Graubrot

Manchmal löst ein Bild etwas in einem aus – ein Gefühl oder eine Erinnerung. Bei mir war es kürzlich das Regal in einer norddeutschen Bäckerei, dass beides in mir bewirkte: Eine Erinnerung an meine Kindheit und ein glückliches Gefühl. Denn in der Bäckerei gab es Graubrot – Massen von Graubrot. So wie früher bei uns.

Aus irgendeinem Grund hatte meine Mutter früher einen Hang zu dieser unspektakulären Speise. Graubrot war bei uns, sogar noch vor den Kartoffeln, das Nahrungsmittel Nummer eins. Morgens und abends gab es Brot. Größtenteils mit Wurst oder Käse, aber auch mit Marmelade und Nutella. Manchmal gab es als Ergänzung Schwarzbrot oder Toast, immer gab es Graubrot. Jeden Tag. Die Brotmahlzeiten habe ich als Kind nie hinterfragt und mache es jetzt zuhause ähnlich – ich liebe Brot. Doch eines gibt es jetzt bei mir nie: simples Graubrot.

Es ging so in etwas mit zehn Jahren los, dass mir das öde Zeug zum Hals raushing. Ich begann zu nörgeln, fragte nach Dreikornbrot, ganz verwegen auch mal nach Fünfkorn – welch Revolution. Wenn ich lange genug genölt hatte, wurde mal eines dieser modernen Brote gekauft und wenn das aufgegessen war, gab es wieder … jaaa, genau, richtig – Graubrot! Also aß ich verstärkt Schwarzbrot und nörgelte erfolglos weiter. Erst in späteren Jahren begannen meine Eltern, andere Brote auszuprobieren, und da meine Schwester in einer Bäckerei arbeitet, wurde meine Mutter irgendwann richtiggehend mutig. Da war ich aber längst zuhause ausgezogen.

Die Bäckerei mit dem vielen Graubrot löste in mir also diese Erinnerung aus – an unzählige Frühstücke und Abendbrote zuhause in der Küche. Ich hörte wieder unser Radio dudeln – Radio Bremen 1 Hansawelle, sah die Aufschnittdose mit der alten Wurstgabel, das Käsemesser, den Brotbehälter von Tupperware. Ich erinnerte mich an unsere Brotbrettchen und an die Bretter in Form von Tomate und Paprika, die als Dekoration immer an der Küchenwand hingen. Und ich hatte den Geschmack von trockenem Graubrot im Mund.

Gerade die Erinnerung an diesen Geschmack war es, der das Glücksgefühl in mir beflügelte: Denn zum einen hatte ich eine gute Kindheit mit einer wunderbaren Familie, vielen gemeinsamen Mahlzeiten und Tischgesprächen. Und zum anderen kann ich mir inzwischen mein Brot selber aussuchen. Heute hatte ich den Rest einer Kornecke – mit ganz vielen Körnern und Karotten. Was es morgen gibt, weiß ich noch nicht – auf jeden Fall kein Graubrot.