Bärlauchzeit

Ja, ich weiß, ich bin zu spät dran mit dieser Geschichte. Ist ja auch nur eine Übung – gegeben waren der grün markierte Anfang sowie 12 Minuten Zeit. Es begann ein Höllenritt durch die große Küche eines langjährig verehelichten Paares:

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Liebevoll angerichtete Bärlauch-Leckerei

Bärlauchzeit

Das letzte Mal hatte er sie am letzten Freitag verlassen wollen. Aber als er in die Küche kam, hatte er es nicht über das Herz gebracht: Es war nicht etwa ihr knackig-appetitlicher Busen gewesen, der sich wie zwei sauber aufgespritzte Windbeutel wohlgeformt unter ihrem Kleid abzeichnete, der ihn gehalten hatte. Auch ihr wunderschöner, feminin-breiter Po, geformt wie eine Birne der Sorte Abate Fetel war es nicht gewesen, der ihn ihre offensichtlichen Mängel hatte vergessen lassen. Ihr Kirschmund, an guten Tagen zum Anbeißen wie eine schnapsgetränkte Piemontkirsche, hatte ihn früher angezogen. Inzwischen, da er zumeist nur Beschimpfungen in seine Richtung ausstieß, war er weniger ein Grund, sie zu lieben. Und ihre Haare, früher entzückende goldgelbe Spiralnüdelchen, waren im Laufe der Jahre länger und etwas stumpf geworden. Sie erinnerten ihn jetzt eher an ein würziges Hausmacher-Sauerkraut.

All diese Eigenschaften seiner Frau, die ihn früher so entzückt hatten, waren es nicht, die ihn bei seiner Frau hielten. Ihr Charakter, der ihn in seiner früheren Verliebtheit an die Reinheit eines Osterlämmchens hatten denken lassen, erwies sich im Laufe der Zeit als so anrüchig wie ein kalter Hammelbraten. Ohne Zweifel, er wäre diesen ihm ehelich verbundenen Knollenblätterpilz gerne früher als später losgeworden. Wäre da nur nicht diese Küche gewesen!

Es war ihre Küche. Groß, schön gefliest, mit altmodischen Einbauten im Stile einer Gutsküche, war um sie herum ein entsprechen herrschaftliches Haus gebaut worden. Ihre Küche, ihr Haus, ihr Geld, ihr Mann. Ihr Wunsch war Befehl. Seit 25 Jahren schon. Es kam nicht in Frage, sich von ihr zu trennen – er hätte sich selbst um die Belohnung für langjährige Schwerstarbeit gebracht. Denn Schwerstarbeit war es wirklich, die Ehe mit dieser menschlichen Stinkmorchel aufrecht zu erhalten. Doch im Falle einer Trennung bekäme er nichts für all diese Mühen.

Es half nichts, er musste weiter durchhalten. Oder sich anderweitig helfen. Heute würde er erst einmal spazieren gehen – es war Bärlauchzeit. Vielleicht hatte er ja Glück und fand genug für ein schönes Pesto. Und ganz vielleicht waren auch ein paar Herbstzeitlose dabei. Es würde wie ein bedauerliches Versehen wirken.

Komische Gewohnheiten – in fremden Küchen herumreißen

Schon als ich noch ein Kind war, hat mich eine Gewohnheit zutiefst befremdet: das ungebetene Herumrackeln in anderer Leut’s Küche. Damit meine ich nicht Freunde wie die ewige Antje, die sich gerne jederzeit ohne zu fragen ein Glas aus meinem Küchenschrank nehmen dürfen. Ich meine diese Art von Gästen, die, kaum dass sie die Wohnung betreten haben, in der Küche stehen, um zu helfen oder zumindest im Weg zu sein. Oder die, die nach einem gemütlichen Essen sofort den Tisch abdecken und wie die Wilden anfangen zu spülen, um bloß das letzte bisschen Gemütlichkeit im Seifenschaum zu ersäufen. Ich benutze jetzt mal einen ganz altmodischen Ausdruck: Ich finde, sowas gehört sich nicht!

alter Herd im Museumsdorf Clopppenburg

Meine Eltern hatten solche Freunde: eigentlich nette Leute. Doch zu jeder Einladung kamen sie rund eine Stunde zu früh. Die Frau stürmte mit großem Hallo die Küche (und zwang meine Mutter damit, mit dem Kochen immer früher und früher anzufangen, damit sie bloß möglichst fertig wäre, wenn die Invasion begann) und der Mann musste von meinem Vater bespaßt werden, bevorzugt durch ausgedehnte Gartenbegehungen.

Natürlich ist das nett gemeint. Man will den Gastgebern helfen, will nicht, dass sie am nächsten Tag mit Bergen von Geschirr dahersitzen. Alles gut und schön, und wenn es gewünscht wird und die Küche es hergibt, kann man ja gerne nach dem Essen mal eine Runde spülen – in aller Ruhe und ohne „den Tisch umzukippen“, wie mein Vater das immer nannte. Dieses den Teller wegziehen, sobald jemand die Gabel weglegt, ist einfach unangenehm. Bis vor einer Weile dachte ich auch, dass dieses Verhalten eher in der Generation meiner Eltern vorkommt – bis ich so energische Spüler in MEINER Küche vorfand. Nun muss man dazusagen, dass

  1. meine Küche winzig und für mehrere Personen kaum geeignet ist und
  2. ich eine Spülmaschine besitze.

Es bestand also keine Gefahr, dass ich den ganzen Sonntag würde schuften müssen, um die paar Teller und Pfannen sauber zu bekommen. Trotzdem wurde herumgerissen, als gäbe es kein Morgen. Und ich benutzte den Morgen, um die ganzen Dinge, die irgendwer irgendwohin wegsortiert hatte, wieder aufzuspüren und an ihren angestammten Platz zu stellen. Nicht, dass ich pingelig bin, aber ich weiß einfach gerne, wo die alngen, scharfen Messer liegen – wer weiß, wann man mal eines braucht.

Fünf Zimmer, Küche, Sarg

Mit einigen Freunden treffe ich mich in losen Abständen zu einer unheimlich entspannten Veranstaltung: dem sogenannten „Bildungsfernsehen“. Dies beinhaltet in der Regel einen ausgedehnten Kaffeeklatsch sowie mindestens zwei Filme. Sehr beliebt ist es zum Beispiel, auf der Raumfähre Orion nach Haushaltsgegenständen zu gucken oder in uralten schwarz-weiß-Filmen zu schwelgen. Beides gab es auch dieses Mal, dazu aber auch einen Film aus 2014: Das Werk

Fünf Zimmer, Küche, Sarg

wurde mir von befreundeten zwei Juristen empfohlen, nach außen hin ganz seriöse Leute. Daher folgte ich diesem Filmvorschlag und ich muss gestehen, ich war uneingeschränkt angetan davon. Dabei bin ich eigentlich überhaupt kein Fan von Vampirfilmen. Doch dieses dokumentarisch aufgemachte Filmstück hat mit der romantischen Verklärung vieler anderen Filme dieses Genres überhaupt nichts zu tun, hier wird schonungslos die Realität gezeigt.

Darum geht es: Echte Vampire und ihr Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft – dieses interessante Stück Nachtleben verfolgt ein Kamerateam live und in Farbe. Ob beim Aufwecken, bei WG-Besprechungen, der täglichen Nahrungsbeschaffung oder dem jährlichen Ball – die Kamera ist stets dabei und dokumentiert unter latentem Einsatz des eigenen Lebens die manchmal allzu menschlichen Probleme in dieser ungewöhnlichen Männer-WG. Spannungen im üblichen Rahmen ergeben sich schon allein dadurch, dass die Mitglieder sehr unterschiedlich im Alter sind – Hausarbeit will man dem über 8.000 Jahre alten Petyr nicht mehr zumuten, alle anderen sollen aber bitte zumindest alle paar Jahre mal das blutige Geschirr spülen. Ist doch peinlich sonst, wenn mal Besuch kommt …

Über den Inhalt möchte ich gar nicht mehr so viel schreiben – wer das ganz genau wissen möchte, kann sich den entsprechenden Artikel auf Wikipedia suchen, der wirklich hemmungslos jedes Detail ausplaudert. Auch die offizielle Webseite ist sehr informativ: http://5zimmerkuechesarg.weltkino.de/#home

Das ist das Besondere: Neben der guten Idee gefiel mir vor allem diese ungehemmte Freude am Blödsinn, die der Film ausstrahlt. Natürlich ist das alles Quatsch, aber der ist so nett gemacht, dass ich den Film von vorne bis hinten genießen konnte – selbst als ich zusehen musste, wie das Abendessen verunglückte und auf das Sofa spritzte und nicht in den hungrigen Vampir.

Außerdem predigt der Film erfolgreich die Toleranz: Man lernt, dass man sich mit etwas Mühe mit jedem Wesen befreunden kann – und sei es auch ein Mensch oder gar Schlimmeres. Auch Altersunterschiede lassen sich gut überbrücken – man muss es nur wollen.

Gelernt habe ich durch diese Dokumentation natürlich allerhand: Ich wusste bislang nicht, das Vampire kein Silber vertragen. Und auch darüber, wie schwierig es ist, sich für einen festlichen Anlass so richtig aufzubrezeln, wenn man kein Spiegelbild hat, habe ich bislang noch nie nachgedacht. Mein Horizont wurde mal wieder erweitert, was für ein Glück.