Komische Gewohnheiten – sich völlig grundlos verwegen fühlen

Erst einmal möchte ich natürlich allen Lesern meiner bunten Welt ein schönes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2019 wünschen – was auch immer Erfolg für euch bedeuten mag. Für mich bedeutet erfolgreich sein ein schönes Leben zu haben, in dem ich genießen kann, Arbeit habe und vor allem tolle Leute um mich.

Eine ganz tolle Runde hatte ich Silvester zu Gast, wir feierten fast bis um vier. Deshalb war ich an Neujahr angemessen müde und philosophierte müßig vor mich hin. Und dabei kam mir mal wieder eine komische Gewohnheit in den Sinn, die ich an mir selbst beobachte:

Komische Gewohnheiten – sich völlig grundlos verwegen fühlen

gestrickte Socke, Fuß

Ein Teil meiner Sofa-Uniform – ein Bild von mir im Schlafanzug möchte ich euch nicht zumuten

Ich bin inzwischen 48 Jahre alt – klingt komisch, ist aber so. Noch immer merke ich manchmal, dass meine gute Erziehung in mir nachwirkt. Nicht nur, wenn ich Bitte und Danke sage, sondern auch, wenn ich Sachen mache, die bei uns zuhause verpönt waren.

Natürlich ist es normal, dass die Erziehung in einem nachwirkt – dafür ist sie ja da. Gerade Dinge, die ich mir früher fest vorgenommen hatte – z. B. nur noch von Nutellabrot und Pizza zu leben, sobald ich die Sache mit der Ernährung selbst in der Hand habe – führe ich gar nicht durch. Im Gegenteil, ich werde von einigen Kollegen immer wieder gehänselt, weil ich in der Kantine jeden Tag Gemüse esse. Wenn man nämlich nicht genug Gemüse isst, wird man krank – das habe ich mir gemerkt und dieses Argument schlägt Nutella und Pizza um Längen.

Es gibt aber zahlreiche andere Dinge, die zuhause nicht gerne gesehen wurden, die ich heutzutage aber mit Freuden zelebriere. Und manchmal, wenn mir das bewusst wird, fühle ich mich wild und verwegen. Gestern auch.

Bei uns zuhause war es verpönt, vor dem Fernseher zu essen. Also richtig zu essen, nicht nur ein abendliches Stück Obst oder ab und zu mal den Kuchen zum Sonntagskaffee. Das wurde wirklich nur in Ausnahmefällen gemacht, etwa wenn man krank war oder wenn etwas ganz Besonderes im Fernsehen kam. WM-Fußball vielleicht, oder etwas ähnlich Wichtiges. Dann wurde ein großer Teller mit Schnittchen fertig gemacht und die ganze Familie aß zusammen vor der Glotze. Das sind schöne Erinnerungen, gewiss auch, weil es so selten vorkam. Denn grundsätzlich wurde bei uns in der Küche gegessen, und meinen Eltern wäre es nie eingefallen, dort einen Fernseher aufzustellen. Über Familien, die so etwas hatten, wurde ein gnadenloses Urteil gefällt. Und so fand auch ich es immer seltsam, dass mein Onkel und meine Tante einen Fernseher in der Küche hatten – sowas aber auch. Hingeguckt habe ich natürlich trotzdem.

Fernsehen war ohnehin etwas, das restriktiv gehandhabt wurde. Das war für Eltern in den 70er Jahren natürlich einfacher als heute – für Kinder kam ja kaum etwas. Vormittags gab es manchmal die Sesamstraße oder Rappelkiste, nachmittags Wickie, die Biene Maja oder Pinocchio. Aber ganz viel war es nicht, was mich da reizte. Als irgendwann das „Frühstücksfernsehen“ aufkam, war mein Vater völlig verwirrt: Wer sollte sich das denn wohl angucken? Vormittags fernsehen, das machten doch nur ganz alte Leute, die sonst nichts mehr konnten. Oder Leute, die ansonsten gar nichts mit sich anzufangen wussten. Morgens fernsehen, das war für meinen Vater das, was für Karl Lagerfeld das Tragen von Jogginghosen ist: Wer sowas macht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Und deshalb fühle ich mich an manchen Tagen geradezu wie ein Outlaw, wie die Revoluzzerin unter den Spätpubertierenden: Nämlich dann, wenn ich am Wochenende in der Jogginghose vor dem Fernseher sitze, frühstücke und dabei Kinderprogramm gucke. Oder noch besser im Schlafanzug. Natürlich habe ich dann keineswegs die Kontrolle über irgendwas verloren, sondern verlasse die Grenzen meiner Erziehung ganz bewusst. Weil es schön ist, Zeit zu haben und so herumlumpen zu können. Weil ich gerne Märchen gucke, gerne in Ruhe meinen Kaffee schlürfe und das Sofa ohnehin der beste Essplatz ist. Und weil es Spaß macht, sich auf diese Weise verwegen zu fühlen.

Darauf ein Nutellabrot …

 

Sollte es hier noch jemanden geben, der oder die sich aus nichtigem Grunde wie ein Outlaw fühlt: Ich freue mich auf entsprechende Kommentare.

Fundstücke 36: Untiefen der Fernsehwelt

Dieses Pfingstwochenende hatte es in sich: Wirklich beschäftigt war ich nur am Samstag, Sonntag und Montag hatte ich frei und habe „gechillt“. Das Wetter lud ja geradezu zum „Extremcouching“ ein. Angeregt von einer Forumsdiskussion in einem Frauenforum, bei der es darum ging, dass eine Foristin nach einer Umstellung ihres Kabel-TV-Anbieters ihre Kanäle nicht mehr finden konnte, guckte ich nach, was in meinem Fernseher wohl so alles drin ist.

Auch bei mir hat es diese Kanalumstellung gegeben und ich erinnerte mich, dass auch ich im letzten Jahr lange herumsuchen musste, bis ich alle Sender, die ich gerne gucke, in augenfreundlicher Qualität wiedergefunden hatte. Als ich alles aufgestöbert hatte, was mir wichtig war, hörte ich mit der Sucherei auf – was interessieren mich diese vielen merkwürdigen Sender, die da noch zu finden sind? Jede Menge Shopping-Sender, dazu noch Bibel-TV und etliche Sportsender – das brauche ich nicht.

Die letzten Tage aber schaltete ich einfach mal durch, rein aus Neugier. Wieder einmal stellte ich fest, dass mich einige Sender schon nach wenigen Minuten ganz dösig machen: Wenn in einem Shopping-Sender eine Viertelstunde über die Vorteile einer Reibe gesprochen wird, fühle ich mich automatisch ganz zerrieben, und dieses ganze Krawallfernsehen bringt mich beinahe dazu, meinen armen Fernseher anzuschreien.

Es gibt aber auch entspannendere Dinge: Auf einem Sender konnte heute einem lockenköpfigen Mann dabei zusehen, wie er ein Bild malte. Ganz leise, wohl um niemanden zu stören, flüsterte der Künstler einem zu, was er dort gerade machte: Erst der Hintergrund, nochmal mit einem trockenen Pinsel drüberbürsten, dann ein Häuschen, einen großen Baum und einen kleinen Baumfreund dazu, das Ganze dekoriert mit ein wenig Schnee. Das alles in sanftem Englisch – nice! Zumindest musste ich mich darüber nicht aufregen.

Noch besser präsentierte sich gestern jedoch der „Offene Kanal“. Dieser Sender ist für mich so ziemlich das Schrägste, was in meinem Fernseher zu finden ist, über den bin ich schon vor der Kanalumstellung ab und zu gestolpert. Von allen Fernsehuntiefen ist dies die tiefste für mich, also quasi der Marianengraben der deutschen Fernsehlandschaft. Oft läuft da irgendwelches religiöse Zeug der verschiedensten Kulör, oder aber jemand, der es nicht so ganz richtig kann, spielt auf der Klampfe und singt dazu etwas Ambitioniertes. Manchmal wird auch arabisch (?) gesprochen, mit Untertiteln, die viel kürzer sind als es die Redezeit der Redenden erwarten ließe. Gestern aber ging für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung: Ich wollte nämlich schon immer gerne ein Aquarium haben. Plötzlich hatte ich eines: mit grauen und roten Fischen, jeder Menge Grünzeug und einer Miesmuschelschale. Das Programm nannte sich „Chillout-TV“ und war mit sanfter Musik unterlegt. Ich ließ es eine Weile laufen, derweil ich an meinem Schal strickte – nee, wat schön. Mal war ein roter Fisch vorne, dann wieder ein grauer oder auch gar keiner. In fischlosen Zeiten machte ich automatisch einen langen Hals und versuchte zu sehen, wo die freundlichen kleinen Gesellen sich versteckt hatten. Das war sehr abregend und ich schlief gut letzte Nacht. Deshalb schaltete ich heute wieder ein, auf der Suche nach meinen neuen schwimmenden Freunden. Leider gab es nur Bibelferse zu lesen – immerhin auf Deutsch. Frohe Pfingsten!