Die Wohngemeinschaft

„Aaaach, ist das heute wieder laaaangweilig hier!“ Aristocat räkelte sich auf dem Sofa und betrachtete ihre langen roten Krallen. „Bringt mir jemand was zu trinken?“ „Du wirst dich schon selber zum Napf bemühen müssen“, zwitscherte Elsa und flatterte mit kleinen, wirbelnden Bewegungen auf die Gardinenstange. „Es sei denn, du bringst Stürmer dazu, dir was zu holen.“ Alle aus der kleinen Gesellschaft blickten den schlanken Windhund an, der neben dem flauschigen Kaninchen Flocke lag und keinerlei Anstalten machte, sich zu erheben. „Ne, lass mal. Ich liege gerade so gut hier. Frag doch mal Blubb.“ Alle lachten, bis auf Blubb, der wie immer Wasser in den Ohren hatte und Witze im Allgemeinen nicht mitbekam. Er neigte auch sonst nicht zur Geschwätzigkeit, sondern zog ruhig und gleichmäßig seine Bahnen im Aquarium. Um ihn aus der Ruhe zu bringen, musste schon etwas richtig Spektakuläres passieren, eine gelangweilte Rassekatze war ihm herzlich egal. Aristocat seufzte.

Wohngemeinschaft 2

Alle Bilder von Pexels

„Als ich noch bei seiner Lordschaft wohnte …“, begann sie und alle außer Blubb stöhnten genervt auf. „Hör auf damit!“, maulte Flocke. „Du bist genauso ein räudiges Tierheimvieh wie wir alle hier!“ „Räude? Habe ich da gerade Räude gehört?“ Stürmer, der seine besten Jahre hinter sich hatte und schlecht hörte, hatte nur ein Wort richtig verstanden und ihm juckte auf der Stelle das Fell. „Jaja, beruhige dich wieder, hier ist niemand räudig!“, kreischte Elsa dem Hund so laut ins Ohr, dass sogar Blubb hellhörig wurde und neugierig durch die Scheibe glotzte. Stürmer ließ sich wieder nieder, wirkte aber nicht ganz beruhigt. Flocke kletterte auf seinen Rücken und kratzte ihm mit ihren kleinen weißen Pfoten beruhigend das struppige Fell. „Ach, ja, das tut gut“, knurrte der Alte und schlief zufrieden ein. Auch die anderen gaben sich der Belanglosigkeit dieses tristen Dienstag Nachmittags hin und hielten ein Schläfchen. Nur Blubb, der fleißige Schwimmer, drehte Runde um Runde in seinem Becken und wachte über seine schlafenden Freunde.

Fundstücke 37: der versteckte Hund

Diesen charmanten kleinen Hund trafen wir gestern beim Markt im Hof: Obwohl es nicht über die Maßen warm war, versteckte er sich im Schatten und kuschelte sich immer wieder tief ins kühle Efeu. Das war so niedlich, dass alle Besucher sein Herrchen auf den kleinen Kerl ansprachen – der wirkte schon ein wenig irritiert und vielleicht auch etwas eifersüchtig. Hätte er sich mal auch so in die Büsche geschlagen – dann hätten wir ihn vielleicht auch niedlich gefunden …

Mein dreibeiniger Hund

Mal wieder ein Kantinengespräch: Dabei waren die üblichen Verdächtigen, und es ging – wie schon öfter – darum, was man einmal machen möchte, wenn man nicht mehr arbeitet. Also entweder nach dem großen Lottogewinn oder, realistischer, im Rentenalter. Für mich ist eines klar: Ich möchte dann gerne einen Hund haben!

Mein dreibeiniger Hund

Schon als Kind hatte ich den Wunsch, einen Hund zu haben. Zwar hatte ich irgendwie auch ein bisschen Angst vor den Viechern, ging aber doch gerne mit Nachbars Asko und später dem Schäferhund Bessie spazieren. Der eigene Hund wurde mir nie bewilligt, mit stets dem gleichen Totschlagsargument: „Wer soll sich um den denn kümmern?“ Nun hätte meine Mutter reichlich Zeit dazu gehabt, aber offensichtlich keine Lust, was aus heutiger Sicht legitim ist – meistens bleiben die Viecher der Kinder zumindest teilweise an den Müttern hängen. Als Kind aber habe ich mich darüber gegrämt und mir fest vorgenommen, mir endlich einen Hund zu kaufen, wenn ich erst groß bin.

Als ich endlich erwachsen war, holte die Realität mich schnell ein: Voll berufstätig, in einem Großraumbüro arbeitend, konnte ich tatsächlich noch immer keinen Hund haben – denn wer sollte sich um den kümmern? Ich sicherlich nicht. Also verschob ich diesen Wunsch noch weiter nach hinten auf das Rentenalter.

Als ich meinen Hund aber im Kantinengespräch als Plan für die Rentnerzeit auspackte, bekam ich richtig Schimpfe: Ich würde mich doch wohl im Alter nicht mehr darauf einlassen, mich von so einem Vieh völlig fremdbestimmen zu lassen! Ein Hund sei doch so ziemlich das Letzte, was man als erwachsener Mensch bräuchte. Dauernd müssten die raus, wer soll sich um den denn kümmern? Und wenn ich mit 67 endlich in Rente wäre, dann könnte ich vielleicht ja schon gar nicht mehr huppen, geschweige denn hinter einem Hund herrennen. Nur meine gute Claudia, die selber zwei Hunde hat, bestärkte mich in meinem Vorhaben. Und das, obwohl einer ihrer Hunde nicht so recht klug ist und bei Regen nur unter einem Schirm laufen mag.

Ich war über den massiven Gegenwind einigermaßen erstaunt und kam mir vor wie Michel aus Lönneberga, der niemals Limonade trinken darf: Habe ich keine Zeit, dann kann ich keinen Hund haben. Und habe ich endlich Zeit, dann darf ich keinen Hund haben. Wann zum Kuckuck soll ich denn dann einen Hund haben?

Bild „Mein Baddy“, zur Verfügung gestellt von Susanne Brinkhoff / http://www.pixelio.de

Mein Entschluss steht fest, ich werde irgendwann ein Hundefrauchen. Natürlich ist das Argument mit dem biblischen Alter, in dem unsereiner endlich in Altersruhe gehen darf, nicht von der Hand zu weisen: Einen jungen, dynamischen Hund mit Jagdtrieb brauche ich mit 67 sicher nicht mehr. Aber wer wie ich ab und zu die Tiervermittlungssendungen im dritten Programm guckt, der weiß, wie viele marode alte Hunde in deutschen Tierheimen einsitzen und genau auf Leute wie mich warten. Die werden immer so schön angepriesen: „Hat nur drei Beine, ist aber voller Lebensfreude und so unglaublich lieb!“ Oder: „Er hat Rheumatismus, aber die Tabletten kosten nur 30 Euro im Monat und machen ihn richtig glücklich.“ Genau so einen Hund will ich haben – einen Rentner. Der kann zur Not auch mal vorne im Korb eines Rollators sitzen und ein Stück mitfahren. Dann werden wir gemeinsam alt, tolerieren gegenseitig unsere Gebrechen und haben eine gute Zeit miteinander. Und wer darüber meckert, fliegt raus.

Guter Gunther – ach, ist das traurig!

Zwischendurch versuche ich mich immer mal wieder in unterschiedlichen Genres. Das Gedicht „Guter Gunther, gingst so stille“ ist so ein Ding: poetisch oder zumindest gereimt greift es ein gerne tabuisiertes Thema auf – eine Beerdigung. Natürlich rein fiktiv und mit allem Ernst, der mir dabei möglich war. Und nicht alles ist dabei fiktiv: Das Malheur mit dem Geld für den Klingelbeutel beobachtete ich auf einer Hochzeit.

Guter Gunther, gingst so stille

„Wir senken heute voller Trauer
ins Grab Herrn Gunther Silberbauer“,
spricht leis’ voll Takt und Pietät
der Pfarrer Müller-Mockenstädt
und blickt prüfend in die Runde
wer dort schon sitzt zu früher Stunde.

Neben Witwe, Hund und Sohn
kamen an, aus Iserlohn
zahlreiche von den Verwandten,
dazu die Nachbarn und Bekannten,
und der große Freizeitchor
hat was ganz Spezielles vor.

Der blasse Gunther war ein Lehrer,
dazu ein großer Busch-Verehrer
und gab auf diese Weise heiter
für seine Frau den Blitzableiter.
Nett zu den Schülern war er zwar,
doch diese blieben undankbar.

Doch ging er auf in dem Beruf,
sang noch im Chor „Der laute Ruf“
und mit tiefem schiefen Schalle
ließ erbeben er die Halle.
Stets freundlich war er sonst, und friedlich,
fand seine schlimme Frau ganz lieblich.

„Er lebte ruhig und ausgeglichen
und ist ganz sacht und still verblichen.“
Bei dieser Worte sanfter Klang
da seufzt die Witwe laut und lang,
worauf dem Sohn, der Ingo heißt
der Hund fest in die Wade beißt.

Der Arme quiekt, jodelt Sopran,
der Chor fängt schnell zu singen an,
„Guter Gunther, gingst so stille“,
schmettert eine Frau mit Brille
und Fräulein Frube, ungeniert
steht auf, guckt tragisch, dirigiert.

So wird die Stimmung aufgehellt,
fast niemand hört, wie der Hund bellt,
und all die Tanten und die Nichten
können sich mal kurz berichten,
was es Neues gibt zur Zeit
bei den Verwandten, nah und weit.

Dann wird es still, das Lied ist aus,
der Pastor holt die Bibel raus
und bei dem folgenden Gebete
befiehlt die alte Tante Dete
ihrem Sohn, dem dicken Claus
„Such’ Du schon mal das Kleingeld raus!“

Wie stets gehorcht der gute Mann,
findet seinen Beutel dann,
„nur ein paar Cents für unser’n Gunther“,
doch bald fällt ihm das Ganze runter,
kullert lustig durch die Gänge
und das in der bedrängten Enge.

„Jetzt heb’ das auf!“ ruft Dete laut,
der Claus kriegt Angst, dass sie ihn haut,
weshalb er schnell zu Boden geht
und sich dort unten reckt und dreht.
Die ersten Trauergäste lachen,
ganz staubig sind des Clausens Sachen.

Die Menge feixt, der Pfarrer stutzt,
was ist denn los, denkt er verdutzt
und fragt dann schnell die Sängersleute
„Wollt ihr auch noch was bringen heute?“
Und sie legen wieder los,
denn ihre Trauer, die ist groß.

Der Vetter Claus macht sich ganz lang,
streckt sich über’n Mittelgang,
weil dort noch ein Münzlein funkelt,
derweil man beim Singen schunkelt
weil doch sein Lieblingslied dies war –
falleri und fallera.

Die Masse tobt, es kläfft der Hund,
dem Pfäfflein wird es nun zu bunt,
er ruft ganz laut „Wir brechen ab,
und legen ihn nun in sein Grab!“
Er rennt voran zur Kirche raus,
tritt auf die Hand vom armen Claus.

Es folgt, noch singend, ihm die Meute,
eigentlich ganz nette Leute,
doch ohne jede Haltung jetzt
(Sohn Ingos Hose ist zerfetzt).
Und den Lärm von dem Gewimmel,
den rundet ab die Kirchenbimmel.

Der Pfarrer hastet, hat es eilig,
heute ist ihm nichts mehr heilig,
spricht ein paar Worte kurz und knackig,
dann lassen sie ihn runter zackig.
Die Witwe schmeißt ihr Sträußchen rein
und Ingo hüpft auf einem Bein.

Der Augenblick des Abschieds naht,
ein jeder macht’s auf seine Art,
die Tante Dete lamentiert,
der Schwager Alfons schweigt und stiert
und ein Kollege launig spricht
ein selbstgeschriebenes Gedicht.

Über den Hund fällt Fräulein Frube
beinah geräuschlos in die Grube,
wird dann von Vetter Claus gerettet
und in der Hecke hingebettet.
Es singt der Chor undirigiert
sein letztes Lied nur noch zu viert.

So klingt es leise, wird dann stille,
nur diese Frau, die mit der Brille,
singt ganz allein die letzte Strophe,
doch das ist keine Katastrophe,
weil unser Gunther, das ist wahr,
im Leben ein ganz Leiser war.