Komische Gewohnheiten – Kaffee mit sich herumtragen

Für viele Menschen ist das, was ich jetzt beschreiben möchte, völlig normal, ich hingegen finde es schwer nachvollziehbar: unterwegs einen Becher Kaffee mit sich herumtragen.

Viel schöner als ein Pappbecher: meine geliebten Eulentassen

Natürlich habe ich das auch schon gemacht: Ich habe mir auf Bahnhöfen schon Kaffee gekauft, auch an der Strandpromenade oder an anderen Orten, wo es mich nach einem Heißgetränk gelüstete. Aber in der Regel trage ich den Becher dann nicht mit mir herum, sondern suche mir ein stilles Plätzchen und trinke ihn aus. Für eine gute Freundin scheint es hingegen nichts Schöneres zu geben, als mit einem Becher in der Hand durch die Stadt zu laufen. Oft steht sie dann vor den Geschäften, die sie eigentlich besuchen möchte, denn da darf sie mit Kaffee nicht hinein. Das scheint ihr aber nichts auszumachen. Auch ihre Autos müssen immer Becherhalter haben – das ist fast genauso wichtig wie ein funktionierendes Getriebe.

Schon aus Umweltgesichtspunkten sind diese ToGo-Kaffees eine ziemliche Sauerei. Die Innenstädte ersticken fast in weggeworfenen Bechern, und nicht jeder, der einen Becher wegschmeißt, trifft einen Mülleimer. Manche treffen leider auch nur die Blumenrabatte fünf Meter neben dem Mülleimer. Dem kann man natürlich beikommen, indem man einen eigenen Kaffeepott mitbringt. Entweder ein herkömmliches Modell aus Keramik, auf dem vielleicht so etwas wie „Schietwetterpott“ oder „Gute-Laune-Becher“ steht. Oder auch Widder oder einfach Stefan. Oder man nimmt eines dieser neuen, schicken Bechermodelle mit Deckel und Nuckelöffnung in der Hoffnung, sich damit beim Laufen und Trinken nicht vollzuplempern.

Meine Sonntagstassen in altmodischem blau-weißen Design

Denn das ist ein weiterer Nachteil der Kaffeeschlepperei – es trinkt sich nicht unbedingt sauber beim Laufen. Kürzlich saß ich mit einer Dame im Bus, die aussah wie ein vollgeläppertes Kleinkind, obwohl sie einen hübschen, buntgeringelten Patentbecher zum Nuckeln dabeihatte. Sie selber hatte das Desaster noch gar nicht bemerkt, als ich sie darauf aufmerksam machte: „Ihr Becher tropft!“ Sie sah entsetzt an sich herunter und wollte das Drama diskutieren, oder zumindest kommentieren: „Oh nein, das kann doch nicht sein, der Becher hat doch einen Dichtungsring!“ Ich nahm das zur Kenntnis und dachte bei mir, dass diese Dichtung ungefähr so funktioniert wie die an meiner dröppelnden Dusche, nur schlechter. Die Dame versuchte, die Malaise in den Griff zu kriegen, indem sie den Deckel vom Becher zog. Das war interessant zu beobachten, besonders, als der Bus bremste und der Milchkaffee begeistert Wellen schlug. Die Bluse der Dame war inzwischen unrettbar verloren, so wäre ich nicht ins Büro gegangen. Wichtiger als ihre gesprenkelte Front war der Dame jedoch ihr Dichtungsring. Sie drückte mir ihren Kaffee in die Hand: „Können Sie mal halten, bitte?“ Ich tat ihr den Gefallen, hielt das schwappende Ding jedoch von mir fern wie eine vollgekackte Windel. Die Frau baute einen Gummiring aus dem Plastikdeckel – der tropfte ihr auch noch die Hose voll. Und dann baute sie ihn wieder ein. Schraubte den Deckel wieder auf den Kaffee und trank einen Schluck. Der Becher tropfte – ein echtes Qualitätserzeugnis. Wenig später stiegen wir gemeinsam an der Bürostadt aus, ich sauber und adrett, die Dame wie jemand, der einen Kaffee zu weit getragen hat.

Geliebte Andenkentassen: Der blau-weiße ist von der Inseltöpferei auf Juist, der andere von einem Schweiz-Trip mit den Karnevalsweibern

Natürlich will ich nicht behaupten, dass alle tollen Kaffeebecher tropfen, aber mich würde schon stören, dass ich mindestens eine Hand für diesen Kaffee brauche – und zwar dauerhaft. Auch beim Einsteigen in den Zug, beim Wühlen in der Handtasche oder wenn ich über einen Bordstein stolpere und lang hinschlage. Der Kaffee behindert mich, was immer ich auch tue. Und deshalb trage ich nur äußerst selten so einen Becher mit mir herum. Es lohnt sich einfach nicht.

Fundstücke 30 – Der Patent-Kaffeebecher

Kürzlich bin ich mal wieder Bahn gefahren – zusammen mit der ewigen Antje. Und während wir da so vor uns hin fuhren, lief eine Dame rum und bot Kaffee an. Wir brauchten keinen, denn wir hatten gut gefrühstückt, und so hörte ich nur müßig zu, wie die eifrige Kaffeeverkäuferin dem Mann mir schräg gegenüber den Kaffeebecher erklärte. In dem sei ein Filter drin, hörte ich noch, doch dann wurde das Lernprogramm leider von meiner schwatzhaften Mitreisenden übertönt. Auch gut – schließlich hatte ich keinen solchen Becher und einen Trockenkurs in Sachen Kaffeetrinken braucht man eigentlich nicht.

Dann aber kam die Rückfahrt, und mit ihr schlug unsere Stunde des Kaffeebechers: Beide waren wir leicht erschöpft von den Strapazen des Wochenendes und es gelüstete uns nach Kaffee. Erwartungsvoll sahen wir unserem Patenbecher entgegen. So sah er aus:

patentierter Kaffeebecher im Profil

Auch dieses Mal gab es eine eifrige Kaffeeverkäuferin mit Bildungsauftrag. Wir lernten, dass dieser besondere Kaffeebecher keinen löslichen Kaffee und auch keinen Filterkaffee enthielt, sondern Kaffeemehl und Wasser – aha! Damit wir die Brösel nicht in den Mund bekämen, sollten wir den Deckel drauflassen und vorne aus dem Schnabel trinken, denn im Deckel sei ein Filter eingebaut, und für Zucker oder Milch gäbe es ein eingelassenes Zulaufventil. Tatsächlich, da war eines – doll! Von oben sah das so aus:

Becher mit Filter von oben (man beachte die Zulaufvorrichtung!)

Wir waren beeindruckt, bedankten uns artig für den Schnellkurs im Patentkaffeetrinken und betrachteten andächtig unsere Becher. Über die Zulaufeinrichtung kippte ich zwei kleine Töpfchen Milch dazu und paddelte sorgsam mit dem Rührstäbchen in dem kleinen Loch herum, Antje füllte sogar noch ein wenig Zucker nach. Und dann probierten wir: Aaaahhhh … ach so? Der Kaffee war … heiß. Sonst nix.

Ich trinke sehr gerne Kaffee, brauche den aber nicht besonders stark. Wenn mir ein Kaffee zu dünn vorkommt, dann ist er dünn – sehr dünn. Und dieser war richtig dünn. Wir versuchten es mit ziehen lassen – half nix. Also tranken wir ihn so, wie er war – dünn und heiß. Warmes Wasser soll ja auch gut für die Verdauung sein, habe ich mal wo gelesen. Und der Patentbecher mit dem Filter zum Brösel zurückhalten tat, was er sollte, die wenigen Brösel blieben dort, wo sie bleiben sollten. Ich muss aber gestehen, dass mir der Kaffee, den es früher in der Bahn gab, also entweder ein einfacher Filterkaffee aus der Thermoskanne oder gar ein simpler Nescafé zum selber umrühren, deutlich besser geschmeckt hat als diese patentierte Plörre. Wobei ich zugeben muss, dass es sich aus dem Schnabel ganz angenehm trinken ließ. Vielleicht können wir ja beim nächsten Mal Nescafé aus dem Schnabelbecher bekommen?