Die Lesung

Seit vielen Jahren schon gehe ich gerne auf Lesungen – oft mit meiner Freundin Antje. So auch gestern. Ich verrate jetzt einfach mal nicht, bei wem wir waren, denn ich will nicht, dass man mir üble Nachrede unterstellt. Denn es war … irgendwie … merkwürdig. Sehr, sehr merkwürdig. Ich will versuchen, das mal zu beschreiben.

Die Lesung – ein Bericht

Als wir um viertel vor acht den Lesungsort betreten, ist da noch nicht recht viel los – außer uns sind zwei Leute anwesend, außerdem stehen zwei auf dem „Raucherbalkon“. Aber gut, da kann ja noch was kommen. Wir kaufen uns Getränke, Antje ein Bier, ich ein Glas Wein, und gucken mal auf den Balkon. Antje raucht, ich bemühe mich schon mal um den intelligenten Blick – den werden wir gleich ja brauchen.

Währenddessen füllt sich der Raum auf angenehme Weise: Es ist gut besucht, aber nicht so, dass die Gäste sich zusammenquetschen müssten. Ein junger Mann fummelt schon an zwei Mikrofonen rum, anscheinend geht es gleich los. Zwei Mikros – ach ja, das war ja mit Moderation. Das mag ich meistens gerne, denn dann erfährt man ja noch was über den Autor, und das ist eine gute Sache.

Zwei nach acht – es geht los. Wir klatschen, auch wenn noch keiner was Besonderes geleistet hat, aber das macht man ja so. Schließlich sollen die Künstler sich willkommen fühlen. Der Autor ist ein flotter Mittdreißiger, der Moderator hat ein ähnliches Alter und sieht irgendwie so aus, als hätte er „vergleichende Literaturwissenschaft“ studiert. Der hat bestimmt Ahnung!

Das Event beginnt, langsam, verhalten. Der Moderator formuliert vorsichtig, zögernd und bedächtig, wählt die Worte sorgsam, unterbrochen von vielen „ämmm, ähhh“ und mimisch untermalten Denkpausen. Der Autor spricht flüssiger und sagt tolle Sachen: Wir erfahren etwas über die maximalnarzisstische Erfahrung und nicken einander bedeutungsvoll zu. Oh ja, hier kann man was lernen! Der Autor spricht über das Schreiben im Allgemeinen und schlechthin, über seine Charaktere und was noch so dazugehört. „Es muss sich einander beatmen“, sagt er, und ich denke, aha, Baywatch auf literarisch, immer schön beatmen. Ich finde dieses Interview absurd bis albern, sowohl die Fragen als auch die Antworten, aber das mag an mir liegen – ich tue mich immer schwer, wenn eine Frage fünf Minuten dauert und die Antwort dann länger als „42“ ist. Ich schaue etwas ungeduldig auf die Uhr – schon halb neun, wann liest der denn endlich mal was?

Da, er blättert – es geht los! Das Buch ist eine dicke Schwarte, da muss ja allerhand drinstehen, was man lesen kann. Und so ist es dann auch. Wir hören etwas über die beiden verliebten Liebenden sowie das kostbare Erz der Ängste. Ich schiele zu Antje – ihr Gesichtsausdruck wechselt immer wieder von fassungslos-amüsiert zu glasig-glotzend und zurück. Wahrscheinlich sehe ich genauso aus, nur auch noch in blond.

Zettel, Brief

Es gibt eine Lesepause, wieder mit Gespräch. Der kleine Moderator scheint inzwischen richtig zu leiden, er vergräbt die Hände in den wolligen Locken, windet sich auf dem Stuhl, erklärt dem interessiert lauschenden Autor seinen Roman, ringt um die richtigen Worte. Wir ringen auch, aber nur um Contenance, und wir schreiben Zettelchen – wer hat diese Veranstaltung nochmal ausgesucht? Ich war’s nicht, aber ich war einverstanden. „Der Horror ist auf der Leserseite“, sagt der Autor, und DAS glaube ich ihm gerne. Auch die urbane Degeneriertheit kommt zur Sprache, gut, dass das einmal erwähnt wird, schließlich leben auch wir in der Stadt.

Es wird noch ein Stück gelesen. Sprachlich ist das Werk sicherlich ein feines Stück Arbeit, immer möglichst kompliziert formuliert, bestimmt gibt es dafür irgendwann einen Preis. Ich habe es ja lieber schlicht, das liegt natürlich an mir und ist kein Problem des Autors. Aber diese komischen, verklausulierten Sätze lassen mich zunehmend grinsen: Warum schreibt man denn von einem „weiherverheißenden Geräusch“, wenn man das Quaken von Fröschen meint? Mir ist das schleierhaft, aber da fehlt es mir wahrscheinlich an literarischem Verständnis.

Verstehen konnte ich allerdings die Reaktion des Publikums, das zum großen Teil auf das Gesprächsangebot nach der Lesung verzichtete und eher zügigen Schrittes den Saal räumte. Man muss sowas ja nicht über Gebühr ausdehnen.

 

Nachtrag: In den allermeisten Fällen sind Lesungen eine feine Sache, wir haben schon viele schöne Veranstaltungen genossen. Und diese hier war auch nicht die Allerschrägste, die ich jemals mit Antje besucht habe. Das war vor einigen Jahren die Lesung, bei der man uns unter der Moderation Michel Friedmanns und der dekorativen Anwesenheit eines auf der Bühne eifrig Wasser trinkenden Jürgen Trittins einen ganzen Abend lang was auf Chinesisch erzählte. Da half selbst das zur Schau stellen des Bildungsbürgergesichts nichts mehr.

Good Vibrations

Das Chorkonzert gestern stand unter dem Oberthema „Liebe“. Es war thematisch unterteilt in Lieder, die von Freundschaft, erfüllter oder unerfüllter Liebe oder humorvoller Liebe handelten.

Kirche Harheim

Unser Veranstaltungsort – Bild von Meddi Müller

Wir Autoren waren gebeten worden, Texte zu lesen, die zum jeweiligen Thema passten. Ich hatte das Glück, dass in meinem „Liederblock“ das Lied „Good Vibrations“ von den Beachboys dabei war, auf das ich einmal durch den biografischen Film „Love and Mercy“ aufmerksam wurde – für was so eine Sneak Preview doch alles gut ist. Ich nahm mir also diesen Titel als Grundlage für meinen kleinen Text.

Wie um mir einen Gefallen zu tun, war dieses Lied das Einzige, bei denen der Chor sich versang und es zu einem kleinen Durcheinander kam, so dass kurzerhand noch einmal von vorne angefangen wurde. Das passte wunderbar zu meiner Einleitung, denn dieses war mein Text:

Good Vibrations – Phasen der Liebe

„Good Vibrations“ ist einer der komplexesten Pop-Songs, die jemals geschrieben wurden. Jede Menge Instrumente, Stimmen und Harmonien. Es hat ewig gedauert, diesen Titel aufzunehmen. Kein Wunder, bei diesem schwierigen Thema.

Erinnern Sie sich daran, wie das war mit der Verliebtheit? „Good Vibrations“ nennen das die Beachboys, positive Schwingungen. Man bringt einander in Schwung – das ist ja schon mal gut. Man hat Schmetterlinge im Bauch. Naja, wahrscheinlich eher Motten – ist ja dunkel da drin.

Ob das gesund ist?

Schmetterlinge im Bauch zu haben ist anstrengend schön. Aufregung, Luftnot, ein roter Kopf. Appetitlosigkeit und widersprüchliche Gedanken: Hoffentlich falle ich ihm auf, wie sehe ich eigentlich aus, ach du liebe Güte, hoffentlich bemerkt er mich nicht. Ich will ihn sehen, heute, jetzt gleich – oh mein Gott, da kommt er, ich muss weg! Er liebt mich, er liebt mich nicht – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt.

Glückselige Verzweiflung.

Die Zeit der schwingenden Schmetterlinge ist die Zeit des Kennenlernens. Wer bist du, wie bin ich? Die Zeit der Überraschungen – oha, wie wohnt der denn? Dieses Sofa – ist das sein Ernst? Der ist aber unordentlich! Aber kochen kann er! Ich könnte ihn stundenlang ansehen. Wie der wohl nackig aussieht? Und was denkt er, wenn er mich ohne alles sieht? Lieber schnell das Licht ausmachen – aber wo ist hier der Schalter? Alles neu, alles spannend – Good Vibrations bis kurz vor’m Herzinfarkt.

Dieses ewige Geflatter im Leib hält auf Dauer niemand aus. Es beruhigt sich, weicht einer wohligen Wärme und Zuversicht. Es folgt die Zeit der Kompromisse – meckerst du nicht an meiner Figur herum, sage ich nichts zu deiner Aufräumtechnik. Und auch nichts zu deiner Leidenschaft für das Sammeln von Streichholzbriefchen. Ich gehe mit dir wandern, auch wenn es viel rationaler wäre, den Bus zu nehmen. Kommst du mit ins Theater? Ach, da warst du noch nie? Komm, ich zeig’s dir. Ich nehme dich mit in mein Leben.

Mein Leben, dein Leben – unser Leben?

Buntglasfenster

Wie ist das mit den Schwingungen, wenn aus der Verliebtheit Liebe wird? Viele schwingen dann im Takt, gleichmäßig aufeinander eingespielt. Einige schwingen auch gegeneinander, so nach dem Motto „Reibung erzeugt Wärme“.

Es gibt auch diese Paare, bei denen man sich fragt, was die eigentlich zusammenhält – die schwingen in so gegensätzliche Richtungen, dass das „auf jeden Topf passt ein Deckel-Prinzip“ zu einem lauten Geklapper führt. Manchmal führen diese gegensätzlichen Schwingungen auch zu einem Unfall, dann kracht es richtig. Die emotionale Frontalkollision. Aber davon wollen wir heute nicht sprechen – wir reden hier ja über die Liebe, nicht über den Krieg.

Wenn man lange zusammen ist, weichen die heftigen Schwingungen einem leiseren, konstanten Summen. Gewohnheit, Vertrauen, ein gemütliches Sich-miteinander-gehen-lassen. Er treibt nur noch Fernsehsport, ich schlafe dabei an seiner Seite. Er hatte mal Haare, ich eine Taille. Unsere Freunde sehen plötzlich so aus wie die Freunde unserer Eltern – damals. Auf einmal trägt er Cordhosen – und ich entdecke ihn ganz neu, meinen alten Mann. Immer wieder entdecken wir uns, finden neue Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Immer wieder geben wir einander neuen Schwung.

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Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Sänger und Vorlesende, die mit viel Engagement bei der Sache waren, über 150 hochzufriedene Gäste. Das Konzept mit den Liedern und den Texten ging auf, alles fügte sich wunderbar zusammen. Es hat Spaß gemacht und ich bin froh, dass ich mich von meinen ARS-Kollegen zu diesem Experiment habe überreden lassen.

Nachtrag:

Ach ja, eine drollige Sache passierte mir noch: Ich bekam die Rückmeldung, dass ich den Verlauf einer langjährigen Beziehung sehr gut beschrieben hätte und dass sich viele in dem Text wiedererkannt hätten. Nun bin ich ja in Beziehungsdingen nicht so geübt – aber es freut mich, dass ich durch reines Beobachten wohl einigermaßen das Thema getroffen habe

Liebe, Lyrik, Lampenfieber

Unser Lesepult – Meddi Müller ist schon da, zumindest in Teilen.

Heute Abend darf ich mal wieder bei einer Lesung dabei sein. Um ehrlich zu sein, habe ich mich dazu ein wenig überreden lassen, denn das Thema lautet „Liebe“. Und da bin ich ja so gar keine Expertin, diese Zweierbeziehungen erschrecken mich eher. Aber wie immer waren die Kollegen und Kolleginnen von der Autoren Rhein-Main Szene (ARS) sehr überzeugend und so zimmerte ich mir einen Text zurecht und war gestern bei der Probe anwesend.

Ja, die Anwesenheit – das ist übrigens so eine Sache. Mit ARS lernt man Frankfurt ja so richtig kennen. Nachdem ich inzwischen etliche Male durch Alt-Fechenheim geirrt bin, war es dieses Mal Harheim, wohin es mich verschlug. Harheim im Frankfurter Norden – war da schon mal jemand? Nicht? Nun, das ist irgendwo hinter Bonames. Es gibt dort eine Kirche, und dort singen zwei Chöre unter der Leitung von Elisabeth. Man kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zwar nicht besonders gut dorthin, aber wenn man seiner Umwelt offen gegenübersteht, gibt es zumindest ein bisschen was zu sehen auf der langen Reise.

Die Kirche ist ein interessantes, etwas ungewöhnliches Bauwerk, soetwas habe ich so noch nicht oft gesehen: Man muss nach der Eingangstür erst mal eine Treppe hinauf, und im Inneren gibt es statt der üblichen, fest angebrachten Kirchenbänke recht bequeme Stühle, die aus Anlass des Konzertes im Halbrund angeordnet wurden. Das sieht erst mal gut aus und ermöglicht den meisten Zuschauern wohl auch einen recht guten Blick auf Chor und Lesende.

Die Generalprobe war spannend. Wir bekamen einen Eindruck des schönen Programms, das Elisabeth zusammengestellt hat, und durften feststellen, dass unsere Texte sich jeweils gut einfügen. Wie dem hoffentlich zahlreich erscheinenden Publikum diese Kombination gefällt, erfahren wir heute Abend – ich bin gespannt.

Chorkonzert in Harheim, Plakat

Meinen Liebestext werde ich übrigens morgen erst mit euch teilen – nicht, dass ich jemanden vom Konzertbesuch abschrecke 🙂

Lesezeit

Zum ersten Mal habe ich eine Lesung im Zweierteam mit Robert Maier bestritten, dem Autor des nostalgisch-vergnüglichen Romans „Pankfurt“. Eingeladen hatte uns die AWO in Frankfurt-Bornheim. Wir kombinierten unsere Texte, die erstaunlich gut zusammenpassten, und erlebten schöne anderthalb Stunden mit unseren freundlichen und diskussionsfreudigen Zuhörern. Die Lesung hat wirklich Spaß gemacht, zumal die Atmosphäre total nett war, man weder verhungern noch verdursten konnte und das „Event“ sehr gut vorbereitet war. Ich habe mich dort sehr willkommen gefühlt.

Die ewige Antje bewährte sich übrigens sehr als Eventfotografin, doch da ich beim Lesen immer irgendwie doof gucke, habe ich ein Bild gewählt, auf dem Robert liest und ich konzentriert zuhöre. Das hat sich auch gelohnt, denn eine seiner Geschichten – Geblasenes Laub – war mir bislang unbekannt. Bei mir gab es eine bunte Mischung an Geschichten, teils autobiografisch und teils frei erfunden. Ich konnte es auch nicht lassen, meinen heimlichen Liebling einmal vorzutragen, die „Nackten Tatsachen“. Diese wilde Geschichte hat offensichtlich noch nichts von ihrem Charme verloren 🙂

Der kleine große Lottokönig

Wir hatten mal wieder eine Lesung: „Märchen“ lautete das Thema. Und mir wollte so  gar nichts einfallen. Ich bat also den Workshopkollegen Robert Maier um ein Wort als Anregung und er schickte mir den Begriff „Lottogewinn“. Nun, hier ist also

Der kleine große Lottokönig

Sektgläser

Auf das Glück!

Es war einmal ein ganz normaler, unbedeutender Mann, der hieß Herr Schmidt. Er war nicht schön, er war nicht hässlich, er war nicht dumm und er war nicht klug. Er war recht kurz gewachsen und ein bisschen pummelig, und er sah gutmütig aus. Er war einfach so, wie die meisten unbedeutenden Männer sind. Und wie sie gehörte er zu den kleinen Leuten, zu denen, die nicht ganz arm sind, aber auch überhaupt nicht reich.

Herr Schmidt wohnte in einer nicht zu kleinen Wohnung in einem großen Haus. Es gab viele Wohnungen in diesem großen Haus, und in allen wohnten kleine Leute wie Herr Schmidt. Es war eine Wohngegend für kleine Leute, und viele dort hatten große Probleme.

Herr Schmidt hatte keine Probleme. Er lebte ohne Sorgen in seiner Wohnung, ging morgens ins Büro, war beliebt bei seinen Kollegen und dachte nicht allzu viel über seine Arbeit nach. Es war nämlich nicht besonders schwer, was der Herr Schmidt in dem Büro zu tun hatte: Er verwaltete Papier und Bleistifte, Druckerpatronen und Briefumschläge. Wenn jemand einen Bleistift brauchte, suchte Herr Schmidt ihm einen passenden aus und gab ihn durch ein kleines Fenster hinaus. Dann machte er einen Strich auf einer Karteikarte, und wenn er Zeit hatte, hielt er noch einen Schwatz.

Herr Schmidt hatte fast immer Zeit, und er schwatzte gern. Wenn Herr Schmidt einmal nicht da war, brach der Betrieb nicht zusammen, aber man vermisste ihn, denn sein Vertreter Herr Meier war ein alter Sauertopf. Der plauderte nicht, während er einen Bleistift aussuchte. Herr Meier war nämlich wichtiger als Herr Schmidt, zumindest fand er das, und deshalb hatte er keine Zeit. Herr Schmidt und Herr Meier vertrugen sich, ohne sich zu mögen, denn sie saßen schon seit vielen Jahren gemeinsam in einem Büro. Immer schon war Herr Meier wichtiger gewesen als Herr Schmidt, und dem war das egal.

Die Abende verbrachte Herr Schmidt zumeist zu Hause. Er ging wenig aus, denn er hatte keine Frau, trieb keinen Sport und betrank sich nicht gerne. Ab und an ging er mit Kollegen kegeln oder ins Kino, dann hatte er Spaß. Meistens aber ging er nach der Arbeit nach Hause, werkelte noch ein bisschen herum, aß dann ein paar Butterbrote und eine Tomate und sah dabei fern. Manchmal schlief er vor dem Fernseher ein und war ein wenig durcheinander, wenn er wieder aufwachte. Aber auch das bekümmerte ihn wenig.

Eines Abends, als er wieder einmal vor dem Fernseher eingeschlafen war, erwachte er davon, dass ihm jemand mit einem Stöckchen in die Seite piekste. „Hmmm?“, machte Herr Schmidt und sah sich verwirrt um. Vor ihm stand eine blonde Frau in einem seltsamen glitzernden Röckchen. Sie sah nicht bedrohlich aus, eher wie ein Funkenmariechen, doch Herr Schmidt erschrak trotzdem ein wenig.

„Wer sind Sie denn? Und wie kommen Sie hier herein?“

„Guten Abend, Herr Schmidt! Heute ist Ihr Glückstag! Ich bin Karin, Ihre gute Fee, und Sie haben einen Wunsch frei!“

„Ich, einen Wunsch? Wieso das denn?“

Karin erklärte es ihm: „Wir vergeben monatlich einen Wunsch an kleine Leute. Dieses Mal ist die Wahl auf Sie gefallen, weil Sie den Inhalt der Kegelkasse, die Sie gewonnen haben, an das Kinderdorf gespendet haben. Das täten nicht viele Leute in Ihrer Situation.“

Herr Schmidt wunderte sich, protestierte aber nicht. Einen Wunsch freizuhaben, das klang doch ganz angenehm. Aber was sollte er sich wünschen?

„Was soll ich mir denn wünschen?“, fragte er die gute Fee und die zuckte die Achseln.

„Keine Ahnung. Was können Sie denn gebrauchen, oder was wollten Sie schon immer mal haben?“

Herr Schmidt überlegte. So eine Frage wollte gut durchdacht werden, und er war kein besonders schneller Denker. Karin, die gute Fee, versuchte ihn zu beraten: ein Auto vielleicht? Aber nein, Herr Schmidt brauchte kein Auto, er hatte ja die Straßenbahn, und Parkplätze gab es hier ohnehin nicht. Dann eine größere Wohnung oder eine Einbauküche? Dafür hatte Herr Schmidt jedoch auch keine Verwendung, er kochte selten und hielt seine Wohnung für ausreichend. Die Fee hatte noch eine Idee: Wie wäre es denn mit einer schlankeren Figur? Herr Schmidt sah an sich herunter, klopfte sich das Bäuchlein und verneinte. Mit einer anderen Figur bräuchte er eine neue Garderobe, und er ging so ungern anprobieren.

Irgendwann, nach über zwei Stunden intensiver Diskussion, reifte in Herrn Schmidt ein kleiner, zaghafter Gedanke. Er fasste sich ein Herz und sprach es endlich aus: „Ich hätte gerne, wenn es nicht zu viel Mühe macht, eine nette Frau. Sie muss nichts Besonderes sein, kein Model oder so, auch zu groß sollte sie nicht sein. Nur lieb sollte sie sein, und sie sollte mich mögen.“

„Na, das ist doch mal ein vernünftiger Wunsch“, sagte Karin und notierte sich das. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Es kann aber ein wenig dauern, für richtig nette Frauen muss man manchmal Umwege gehen.“ Her Schmidt nickte und verstand.

Am nächsten Morgen dachte er kaum noch an die gute Fee, denn er nahm an, er hätte vor dem Fernseher schlafend einen Blödsinn geträumt. Fast hätte er die Episode ganz vergessen. Doch dann, an einem frühlingshaften Samstagvormittag, klingelte es bei ihm und ein netter älterer Herr kam zu Besuch. Er brachte Herrn Schmidt die Mitteilung, dass er 50 Millionen Euro im Lotto gewonnen hätte, sowie einen versiegelten Brief. Den schwachen Protest von Herrn Schmidt, der beteuerte, dass er gar keinen Lottoschein ausgefüllt habe, wischte er beiseite, ermahnte den widerstrebenden Gewinner, nicht alles auf einmal auszugeben und verschwand. Herr Schmidt saß da mit einem Verrechnungsscheck über 50 Millionen Euro und diesem seltsamen Brief. Er öffnete das Siegel und eine Wolke von Sternenstaub flog ihm entgegen. Nachdem er aufgehört hatte zu niesen, begann er zu lesen:

„Mein lieber Herr Schmidt,

vielen Dank für die anregenden Gespräche mit Ihnen sowie für Ihren sehr vernünftigen Wunsch nach einer passenden Gefährtin. Leider sind nette Frauen derzeit nicht ohne Weiteres lieferbar, sodass ich Sie bitten muss, sich Entsprechendes selber zu besorgen. Der anbei gelieferte Lottogewinn soll Ihnen dabei behilflich sein.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Suche nach einer netten Frau,

Ihre gute Fee Karin“

Herr Schmidt saß da wie vom Donner gerührt. Die Fee war also doch kein Traum gewesen. Aber was sollte er denn mit so viel Geld anfangen? Sollte er sich eine Frau kaufen, wie im Lied „Das schöne Mädchen von Seite eins“? Sollte er sich ausstaffieren wie ein Gockel, das Fett absaugen und die Lider straffen lassen, um einer Frau zu gefallen? Das gefiel Herrn Schmidt nicht. Er zahlte deshalb das Geld erst mal auf sein Girokonto ein, ignorierte die aufgeregten Anrufe seines Bankbearbeiters und lebte weiterhin sein kleines, bescheidenes Leben.

Es geschah aber gerade zu dieser Zeit, dass der Kindergarten in dem Viertel, in dem Herr Schmidt wohnte, so alt und marode wurde, dass Wasser durch das Dach lief und die Wände schimmelten. Das war schlimm, aber die Gemeinde hatte kein Geld für einen neuen Kindergarten und es wollte keinem eine Lösung einfallen. Herr Schmidt wusste, wie wichtig eine gute Bildung für Kinder ist, dachte dann an das viele Geld auf seinem Konto und kaufte ein leer stehendes Haus gleich in seiner Nähe, dass er der Gemeinde schenkte. Die Menschen in seinem Viertel freuten sich und nannten den Kindergarten „Lottokönigs Kinderparadies“. Und das freute Herrn Schmidt.

Dem Kindergarten folgten Lottokönigs Sportplatz, Lottokönigs Spielwiese und die Lottokönig-Grundschule, der Lottokönig-Park und das Lottokönig-Tierheim. Das Viertel wurde viel ansehnlicher, und die kleinen Leute in den Wohnhäusern hatten plötzlich weniger Probleme. Und das Schönste war, dass niemand wusste, wer dieser geheimnisvolle Lottokönig war, der all diese guten Taten vollbrachte, der für die Notleidenden und Obdachlosen spendete und wie ein guter Geist über das Viertel wachte. Herr Schmidt fühlte sich tatsächlich wie ein kleiner unbekannter König, der täglich sein Bad in der Menge nahm und dabei doch seine Privatsphäre genießen konnte.

Der Einzige, der eine Veränderung an Herrn Schmidt bemerkte, war der sauertöpfische Herr Meier. Der fand nämlich, dass der kleine Herr Schmidt irgendwie ein bisschen größer aussah, fast so, als würde er sich wichtiger nehmen als sonst. Und damit hatte er auch recht: Immer, wenn Herr Schmidt jetzt durch sein Stadtviertel lief, sah er mit Stolz, wie schön alles geworden war. Dieses Gefühl nahm er mit in die Arbeit, und wenn Herr Meier wieder einmal schlecht gelaunt war oder jemandem den längeren Bleistift neidete, sah er ihn tadelnd an. Das hatte er früher nie getan. Herr Meier hatte nicht mal gewusst, dass der harmlose Herr Schmidt tadelnd gucken konnte. Dass er es konnte, gefiel Herrn Meier nicht. Deshalb kaufte er sich einen unauffälligen grauen Mantel und ganz weiche Schleichschuhe und begann, den Kollegen Schmidt zu bespitzeln. Immer schlich er hinter ihm her und guckte, was er machte.

Eines Tages kam Herr Schmidt wieder einmal mit der Straßenbahn von der Arbeit und stieß beim Aussteigen mit einer Frau zusammen. Er erkannte sie nicht, aber sie erkannte ihn:

„Sie sind doch der Herr Schmidt? Ich habe sie gesehen, als Sie gestern nach Hause kamen. Ich bin Sarah, Ihre neue Nachbarin.“

Tauben Trier

Turteltäubchen

Herr Schmidt sah Sarah an und musste lächeln. Sie war nicht hässlich, aber auch nicht schön, doch sie lächelte so warm und ihre Augen leuchteten in dem schönsten Braun, das er je gesehen hatte: ein dunkles Bernsteinbraun mit goldenen Punkten. Ohne Zweifel, sie war eine richtig nette Frau. Er stellte sich vor und blickte verlegen zu Boden, als sie ihn für den Abend zum Tee einlud. Zum ersten Mal in seinem fast fünfzigjährigen Leben war Herr Schmidt nervös wegen einer Frau. Und auch Herr Meier war nervös, als er am Abend im Flur lauerte und sah, dass Herr Schmidt mit einer Flasche Wein in der Hand und im guten Hemd zu seiner Nachbarin herüber ging. Denn dass der unbedeutende Kollege ein Rendezvous hatte und er selber nicht, konnte Herr Meier kaum ertragen.

Herr Schmidt verbrachte einen schönen Abend bei Sarah, und er hatte richtig Spaß – sogar noch mehr als beim Kegeln. Das lag nicht nur an der netten Frau, sondern auch an ihren zwei wohlerzogenen Kindern, einem Jungen von acht und einem Mädchen von fünf Jahren. Sarah erzählte ihm, dass sie nie in diesem Viertel hatte wohnen wollen und dass sie die neue Wohnung nur genommen hatte, weil es hier einen schönen Kindergarten und eine gute Grundschule gab. „Eine gute Bildung ist wichtig für die Kinder, weißt du, Herr Schmidt?“ Herr Schmidt wusste das.

Von nun an traf er sich immer öfter mit Sarah, ging mit ihr aus, mal mit und mal ohne Kinder, und beauftragte irgendwann einen Handwerker, um einen Durchgang zwischen ihrer beider Wohnungen zu bauen. So lebten sie wie eine Familie zusammen und waren glücklich. Und eines Tages, als Herr Schmidt gerade am Spielplatz auf die Kinder wartete, spürte er wieder dieses Pieksen eines Feenstabs in seiner Seite. Er sah sich um und erblickte Karin, die gute Fee. Herrn Meier, der in einem unauffälligen Trainingsanzug aus dunkelgrauer Ballonseide und mit einer Schirmmütze hinter ihm stand, bemerkte er nicht.

„Und“, fragte Karin, „sind Sie zufrieden?“

Er nickte und sagte „Oh ja, besser hätte ich es nicht treffen können. Es war ja ein bisschen umständlich mit diesem Lottogewinn, aber besser so, als gar nicht.“

Karin stimmte ihm zu. „Und ist es in Ordnung für Sie, dass Sie nicht nur eine Frau, sondern auch gleich zwei Kinder geliefert bekamen?“

Wieder nickte Herr Schmidt. „Aber ja. Erst, als ich mich für den Kindergarten eingesetzt habe, wurde mir klar, wie wichtig mir Kinder sind. Das habe ich ja alles gar nicht gewusst.“

Karin wirkte beruhigt, die Sache mit den Kindern hatte sie doch ein wenig nervös gemacht. Eine letzte Frage hatte sie aber noch: „Und sind sie mit dem Geld ausgekommen?“

Eifrig nickte Herr Schmidt. „Oh ja, es sind sogar noch ein paar Millionen übrig. Wenn Sie mir sagen, wohin ich das überweisen soll, zahle ich das gerne zurück.“

Karin schüttelte den Kopf. „Oh nein, das wird nicht nötig sein. Wie ich hörte, wollen Sie bald heiraten – gönnen Sie sich doch einmal was.“ Herr Schmidt versprach, darüber nachzudenken.

Herr Meier aber bekam vor Neid einen roten Kopf und eine Gallenkolik: Herr Schmidt hatte im Lotto gewonnen und hatte den Kollegen nichts von dem Geld abgegeben! Nicht einmal davon erzählt hatte er! Statt dessen hatte er das Vermögen irgendwelchen Arme-Leute-Kindern gegeben und poussierte mit einer jüngeren Frau herum – wenn das kein Skandal war! Wie konnte jemand nur so viel Glück haben! Herr Meier beschloss, das Verhalten des Herrn Schmidt öffentlich und den Kollegen so unmöglich zu machen.

Gleich am nächsten Tag erzählte Herr Meier also jedem, der es hören wollte oder auch nicht, dass Herr Schmidt heimlich ein Lottokönig sei und dass er sein ganzes Geld für unnützes Zeug ausgegeben habe, anstatt es mit dem Kegelklub oder den Kinofreunden zu vertrinken. In irgendeinen Kindergarten habe Herr Schmidt investiert, schimpfte Herr Meier, und die Kollegen hörten aufmerksam zu.

Die Nachricht machte wie ein Lauffeuer die Runde in der Firma: Zwei Jahre lang hatte sich die ganze Stadt gefragt, wer der unbekannte Lottokönig war, der sich so für das Gemeinwohl eingesetzt hatte. Jetzt wussten plötzlich alle, dass es ihr Herr Schmidt war: Ja, sie hatten es immer gewusst, der kleine Herr Schmidt war ein ganz Großer. Und wie schön, dass er endlich eine nette Frau gefunden hatte.

Die Kollegen von Herrn Schmidt überlegten, wie sie ihm und seiner Sarah eine Freude machen konnten. Und weil ihnen nichts Besseres einfiel, richteten sie für die beiden eine Verlobungsfeier aus: Herr Schmidt tanzte mit allen Damen und Sarah mit allen Herren, nur nicht mit Herrn Meier. Den plagte schon wieder die Galle und er war zu Hause geblieben, um sich ordentlich zu grämen.

 

Nachtrag: Manchmal werde ich gefragt, warum die Leute in meinen Geschichten so heißen, wie sie heißen. Meistens hat das keinen Grund, sie bekommen halt den Namen, der mir gerade einfällt. Dieses Mal ist das etwas anders: Herr Schmidt heißt Schmidt, weil das der häufigste Name in Deutschland ist (fasst man alle gleich klingenden Namen zusammen). Und die Meiers, zusammen mit den Mayers, Maiers oder Mayers, landen auf Platz 2. Es gibt also verdammt viele Schmidts und Meiers da draußen, und ich bin trotz allem optimistisch, dass die Schmidts ein paar mehr sind.

Beatrice

Wir hatten mal wieder eine Lesung. Wir, das sind die „Frankfurter Schreibweisen“, die sich aus den Teilnehmernd eines Frankfurter VHS-Schreibworkshops zusammensetzen. Immer mal wieder lesen wir Kleinigkeiten im Café Wacker im Mittelweg. Gestern war es tatsächlich so gut besucht, dass das kleine Café, das nicht ganz günstig geschnitten ist für eine Lesung, richtiggehend voll war und sogar einige Leute etwas ungünstig im Rücken der Lesenden sitzen mussten. Es hat viel Spaß gemacht, vor dieser großen, munteren Runde zu lesen.

geröstete Kaffeebohnen

geröstete Kaffeebohnen, gemeinfreies Bild von Mark Sweep

Das Thema lautete „Der Duft von Café“, eigentlich waren Kurzkrimis gefordert. Nun, ich habe mich redlich bemüht. In der Ankündigung habe ich allerdings versucht, das Werk eher als Liebesgeschichte zu verkaufen, auch das wurde mir nicht recht abgenommen. Daher macht euch bitte selbst ein Bild und wählt das euch passende Genre 🙂 Viel Spaß mit …

Beatrice

Sie hieß Beatrice, und Werner hatte sie vom ersten Augenblick an geliebt. Der Name passte zu ihr, wenn man ihn richtig aussprach: Beatrietsche, nicht Beatriiieß, wie dieses dumme kleine Mädchen aus dem Haus gegenüber, und auch nicht Beatrix, wie die vollbusige holländische Königsmutti. Werners Beatrice war einfach perfekt: Diese wunderbaren, weichen Formen, die sanften Rundungen an genau den richtigen Stellen. Dazu dieses glänzende Mahagonibraun und die warmen Goldtöne – er vergötterte sie einfach. Immer wieder kam er in dieses Café, nur um sie anzusehen und sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie ihm gehören würde. Beatrice: Er sah sie in seiner Küche stehen und arbeiten, und lächelte glücklich bei dieser Vorstellung. Das war nur ein Traum, natürlich, denn so etwas wie Beatrice konnte er sich einfach nicht leisten. Sie hatte Stil und Klasse, war ganz Italienerin, wie man unschwer an ihrem Namen und auch an ihrer Erscheinung erkennen konnte.

Werner erinnerte sich noch gut daran, wie er sie das erste Mal gesehen hatte, die Beatrice Bravo des Baujahres 1952: Das war im Jahr 1964 gewesen, er selber war gerade 18 geworden und hatte die erste Freundin seines Lebens. Marion, die später zuerst seinen Freund Peter geehelicht und finanziell ruiniert, dann rund 60 Kilo zugenommen und sich nach einer komplizierten Scheidung mit einem 20 Jahre jüngeren Marokkaner verbandelt hatte, besuchte mit ihm ein kleines italienisches Café in der Innenstadt von Rom. Dort gab es diese wunderbare Espressomaschine mit den glänzenden Kolben, den Holzgriffen und dem langen Hebel, der an einen einarmigen Banditen erinnerte. Werner verfiel ihr sofort, vergaß Marion und hatte nur noch Augen für Beatrice. Aufgrund dieser Begegnung studierte er nach dem Abitur, wurde Ingenieur für Haushaltsgeräte und beschäftigte sich sein ganzes Leben lang mit der Erschaffung formschöner und funktionaler Dinge. Es war ein wunderbarer Beruf, den er bis zu seiner Pensionierung mit Leidenschaft ausübte. Und auch danach blieb er den Haushaltsgeräten treu: Er sammelte die besten Exemplare in seinem kleinen privaten Museum im Keller. Waagen, Staubsauger, Fleischwölfe und auch Espressomaschinen bildeten eine beachtliche Sammlung. Aber eine Beatrice Bravo, die damals nur in einer Auflage von 1500 Stück hergestellt und weltweit verkauft worden war, konnte er niemals ergattern. Trotzdem hatte er sie nie vergessen, dieses menschengeschaffene Wunder, das sein Leben so maßgeblich beeinflusst hatte.

Und dann, eines Tages, traf er sie wieder: Im neu eröffneten Café am Markt. Er besuchte es mit einer Dame, die er über eine Kontaktanzeige kennen gelernt hatte. Wie sie hieß, hatte er sofort vergessen, als er Beatrice sah, und sie verließ empört das Lokal, als er sie zum vierten Mal mit diesem geliebten Namen angesprochen hatte. Es war sein letzter Versuch gewesen, sich dem anderen Geschlecht anzunähern – 55 war er damals. Danach lebte er nur noch für seine Haushaltsgeräte und träumte von der Beatrice Bravo. Mehrmals versuchte er, sie dem Cafébesitzer Luigi abzukaufen, doch der wusste genau, was für einen Schatz er sein eigen nannte und lehnte jede Verhandlung über die Beatrice ab. Sogar, als die jungen Leute immer mehr nach diesen mit Milch verpanschten Kaffees verlangten und nur noch wenige Gäste einen original Espresso bestellten, wollte Luigi sich von Beatrice nicht trennen. Er baute einfach eine zweite Kaffeemaschine hinter seiner Theke auf, mit der er die modernen Getränke zubereitete. Dieser große Vollautomat war zweckmäßig, leise und gut zu reinigen: Alles Attribute, die die verwöhnte Beatrice für sich nicht in Anspruch nehmen konnte. Luigi blieb ihr dennoch treu und polierte sie jeden Abend mit einem Lederlappen. Wenn Werner ihn dabei beobachtete, spürte er das schmerzhafte Ziehen der Eifersucht im Leib und sehnte sich danach, ebenfalls mit der Hand über diese Formen fahren zu dürfen. Ein weiches samtenes Tuch würde er dazu nehmen und keinen Winkel aussparen. In so mancher Nacht schlief er mit diesem Gedanken ein.

Irgendwann konnte Werner der Sehnsucht nach der Beatrice Bravo nicht mehr widerstehen. Es verging keine Stunde, in der er nicht an sie denken musste. Und so beschloss er, dass sie die Seine werden musste – koste es, was es wolle. Er bereitete ihr ein Zimmer vor: Im kleinen Gästezimmer neben seiner Küche sollte sie stehen. Sie zu den anderen Geräten in den Keller zu verbannen, hätte er nie über das Herz gebracht. Er renovierte das Zimmer, beklebte die Wände für Beatrice mit italienischen Retro-Tapeten und stellte ihr ein stilechtes Küchenbuffet aus den 50er Jahren an eine Wand. So würde sie sich wohl fühlen, und er würde hier mit ihr leben. Er stellte noch einen alten Nierensessel nebst Tischchen mit in die Kammer, dann war der kleine Raum voll.

Werner brauchte jemanden, der ihm die Beatrice beschaffte: Einen professionellen Dieb, der in Luigis Café eindringen und die geliebte Maschine stehlen würde. Ein Unrecht sah er darin nicht, schließlich hatte er es über zehn Jahre lang im Guten mit Luigi versucht. Er suchte und fand einen passenden Kriminellen in einer Spelunke in der Nähe des Bahnhofs. Den Kontakt hatte ihm ein Zuhälter namens Hotte vermittelt, den er aus einer Kur in Bad Kreuznach kannte. Dort war Werner nach einem Herzinfarkt wieder auf die Füße gebracht worden, der Zuhälter war wegen eines offenen Beines behandelt worden. Die beiden Männer hatten sich gut verstanden und Werner hatte Hotte bezüglich der Ausstattung seines Etablissements beraten: Kaffeemaschine für die Damen, Kühlschränke, Eiscrusher – was man als Zuhälter eben so brauchte. Nun hatte Hotte sich revanchiert und Werner einen passenden Langfinger empfohlen. Der hieß Volker, war gerade so intelligent, dass es zum Geradeauslaufen reichte, und zog an einem Abend im April los, um die Beatrice Bravo für Werner zu besorgen. Das Risiko war gering bis gar nicht vorhanden, denn das Café wurde nicht bewacht.

Trotz der Aufregung ging Werner gegen sieben Uhr zum Stammtisch. Das war die einzige gesellschaftliche Zerstreuung, die er sich gönnte: Einmal die Woche ging er in seinen Skatclub „Pik As“, und im Winter ab und zu zum Preisskat. Natürlich hatte er an diesem Abend eigentlich etwas anderes im Sinn als das Kartenspiel, aber er brauchte ein Alibi. Schließlich hatte er sich immer wieder um die Beatrice Bravo bemüht, auf ihn würde gewiss ein Verdacht fallen. Deshalb saß Werner nun am Kartentisch – „18, 20, weg“ – und drosch routiniert seinen Skat. Bloß nichts anmerken lassen!

Etwa gegen zehn Uhr hörte man Sirenen von draußen. Werner schrak innerlich zusammen, fragte aber ganz ruhig: „Polizei oder Notarzt?“ Der am Fenster sitzende Dieter schob die Gardine etwas zusammen und lugte hinaus: „Keines von beiden – Feuerwehr. Aber sonst sieht man nichts.“ „Ach so.“ Werner beruhigte sich wieder und hob den Kartenstapel ab, den der vierte Mann ihm hingeknallt hatte. Nicht auszudenken, wenn der einfältige Volker geschnappt worden wäre. Der hätte sicherlich sofort ausgepackt und seinen Auftraggeber verpfiffen. Und dann hätte Werner sein Leben ganz ohne Beatrice fristen müssen. Wahrscheinlich waren im Gefängnis nicht einmal Fotos solcher Kostbarkeiten erlaubt.

Es war fast Mitternacht, als sich die Skatrunde auflöste. Werner ging zu Fuß heim. Die ersten 500 Meter begleitete ihn Dieter und machte sich gemeinsam mit ihm über den Brandgeruch Gedanken, der in der Luft hing. Aber sie trafen niemanden, der ihnen über dessen Ursache hätte Auskunft geben können. „Wahrscheinlich ein Unfall“, meinte Werner. „Oder ein angezündeter Papiercontainer“, überlegte Dieter. „Diese Chaoten zünden doch heutzutage alles an.“

Als Werner nach Hause kam, sah er gleich, dass Licht in seiner Garage brannte. Er spähte hinein: Eine große Pappkiste stand vor seinem Wagen. Er fluchte: Natürlich hatte er mit Volker die Übergabe der Beatrice vereinbart, aber doch nicht in der gleichen Nacht! Wenn dem jemand gefolgt wäre! Und wie konnte man dieses edle Gerät in so einer simplen Pappkiste in die feuchte Garage stellen! Der Junge war ja wohl nicht ganz bei Trost!

Werner hob die Kiste auf und schleppte sie stöhnend ins Haus. Seine Bandscheiben krachten, aber er stellte die Last nicht ab. Erst im Wohnzimmer ließ er sie vorsichtig auf sein Sofa sacken, strich mit der Hand über die Pappe und lächelte glücklich. Schon beim Reintragen hatte er geglaubt, Wärme und ein sachtes Pulsieren aus der Kiste zu spüren. Nun löste er vorsichtig und zärtlich die Schnur, mit der der Karton geschlossen war, und hob den Deckel ab. Im nächsten Moment stockte ihm der Atem und er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen: Denn in dem Karton war nicht die Beatrice Bravo. Der dämliche Volker hatte die neue Gastro 2000 geklaut.

Werner spürte ein Reißen in der Brust. Er brauchte lange, bis er sich beruhigen konnte, und weinte sich erst früh um fünf in den Schlaf. Er träumte schlecht, wachte immer wieder auf und war ohne Hoffnung. Am nächsten Tag stand er spät auf und versuchte, sich durch das Lesen der Lokalzeitung abzulenken. Er fand Einzelheiten über den Brand am Vorabend: Das Café am Markt, vielen auch einfach als „Luigis Café“ bekannt, war völlig ausgebrannt. Man vermutete als Ursache einen Kurzschluss, da ein Kaffeevollautomat anscheinend unsachgemäß abmontiert worden war. Der Schaden wurde auf über 200.000 Euro geschätzt, das Gebäude drohte einzustürzen.

Werner verstarb an diesem Tag im April an seinem zweiten Herzinfarkt, der Postbote fand ihn am nächsten Morgen. Er wurde 68 Jahre alt und war damit 6 Jahre älter als die von ihm angebetete Beatrice Bravo, die nur einen Tag vor seinem Tod in einem Flammeninferno zu einem Klumpen aus Messing, Stahl und Asche verschmolzen war.

Was wäre wenn – Gedanken über Adam und Eva

Ich musste eine Weile überlegen, bis ich wusste, welche meiner vielen Schreibereien hier in meinem neuen Blog den Anfang machen darf. Ich habe mich für den Text meiner ersten Lesung entschieden – letztes Jahr im Café Wacker in Frankfurt. Das Thema hieß „Was wäre wenn…“ Ja, was eigentlich?

Was wäre, wenn Adam schwul gewesen wäre?

Eva war schlecht gelaunt. Eigentlich war sie ein gutmütiger Charakter, aber die Aufgabe, die ihr und Adam gestellt worden war, war schlichtweg unlösbar: „Macht euch die Erde untertan!“ hatte der große Designer zu ihnen gesagt. Untertan, was auch immer das genau heißen sollte. Anscheinend sollten sie Chef spielen. An sich eine schöne Idee, aber das Areal war viel zu groß und unüberschaubar dafür. Außerdem machten alle, was sie wollten: Die Fische schwammen mal flussaufwärts, mal flussabwärts, je nach ihrem eigenen Gutdünken. Die Affen tobten herum und wenn Eva sie zur Ordnung rufen wollte, warfen sie mit Bananen. Die Löwen waren noch schlimmer: Sie versuchten gleich, Adam zu fressen. Und das nur, weil er sie gebeten hatte, die abgenagten Knochen vor dem Eingang vom Paradies wegzuräumen. Er konnte sich nur durch einen beherzten Sprung auf einen Baum retten, wo er von einer Schlange belästigt wurde, die allerhand verbotene Substanzen feilbot – unter anderem auch die berüchtigten Äpfel. Alles in allem machte sich das versammelte Viecherzeug ziemlich lustig über diese beiden haarlosen Narren, die versuchten, sich als eine Art Blockwart aufzuspielen.

Eva fasste sich ein Herz und ging sich beschweren. Sie suchte den großen Designer auf, der noch immer an seiner Erde feilte und gerade die Wesen der Tiefsee formte. „Was willst du, Eva?“ fragte er sie freundlich, wirkte dabei aber etwas abwesend. Sie holte tief Luft: „Die Aufgabe ist unlösbar, lieber Designer!“ Endlich sah er auf. „Welche denn?“ „Na, die mit dem Untertan machen der Erde. Das schaffen wir nie, Adam und ich. Wir sind nur zu zweit, alle anderen sind viele. Die lachen nur über uns. Der Löwe hat sich sogar zum „König der Tiere“ ausrufen lassen. Wir haben keine Chance.“ Der Designer nickte versonnen und wandte sich wieder seinen Tiefseebewohnern zu. Eva reagierte ungeduldig. „Designer? Hey, ich rede immer noch mit dir! Hast du irgendwelche Vorschläge?“ Er nickte und brummelte etwas. Dann sah er auf. „Seiet fruchtbar und mehret euch!“ sagte er und schickte Eva fort.

Eva war frustriert. Fruchtbar sein, sich mehren – sie wusste, wie das geht. Die Schlange hatte ihr davon erzählt und sie hatte es oft beobachtet. Besonders gerne natürlich bei den Affen, da konnte sie am meisten lernen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass es bei ihr und Adam eigentlich genauso gehen müsste. Es sah sogar aus, als würde es Spaß machen! Also, ihr zumindest. Als sie Adam vorgeschlagen hatte, es einmal zu versuchen, hatte er nur ungläubig geguckt und gelacht. Statt dessen hatte er sie mit an den Fluss genommen, dort bespritzt und unter Wasser dedöppt. „Das macht doch auch Spaß, nicht wahr, Eva?“ Die Vorstellung davon, was Spaß war, schien bei ihnen stark unterschiedlich zu sein.

PavianeEva versuchte es noch ein paar Tage lang. Sie kämmte sich die langen Haare, bis sie wie ein glänzender heller Schmuck um ihre Schultern flossen, und rieb ihre Haut mit duftenden Rosenblättern ein. Sie besah sich im glatten Wasser des Sees und was sie sah, gefiel ihr. Sie hatte eine Figur wie eine sanfte Hügellandschaft, ihre Augen hatten die Farbe des Himmels und das Haar leuchtete wie wunderbarer Honig. Selbst die Paviane auf dem nahen Felsen begannen zu pfeifen, als sie vorbeilief. Nur Adam sah mal wieder nichts in ihr. Er war nicht unfreundlich, im Gegenteil: Er teilte ein paar frische Feigen mit ihr und erzählte ihr eine lange Geschichte darüber, wie er den ganzen Nachmittag einen Ameisenstaat beobachtet hatte, um sich von den Tierchen etwas abzuschauen. Die schienen nämlich durchaus Ahnung von Organisation zu haben, und das brauchte man, um sich die Erde untertan zu machen. Eva hörte zu, schwenkte ab und zu ihr glänzendes Haar, berührte Adam und kam ihm so nah, dass er von all dem Rosenduft niesen musste. „Huch, bist du nah dran!“ kicherte er und piekste sie spielerisch in die Seite. Eva gab auf.

Am nächsten Tag besuchte sie wieder den Designer. Sie schimpfte: „So geht das nicht! Adam weiß gar nicht, was ich von ihm will! Kannst du nicht mal mit ihm reden?“ Der Designer bekam einen roten Kopf. Seine Schöpfung aufzuklären, hatte er eigentlich nicht eingeplant. Er druckste herum und hatte dann eine Idee. „Komm morgen wieder, mein Kind. Dann habe ich etwas für dich!“ Eva war zufrieden. „Hallelujah, er macht mir einen neuen!“ freute sie sich und ging beschwingt nach Hause. In der Nacht träumte sie unruhig und als sie erwachte, war es ihr warm.

Tags darauf lief sie eilig die kurze Strecke zum Designer und trat erwartungsvoll vor seinen Arbeitstisch. „Und, wo ist er?“ fragte sie erwartungsvoll, und mit stolzem Lächeln zeigte der Designer auf ein kleines Häuflein auf dem Tisch. „Da!“ sagte er und klang unverkennbar stolz dabei. Eva verstand nicht. „Wo? Das hier?“ fragte sie und ihre Finger tasteten unsicher nach dem schwarz-roten Gebilde auf dem Tisch. „Ja! Zieh es an!“ Eva entfaltete zögernd den Stoff und stellte fest, dass dieses Ding aus glänzendem, löchrigem Material aus mehreren Teilen bestand. „Was ist das?“ fragte sie ratlos. „Reizwäsche!“ erklärte der Designer und zeigte ihr, wie er sich die Sache vorstellte. Eva ließ sich die sonderbaren Teile anlegen und fand sie unbequem. Aber gut, wenn es half, würde sie diese Sachen eben tragen.

Mit ungewohnt eingeklemmten Brüsten und etwas breitbeinig wegen der Schnur zwischen ihren Hinterbacken eilte Eva zu Adam. Sie baute sich vor ihm auf und fragte: „Adam, wollen wir Spaß haben?“ Er hatte Spaß, denn er lachte sich fast tot über ihren Aufzug. Um mitzumachen, setzte er sich eine Bananenschale auf den Kopf und hampelte herum, als wäre er irre. Eva vergrub die Reizwäsche neben dem Abtritt.

Deprimiert ging Eva in den Wald und setzte sich dort unter einen Baum. Nachdem sie eine Weile einsam dort vor sich hin gegrübelt hatte, spürte sie ein Kitzeln unter dem Kinn. Es war die Schlange, die sich liebevoll um sie herumwickelte und leise zischelnd fragte, warum Eva denn so traurig sei. Sie kannte die Probleme, die die beiden putzigen Menschlein miteinander hatten, und wurde nun auf den neuesten Stand gebracht. Verständnisvoll nickte sie. „Ich sehe schon, der Designer hat keine Ahnung vom wahren Leben. Aber ich kann dir helfen!“ Eifrig ringelte die Schlange davon und kam bald danach mit einem Pülverchen wieder. „Hier, das müsst ihr nehmen, dein Adam und du. Es macht, dass Adams Blick ein wenig verschwimmt und dass du aussiehst wie ein Knabe. Aber ich muss dich warnen: Es ist Apfel darin!“ Eva war fast egal, was darin war, wenn es nur helfen würde. Trotzdem fragte sie nach: „Was bedeutet das für uns?“ Die Schlange wiegte nachdenklich den Kopf. „Nicht viel, eigentlich. Wenn ihr es nehmt, werdet ihr aus dem Paradies ausziehen und künftig wie jeder andere für euren Unterhalt arbeiten müssen. Außerdem werdet ihr das Bedürfnis nach einem Feigenblatt vor euren Geschlechtern verspüren.“ Eva willigte ein. Es war ja so viel Platz auf der Welt, warum also nicht woanders wohnen? Arbeit gab es reichlich und Feigenblätter auch. Und was hatte sie schon für eine Wahl?

Eva nahm das Pulver, dankte der Schlange und ging heim. Sie mengte ein Löffelchen der Substanz unter den Abendeintopf, den sie wie immer meisterlich zubereitet hatte. Adam aß reichlich davon, danach hatten sie Spaß. Hui, aber wie! Auch als sie sich am Tag darauf mit Sack und Pack außerhalb des Paradieses wiederfanden, bereute Eva nichts. Sie bauten sich eine kleine Hütte, arbeiteten für ihr Essen, trugen Feigen- oder manchmal auch andere Blätter und waren zufrieden. Besonders natürlich Eva, die neun Monate später den kleinen Kain gebar. Sie wiederholte die Übung mit dem Pulver und bekam Abel. Zwei Jungen, und das Pulver war alle. Um hier auf Erden weiter zu kommen, bräuchten sie noch mindestens achtzehn weitere Kinder. Und die würden Adam und Eva so sicherlich nicht bekommen.

Ein letztes Mal ging Eva zum großen Designer. Er saß an seinem Arbeitstisch und sah in eine große Glaskugel. Mit der konnte er die ganze Welt sehen und überall fast gleichzeitig hingucken. „Hallo Designer!“ grüßte Eva und warf einen neugierigen Blick in die Kugel. „Eva!“ sagte er und klang erfreut, aber wie immer etwas abgelenkt. „Wie ich höre, seid ihr umgezogen und habt endlich Kinder bekommen. Ja, was so eine neue Umgebung manchmal bewirken kann…“ Er drehte seine Kugel etwas und sah aufmerksam hinein. „Ja, danke, Designer, es geht uns gut. Die Kinder wachsen und gedeihen. Der Große ist etwas ungestüm, aber das wird schon noch werden. Und der Kleine ist ein echter Sonnenschein.“ „Das freut mich, meine Liebe. Aber was kann ich denn für dich tun?“ Eva wand sich etwas. Es ist nie schön, wenn man das eigene Scheitern eingestehen muss, und gerade in dieser Situation war sie jetzt. „Ja, lieber Designer, es geht nochmal um die Aufgabe. Also, die Erde untertan machen und so. Wir schaffen es nicht. Genau genommen, sind wir noch gar keinen Schritt  weiter gekommen. Die Kinder sind noch zu klein, um uns zu helfen, und wir sind immer noch zu wenige. Wir haben unser Auskommen, aber zu mehr reicht es einfach nicht. Es tut mir leid, aber ich fürchte, du musst diese Aufgabe jemand anderem geben.“

Leise brummelnd sah der große Designer in seine Kugel. Die Entwicklung auf der Erde gefiel ihm nicht so recht: Überall ein Durcheinander, ohne Führung, ohne Struktur. Die Tiere hatten sich vermehrt, so dass es überall vor Leben nur so wimmelte. Und die Pflanzen wucherten so stark, dass sie dem Designer teilweise sogar die Sicht versperrten. Auch wenn es ihm schwer fiel, musste der Designer zugeben, dass die Aufgabe für zwei Menschen zu groß war. „Wir machen das anders, Eva: Ihr werdet Verstärkung bekommen. Ich werden noch einmal meinen Brennofen anheizen und mehr von euch schaffen. Ich will dich aber warnen: Genau wie bei den Affen oder den Löwen, kann es auch mal Streit geben, wenn es mehr von euch gibt. Also nicht, dass mir dann Beschwerden kommen!“ Eva versprach, sich nicht zu beschweren, und ging nach Hause zu ihrer Familie. Sie kam gerade rechtzeitig um Kain zu schelten, der Abel eine verfaulte Mandarine an den Kopf geworfen hatte.

Der große Designer aber lief noch einmal zur Hochform auf. Er verarbeitete Massen von Lehm, formte Männer und Frauen. Er gestaltete sie unterschiedlich und experimentierte mit Materialien und dem Brennofen. Die einzelnen Serien setzte er jeweils in verschiedene Teile der Erde, um zu gucken, wie sie sich dort machen würden: Es gab Schwarze, Weiße, Gelbe, Rote und welche in verschiedenen Brauntönen. Er gab ihnen Haare und Augen in unterschiedlichen Farben, um sie später, wenn sie durcheinanderliefen, voneinander unterscheiden zu können. Während er noch schuf und formte, sah er immer wieder durch seine Kugel, und was er sah, wirkte äußerst gedeihlich. Er war zufrieden.

Und auch Adam und Eva waren zufrieden. Adam, weil er eines Tages am See einen Burschen fand, der wie er selbst war und jeden Tag mit ihm Spaß haben wollte. Und Eva, weil sie schon bald ein nettes Kränzchen aus lustigen Frauen beisammen hatte, mit denen sie über alles reden konnte. Das Leben war schön und friedlich. Allerdings würden ihnen irgendwann ihre erwachsenen Kinder Sorgen machen. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll an anderer Stelle erzählt werden.