Ach, Gertrud …

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop: Gegeben war nichts weiter als das Wörtchen „Ach …“ Und dann nix wie los, die Zeit war wie immer knapp!

Ach, Gertrud …

damals …

Ach, Gertrud, was war das doch schön damals! Die Kinder waren klein und machten keine Sorgen, das Haus war neu und das Dach hielt dicht. Gut, wir hatten kein Geld und wenig Zeit, aber glücklich waren wir trotzdem.
Ach, Gertrud, was hatten wir es doch gut damals, als Hausfrau zwischen Bügelbrett und Putzeimer. Wenn Herbert weg war, gab es erst mal eine Kanne Tee, und wenn er wiederkam, auch. Damals hätte mir kein Hausarzt sagen können, dass ich zu wenig trinke. Abgesehen davon habe ich gar keinen Arzt gebraucht, jung und robust, wie ich damals war. Drei Kinder, Haus, Garten und ein Hund, das alles hielt auf Trab, da brauchten wir kein Fitness-Studio! Heute dagegen, ach, ach, alles knackt, im Sitzen schon und im Stehen noch viel mehr. Aber nicht so schlimm wie bei meiner Tochter. Die ist erst 42 und schon komplett verschlissen, ach, ach! Das kommt davon, wenn man nur sitzt. Ich sag ja immer, Ulla, sag ich, du musst dich mehr bewegen, kauf dir ein Fahrrad und einen Hund. Aber ach, sie hört ja nicht, denkt nur an ihre Karriere. Und das geht auf den Rücken, ach, Gertrud, ich sag’s dir!
Früher, ja, da waren wir kräftig, wir Hausfrauen. Waren den ganzen Tag auf den Beinen. Heute hat man da ja gar keine Zeit mehr für. Die Frau von unserem Jürgen, die Tina, die gondelt den ganzen Tag mit dem Auto rum, laufen geht da nicht, ach, was denkste denn. Außendienst macht sie, für einen Medizinladen. Als ob sie das nötig hätte, wo der Jürgen doch so gut verdient hat vor seiner Arbeitslosigkeit. Nun macht er die Kinder und den ganzen Haushalt und sie fährt in der Gegend rum und hat‘s im Rücken. Das ist doch keine Ordnung, Gertrud, ich sag’s dir! Wo man auch hinguckt, überall das Gleiche: Unter jedem Dach ein Ach …

Die Glorifizierung des Bandsalats

WählscheibentelefonManchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich verhalte wie meine Großeltern: Früher war alles besser, und wisst ihr noch, wie schön das damals alles war? Dann bemitleide ich andere Menschen für die Last der späten Geburt: Weil sie nicht mit dem „Drrrr“ der Wählscheibentelefone aufgewachsen sind und im Urlaub nie vor einer Telefonzelle („Fasse dich kurz!“) warten mussten. Wenn man es genau betrachtet, ist das genauso absurd wie die Litanei meiner Oma, die fand, dass die jungen Leute früher viel adretter daherkamen.

Die Glorifizierung des Bandsalats

Nostalgie ist in. Und meine Jugendzeit ist in. Es gibt 80er-Jahre-Partys, Wiederholungen alter Folgen von „Formel 1“ und „Hitparade“ und die unsäglichen Leggins sind auch wieder da (Meikes bunte Welt berichtete!). Auf Facebook gibt es große Gruppen, die sich der „Früher war alles besser – Schwärmerei“ hingeben, und was da oft verklärt wird, lässt mich ebenfalls gerührt lächeln. Obwohl es natürlich völlig absurd ist, was da alles als schön hingestellt wird.

Die alten schwarz-weiß-Fernseher, ja, sowas hatten wir auch. Wenn beim Fußball eine Mannschaft gelb, die andere hellblau trug, liefen 20 graue Männchen ebenso unübersichtlich wie langweilig durcheinander. Man musste zum Umschalten aufstehen, das hielt schlank, zumindest konnte man sich das einbilden. Gab ja eh nur drei Programme, eigentlich nur zweieinhalb, weil das Dritte erst um 18 Uhr begann. So oft wurde also nicht umgeschaltet. Die allerschönste Erinnerung an dieses Fernsehgerät ist jedoch die an den Moment, in dem man nach Hause kam und beglückt feststellen durfte, dass ein neuer Farbfernseher Einzug gehalten hatte. Mit Fernbedienung!

Ähnlich erging es mir mit dem wunderbaren grauen drrrr-Wählscheibentelefon. Das nachfolgende Tastentelefon (in modischem beige!) ließ einen nicht nur schneller wählen, sondern hatte ein viel längeres Kabel. Man musste beim Telefonieren also nicht im zugigen Flur herumstehen, sondern konnte sich gemütlich irgendwo niedersetzen, was Dauergespräche deutlich angenehmer machte.

Und dann die Radiorecorder. Viele waren und sind unkaputtbar – soweit ich weiß steht der, den ich zum dreizehnten Geburtstag bekam, noch bei meinem Schwager in der Werkstatt. Man konnte mit ihm natürlich aus dem Radio aufnehmen. Dazu musste man nur gleichzeitig zwei Tasten drücken, was oft nicht so recht gelang. „Schlurps“ machte es dann auf der Kassette, bevor das aufgenommene Lied losdudelte. Und wenn zwischendrin das Verkehrsstudio kam, hatte man die acht Kilometer Stop-and-go von Heide Richtung Hamburg für die Ewigkeit auf Tape gebannt. Toll!

Wenn man jedoch den zahlreichen Foristen und Facebookern Glauben schenken darf, war es die Krönung, wenn man einen 200-Meter-Bandsalat mit einem Bleistift aufwickeln durfte. Das ging natürlich nur mit einem sechseckigen Bleistift, hatte man nur einen runden, war man verloren. Auch mit einem eckigen Stift fand ich diese Aufgabe nicht besonders toll, denn man wickelte, wickelte und wickelte. Oft tat man diese Arbeit nur, um feststellen zu müssen, dass das Band beim nächsten Abspielen an genau der gleichen Stelle wieder Skandal machte und einen Bandsalat allererster Kategorie aus dem Radiorecorder quellen ließ. In diesem Fall habe ich mich im Zorn so manches Mal dazu hinreißen lassen, den Rest des Bandes auch noch aus der Kassette zu zerren. Wer das noch nie gemacht hat, sollte sich irgendwo eine Kassette besorgen und es ausprobieren: Man glaubt nämlich gar nicht, wie viel Band in so einer einzigen 90-Minuten-Kassette ist!

Bandsalat

Ich gestehe: Für diese Aufnahme habe ich eine Jethro Tull-Kassette geschlachtet, die mir seinerzeit mein Klassenkamerad Sören aufgenommen hat. Das macht aber nichts – denn diese Musik habe ich inzwischen auf CD und MP3. Und wenn ich Sören mal treffe, dann schwatzen wir immer ein wenig.

Natürlich werden auch andere Unannehmlichkeiten gerne glorifiziert. Ich erinnere mich an meinen Opa, der immer richtig stolz klang, wenn er von seinen frühen Motorradausflügen erzählte: „Von neun Motorrädern hatten sechs eine Panne. Meins war auch dabei!“ Super, Opa, echt! Daumen hoch!

Und auch Jugendsünden – oder sollte ich hier lieber das altmodische Wort „Torheiten“ verwenden? – werden gerne als wunderbar gelungen dargestellt. Bei mir im Bekanntenkreis sind das zum Beispiel die frühen Kohlfahrtsbesäufnisse, die uns im nachhinein als reiner Genuss erscheinen. Dass man am nächsten Tag regelmäßig sterben wollte, haben wir allesamt verdrängt. Und auch über den Bollerwagen, der uns einfach abhaute und in den Graben donnerte, müssen wir inzwischen lachen. Wie peinlich war es doch, den geliehenen (!) Wagen mit der abgebrochenen Deichsel wieder zurückzugeben. Jahrelang bekamen wir deshalb nur noch den „alten“ Wagen ausgeliehen, der Sonntagswagen blieb in der Garage, wenn wir Chaoten auf Kohltour gingen. Ob wir inzwischen rehabilitiert sind, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht.

Auch die Techtelmechtel, auf die man sich im Suff eingelassen hat, sind mit dem Abstand von zwanzig Jahren eher lustig als grausig – der kalte Schrecken beim Erwachen am nächsten Morgen ist erfolgreich verdrängt. Und wenn man heute einen dieser männlichen Bandsalate auf der Straße trifft, was bei mir dank des Umzuges nach Frankfurt nur noch selten passiert, grüßt man freundlich und läuft schnell weiter. War doch schön, eigentlich.