Zuhause-Zeichen

Vor einer Weile hatten wir im Schreibworkshop die Aufgabe, uns Gedanken darüber zu machen, welche Geräusche dazu beitragen, dass wir uns zuhause fühlen. Das brachte mich dazu, ganz allgemein einmal darüber nachzudenken, welche äußerlichen Anzeichen es für mich für „Heimat“ gibt. Ich entstamme ja dem windigen Nordwesten, genau gesagt der Gegend um Oldenburg, und lebe jetzt seit vielen Jahren im hessischen Exil. Folgendes ist mir im ersten Rutsch eingefallen:

Zuhause-Zeichen

Friesenkühe

Kühe in der richtigen Farbe – Bild zur Verfügung gestellt von Gerhard Giebener / http://www.pixelio.de

Noch vor wenigen Jahren war es nach einigen Stunden Schlaf im Zug einfach festzustellen, wie weit man auf der Fahrt nach Hause schon gekommen war: Waren die Kühe auf der Weide noch braun, hatte man noch ziemlich viel Strecke vor sich. Waren sie schon schwarz-weiß, war man fast da. In den letzten Jahren ist es jedoch auch im Norden in Mode gekommen, braune, braun-weiße oder beigefarbene Kühe zu halten, was unter Umständen zu Verwirrung führen kann. Noch überwiegen die Schwarzbunten, aber die Anzahl der Kakaokühe nimmt zu. Ich weiß ja nicht, ob das gesund ist.

Auch das besondere Grün, dass man aus dem Zugfenster sieht, sobald man Hannover hinter sich gelassen hat, spricht eine deutliche Sprache. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, dass diese Weiden so norddeutsch aussehen: Vielleicht ist es die Kombination aus sehr viel freier Fläche, wenigen Bäumen, nüchternen Zäunen und dem gerne mal grauen Himmel. „Wundeschönes Grau“, nannte der Musiker Stefan Gwildis diese Farbschattierungen. Er bezog sich dabei auf Hamburg, aber das macht den Kohl nicht fett.

Ich dachte früher auch, dass Klinkerbauten in ganz Deutschland üblich sind. In unserem Dorf hatten viele so ein rotes Haus, und gerade auch große, öffentliche Bauten waren oft in rotem Klinker gebaut. Meine Eltern hatten sich 1966 für einen weißen Putzbau entschieden – mein Vater bereute das später, denn dank des feuchten Windes hätte er eigentlich mindetens alle zwei Jahre den hinteren Giebel streichen müssen, der gerne grün bemooste. Aber unsere Großeltern wohnten in klassischen Klinkerbauten und viele der Nachbarn auch. Als mir erstmals auffiel, dass man woanders auch ganz anders baut (unter anderem auch eher in die Höhe als in die Breite – bei uns zuhause gibt es ja reichlich Platz), war das für mich ein Aha-Erlebnis.

Ein öffentlicher Klinkerbau: die Kirche in Borkum, zur Abwechslung einmal unter strahlendblauem Himmel

Dass man mit der Heimat spezielles Essen verbindet, ist natürlich auch klar: Bei mir sind das herzhafte Gerichte wie Grünkohl, Labskaus, Mockturtle und eine ganze Batterie an Eintöpfen. Birnen, Bohnen und Speck gehört auch dazu, aber darüber reden wir mal lieber nicht. Und über Buttermilchsuppe auch nicht – Schreck und Graus! Aber natürlich über Kartoffeln – Norddeutschland ist Kartoffel-Land. Wenn die einmal ausgehen, denken viele Norddeutsche über die sofortige Auswanderung nach. Oder über eine Revolte. Oder über beides, Hauptsache, es gibt wieder Kartoffeln.

Getränke gehören auch zu den Zuhause-Zeichen: Ostfriesentee, gerne mehrmals am Tag, und herbe Biere. Die mochte ich nie so besonders gerne, ich habe mich erst mit dem eher wässrigen bayrischen „Hellen“ einigermaßen ans Biertrinken gewöhnt. Mit kleinen Schnäpschen kam ich da schon besser klar: Korn, irgendwelche „Roten“ (Aufgesetzte auf Korn- oder Geneverbasis) oder sonstige fruchtige Sorten gehörten schon immer irgendwie dazu. Und Grog à la Tante Hilde, aber sowas schmeckt mir auch erst jetzt.

Aber nicht immer fahre ich aus Frankfurt nach Norddeutschland, manchmal geht es auch andersherum: Trifft man sie in der Frankfurter Innenstadt, erkennt man sie in der Regel schon bevor sie anfangen zu sprechen – die Damen der Landfrauenverbände aus meiner Heimat. Denn sie tragen diese praktische, sturmerprobte Kurzhaarfrisur (bei den älteren Semestern gerne noch dauergewellt) und eine Weste. Das ist mir früher nie aufgefallen: In Norddeutschland trägt man Westen, woanders eher nicht. Und damit meine ich jetzt keine schicke Weste, die den Anzug oder ein festliches Outfit aufwerten soll. Ich meine damit diese winddichten Dinger mit Reißverscluss bis an den Hals, die man über ein T-Shirt oder einen leichten Pulli anzieht, um keine Bronchitis zu bekommen. Ich hatte früher auch so etwas: eine dicke gesteppte Weste in Grün für den Winter, eine leichte aus dunkelblauem Windjackenmaterial gegen Sturm und eine recht hübsche blaue, die man an kühleren Sommertagen gut zum Fahrradfahren anziehen konnte. Inzwischen tragen viele Norddeutsche diese robusten Westen von Jack Wolfskin, in denen man ohne Hustengefahr sämtliche Ozeane durchsegeln könnte. Ich habe keine mehr – hier weiß ich einfach nicht, wann ich die anziehen soll.

Beginnen die Landfrauen dann damit, sich zu unterhalten, weiß man, dass man richtig gelegen hat mit der instinktiven Einordnung: Denn einige der Damen reden immer noch Platt. Leider wird diese Sprache inzwischen immer weniger verwendet: Schon ich kann unser schönes Plattdeutsch zwar gut verstehen, aber nicht richtig sprechen, und die meisten Kinder aus der Generation meines Neffen kommen gar nicht mehr damit in Kontakt. Trotzdem ist das nordwestdeutsche Hochdeutsch so speziell, dass man nach wenigen Sätzen weiß, dass derjenige, mit dem man gerade spricht, aus der gleichen Ecke kommt wie man selbst. „Wo bist du denn wech?“, kann man dann fragen, und die Verbindung ist hergestellt.

Und auch diese spezielle Grammatik der Norddeutschen lässt mich dann lächeln, denn ich rede immer noch genau so: „Drei Schnaps und drei Bratwurst, bitte!“, ordert man auf einem Festchen, ungerührt darüber, dass man eigentlich die Mehrzahl verwenden müsste. Ich mache das immer noch so, wenn ich daheim bin – was sollte denn sonst auch Schlachters Erika von mir denken, wenn ich auf einmal „Bratwürste“ bestellen würde?

Zuhause-Töne

Es gab eine schöne Aufgabe im Schreibworkshop: Wir sollten über die Frage nachdenken, welche akustischen Dinge dafür sorgen, dass wir uns zuhause fühlen. Natürlich fühle ich mich heute mit anderen Tönen zuhause als früher, doch meine Gedanken flogen als erstes zurück in die Kindheit, zu den Geräuschen, die mich beim Einschlafen oder Aufwachen umgaben. Und da klang es so:

Zuhause-Töne

Die Frau hinter mir hat einen Hüftschaden. Ich habe dies nicht gesehen, aber ich höre es: Ich weiß, wie ein Hüftschaden klingt, ich habe mir das jahrelang akustisch angeeignet. Es klingt wie laufen mit einer Pause: Und … Schritt! Und … Schritt! Und … Schritt! Und … Schritt! Das eine Bein läuft lauter als das andere, besonders in Pantoletten. Wenn ich früher in meinem Kinderbett lag, hörte ich meiner Mutter bei der Hausarbeit zu, bevor ich irgendwann in den Mittagsschlaf sank. Und wenn ich aufgewacht bin, war vielleicht Papa schon wieder da, dann wurde gehustet. Mein Vater hat auf eine ganz bestimmte Weise gehustet, zumindest, so lange er gesund war.

Ansonsten war es still bei uns, vom Zwitschern der Vögel und Muhen der Kühe einmal abgesehen. Manchmal, bei besonderen Windverhältnissen, hörte man von Ferne das leise Dröhnen der Autobahn. Aber das hat nicht gestört, das war einfach nur da. Mein Vater glaubte dann immer zu wissen, wie das Wetter am nächsten Tag wird, und manchmal hatte er damit sogar recht. Mein Vater liebte Wetterprognosen anhand von Bauernregeln: „Abendrot gift Water in’n Sod“ oder „Wenn die Eichen lange Blätter tragen, gibt es einen harten Winter.“ Das war mit Sicherheit auch gereimt, aber das habe ich vergessen.

Wenn ich bei Oma schlief, waren die Geräusche anders: das Flüstern, wenn die Großeltern ins Schlafzimmer gingen und dabei durch das Zimmer mussten, in dem wir schliefen. Das Rauschen, wenn einer von beiden nachts mal musste und den Nachteimer benutzte. Das leise Schnarchen meines Opas und das unglaublich laute von Oma. Man wusste immer, dass sie da sind und was sie gerade machen. Und beim Aufstehen hat Oma gepupst – dann war Tag. Die Tauben haben gegurrt und die Vögel gezwitschert. Frau Meiß rief nach Peter und Nachbars Kampfdackel Rowdy hat hysterisch gekläfft. Zeit zum Aufstehen, Opa kocht Eier.

Die Frau hinter mir hat einen Hüftschaden. Heutzutage kann man das gut richten, früher war das eine größere Sache. Komisch, woran man alles denken muss, nur weil hinter einem jemand hinkt. Wenn gleich auch noch jemand hustet, fühle ich mich hier auf dem Frankfurter Gehweg wie zuhause. Schnarchen wäre auch okay, nur Pupsen muss nicht sein.

Mein Zuhause: Mein Kinderzimmer war hinter dem Fenster unten rechts, mein Jugendzimmer über der Garage.