Der Winter meines Lebens

Derzeit ist Winter – ganz eindeutig, In Frankfurt wird mal wieder mit Schnee gegeizt, aber einige Teile Deutschlands haben ordentlich was abgekriegt. Und wie so oft, wenn sich in Deutschland Schnee zeigt, wird viel über das Wetter gesprochen, es werden Vergleiche und Parallelen gezogen zur großen Schneemasse im Winter 1978/79. Ja, das war wohl für viele eine echte Katastrophe, die meisten Erwachsenen fanden es überhaupt nicht lustig und gerade in Ostdeutschland nahm dieser Wintereinbruch wohl katastrophale Ausmaße an. Ich aber empfand das damals ganz anders: Für mich war es der Winter meines Lebens.

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Ich war acht Jahre alt, als in den Weihnachtsferien 1978 das Unfassbare über uns hereinbrach. Meine Cousine Anne war zu Besuch (im Tausch war meine Schwester bei Cousine Heike) und wir wurden wach, weil irgendwelche fremd klingenden Geräusche durch das Haus klangen. Wir standen auf und guckten raus – Schnee! Und so viel! Das hatten wir komplett verschlafen! Die Geräusche kamen daher, dass meine Mutter erfolglos versuchte, irgendeine unserer Haustüren zu öffnen. Alle drei Türen – Vordertür, Terrassentür und die der Garage – waren so hoch zugeschneit, dass die Türen sich nicht öffnen ließen. Was für eine Aufregung! Mein Vater turnte also zum Küchenfenster hinaus, um eine Schaufel zu holen und zumindest eine Tür freizubuddeln. Ich wollte gleich hinterher, wahrscheinlich in Schlafanzug und Hüttenschuhen, was ich nicht durfte. Das prangere ich heute noch an, auch wenn es aus Sicht meiner Mutter natürlich verständlich war. Wir mussten frühstücken, uns waschen und anziehen, während Papa schippte. Und dann waren wir nicht mehr zu halten, wir wollten nur noch raus. Tatsächlich stapften wir durch den hohen Schnee zu Oma Erna, der wir irgendwas mitbrachten, das wir auf unseren Schlitten gelegt hatten. Ich weiß nicht mehr, was es war, aber die Aufregung, den Spaß, das spüre ich noch heute.

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Die nächsten Tage waren toll. Anne durfte etwas länger bleiben, weil meine Eltern unnötige Autofahrten vermeiden wollten. Wir waren draußen, spielten, tobten, bauten. Natürlich waren auch die Nachbarskinder dabein und auch meine Schwester, die irgendwann wieder gegen die Cousine eingetauscht wurde, war noch nicht zu groß, um mitzumachen. Ich kann mich an Schneekugeln erinnern, aus denen wir Schneemänner bauen wollten, die dann aber versehentlich so dick wurden, dass keiner sie mehr aufeinander heben konnte. Die überall beim Räumen zusammengeschobenen Schneehaufen wurden erklettert, ausgehöhlt, berutscht. Wir rodelten am Bahndamm – wo auch sonst sollte man in Norddeutschland rodeln, wenn nicht am Deich oder am Damm? Der Schnee blieb in den Rippen der Cordhosen hängen und durchnässte alles, sodass man sich mehrmals am Tag umziehen musste. Abends waren wir total kaputt. Es war einfach großartig! Ich lächle nach innen und außen, wenn ich daran denke und darüber schreibe.

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Ich glaube, ein wichtiger Grund, dass ich diese tollen Erinnerungen an diesen Schneewinter habe, liegt darin, dass wir Kinder laufen gelassen wurden. Wir durften stundenlang spielen, uns vom Haus entfernen, ohne dass uns unsere Eltern immer auf den Hacken gehangen hätten. Daran musste ich heute denken, als ich irgendwo las, wie schade es doch sei, dass die Kinder gerade so viele Hausaufgaben hätten und gar keine Zeit zum Rodeln wäre. Ich saß fassungslos da und dachte nur „Hallo? Spinnt ihr? Prioritäten?“ Ganz ehrlich, Hausaufgaben können die Kinder irgendwann mal machen, dafür ist jetzt keine Zeit. Jetzt, in diesen Tagen, wenn endlich mal Schnee ist, müssen die spielen. Alle Eltern sollten ihren Kindern diese Erinnerungen gönnen – gerade in diesen Zeiten, die so schwierig sind. Es ist schon schade genug, dass die Kinder nicht wie wir damals in großen Horden herumrennen können zur Zeit. Aber mit Hausaufgaben sollte man diese wenigen wertvollen Wintertage nicht verplempern.

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Anmerkung 1: Leider gibt es keine Fotos von mir in diesen Schneemassen. Von heute habe ich auch keine Winterbilder. Ich habe aber kürzlich, als ich in meinen Fotoalben herumsuchte, die hier im Beitrag enthaltenen Bilder gefunden und sie heute kurzerhand abfotografiert. Sie entstanden in dem Gebiet, dass früher direkt hinter unserem Haus anfing, wenn man über den Graben gehüpft war: eine Menge Felder und Wiesen, ein bei Schietwetter echt matschiger Weg und ein kleines Wäldchen, „Töpkens Busch“. Als Kinder sagten wir „wir gehen ins Moor“, wenn wir mit anderen Kindern zusammen loszogen, um irgendwo dort zu spielen und Stunden später total dreckig und mit vollgelaufenen Stiefeln wieder heimzukommen. Diese Bilder entstanden allerdings nicht bei einer Gummistiefeltour, sondern bei einem Spaziergang mit meinem Vater im Januar 1996.

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Anmerkung 2: Man möge mir meine despektierlichen Äußerungen über Hausaufgaben verzeihen, ich weiß, viele Leute halten die für nützlich. Ich gehöre nicht dazu und habe selber auch ab der Mittelstufe nur noch wenige davon gemacht. Ich glaube nicht, dass es mir geschadet hat, aber darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein.

Klein sein – ganz grundsätzlich

Ich habe mich ja schon öfter darüber verbreitet, dass ich die Glorifizierung der Kindheit nicht so recht verstehe. Ja, sie war schön, aber manches war auch doof. Essen, was auf den Tisch kommt, zum Beispiel. Und als wir vor einer Weile im Schreibworkshop ganz wenig Zeit hatten, uns zu diesem Thema zu äußern, mopperte ich mal wieder herum 😊

Klein sein

Klein sein war nicht nur gut. Zwar hatte ich nur kleine Sorgen, aber auch nur wenige Mittel, um damit umzugehen. Und die Marschrichtung bestimmten immer die Großen. Ungerecht!, fand ich, und mopperte herum. Aber gut, ohne Verantwortung lässt es sich ja auch gut meutern.

„Diese Welt ist nicht kindgerecht!“, diese Klage gab es damals und es gibt sie noch heute. Für mich allerdings mit dem Unterschied, dass ich der Sache heutzutage durchaus etwas Positives abgewinnen kann. Denn, rein logisch betrachtet, ist man viel länger groß als klein, sodass es nur vernünftig ist, dass die Welt sich eher nach den Erwachsenen richtet. Diese Meinung ist oft nicht populär, aber ich bin inzwischen ein sehr rationaler Mensch.

Als kleines Kind sah ich das natürlich anders. Ich träumte davon, Kinder zu haben, die ich dann herumkommandieren könnte. Nicht mehr in die Schule gehen, sondern einfach zuhause bleiben – das schien mir für eine Weile durchaus erstrebenswert. Ich wollte Hausfrau werden. Ist aber nicht so gekommen, zum Glück. Denn mit den Jahren wurde ich nicht nur größer, sondern erweiterte auch meinen Horizont. Und an dem erschien etwas ganz anderes, als die kleine Meike sich jemals hätte vorstellen können. Die gewünschten Kinder wurden ersatzlos von der Wunschliste gestrichen, das Hausfrauendasein erschien wirtschaftlich unattraktiv. Nur das moppern, das kann ich mir noch immer nicht abgewöhnen.

12 Quadratmeter

Im Schreibworkshop ging es um Erinnerungen. An irgendein Zimmer oder eine Örtlichkeit sollten wir zurückdenken. Nun ja – kein Problem:

12 Quadratmeter

12 Quadratmeter mitten im Haus. Wenn ich ins Bett musste, stand die Tür einen Spalt breit offen, ließ Licht und Geräusche hinein. Das Licht fiel auf Spielzeug auf dem braungemusterten Teppich, auf den kleinen Spieltisch und die winzigen, von den Cousinen geerbten Stühle. Die Geräusche kamen von meinen Eltern, meiner großen Schwester oder dem Fernseher. So wusste ich, dass sie da sind und brauchte mich nicht zu fürchten in meinem gelben 70er-Jahre-Bett.

Ach ja, das alte Bett. Es gehörte zu einem weiß-gelben Set an Möbeln: Kleiderschrank, Utensilienschrank mit Schreibklappe, Bett mit Bettkasten. Es war ein sogenanntes Jugendzimmer, nur dass es von so minderer Qualität war, dass es mein Jugendalter gar nicht erreichte. Die irrwitzige Mischung aus Sperrholz mit Plastikauflage hing bald schon an allen Ecken und Enden durch, brach und wackelte. Dabei war ich doch damals noch ein Fliegengewicht.

Im Kinderzimmer – sogar noch vor der Zeit der gelben Möbel. Der Puppenkoffer lud dazu ein, sich einfach platzsparend hineinzusetzen.

Als die dicken Schrauben, die mein Vater hineindrehte, nichts mehr halfen, wurde zuerst das Bett gegen eine grüngestreifte Liege ausgetauscht, die bei irgendjemandem übrig war. Dann wurden die Möbel ersetzt, die Liege bekam irgendjemand anderes, ich ein neues Jugendzimmer. 13 war ich da, und dieses Mal wurde ich sogar gefragt, was ich haben wollte. Es wurde rundum aussortiert: Lego und Kuscheltiere verschwanden auf dem Dachboden und das winzige Zimmer wurde mit Kiefernmöbeln vollgestellt. Größer wurde es dadurch nicht, und noch immer lag es mitten im Haus, im Erdgeschoss, in unmittelbarer Nähe zu meinen Eltern.

Selten blieb die Tür jetzt noch geöffnet, ich hatte sie lieber zu, sodass niemanden die Musik aus meinem Radiorecorder störte. Zwei Korbsessel hatte ich ebenfalls, nicht bequem, aber unheimlich erwachsen, mit Blick aus dem Fenster. Hier saß ich beim Lesen oder Stricken, sah ab und zu hinaus, wenn einer der Nachbarssöhne den großen Rasen gegenüber mähte oder wenn dort Fußball gespielt wurde. Irgendwann wurde auf diesem Grundstück ein Haus gebaut. Aber da war ich schon älter, meine ältere Schwester war ausgezogen und ich bekam ihr großes Zimmer im ersten Stock.

Mein kleines Zimmer, die 12 Quadratmeter mitten im Haus, wurden zum Büro und Gästezimmer. Damit war es eigentlich auch völlig ausgelastet.

Nachbemerkung: Ich habe tatsächlich – auch im Album meiner Schwester – kein Foto dieses weiß-gelben Kinderzimmer-Ungetüms finden können. Schade …

Kindheitserinnerung: Rote Grütze mit Quark

Oftmals, wenn ich bei meiner lieben Schwester war, komme ich mit zum Leben erweckten Kindheitserinnerungen zurück nach Frankfurt. Beim letzten Besuch war es eine Nachspeise, die aus den Tiefen des Gedächtnisses an die Oberfläche kam: ganz einfache Tüten-Rote-Grütze mit Quark. Das war eines der ersten Dinge, die ich als Kind zubereitet habe: einfach ein Tütchen Rote Grütze mit Zucker und Wasser aufkochen, Quark dazu, tüchtig rühren, fertig. Superpink, superfrisch. Ja, den Geschmack wollte ich mal wieder haben.

Meine Schwester und ich diskutierten über die richtigen Mengen: ein Pfund Quark, oder nur ein halbes? Wir wussten es nicht mehr und so probierte meine Schwester es aus und schickte mir Fotos: Nicht pink genug, fand ich, also weniger Quark.

Allerdings strauchelte ich in meinen Bemühungen zunächst an einem schnöden logistischen Problem: Ich konnte nirgends die richtige Tütengrütze finden. Nun ist Rote Grütze ja ein norddeutsches Phänomen, scheinbar ist dieses einfache Pulver hier nicht so gefragt. Ich kaufte ersatzweise eine Fruchtkaltschale, die den Zweck wahrscheinlich irgendwie erfüllt hätte, wenn nicht meine treusorgende Schwester eingesprungen wäre: Tatsächlich fand ich, kaum dass ich von meinem Misserfolg berichtet hatte, ein Tütchen des richtigen Pulvers in der Post. Dazu noch eine kurze Anweisung: Dosenmilch nicht vergessen! An die hatte ich tatsächlich überhaupt nicht mehr gedacht, kaufte aber ein bisschen Kondensmilch, um bloß nichts falsch zu machen.

Und tatsächlich: Ein Päckchen rote Grütze, ein Päckchen Magerquark und ein Schuss Kondensmilch ergeben genau den Geschmack, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnert habe. Frisch, süß, quarkig und ungeheuer lecker. Für morgen und übermorgen ist noch was da – so ein Glück!

Die Farbe erscheint mir allerdings immer noch nicht so knallig zu sein wie früher. Das mag daran liegen, dass inzwischen andere Farbstoffe verwendet werden als in den 70er Jahren. Damals waren das ja irgendwelche künstlichen Farbstoffe, inzwischen steht „färbende Lebensmittel“ auf der Verpackung. Vielleicht machen die einfach nicht ganz so knallig pink.

Und dann stand noch ein drolliger Hinweis auf der Tüte – fast schon geeignet für die Kategorie „Fundststücke“: