Multikommunikation

Manch einer behauptet ja, Internet und Smartphones machen einsam. Das mag auch so sein – zumindest für einige Leute. Für die meisten gilt das nach meiner Erfahrung nicht, sie nutzen das Internet zur Kontaktpflege oder lernen gar neue Leute dort kennen. Und geredet wird natürlich dort – geredet, geredet, geredet. Ununterbrochen, über alle möglichen Kanäle.

So ging es mir an diesem herbstlich-tristen Sonntagabend auch: Eigentlich wollte ich fernsehen, irgendwelchen Quatsch. Das hat nur so in Teilen geklappt, was nicht so schlimm war. Denn ich musste schwätzen: Zeitgleich mit Olaf auf Facebook, mit Antje über WhatsApp (da ging es um süchtig Machendes aus Holland!) und mit Maike über SMS. Es ging hin und her, her und hin – fast war es, als hätte ich sie alle drei hier in meiner unaufgeräumten Bude sitzen. Das war ganz lustig.

SMSUnd da ich schon groß bin und den verantwortungsvollen Umgang mit allerhand Medien gelernt habe, weiß ich, dass ich das Internet und auch das Smartphone einfach auslassen kann, wenn ich es nicht benutzen möchte. Ja, tatsächlich, das kommt vor – sogar gar nicht so selten. Alle meine Freunde können das: Wir sitzen nicht gemeinsam einsam in einer Kneipe und reden nicht miteinander. Wir kommunizieren auch offline miteinander – ist das nicht beruhigend?

 

Nachbemerkung: Gerade jetzt, als ich das hier fertig geschrieben habe, fällt mir ein drolliger Spruch eines Agenturmitarbeiters ein, der ebenfalls über die Verbindung des virtuellen und des wahren Lebens sprach: Man könne sich ja Rezepte aus dem Internet holen, um dann gemeinsam offline zu essen. Offline essen – davon bin ich unbedingt ein Fan!

Kein Empfang

Wenn ich zu meiner Schwester in die tiefsten Tiefen der norddeutschen Tiefebene reise, komme ich in eine andere Welt. Nicht nur, weil dieser Landstrich in der Wesermarsch ganz anders aussieht als mein geliebtes Frankfurt, sondern auch wegen einer Eigenheit der ländlichen Infrastruktur: Denn Moorhausen – so heißt das da – liegt nicht nur genau zwischen Oldenburg und Paradies, sondern auch in einem dieser weißen Löcher Deutschlands, in denen ein schneller Internetempfang oder eine Überallverfügbarkeit von Handysignalen einfach nicht gegeben ist. Ich habe dort zumeist keinen Empfang – mit nichts. Mein Handy moppert herum und schweigt beredt: „Sie sind offline“, sagt es mir dann gerne, oder auch: „Ihre Verbindung zum Internet ist schwach!“ Ich logge mich dann ins häusliche WLan ein, nur um festzustellen, dass es instabil und laaaaangsaaaaam ist.

Nun bin ich nicht handy- oder internetsüchtig und ich bin auch keine 14 mehr, so dass ich nicht ständig per WhatsApp erreichbar sein muss. Aber ungewohnt ist es doch: Nicht mal eben gucken, was so los ist in der Welt. Nicht schnell googlen, wenn im Gespräch eine Frage auftaucht, die man nicht aus dem Kopf beantworten kann. Nicht immer für jeden erreichbar sein. Ich bin zwar objektiv betrachtet nicht so wichtig, dass das nötig wäre, aber schön wäre es doch. Immer mal wieder erzählen mir Freunde, dass sie versucht hätten, mich dort anzurufen – zwei Tage später, wenn ich das weiße Loch verlasse, erscheinen dann tatsächlich Anrufe und Nachrichten auf dem Display. Und eine Freundin, die mich bei meiner Schwester abholen wollte, verzichtete auf eine genaue Anfahrtsbeschreibung, denn sie hat ja ein Navi. ‚Viel Glück‘, dachte ich, und stellte mich trotzdem an die Straße zum Winken. Und das war gut so, denn mitten auf dem Huntedeich ging das Navi einfach aus. Moorhausen, ein Ort den es nicht gibt? Gar so etwas Unheimliches wie Bielefeld?

Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht: Die Nichterreichbarkeit hat Grenzen, in Moorhausen gibt es nämlich einen Postkasten. Doch im Bewusstsein der Netzbetreiber ist dieser kleine Ort ganz offensichtlich nicht vorhanden. Und damit sind sie durchaus im Recht, denn auf der Seite der Bundesnetzagentur finde ich Folgendes:

Das Angebot von breitbandigen Internetanschlüssen, wie z. B. DSL, VDSL, UMTS oder LTE unterliegt nach dem Telekommunikationsgesetz nicht den Vorgaben der Grundversorgung. Damit ist kein Anbieter verpflichtet, Endkunden mit einem breitbandigen Internetanschluss zu versorgen.

Tscha, und deshalb tun sie das auch nicht, die Anbieter – warum sollten sie auch. Das ist für strukturschwache Gebiete natürlich ein großes Problem: So werden sie wirtschaftlich nie den Hintern hochkriegen. Denn wenn Privatleute kaum Netz haben, geht es Geschäftsleuten nicht besser. Neue Firmen in die Gegend holen, oder Freelancer, die von zu Hause aus online arbeiten – so wird das sicher nichts. Die Zeiten von Faxgerät und Trommel sind einfach vorbei. Wundert sich da noch jemand über die Verödung der Dörfer?

Ich habe mich heute wieder in meine Highspeed-Komfortzone begeben: Folglich ist jetzt wieder mehr los in meiner bunten Welt. Schnelles Internet ist wahrscheinlich nicht lebensnotwendig, aber darauf verzichten würde ich auf Dauer nicht mehr.

Online trifft Offline

Über einen Ausflug, bei dem ich meine Online-Bekanntschaften kennenlernen möchte: Das Gründungstreffen des eWriters-Vereins.

Online trifft Offline oder: Gibt es euch wirklich?

Geboren bin ich ja als Dorfkind, wuchs auf ohne tolle technische Ausstattung und war viel an der frischen Luft. Selbst einen Farbfernseher kauften wir erst Anfang der 80er Jahre, und das Wählscheibentelefon hat mich sehr lange begleitet. Während meiner Schulzeit kamen Computer allmählich auf, aber das interessierte nur diejenigen seltsamen, bleichen Jungs, die sich kurz vor Unterrichtsbeginn mit wichtiger Miene große, biegsame Disketten zuschoben. An mir ging dieser Trend völlig vorbei. Zwar begann ich während meiner Ausbildung, ein wenig am Computer zu arbeiten, aber dieses dumme Ding mit der grünen Schrift auf schwarzem Bildschirm war für mich eher ein notwendiges Übel.

Ein wenig änderte sich diese Einstellung, als das Internet auch zuhause schneller wurde und man mehr machen konnte als auf den Ladebalken zu starren. Ich kaufte Hergens gebrauchten PC – der war für mich noch vier Jahre lang gut. So manche Nacht verbrachte ich nun bei ebay und wachte morgens schweißgebadet auf, in der bangen Hoffnung, dass mich doch bitte, bitte irgendjemand überboten haben mochte, damit der lebensgroße Mr. Spock aus Pappe nicht geliefert werden würde. In diesem Fall hatte ich Glück. Der große orange Kasten mit einem Französischkurs auf Kassetten aber wurde geliefert und stand fünf Jahre lang unbenutzt auf meinem Schrank.

Wann es passierte, dass ich zum Online-Menschen wurde, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwann stand in meiner Job-Beschreibung „Webmasterin“, mein Name prangte im Impressum einer Webseite und ich verbrachte einen großen Teil meiner Freizeit online. Genau genommen habe ich manchmal das Gefühl, ungesund viel online zu sein. Ich rede mit Menschen, die ich nicht kenne – oder zumindest nicht so richtig. Ich weiß nicht, ob der verführerische Mittdreißiger, mit dem ich immer so gerne schwatze, nicht vielleicht doch schon 75 ist, und ich selbst habe mich schon ab und zu mal als Mann ausgegeben. Einfach so, zum Spaß. Merkt ja keiner.

Umso aufgeregter war ich an einem Samstag im April, als es plötzlich ernst wurde und meine geliebte Online-Welt sich als alltags- und vor allem tageslichttauglich erweisen sollte: Es war ein Treffen geplant, richtig offline, mit Hand geben und so. In Essen wollte ich meine „Bekannten“ aus dem eWriters-Forum treffen. Sehr spannend! Zwar hatte ich alle Teilnehmer über Google gestalkt und Fotos gesehen, aber was sind schon Internet-Fotos? Ich nehme ja auch immer die, auf denen ich möglichst schlank aussehe und im Wind stehe – damit alle denken, an der Frisur sei das Wetter schuld.

Geplagt von komischen Gedanken saß ich im Zug nach Essen: Was, wenn gar keiner kommen würde? Oder wenn die alle doof wären? Oder mich doof fänden? Möglichkeiten gab es viele. Dass sich der Bahnhof in Essen auch noch als Irrgarten mit allerlei sonderbaren Special Effects herausstellte, ist nicht dazu angetan, meine Zweifel zu zerstreuen.

Dann aber fühlte sich plötzlich alles richtig an. Zu viert trafen wir uns auf dem Bahnhof. Wir erkannten uns sofort – obwohl ich nicht die Einzige war, die mit dem Foto ein bisschen geschummelt hatte. Hände schütteln, begrüßen, viel Gelächter – und zwei Zigaretten, die auf dem Weg zum Auto angezündet wurden. Wie, was, Raucher? Die beiden? Konnte das sein? In Gedanken nahm ich Streichungen in der imaginären „Liste der Eigenschaften“ vor, die ich von allen Leuten, die ich treffen wollte, erstellt hatte. „Nichtraucher“ wurde gestrichen, und bei einem auch gleich noch „Vegetarier“. Keine Ahnung, wie ich darauf mal gekommen war, aber es drängte sich mir wohl auf. Die größte Überraschung aber ist die Sprache des Mannes, mit dem ich schon mal stundenlang gechattet hatte: Ich hatte gedacht, einer, der aus Essen kommt, spricht auch wie einer, der aus Essen kommt. Sagt also „Woll“ oder so. Dieser Essener aber hatte einen sanften Schweizer Akzent. Warum, würde ich im Laufe des Tages noch erfahren.

In einem Essener Gemeindezentrum trafen wir die anderen vier Teilnehmer dieser kleinen Versammlung. Auch sie waren alle sympathisch, warm, lebendig und dreidimensional. Schnell hatten wir einen Draht zueinander – ganz ohne Kabel. Und wir begannen zu arbeiten. Denn das war der Zweck unseres Treffens: Wir wollten den eWriters-Verein gründen. Eigentlich mag ich keine Vereinsmeierei. Seit meiner Jugend war ich in keinem Verein mehr, aber dieser hier scheint mir eine gute Sache zu sein. Das Internet bringt mich also dazu, mich im realen Leben mit anderen Leuten zu vereinen. Da sage noch einer, Computer machen einsam.

Tatsächlich waren wir erfolgreich an diesem Tag: Wir besprachen eine Satzung, eine Geschäftsordnung, wählten Vorstände, ich wurde Botschafterin. Das kam mir alles unheimlich seriös und erwachsen vor.  Gut, mit 43 sollte man sich eigentlich immer so vorkommen, aber bei mir ist das eine Ausnahme. Ich spürte Aufbruchstimmung, und das ist gut so – bedeutet dieser Verein doch eine Menge Arbeit. Um was es dabei genau geht, berichte ich beim nächsten Mal, wenn der Verein endlich eingetragen und amtlich ist. Dann zeige ich vielleicht auch mal unser Gründungsfoto – ungeschönt und ohne Wind. Wie gut wir doch alle aussehen!

Auf jeden Fall war es ein toller Tag. Vielen Dank, Petra und Jörg, Hanno, Hendryk, Christian, Markus und Ingrid! Es war schön, euch kennenzulernen!