In der Weihnachtsbäckerei

Seit ein paar Jahren kenne ich einige sehr nette Leute, mit denen ich mich regelmäßig treffe, um zu spielen oder Filme zu gucken – Bildungsfernsehen nennen wir das. Wichtiger Bestandteil unserer Treffen ist der Kaffeeklatsch: Dazu gibt es in der Regel Heißgetränke und Selbstgebackenes. Auch ich habe mich auf meine alten Tage zu einer einigermaßen emsigen Bäckerin entwickelt, und nachdem ich vor einer Weile eine wunderbare Blaubeer-Quarktorte gebacken habe, fühle ich mich auch fast zu allem befähigt. Daher wollte ich, ganz gegen meine Gewohnheit, zum Adventskaffee in der letzten Woche gleich zwei neue Rezepte ausprobieren. Nun ja – gut, dass meine Gäste nicht heikel sind.

Ich wollte eine Amerikanische Zitronentorte backen. Die hat schon meine Mutter immer gemacht und meine Schwester meinte, die sei einfach und gelinge immer. Na, dann kann ja nichts schiefgehen, schließlich bin ich die Queen der Blaubeer-Quarktorte. Und dazu etwas Weihnachtliches, einen norddeutschen Kranzkuchen mit Nüssen und Rosinen. Den kenne ich schon seit meiner Kindheit, zwar nur vom Bäcker, aber was man essen kann, kann man auch backen. Dachte ich zumindest.

Ich kaufte also ein – ordentlich dieses Mal, mit Liste – und machte einen Schlachtplan. Die Zitronentorte verlangt nach zwei Böden, da ich nur eine Form habe, musste ich die nacheinander backen. Das ging auch recht gut – ein Rührteig unten in die Form, Eischnee und Mandeln obendrauf, backen. In der Zwischenzeit bereitete ich schon mal meine Rosinen für den Kranzkuchen vor: In Rum baden, mit Nüssen, Mandeln und Honig mischen. Honig nach Geschmack, stand da – ich nahm viel. Ha, perfekt.

Die Zitronencreme soll zwischen die kalten Böden, die musste also bis zum nächsten Morgen warten. Aber während Boden zwei im Ofen war, konnte ich schon mal den Kranzkuchen angehen.

Ich mixte also genau nach Rezept einen Quark-Ölteig zusammen. Ganz schön ölig, das Zeug. Klebte alles rund um den Knethaken fest. Ich wusch mir die Pfötchen und versuchte, Mixer und Teig voneinander zu trennen. Doch die beiden hingen sehr aneinander, und also ich sie endlich auseinanderbrachte, hing der Teig an meinen Händen. Das sollte man ausrollen – das schien mir schwierig. Doch nicht umsonst habe ich in den letzten zwei Jahren immer „Das große Backen“ geguckt und dabei ein bisschen was gelernt: Ich legte den glitschigen Brocken also zwischen zwei Blätter Backpapier und begann damit, ein Rechteck auszurollen. Das ging recht gut, das Rechteck. Ich konnte auch das obere Backpapier wieder abziehen, als ich fertig war. Schick!

Nun kamen die Honig-Nuss-Rumrosinen zum Einsatz. Schön gleichmäßig auf dem Teig verteilen. Dann aufrollen. Klingt einfach, war es aber nicht. Es klebte und bappte. Das Backpapier wollte den Teig nicht mehr loslassen. Ich rollte ein bisschen und versuchte, das Papier abzuziehen. Einige Honigrosinen wurden fahnenflüchtig und schwärmten in der Küche aus. Ich kämpfte mit der Rolle, die keine werden wollte. Irgendwann hatte ich eine leidlich runde Wurst, die aber noch immer liebevoll von Backpapier umschlungen wurde. Um sie auszupellen, musste ich sie hochheben – dabei fielen schon wieder Rosinen auf den Boden. Die, die nicht abstürzten, klebten an meinen Armen. Endlich war die Teigwurst aus dem Papier gewickelt – nun musste ich sie nur noch auf das Blech bugsieren. Doch durch den Kampf mit der Teigpython war diese immer länger geworden und passte nicht mehr auf das Blech. Ich legte sie also wieder ab und stauchte sie erst einmal richtig zusammen. Endlich hatte sie eine ofengerechte Form.

Nun sollte man die Teigwurst noch längs einschneiden, damit der Kranzkuchen seine typische Form bekommen sollte. Nun, was soll ich sagen – ging nicht. Die klebrige Teig wollte sich nicht schneiden lassen. Egal – ich ritzte ein wenig und dann ab in den Ofen. Es sollte ja noch Zuckerguss darüber kommen – mit Zuckerguss kann man vieles verdecken. In der Tat sah mein Kranzkuchen nach dem Backen aus wie ein überdimensioniertes Graubrot, doch der am nächsten Morgen großzügig aufgetragene Zuckerguss verschaffte dem unbedarften Betrachter den Eindruck, dass das so sein muss.

Blieb noch die Zitronencreme. Dazu sollte man Wasser, Zucker und Zitronensaft aufkochen, Stärke rein, abkühlen lassen, Sahne rein, fertig. Dumm nur, dass ich so dumm war: Natürlich weiß ich, dass man Stärke eigentlich immer erst mit etwas kaltem Wasser anrührt oder im Schüttelbecher aufschüttelt. Aber in Mutterns altem Backbuch stand das nicht. Da steht vieles nicht, weil man das ja eigentlich weiß. Und so donnerte ich meine Stärke fröhlich singend in die kochende Flüssigkeit und produzierte so einen glibberigen Zitronen-Stärke-Brocken. Kräftig rühren – die Brocken wurden kleiner, sie waren nur noch haselnussgroß. Noch mehr rühren – der Schneebesen qualmte. Brocken in Erdnussgröße. So ging das nicht. Ich hielt also kurzerhand den Pürierstab in meine brockige Zitronencreme. Das Ergebnis wurde so „naja“. Leider hatte ich keine Zeit, neue Zitronen zu kaufen, also musste es so gehen. Ich pürierte noch ein wenig und rührte später auch lange und ausgiebig die Sahne hinein. Die Creme schmeckte, war aber eindeutig nicht ganz cremig. Zum Glück waren die vielen Mandeln auf den Tortenböden – wahrscheinlich würden die Gäste gar nicht merken, worauf sie da herumkauen. Ich baute also meine Torte zusammen und lebte das Prinzip Hoffnung.

Und, was soll ich sagen? Beide Gebäcke wurden gegessen – klaglos. Und ein Gutes hatte dieses Back-Desaster auch noch: Ich habe endlich mal wieder meine Küche gefeudelt. Rosinen in Honig sind nämlich nichts, was man einfach so aufsaugen kann. Und liegenlassen kann man die auch nicht!

Komische Gewohnheiten – in fremden Küchen herumreißen

Schon als ich noch ein Kind war, hat mich eine Gewohnheit zutiefst befremdet: das ungebetene Herumrackeln in anderer Leut’s Küche. Damit meine ich nicht Freunde wie die ewige Antje, die sich gerne jederzeit ohne zu fragen ein Glas aus meinem Küchenschrank nehmen dürfen. Ich meine diese Art von Gästen, die, kaum dass sie die Wohnung betreten haben, in der Küche stehen, um zu helfen oder zumindest im Weg zu sein. Oder die, die nach einem gemütlichen Essen sofort den Tisch abdecken und wie die Wilden anfangen zu spülen, um bloß das letzte bisschen Gemütlichkeit im Seifenschaum zu ersäufen. Ich benutze jetzt mal einen ganz altmodischen Ausdruck: Ich finde, sowas gehört sich nicht!

alter Herd im Museumsdorf Clopppenburg

Meine Eltern hatten solche Freunde: eigentlich nette Leute. Doch zu jeder Einladung kamen sie rund eine Stunde zu früh. Die Frau stürmte mit großem Hallo die Küche (und zwang meine Mutter damit, mit dem Kochen immer früher und früher anzufangen, damit sie bloß möglichst fertig wäre, wenn die Invasion begann) und der Mann musste von meinem Vater bespaßt werden, bevorzugt durch ausgedehnte Gartenbegehungen.

Natürlich ist das nett gemeint. Man will den Gastgebern helfen, will nicht, dass sie am nächsten Tag mit Bergen von Geschirr dahersitzen. Alles gut und schön, und wenn es gewünscht wird und die Küche es hergibt, kann man ja gerne nach dem Essen mal eine Runde spülen – in aller Ruhe und ohne „den Tisch umzukippen“, wie mein Vater das immer nannte. Dieses den Teller wegziehen, sobald jemand die Gabel weglegt, ist einfach unangenehm. Bis vor einer Weile dachte ich auch, dass dieses Verhalten eher in der Generation meiner Eltern vorkommt – bis ich so energische Spüler in MEINER Küche vorfand. Nun muss man dazusagen, dass

  1. meine Küche winzig und für mehrere Personen kaum geeignet ist und
  2. ich eine Spülmaschine besitze.

Es bestand also keine Gefahr, dass ich den ganzen Sonntag würde schuften müssen, um die paar Teller und Pfannen sauber zu bekommen. Trotzdem wurde herumgerissen, als gäbe es kein Morgen. Und ich benutzte den Morgen, um die ganzen Dinge, die irgendwer irgendwohin wegsortiert hatte, wieder aufzuspüren und an ihren angestammten Platz zu stellen. Nicht, dass ich pingelig bin, aber ich weiß einfach gerne, wo die alngen, scharfen Messer liegen – wer weiß, wann man mal eines braucht.