Der kleine Tod

Die Idee zu dieser Geschichte kam mir in einem Schreibworkshop, in dem wir als Inspiration ein Bild von einem Kind ohne Gesicht erhielten. Merkwürdig, sowas – warum stellt man so ein Bild in eine Bilddatenbank ein, wenn man nicht will, dass das Kind gesehen wird? Weil die Jacke so schön ist? Egal, bei mir kam eine kleine, absurde Geschichte dabei heraus. Und heute zu Halloween – eine Veranstaltung, von der ich selber überhaupt nichts halte – erscheint sie mir passend.

Der kleine Tod – Lehrjahre

Als der Tod ein Kind war, sah er fast aus wie andere Kinder: Er war klein, pummelig und machte sich gerne schmutzig. Statt der schwarzen Kutte trug er eine bunte Jacke mit Kapuze. Eine Sense hatte er auch noch nicht, was er ungerecht fand. Doch es gab keine Kindersensen und sein Vater, der auch ein Tod war, fürchtete sich davor, seinem Sohn allzu früh ein solches Gerät in die Hand zu geben. Ihm selber, Tod Senior, war damals an seinem allerersten Tag in der Lehre das schwere Werkzeug aus der Hand geglitten und in einer Konditorei in ein Damenkränzchen gefahren. Jahre später sollte dieser Vorfall den Schlagersänger Udo Jürgens zu seinem Hit „Aber bitte mit Sahne“ inspirieren, aber in erster Linie war die Sache doch eher peinlich.

Bild unbearbeitet von Pixabay. Das mit dem fehlenden Gesicht war nicht meine Idee.

Dem kleinen Tod blieb also nichts weiter übrig, als sich im Spiel auf seine spätere Rolle vorzubereiten. Da war gar nicht so einfach. Andere Kinder fanden ihn trotz seines niedlichen Äußeren ein wenig unheimlich, was daran liegen mochte, dass ihm ein Gesicht fehlte. Vielleicht lag es aber auch an seiner Angewohnheit, mit einer Fantasiesense, zumeist bestehend aus Maisstängeln oder Birkenreisig, herumzufuchteln und dabei „Ich mäh dich um“ oder „Warte nur, bis ich groß bin!“ zu rufen. Er fand also auf gewöhnlichen Spielplätzen nur schwer Anschluss und bevorzugte deshalb, wie alle jungen Tode vor ihm, den Wald. Dort traf er auf allerhand andere Gestalten, die ebenfalls noch zu klein waren, um ihrer Bestimmung nachzukommen, und zu merkwürdig, um in einem normalen Kindergarten aufgenommen zu werden.

Eine besondere Freundschaft verband den kleinen Tod mit einer guten und einer bösen Fee sowie einem jungen Vampir, der sehr darunter litt, noch keine spitzen Vampirzähne zu haben. Ein Vampir mit Milchzähnen ist in etwa so furchteinflößend wie Gevatter Tod mit Maisstängel. So waren die beiden Jungen Leidensgenossen, die damit leben mussten von den Hasen und Rehen im Wald ausgelacht zu werden.

Die beiden Feen waren da anders, irgendwie anstrengender. Mädchen halt. Die eine, die eine gute Fee werden wollte, redete gerne auf die Jungen ein. Niemanden ganz aussaugen sollte der Vampir später, immer nur ein bisschen anbeißen und probieren. Und der Tod sollte nur die holen, die ohnehin schon alt und klapprig wären. „Sei kein Böser, sei ein Erlöser“, flötete sie immer wieder und erlaubte ihm, ihre rosa Haarschleife zu lösen und mit ihren goldenen Locken zu spielen.

Ihre böse Schwester hingegen hielt nichts von diesen wohltätigen Gedanken. Sie führte bereits jetzt eine schwarze Liste mit Leuten, die sie würde verfluchen wollen, wenn sie das verfluchte Fluchen denn endlich gelernt hatte. Sie ließ niemanden mit ihren Haaren spielen, was gut war, denn wegen ihrer ständigen Überspanntheit sprühten die drahtigen grünen Borsten immer mal wieder Funken.

So wuchs der kleine Tod heran, spielte mit seinen Kameraden und ließ sich von seinem Vater Schritt für Schritt in das Familiengeschäft einführen. Ihr Slogan lautete: „Keine halben Sachen, einer muss es ja machen!“ Mit zehn bekam der kleine Tod seine erste schwarze Kutte. Als er zwölf war, hörten die Tiere im Wald auf, ihn zu hänseln, und mit fünfzehn bekam er endlich eine eigene Sense. Zunächst widmete er sich damit nur den Wildtieren und wandte sich dann dem Nutzvieh zu. Unter anderem verbreitete er diskret die Maul- und Klauenseuche. Dann wurde er unter der umsichtigen Führung seines Vaters auf die Menschheit losgelassen. Und er musste sich entscheiden: Böser oder Erlöser?

Glücklicherweise hatte das Spiel mit den Locken der guten Fee den kleinen Tod so geprägt, dass ihm als großem Tod die Antwort auf diese Frage leichtfiel: Er wollte ein guter Tod sein. Aufträge in Kriegsgebieten, Morde sowie Verkehrsunfälle lehnte er ab und spezialisierte sich stattdessen auf die Arbeit in Altenheimen und Hospizen. Das machte ihn glücklich und hatte auch einen ganz praktischen Vorteil: Denn für diese Klientel benötigte er die große, schwere Sense gar nicht. Hier reichte ihm ein Buttermesser. Vielleicht wäre sogar ein Maisstängel ausreichend gewesen.

Happy Halloween

Es kam die Zeit, die die Fischer fürchteten. Die Zeit, in der der Himmel sich verdunkelte, Nebel um die Sonne kreisten und das Meer schwarz wurde. Und viele, besonders die Alten, wussten von einer Gestalt zu berichten, die über dem Meer aufstieg – einer Gestalt, wie sie unheimlicher nicht hätte sein können. Es sei ein Gesicht, erzählten die, die es gesehen hatten, und wer es sah, war von dortan verflucht.

Gruselclown, designed by Meike

„Was heißt denn verflucht?“, fragte Jonas, der ewige Zweifler. „Naja, verflucht eben. Man hat dann Pech, unheimliches Pech, und kann froh sein, wenn man das überlebt“, antwortete der alte Petro, der Älteste unter den Fischern. „Was denn für ein Pech“, wollte Jonas wissen? „Was genau ist bei dir denn passiert?“ Petro atmete tief ein, nur ungern erinnerte er sich zurück. „Das war so“, begann er: „Am 31.10. habe ich dieses Gesicht gesehen. Drei Tage später starb mein Vater.“ Jonas nickte betroffen, fragte aber nach: „Ist es nicht so, dass dein Vater das gesegnete Alter von 94 Jahren erreicht hat und schon seit drei Jahren bettlägerig war? Hattet ihr nicht schon zu Ostern einen Sarg gekauft?“ „Ja, so war es“, gab Petro zu, „aber damit hörte es ja nicht auf. Ich hatte eine richtige Pechsträhne danach! Schon auf der Beerdigung meines Vaters ging es weiter – beinahe wäre ich hinter dem Sarg her in die Grube gestürzt.“ Die umstehenden Männer blickten ernst, einer jedoch lachte ein wenig: „Ja, aber doch nur, weil du vor lauter Gram, mit 65 Jahren ein Waisenkind zu sein, schon am frühen Morgen mit deinen Freunden ein Gelage veranstaltet hast, mit Rotwein und ein paar Grappa auf den letzten Weg deines alten Herrn!“ Petro murmelte etwas, kam aber nicht weiter zu Wort, denn ein anderer Mann schaltete sich ein.

„Auch ich habe die Gestalt gesehen, Männer, und auch mir ist es danach nicht gut ergangen. Ich sah das Gesicht am Himmel am 31.10. vor genau zwei Jahren, und wenige Tage danach hat meine Alte mich verlassen!“ „Wenn mir jemand dauernd die Augen blau schlagen würde, würde ich den auch verlassen! Aber vorher gäbe es was mit dem Nudelholz“, rief eine weibliche Stimme in die Männerrunde hinein. Es war Lisa, die Kellnerin, die eine neue Runde Wein brachte. „Also von dir hatte meine Olle diese blöde Idee“, motzte der Verlassene und rieb sich gedankenverloren die rechte Schulter. „Das Schlüsselbein hat sie mir gebrochen, die dumme Kuh – ich kann nur dankbar sein, dass sie nicht meinen Kopf getroffen hat.“ „Glaub mir, junger Freund, das hätte in deinem Fall nicht viel Unterschied gemacht. Nur ein hohles Knacken, sonst nichts.“ Lisa knallte das letzte Glas auf den Tisch und verließ die Runde ohne ein weiteres Wort.

Auch weitere Männer wussten von dem Ungemach zu berichten, das die sonderbare Gestalt am Himmel ihnen bereitet hatte. Dem einen war das Boot leck geschlagen, der zweite hatte Ärger mit dem pubertierenden Sohn und dem dritten, besonders bedauerlichen Kameraden war auf seiner eigenen Silberhochzeit die Hose geplatzt – Sapperlott. Die Männer kamen aus dem Staunen nicht heraus und nur einer – natürlich der unbelehrbare Jonas – wollte auch in diesem Jahr am 31.10. wieder auf das Meer hinaus fahren. „Da sieh‘ dich nur vor, dass dir danach nicht das Haus abbrennt!“, befürchtete einer, und „Pass auf, dass deine Alte dir danach kein Kuckuckskind ins Nest legt!“, riet ein anderer. Jonas lachte. „Meine „Alte“ ist erst 25, und unser Nest ist warm und groß. Wir nehmen, was kommt.“ Die Männer schüttelten den Kopf über so viel Unverstand, doch Jonas ließ sich nicht beirren. Ganz allein fuhr er hinaus an diesem letzten Tag im Oktober.

Das Wetter war ruhig und Jonas machte einen guten Fang. „Alle Fische sind für mich, alle sind für mich“, sang er leise, während er die Netze einholte. Kein einziges Schiff war weit und breit zu sehen, und dabei war das Meer glatt wie ein Spiegel. Erst gegen Abend, als er überlegte, allmählich nach Hause zu fahren, wurde der Himmel dunkler und irgendwie trüb. Und als Jonas sich gerade anschickte, zum letzten Mal das Netz an Bord zu ziehen, sah er, wie sich die kalte Sonne in ein Gesicht verwandelte. Es war … seltsam.

„Huuuu!“, machte das Gesicht, und „Huhu!“, sagte Jonas. „Wer bist du denn?“ Das Gesicht runzelte die Stirn. „Wer ich bin? Das sieht man ja wohl: Ich bin ein Gruselclown!“ „Ach was?“, sagte Jonas und guckte dumm. Er fand das Gesicht nicht besonders gruselig. Das sagte er auch: „Bitte nimm es mir nicht übel, aber ich finde dich nicht gruselig. Du siehst aus, als hätte mein Neffe dich gemalt, und der ist fünf.“ „Wie, ich sehe auch wie gemalt? Ich bin ein Gruselclown, ich bin schrecklich, und du musst dich fürchten.“ „Aha.“ Jonas war nicht überzeugt. „Warum?“ „Ja weil …“, der Clown war etwas verwirrt und stammelte herum. „Weil ich sonst mit einem Hammer hinter dir herrenne.“ Das stimmte Jonas nachdenklich. Er war ein logisch denkenden Mann und fand einen Haken an der Sache. „Wie willst du denn mit einem Hammer hinter mir herrennen? Du hast gar keine Arme, um den Hammer zu halten, und keine Füße, um hinter mir her zu sein.“ Der Clown sah ein bisschen beleidigt aus. „Es ist nicht schön von dir, dass du mir meine Schwächen so vorhältst.“ „Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht kränken. Du musst aber zugeben, dass es auch nicht schön von dir ist, dass du die Leute hier alle Jahre wieder erschreckst.“ Der Clown wirkte nachdenklich. „Es tut mir leid, dass du so empfindest. Aber das ist ein alter amerikanischer Brauch, und da ihr Europäer nach allem verlangt, was amerikanisch ist, erschien mir mein Verhalten angemessen.“ Jonas musste lachen. „Aber Gruselclown, da irrst du dich. Halloween ist kein amerikanischer Brauch, die machen das nur nach. Eigentlich kommt diese Sitte aus Irland und wurde von irischen Einwanderern in die USA gebracht. Wusstest du das nicht?“ Das Gesicht am Himmel wirkte entsetzt. Langsam, wie in Zeitlupe, schüttelte der Gruselclown den Kopf. Mehr hatte er ja auch nicht zum Schütteln. „Nein, das wusste ich nicht. Bist du dir da sicher?“ „Ganz sicher!“, antwortete Jonas. „Guck mal auf Wikipedia!“ Der Gruselclown stöhnte. „Dann ist also alles, was ich hier Jahr für Jahr gemacht habe, völlig sinnlos. Mein ganzes Leben hat seinen Sinn verloren.“ „Ich weiß nicht recht, aber du solltest nicht gleich alles in Frage stellen. Du könntest in dich gehen und darüber nachdenken, wie du jetzt weitermachst. Vielleicht solltest du zuerst mal nach deinen Wurzeln suchen.“ Die Gestalt am Himmel straffte sich und wirkte gleich ein bisschen weniger verzweifelt. „Ja, das werde ich tun. Vielen Dank für deinen weisen Rat.“ Mit diesen Worten verschwand das unheimliche Gesicht am Himmel und ward nie wieder gesehen.

 

Happy Halloween allen, die Spaß daran haben. Und allen anderen einen schönen 31. Oktober.