Trümmerjunge, von Hermann Oppermann

Derzeit bin ich enorm lesefaul, soll heißen, ich gucke lieber fern, stricke oder tue sonst irgendwas anderes. Aber ich höre gerne Hörbücher – dabei kann man auch gut stricken. Und dabei begegnete ich dem bezaubernden Trümmerjungen.

Der autobiographische Roman von Hermann Oppermann beschreibt die Kindheit des kleinen Hermi, Jahrgang 1937. Dieser wächst in einer nationalsozialistischen Familie auf und erlebt die ersten Kriegsjahre in der steten Zuversicht, dass der Krieg auf jeden Fall gewonnen und danach alles wunderbar sein wird. Nach den ersten Bombardierungen Braunschweigs wird er gemeinsam mit seiner Mutter auf’s Land zum Großvater geschickt, als es auch dort zu Kriegshandlungen kommt, erfolgt eine weitere Evakuierung. Erst nach Kriegsende kehren Mutter und Sohn zurück ins zerstöre Braunschweig und finden ein ausgebombtes Haus vor.

Hermis spätere Kindheit und Jugend ist geprägt vom Mangel und dem täglichen Kampf um das Nötigste, aber auch von Freundschaft und guten Erlebnissen. Die Familie tut sich schwer, obwohl der Vater unverletzt aus dem Krieg zurückkommt und schnell wieder Arbeit findet. Schon früher cholerisch, steigert er in seiner Gewalttätigkeit gegen Frau und Sohn. Die Mutter entwickelt eine psychische Störung, die Ehe scheitert schließlich. Trotzdem gelingt es Hermann, seinen Weg zu finden.

Das Interessante und auch Schöne an diesem Hörbuch war für mich, dass der Autor nicht gewertet hat. Er beschrieb seinen unberechenbaren Vater nie als Monster, denn es gab auch gute Zeiten. Die Mutter, so labil sie auch war, stand immer hinter ihrem Sohn und kämpfte für ihn. Der kleine Hermi betrachtete die Welt aus kindlichen Augen und vertraute blind dem, was man ihm eingetrichtert hatte. Der älter werdende Hermann musste verstehen, dass man ihn in so mancher Hinsicht belogen hatte, und machte doch das Beste daraus. Es half ja auch nichts. Das ganze Buch erzählt von diesem Pragmatismus, der in dieser Zeit wohl nötig war.

Die Kriegsgeschichte kommt weitgehend ohne Grausamkeiten aus. Der eine oder andere Onkel verschwindet im Krieg und natürlich weiß man, was in den Bomennächten in Deutschland passiert ist, aber der Autor verzichtet auf epische Beschreibungen des Schreckens. Das hat mir gut gefallen, genau wie das versöhnliche Ende.

Gelesen wird das Hörbuch auf angenehme Weise von Bodo Henkel.