Abenteuer Muckefuck

Ich gebe zu, dass der Begriff „Abenteuer“ vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen ist für meine Erfahrungen mit Getreidekaffee. Aber man kann mit dem Gebräu allerhand erleben, zumindest, wenn man sich dösig genug anstellt.

Ich trinke ja sehr gerne Kaffee, und das eigentlich schon immer. Als Kind durfte ich keinen, stattdessen gab es Caro als Kinderkaffee (der in der Werbung immer wunderbar besungen wurde). Den trinke ich immer noch an jedem Morgen, bevor ich zur Arbeit gehe. Ich mag es, dass er schnell aufzurühren ist und nicht meckert, wenn man ihn mit nur halbwarmem Wasser aus der Leitung aufrührt. Ich habe morgens nämlich immer wenig Zeit und mag weder lange Kaffee kochen noch zu heiße Getränke kaltpusten. Folglich habe ich auch nicht vor, meinem Frühstücksgetränk untreu zu werden.

Trotz meiner Getränketreue faszinierte mich jedoch schon seit Monaten das altmodische Paket von Lindes Kornkaffee mit Zichorie. Ein blau-weißes Design, auf nette Weise altmodisch, dazu ein unschlagbarer Preis von 1 Euro 59 pro Packung – das sollte man doch mal ausprobieren. Hinzu kam, dass meine Schwester mir irgendwann erzählte, dass sie in ihrer kaum vergangenen Jugend immer bei irgendeiner Bekannten diesen Ersatzkaffee getrunken habe, gemischt mit Bohnenkaffee, und das sei ein wunderbares Gesöff gewesen. Ich nahm also ein Päckchen Lindes mit nach Hause und probierte es aus. Das war gar nicht so einfach:

Zubereitung Lindes KornkaffeeIch muss ja gestehen, dass ich zunächst etwas verdattert über die Zubereitungsanleitung bin: Gewöhnt an das einfache Einrühren des Caro-Instantpulvers, erwartet man hier von mir, dass ich einen Filter fülle, mit kochendem Wasser überbrühe und das Ganze ziehen lasse – aha. Wo fülle ich das denn jetzt ein – den empfohlenen Baumwollfilter habe ich nicht im Haus. Aber dafür Papierteefilter, die sollten doch den gleichen Zweck erfüllen? Lange habe ich die nicht benutzt, wo sind nur die metallenen Halter dazu? Ich wühle herum – mein ganzes Leben scheint aus dieser Tätigkeit zu bestehen. Endlich finde ich die kleinen Klammern und es kann losgehen.

Feierlich löffle ich eine Menge von dem faserig-pulverigen Zeug in einen Filter. Wie viel braucht man wohl für mein Kännchen? Ich nehme drei Löffel, gieße Wasser dazu und warte ab. Nach drei Minuten nehme ich den Filter raus und gieße mir feierlich etwas Muckefuck in eine meiner Lieblingstassen. Milch dazu, umrühren. Sieht komisch aus. Heiß ist er, und dünn. Sehr dünn. Viel zu dünn – das war nix. Als sparsamer Mensch trinke ich ihn trotzdem, aber Genuss geht anders.

Das nächste Mal will ich es besser machen: Den kleinen Teefilter löffle ich ganz voll mit Pulver, rein in die Kanne, Wasser drüber, warten, fertig. Beutel rausnehmen – geht nicht. Das Säckchen ist aufgequollen und passt nicht mehr durch die Kannenöffnung. Ich ziehe ein bisschen, aber nicht vorsichtig genug: Die Klammer löst sich vom Filter, der geht leise seufzend in der braunen Brühe unter und verteilt seinen matschigen Inhalt in meinem Getränk. Und ich mache dazu wahrscheinlich ein unglaublich dummes Gesicht.

Ich mache mich also an die Rettung meines Muckefucks, lege eine Filtertüte in einen Kaffeefilter, stelle den auf eine andere Kanne und gieße meinen verunreinigten Muckefuck da durch. Das heißt, ich versuche es. Zuerst geht es ganz gut, aber je mehr Satz im Filter landet, desto schlechter läuft die Flüssigkeit durch. Das Zeug scheint tatsächlich die Konsistenz von Mörtel zu haben. Ich zuppele ein wenig am Filter herum, um das Durchlaufen zu beschleunigen – und das Ding reißt. Dieses Mal aber bin ich schnell, nehme den Filter, der sich gerade anschickt, den Ersatzkaffeesatz erneut in mein Getränk fließen zu lassen, hastig von der Kanne. So nicht, mein Freund! Ich kleckere herum, Arbeitsplatte, Fußboden, aber egal. Ich will meinen Muckefuck trinken, jetzt, und ihn nicht noch durch einen dritten Filter jagen!

Lindes KornkaffeeTrotz der dilettantischen Zubereitung schmeckt mein „Kornkaffee mit Zichorie“ dieses Mal deutlich besser als beim ersten Versuch. Es ist allerdings nicht so, dass ich diesen Ersatzkaffee lieber mögen würde als den Kinderkaffee, den ich gewohnt bin. Ich fürchte also, dass dieses eine Paket Lindes das einzige sein wird, das ich je kaufen werde, denn dieses Gefummel bei der Zubereitung ist mir doch gar zu lästig. Ich bleibe meinem Caro treu – Deckel auf, heiß Wasser drauf. Aber gut, für 1 Euro 59 kann man wohl nicht auch noch Bequemlichkeit erwarten.

Nachtrag: Für alle die, die sich für das Gewächs „Zichorie“ interessieren, hier eine kurze Übersetzung: Die Zichorie heißt auf Deutsch „Gemeine Wegwarte“. Laut Wikipedia war sie 2005 „Gemüse des Jahres“ und 2009 sogar „Blume des Jahres“, sie ist also ein wirklich erfolgreiches Kraut. Es gibt sie in verschiedenen Unterarten, unter anderem als Salatzichorie und Wurzelzichorie. Letztere wird für den Ersatzkaffee benutzt. Mehr über diese vielseitige Pflanze gibt es hier zu lesen. Und so sieht sie aus:

Zichorienblüte, zur Verfügung gestellt von Alvesgaspar in den Wikipedia Commons. Das Bild wird als außergewöhnlich schön bezeichnet („one of the finest“), zurecht, wie ich finde.