehr Talent beim Gärtnern wäre noch nett gewesen, aber alles konnte man halt nicht haben.

Was Anja nicht vermisste, war eine Familie. Ein paar Mal hatte sie einen Freund gehabt, einer hatte sie sogar heiraten wollen. Aber Anja war nicht zu überzeugen gewesen, und spätestens dann, wenn das Gespräch auf Kinder kam, hatte sie immer einen Rückzieher gemacht. Sie wollte keine Kinder, konnte sich nicht vorstellen, die Mutterrolle auszufüllen. Und so hatte sie es sich als Single gemütlich eingerichtet.

Ihre Schwester war da ganz anders: Simone hatte zwei inzwischen fast erwachsene Kinder und war nach ihrer Scheidung eifrig darum bemüht, möglichst schnell einen neuen Freund zu finden. Partnerbörsen, Speeddatings – nichts war vor ihrer energiegeladenen Suche sicher. Sie war eine Jägerin, unermüdlich und gnadenlos. Und bei einer dieser Aktivitäten fand sie Peter.

„Hier, Anja, guck mal der – da musst du unbedingt hinschreiben!“ Simone schob Anja ihr Tablet rüber, auf dem das Profil eines Mannes angezeigt wurde.

„Hmmm, ich, wieso ich? Du suchst doch jemanden, schreib du ihn doch an, wenn er so toll ist.“

Simone schüttelte den Kopf und schubste das Tablet noch ein Stück weiter über den Kaffeetisch in ihrer Küche. „Nein, der ist nicht toll, für mich jedenfalls nicht. Aber guck doch mal, wie der sich beschreibt!“

Anja schielte mit einem Auge auf das Profil, das leider kein Foto enthielt. Peter, 45, Angestellter, geschieden, stand da zu lesen. Größe normal, Figur normal, Augen blau, Haare: vertrockneter Schnittlauch. Anja musste lachen. Dieser Peter schien so ziemlich der langweiligste Mensch der Welt zu sein, aber anscheinend hatte er einen gewissen Humor. Wie er mit dieser öden Beschreibung allerdings eine Partnerin finden wollte, war ihr schleierhaft.

„Komm, schreib‘ da mal hin, nur aus Spaß!“ Simone war nicht zu bremsen. Anja sah sie zweifelnd an.

„Wozu soll das gut sein? Ich suche keinen Partner, und schon gar nicht so einen lahmen Vogel. Warum soll ich ihm was Anderes vorgaukeln?“

Simone zuckte die Schultern. „Ach komm, der arme Tropf kriegt bestimmt nie Zuschriften. Er freut sich sicher über jede Nachricht. Und wer weiß, vielleicht ist er ganz nett. Du suchst doch immer Kumpel für Spieleabende und zum Joggen – zumindest laufen wird er ja wohl können.“

Anja seufzte. Wenn ihre Schwester sich was in den Kopf gesetzt hatte, war sie wirklich unerträglich. Gegen ihre Überzeugung zog Anja das Tablet zu sich heran, öffnete eine Nachricht und schrieb, ohne lange nachzudenken:

„Brauner Schnittlauch grüßt vertrockneten Schnittlauch! Wenn du keine Familie gründen willst, sondern Spaß an gemeinsamen Aktivitäten hast, kannst du dich gerne mal melden.“

Sie schloss mit ihrer E-Mailadresse, fest davon überzeugt, dass selbst der einsamste Mann der Welt sich auf so eine trockene Anmache hin nicht melden würde. Simone rollte verzweifelt mit den Augen. Anja grinste zufrieden und vergaß diesen Peter.

Eine Woche später jedoch musste sie feststellen, dass ein dauerhaftes Vergessen dieses potentiellen Langweilers ihr nicht mehr möglich war. Denn er hatte sich gemeldet, sie hatten einander geschrieben, danach telefoniert und sich schließlich in Anjas Lieblingsbar verabredet. Er war anscheinend nicht ganz so langweilig wie gedacht, sondern wirkte intelligent, hatte Humor, schien interessiert an allem Möglichen zu sein. Seine Stimme klang angenehm und Anja sprach gerne mit ihm. Sie dachte auch gerne an ihn. Viel zu gerne – schließlich suchte sie niemanden. Und doch machte sie sich für ihr Treffen äußerst sorgfältig zurecht, zog das neue Kleid mit den unbequemen Schuhen an und föhnte ihre Haare über Kopf: Zum ersten Mal seit Jahren bemühte sie sich um Volumen. Perfekt aufgerüscht erschien sie überpünktlich am Treffpunkt und sah sich suchend um. Augen blau, Haare vertrocknet, alles andere normal – war er schon hier? Sie bereute, dass sie kein „besonderes Kennzeichen“ ausgemacht hatten, eine Nelke im Knopfloch oder so. Sie hatten auch nicht darüber gesprochen, wie sie jeweils aussahen, nichts außer den glatten Haaren war ein Thema zwischen ihnen gewesen. Es saß jedoch an keinem Tisch ein einzelner Mann, also war Peter wohl noch nicht da. Anja kicherte nervös in sich hinein und wählte schließlich einen Platz aus, von dem sie einen guten Blick zur Tür hatte. Gebannt starrte sie auf den Eingang.

Zuerst erschien ein ältlicher Herr mit schütterem Haar und Schnurrbart. Ihm folgten jedoch zwei noch ältere Damen auf dem Fuße, das war der Falsche. Als nächstes kam ein Jungspund von vielleicht 19 Jahren, der fast über seine viel zu langen Hosenbeine fiel.

Dann kam ein ausgesprochen hübscher Mann mit sehr glatten Haaren in Anjas Blickfeld und ihr stockte für einen Moment der Atem. Doch dieser Mann eilte hinter die Theke und band sich eine Schürze um – der war es auch nicht. Sie riss sich zusammen und atmete aus – der Knabe war glutäugig und schwarzhaarig, passte also überhaupt nicht zu der Beschreibung. Außerdem war er wirklich attraktiv und nicht bloß normal – nur nicht zu viel erwarten! Hoffentlich sah dieser Peter nicht aus wie einer von Bauer sucht Frau. Nochmal rief Anja sich zur Ordnung – wie jemand aussah, sollte nicht ausschlaggeben sein. Verstohlen sah sie auf die Uhr: Er war schon zwei Minuten zu spät. Wenn er in drei Minuten nicht kam, würde sie sich davonmachen.

Der nächste, der hereinkam, entsprach jedoch genau Anjas Vorstellung: Mittelgroß und vollschlank mit einem kleinen Bäuchlein, das kurze, dunkelblonde Haar ordentlich geschnitten und sehr glatt. Er trug Jeans, eine Lederjacke und Sportschuhe. Anja war erleichtert: Dieser Mann war kein Beau, aber auch kein Quasimodo, und er lächelte sie auf eine etwas unsichere Weise sympathisch an. Sie strahlte zurück.

„Anja?“, fragte die ihr vom Telefon bekannte Stimme und sie wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Denn diese Stimme kam nicht von vorne, nicht von dem Mann in der Lederjacke, der jetzt an ihr vorbeilief. Anscheinend gab es einen Hintereingang, und Peter, der wahre Peter, stand direkt neben ihr. Sie schielte aufwärts, sagte „Ja?“ und schwieg dann verwirrt. Denn dieser Mann sah alles andere als normal aus. Er war groß, gut gebaut, mit einem schönen Gesicht. Und er hatte lange, glatte, blonde Haare, die zu einem lässigen Dutt gewickelt waren. Er sah aus wie einer dieser Typen aus der Werbung, die Anja immer so schön und doch so albern fand. Selbst ein gepflegter Hipster-Bart fehlte nicht.

Schnittlauchblüte

Schnittlauchblüte. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Peter setzte sich Anja gegenüber und lächelte sie offen an. Sie hatte das Bedürfnis, etwas Kluges zu sagen: „Das ist wahrscheinlich der längste Schnittlauch, den ich je gesehen habe.“

Er nickte bedächtig. „Wikipedia sagt, Schnittlauch kann bis zu 50 Zentimeter lang werden.“

Damit schien alles gesagt zu sein, sie sahen sich nur an. Anja war verwirrt, sie ertappte sich dabei, wie sie ihr Gegenüber anstarrte wie ein verknallter Teenager einen Popstar. Peter schien frustriert zu sein. Dann aber fing sie sich und fragte: „Hast du als Kind viele Wikingerbücher gelesen?“, und er lächelte.

„Der schreckliche Sven war mein Großvater.“ Damit war das Eis gebrochen und sie nutzten die Zeit zum Kennenlernen, bis spät in der Nacht die Kneipe schloss.

„Gehst du morgen mit mir joggen?“, fragte Anja, als sie sich verabschiedeten, und Peter sah sie fragend an.

„Joggen? Wieso denn das?“

„Naja, laufen wirst du wohl können, meinte meine Schwester.“

Er seufzte. „Ich kann laufen, ja, sogar geradeaus. Aber ich beeile mich nicht gerne. Wollen wir nicht lieber spazieren gehen?“

„Na gut.“

Einige Tage später rief Anja ihre Schwester an. „Simone, ich habe ihn getroffen!“

„Getroffen, wen?  Den Schnittlauch?“

„Ja, den Schnittlauch. Peter. Er ist … hach!“

Simone war verblüfft – so kannte sie ihre Schwester gar nicht. „Anja? Ist alles in Ordnung mit dir? Was ist mit dem Typen?“

Anja kicherte zunächst nur albern. Dann versuchte sie sich an einer Erklärung: „Ja, ich weiß gar nicht, wie ich dir das beschreiben soll: Er ist eigentlich unmöglich. Solche Männer sollte es nicht geben.“

Natürlich wollte Simone mehr wissen und Anja beschrieb Peter als klug, humorvoll, gutaussehend.

„Das klingt doch gut“, meinte ihre Schwester. „Was stört dich denn? Ich kenne dich doch, du hast schon jetzt irgendein Haar in der Suppe gefunden.“

Anja seufzte. „Ja, schon, so ein bisschen. Der ist einfach zu perfekt. Das kann gar nicht gutgehen. Der Kerl ist zu schön, um wahr zu sein.“

Simone wunderte sich. „Was kann denn an einem ganz normalen Typen zu schön sein?“

Anja lachte leicht hysterisch. „Normal. Das hat er in sein Profil geschrieben, normal. Aber der ist alles andere als normal. Gegen den ist jeder jemals gekürte „sexiest man alive“ ein kalter Furz.“

Simone schüttelte den Kopf – das waren vielleicht Luxus-Probleme. Aber als die Ältere von beiden wusste sie Rat: „Nimm es hin und genieße. Oder – noch besser – stelle ihn mir vor und verschwinde.“

„Das kannst du vergessen.“, sagte Anja ungewöhnlich entschieden.

Und so nahm Anja den ersten Rat ihrer Schwester an und genoss die Zeit mit Peter. Nachdem sie sich an sein verwirrendes Äußere gewöhnt hatte, lernte sie ihn von allen Seiten kennen und stellte fest, dass er trotz seines verboten guten Aussehens ein ganz normaler Mann war – einer, der seine kleinen Macken hatte und keine 20 mehr war. Jedes zweite Wochenende betreute er seine beiden Söhne. Dann spielte er mit ihnen Fußball, hatte am nächsten Tag allerlei Zipperlein und klagte zum Steinerweichen. Er verteilte seine langen Haare in Anjas Bad und klaute ihre Haargummis. Und er war ein genauso schlechter Gärtner wie sie, auch sein Balkon war eine triste Steppe.

„Es kann echt nicht wahr sein“, murmelte Anja und wandte sich nachdenklich ihren Balkonpflanzen zu. Sie holte einen Müllsack und begann mit der Entsorgung der biologischen Katastrophe. Während sie arbeitet, hörte sie Peter hereinkommen – er drückte immer einmal kurz auf die Klingel, bevor er aufschloss.

„Ich bin draußen“, rief sie und wartete auf ihr Begrüßungsküsschen. Er enttäuschte sie nicht und sie machte ihn mit ihren erdigen Händen ein wenig schmutzig. Dann ging er wieder hinein und holte ein Mitbringsel für sie.

„Ich denke, wir versuchen es nochmal hiermit“, erklärte er und zeigte ihr, was er ausgesucht hatte. „Du willst es doch grün haben.“

In seinen großen Händen hielt er zwei Töpfe Zierlauch. Sie roch den vertrauten, leicht zwiebeligen Geruch. Ja, das würde gewiss wachsen bei ihr. Wachsen und gedeihen.

Schnittlauch in rauen Mengen. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Die Lesung

Seit vielen Jahren schon gehe ich gerne auf Lesungen – oft mit meiner Freundin Antje. So auch gestern. Ich verrate jetzt einfach mal nicht, bei wem wir waren, denn ich will nicht, dass man mir üble Nachrede unterstellt. Denn es war … irgendwie … merkwürdig. Sehr, sehr merkwürdig. Ich will versuchen, das mal zu beschreiben.

Die Lesung – ein Bericht

Als wir um viertel vor acht den Lesungsort betreten, ist da noch nicht recht viel los – außer uns sind zwei Leute anwesend, außerdem stehen zwei auf dem „Raucherbalkon“. Aber gut, da kann ja noch was kommen. Wir kaufen uns Getränke, Antje ein Bier, ich ein Glas Wein, und gucken mal auf den Balkon. Antje raucht, ich bemühe mich schon mal um den intelligenten Blick – den werden wir gleich ja brauchen.

Währenddessen füllt sich der Raum auf angenehme Weise: Es ist gut besucht, aber nicht so, dass die Gäste sich zusammenquetschen müssten. Ein junger Mann fummelt schon an zwei Mikrofonen rum, anscheinend geht es gleich los. Zwei Mikros – ach ja, das war ja mit Moderation. Das mag ich meistens gerne, denn dann erfährt man ja noch was über den Autor, und das ist eine gute Sache.

Zwei nach acht – es geht los. Wir klatschen, auch wenn noch keiner was Besonderes geleistet hat, aber das macht man ja so. Schließlich sollen die Künstler sich willkommen fühlen. Der Autor ist ein flotter Mittdreißiger, der Moderator hat ein ähnliches Alter und sieht irgendwie so aus, als hätte er „vergleichende Literaturwissenschaft“ studiert. Der hat bestimmt Ahnung!

Das Event beginnt, langsam, verhalten. Der Moderator formuliert vorsichtig, zögernd und bedächtig, wählt die Worte sorgsam, unterbrochen von vielen „ämmm, ähhh“ und mimisch untermalten Denkpausen. Der Autor spricht flüssiger und sagt tolle Sachen: Wir erfahren etwas über die maximalnarzisstische Erfahrung und nicken einander bedeutungsvoll zu. Oh ja, hier kann man was lernen! Der Autor spricht über das Schreiben im Allgemeinen und schlechthin, über seine Charaktere und was noch so dazugehört. „Es muss sich einander beatmen“, sagt er, und ich denke, aha, Baywatch auf literarisch, immer schön beatmen. Ich finde dieses Interview absurd bis albern, sowohl die Fragen als auch die Antworten, aber das mag an mir liegen – ich tue mich immer schwer, wenn eine Frage fünf Minuten dauert und die Antwort dann länger als „42“ ist. Ich schaue etwas ungeduldig auf die Uhr – schon halb neun, wann liest der denn endlich mal was?

Da, er blättert – es geht los! Das Buch ist eine dicke Schwarte, da muss ja allerhand drinstehen, was man lesen kann. Und so ist es dann auch. Wir hören etwas über die beiden verliebten Liebenden sowie das kostbare Erz der Ängste. Ich schiele zu Antje – ihr Gesichtsausdruck wechselt immer wieder von fassungslos-amüsiert zu glasig-glotzend und zurück. Wahrscheinlich sehe ich genauso aus, nur auch noch in blond.

Zettel, Brief

Es gibt eine Lesepause, wieder mit Gespräch. Der kleine Moderator scheint inzwischen richtig zu leiden, er vergräbt die Hände in den wolligen Locken, windet sich auf dem Stuhl, erklärt dem interessiert lauschenden Autor seinen Roman, ringt um die richtigen Worte. Wir ringen auch, aber nur um Contenance, und wir schreiben Zettelchen – wer hat diese Veranstaltung nochmal ausgesucht? Ich war’s nicht, aber ich war einverstanden. „Der Horror ist auf der Leserseite“, sagt der Autor, und DAS glaube ich ihm gerne. Auch die urbane Degeneriertheit kommt zur Sprache, gut, dass das einmal erwähnt wird, schließlich leben auch wir in der Stadt.

Es wird noch ein Stück gelesen. Sprachlich ist das Werk sicherlich ein feines Stück Arbeit, immer möglichst kompliziert formuliert, bestimmt gibt es dafür irgendwann einen Preis. Ich habe es ja lieber schlicht, das liegt natürlich an mir und ist kein Problem des Autors. Aber diese komischen, verklausulierten Sätze lassen mich zunehmend grinsen: Warum schreibt man denn von einem „weiherverheißenden Geräusch“, wenn man das Quaken von Fröschen meint? Mir ist das schleierhaft, aber da fehlt es mir wahrscheinlich an literarischem Verständnis.

Verstehen konnte ich allerdings die Reaktion des Publikums, das zum großen Teil auf das Gesprächsangebot nach der Lesung verzichtete und eher zügigen Schrittes den Saal räumte. Man muss sowas ja nicht über Gebühr ausdehnen.

 

Nachtrag: In den allermeisten Fällen sind Lesungen eine feine Sache, wir haben schon viele schöne Veranstaltungen genossen. Und diese hier war auch nicht die Allerschrägste, die ich jemals mit Antje besucht habe. Das war vor einigen Jahren die Lesung, bei der man uns unter der Moderation Michel Friedmanns und der dekorativen Anwesenheit eines auf der Bühne eifrig Wasser trinkenden Jürgen Trittins einen ganzen Abend lang was auf Chinesisch erzählte. Da half selbst das zur Schau stellen des Bildungsbürgergesichts nichts mehr.

Good Vibrations

Das Chorkonzert gestern stand unter dem Oberthema „Liebe“. Es war thematisch unterteilt in Lieder, die von Freundschaft, erfüllter oder unerfüllter Liebe oder humorvoller Liebe handelten.

Kirche Harheim

Unser Veranstaltungsort – Bild von Meddi Müller

Wir Autoren waren gebeten worden, Texte zu lesen, die zum jeweiligen Thema passten. Ich hatte das Glück, dass in meinem „Liederblock“ das Lied „Good Vibrations“ von den Beachboys dabei war, auf das ich einmal durch den biografischen Film „Love and Mercy“ aufmerksam wurde – für was so eine Sneak Preview doch alles gut ist. Ich nahm mir also diesen Titel als Grundlage für meinen kleinen Text.

Wie um mir einen Gefallen zu tun, war dieses Lied das Einzige, bei denen der Chor sich versang und es zu einem kleinen Durcheinander kam, so dass kurzerhand noch einmal von vorne angefangen wurde. Das passte wunderbar zu meiner Einleitung, denn dieses war mein Text:

Good Vibrations – Phasen der Liebe

„Good Vibrations“ ist einer der komplexesten Pop-Songs, die jemals geschrieben wurden. Jede Menge Instrumente, Stimmen und Harmonien. Es hat ewig gedauert, diesen Titel aufzunehmen. Kein Wunder, bei diesem schwierigen Thema.

Erinnern Sie sich daran, wie das war mit der Verliebtheit? „Good Vibrations“ nennen das die Beachboys, positive Schwingungen. Man bringt einander in Schwung – das ist ja schon mal gut. Man hat Schmetterlinge im Bauch. Naja, wahrscheinlich eher Motten – ist ja dunkel da drin.

Ob das gesund ist?

Schmetterlinge im Bauch zu haben ist anstrengend schön. Aufregung, Luftnot, ein roter Kopf. Appetitlosigkeit und widersprüchliche Gedanken: Hoffentlich falle ich ihm auf, wie sehe ich eigentlich aus, ach du liebe Güte, hoffentlich bemerkt er mich nicht. Ich will ihn sehen, heute, jetzt gleich – oh mein Gott, da kommt er, ich muss weg! Er liebt mich, er liebt mich nicht – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

Glückselige Verzweiflung.

Die Zeit der schwingenden Schmetterlinge ist die Zeit des Kennenlernens. Wer bist du, wie bin ich? Die Zeit der Überraschungen – oha, wie wohnt der denn? Dieses Sofa – ist das sein Ernst? Der ist aber unordentlich! Aber kochen kann er! Ich könnte ihn stundenlang ansehen. Wie der wohl nackig aussieht? Und was denkt er, wenn er mich ohne alles sieht? Lieber schnell das Licht ausmachen – aber wo ist hier der Schalter? Alles neu, alles spannend – Good Vibrations bis kurz vor’m Herzinfarkt.

Dieses ewige Geflatter im Leib hält auf Dauer niemand aus. Es beruhigt sich, weicht einer wohligen Wärme und Zuversicht. Es folgt die Zeit der Kompromisse – meckerst du nicht an meiner Figur herum, sage ich nichts zu deiner Aufräumtechnik. Und auch nichts zu deiner Leidenschaft für das Sammeln von Streichholzbriefchen. Ich gehe mit dir wandern, auch wenn es viel rationaler wäre, den Bus zu nehmen. Kommst du mit ins Theater? Ach, da warst du noch nie? Komm, ich zeig’s dir. Ich nehme dich mit in mein Leben.

Mein Leben, dein Leben – unser Leben?

Buntglasfenster

Wie ist das mit den Schwingungen, wenn aus der Verliebtheit Liebe wird? Viele schwingen dann im Takt, gleichmäßig aufeinander eingespielt. Einige schwingen auch gegeneinander, so nach dem Motto „Reibung erzeugt Wärme“.

Es gibt auch diese Paare, bei denen man sich fragt, was die eigentlich zusammenhält – die schwingen in so gegensätzliche Richtungen, dass das „auf jeden Topf passt ein Deckel-Prinzip“ zu einem lauten Geklapper führt. Manchmal führen diese gegensätzlichen Schwingungen auch zu einem Unfall, dann kracht es richtig. Die emotionale Frontalkollision. Aber davon wollen wir heute nicht sprechen – wir reden hier ja über die Liebe, nicht über den Krieg.

Wenn man lange zusammen ist, weichen die heftigen Schwingungen einem leiseren, konstanten Summen. Gewohnheit, Vertrauen, ein gemütliches Sich-miteinander-gehen-lassen. Er treibt nur noch Fernsehsport, ich schlafe dabei an seiner Seite. Er hatte mal Haare, ich eine Taille. Unsere Freunde sehen plötzlich so aus wie die Freunde unserer Eltern – damals. Auf einmal trägt er Cordhosen – und ich entdecke ihn ganz neu, meinen alten Mann. Immer wieder entdecken wir uns, finden neue Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Immer wieder geben wir einander neuen Schwung.

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Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Sänger und Vorlesende, die mit viel Engagement bei der Sache waren, über 150 hochzufriedene Gäste. Das Konzept mit den Liedern und den Texten ging auf, alles fügte sich wunderbar zusammen. Es hat Spaß gemacht und ich bin froh, dass ich mich von meinen ARS-Kollegen zu diesem Experiment habe überreden lassen.

Nachtrag:

Ach ja, eine drollige Sache passierte mir noch: Ich bekam die Rückmeldung, dass ich den Verlauf einer langjährigen Beziehung sehr gut beschrieben hätte und dass sich viele in dem Text wiedererkannt hätten. Nun bin ich ja in Beziehungsdingen nicht so geübt – aber es freut mich, dass ich durch reines Beobachten wohl einigermaßen das Thema getroffen habe

Liebe, Lyrik, Lampenfieber

Unser Lesepult – Meddi Müller ist schon da, zumindest in Teilen.

Heute Abend darf ich mal wieder bei einer Lesung dabei sein. Um ehrlich zu sein, habe ich mich dazu ein wenig überreden lassen, denn das Thema lautet „Liebe“. Und da bin ich ja so gar keine Expertin, diese Zweierbeziehungen erschrecken mich eher. Aber wie immer waren die Kollegen und Kolleginnen von der Autoren Rhein-Main Szene (ARS) sehr überzeugend und so zimmerte ich mir einen Text zurecht und war gestern bei der Probe anwesend.

Ja, die Anwesenheit – das ist übrigens so eine Sache. Mit ARS lernt man Frankfurt ja so richtig kennen. Nachdem ich inzwischen etliche Male durch Alt-Fechenheim geirrt bin, war es dieses Mal Harheim, wohin es mich verschlug. Harheim im Frankfurter Norden – war da schon mal jemand? Nicht? Nun, das ist irgendwo hinter Bonames. Es gibt dort eine Kirche, und dort singen zwei Chöre unter der Leitung von Elisabeth. Man kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwar nicht besonders gut dorthin, aber wenn man seiner Umwelt offen gegenübersteht, gibt es zumindest ein bisschen was zu sehen auf der langen Reise.

Die Kirche ist ein interessantes, etwas ungewöhnliches Bauwerk, soetwas habe ich so noch nicht oft gesehen: Man muss nach der Eingangstür erst mal eine Treppe hinauf, und im Inneren gibt es statt der üblichen, fest angebrachten Kirchenbänke recht bequeme Stühle, die aus Anlass des Konzertes im Halbrund angeordnet wurden. Das sieht erst mal gut aus und ermöglicht den meisten Zuschauern wohl auch einen recht guten Blick auf Chor und Lesende.

Die Generalprobe war spannend. Wir bekamen einen Eindruck des schönen Programms, das Elisabeth zusammengestellt hat, und durften feststellen, dass unsere Texte sich jeweils gut einfügen. Wie dem hoffentlich zahlreich erscheinenden Publikum diese Kombination gefällt, erfahren wir heute Abend – ich bin gespannt.

Chorkonzert in Harheim, Plakat

Meinen Liebestext werde ich übrigens morgen erst mit euch teilen – nicht, dass ich jemanden vom Konzertbesuch abschrecke 🙂