Komische Gewohnheiten: Nach dem Googlen zum Sterben hinlegen

Diese Gewohnheit beobachte ich immer mal wieder bei mir. Ich weiß aber, dass ich mit der Marotte nicht allein bin, und nehme sie deshalb hier mit auf.

Komische Gewohnheiten: Schon mal zum Sterben hinlegen

Wie schon hin und wieder einmal erwähnt, leide ich des Öfteren unter lebensbedrohlicher Hypochondrie. Nicht nur, dass ich weiß, dass meine Lebenserwartung aufgrund meines Lebenswandels gemindert ist. Nein, ich suche auch aktiv nach weiteren Risikofaktoren in meinem Leben, um deren Folgen dann intensiv auszuleben. So lese ich zum Beispiel die Packungsbeilagen aller Medikamente sehr aufmerksam, damit ich sämtliche Nebenwirkungen richtig zuordnen kann, sobald sie beginnen. Selbstverständlich bekomme ich die auch immer fast alle. Sogar das Zucken der Oberlippe, das irgendwo einmal als äußerst selten angegeben wurde, beschäftigte mich tagelang. Da ich eine grundsätzlich robuste Konstitution besitze, überlebe ich zumeist, fühle mich aber in meinem Wohlbefinden manchmal eingeschränkt.

Aufgrund der Überzeugung, dass Ärzte etwas Schlimmes finden, sobald man um die Ecke kommt, meide ich den Besuch bei einem Mediziner, so gut es geht. Unglücklicherweise brauche ich hin und wieder ein Rezept, sodass ich mich doch in eine Praxis hineinschleichen muss, aber wann immer es geht, schnappe ich nur das wichtige Zettelchen und eile wieder hinaus. Im Falle von tatsächlich auftretenden Beschwerden bevorzuge ich Doktor Google.

Und so passierte es mir kürzlich, dass ich mich nicht wohl fühlte. Eigentlich ging es mir schon länger nicht ganz richtig gut, aber die Symptome waren diffus. Irgendwann raffte ich mich auf und tippte meine Malaisen bei Google ein, um festzustellen, was ich alles Schlimmes habe. Das erste, was auftauchte, war „Herzinsuffizienz“. Heiliges Kanonenrohr!

Ich fühlte nach meinem Puls und betastete meinen Brustkorb: Alles noch da. Und doch war da die Gewissheit, dass ich wohl in Kürze verbleichen würde. In einer Mischung aus Resignation und würdevollem Trotz legte ich mich auf mein Sofa und wartete auf den Tod. Er würde kommen, in Kürze schon, und ich wollte dem alten Schnitter seinen Job nicht unnötig erschweren. Der macht schließlich auch nur seine Arbeit. Und da ich nie im Bett sterben wollte, wurde halt das Sofa der Ort meiner Wahl.

TodesengelDa lag ich also, und wartete ab.

Die Sache zog sich hin.

Irgendwann machte ich den Fernseher an. Es steht ja nirgends, dass man sich beim Sterben langweilen muss. Ich guckte ein wenig. Dann machte ich ein Nickerchen.

Schließlich bremste eine ganz gewöhnliche körperliche Regung meinen Willen zur Mitarbeit beim problemlosen Hinscheiden: Ich musste mal auf’s Klo. Leicht genervt rappelte ich mich wieder hoch. Also ehrlich, eine gewisse Pünktlichkeit kann man doch auch von Gevatter Tod erwarten, oder etwa nicht?

Ich erledigte zügig meine Geschäfte, denn auf keinen Fall wollte ich mit runtergelassenen Hosen im Bad niedergestreckt werden. Und dann kam ich zurück zum Sofa. Der Laptop war noch an. Ich aktivierte ihn wieder, um mein Todesurteil nochmal zu betrachten, und las ein wenig weiter. Vielleicht stand ich ja gar nicht kurz vor dem Herztod, sondern würde wegen etwas anderem mein kleines Leben aushauchen. Und tatsächlich, es gab noch ein paar Dinge zur Auswahl. Und wieder dachte ich sowas wie ‚Ach du grüne Neune!‘, als ich etwas las, das mir bekannt vorkam. Ich schluckte und beschloss, dass sich ein Arztbesuch vielleicht doch noch lohnen könnte. Denn es gibt Sachen, die will man nicht haben, an denen stirbt man aber nicht. Nicht mal ich …

Und so war ich tatsächlich innerhalb von einer Woche bei zwei Medizinern, die mir eine im Grunde recht gute Gesundheit bestätigten. Pillen gab es trotzdem, und zwar welche ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Der Sensenmann wird sich noch eine Weile gedulden müssen, es sei denn, ich renne vor einen Bus oder so. Das hat er nun davon, dass er die Gelegenheit, als ich bereit zum Abflug auf meinem Sofa lag, nicht beim Schopf ergriffen hat.

 

Nachbemerkung: Ich muss übrigens gestehen, dass es mich erleichterte, über dieses Thema mit einer Freundin sprechen zu können, die bei sich an manchen Tagen ein ähnliches Verhalten beobachtet. So stand sie einmal des Nachts auf, überzeugt davon, in den nächsten Stunden dahinzuscheiden, und zog sich ein „ordentliches“ Nachthemd an. Denn in einem alten verwaschenen Ding wollte sie nicht tot aufgefunden werden. Verständlich, oder?

Doktor Google und ich

Von den Segnungen des Internets ist eine besonders hervorzuheben: Es steigert die allgemeine medizinische Kompetenz. Ein jeder kann mit ganz wenigen Mouseclicks feststellen, was ihm alles fehlt. Und das ohne Termin, Wartezimmer und Überweisung. Toll!

Doktor Google und ich – zwischen Hypochondrie und Wahnsinn

Wer kennt das nicht: Diffuse Beschwerden stören das Wohlbefinden. Es reicht nicht ganz, um zum Arzt zu gehen, aber lästig ist das gelegentliche Grummeln in den Eingeweiden doch. Wenn man sich viel bewegt, geht es weg, und wenn man keine Bohnen isst, auch. Wahrscheinlich also ganz normal. Und dann erzählt die Kollegin in der Kantine, dass die Schwiegermutter nun endlich beim Arzt war, wegen ihrer Blähungen, und der hat einen Darmkrebs festgestellt. Man spürt, wie die gerade verzehrte Currywurst sich querlegt, und beschließt, heute aber ganz bestimmt und sofort einen Arzttermin auszumachen. Das vergisst man natürlich nach der Mittagspause gleich wieder, sodass der körperliche Verfall stetig voranschreitet.

Wie gut, dass es inzwischen Doktor Google gibt. Über Google findet man Antworten auf alle Fragen – sogar auf die, die man sich noch nie gestellt hat. Und man erfährt, nur durch Eingabe der eigenen körperlichen Beschwerden, was man alles Schlimmes hat. Manchmal ist das natürlich erschreckend, aber es ist doch besser, dem eigenen Ende aufrecht und mit offenen Augen entgegen zu gehen.

Friedhof

Ich lernte Doktor Google vor einigen Jahren kennen, als es mir nicht gut ging, ich viele diffuse und scheinbar nicht zueinanderpassende Beschwerden hatte und – tatsächlich – zum Arzt gegangen war. Der diagnostizierte eine Schilddrüsenerkrankung und schickte mich zum Facharzt, ich merkte mir aber ein Wort: „Hashimoto“. Ich glaubte erst mal kein Wort von dieser Schilddrüsenerkrankung – so ein kleines Dingsbums im Hals konnte doch unmöglich diese Vielzahl an Klapprigkeiten auslösen, die ich verspürte. Das musste ich überprüfen. Also tippte ich HASHIMOTO in Google ein. Das Ergebnis war überwältigend! Ich fand eine Vielzahl von Seiten, die teilweise sehr detailliert die Symptome dieses komischen Fremdworts beschrieben. Die deckten sich tatsächlich mit meinen Befindlichkeiten. So zog ich ganz allmählich in Betracht, dass der Arzt mit seiner Diagnose recht haben könnte. Doktor Google hatte gute Arbeit geleistet: Ich war zwar immer noch wacklig auf den Beinen, aber beruhigt.

Und fasziniert: Denn ich fand auch ein Forum, das sich ausschließlich mit Schilddrüsenerkrankungen beschäftigte. Nutzer, die teilweise mehrere Hundert Posts hatten, schilderten haarklein ihre Zipperlein, führten Blutwerte auf und verglichen Medikamente. Einige Mitglieder waren besonders aktiv, sie hatten das nämlich alles schon einmal gehabt und durchlitten, natürlich immer doppelt so schlimm wie die anderen, und hatten für alle schüchternen Neulinge einen warmherzigen Rat. Gerne schlossen sie mit „Ich drück‘ dich ganz fest!“, oder „Ich wünsche dir ganz viel Kraft!“. Was für eine Harmonie! Eine große Gemeinschaft, und fast alle hatten eine Schilddrüse. Ich war begeistert, beschloss aber, in diesem Forum nichts zu schreiben. Es schien mir, als sei hier schon genug geschrieben worden – besonders von der Nutzerin mit den 7340 Posts.

Von diesem Tag an wusste ich, dass Google mir künftig immer helfen würde, wenn ich krank war, oder es in Betracht zog, dass ich ganz eventuell krank sein könnte. Und ich wusste, worauf alles zu achten ist: Wussten Sie zum Beispiel, dass sich ein Herzinfarkt bei Frauen ganz anders anfühlen kann, als überall beschrieben wird? Bei Frauen tut das anders weh, das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich diagnostizierte bei mir seitdem in etwa 312 Herzinfarkte. Die meisten verschwanden, wenn ich mich etwas anders hinsetzte, oder aber durch Ablenkung. Ja, in der Tat, Fernsehen hilft gegen Herzinfarkt, Geschirrspülen auch. Zeigen Sie mir eine Frau, die 312 Herzinfarkte überlebt hat – die möchte ich sehen. Der Nobelpreis für Medizin ist mir sicher.

Schwieriger ist es mit Krebserkrankungen. Es ist fast egal, was für Beschwerden man in Doktor Google eintippt, es kommen eigentlich immer einige Krebserkrankungen als mögliche Gründe dafür infrage. Wikipedia verrät dann gleich die Mortalitätsrate, was unter Umständen demotivierend sein kann. Stellt sich morgens dann heraus, dass der am Vorabend angenommene Bauchspeicheldrüsenkrebs offensichtlich nur ein Flotter Otto war, freut man sich und hat einen Grund, positiv in die Zukunft zu blicken. So schön sind häufige Toiletten-Besuche allerdings nur, wenn man sich zuvor ver-googlet hat.

Diagnose und Fehldiagnose liegen bei Doktor Google leider nahe beieinander. Das erfahre ich derzeit am eigenen Leibe. Denn ich erhole mich seit einigen Tagen von Tuberkulose, leicht zu erkennen an brüllendem Husten, Brustschmerz, Schwächegefühl. Sogar meine Haare hängen matt herunter. Der Arzt hat meine Ruhebedürftigkeit bestätigt und mich folgerichtig krankgeschrieben. Ich kontrolliere die Richtigkeit seiner Diagnose anhand der geheimnisvollen Codierungen, die auf dem Zettel stehen, denn auch die kann ein jeder Uneingeweihte inzwischen googlen: J01 steht da, akute Sinusitis sowie J20, akute Bronchitis. Das stimmt sicher, denn ich fühle mich sehr akut. Und dann noch J39, das bedeutet … Moment, mal gucken … sonstige Erkrankungen der oberen Atemwege. Hmmm, das liest sich irgendwie nichtssagend. Das klingt ja beinahe, als würde der Arzt denken, ich sei … ERKÄLTET?!