Sein Kind abgeben

Postkarte

Gruß aus Laos – jedes Jahr zur „Greeting Season“

Es war wieder soweit: Die Ferien waren rum und an meiner „Lieblingsschule“, an der ich morgen immer mit dem Bus vorbeifahre, tobte der zu Schuljahresbeginn übliche „Knutsch-Heul-ich-vermiss-dich-so-Terror“. Dabei sind es nicht die Kinder, die mich in fasziniertem Grauen immer wieder zum Schultor starren lassen, sondern die gramgebeugten Eltern. Ich habe mich darüber schon ausgiebig ausgelassen, meinen Einstellung zu diesen Knutsch-Orgien vor der Schule sollte bekannt sein. Es gibt jedoch etwas, das mich immer mal wieder daran zurückdenken und Vergleiche ziehen lässt.

Wie ich schonmal erwähnt habe, habe ich zwei SOS-Patenkinder in Laos, einen Jungen im Grundschulalter und ein kleineres Mädchen. Jedes Jahr erhalte ich zwei Mal für jedes der Kinder einen kleinen Bericht sowie ein Foto, oft von den Kindern zusammen mit ihrer Kinderdorffamilie oder in ihrer Klasse. Beide Kinder haben Glück, dass sie im Kinderdorf aufgenommen werden konnten und dort eine solide Ausbildung bekommen werden, was in Laos alles andere als üblich ist – viele lernen dort nicht einmal lesen. Glück im Unglück also, denn der kleine Junge ist Vollwaise, das Mädchen Halbwaise. Es hat noch seine Mutter – und das ist es, was mich schon oft nachdenklich werden ließ.

Als ich Bescheid bekam, dass dieses kleine Mädchen als Patenkind für mich ausgesucht wurde, erhielt ich ein etwas längeres Schreiben über die Umstände, durch die das Kind in das Kinderdorf kam: Der Vater war verstorben und die Mutter, die anscheinend sehr viele Kinder hatte, konnte diese nicht mehr alle ernähren. Sie entschied sich also, einen Teil der Kinder abzugeben, um sie versorgt zu wissen und sich besser um die bei ihr bleibenden Kinder kümmern zu können. Eine rationale Entscheidung also? Getrieben von Liebe, Fürsorge, Überlebensinstinkt? Ich habe selber keine Kinder, aber immer wieder habe ich mich gefragt, wie man das macht: Einen Teil seiner Kinder abgeben. Wie entscheidet man sich denn dafür, welche man abgibt? Nimmt man die Kleinsten, weil sie sich vielleicht noch am besten an eine neue Familie gewöhnen können? Nimmt man die Großen, weil man denen schon erklären kann, warum dieser Schritt notwendig ist? Oder behält man gerade die Großen bei sich, weil die schon aus dem Gröbsten raus sind? Was macht man mit dem Lieblingskind – und niemand möge mir nun erklären, dass es das nicht gibt – behält man es bei sich, um es um sich zu haben, oder gibt man es ab, weil es im Kinderdorf vielleicht die bessere Ausbildung bekommen kann? Wie teilt eine Mutter ihre Kinder auf?

Mein kleines Patenkind war noch nicht mal vier, als es ins Kinderdorf kam. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das war, es die Mutter mit dem Kind und vielleicht noch einigen Geschwistern an der Hand im Kinderdorf ankam und alleine wieder ging. Ich habe vollstes Verständnis für jede Träne, die an diesem Tag geflossen ist. „Sie weint noch viel“, stand über mein Patenkind im Einführungsbrief. Inzwischen wird die Kleine als fröhliches Kind beschrieben und sieht auch so aus. Ich hoffe, dass ihre Mutter das weiß.

Post aus Laos

‚Wo ist denn eigentlich Laos?‘, fragte ich mich vor etwa zwei Wochen. Denn aus Laos kommt mein SOS-Patenkind, ein kleiner Junge von acht Jahren. Noch immer weiß ich nicht viel über dieses arme asiatische Land, doch wie üblich hat Wikipedia schon mal weitergeholfen.

Das mit dem Patenkind war bei mir so eine Sache. Man kennt das ja: Man hat selber genug, wenn nicht sogar zu viel, und denkt, dass man öfter was spenden sollte – regelmäßig, nicht nur, wenn es mal wieder eine Katastrophe gegeben hat. Ich habe das sogar gemacht, immer mal wieder ein paar Euro an die SOS-Kinderdörfer oder sonst wohin, wo es mir gerade sinnvoll erschien. Und ein Patenkind wollte ich haben, einen jungen Menschen, der mit meiner Hilfe vielleicht eine Ausbildung machen kann. ‚Muss ich mal machen‘, dachte ich immer, und vergaß es dann wieder.

Und dann hatte ich eines Morgens einen tierische Kater. So richtig einen vom Saufen. Kommt mal vor, nicht oft, aber ab und zu. Es dauerte bis zum Spätnachmittag, bis ich mich soweit berappelt hatte, dass ich in meinen Geldbeutel gucken konnte, nur um festzustellen, dass der leer war. Also, ganz leer. Und ich rechnete nach, wie viel Geld ich versoffen auf den Kopf gehauen hatte. Das war tatsächlich ernüchternd. Ich finde, der Mensch muss kein Asket sein, dafür bin ich auch wahrlich nicht gemacht. Aber auch mit 50 Euro weniger hätte das ein schöner Abend werden können.

50 Euro weniger – was hätte man damit nicht alles machen können. Einen ganzen Monat Patenschaft, nicht mal zum günstigsten Tarif. Ich zögerte nicht mehr und meldete mich online für eine Patenschaft an. Entscheidungen mussten getroffen werden: Junge oder Mädchen? Hmmm… Mädchen haben immer noch schlechtere Chancen. Aber ist es fair, deshalb kleine Jungs zu diskriminieren? Ich entschied mich für „egal“ – das sollte jemand anders entscheiden. Genau wie die Frage, aus welchem Land das Kind kommen soll: „Da, wo es am nötigsten ist“, schien mir hier die richtige Antwort zu sein.

Und dann hieß es warten – nicht lange, nur einige Tage. Meine Patenunterlagen kamen mit einem Foto von meinem kleinen Patenjungen und einer Beschreibung seiner Situation: Ein Waisenkind ist er, der gemeinsam mit zwei leiblichen Geschwistern ins Kinderdorf gekommen ist. Er guckt recht fröhlich in die Kamera, wirkt irgendwie stolz, wie er da mit seinem Schulrucksack auf den Schultern steht. Und das kann er auch sein, denn lesen und schreiben zu lernen ist in Laos noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Heute kam nun noch einmal Post: direkt aus Laos, von Dr. Choumlivong. Ich erfahre, dass mein kleines Patenkind gesund ist, in die zweite Klasse geht und seine Sache dort gut macht. Er lernt gerade, sein Bett zu machen und liest in seiner Freizeit gerne Comics. Und er spielt gerne mit seinen Kinderdorf-Geschwistern. Das ist für mich eigentlich die beste Nachricht: Denn es ist gut, wenn dieser kleine Junge noch ein paar Jahre spielen kann. Dabei helfe ich gerne.