Danke, lieber Wettergott!

Es war mal wieder soweit: Die jährliche Kohlfahrt stand an. Natürlich wie immer in der norddeutschen Tiefebene, und wie immer in dieser eigentlich ungeeigneten, unwirtlichen Jahreszeit.

Die Insignien der Macht – aller Ruhm dem Königspaar

Wie im letzten Jahr schon berichtet, trug ich dieses Mal schwer an der Königinnenwürde. Man hatte mir die Insignien der Macht verliehen, ebenso wie meinem König Martin, und nun mussten wir liefern. Eigentlich ist sowas ja auch gar nicht so schwierig: Ein Kohlkönigspaar hat die Aufgabe, für die Organisation der Tour zu sorgen. Für alle die, die noch niemals einer Kohlregierung angehörten, schreibe ich hier mal auf, was alles dazu gehört (schließlich hat Meikes bunte Welt ja auch einen Bildungsauftrag!):

  • Termin finden
  • Teilnehmer anschreiben und einladen
  • Geld eintreiben
  • Lokal aussuchen und buchen
  • Treffpunkt ausgucken
  • Strecke vom Treffpunkt zum Lokal ausgucken
  • Wenn gewünscht, Pausenstand organisieren (damit keiner unterwegs verhungert)
  • Bollerwagen ausleihen (ist bei uns einfach, den bringt Harry mit)
  • Boßelkugeln ausleihen (wie oben, bringt Michael mit)
  • Einkauf organisieren:
    • Alkoholbedarf kalkulieren
    • Futter für Pausenstand kalkulieren
    • Sonstiges Gedöns auf die Einkaufsliste setzen: Knabberkram, Küchenrolle, Pappbecher …
    • alles einkaufen und ranschleppen (hat dieses Jahr der gute Martin gemacht!)
  • weitere Spiele überlegen
  • Überlegungen für die nachfolgende Legislaturperiode treffen: Wer könnte oder sollte das Amt übernehmen?
  • Initiationsriten festlegen

Royales Boßelengagement

Und dann, wenn es soweit ist, natürlich die Meute anführen, dafür sorgen, dass alle immer zu trinken haben und keiner verloren geht. Zum Glück helfen bei diesen Aufgaben immer alle mit.

Eines aber wird gerne mal vergessen, und dabei ist das fast das Wichtigste: Die Organisation des passenden Wetters. Wir sind nicht anspruchsvoll, gerne darf es winterlich sein, aber es sollte zumindest nicht schütten. In diesem Jahr ließ es sich schwierig an: Als ich am Freitag mit der ewigen Antje in Oldenburg ankam und mit ihr ein wenig shoppen ging, pinkelte es – mal wieder. Oldenburg im Regen ist der tristeste Ort der Welt – grau ist gar kein Ausdruck. Doch unsere Verbindungen zu einer höheren Macht erwiesen sich als krisenfest, am Samstag bekamen wir das:

Fast war es ein wenig zu warm, doch ich will nicht klagen. Wir hatten es nicht nur trocken, sondern so sonnig, dass von den gartenverrückten Norddeutschen schon die ersten im Vorgarten herumwühlten – unter anderem eine Dame von 86 Jahren, die so lange mit unseren Jungs herumflirtete, bis sie ihr Schnäpschen bekam. Bei so viel Fleiß ist es ihr zu wünschen, dass noch weitere Kohlfahrer vorbeigekommen sein mögen.

Das Wetter hielt, die Stimmung auch, und so kann ich wieder nur sagen: „Schön war’s!“ Die royale Macht ging auf Anja und Nils über, wo sie sicherlich in guten Händen ist und ich freue mich schon auf’s nächste Jahr.

Abendstimmung

Fundstücke 41 – Tuffels

Dieses kleine Fundstück sah ich auf Borkum, und es ließ mich lächeln und an meine Kindheit denken. Denn das schöne plattdeutsche Wort „Tuffels“ begegnete mir dort jeden Tag. Nicht jeder Tourist wird es wissen, kann aber wahrscheinlich erschließen, dass die hier im Set mit Grünkohl und allerlei Fleischwaren angebotenen „Tuffels“ auf Hochdeutsch „Kartoffeln“ heißen. So wie hier auf einem Schild habe ich den dialektalen Ausdruck aber noch nie gesehen.

Das beste Essen überhaupt!

Ich bin in Nordwestdeutschand aufgewachsen, und Nordwestdeutschland ist Kartoffel-Land. Ich glaube, wir hatten zuhause mindestens 5 Mal die Woche Kartoffeln – es kann auch öfter gewesen sein. Nudeln oder Reis gab es selten, denn meine Mutter vertrat wie so viele Nordlicher die Ansicht, diese Speisen seien ungesund. Man könne von Reis nicht leben, sagte sie, der enthalte keinerlei Nährstoffe. Nun, das erzähle man einmal den Milliarden von Asiaten auf dieser Welt …

Auch später in der Kantine und in der Mensa wurden wir mit Kartoffeln fast zu Tode gefüttert. Und erst vor wenigen Jahren erlebte ich in einem Hotel auf Sylt, das viel von Norddeutschen besucht wurde, beim Abendessen beinahe einen Aufstand: „Sie müssen doch zu jedem Essen Salzkartoffeln anbieten!“, wurde dort ein verdatterter Koch zusammengeschimpft. Der arme Mann war völlig verwirrt, wahrscheinlich war er ein Zugereister. Nun, das wird ihm nicht wieder passieren, dass er einen Speiseplan ohne Tuffels erstellt.

Bei mir gibt es inzwischen eher selten Kartoffeln zu essen. Ab und zu mal in der Kantine, oder zuhause im Eintopf – ansonsten bevorzuge ich Reis oder Nudeln. Und ich lebe noch!

Tücken der Finanzplanung 1

Das Jahr 2016 hat seinen Einzug gehalten – zwar unspektakulär, aber überaus angenehm. Auf eine Jahresbilanz für 2015 möchte ich dieses Mal verzichten: So viele Leute ziehen Bilanzen, veröffentlichen Jahresrückblicke – da kann die Welt auf meine sicherlich verzichten, und ich erst recht. Lieber schaue ich voraus und gebe mich der Planung für 2016 hin.

Und da fällt mir gleich auf, dass ich dieses Jahr schon einen großen Fehler gemacht habe – einen Kardinalsfehler quasi, nicht oder nur schwer wieder gutzumachen. Ich bin sogar sehenden Auges in diese Malaise gelaufen, indem ich darauf verzichtet habe, am Silvester nochmal in den Rewe zu laufen und Grünkohl zu kaufen.

Grünkohl mit Mettende

Ja, ihr lest richtig, mein Verderbnis wird von Grünkohl verursacht, oder besser gesagt von nicht vorhandenem Grünkohl. Denn der Grünkohl an Neujahr hatte bei uns immer Tradition, wegen der Finanzlage, wie mein Vater zu sagen pflegte. Denn gemäß des nordwestdeutschen Volkswissens (höre ich da irgendwo das Wort „Aberglauben“ flüstern?) gilt es als gesichert, dass derjenige, der an Neujahr Grünkohl verzehrt, im nächsten Jahr ausreichend Geld haben wird. Folglich gab es bei uns zuhause fast jedes Neujahr dieses bodenständige Essen, und wir kamen finanziell immer über die Runden.

Ich erinnere mich an eine Ausnahme von dieser Tradition: In einem Jahr – es mag so um 1988 herum gewesen sein – hatte meine Mutter den traditionellen Grünkohl vorbereitet, schön mit Kassler, Pinkel und Kochwurst. Und dann kränkelte die Familie: Der Vater hatte es am Magen, die Tochter war verkatert. Es gab also statt des fetten Kohlessens eine magenschonende Tütensuppe mit Brötchen. Am gleichen Abend ertappte ich meinen Vater dabei, wie er mit einer Gabel einen Happen eiskalten Kohls aus dem Kochtopf im Kühlschrank fischte, um das Finanzjahr doch noch zu retten. Ich erklärte mich solidarisch und nahm auch einen Bissen. So entkamen wir knapp der Insolvenz.

Ich habe diese Tradition auch in der Fremde fortgesetzt – die kleinen Kohlportionspäckchen der Firma Meica machen es möglich. Nicht wie bei Muttern natürlich, aber durchaus lecker. In diesem Jahr habe ich aber darauf verzichtet, denn ich hatte Silvesterbesuch und ahnte, dass mir diverse Reste bleiben würden. Es ist doch sinnlos, wegen eines bloßen Aberglaubens gutes Essen im Kühlschrank umkommen zu lassen. Und in der Tat hatte ich an Neujahr mehr als reichlich zu futtern übrig: zweierlei Salat, Würstel, zwei Sorten Blätterteigröllchen – die Ernährungslage war gesichert. Da noch mit Grünkohl zu kommen, wäre unvernünftig gewesen und hätte meinem guten Vorsatz, künftig weniger Lebensmittel wegzuschmeißen, deutlich entgegengestanden.

Und doch bleibt ein bisschen Nachdenklichkeit: Was, wenn der Volksglaube Recht hat? Was, wenn ich nun geradewegs der Pleite entgegenschlittere? Derzeit bin ich ganz ruhig, denn einen Joker habe ich noch. Was das ist, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

Kohlfahrt

Das Gute zuerst: Ich habe meine Gallen-OP wider Erwarten überlebt und bin inzwischen wieder zuhause, wo ich etwas müde auf dem Sofa herumlungere. Alles gut soweit. Schlecht ist heute lediglich, dass die diesjährige Kohlfahrt, die ich sonst einmal im Jahr mit meinen lieben Freunden in der Nähe von Oldenburg mache, dieses Mal ohne mich stattfinden musste. Nämlich heute.

Kohlfahrt – 2014 leider ohne mich

Der eine oder andere Nicht-Eingeweihte wird sich vermutlich fragen, was eine Kohlfahrt eigentlich ist. Nun, da muss ich etwas weiter ausholen: Denn eine Kohlfahrt ist eine traditionelle Veranstaltung, also eine Art Kulturgut. Wobei sensible Feingeister diese Art von Kultur wohl eher als Unkultur abqualifizieren würden. Dabei ist es eigentlich ganz harmlos.

Bollerwagen

Bollerwagen mit Leichtlaufrädern, gebaut und verliehen von Günter. Man beachte die praktischen Halterungen für die Schnapsleiste sowie die Deko-Grünkohlstrünke.

Im Grunde ist eine Kohlfahrt nichts weiter als ein längerer Spaziergang mit Freunden, Kollegen oder Clubmitgliedern mit dem Ziel, in einer zuvor gebuchten Lokalität Hausmannskost zu sich zu nehmen. Dieser Ausflug findet im Winter statt, denn gegessen wird Grünkohl, und der muss Frost gehabt haben, hat also in den Wintermonaten Saison. Man trifft sich am frühen Nachmittag, so dass vor Einbrechen der Dunkelheit ausreichend Zeit für die Wanderung und weitere körperliche Ertüchtigung bleibt. Gelaufen wird zumeist etwas abseits der Hauptstraßen, einfach weil es schöner ist und man dann mehr Gelegenheit für Sport, Spiel und angemessene Pausen hat. Und weil man in Norddeutschland ist, gibt es an geistigen Getränken, soviel wie eben reingeht. Traditionell wird an jeder Ecke oder Kurve ein Schnäpschen getrunken, das kann aber durchaus flexibel gehandhabt werden. Hauptsache, ein jeder hat daran gedacht, sich ein Band mit einem Gläschen dran um den Hals zu hängen. In der Regel klappt das, und für den Fall der Fälle hat ein umsichtiges Kohlkönigspaar immer ein paar Ersatzgläschen dabei. Was ein Königspaar ist, erläutere ich später noch, denn das ist gar nicht unwichtig. Und wenn jemand aus irgendeinem Grund keinen Alkohol möchte, ist das auch okay, man darf auch Alkoholfreies ins Gläschen gießen.

Nun aber genug der Theorie. In der Praxis treffe ich mich einmal im Jahr mit wirklich guten, langjährigen Freunden zur Kohlfahrt. Wir betreiben das schon seit der Schulzeit, also rund ein Viertel Jahrhundert – der Gedanke ist beinahe ein bisschen erschreckend. Natürlich kamen und kommen immer wieder neue Teilnehmer hinzu, was prima ist. Gäste sind herzlich willkommen und so konnte ich zum Beispiel auch schon meine Karnevalsweiber in die Geheimnisse der Kohlfahrt einweihen. Ihnen machte es Spaß und sie schlugen sich wacker, auch wenn sie es „komplett sinnfrei“ fanden.

Wir treffen uns zumeist irgendwo richtig in der Pampa. Der mitgebrachte Bollerwagen wird beladen: Jede Menge Schnapsbuddeln, Kasten Bier, Schnapsleiste, Spielutensilien (wechselnd, aber Boßelkugeln sind immer dabei), Proviant für den kleinen Hunger zwischendurch, Küchenrolle für die Dreckspätze … Es werden ein paar Schnäpse zum Warmwerden gekippt und dann geht es los.

Kohlessen 2014 - Bild übermittelt von Fidi

Kohlessen 2014 – Bild übermittelt von Fidi

Das Ziel der Tour weiß in der Regel nur das Kohlkönigspaar. Diese beiden Würdenträger werden jeweils am Ende einer Kohlfahrt durch mehr oder minder alberne Spielchen ermittelt und bekommen die Aufgabe, die Kohlfahrt des nächsten Jahres zu organisieren. Dies ordentlich zu machen ist natürlich eine Frage der Ehre, so dass unsere Kohlpartien in der Regel gut organisiert und immer sehr schön sind. Böse Zungen behaupten zwar, dass die Spiele, mit denen das neue Königspaar bestimmt wird, allesamt nutzlos und die Sieger schon im voraus festgelegt seien, aber das ist bislang unbewiesen. Und Spiele nach ungewissen Regeln sind allemal besser als die Inthronisierungsmethoden, die noch einige Jahrzehnte zuvor in Mode waren: Zu Zeiten als meine Eltern auf Kohlfahrt gingen, wurden die Kandidaten vor und nach dem Essen öffentlich gewogen und wer am meisten gegessen hatte, bekam das Amt.

Unterwegs wird gespielt: Begonnen wird bei uns zumeist mit Boßeln, wobei wir die Regeln stark abändern. Wir können das nämlich eigentlich nicht so richtig, und deshalb bilden wir nur zwei Mannschaften, kullern die Bälle jeder einmal, gucken welches Team am weitesten ist und die Sieger dürfen einen trinken. Damit keiner traurig ist, die Verlierer natürlich auch. Die Boßelei geht jedes Mal mit viel Geschrei ab, aber das muss so sein, das ist bei Boßelvereinen nicht anders. Der bedeutungsschwangere Satz: „Hier musst du beikommen“ sagt so viel wie: „Rolle die Kugel bitte mindestens bis hier und schmeiß‘ sie nicht wieder vor den nächsten Baum, und auch nicht in den Graben.“ Das mit dem Graben passiert trotzdem dauernd, aber dafür hat man einen Grabenbeauftragten, der die Kugel mit einem Kraber wieder rausangelt und dem nächsten Spieler das schlammbedeckte Utensil anreicht.

Wenn man genug geboßelt hat, kann man etwas zügiger laufen, oder aber mit anderen Spielen beginnen. Üblich ist das Besenwerfen (man schleudert dabei einen Strauchbesen ohne Stiel), das Teebeutelweitwerfen (wobei der Beutel am Zipfel in den Mund genommen wird) oder das Gummistiefelweitwerfen. Auch Geschicklichkeitsspiele sind beliebt, gerade weil die Geschicklichkeit mit fortschreitender Wanderstrecken nachlässt. Kinderspiele wie Eierlaufen oder Sackhüpfen gewinnen deutlich an Reiz, wenn man einen sitzen hat, und nüchtern würde ich wohl auch nicht mit einer Salatgurke zwischen den Knien um eine leere Schnapsflasche hoppeln.

Künstliche Ecke, erfunden von Ute. Foto geklaut auf unserem Kohlfahrtsblog.

Künstliche Ecke, erfunden von Ute. Foto geklaut auf unserem Kohlfahrtsblog.

Wichtig sind auf einer Kohlfahrt natürlich die Pausen. Wir halten uns recht gut daran, an jeder Ecke einen zu trinken, es sei denn, wir starten in einer Wohnsiedlung – dann lassen wir mal eine Ecke aus. Problematisch sind die langen Strecken, die sich schnurgerade in eine Richtung ziehen. Früher haben wir improvisiert und Bäume oder Gattertore zu Ecken erklärt. Inzwischen sind wir da professioneller und tragen eine mobile Ecke mit uns herum – man muss sich zu helfen wissen. Um dieses Utensil wurden wir schon verschiedentlich beneidet, von anderen Kohlfahrern, die wir unterwegs getroffen hatten und die nicht so gut ausgerüstet waren. An guten Wochenenden trifft man auf einige andere Gruppen, die ebenfalls auf Kohlpartie sind – jede auf ihre Art. Manchmal kommt es zu netten Gesprächen, man stößt miteinander an oder tauscht Schnäpse. Auf diese Weise wurden wir endlich den Jägermeister los, den wir schon jahrelang mit uns rumschleppten und den keiner trinken wollte: Wir bekamen Ouzo dafür, der wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal durchlitten hatten.

Und damit wir unterwegs nicht vor Entkräftung umfallen, planen wir immer eine größere Pause ein: An irgendeiner Stelle steht ein Auto mit einem wohlmeinenden Familienmitglied und einem umfangreichen Pausensnack. Heiße Getränke, dazu was Herzhaftes: Mettbrötchen, Schmalzstullen, Käsehappen. Es lässt sich beobachten, dass inzwischen deutlich mehr Tee als Glühwein getrunken wird – wir werden anscheinend nicht jünger und doch ein ganz bisschen vernünftiger.

Am Ende eines langen Weges - Reste 2014.

Am Ende eines langen Weges – Reste 2014.

Das letzte Stück des Weges wird fast immer ziemlich flott zurückgelegt: Es ist zu dunkel zum Spielen, alle sind ein bisschen durchgefroren, die Damen müssen auf’s Klo. Außerdem sind wir immer zu spät dran. Trotzdem werden oft vor dem Lokal noch einige Schlückchen getrunken, damit nichts umkommt. Und dann geht es hinein in die Wärme, den Suppenduft, manchmal auch den Lärm. Denn bei vielen Kohlfahrtsgruppen sind so genannte Gemeinschaftskohlfahrten beliebt, bei denen nach dem Essen getanzt wird. Wir vermeiden das, denn da wir uns nur so selten sehen, wollen wir uns in Ruhe unterhalten und mieten deshalb immer einen Clubraum. Hier wird dann also gegessen: Suppe, Grünkohl, Kartoffeln, reichlich fettreiche Fleischwaren und Nachtisch. Getrunken wird natürlich auch, von vielen inzwischen sogar Wasser. Nach dem Essen gibt es den Wechsel der Regentschaft und die Inthronisierung, der in der Regel ein letzter Schnaps folgt. Und dann ist es irgendwann vorbei – die Kohlfahrt eines Jahres ist geschafft und man hat rund zwölf Monate Zeit, sich auf die nächste zu freuen.

Heute war ich nun also nicht dabei. Ich wurde mit Neuigkeiten und Fotos versorgt – What’s App macht’s möglich. Im nächsten Jahr bin ich wieder fit und will dabei sein, und ich fange heute schon an, mich darauf zu freuen.

 

Heimat in Dosen

Nach meinem Kurzausflug in die Welt der Modeblogger gibt es heute einen genau so kurzen Trip in den Bereich der Kulinarik-Spezialisten: Denn dieses Mal geht es ums Essen. Nun ist Essen natürlich viel mehr als nur bloße Nahrungsaufnahme – es vermittelt Gefühle, weckt Erinnerungen. Gerade Gerichte aus der Kindheit. Aber keine Sorge, ich will niemanden mit Pfannkuchen, Milchreis oder Nutellabrot langweilen. Ich habe mir lediglich drei norddeutsche Klassiker ausgesucht, die ich alle sehr schätze. Birnen, Bohnen und Speck ist allerdings nicht dabei – diesen Graus darf gerne jemand anderes essen!

Heimat in Dosen

Dieser Tage habe ich mal wieder ganz toll gekocht. Natürlich nicht kompliziert, das liegt mir nicht. Und auch nicht frisch – das wird total überbewertet. Aber heimatlich, es hat geschmeckt wie bei Oma. Zumindest fast. Denn bei Oma gab es Mockturtle auch immer aus der Dose.

Mockturtle_Wilfried Wittkowsky

Aufnahme: Mockturtle von Wilfried Wittkowsky, Wikipedia Commons

Ich bin niemand, der fern der norddeutschen Heimat fürchterlich unter Heimweh leiden würde. Aber ich bemerke doch, dass ich typische norddeutsche Gerichte, die es hier nicht oder nur schwer zu kaufen gibt, inzwischen anders esse als zuvor. Und teilweise auch lieber. Das kann natürlich auch daran liegen, dass sich „im Alter“ der Geschmack verändert. Ich glaube aber eher, dass es an den Heimatgefühlen liegt, die mit Labskaus, Grünkohl und Mockturtle verbunden sind. Von Weizenkorn und Bullenschluck natürlich ganz zu schweigen. Und Fischbrötchen, natürlich …

Aber wovon rede ich hier eigentlich? Für den unbedarften nicht-nordddeutschen Leser hier einige Erläuterungen:

Genau genommen ist eine Mockturtlesuppe eine ziemlich furchtbare Angelegenheit: Einst erfunden als billiger Ersatz für Schildkrötensuppe, sieht sie aus wie eine zu dick geratene Bratensoße mit Kleinfleisch, Brätbällen und Pilzen drin. Und so schmeckt sie auch. In meiner Kindheit gab es die Suppe immer zu Familienfeiern, mit diagonal halbiertem Toastbrot dazu. Mal zum Sattessen, mal als Vorsuppe, bevor es Würste und Kartoffelsalat gab. Oder eben bei Oma, mit extra Champignons drin als Soße zu Makkaroni. Warum es unbedingt Makkaroni sein mussten, weiß ich nicht mehr, es war einfach so und machte jedes Mal eine herrliche Schweinerei. Heute koche ich kurze Nudeln dazu, denn ich müsste die Schweinerei selber wieder wegmachen. Die Suppe kaufe ich natürlich nicht in Frankfurt, denn dort gibt es Mockturtle nur in Feinkosttempeln zu absurden Preisen. Ich importiere immer mal wieder ein paar Dosen aus Niedersachsen.

Etwa einmal im Jahr habe ich auch das – manchmal etwas zweifelhafte – Vergnügen, in unserer Kantine mit dem niedersächsischen Nationalgericht Grünkohl versorgt zu werden. Das schmeckt zwar lange nicht so lecker wie bei Muttern und ist auch beinahe vegetarisch (weil ein kleines Mettende kein Ersatz für Kassler, Pinkel, Speck und Kochwurst ist), aber es ist besser als nix.

Grünkohlvergleich

Links: Kantinengrünkohl Frankfurter Art, eigene Aufnahme. Rechts: Norddeutsches Grünkohlgericht, Aufnahme Wilfried Wittkowsky, Wikipedia Commons.

Ordentlich mit Senf nachgewürzt kann man die hessische Grünkohl-Variante durchaus essen und spürt ein wenig eingebildeten Seewind um die Nase. Ein kaltes Körnchen danach wäre natürlich schön, aber das ist in unserer Kantine nicht drin.

423562_web_R_K_by_knipser5_pixelio.de

Aufnahme: Knipser5, pixelio.de

Was ich leider kaum einem Hessen nahe bringen kann, ist das alte Seefahrergericht Labskaus. Das sieht zugegebenermaßen auch nicht so schön aus. Und wenn man es aus der ebenfalls importierten Dose holt, zieht einem ein aromatischer Katzenfutterduft in die Nase. Trotzdem ist der Brei aus Kartoffeln, Fleisch, Zwiebeln und – je nach Rezept und Geschmack – allerlei Beiwerk einfach lecker und mit Sauergemüse, Spiegelei und Hering (Matjes, Bismarck oder Rollmops, ganz nach Gusto) nährstoffreich genug, um einen durch einen harten Winter zu bringen. Im nächsten Inselurlaub werde ich mir das gerne mal wieder gönnen.

Ich will aber nicht verschweigen, dass es auch in meiner Wahlheimat Frankfurt einiges gibt, das ich vermissen würde, sollte ich eines Tages zurück in meinen Norden ziehen. Ich müsste dann Apfelwein importieren (weil es da oben maximal den wässrigen Blauen Bock zu kaufen gibt) und mir ein Rezept für grüne Soße mitnehmen. Oder herausfinden, ob es die irgendwo in Dosen gibt.